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XV.
Wo Herr Lebirbe und König Pausol merken, daß sie sich nicht in allen Punkten verstehen.

König Pausol wurde am Gitterthor von dem höflichen Herrn Lebirbe empfangen.

In demselben Augenblick wandte die am Fenster stehende Philis sich um und sagte zornig:

– Du siehst wohl, Mama, es ist eine Dummheit! Du hast uns Kleider anziehen lassen und der König kommt mit einer Dame, die keine an hat. Wir werden lächerlich sein.

– Ich habe Deinen Vater gefragt, mein Kind; er hat mir gesagt, daß Ihr Euch bekleiden sollet.

– Du bist jung, Philis, Du bist sehr jung, bemerkte einfach Emmanuela.

– Was habe ich denn wieder so Kindisches gesagt? fragte Philis.

– Es ist besser, zuerst ein Kleid anzuhaben, bemerkte die ältere Schwester.

Doch Philis begriff nicht und da soeben der König eintrat, machten alle drei Damen vor der Thür ihre tiefe Verbeugung, indem sie ihre Röcke auf beiden Seiten mit den Fingern anfaßten.

Nach den ersten Worten, die von Respekt überflossen, ließ die Herrin des Hauses sich von Diana mit der Puderquaste hinwegführen. Sie hatten gemeinsame Beziehungen und erneuerten von einem Lehnsessel zum andern ihre Erinnerungen.

Giglio saß in einem andern Winkel auf einem Canapé und plauderte mit den beiden Mädchen. Seine zuerst laute Stimme wurde immer diskreter und dämpfte sich schließlich bis zum Geflüster; bald hörte man nichts, als von Zeit zu Zeit ein unterdrücktes Gelächter.

In einer Fensternische sprach Herr Lebirbe laut zum König:

– Ja, Sire, der Verein zur Bekämpfung der Unzucht in den Familien, ein Verein, dessen Präsident zu sein ich die Ehre habe, ist ein Werk der Moral und der öffentlichen Gesundheit. Ich weiß, daß dieser Verein sich der Wohlgeneigtheit Ew. Majestät erfreut …

– Ja, gewiß, sagte Pausol. Ja, gewiß. Aber sagen Sie mir noch einmal den Zweck des Vereins, denn ich habe ihn vergessen.

– Sein Zweck, sein einziger Ehrgeiz ist, sich der hohen Losung würdig zu erweisen, welche in den drei Worten ausgedrückt ist: Beispiel, Freimuth und Solidarität.

– Das sind schöne Worte, sagte Pausol, aber wie verstehen Sie sie?

– Es ist Ew. Majestät wohlbekannt, daß die oppositionelle Partei in Tryphema sich den Anschein gibt, als wollte sie an den alten Grundsätzen festhalten, besonders was das intime Leben und die Kleidung betrifft. In dieser Gesellschaft bekleiden sich alle Frauen, selbst die hübschesten, bis zum Kinn, wenn sie auf die Straße gehen und willigen nur ein, die Bewunderung eines Mannes zu rechtfertigen, wenn sie in einem geschlossenen Gemach vor dem Liebhaber ihrer Wahl sich befinden. Das ist die Handlung einer selbstischen, geizigen und verderbten Seele.

– Richtig, sagte Pausol.

– Die Männer dieser Gesellschaft kämpfen mit Erbitterung gegen die Verbreitung unseres Einflusses und für dasjenige, was sie »die Schicklichkeit in den Straßen« nennen; da aber der Trieb des Fleisches in ihnen ebenso lebt wie in ihren Gegnern, verbergen sie einen Theil ihres Lebens in schimpflichen Häusern, wo die Liebe beschmutzt, in Unflath verwandelt wird.

– Diese Leute haben Unrecht, sagte Pausol, aber was verschlägt das Ihnen?

