Autorenseite

 << zurück weiter >> 

VIII.
Die Ereignisse überstürzen sich.

Meine Tochter ist wiedergefunden? fragte Pausol, das ist ein Glück für sie. Aber welch eine sonderbare Stunde haben Sie für eine solche Entdeckung gewählt, mein Herr?

– Sire, ich bin sehr verlegen. Wir wählen doch nicht die …

– Wie wollen Sie, daß ich einige Minuten vor Mitternacht, an einem Festabend, durch ein solches Menschengewühl, inmitten von Vergnügen und ohne Zweifel auch von Ausschreitungen, wie sie bei jedem Feste vorkommen, mich durch die Straßen wagen soll, um einer so intimen, heiklen Angelegenheit nachzugehen? Und wie soll ich in eigener Person in das geheime Gemach einer königlichen Hoheit eintreten mit der väterlichen Absicht, ihre Liebe wieder zu gewinnen? Die Prinzessin Aline geht um neun Uhr zu Bette, Herr Sicherheits-Chef. Sie pflegt in diesem Augenblicke sicherlich der Ruhe. Ich werde plötzlich und unerwartet erscheinen, wie eine Vaudeville-Figur, die ein Liebespärchen überrascht. Diese Idee allein ist mir schon widerwärtig. Ich bin darob ganz verstört. Gehen Sie, mein Herr, Sie sind ein Ungeschickter!

– Aber Sire, Euer Minister, der ehrenwerthe Herr Nixis, hat mir gerathen …

– Schon wieder er! Immer dieser Mensch! Es kann nichts Verworrenes, Unpolitisches, Unangenehmes geschehen, ohne daß er seinen Theil von Verantwortlichkeit dabei habe. Das wird nachgerade unerträglich und ich weiß wahrhaftig nicht, ob ich mich nicht endlich solcher Dienste entschlagen werde, welche mir nur Verlegenheiten und Verdruß bereiten. Gehen Sie, sage ich Ihnen, ich bin sehr unzufrieden. Ordnen Sie das Weitere mit meinem Pagen, ich will mich mit dieser Sache nicht mehr befassen.

Giglio führte den Unglücklichen hinweg.

– Warum sprechen Sie mit dem König über diese Sache? sagte er. Hätten Sie mich beiseite gerufen, so hätte ich Sie mit einem Worte gewarnt. Sagen Sie mir, was Sie wissen. Ich werde versuchen, die Dinge wieder ins Gleiche zu bringen.

Der Sicherheits-Chef erklärte, die Prinzessin sei im Gasthofe »zum weißen Busen« aufgefunden worden, nicht in Gesellschaft eines jungen Mannes, wie man geglaubt hatte, sondern mit einem jungen Mädchen, älter als sie selbst. Er erzählte, daß zwei Sicherheits-Agenten, welche drei Stunden hinter der Thür lauschten, einen höchst sonderbaren Bericht erstatteten über alldas, was sie zu hören vermochten. Der Sicherheits-Chef verlangte die Erlaubniß, mit einer sofortigen Verhaftung vorzugehen, indem er betonte, daß Ihre Hoheit wiederholt über eine äußerste Ermüdung geklagt habe und daß die Sorge um die Gesundheit der erlauchten Prinzessin jede andere Erwägung zurückdrängen müsse.

– Wissen Sie nicht mehr? fragte Giglio.

– Die Unbekannte sprach von einem Ausgang, welchen sie im Laufe des Tages gemacht hatte und der Portier des Gasthofes bestätigt dies.

– Wohin mochte sie gehen?

– Sie weigerte sich es zu sagen, aber sie brachte zweihundert Franken heim, deren Ursprung ein Geheimniß ist, und außerdem einen Ring, den sie wiederverkaufen wollte, ohne ihn auch nur einen Tag zu behalten.

– Ist das Alles, was man weiß?

– Morgen, Montag, von vier bis acht Uhr Nachmittags, wird sie einen zweiten Ausgang haben.

– Ach, das ist sehr interessant!

Giglio dankte dem Sicherheits-Chef, befahl ihm, am nächsten Tage um vier Uhr die Überwachung aufzuheben und vor Allem auf jeden Verkehr mit dem König und mit Nixis zu verzichten.

