Autorenseite

 << zurück weiter >> 

IV.
Wie König Pausol nach seinem Palast zurückkehrte und was er dort zu thun für gut fand.

Vor den Treppenstufen des Portikus war das Maulthier Macario auf seinen zitternden vier Beinen stehen geblieben, tief verletzt dadurch, daß es genöthigt gewesen, einen tollen Lauf zu machen, was weder zu seinem Alter, noch zu seinen Gewohnheiten, noch zu seinem Charakter paßte.

Und man sah unter den Gewölben des Portikus den König Pausol eintreten, ohne Krone, mit wirrem Haar, staubigem Gewande, die beiden Hände offen in die Höhe gestreckt.

Er nieste.

Er weinte fast.

Er war hoch geröthet, athemlos, aufgeregt, in Schweiß gebadet, jämmerlich.

Niemand dachte daran, ihm die ersten Aufklärungen zu geben. Die Gänge, öder und verlassener als Museums-Galerien, führten zu leeren Zimmern. Die Schweizer hatten ihre Hellebarden, die Ehrendamen ihre Handarbeiten weggelegt, König Pausol stieß mit dem Fuße einen Phonographen beiseite, der ihm die Serenade des Mephisto in die Ohren blökte.

Er glaubte, daß alle Leute sich aufgemacht hätten, um die Prinzessin zu verfolgen, oder daß der ganze Hof sich habe entführen lassen, um das Beispiel der Prinzessin nachzuahmen und so ihr Gefallen zu gewinnen.

In einer Fensternische stand eine Wäscheputzerin mit ihrer Arbeit beschäftigt.

Der König wollte sie fragen:

– Ist's wahr?

Aber seine Kehle brachte keinen Laut hervor. Die erschrockene Haltung der Dienerin zeigte ihm übrigens, daß die Frage vergeblich wäre.

König Pausol setzte seinen Gang durch die Gemächer fort.

Er kam durch fünfzehn Salons, wo die Lehnsessel an ihrem gewohnten Platze standen; keiner derselben war besetzt.

Er ging in den Portraits-Saal und blieb vor einem Portrait stehen, welches sein wirres Gedächtniß an die sehr geschmeidige Königin Christiane, die Mutter Alines, erinnerte.

»Unglückliche! Ist das Dein Blut, Deine Race?«

Doch die Königin Christiane, die der Maler in der Gestalt der Danaë gemalt hatte, fuhr fort zu lächeln und ihre Kniee zu öffnen, ohne daß die mindeste Scham ihre Stirne röthete.

Nun trat der König in den so stillen Harem ein.

Es war die Stunde der Siesta.

In dem großen Saale gab es nichts als das Athemholen von dreihundert Träumenden.

Alle Frauen lagen noch dort, wo der Schlaf sie übermannt hatte. Sie bedeckten die kühlen Binsenmatten, lagen kunterbunt auf den Teppichen umher, füllten mit ihrer Croupe die Hängematten mit den weiten Netzmaschen. Pausol konnte weder einen Schritt thun, noch sich setzen, noch den Kopf erheben, ohne auf eine unverhüllte Schläferin zu stoßen. Auf einem Divan allein lagen deren fünfzehn. In einem Hängenetze lagen zwei eng an einander gepreßt. Diejenigen, die von der Hitze litten, hatten sich in das flache Bassin gelegt, das Haupt auf den marmornen Saum, die Beine unter dem Wasser, bis zu der Sirene, welche in der Mitte sich erhob, gleich dem Pistill der erschlossenen Tulpe, welche die glänzenden Leiber der Schläferinnen bildeten.

Inmitten dieser tiefen Stille fand Pausol allmälig seine Ruhe wieder. Die Ruhe ist ebenso ansteckend wie der Trubel. Die Stille und das Dunkel des Harems legten sich auf seine Gedanken.

Ein Blick auf seine Gewandung zeigte ihm, daß diese sich in einem jammervollen Zustand befand, und er hatte schon genügende Fassung gewonnen, um zu begreifen, daß er sich umkleiden müsse.

Das that er denn auch, aber nicht ohne Mühe. Denn die Wäscheputzerin hatte Zeit gefunden, im ganzen Palaste die Nachricht zu verbreiten, daß der König zurückgekehrt sei, ohne Krone, ohne Stimme, ohne Vernunft, daß er sie schier erdrosselt habe und daß sie dadurch krank geworden, zwei Tage früher, als wie es sonst geschehen wäre.