– Sire, wir sind der Meinung, daß diese Leute, indem sie so handeln, nicht blos Heuchler und falsch sind, sondern – wenn ich so sagen darf – auch Wucherer. In unserem Jahrhundert ist es nicht mehr statthaft, daß ein Kunstliebhaber eine Gemäldegalerie erwerbe und sie für seinen alleinigen Genuß behalte. Jeder, der drei Rembrandt besitzt, muß der ganzen Straße Einlaß gewähren oder sich Angriffe gefallen lassen, deren Berechtigung für Niemanden zweifelhaft ist. Nun denn, dieselbe Erwägung, aus welcher diese Gewohnheit hervorgegangen, sollte bei den Männern von geradem Sinn ein höheres und wohlthätiges Gewissen erzeugen, welches sie zurückhält, hinter den Mauern ihrer Häuser Alldas eingeschlossen zu halten, was der altererbte Müßiggang der Schönheit der Frauen hinzufügt, und Alles, womit Kunst, Luxus und Raum die Liebe zwischen ihren Armen schmücken.

– Und wie wollen Sie das erreichen?

– Durch zwei Mittel. Zunächst durch die Propaganda. Die Mittel des Vereines sind sehr ansehnlich. Wir haben für eine Dauer von zwanzig Jahren die Benützung eines weiten Terrains erlangt, welches zum königlichen Garten in Tryphema gehört. Wir haben dort eine freistehende Bühne unter schattigen Bäumen errichten lassen und wir lassen daselbst Ballets und neue, noch unbekannte Stücke aufführen, welche nach unseren Lehren verfaßt sind und eine riesige Menge heranziehen.

– Nach Ihren Lehren: was heißt das?

– Es heißt: dem Leben angepaßt, der Wirklichkeit und der Schönheit des Lebens. Wenn die Scene ein Interessengespräch in dem Kabinet eines Notars darstellt, sind die Schauspieler schwarz gekleidet nach der Mode des Ortes. Wenn hingegen eine Sängerin mitten in einem Liebesduett ausruft: »O Wollust! Entzücken! Liebesrausch!« – dann ist sie nackt, nach der Logik der Dinge, denn das Gegentheil wäre albern. Und wenn das Ballet den Zuschauern eine Venus, drei Grazien, zwölf Sklavinnen und sechzig Bacchantinnen vorführt, so erscheinen auch diese ebenso wenig verhüllt wie auf einem Gemälde; denn es hat keinen Sinn, zwei Ästhetiken für den nämlichen Gegenstand zu haben: eine für die Malerei und eine andere für das Theater.

– Bis hieher befinden wir uns in Übereinstimmung.

– Außerdem verbreiten wir durch das wohlfeile Buch, durch die Zeitung und durch das Bild unaufhörlich unter dem Volke den Geschmack für die menschliche Nacktheit, mit der zweifachen Empfindung, welche sie erweckt, einerseits dem Geiste, anderseits dem Fleische, insoweit es überhaupt möglich ist, das einzige und einheitliche Wesen, welches die Liebe durchrüttelt, in zwei freie und verschiedene Elemente zu scheiden. Diese Bücher enthalten sich der Unterweisung in Dingen, wie sie in den meisten Volksromanen geschildert werden, zum Beispiel: das beste Mittel ein Schloß zu sprengen oder eine greise Großmutter zu erdrosseln. Um in das Detail zu gehen: wir ziehen es vor, der jungen Arbeiterin ein wenig gekanntes Vergnügen zu lehren, als ihr in sechs Spalten zu erzählen, wie falsches Geld gemacht wird.

– Und wenn dieses Vergnügen unfruchtbar ist? warf der König ein.

– Wenn eine vorübergehende Freude unfruchtbar ist, was hat das zu sagen? Der Körper des Weibes enthält achtzigtausend Eierchen und kann ohne Gefahr nicht mehr als achtzehnmal empfangen. Nimmt man diese Zahl von achtzigtausend ganz genau, so erhellt daraus, daß die Ordnung der Natur selbst und die Bestimmung des Schöpfers dem jungen Mädchen eine Reserve von neunundsiebzigtausendneunhundertzweiundachtzig unfruchtbaren und erlaubten Vergnügungen gewähren. Die Hauptsache ist, das Weib in der natürlichen Neigung zu erhalten, welche es zum Vergnügen drängt. Ob sie ein einfaches oder vielfaches Vergnügen habe: sie wird eines Tages empfangen und wird Existenzen hinterlassen, welche die ihrige rechtfertigen werden. Doch es ist klar, daß es ganz anders sein wird, wenn man den Jungfrauen, die keinen Gatten finden, ein einsames, entsagungsvolles Leben als Ideal empfiehlt, ein Leben, welches nothwendigerweise unfruchtbar, abscheulich und widernatürlich ist.

