Robert Kraft
Die Vestalinnen, Band 2
Robert Kraft

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Die Vestalinnen

Eine Reise um die Erde

Abenteuer zu Wasser und zu Lande.

Erzählt nach eigenen Erlebnissen von

Robert Kraft

Band II.

1.

Die schwarze Maske

I
n einer Schenke zu Townville stand an der Bar ein Mann und betrachtete aufmerksam das Treiben der Gäste. Dieses Zimmer unterschied sich durch nichts von anderen Bierstuben, wo Matrosen verkehren. Tabaksrauch füllte die Luft und wehte dem Eintretenden erstickend entgegen, braune Gesichter mit der kurzen Tonpfeife im Mund und die Bar mit den darauf aufgebauten Gläsern und Liqueurflaschen.

Jetzt löste sich von einer Gruppe ein Matrose ab, trat an den Schenktisch und verlangte ein Glas Brandy mit Wasser. Er trank das vorgesetzte Glas aus und warf die kleine Silbermünze wie aus Versehen in dasselbe hinein, drehte sich um und ging zur Tür hinaus, gefolgt von dem ersten Manne, der seinen Bewegungen scharf gefolgt war.

»Das war sicher ein Zeichen,« brummte der Wirt vor sich hin, nachdem die beiden die Stube verlassen hatten, »der Weißkopf mit dem einen Auge hat schon den ganzen Abend hier gestanden und darauf gewartet, daß er dieses Signal bekam. Spitzbubengesindel!«

Die beiden Männer wanderten unterdes durch die dunklen Straßen der Hafenstadt.

»Wer seid Ihr?« fragte nach längerem Stillschweigen derjenige, welcher dem Matrosen gefolgt war.

»Laßt Euch genügen, daß ich Euch kenne, Seewolf,« flüsterte der Matrose, »Ihr kennt mich doch nicht.«

»Ihr seid an Bord des Passagierdampfers, der heute in Townville angekommen ist?«

»Ja, doch laßt jetzt das Fragen! Ihr seht, ich bin eingeweiht und erfülle einen Auftrag, wenn ich Euch führe.«

Aber der Seewolf schien ein böses Gewissen zu haben. Wenn er auch keinen Verrat fürchtete, so hatte doch die Vorschrift, die er vor einigen Tagen bekommen, diesem Matrosen dahin zu folgen, wohin er ihn führte, etwas Beunruhigendes für ihn. Deshalb konnte er sich nicht enthalten, weiterzufragen:

»Kennt Ihr den Ort, wohin Ihr mich führt?«

»Nein,« war die Antwort, »ich führe Euch nur an einen Wagen, der unserer wartet, und dieser wird Euch dahin bringen, wo man Eurer bedarf.«

»Das ist ja furchtbar geheimnisvoll,« lachte der Seewolf, aber sein Lachen klang sehr unsicher. »Seit wann werde ich so zimperlich behandelt?«

Der andere warf ihm einen spöttischen Blick zu.

»Kapitän,« sagte er dann, »Ihr dauert mich; Ihr habt solches Unglück gehabt, daß Ihr es bald nicht mehr aushalten könnt. Entweder – oder, so wird es auch nächstens bei Euch heißen.«

»Was wißt Ihr davon?« brummte der Bedauerte mürrisch. »Ihr seid doch bloß Matrose.«

»Das bleibt sich gleich. Ich möchte um alles Geld der Welt nicht mehr ein eigenes Schiff kommandieren, die Verantwortung ist zu groß. Habt Ihr schon gehört, daß Kapitän Blutfinger und Kapitän Demetri samt ihren Mannschaften spurlos verschwunden sind?«

Der Seewolf knirschte mit den Zähnen.

»Ich weiß es, und Ihr scheint gut Bescheid in unseren Sachen zu wissen, seid wahrscheinlich mehr als ein Matrose. Ich habe die Geschichte bald herzlich satt, mich von diesen Frauenzimmern an der Nase herumführen zu lassen.«

»Gebt acht, daß der Meister nicht auch bald die Sache satt bekommt!« klang es ernst aus dem Munde des Matrosen. »Darum will er Euch wahrscheinlich sprechen – aber nur unter uns gesagt.«

Erschrocken blieb der Pirat stehen.

