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III.
Wo die weiße Aline vom Kopfe bis zu den Füßen beschrieben wird, damit der Leser ihre Flucht bedaure und zugleich ihr verzeihe.

Die weiße Aline war die Tochter einer Holländerin und vermuthlich auch des Königs Pausol. Wenigstens zweifelte Niemand daran.

Ihre Haare waren blond, ihr Teint hell, aber heftigen Erröthungen ausgesetzt, ihre Nasenlöcher waren weit offen, ihre Lippen heiter.

Ich weiß, daß man das Portrait der jungen Mädchen nicht weiter als bis zum Ausschnitt des Kleides zu malen pflegt; allein nach einigen Jahren – wir alle sind dessen sicher – wird dies aus der Mode kommen. Ich will daher der bestehenden Regel keine Rechnung tragen und wäre es auch nur, um die Maler zu ermuntern, einen so löblichen Weg einzuschlagen.

Vierzehn Jahre und fünf Monate nach ihrer Geburt begann die weiße Aline die Entwicklung ihrer anmuthigen Person mit dem lebhaftesten Interesse zu verfolgen. Es ist ganz natürlich, daß wir sie zu ihrem Spiegel begleiten, in welchem sie sich tagtäglich mit so liebevoller Neugierde betrachtete.

Kaum erwacht, eilte sie schon zu ihrem Spiegel, wobei sie ihr Hemd im Bette zurückließ und von ihrer Nachttoilette nichts als ihre lustig tanzende Haarflechte behielt. Die Begegnung mit ihrem Bilde war eine sehr rührende Scene.

Die Sache begann mit einem Willkomm-Lächeln. Dann klatschten feurige Küsse mit beiden Händen, mit allen zehn Fingern. Während der ersten Minute war die Liebe zu ihr selbst vorherrschend. Ihr Blick sagte sich unvergeßliche Dinge: es war ein Verkehr von Seelen, bei welchem ihre Schönheit ihrer ohnehin so tiefen Sympathie nichts hinzuzufügen hatte. Aber allmälig wich dieses Gefühl einem andern, welches sich als Bewunderung äußerte.

Sie war erst seit einigen Wochen Mädchen. Das war eine Quelle endloser Entdeckungen. Ihre erst seit kurzer Zeit geformten Brüste behielten zwischen ihren Händen die ganze Frische neuen Spielzeuges. Vertraulich und unvorsichtig spielte das Kind, das sie geblieben, mit diesen gebrechlichen Rosen wie mit Kautschukbällen; sie versuchte sie einander näher zu bringen, trieb tausend Neckereien mit ihnen. Dann wechselte sie das Vergnügen, streckte das linke Bein, bog das rechte Knie ein und maß mit den Augen die Rundung einer ganz jugendlichen, aber schon schwellenden jugendlichen Hüfte. Was bewunderte sie eigentlich nicht? Vermöge einer Eigenthümlichkeit, die ihr gerade so gefiel wie alles Übrige, trug sie noch nicht alle Zeichen ihrer Jungfräulichkeit, aber sie fand darin einen griechischen Zug, welcher ihr nicht übel ließ.

Wen hätte sie denn lieben sollen, wenn nicht ihr so theures Bild? Ihr Vater hatte ihr keine andere Freundin gegeben.

Man hat es wohl schon errathen: König Pausol so duldsam bezüglich der Sitten seines Volkes, war es weniger bezüglich der Sitten seiner Tochter.

So angenehm es ihm war, auf seinen Wegen unbekleideten jungen Jungfrauen zu begegnen, kam es ihm doch nicht in den Sinn, die Thronfolgerin in demselben Kostüm seinen getreuen Unterthanen zu zeigen. Nicht als ob ihn irgend ein herkömmlicher Geist abgehalten hätte; sondern die Sonne im Süden brennt heiß, ihr brauner Hauch läßt nur den braunen Frauen gut; er verleiht der Haut der Blonden die Farbentöne von gesottenen Langusten und die weiße Aline würde bald die homerische Jugendlichkeit, welche sie unter allen Frauen auszeichnete, eingebüßt haben, wenn man sie völlig nackt hätte im Freien herumlaufen lassen, ohne sie gegen die Sonne zu schützen. Darum nöthigte man sie, sich anzukleiden und einen Sonnenschirm zu tragen.

Ähnliche – ich will sagen: durch die väterliche Liebe eingegebene – Gründe hatten Pausol abgehalten, seine Theorien über Kindererziehung auf seine eigene Tochter anzuwenden. Die Moralisten fürchten niemals, sich in Widersprüchen zu zeigen. Sie denken mit gutem Rechte, daß sie genug gethan haben, indem sie das Gute predigen und daß sie nicht auch durch ihr persönliches Beispiel ihren Ideen Nachdruck verleihen müssen. Ohne Zweifel wünsche ich – sagte sich der König – daß man die Kinder in voller Freiheit erziehe und sie ihren Instinkten, d. i. den ersten Freuden ihrer armseligen Existenz überlasse. Meine Tochter jedoch ist unter ganz eigenartigen Verhältnissen geboren. Ihr Interesse gebietet eine besondere Behandlung. Keine Regel ist für alle Welt geschaffen. Kurz: er hielt das unglückliche Kind eingeschlossen.

Wohl hatte sie erzählen gehört, daß das Schicksal ihr dreihundertsechsundsechzig Stiefmütter gewährt habe, deren größerer Theil entweder durch Geist, oder durch Schönheit hervorragte; allein der Harem blieb ihr Tag und Nacht verschlossen. Ihre Mutter war seit langer Zeit todt. Sie hatte keine Schwestern, keine Gespielinnen.

Die Ehrendamen selbst hatten den Befehl, mit der Prinzessin von nichts Anderem als von ihrer litterarischen Ausbildung zu sprechen.

Obwohl sie kaum eine Vorstellung davon hatte, daß es anderswo ein besseres Leben geben könne, blieb die weiße Aline dennoch heiter.

Am Morgen gehörte ihr der ganze Park. Das war die Zeit, wo die Königinnen und der König schliefen. Sie spielte allein, aber mit derselben Freude und Lebhaftigkeit, als ob eine Menge Kinder sie zum Spiel herangezogen hätte.

Bäume waren ihre Freunde, kleine Winkel ihre Vertrauten.

Sie kam manchmal ganz athemlos heim von einem Versteckensspiel mit einer grünen Eidechse, oder von einem Wettlauf mit einem rosigen Kaninchen.

Und plötzlich, eines Morgens, fand sie es interessanter, mit ihren Träumen Fangball zu spielen und mit ihrem eigenen Bilde Menuett zu tanzen.

Ungefähr sechs Wochen später erfuhr König Pausol durch ihr Billet, daß sie den Palast verlassen habe »mit Jemandem, der sehr nett ist und über sie wachen wolle.«

So hatte denn die weiße Aline selbst in der Einsamkeit, in welcher ihr Vater sie eingeschlossen hielt, ohne Berather und ohne Beispiel, aber glücklicherweise von ihrer jugendlichen Einbildungskraft unterstützt, jene Gespielen gefunden, deren sie im Alter ihrer Umwandlungen bedurfte.

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