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VI.
Wie Diana mit der Puderquaste und König Pausol Jemanden eintreten sahen, den sie nicht erwarteten.

Unter der Obhut einer Dienerin war Diana mit der Puderquaste damit beschäftigt, in dem viereckigen Saal des Pausol-Museums einen Bacchus von Velasquez zu kopiren, als der König, die Vollkommenheit ihres Geschmackes würdigend und die Vollkommenheit ihrer Formen ahnend, sie – sehr höflich – um alle Gunstbezeigungen bat, die sie zu vergeben hatte.

Das junge Mädchen nahm den Antrag sofort an. Auch ihre Magd, die sie befragte, fand nichts Ungehöriges dabei. Nur die Eltern hätten gern ihr Kind bei sich behalten; allein sie wußten, im Namen welchen heiligen Prinzips Pausol die persönlichen Freiheiten zu schützen vorgab und sie machten nicht den Versuch, ihrem verdammenswerthen Egoismus öffentlich Ausdruck zu verleihen.

In eines der Gemächer eingeführt, welche vor dem Harem lagen, warf Diana mit sehr lebhafter Befriedigung die Gewänder, die sie während der Jahre ihrer häuslichen Knechtschaft hatte tragen müssen, auf die Chaiselongue.

Und Pausol betrachtete stehend die allmälig vor ihm sich enthüllenden Reize eines gebräunten, festen, lebhaften Körpers, während sie nach und nach das bauschige Hemdchen, den klösterlichen Rock und das unförmige, weiße Beinkleid öffnete.

Sie war noch mehr schön als hübsch. Ihre Jugendlichkeit wog die Reife auf. Ein runder Rumpf, schmale Schultern, Brüste, gewölbt wie Wassermelonen, lange, wohlgefüllte Beine kamen aus der lästigen vielfältigen Leibwäsche zum Vorschein. Ihre ganze Haut ward sichtbar, sehr braun, voll und fruchtbar, geflaumt in der Höhlung der Lenden und auf der Rundung der Schenkel, während das schwarze Haupthaar, von den Schildpattkämmen befreit, das Gefieder seines Flügels auf den Rücken herabwallen ließ.

Als man den anderen Frauen des Harems diese dunkle Schönheit vorstellte, fanden sie, daß sie lächerlich sei und fanden nichts Anderes, als ihr einen spöttischen Zunamen zu geben. Die Frauen haben ihre seltsamen Theorien über die weibliche Ästhetik. Diana mit der Puderquaste fühlte sich dadurch nicht beleidigt, denn sie war gutmüthig. Überdies hatte ihre erste Unterredung mit dem König vom Abend bis zum Morgen sie in eine Stimmung versetzt, in der sie den ganzen Palast reizend fand.

Ach, dem war nicht so in den zwölf Monaten, welche dieser einzigen Zusammenkunft folgten. Vergebens erklärte ihr Pausol, daß wenn er sie nicht mehr wiedersähe, wenn sie sich der allgemeinen Regel unterwerfen müsse, dies nur deshalb geschehe, weil er sich in sie zu verlieben fürchte, – eine Katastrophe, welche seine Seelenruhe und zugleich die Interessen des Staates gefährden könnte. Diana begriff diese Klügelei durchaus nicht. Sie theilte auch nicht die Gleichgiltigkeit ihrer Gefährtinnen, welche die alljährliche Zeremonie wie eine gute Gelegenheit zur Erlangung von Manilla-Seidenstoffen und Pariser Pantoffeln betrachteten. Diana mit der Puderquaste wollte die Liebe um der Liebe willen und nichts Anderes. Vom König getrennt, wollte sie nicht einmal die verschiedenen herkömmlichen Spiele kennen lernen, die sie bei den übrigen Frauen stündlich sah, welche diese Spiele in ihrer Gegenwart entweder als genügend oder als unvergleichlich rühmten, je nach ihrer Gemüthsverfassung.