»Sprecht Ihr im Ernst?«

»Nun, nun,« beschwichtigte der andere, »so schlimm wird es nicht gleich werden! Jedenfalls bekommt Ihr neue Instruktionen oder jemanden an Bord, dem Ihr Euch zu fügen habt.«

Unwillig murmelnd ging der Seewolf neben dem Matrosen her, bis dieser auf einen Wagen deutete, der aus dem Dunkel der Nacht vor ihnen auftauchte.

»Wir sind am Ziel,« sagte er und öffnete den Schlag. »Behaltet nur den Kopf oben, es wird Euch nicht an den Kragen gehen.«

Als der alte Pirat allein war, orientierte er sich erst über das Innere des Wagens und fand, daß dieser gar keine Fenster hatte, ebensowenig Handgriffe, um die Türen zu öffnen, daß er also in einer Mausefalle saß. Aber auf ähnliche Weise war er schon oft transportiert worden, wenn ihn eine Persönlichkeit sprechen wollte, die Ursache hatte, ihre Anwesenheit in einer Stadt zu verheimlichen, und so machte er sich weiter keine Sorgen darüber.

Der Wagen machte eine lange Fahrt. Unzählige Male bog er um Ecken, fuhr lange Zeit gerade aus und bog dann wieder um oder fuhr einen Kreis, sodaß selbst ein besserer Kenner von Townville, als der Seewolf, vollständig irregeführt worden wäre.

Endlich, als er eben über ein holpriges Pflaster gerasselt war, hielt der Wagen; sofort wurde der Schlag geöffnet, und der Seemann sah sich in einem Hofe, welcher rings von Gebäuden eingeschlossen war.

Ehe er sich weiter umblicken konnte, wurde er schon von dem Manne, der den Wagen geöffnet hatte, genötigt, in das nächste Haus einzutreten und eine Treppe hinaufzusteigen.

»Es ist fast ebenso ein Haus wie das damals in New-York,« dachte der Seewolf, und erschrocken prallte er zurück, als er in ein Zimmer trat und ebendenselben Schwarzmantel mit der Maske vor sich stehen sah, von dem er den ersten Auftrag bekommen hatte.

Gerade wie damals lehnte der Unbekannte mit gekreuzten Armen an einem Tisch und ließ die grauen Augen unter der Maske hervor dem Eintretenden entgegenfunkeln.

»Ihr habt meinen Auftrag bis jetzt schlecht besorgt, Seewolf,« hörte der Pirat dieselbe tiefe, rauhe Stimme sagen, die er schon einmal gehört.

»Ich habe getan, was ich konnte. Die Mädchen sind schlau, und die Engländer, die sie begleiten, wachen über sie, wie Katzen über ihre Jungen. Sie sagten mir zwar, ich sollte nur die Kapitänin aus dem Wege schaffen, aber – –«

Der Seewolf schwieg verlegen, weil er nicht wußte, ob er diesem Manne alles sagen durfte. Vielleicht hatte derselbe nur einmal die Hilfe des Meisters in Anspruch genommen.

»Ich weiß alles,« sagte aber der Unbekannte, »Ihr habt den Gegenbefehl erhalten, und zwar Miß Petersen sowohl, als auch möglichst viele der anderen Damen gefangen zu nehmen. Aber ich sehe, daß Ihr diesen Aufgaben nicht gewachsen seid.«

»Oho,« entgegnete trotzig der Pirat, »kommt Zeit, kommt Rat! Es ist keine Kleinigkeit, eine ganze Schiffsbesatzung auszuliefern. Wenn Sie mir sagten, ich sollte das ganze Schiff verschwinden lassen, so suchen Sie einmal einen anderen, der schneller arbeitet als ich. Mein Leben und das meiner Mannschaft kommt dann nicht mehr in Betracht, ich greife an und ruhe nicht eher, als bis die letzte Planke des Schiffes unter Wasser sinkt. Aber zu dem, was Sie oder andere jetzt verlangen, muß mir Zeit gelassen werden.«

»Der ›Friedensengel‹ ist erkannt worden,« unterbrach ihn die Maske.