Der König hatte soeben dem Präfekten den Wunsch ausgedrückt, sich mit der jungen Frau, die er am Morgen dieses Tages gefreit, in seine Gemächer zurückzuziehen.

Giglio durchschritt rasch den Salon, näherte sich Diana mit der Puderquaste und nahm – das Haupt auf die Schulter geneigt – eine flehende und sanfte Miene an.

Diana runzelte die Augenbrauen, konnte sich aber eines Lächelns nicht erwehren. Das Gesicht vorstreckend sprach sie deutlich:

– Ja.

Dann, in einem stillen Lächeln, murmelte sie prahlerisch:

– Kleines Ungeheuer, Du sollst nicht mehr sagen, daß Du dieses Wort niemals gehört habest.

Eine Stunde später suchte er sie auf. Sie erwartete ihn auf einer Chaiselongue: ihre schwarzen Haare flossen breit über ihre Wangen herab und bedeckten sie bis zur Hüfte. Er sah von ihrem Antlitz nur zwei sehr funkelnde Augen und einen feuchten Mund.

– Nun denn, Madame, sagte er, ich habe Ihnen gehorcht. Die Prinzessin Aline ist nicht festgenommen.

– Oh, Du bist lieb! Du bist so lieb!

– Welche Belohnung werde ich erhalten?

– Jede Belohnung, die Du liebst.

Sie schloß sachte den Riegel, während er alle elektrischen Lampen auslöschte, mit Ausnahme einer, die er auf die Erde setzte, um das Haupt des Bettes in einem Halbdunkel zu lassen …

– Wie lange wirst Du mich lieben? fragte sie.

– Immer.

– Dann darf ich Dir ein Geheimniß anvertrauen?

– Du darfst.

– Der König hat mir gesagt … er habe die Absicht … den Pagen zu gestatten … in den Harem zu kommen … und er wolle die Augen schließen über das … was dort wahrscheinlich geschehen würde …

– Eine bewunderungswürdige Eingebung!

– Oh, lache nicht! Ich bin so froh! Wir werden uns wiedersehen können. Jetzt ist es mir gleichgiltig, ob die weiße Aline festgenommen wird … da uns dies nicht mehr trennt.

– Schatz!

– Aber Du wirst mir etwas schwören.

– Alles, was Du willst.

– Es gibt so viele Frauen im Harem … Weiß ich, ob nicht eine derselben Dir den Hof machen wird? Erinnere Dich, Giglio, daß ich mich zuerst vergessen habe. Und schwöre mir, daß die Anderen nichts von Deinem Munde erlangen sollen. Schwöre mir, daß keine Andere Dich so umarmen werde, wie ich Dich umarme, mit meinem Leib und mit meiner Seele. Schwöre, Giglio! Gib Dich, wie ich mich gebe!

Giglio machte keine Schwierigkeit: er schwor, wie es die Überlieferung vorschreibt und der Ausdruck seiner Stimme war ein so loyaler, daß Diana sich beruhigt fühlte.

Nach diesen ernsten Worten verließ er sie jedoch, »um sie nicht bloßzustellen« – wie er sagte.

Als er am folgenden Morgen durch einen Korridor der Präfektur schritt, hörte er leise, aber doch dringend seinen Namen rufen und dies nöthigte ihn, den Kopf zu wenden.

Hinter einer halb offenen Thür erblickte er das furchtsame Gesicht der kleinen Philis. Die Thür ging ganz auf und schloß sich dann hinter ihnen.

– Der König schläft, sagte Philis; bleiben wir da. Wir werden nicht überrascht werden.

– Wie? Um halb ein Uhr schläft der König noch?

