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III.
Wo Philis plaudert, zuhört und sich unterrichtet.

Philis konnte nicht daran glauben.

– Sire, sagte sie, ich werde eine Königin wie die anderen sein? Ist's wahr?

– Gewiß.

– Wie die dreihundertsechsundsechzig? Und ich werde im Harem leben? Und ich werde so viele Freundinnen haben? Oh, wie werde ich mich unterhalten!

– Ganz recht, sagte der König. Das sind gute Vorsätze.

– Sind Königinnen meines Alters darunter?

– Etwa dreißig.

– So viele! Und sind sie hübsch?

– Sehr hübsch.

– Und lieben sie sich unter einander oder prügeln sie sich?

– Oh, ich glaube vielmehr, daß sie sich übermäßig lieben.

– Man liebt sich nie zuviel. Sind sie ernst?

– Nicht im geringsten ernst.

Philis erhob sich mit einem leisen Kichern im Sattel und fiel einige Male auf ihr Gesäß zurück, was ihre Art war, eine tolle Freude auszudrücken, wenn sie gerade ihren Pony ritt.

– Endlich! sagte der Page. Ihr werdet denn, Sire, eine überflüssige Frau haben, eine mehr als das Jahr Tage zählt. Ich bin sicher, daß Ihr von heute angefangen das Gefühl des Reichthums in Sachen der Liebe habt.

– Nein, nein, sagte Pausol. Ich entlasse die Königin Denyse. Der Harem ist beschwichtigt. Jede Königin hat gleiche Rechte, welche einmal im Jahre zur Geltung kommen. Ich werde nicht die Unbesonnenheit begehen, aus bloßer Thorheit eine Erbfolge-Ordnung auf das Spiel zu setzen, welche die vollkommene Ordnung sein muß, da sie sich den Bewegungen unseres Planeten anbequemt.

– Was soll das heißen? fragte Philis.

Dann verbesserte sie sich.

– Um Vergebung, Sire. Man hat mir oft gesagt, daß keine Fragen gestellt werden sollen. Aber es ist nicht meine Schuld. Ich weiß ja nichts.

– Du weißt nichts? sagte Pausol. Ich bin entzückt davon. Aber was nennst Du nichts? Antworte mir.

– Die Liste der Könige von Tryphema mit den Unterpräfekturen und die Regel der Partizipien.

– Du weißt Alldas? Das ist wunderbar!

– Ich weiß es, ich weiß es … aber nicht sehr gut …

– Und was möchtest Du noch mehr wissen?

Auf diese Frage antwortete Philis so frei, daß Pausol darob in die Höhe fuhr.

Völlig verwirrt und mit niedergeschlagenen Blicken verbesserte sie sich abermals:

– Um Vergebung, Sire, es scheint, daß ich eine Dummheit gesagt habe. Ich hätte es nicht sollen … besonders vor Euch … Aber, es ist immer so … Papa sagte es ja … Wenn ich fünf Minuten reite, ist mit mir nicht auszukommen, wie es scheint. Ein anderes Mal werde ich besser Acht geben.

Pausol beruhigte sie mit einer Geberde.

– Ich hatte Unrecht, Kleine, wenn ich Dich glauben ließ, daß ich mißbillige, was Du sagtest, denn Du hast sehr gut geantwortet.

– Wirklich?

– Ich will es glauben. Vor Allem hast Du aus der Tiefe des Herzens gesprochen …

– Oh ja!

– Und man muß immer die Wahrheit sagen.

– Selbst diese Wahrheit?

– Sie ist die größte Wahrheit der Frauen und der schönste Ehrgeiz, welchem sie züchtigen Ausdruck verleihen sollen. Wenn Du mir geantwortet hättest, daß Du bedauerst, so wenig über das Himmelsgewölbe oder über die Differentialrechnung zu wissen, wäre ich weniger zufrieden gewesen. Nicht als ob es in der Welt nicht weibliche Mathematiker und Astronomen gäbe, welche ihr kleines Amt ganz passend ausfüllen; sondern einfach deshalb, weil diese Frauen zu Männern werden und gern die Fehler jener Hälfte des Menschengeschlechtes annehmen, die mir antipathisch ist.