»Macht nichts weiter,« lachte der Seewolf, »dieser Schaden wird bereits ausgebessert.«

»Wo liegt Ihr jetzt?«

»Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das zu sagen brauche!«

»Gehorcht mir und beantwortet, was ich Euch frage!«

Der Einäugige hatte bis jetzt unverwandt die linke Hand des Maskierten, welche behandschuht war, angestarrt. Bei seiner ersten Begegnung mit dem Schwarzmantel hatte er bemerkt, daß der kleine Finger des linken Handschuhes ohne allen Zweifel nur ausgestopft war, daß dem Manne dieser Finger also fehle, und dann, dachte der Seewolf, könntest du den Mann vielleicht kennen, und das wäre sehr viel wert.

»Ich weiß noch gar nicht, wen ich vor mir habe,« antwortete er auf den mit herrischer Stimme gegebenen Befehl.

»Sehet her! Kennt Ihr das Siegel?«

Der Schwarzmantel zog ein Kuvert aus der Tasche und hielt es dem Piraten vor die Augen – es trug das Siegel des Meisters.

»Das genügt mir nicht,« sagte er kurz. »Sie können das Ding ja gefunden haben.«

»Torheiten,« murrte der Schwarzmantel, »ich bin mehr, als Ihr denkt.«

Er streifte den Handschuh von der linken Hand und streckte diese vor. Am Zeigefinger funkelte ein großer Siegelring, und der Pirat erkannte sofort auf dem Steine das Zeichen des Meisters, aber zugleich auch, daß an dieser weißen, schlanken, aber nervigen Hand kein Finger fehlte.

Der Seewolf war vollständig verblüfft; er konnte darauf schwören, daß dem Schwarzmantel in New-York der kleine Finger gefehlt hatte, und doch sah dieser Mann in Größe und Gestalt jenem vollkommen ähnlich, so weit man dies unter dem Mantel beurteilen konnte; es waren dieselben Augen, dieselbe Stimme. Aber nein, dieser hier war ein anderer.

Der Bandit hatte das Erkennungszeichen, welches nur ein Vorgesetzter der Bande tragen konnte, gesehen, und war bereit, zu antworten.

»Der ›Friedensengel‹ liegt nicht weit von hier im Hafen einer kleinen Insel und wird umgetakelt. Welchen Namen er und ich jetzt bekommen sollen, weiß ich noch nicht, ich habe noch keine Instruktion darüber empfangen.«

»Wißt Ihr, wo die Damen jetzt sind?«

»Ja, die ›Vesta‹ liegt hier im Hafen.«

»Ist die Besatzung vollzählig?«

»Nein, vier von den Damen sind nach Hughenden gefahren, darunter Miß Petersen, um von dort aus nach einer Farm zu reisen.«

»Könnt Ihr der Kapitänin nicht während dieser Reise beikommen?«

Der Pirat zuckte zweifelnd die Achseln.

»Ich bin Seemann,« sagte er dann, »und weiß mich am Lande nicht zu benehmen und gleich gar nicht in solchen Wildnissen, wie in Australien.«

»Eine bessere Gelegenheit bekommt Ihr aber nie wieder. Im Busch kann leicht jemand verschwinden, man schreibt dann einfach die Schuld den Schwarzen zu.«

»Das ist richtig,« stimmte der Seewolf bei, »aber wie soll ich das anfangen? Ich kann mit meinen Teerjacken nicht im Walde herumkriechen, das bringen die ebensowenig fertig, wie ich.«