Ein volles Jahr verlebte das arme Mädchen in der Erwartung. Es war ein Jahr, reich an Thränen und an Gedanken. Der letzte Tag desselben drohte – das erräth man wohl leicht – der traurigste zu werden. Am Morgen jenes Tages verschwand die königliche Prinzessin. Die entsetzte Diana sah mehrere Stunden hindurch mit der Einbildungskraft der Verzweiflung den König selbst auf die Suche nach der Prinzessin abgehen.

– Ach, Sire! rief sie, als der Thürvorhang des Schlafzimmers sich hinter ihnen geschlossen hatte, betrachtet meine Augen nicht zu genau. Ich habe seit heute Morgen so viel geweint!

– Puderquaste, Du bist reizend! erwiderte Pausol. In der That, Deine Augenlider sind angeschwollen und Deine Augen noch feucht; doch das verleiht ihren Blicken den Ausdruck der Wollust. Wenn Du von dem Vergnügen bis zum Äußersten erschöpft wärest, meine Puderquaste, würden Deine Augen in demselben Glanze leuchten. Enttäusche mich nicht, denn in einem Augenblicke könnte ich glauben, daß sie dies mir schulden.

– In welchem Zustande werden sie dann sein! rief Diana vorwurfsvoll aus.

Doch sie lächelte unwillkürlich.

In das dunkle Gemach drang der Dämmer der sternenhellen Nacht durch ein breites, offenes Fenster, welches auf die Terrasse ging. Unter dem durch Stützen gehobenen Vorhang, zwischen den offenen Thürflügeln erschien das Land Tryphema in einem weichen, bläulichen und weißen Lichte. Es war eine in Wellenlinien daliegende Landschaft, mit Gehölzen und flachen Häusern besäet, durchzogen von einer breiten, mit Bäumen eingesäumten Heerstraße. Diesen Weg würde der König eingeschlagen haben, um sich nach seiner Hauptstadt zu begeben, wenn er nicht hundert, ja sogar dreihundertsechsundsechzig Gründe gehabt hätte, die ihn in seinem Palaste zurückhielten. Ein riesiger Feigenbaum ließ wie einen Teppich seine unter den flachen Blättern verschwindenden Zweige und seine lila angehauchten Früchte über die Balustrade niederhängen. Zur Linken sah man die dichten Massen des Parkes mit seinen schon abgeblühten Magnolias, seinen irisirenden Eucalyptus, seinen stämmigen japanischen Palmen, seinen herrlichen Sagobäumen. Eine Hecke von Aloëbüschen säumte den dunkel daliegenden Garten ein und jenseits derselben dehnte die Ebene sich bis an das Sternenzelt aus.

– Wie sehr gleicht diese Nacht meiner Hochzeitsnacht! flüsterte Diana. Seit einem Jahr hat es keine so schöne Nacht gegeben. Diese ist ganz und gar die Schwester der ersten. Ist's nicht wahr, Sire, daß es seltsame Nächte gibt, in welchen die Landschaft, die uns betrachtet, all' das Glück zu enthalten scheint, welches wir in uns verschließen möchten?

Pausol antwortete nichts.

– Man hat geklopft, sprach jetzt die Königin.

– Es wird die Einladung zur Mahlzeit sein, sagte Pausol. Ich bin sehr hungrig … – Herein! herein!

Allein, es war nicht der Oberst-Mundschenk, sondern der Groß-Eunuch, der so plötzlich erschien, zwischen den Thürvorhängen seine häßliche Fratze einer widerwärtigen Persönlichkeit zeigend.

– Was ist's denn wieder! rief der König in höchst verdrießlichem Tone aus. Nixis, ich bedarf Deiner nicht; ich bin beschäftigt.

– Geht! sagte die schöne Diana. Ihr habt hier nichts zu suchen.

– Es ist die Stunde meiner Mahlzeit, fuhr der König fort; kein anderes Papier als die Speisenfolge will ich lesen.