– Fahren Sie fort, sagte Pausol; ich bin neugierig zu sehen, wo Sie stille halten werden.

– Ich beeile mich hinzuzufügen, daß wenn wir das gewohnheitsmäßige, aber weise abgewogene Aufsuchen aller Freuden, die sich unseren Sinnen darbieten, empfehlen, diejenigen, welche die Empfängniß zum Resultat, wenn nicht zum Zweck haben, die in unseren volksthümlichen Heften am weitaus häufigst beschriebenen sind. Sie sind es auch – die Ärzte mögen sagen, was sie wollen – welche den allgemeinen Eifer erhalten. Der Nachweis ist unschwer zu liefern. Bei Gründung unseres Vereines betrug der Überschuß der Geburten über die Todesfälle nicht über 11 Perzent; heute, nach drei Jahren unserer erfolgreichen Anstrengungen ist dieser Überschuß auf 17 Perzent gestiegen. Um in den unteren Klassen der Gesellschaft einen Wettbewerb der Fruchtbarkeit zu erwecken und zu unterstützen, haben wir Preisbewerbungen ausgeschrieben, von welchen die Buhlerinnen, weil dies ihr Gewerbe ist, ausgeschlossen sind, und bei welchen wir alljährlich im Frühling jene jungen Mädchen auszeichnen und belohnen, die durch besondere Sorgfalt ihre physische Schönheit bis zum höchsten Grade der Vollkommenheit entwickelt haben und welche durch ihre intimen Talente ebenso wie durch die Wärme ihrer Umarmungen der allgemeinen Anerkennung sich würdig erwiesen haben als Solche, die in ihrem Stadtviertel allnächtlich das empfehlenswertheste Beispiel gegeben haben.

– Alldas ist Propaganda – sagte Pausol. Aber Sie verfügen ja über zwei verschiedene Mittel, wenn ich Sie recht verstanden habe. Welches ist das zweite?

– Ich komme schon dazu, erwiderte Herr Lebirbe. Unsere Propaganda durch öffentliche Schaustellungen, durch das Buch, die Zeitung, das Bild und die jährlichen Preisbewerbungen wendet sich – das muß wohl nicht erst besonders betont werden – vornehmlich an das junge Mädchen. Sie wagt viel, wenn sie unsere Lehren befolgt: die Mühseligkeiten der Schwangerschaft und des Gebärens erschrecken sie und in nichts Anderem braucht man die tiefliegende Ursache ihrer Zurückhaltung dem anderen Geschlechte gegenüber zu suchen. Mit fünfzehn Jahren ist das Mädchen aus dem Volke irgendwo in der Lehre und hat die Gänge zu machen; wird sie schwanger, so verliert sie ihren Platz; in den meisten Fällen verliert sie sogar ihren Liebhaber und wenn sie an dem einen oder an dem andern hängt, so bleibt ihr im siebenten Monate nichts als Elend, Verzweiflung und physischer Schmerz. Nun denn, wir wollen, daß sie alldem die Stirn biete und es überwinde. Das Land will es, das Land braucht Söhne. Wohlverstanden: nicht mit diesem Argument suchen wir auf das junge Mädchen einzuwirken; sie wäre berechtigt uns zu antworten, daß das Land dadurch nicht reicher wird, wenn sie ihm einen Sohn schenkt, sie aber dadurch viel ärmer wird. Und wir werden ihr das Falsche ihrer Klügelei nie begreiflich machen können. Wir sagen ihr denn auch etwas ganz Anderes. Was wir ihr sagen und was sie sogleich begreift, ist, daß das höchste Vergnügen der Reichen auch den Ärmsten unter den Armen gehört: die Liebe, um deren willen man Reichthümer anhäuft und welche Reichthümer verschwinden macht, verändert sich nicht, indem sie in die höheren Klassen emporsteigt, sie wird nur unterrichteter und vollkommener. Sobald eine Arbeiterin versteht, eine Geliebte zu sein, darf sie sich sagen, daß ihr alle Freuden des Lebens unbekannt sind, ausgenommen die intensivste Freude, denn diese habe sie in ihrem Besitz, diese halte sie fest.

– Ja, gewiß.