– Eh, mir nicht! sagte Philis.

Diesesmal schien das Wort leichtfertig.

Giglio, immer gefällig, beeilte sich, das Stillschweigen auszufüllen.

– Haben Ew. Majestät bemerkt, fragte er plötzlich, wie sehr die Tryphemesen den Franzosen gleichen?

– Welche baroke Frage! Wie sollte es anders sein? Es sind Mischlinge von Cataloniern und von Bewohnern des Languedoc, eine gallisch-römische Race.

– Ja, aber nicht das wollte ich sagen. Als ich von Paris kam, glaubte ich hier ein ganz neues Milieu zu finden. Ew. Majestät hatten eine vollständige Revolution herbeigeführt, die moralische Freiheit verkündet …

– Oh, sagte Pausol, das ist nichts, mein Kleiner. Die Bedeutung der Revolutionen muß nach dem Interesse bemessen werden, welches die Regierung daran haben kann, den Erfolg derselben zu verzögern. Es hat nur eine einzige Revolution gegeben, die unwahrscheinlich war vor dem Erfolg und unbegreiflich in der Erinnerung; es ist jene, welche Euch die religiöse Freiheit gegeben hat; denn indem die Macht auf das göttliche Recht verzichtete, beraubte sie sich einer fundamentalen Stütze, welche ihr bisher eine mehrhundertjährige Stabilität gesichert hatte. Aber die moralische Freiheit? Ihr werdet sie haben, wenn Ihr sie verlanget.

– Was ist denn das? wagte Philis zu fragen.

– Du kannst Dir wohl denken, mein kleiner Gilles, sagte Pausol, ohne auf die Frage des Mädchens zu antworten, daß an dem Tage, wo das Pariser Publikum sich die Mühe nehmen wird, eine nackte Tänzerin zu fordern, es diese sogleich erhalten wird; denn das Ministerium wird deshalb nicht gestürzt werden, besonders wenn die Theater-Abonnenten wissen, daß die Tänzerin dem Ministerium gegenüber willfährig ist.

– Gleichviel. Ich glaubte hier eine Welt zu finden, welche mehr verschieden ist von der meinigen, etwas Umgestürztes, Unerhörtes, einen vollständigen Gegensatz … Aber es geschieht Alles so wie in dem benachbarten Lande … Die Straßen sind ruhig, die Saaten gedeihen, die Milchmeier jagen die Mägde davon, die sich schlecht aufführen; in den Abendgesellschaften herrscht ein ernster Ton und die jungen Mädchen scheinen mit einer gewissen Strenge erzogen zu sein.

– Wohlverstanden. Nichts vermag an dem Menschen etwas zu ändern. Man kann ihm blos das Leben etwas leichter und sanfter machen, indem man ihm die Freiheit einräumt, Alles zu thun, was Niemandem schadet. Und dies wollte ich eben thun. Ich glaube sogar, daß seit vielen Jahrhunderten ich der erste Gesetzgeber bin, der sich zum Prinzip macht, die Leute nicht zu ärgern.

Philis bewegte sich unruhig in ihrem Sattel.

– Man macht also im Harem Alles, was man will? … Ach, ich habe schon wieder eine Frage gestellt! … Wenn ich unausstehlich werde, sagt es mir nur, Sire. Ich bin daran gewöhnt … Man schilt mich immerfort aus.

– Nein, Du bist nicht unausstehlich, sagte Pausol. Und ich liebe Dich so wie Du bist. Ich hoffe, Du wirst im Harem nichts thun wollen, was nicht erlaubt ist. In allen Fällen ist der Harem kein Gefängniß. So lange Du Dich glücklich fühlst, will ich Dich dort behalten. Wenn Du einmal fort willst, wirst Du mir einfach Lebewohl sagen.