Pausol war sehr spät eingeschlafen, nachdem er seiner neuen Frau nach einander Komplimente, Vorwürfe und sogar wohlwollende Beschimpfungen zugewendet hatte. Wenn man ihn hörte, so war Philis ein kleines, lasterhaftes Ungeheuer, ein bis ins innerste Mark verderbtes Mädchen. Er ging so weit, sie eine »Französin« zu schimpfen. Sehr erstaunt über diese Dinge, verlangte Philis Aufklärung von dem Pagen. Sie konnte nicht begreifen, wie sie nach einer einstündigen Unterhaltung mit ihm einen solchen Grad der Wissenschaft in Liebessachen erreicht haben sollte, ohne zu ahnen, daß sie Alles erlernt habe. Die Kunst zu lieben entstamme dennoch einer sehr leichten Kenntniß? Giglio erwiderte ihr, daß dies im Gegentheil die verwickelteste und schwierigste der Künste sei; aber die meisten Frauen verständen davon nicht das Mindeste und Philis dürfe nicht erstaunt darüber sein, wenn eine einfache Elementarlektion, eine bloße Auseinandersetzung der Grundsätze – willig gegeben wie empfangen – einer intelligenten Schülerin eine so starke Überlegenheit zu sichern vermochte.

Weit entfernt, die Vorwürfe ihres Gatten für aufrichtig zu halten, verlangte Philis sogleich eine zweite Lektion, indem sie fleißig zu sein versprach. Als Giglio nach fünf Viertelstunden bestimmt erklärte, daß ihr kleines Köpfchen nunmehr genug gelernt habe, setzte sie sich auf seine Kniee und sagte:

– Hören Sie … meine Schwester war nicht immer liebenswürdig zu mir, aber ich liebe sie dennoch und bin betrübt über ihren Abgang. Sie sind so geschickt, kleiner Freund … Sie können vielleicht ihre Adresse ausfindig machen … sie einen Augenblick besuchen … und ihr von mir erzählen … Suchen Sie sie … Sie werden mir damit eine Freude bereiten … Bewahren Sie ihr Geheimniß, ich will es nicht kennen, aber sagen Sie mir, ob sie sich wohl befindet. Ich verlange nicht mehr von Ihnen …

– Sie werden es heute Abend erfahren, sagte Giglio.

– Dank! … Und noch ein Wörtchen … Sie werden mit ihr sprechen … Küssen Sie sie nicht …

– Ich verspreche es Ihnen.

– Selbst wenn sie Lust darnach zeigen sollte.

– Die jungen Mädchen zeigen das nie.

– Oh, man sieht wohl, daß Sie sie nicht kennen!

Giglio frühstückte sehr ruhig und machte mehreren Freunden das vertrauliche Geständniß, daß er aufbreche, um eine Untersuchung zu führen. Er that dies, damit es sogleich dem König wiederholt werde. Dann ging er allein und ohne Stock aus.

Vor dem Hause der Präfektur erblickte er auf einer öffentlichen Bank die schöne Thierrette, welche in gebeugter Haltung und mit vor der Brust gekreuzten Händen dasitzend, ein Bild stillen Schmerzes war.

Er faßte sie am Kinn, daß sie aufblickte.

– Nun, arme Thierrette. Es will nicht gehen, wie es scheint?

– Ach, mein Herr, ich kann nicht Genüge leisten. Und es liegt doch nicht an meinem guten Willen … Ich biete alle meine Kräfte auf, um zu befriedigen, aber es ist zu viel der Arbeit. Ich werde meine Rechnung verlangen …

– So schnell! Du, ein so starkes Mädchen, mit Deiner Gesundheit und Deinen Muskeln, Du kannst nicht zwei Tage hintereinander schreien: Es lebe die Armee!? … Alle Wetter, wer hat mir einen solchen Schwächling geschickt?

– Einen Schwächling? Ich möchte doch eine Andere an meinem Platze sehen! Mein Herr, sie bringen jetzt ihre Freunde herbei. Ein Regiment ginge noch an, aber die ganze Stadt, das vermag ich nicht. Ich komme nun, um Sie zu bitten, ob Sie nicht ein ruhigeres Haus, selbst mit mehreren Herren, wüßten. Aber höchstens deren fünfzig.