– Darum ist unser Ehrgeiz befriedigt, wenn wir wissen, daß die Modistin oder die Flickschneiderin, nachdem sie eine unserer Brochuren gelesen, des Abends, wenn sie die Werkstätte verläßt, in das benachbarte Zimmer eintritt und – Dank uns – das Leben kennen lernt. Denn wir wissen, daß fortan ihre Arbeitsstunden von einem Andenken erfüllt und von einer Hoffnung erleichtert sein werden. Wir wissen, daß ihr Tag nicht mehr ganz und gar von der Bürde einer ungelohnten Arbeit niedergedrückt sein werde, daß ihr Bett ihr weniger hart, ihr Zimmer im Winter weniger kalt scheinen werde, wenn sie mit ihren nackten Beinen ein geliebtes Wesen umschließt. Möchte sie doch zu diesem letzteren Punkte gelangen, sobald die Natur sie dazu einladet; aber, wie immer das Vergnügen auch sei, welches sie verlockt und welches von ihr gewählt wird: wir schätzen uns glücklich, wenn sie es in unserer Schule lernt, denn es ist nothwendig, daß die wohlhabenden Klassen mit den ärmeren Klassen nicht nur ihr übermäßig großes Vermögen theilen, sondern auch das allzu streng gehütete Geheimniß ihrer Freuden, von welchen die Menge ihren Antheil fordert.

– Ich möchte wissen, welches Ihr zweites Mittel ist, wiederholte Pausol.

– Ich schließe, sagte Herr Lebirbe. Indem wir die Unzucht in den Familien bekämpfen; indem wir Mißtrauen verbreiten gegen die geheimen Pavillons und gegen die abscheulichen Greise, welche die Nacktheit nur anschwärzen, um sie zwischen dem Mieder und den schwarzen Strümpfen weniger fad zu finden, wirken wir mit leidenschaftlichem Eifer für die antike und reine Nacktheit; mir begünstigen die Liebe am hellen Tage, die Offenheit der Sitten, das Beispiel und den unmittelbaren Unterricht in den Umarmungen, mit einem Worte: die Ausbreitung der öffentlichen Freude auf dein Gebiete von Tryphema.

– Nichts könnte mir angenehmer sein, sagte Pausol. Aber was ist's mit Ihren Mitteln?

– Unsere Mittel? Wir kennen deren zwei. Das erste ist – wie gesagt – die Propaganda. Das zweite wäre eine Sanktion.

– Eine Sanktion? rief Pausol aus.

– Eine Strafsanktion. Unsere Energie stößt auf Widerstrebende, welche nicht zu überzeugen sind. Wir haben die Jugend und das Volk für uns; aber wir vermögen nichts oder fast nichts gegen eine gewisse Kaste, welche eine unbestreitbare moralische Autorität ausübt und sich uns kühn widersetzt. Gegen diese Kaste erbitte ich mir Waffen von Ew. Majestät, gegen sie und für Ew. Majestät, für den unmittelbaren Sieg Ihrer theuersten Ideen. Vor Allem lassen mich Ew. Majestät die Bitte vortragen, daß Sie noch heute Abend ein Gesetz unterzeichnen, welches wir von Ihnen erwarten: das Gesetz über die obligatorische Nacktheit für die Jugend.

– Oh, das nicht! erklärte Pausol. Mein lieber Herr, Tryphema ist nicht die verkehrte Welt; es ist eine bessere Welt, ich hoffe es wenigstens, aber ich habe meinem Volke nicht deshalb so viele Bande erspart, um es durch andere Ketten leiden zu lassen. Die Nacktheit auf offener Straße zu gebieten! Hören Sie, Herr Lebirbe, das wäre ebenso lächerlich, wie sie zu verbieten!

Mit langsamer Betonung und den ersten Worten mit Faustschlägen in die Luft Nachdruck verleihend, fügte er hinzu:

Mein Herr! der Mensch verlangt, daß man ihn in Frieden lasse! Jeder ist Herr seiner selbst, seiner Meinungen, seiner Tracht und seiner Handlungen, insoweit er damit keinem Andern schadet. Die Bürger Europas sind es müde geworden, zu jeder Stunde die Hand einer Behörde auf ihrer Schulter zu fühlen, einer Behörde, die sich durch ihre stete Gegenwart unerträglich macht. Sie dulden es noch, daß das Gesetz im Namen des öffentlichen Interesses zu ihnen spreche; aber wenn es das Individuum, seinem Willen zutrotz, vertheidigen will; wenn es sein intimes Leben regelt, seine Ehe, seine Scheidung, seinen letzten Willen, seine Lektüre, seine Theatervergnügungen, seine Spiele, seine Kleidung: dann hat der Bürger das Recht, das Gesetz zu fragen, warum es mit solcher Beharrlichkeit ihn langweilt und seine Späße mit ihm treibt.

