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XX.
Wie die Pläne Pausol's und die Träume Diana's völlig übereinstimmten.

Pausol stand in seinem Zimmer, kreuzte die Arme und schüttelte das Haupt.

– Was will ich hier, in so weiter Entfernung beginnen? sprach er laut. In welches Abenteuer habe ich mich da eingelassen! Ich treibe mich auf den Heerstraßen umher, mehr als drei Kilometer von meinem Palaste entfernt; ich schlafe in einem Bette, welches der Zufall mir bietet, muß auf meine Gewohnheiten und Bequemlichkeiten verzichten. Welch' ein tolles Unternehmen!

Doch Diana, welche viele Gründe hatte, zu wünschen, daß das Abenteuer dem König angenehm scheine und so lange als möglich währe, geleitete Pausol zu einem Lehnsessel und hockte zu seinen Füßen nieder. Den verwickelten Verhältnissen des Lebens setzte sie einen schlichten Verstand entgegen und es hieße sie verkennen, wenn man in ihr ein Genie erblicken wollte; aber sie hatte instinktiv eine gewisse Erfahrung darin erlangt, ihre Politik nach der Psychologie der Liebe einzurichten. Kein anderer Rathschlag, als der ihrige, hatte den König dazu vermocht, seine Abreise zu verschieben in dem Augenblicke, wo sie wünschte, daß er den Palast nicht verlasse. Jetzt galt es, diesen Ausflug zu verlängern und vor Allem daran theilzunehmen, das ist: Verzeihung zu erlangen für diese lästige und den Palastregeln widerstrebende Verfolgung. In diesem letzteren Punkte war sie der Meinung, daß das Schweigen ihr nützlicher wäre, als das Reden, denn die Entschuldigungen erinnern sicherlich mehr an die Schuld, als daß sie sie mildern, und rufen den Unmuth selbst dann hervor, wenn sie Worte der Verzeihung erlangen.

Diana entschuldigte sich denn in keiner Weise. Sie zählte nur auf den Einfluß ihres persönlichen Glückes, um das Gemüth des Königs zu beschwichtigen und erhob zu ihm ein Antlitz, dessen Ruhe nur durch den Glanz eines Auges getrübt ward.

– Wie wohl fühle ich mich hier, sagte sie, und welch angenehme Erinnerung werde ich später haben, wenn ich an dieses Gastzimmer denken werde! Sehen Sie: unser Hauswirth hat Alles nach Ihrem Geschmack angeordnet. Es ist bequem und kühl zwischen diesen Wänden. Hier ein niedriger Divan, dort ein höherer und weniger fester; und dieser, der so breit ist, und jener, der so geschickt in dem Luftzug des großen Fensters steht. Hier Citronen und Zucker und da Ihr Portwein. Ich habe welchen mitgebracht, weil ich fürchtete, daß man daran vergessen habe.

– Ist's wahr? fragte Pausol.

– Wollen Sie jetzt davon trinken?

– Nein; es genügt, daß ich ihn in meinem Bereich weiß. Es würde mich sehr geärgert haben, ihn vor dem Einschlafen nicht zur Hand zu haben.

– Morgen Früh werden Ew. Majestät auch Ihre spanische Chokolade haben, welche ich sehr dunkel und von ganz gleichmäßiger Dicke bestellt habe.

– Das ist gut.

– Vor Allem aber habe ich verlangt, daß in dem Schlosse die tiefste Stille herrsche, insolange Ew. Majestät Ihr Erwachen nicht anzuzeigen geruht haben.

– Das ist in der That sehr wichtig.

– Auch Ihre Kammerfrau wird zur Stelle sein. Morgen Früh, wenn ich statt Ew. Majestät läute, wird sie erscheinen; und ich habe ihr sagen lassen, daß sie zu schweigen habe. Denn man hat mir erzählt, daß sie heute Morgens Ew. Majestät gelangweilt habe. Endlich habe ich Madame Lebirbe gebeten, zwei mit Roßhaar gefüllte Pölster zu beschaffen, da ich weiß, daß Ew. Majestät nicht gern auf Federkissen ruhen.

– Ach, das ist ausgezeichnet! Laß' Dich umarmen, Puderquaste! Komm' auf diesen niedrigen Divan. Die Sitze sind hier in der That bequem und dies versöhnt mich mit meinem Zimmer. Du hast also, wie es scheint, mit Madame Lebirbe viel geplaudert?

– Ja, viel. Wir sind ein wenig verwandt. Ihre Schwester, welche einen Arzt geheirathet hat, war drei Jahre lang die Geliebte meines Vaters gewesen. Madame Lebirbe hat mich sogleich daran erinnert.

– Und ist diese Schwester eine Wittwe?

– Nein. Sie hatte zuerst ein Kind von ihrem Gatten und dann zwei Söhne von meinem Vater.

– Ich liebe solche Dinge nicht, sagte König Pausol. Warum hat sie sich nicht ganz offen von ihrem Gatten scheiden lassen?

– Weil mein Vater ebenfalls verheirathet war und meine Mutter in solchen Dingen keinen Spaß verstand. Bei ihr konnte von einer Vielweiberei keine Rede sein. Ich erinnere mich, daß es endlose Scenen gab, wenn Papa Maitressen ins Haus nahm. Er konnte keine länger als acht Tage behalten.

– Du gleichst Deiner Mutter, sprach der König; Du hast die arme Denyse, die ich heute Morgens sah, gräulich zerkratzt.