Giglio dachte: Auch diese? Allein das Abenteuer Emmanuela's genügte in seiner Vergangenheit. Er nahm eine dramatische Haltung an und sprach:

– Du willst ohne Zweifel, daß ich Dich Madame Hermosa Alvarez sende, wo man nach den wohlbekannten Sitten der Pariser Gesellschaft den Schmetterlingen vom Moulin Rouge den Rosenkranz aufsetzt und kleine Arbeiterinnen unter den Augen von fünfundzwanzig Zeugen vergewaltigt? Nein, nein, mein Kind, nimm diese Börse, sie ist mit Gold gefüllt. Du empfängst diesen Reichthum aus den geheimen Fonds des Königs. Dazu gebe ich Dir einen Rath: Behalte die Hälfte dieses Goldes Dir und bringe die andere Hälfte dem Herrn Nixis mit dem Versprechen, daß das Gold ihm gehören soll, wenn er Dir die Aufnahme in den Harem verschafft. Dort wirst Du ausruhen, armes Mädchen; ausruhen in jeder Weise.

– Und wird Herr Nixis das Geld annehmen?

– Ja, ja, er wird es einsacken, Thierrette. Dies ist eine Überlieferung in seiner Familie.

Die junge Bäuerin erschöpfte sich in Danksagungen und blieb auf ihrem Platze sitzen.

Giglio verließ sie mit einer Geberde freundschaftlicher Ermuthigung, und lenkte seine Schritte nach den Orten, wo er Emmanuela zu finden glaubte.

Die Patronin des Hauses, eine sehr liebenswürdige Person, trieb die Zuvorkommenheit so weit, daß sie ihn fragte, welche künstlerischen Wünsche er in Betreff des Styls der Einrichtung der Gemächer habe. Mit anderen Worten fragte sie, ob er in einem orientalischen, chinesischen, türkischen oder modern eingerichteten Zimmer empfangen sein wolle.

Giglio erwiderte galant, daß er sich dem Geschmacke seiner Wirthin anvertraue.

Man geleitete ihn in ein Gemach, welches offenbar chinesisch war, denn man hatte die blaue Tapete mit scharlachrothen Drachen bestickt und da ließ man ihn warten mit seinem Bilde allein, welches sich aus zahlreichen, mit sinnigen Sprüchen bedeckten Spiegeln reflektirte.

Fünf Minuten später trat Emmanuela ein und warf sich ihm vertraulich an den Hals.

– Ach, es ist sehr liebenswürdig, daß Sie gekommen sind.

Sie nahm zuerst einen Sessel und setzte sich ihm gegenüber, dann nahm sie eine Haltung an, welche weniger mit ihrem Charakter, als mit ihrer neuen Schulung übereinstimmte und setzte sich rittlings auf die Beine des Pagen, wobei sie die Kühnheiten, welche der stets höfliche Giglio sich sogleich gestattete, mit einem willfährigen Lächeln aufnahm.

– Sie hatten Unrecht, sagte sie; Sie haben zu mir wie ein Freund gesprochen, und ich werde dies niemals vergessen. Ich glaube, ich hatte Unrecht, hieher zu kommen. Ich bin hier nicht glücklicher als in meiner Familie. Und dennoch …

– Dennoch? …

– Ach, das ist ein ganz außerordentliches Abenteuer!

– Erzählen Sie!

– Es ist mein einziger Trost … Sie erinnern sich noch der beiden jungen Mädchen, welche Sie in dem Gasthofe »zum Hahn« gerettet haben? Nun denn, eine derselben ist hieher gekommen. Es scheint, daß sie Geld benöthigte. Ach, wenn Sie meine Freude gesehen hätten, als ich ihrer ansichtig wurde … Man nahm uns zusammen, man nöthigte uns zur Vereinigung … Nicht wahr, es gibt providentielle Zufälle, und wir waren bestimmt, uns eines Tages zu finden, vielleicht für lange Zeit?

– Das leidet keinen Zweifel sagte Giglio, welcher allerlei Verwicklungen voraussah.

– Sie müssen wissen, ich bin ganz vernarrt in sie, – fuhr Emmanuela fort. Ich begreife jetzt Alles, was ich an meinem Fenster mit dem Fernrohre sah … Sie wird nach einer halben Stunde zurückkehren und ich bin darob toll vor Freude … Ach, mein Freund, wenn Sie wüßten, was das ist, seit zehn Jahren Sinne zu haben, und endlich zu entdecken, welche Freuden diese Sinne uns zu bereiten vermögen. Doch ich spreche zu Ihnen von meinen Überraschungen. Grollen Sie mir deshalb nicht, ich bin Ihnen im Grunde sehr dankbar. Ich weiß, daß ich alldies Ihnen zu verdanken habe.