– Sire! …

– Niemals werde ich meine Unterthanen in die Lage bringen, mir einen solchen Vorwurf zu machen. Ich gebe ihnen Rathschläge, das ist meine Pflicht. Manche befolgen sie nicht, das ist ihr Recht. Und insolange nicht Einer die Hand ausstreckt, um einem Andern die Börse zu stehlen oder einen Nasenstüber zu geben, habe ich in das Leben eines freien Bürgers nicht einzugreifen. Ihr Werk ist gut, Herr Lebirbe; trachten Sie, daß es sich verbreite und Anhänger finde; aber erwarten Sie nicht von mir, daß ich Ihnen Gensdarmen leihe, um Diejenigen in Ketten zu legen, die anders denken als wir.

In diesem Augenblicke wagte eine fröhliche, etwas bewegte Stimme im Hintergrunde des Gemaches auszurufen:

– Mama, welches Glück! Der Herr ist ein Dichter!

– Ein Dichter? Philis, ist's wahr?

– Ein Dichter? wiederholte Diana mit der Puderquaste. Oh, lassen Sie uns Verse hören!

Giglio trat näher, verneigte sich und sprach respektvoll:

– Madame! Ihr Befehl genügt mir, damit ich alle meine Schwüre breche. Denn ich habe geschworen, niemals selber meine Verse herzusagen. Aber ich weiß, daß Sie nichts befehlen, was dem König nicht angenehm ist und ich möchte die Gewißheit haben, daß ich nicht sein Mißfallen errege, indem ich seine Unterhaltung störe …

– Sie werden nicht stören, Herr Giglio, betrachten Sie den König, er hört Ihnen zu.

– Sage uns Deine Verse her. Kleiner, sprach der König. Das unterbricht gerade zur rechten Zeit meine Konferenz über innere Politik; denn wir verstanden uns nicht mehr, ich und Herr Lebirbe, trotz unserer gegenseitigen Höflichkeit. Doch wähle ein Gedicht, das nicht lang ist und dessen Du Dich noch gut erinnerst, denn die Gedächtnißlücken machen auf mich einen schmerzlichen Eindruck.

– Sire, sagte Giglio bescheiden, ich habe meine gesammelten Werke bei mir.

Er griff nach seinem Gürtel, drückte auf den Knopf einer kurzen ledernen Tasche von der Form einer Patronentasche und zog drei ganz kleine Bändchen hervor.

Das eine war eine Ausgabe vom » Mercure de France«, abgezogen in 183 Exemplaren und zwar: 4 auf punschrothem Satin, 11 auf staubgrauem chinesischen Papier, 29 auf Packpapier beiläufig von der Farbe von Gänseschmutz, 34 auf blauem Löschpapier, der Rest auf indischem Striemenpapier. Der Titel des Bändchens lautete: » Die Opalpuppe.«.

Das zweite Bändchen war bei Fischbacher verlegt. Das Portrait des Dichters, durch einen interessanten Vorgang der Photogravure hergestellt, zierte das Titelblatt. Der Titel war: »Thränen einer Seele.«

Das dritte Bändchen war durch den sympathischen Simonis Empis verlegt worden. Auf dem Umschlag war eine junge, sehr heitere Wittwe zu sehen, die den Schleier auf das Ohr zurückgeschlagen hatte und ihr schwarzes Kleid bis zum Gürtel emporhob, wahrscheinlich, um zu zeigen, daß sie kein Beinkleid trug. Der Titel des Buches war so anstößig, daß ich es nicht wagen kann, ihn hier niederzuschreiben.

(Denn schließlich wird ja dieser Roman nicht blos von Damen gelesen.)

Giglio schien zu zögern. Er betrachtete seine Hauswirthe, den König, Philis, Emmanuela, Diana mit der Puderquaste … Dann legte er die zwei ersten Bändchen an ihren Platz zurück und öffnete das dritte auf Seite 59.

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