– Sie haben sie weggeschickt, Sire. Ach, wie glücklich war ich, als ich sie in den Harem zurückkehren sah. Auch dieser Freude werde ich nicht so bald vergessen … aber diejenige, die ich heute Abend habe, ist noch lieblicher.

Pausol legte ihr eine Hand auf die Schulter.

– Du führst denn im Harem ein sehr trauriges Leben, Puderquaste! Ich vermuthe dies aus allen Deinen Worten.

– O ja, sehr traurig war es im letzten Jahr, aber sehr glücklich ist es seit zwei Tagen.

– Das ist trostlos. Aber was ist zu thun? Ich will Dich nicht zwingen, Kleine, weder Dich, noch die anderen Frauen. Wenn ich den Harem so streng bewachen lasse, so geschieht es, weil es mir persönlich sehr unangenehm wäre, betrogen zu werden. Aber ich halte Niemanden mit Gewalt zurück.

– Können Ew. Majestät so zu mir sprechen? Lieben Sie mich so wenig? fragte Diana erbleichend.

– Puderquaste, ich liebe Dich sehr und deshalb werde ich Dir Deine Freiheit wiedergeben an dem Tage, an welchem Du sie von mir verlangen wirst.

– Ich werde sie niemals von Ew. Majestät verlangen.

– Und Du siehst voraus, daß Du unglücklich bleiben wirst?

– Ja; aber jedes Jahr um einen Tag weniger unglücklich.

– Das ist trostlos, wiederholte Pausol.

Unzufrieden mit der Wendung, welche das Gespräch genommen, fragte sich Diana schon, wie sie den König überreden werde, in ihr allein dreihundertfünfundsechzig verschiedene Frauen zu sehen. Allein in dem Kopfe des guten Pausol gab es Skrupel ganz anderer Art.

– Ich sollte vielleicht weiter gehen, sagte er. Ich habe schon daran gedacht. Ei, wie schwer ist es doch manchmal, sein eigenes Glück und seine eigene Freiheit mit der Freiheit und dem Glücke der Anderen in Einklang zu bringen! Das ist ein unmögliches Ideal! Man muß immer bereit sein, ein Opfer zu bringen. Dann handelt es sich darum, zu wissen, wer sich opfern soll. Ich bin geneigt, diese Frage gegen mich zu lösen, wenn ich dadurch der Gerechtigkeit näher komme.

– Gegen Sie?

– Ja. Ich bin darüber im Klaren, daß, indem ich diese jungen Frauen fast während ihrer ganzen Jugendzeit zu absoluter Enthaltsamkeit nöthige, ich sie zu theuer jene Genugthuungen erkaufen lasse, welche der Titel einer Königin ihrer Liebe oder häufiger ihrer Eitelkeit zu bieten vermag. Sie fügen sich darein, ich weiß es wohl. Aber es ist dennoch gegen die Natur und ich habe mich oft gefragt, ob ich nicht das Pagenkorps Tag und Nacht gegen den Harem loslassen und die Augen davorschließen sollte, was sich wahrscheinlich ereignen würde. Ich habe mich nicht dazu entschlossen, aber ich habe den Gedanken auch nicht von mir gewiesen. Das sind bartlose Kinder, wegen deren man vernünftigerweise nicht eifersüchtig sein sollte. Und wenngleich ich voraussehe, daß ihre Spiele mir einige Sorge verursachen würden, so würde ich mich doch dazu verstehen, als zu der am wenigsten ärgerlichen Lösung, mit der Genugthuung, einige Freude den freiwilligen Gefangenen bereitet zu haben, die mich umflattern … Puderquaste, es wird spät. Ich bin viel auf dem Maulthier geritten und fühle mich müde.

*

Gegen sechs Uhr Morgens wurde Diana mit der Puderquaste durch einen schon warmen Sonnenstrahl geweckt.

Pausol schlief auf dem Rücken, die Nase hoch, der Mund weit offen.

Sie wandte sich um, that die Beine auseinander, dehnte sich, wobei sie die Fäuste ballte und die Brüste emporstreckte, dann sank sie zurück und runzelte die Stirn.

Träumte sie noch? Das war fast sicher, denn mit noch befangenem Sinn von den letzten Worten des Königs hatte sie folgende Vision:

Die Thür, die man halb offen gelassen hatte, um in dieser heißen Nacht ein wenig frische Luft einzulassen, drehte sich langsam in ihren Angeln. Ein Page trat ein, zuerst behutsam, dann sicherer, dann unternehmend. Zwei leichte Hände strichen köstlich über ihre warme, feuchte Haut. Eine glatte, kosende Wange rieb sich an ihre linke Brust … Dann mengte ein lüsternes Lächeln sich mit dem ihrigen. Sie flüsterte (mit ihrer Traumstimme): »Haben Sie Acht!« Und sie glaubte, daß man ihr antwortete: »Nichts weckt den König, Madame.« Und als sie sich dann auf die linke Seite umwandte, um den Schlaf des Königs besser zu überwachen, schien es ihr, daß der Page sich ihr gegenüber weit mehr als Gatte denn als treuer Diener betrug; aber der Eindruck, den sie davon hatte, war so lebhaft, daß Diana darüber völlig das Bewußtsein verlor und von der Höhe ihres Traumes in finstere Vernichtung sank …

 

Ende des zweiten Buches

 

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