Autorenseite

 << zurück weiter >> 

VII.
Ein Kapitel, wo der Leser endlich die Heldinnen dieser Geschichte wiederfindet.

Aline und Mirabelle trafen gegen 10 Uhr Abends in der Stadt ein. Tryphema, welches während der heißen Stunden des Tages schläft, belebt sich mit der Abenddämmerung und bleibt bis zum späten Abend wach. Alle Kaufläden in den dichtbevölkerten Straßen waren noch offen, als die beiden Freundinnen sich in das Volksgewühl mengten, und Mirabelle benützte diesen Umstand, um sich zu bekleiden. Das Gefühl ihrer Nacktheit war das unangenehmste, welches sie jemals empfunden. Obgleich sie viele junge Mädchen traf, welche ebenso unbekleidet waren, wie sie selbst, glaubte sie doch, daß Aller Augen auf einen Punkt ihrer Person gerichtet seien, und das sei unerträglich, – wenigstens von Seite einer Menge.

Sie trat in einen Laden ein und erklärte, was sie wünsche.

– O Madame, sagte die Geschäftsfrau, indem sie die Käuferin vom Kopfe bis zu den Füßen musterte, ich spreche gegen mein Interesse, aber es ist doch schade, daß Sie sich bekleiden. Wenn man eine so jugendliche Brust, einen so flachen Bauch, so wohlgeformte Beine hat, wie kann man diese schönen Dinge verbergen?

– Das ist so meine Laune, sagte Mirabelle.

– So nehmen Sie durchsichtige Kleider … Ich kann für Sie, Madame, ein Empire-Kleidchen von weißem Linon ohne Futter anfertigen, welches sich knapp an die Hüften legen wird … Von fern sieht es aus wie eine Robe und in der Nähe ist es, als hätte man gar nichts an … Ich habe hier Linon feinster Sorte. Man kann die Zeitung hindurch lesen. Wollen Madame einen Versuch machen? Oder ziehen Sie schwarzen Tüll vor?

– Nein, nichts von Alldem. Ich will Battist, Strümpfe von feinem Garn, einen fertigen Rock von Leinwand und eine leichte Chemisette. Geben Sie alldas auch meiner Schwester, welche sich genau so zu kleiden wünscht, wie ich.

– Nun, es soll nach Ihrem Wunsche geschehen, sagte die wackere Geschäftsfrau, aber es ist wahrlich eine Sünde, wenn ich Ihnen gehorche.

Nachdem sie bekleidet waren, kauften sie noch breite Strohhüte mit gleichfarbigen Bändern und verließen den Laden.

– Schwesterchen, sagte Line lächelnd, wo werden wir die Nacht zubringen?

Trotz des Rathschlages, welchen Giglio ihr gegeben, erwiderte Mirabelle rasch:

– Im Gasthofe …

– Warum nicht in dem Hause, dessen Adresse uns der Page gegeben hat?

– Ich habe eine Angst von all den Burschen und all den kleinen Mädchen, die dort zusammen leben.

– Sie müssen sich dort sehr gut unterhalten. Willst Du nicht einmal hinschauen?

– Man würde uns vielleicht dort zurückhalten. Ich bin nicht ganz ruhig; der Gasthof ist sicherer.

– Der Page sagte das Gegentheil! … Nicht wahr, er ist recht nett, der kleine Page?

– Ach, findest Du?

– Ja, seine Augen gefallen mir sehr.

– Mir nicht …

– Ach, ich habe Dir weh gethan! Du bist ganz bleich geworden!

– Nicht im Mindesten. Ich bin nicht Deiner Ansicht, das ist Alles.

– Aber wie nervös Du bist. Warum habe ich Dir das gesagt? Verzeihung, Mirabelle, ich werde es nicht mehr sagen. Komm in einen dunklen Winkel sogleich, in eine Gasse … Ich will Dich küssen, wenn Du es mir erlaubst.

Sie betraten eine dunkle Gasse und fanden dort den gesuchten Winkel hinter einem Sandhaufen und hier bezeigten sich die beiden jungen Mädchen Mund auf Mund ihre getreue Zärtlichkeit.

– Komm, seufzte Mirabelle. Sputen wir uns, es ist spät, und Du weißt, wir müssen ein Zimmer haben.

– Ja, sagte Line, ich bin noch schläfrig. Seit drei Tagen habe ich wenig geschlafen; ich fühle mich heute recht schwach und die Beine schmerzen mich … Wie kommt das? … Wir sind doch nicht zu Fuße gegangen!

– Das ist, weil Du wächst. Ich bin froh darüber, es ist ein gutes Zeichen, Liebste.

Line glaubte Alles, was man ihr sagte und ängstigte sich nicht weiter.

In einer stillen Straße blieben sie vor einem Gasthofe stehen, welcher ihnen sehr passend schien und auf dessen Schild zu lesen war: »Hotel zum weißen Busen.« Sie traten dort ein. Mirabelle wählte ein geräumiges Zimmer mit breitem Bette und mit Miradores, welche ihr eine köstliche Kühle verhießen.