– Und Sie werden mich nicht zurückhalten? Das ist sehr schlimm.

Pausol wandte sich zu Giglio.

– Du siehst, sprach er, man kann selbst die Gewohnheit, sich zu beklagen, nicht verlieren und sobald man die Freiheit erlangt hat, beschuldigt man sie wegen der Unzufriedenheit, welche dem menschlichen Geiste nothwendig ist.

Doch jetzt kam Nixis in raschem Trabe zurück.

– Ach, ach, wir werden Neuigkeiten erfahren, sagte Giglio in hämischem Tone. Da kommt der Herr Groß-Eunuch nach einer erfolgreichen Treibjagd zurück. Er hat die Prinzessin wiedergefunden. Gelobt seien auf Erden und im Himmel sein Scharfblick und seine Taktik.

– Welche Prinzessin? fragte Philis.

– Die Schuldigen sind verhaftet! rief Nixis schon von Weitem.

– Was? Meine Tochter? Sie haben gewagt, meine Tochter zu verhaften?

– Ach, das wird ja sehr interessant! sagte Philis leise.

– Ich habe diese Kühnheit nicht gehabt, entgegnete Nixis. Ich habe blos die Mitschuldigen in meiner Gewalt, aber sie sind gut bewacht. Es sind zwei Bauersleute aus dem Weiler, welche ohne Zweifel bei der Entführung Beistand geleistet haben, denn sie tragen das Kleid und den Anzug der Prinzessin und des Unbekannten.

– Und sind sie geständig?

– Nein, sie leugnen, aber das ist es ja eben, was sie verurtheilt. Der wahre Schuldige ist an einem augenfälligen Merkmal zu erkennen: Er beginnt stets mit der Erklärung, daß er unschuldig sei. Sobald die Polizei eine solche Erklärung hört, kann sie getrost den Beschuldigten hinter Schloß und Riegel setzen. Es liegt hier meines Erachtens mehr als eine bloße Vermuthung, fast eine Gewißheit vor. In Ermangelung anderer Beweise würde ich mich mit diesem begnügen, um die Beschuldigten zu verurtheilen.

– Laßt sie vorführen, befahl Pausol.

Man brachte eine junge Bäuerin und ihren Bruder herbei; sie hielten sich bei der Hand und zitterten vor Furcht. Sie erklärten stotternd, daß sie dieses schöne Frauenkleid und diesen schönen Männeranzug im Hofe ihrer Hütte gefunden hätten. Da es gerade Pfingsten wäre, hätten sie gedacht, die himmlische Jungfrau habe ihnen diese Festtagskleider gesendet zum Lohne dafür, daß sie das ganze Jahr so viel gearbeitet und gehungert haben. Sie hätten darin ein Wunder, das heißt eine ganz natürliche Sache erblickt, und wenn sie geahnt hätten, was mitten auf der Straße ihrer harrt, so hätten sie diese Kleider lieber ins Feuer geworfen, als sich auch nur einen Augenblick damit zu schmücken. Kurz: Ihre Haltung war so unterthänig, so unschuldig und so einfältig, daß der König die Achseln zuckend ausrief:

– Sie sind ein Narr, Nixis; diese Kinder sind vollkommen blöd und daher unfähig, Böses zu thun. Das Verbrechen ist ein Vorrecht der Intelligenz, ich meine wenigstens ein so verwickeltes und geheimes Verbrechen wie dasjenige, welches wir verfolgen. Zur Ehre meiner Tochter will ich hoffen, daß sie von Jemandem entführt wurde, der schlau genug war, um nicht von diesen Tölpeln, die Sie da gefangen haben, Beistand zu erwarten.

– Ich verlange nichtsdestoweniger, daß sie durchsucht werden, sprach der Groß-Eunuch.

– Es sei; aber Sie werden nichts finden, was ein Schuldbeweis gegen sie wäre. Ich möchte dies verbürgen.