»Wohin sind die fünf Leute gekommen, die in Sydney verhaftet wurden?«

»Nach Hughenden in den Steinbruch, eine verdammt harte Arbeit dort.«

»Wißt Ihr aber auch, daß die Sträflinge vor zwei Tagen ausgebrochen sind?«

»Was?« rief der Seewolf freudig, »Hurra, das haben gewiß meine Kerle angestiftet! Keine Ahnung habe ich davon gehabt. Dann bekomme ich sie jedenfalls an Bord zurück.«

»Glaubt das ja nicht,« sagte der Schwarzmantel in höhnischem Tone. »Diese Burschen haben Euer Kommando, das nichts einbringt, satt, und wollen jetzt auf eigene Faust operieren. Sie sind bereits im Begriff, eine wohlorganisierte Bande zu bilden und allen Farmern im Norden Australiens den Krieg zu erklären.«

Völlig erstarrt hatte der Seewolf dieser Mitteilung gelauscht.

»Der Donner soll sie rühren,« schrie er dann heftig, »wenn sie nicht wieder an Bord kommen! Mit meinen eigenen Händen hänge ich sie auf, geraten sie mir einmal in die Quere.«

»So dumm werden sie wohl nicht sein,« lachte der Schwarzmantel.

»Und Sie?« fragte dann der Seewolf erstaunt. »Lassen Sie sich das ruhig gefallen?«

»Ich?« sagte der Gefragte kurz. »Das ist nicht meine Sache, sondern die des Meisters.«

»Das meine ich eben. Wird der Meister ruhig zusehen?«

»Es wird ihm sogar lieb sein, daß sich hier oben eine solche Bande gebildet hat. Eben diese Leute sind auserlesen, bei der Geschichte eine wichtige Rolle zu spielen.«

Der Seewolf kratzte sich hinter den Ohren. Die Mädchen schienen ihm entgehen zu sollen und somit auch die versprochene Belohnung, und mehr als das, die Freiheit.

»Beruhigt Euch, Mann,« fuhr der Schwarze fort, »auch Ihr sollt eine wichtige Rolle dabei spielen, und die Euch versprochene Prämie soll Euch nicht entgehen. Wir haben eingesehen, daß Ihr zu feinen Sachen nicht die geeignete Persönlichkeit seid, dafür aber paßt Ihr desto besser zum Dreinschlagen.«

»Donner und Hagel,« schrie der Pirat erfreut, »da habt Ihr mich richtig erkannt. Wo ist das Schiff, welches ich nehmen soll?«

»Es ist kein Schiff, Ihr habt erst eine diplomatische Arbeit auszuführen,« klang es lächelnd unter der Maske hervor, »aber dann sollt Ihr einmal Eure Hände nach Herzenslust in Blut waschen können.«

»Ich als Diplomat?« lachte der Pirat laut auf. »Sie spaßen Wohl, Herr. In Stehkragen und Glacéhandschuhen würde ich mich ebenso lächerlich machen, wie ein Kaffer, der den Gentleman spielen will. Nein, zu so etwas bin ich nicht zu brauchen!«

»Ihr seid aber doch die geeignetste Person dazu; allerdings führt Euch dies Geschäft für einige Zeit an Land.«

Der Pirat zog ein bestürztes Gesicht.

»Ihr sollt nämlich diese Bande der ausgebrochenen Sträflinge für uns gewinnen,« fuhr der Schwarzmantel fort, »wenigstens zu dem Unternehmen, das wir vorhaben, dann mögen sie ihr Unwesen so lange treiben, bis sie am Galgen hängen – lange wird es nicht dauern. Ihr kennt fünf der Entsprungenen persönlich, der eine von ihnen, Manzo heißt er, hat sich unter ihnen bereits zu einer Art von Hauptmann aufgeschwungen, und den müßt Ihr hauptsächlich bearbeiten. Schwer wird Euch dies alles nicht werden.«

»Aber wie und wo soll ich die Bande treffen? Australien ist groß, und ich bin im Aufspüren unbewandert.«

»Laßt es gut sein, Ihr werdet einen Ort bezeichnet bekommen, wo Ihr sicher zu ihnen stoßen werdet,« entgegnete die Maske.