In dem Augenblicke, wo sie den Aufzug erreichten, nahm die Leiterin des Gasthofes Mirabelle bei Seite und entschuldigte sich folgendermaßen:

– Der Gasthof verfügt über sechs Attachés, welche damit betraut sind, bei allein reisenden Damen den Nachtdienst zu versehen; aber es sind im Laufe des Nachmittags sieben Engländerinnen angekommen, welche telegraphisch dieses ganze Personal für sich in Anspruch genommen haben, so daß das Haus für achtundvierzig Stunden sozusagen entblößt ist. Die Leiterin des Gasthofes wolle jedoch nach Möglichkeit Ersatz schaffen, indem sie zwei kleine Grooms zur Verfügung stellen würde, welche ohne Zweifel noch ein wenig jung seien, aber sonst für sehr nett gelten. Sie fragte außerdem, ob die Damen vielleicht längere Zeit bleiben würden, um sie für die ersten Attachés, welche frei würden, vorzumerken.

Mirabelle ließ sie ruhig ausreden, dann antwortete sie einfach:

– Ich und meine Schwester, Madame, bedürfen Niemandes.

Kaum in ihrem Zimmer eingeschlossen, entkleideten sich die beiden Mädchen. Line schlief schon während ihrer Nachttoilette und vermochte nicht, ihre Haarflechte zu beendigen.

Mirabelle, die in melancholischer Stimmung war, brachte Line geduldig zu Bette.

– Gute Nacht, Mirabelle, schlafe gut, murmelte Line, indem sie ihren Mund zum Kusse bot, aber die Augen nicht mehr öffnen konnte.

– Gute Nacht, Liebste, ich werde Dich nicht wecken.

– Sehr gütig von Dir. Gute Nacht!

Mirabelle streckte sich neben dem Körper ihrer Freundin aus, nahm zärtlich ihren kleinen Körper zwischen ihre eifersüchtigen Beine, legte das blonde Köpfchen an ihre Brust und konnte erst lange hernach einschlafen.

*

Sie erwachte dennoch zuerst, läutete, sprang vom Bett und trat auf den Gang hinaus, um still ihre Weisungen zu ertheilen.

Sie verlangte Blumen, ganze Arme voll Blumen. Sie legte davon überallhin, auf die Tische, auf den Kamin, auf die Divans, die Stühle, die Consolen, hinter die Bilder und Spiegel, selbst in die Angeln der hohen Fenster. Sie bestreute damit den Teppich und bedeckte damit das Lager. Rings um das theure Antlitz der schlafenden Line legte sie einen Kranz rother Rosen auf das weiße Kissen und Line wurde durch ihren starken Duft erweckt.

Die beiden Hände unter der Wange gefaltet, mit den Augen und mit dem Munde lächelnd, die Haarflechte über die Brust gelegt: so lag sie da und rief Mirabelle, die vor dem Bett niederkniete, als spielte sie in einem Liebesballet.

Line hatte eine dankbare Seele. Sie schloß ihre nackten Arme hinter dem Halse ihrer Freundin und gab ihr mehrere Küsse, die mehr geräuschvoll als wonnig waren; dann wandte sie sanft den Kopf Mirabelles, um das Ohr an ihren Mund zu legen und bot ihr an, was Mirabelle als das Lieblichste für ihre Wünsche ansehen konnte.

Mirabelle ließ sich nicht bitten. Nachdem sie zwölf Stunden hindurch die ganze Diskretion bewiesen hatte, deren sie empfänglich war, fand sie, daß sie die äußerste Grenze der Zurückhaltung erreicht habe und daß es ihr erlaubt sei, sich endlich so zu zeigen, wie die Götter sie geschaffen hatten.

Ihr Freimuth dauerte vier Stunden. Nach mehreren Zärtlichkeitsbeweisen, die sie bis ins Innerste ihres jungen Wesens erschütterten, gestand Line, daß sie entschieden leidend sei und nicht die Kraft haben werde, aufzustehen.

Am Bettrande sitzend nahm sie ihr Frühstück.

Inzwischen rückte der Tag vor. Mirabelle räumte das Zimmer auf, empfing die Kleider, faltete sie zusammen und da man auch an die praktischen Bedürfnisse des Lebens denken mußte, prüfte sie den Inhalt ihrer Geldbörsen und zählte ihre gemeinsamen Reichthümer.

Zwei Tage Aufenthalt im Gasthofe »zum Hahn«, die Kleiderkäufe und die Blumen hatten drei Viertel von dem aufgezehrt, was ihre kleinen Börsen enthalten halten.

Mirabelle saß nachdenklich da und rechnete.

– An was denkst Du? fragte Line.

– An Dich, Liebste. Ich muß ausgehen.

– Du denkst an mich und verläßt mich?

– Nicht für lange Zeit. Vielleicht für zwei Stunden. Wenn ich zur Zeit des Mittagessens nicht wieder da sein sollte, darfst Du Dich nicht ängstigen. Versprichst Du es mir?

– Ach, wie sehr werde ich mich langweilen. Warum mußt Du fort?

– Frage mich nicht, es ist für uns beide. Sobald ich fortgegangen bin, schließe die Thüre und laß Niemanden eintreten. Da Du ermüdet bist, wirst Du eine lange Siesta halten und mich so erwarten.

Sie nahm eine Scheere, schnitt eine braune Locke von ihrem Haupte und befestigte diese mittels einer Haarnadel auf dem zweiten Kissen.

– So, mein Schatz, hier hast Du ein wenig von mir, damit Du Dich nicht allzu einsam fühlest.

.


 << zurück weiter >>