Nixis entkleidete eigenhändig den Bruder und die Schwester, die sich verschämt an einander schmiegten und die Finger in die Nase steckten.

Auf der staubigen Böschung der Straße breitete er ihre Kleider aus und durchsuchte die Taschen und das Futter.

– Nichts, sagte Pausol. Ich dachte es wohl.

– Doch, vier Briefe, erwiderte Nixis.

Und mit einer Unterwürfigkeit, in welche ein Zug von Stolz sich mischte, reichte er mit rascher Geberde die Briefe dem König.

Wo fanden sich diese Briefe? fragte Pausol.

– In der inneren linken Tasche der Jacke.

– Lesen Sie mir einen vor, welchen Sie wollen.

Und während Philis überaus neugierig ihr Pferdchen nach rückwärts lenkte, um über die Schulter des Groß-Eunuchen hinweg mitzulesen, las Nixis das folgende erste Billet:

 

»Mein kleiner Mimi! Erwache! Um halb elf Uhr werde ich an Deiner Thüre läuten. Mein Affe hat auf dem Lande eine Amtshandlung zu vollziehen. Ich bin frei wie eine Schwalbe und ich fühle mich so zärtlich, daß meine Augen feucht werden. Schicke Jeden fort, der sich vielleicht bei Dir befindet.

Ich lasse mich ankleiden und eile zu Dir. Viele Küsse auf Deinen Hals.

Camille.«

 

– Das ist ein närrischer Brief erklärte der König. Wer ist dieser Herr Camille, der sich mit einer Schwalbe vergleicht und einen Affen besitzt, welcher Amtshandlungen verrichtet? Bei welchen Völkern verkaufen die alten Notare ihre Kanzleien an Äffchen? Das ist unbegreiflich!

– Hören Sie, flüsterte Philis dem Pagen in's Ohr, das ist eine Frauenschrift. Ich vermuthe Dinge darunter …

– Ach, ach!

– Soll ich es sagen?

– Nein, es würde schlechten Eindruck machen.

Und indem er sein Zebra Kehrt machen ließ, wandte er sich an den König:

– Man verliert eine kostbare Zeit mit dieser Korrespondenz, sagte er. Wir können daraus nichts Neues erfahren. Ich weiß seit gestern Abend, wer die Prinzessin begleitet.

– Auch ich weiß es, mein Herr, rief Nixis. Meine Entdeckung bekräftigt alle meine Vermuthungen. Diese vier Briefe sind an »Fräulein Mirabelle« adressirt. Ich behaupte denn noch einmal, daß diese frühreife Gelegenheitsmacherin in dem vorliegenden Falle ihre Dienste geliehen hat und daß der Schuldige ihr Freund ist.

– Und ich behaupte, sagte Giglio, daß die Wahrheit eine ganz andere ist.

Und da er der Antwort sicher war, die ihm werden sollte, fügte er hinzu:

– Ich werde die Ehre haben, sie dem König darzulegen, wenn Seine Majestät geruhen will, mir eine dreistündige Unterredung zu gewähren, in welcher ich über alle die Nachforschungen Bericht erstatten will, welche ich gestern gemacht habe.

– Ach, wozu? rief Pausol. Das ist ganz unnöthig. Ich bin kein Polizei-Chef und habe keineswegs die Absicht, mich in Eure Arbeiten einzumengen. Verständiget Euch, sage ich Euch noch einmal. Eure gestrige Auseinandersetzung, obgleich sie eine lebhafte gewesen, muß Euch einander näher gebracht haben. Führet die Untersuchung gemeinsam oder Jeder für sich, mir ist das gleichgiltig. Ich werde in die Sache erst zum Schlusse eingreifen, wenn ich meine Tochter aus dem Versteck holen werde, wo Ihr sie hoffentlich finden werdet.

– Sire, ist denn Eure Tochter durchgegangen, wie Emmanuela? fragte Philis.

– Das ist nicht die nämliche Sache, sagte Pausol.

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