– Sie haben mir Nichts zu verdanken, erwiderte Giglio. Sie schulden mir höchstens so viel, daß Sie 24 Stunden lang mir ein wenig Vertrauen und Freundschaft bewahren. Ich spreche von jener Freundschaft, welche sich auf Händedrücke beschränkt.

– Sie kennen jetzt diese Freundschaft?

– Ja, aber ich versichere …

– Man würde es kaum glauben.

– Soll ich aufhören?

– Nein, nein! Fahren Sie fort! Im Gegentheil … Noch eine halbe Minute und ich werde in Sie verliebt sein in dem Maße, daß ich nicht an mich halten kann.

– So viel verlange ich nicht. Ich habe Ihnen nur ein Wort zu sagen: Glauben Sie, daß ich Ihr Freund bin?

– Ich glaube es, – stellen Sie keine anderen Fragen! Ich glaube es ganz und gar.

– Dann stehen Sie auf. Sie werden an einem anderen Tage in mich verliebt sein.

– Aber ich möchte augenblicklich …

– Sie haben jetzt Besseres zu thun. Ich bin dieser Mühe nicht werth. Behalten Sie sich für Andere vor. Kommen Sie hieher und schreiben Sie einen Brief. Lassen Sie sich das Nöthige bringen.

Eine Sklavin mit einer weißen Haube auf dem Kopfe brachte eine Schreibmappe.

– Sie werden, sagte Giglio, dem jungen Mädchen schreiben, welches Sie hier erwarten.

– Warum?

– Zunächst, um ihr zu sagen, was Sie von ihr denken.

– Sie weiß es.

– Sie weiß es nicht. Eine schriftliche Erklärung gilt mehr als Alles … Sie sagen ihr schriftlich Alles, was Sie sich im Stillen gesagt haben, seitdem sie Sie verlassen hat … Und endlich …

– Aber sie wird ja sogleich da sein.

– Nein, Sie sollen nicht mit ihr sprechen. Das ist sehr wichtig. Sie würden Alles verderben …

– Es sei …

– Sagen Sie also, was Sie von ihr denken, und geben Sie ihr Rendezvous für heute Abend im königlichen Garten, unter dem Monument des Felicien Rops.

– Wird sie dort sein?

– Sie wird dort sein. Ich verbürge es; aber sputen Sie sich, die Zeit drängt.

Emmanuela schrieb den Brief, dann reichte sie ihn dem Pagen mit den Worten:

– Wollen Sie lesen?

Giglio las und rief am Schlusse aus:

– Sie werden diesen Brief nicht absenden. Das ist eine arme Tänzerin, die nur in den Coulissen gelebt hat. Sie kennt nicht die Sprache der vornehmen Gesellschaft, Sie werden sie gar zu stolz machen.

– Das ist mir gleichviel, ich sage, was ich denke, nach der Mode von Tryphema.

– Schließlich vertrauen Sie mir diesen Brief an, ich übernehme es, denselben an seine Adresse gelangen zu lassen.

– Und das Resultat?

– Heute Abends werden Sie mit dieser jungen Person allein sein und Sie werden sie dahin entführen, wohin es Ihnen belieben wird. Ich rathe Ihnen, nach Frankreich.

– Ich glaube, Sie machen sich lustig über mich.

– Warum sollte ich mich über Sie lustig machen? Oder habe ich Sie bisher zu der Annahme berechtigt, daß ich mir schlaue Mystifikationen mit Ihrer Person gestatte?

– Verzeihen Sie mir, mein Freund. Dank, wahrhaft Dank! Werde ich Sie wiedersehen?

– Nein, oder wenigstens nicht diese Woche … Man sieht sich immer wieder: die Welt ist so klein, aber ich verjage Sie von da, wo Sie sind und gebe Ihnen kein Rendezvous. Das ist der beste Beweis für die Gefühle, die ich für Sie hege.

Giglio trennte sich von ihr mit einem Händedruck und eilte zur weißen Aline nach dem Gasthofe »zum weißen Busen«.

.


 << zurück weiter >>