– Habt Ihr die Speisenfolge? wiederholte Diana mit der Puderquaste. Nein? Dann geht!

– Mein Freund, hub der König wieder an, wenn Ihr Euch in die Verrichtungen der anderen Hofwürdenträger einmenget, so führt das zur Anarchie. Saget dem Oberst-Mundschenk, daß ich ihn bitte, er wolle heute Abend wieder in meinem Namen den Wein auswählen, welchem ich den Vorzug geben soll. Es macht mir zu viel Mühe, hierüber eine Entscheidung zu treffen und noch mehr Mühe, Dich anzuhören. Geh!

– So geht doch! schrie Diana in höchster Erregung.

Und weil Nixis, respektvoll aber halsstarrig, keine Miene machte, zu gehorchen, faßte Diana ihn an beiden Schultern und sagte ihm sehr ernst ins Gesicht:

– Abscheulicher Affe! Wenn Ihr vom König die Erlaubniß erlanget, hier zu sprechen, so werde ich Euch zwingen, diesen Ort zu verlassen, ehe Ihr ein Wort gesprochen habt, wenn nicht durch Gewalt, so durch die Schamlosigkeit meiner Stellungen und meiner Worte. Deß könnt Ihr sicher sein.

Der König erhob die Arme.

– Was? Ein Streit! sagte er. Puderquaste, verhalte Dich ruhig, Nixis wird gehen, er ist ein vernünftiger Mensch. Er muß schon begriffen haben, daß wir in diesem Augenblicke seine Unterhaltung nicht wünschen.

Nixis lächelte und hub mit wichtigthuendem Ernste an:

– Fürwahr, wenn nicht die unbeugsame Stimme meines Gewissens, wenn nicht die einzige Sorge um meine oft undankbare Amtspflicht, wenn nicht meine Leidenschaft für die Wahrheit mich hieher riefen, ich würde – glaubt es mir, Sire! – dem Wunsche Ew. Majestät schon gehorcht haben. Allein, meine Aufgabe gilt mir mehr als mein persönliches Interesse und ich werde meine Pflicht thun bis zu Ende, müßte ich dadurch auch leiden. Ich greife in den Wirkungskreis meiner Amtsgenossen nicht ein, wie Ew. Majestät mir soeben in grausamer Weise vorgeworfen haben. Ich bin Palastmarschall und als solcher mußte ich mich mit dem ernsten Vorfall befassen, welcher sich heute Morgens im Erdgeschoß des Südpavillons ereignet hat … Meine Initiative hat sich nicht verleugnet: ich habe Nachforschungen nach der Prinzessin Aline anstellen lassen.

– Ach! seufzte die Königin Diana.

Doch alsbald gefaßt, stellte sie sich vor ihn hin und fragte:

– Wer hat Euch den Befehl dazu ertheilt?

– Der König hat mir die heilige Mission anvertraut, innerhalb der Umfassung des Palastes jeder Auflehnung, jeder Ausschreitung vorzubeugen, sie zu verhindern, und wenn nöthig zu ahnden.

– Ach, vorzubeugen! Nun, es scheint, daß Ihr nicht vorgebeugt habt, da ein Fremder hier eindringen konnte, als wäre er zuhause. Ihr habt auch nichts verhindert, da die Prinzessin sozusagen vor Eurer Nase weg entflohen ist und sechs Stunden lang Niemand etwas davon wußte. Jetzt wollt Ihr »ahnden«? Der König verbietet es Euch, Herr Groß-Eunuch!

– Seine Majestät …

– Der König mißbilligt Euer Vorhaben. Das ist Alles. Das genügt. Kehrt Euch! Der König hat einen Entschluß gefaßt, welcher ausgezeichnet ist und welchen er gewiß nicht ändern wird, um Eure albernen Einfälle anzuhören. Es wird besser sein, gar nichts zu unternehmen, – den ersten Tag wenigstens. Man wird Euch nicht erklären, weshalb, aber so lautet der Befehl. Befolget ihn! Geht! Rufet Eure Leute zurück! Beobachtet Stillschweigen über das Ereigniß und verschwindet bis morgen Abend. Hört Ihr?