Der erste Diener, welcher in der Spalte eines Thürvorhanges erschien, um dem Rufe des Königs zu gehorchen, war sicherlich ebenso sehr vermöge seiner Neugierde, als in seiner Todesverachtung gekommen; aber er fiel schier in Ohnmacht vor Überraschung, als er Pausol hörte, wie dieser mit seiner so wohlbekannten, gutmüthigen Stimme seinen türkischen Schlafrock und seine Cigarettenbüchse verlangte.

Der Beherrscher von Tryphema, der so rasch seine Fassung gewonnen, hatte über die Lage nachgedacht.

Es genügte nicht, zu erklären, daß man die weiße Aline verfolgen werde. Dies war überhaupt ein Entschluß, den man nicht so leichthin fassen konnte. Angenommen, daß man sich zu diesem Äußersten entschloß, wie wollte man das Programm einer so heikeln Nachforschung regeln? Wen wollte man mit der Durchführung desselben betrauen? Und – immer vorausgesetzt, daß diese Schwierigkeiten überwunden würden – welche Weisungen wollte man dem Unterhändler für den leicht vorauszusetzenden Fall geben, daß die Prinzessin sich weigern würde, den Bitten, den Vorstellungen, vielleicht auch den respektvollen Befehlen nachzugeben, die man an sie werde richten müssen.

Offenbar konnten alle diese Probleme nicht in fünf Minuten erörtert werden.

Übrigens drängle ihn ja nichts.

Zu welchem Zwecke sollten die Dinge überstürzt werden?

Alles ließ annehmen, daß es schon zu spät war, die weiße Aline vor der größten Gefahr zu schützen.

Um sie aber in das Palais zurückzuführen, wird es immer früh genug sein.

Da man an der vollendeten Thatsache doch nichts ändern konnte, da diese Thatsache offenkundig, skandalös, Allen bekannt war, war es besser, sich nur mit den Folgen zu beschäftigen und ruhigen Kopfes zu erwägen, wie die Sache gut zu machen wäre.

Nachdem er also beschlossen, augenblicklich nichts zu beschließen, nahm Pausol ein Bad, rauchte zwei Cigaretten und aß einige Stücke Zwieback, die er in alten Portwein tunkte.

Indeß hielt ein Bild ihn gefangen. Er sagte sich, daß in dem Augenblick, wo er in seinem Gemach sich der Ruhe und der Überlegung hingab, seine Tochter ohne Zweifel den wichtigsten Akt ihrer ersten Jugend vollzog. Unwillkürlich sah er sie in einer nur zu leicht erdenklichen Haltung und alle Phasen der bekannten Scene spielten sich in seiner Vorstellung mit der unliebsamsten Wahrscheinlichkeit ab.

Ganz besonders ärgerte den König, daß er nicht die geringste Vermuthung hatte, wer die zweite Persönlichkeit sein mochte, die in diesem Abenteuer eine Rolle spielte. Man störte sein Leben, man beunruhigte in tödtlicher Weise seinen Geist und er wußte nicht einmal, wem er fluchen sollte. Ein solches Ereigniß hätte sich nicht vollziehen dürfen, ohne daß man ihn wenigstens zu Rathe zog. Jedem Zweige der Erziehung geziemt ein besonderer Professor, dessen Eignung der Zögling selbst nicht ermessen kann. Pausol begriff nicht, wie es möglich war, daß seine Tochter an dem Tage, wo sie sich zum ersten Male an eine so klassische Materie heranwagte, einen Anleiter wählen konnte, ohne vorher zu untersuchen oder untersuchen zu lassen, ob derselbe auch geeignet sei, ihr Unterricht zu ertheilen.

Ja, das war ein Fehler.

Und der Fehler konnte nicht mehr gutgemacht werden.

Man mußte sich denn in Güte damit abfinden.

Wer das Unabänderliche kritisirt, verliert seine Zeit.

Der König erinnerte sich dieser Lehre und noch anderer tröstlicher Lehren.

Seine Zeit verlieren! … An einem anderen Tage würde er sich leichten Herzens dazu verstanden haben. An jenem Abend aber fand er solche Träume sehr mißliebig.

Er kehrte in seinen Harem zurück.

.


 << zurück weiter >>