Nixis bebte vor Wuth und reichte die Papiere hin, die er in der Hand hielt.

– Sire, da sind die Berichte. Der Verführer ist entdeckt. Die Prinzessin hat ihn nicht verlassen. Ihr Zufluchtsort wird bewacht, ohne daß sie es wissen. Ich harre nur eines Wortes von Euch, um zu handeln.

– Herr Groß-Eunuch, erwiderte der König, ich bin nicht gewöhnt, mich unbesonnenerweise in die Dinge zu stürzen. Ich liebe die Abenteuer nicht und will keine haben. Du sprichst und beschließest mit beklagenswerther Überstürzung. In einem solchen Übereifer liegt weder Weisheit noch Methode und ich weiß wahrhaftig nicht, woher ich die Werthschätzung genommen, die ich Dir entgegenbrachte. Nixis, Du bist ein Hitzkopf. Stelle die Überwachung ein, die Du so leichtfertigerweise vor dem Orte, wo meine Tochter schläft, eingerichtet hast. Dabei bleibt es für heute Abend. Ich habe gesprochen; zieh' Dich zurück!

Nixis that drei Schritte nach rückwärts, zeigte mit einem knochigen Finger nach dem Plafond und rief begeistert:

– Christus ist meine Stütze! Christus ist meine Kraft! Die Wahrheit ist im Anzuge!

Nach diesen Worten verschwand er.

Diana, mit dem König allein geblieben, nahm die Gelegenheit beim Schopfe.

– Ach, Sire! wann werdet Ihr uns von dieser abscheulichen Persönlichkeit befreien? Er ist unser Henker! Ihr wißt nicht, was er ersinnt, um uns zu erbittern. Alles regelt er, Alles vertheilt er, selbst unsere Gedanken will er verwalten. Schlafen, tanzen, im Park herumlaufen, Romane lesen, Zuckerwerk essen. Alles dürfen wir nur zu den Stunden, welche er in seiner Manie dazu bestimmt hat. Die geringste Vergeßlichkeit wird mit Einschließung in eine Zelle bestraft. Eine bloße Verspätung genügt. Er tödtet uns. Um ihn in die Flucht zu jagen, haben wir ein Mittel, dasjenige, welches ich soeben anwenden wollte; und wenn Ihr ihm nicht verboten hättet, uns Züchtigkeit zu predigen, würde er uns dafür furchtbar strafen, denn nichts versetzt ihn in solche Wuth, als gewisse Scenen, bei welchen er doch nothwendigerweise zuweilen anwesend sein muß. Allein, dieses Mittel widerstrebt mir und ich sehe nicht immer gern, wenn Andere es anwenden. Welch' ein seltsamer Einfall war es aber auch, einen Lehrer an die Spitze eines nackten Harems zu stellen! Doch Ihr habt es wollen, es muß also gut sein und ich stelle Euch Fragen, die ich nicht lösen kann. Warum gebt Ihr uns nicht wirkliche Eunuchen, wie es im Orient geschieht? Meine Gefährtinnen bedauern dies manchmal und sagen, daß auch diese armen Wesen den Frauen ein vollkommenes Vergnügen bereiten können, welches sie selbst nicht theilen und welches Niemanden eifersüchtig machen kann. Ich denke nicht an solche Dinge; ich finde nur Freude in der Erinnerung an Euch, aber ich möchte, daß man mich nicht hindere, an Euch zu denken, und daß nicht eine hassenswerthe Fratze sich alltäglich zwischen Eurem Bilde und mir aufrichte.

– Ei, ei! sagte der König, Nixis hat auch gute Eigenschaften.

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