»Und dann sollen wir die Mädchen fangen, welche jetzt wahrscheinlich wieder in Begleitung von einigen jener verdammten Engländer auf der Farm sind?«

»Nein, Eure Aufgabe ist eine andere. Es gilt jetzt, die Damen für immer von den Engländern zu trennen, erst dann wird es Euch leicht sein, Euch der Mädchen zu bemächtigen.«

»Well, Sir, ich habe verstanden. Gebt mir meine Instruktionen.«

Sie besprachen sich lange, und endlich händigte der Schwarzmantel dem Piraten das Kuvert ein, welches er ihm schon vorher gezeigt hatte.

Dann räusperte sich der Maskierte vernehmlich, wahrscheinlich ein Zeichen für einen draußenstehenden Bedienten und sagte:

»Kennt Ihr den ›Blitz‹?«

»Allerdings,« entgegnete der Pirat, »mehr als mir lieb ist.«

»Was haltet Ihr von ihm?«

»Er ist ein fixer Segler, die Besatzung ist tüchtig und noch tüchtiger der Kapitän, mehr kann ich Ihnen nicht sagen.«

»Fällt Euch nicht auf, daß die Bemannung ungewöhnlich stark ist?«

»Der ›Blitz‹ ist ein Lustschiff, das heißt, der Kapitän fährt es zum Vergnügen; und es fällt nicht auf, wenn auf solchen viele Matrosen gehalten werden.«

»Kennt Ihr den Kapitän?«

»Dem Namen nach, sonst nicht weiter.«

»Wißt Ihr nichts von seiner Vergangenheit? Unter Euren Leuten sind viele, die sich in der Welt umhergetrieben haben. Vielleicht, daß diese über ihn gesprochen haben?«

»Gar nichts weiß ich von ihm; ich habe das Schiff, welches früher öfter mit der ›Vesta‹ zusammensegelte, überhaupt seit längerer Zeit nicht mehr gesehen.«

»Es ist gut. Geht jetzt! Der Wagen wartet bereits unten auf Euch.«

Der Seewolf machte eine linkische Verbeugung und entfernte sich durch die Tür, während der Zurückgebliebene die Lampe höher schraubte und mit langen Schritten im Zimmer auf- und abging.

Es dauerte nicht lange, so klopfte es wieder an die Thür, der Schwarzmantel nahm seine alte Stellung am Tisch ein, und auf sein ›Herein‹ trat ein anderer Mann ins Zimmer, elegant gekleidet, mit einem großen, schwarzen Vollbart.

Die Maske musterte einige Zeit lang schweigend den Neuen, der sehr unruhig zu sein schien, und sagte dann:

»Kapitän Burns, ist das nicht richtig?«

Erschrocken taumelte der Angeredete zurück.

»Woher kennen Sie mich?« stammelte er verwirrt.

Da der Schwarzmantel nicht antwortete, so fand er Zeit, sich wieder zu sammeln, und sagte, auf den am Tisch Lehnenden zutretend:

»Ich bin hierhergeführt worden unter der Angabe, ein Herr wolle mich sprechen, der Anteil an mir nähme. Wenn Sie der Freund sind, warum zeigen Sie nicht Ihr Gesicht?«

»Ich verhülle das meinige mit einer Maske, wie Sie das Ihrige mit einem falschen Bart,« lächelte der Schwarzmantel. »Wir sind sehr genau über Sie unterrichtet, wie Sie merken können, und wenn Ihnen die Nennung Ihres richtigen Namens noch nicht dafür bürgt, so kann ich Ihnen auch noch mehr erzählen.«

»Was wünschen Sie von mir?« fragte der Bärtige kurz, aber aus seiner Stimme konnte man die Angst heraushören, die in ihm wühlte.

»Sie waren der Kapitän, der vor vier Jahren die ›Gazelle‹ in die Luft sprengte, um die hohe Versicherungssumme zu erhalten. Hm, in der Tat nicht übel, aber Sie haben sich hinterher so töricht benommen, daß Sie sich nirgends mehr sehen lassen können, ohne befürchten zu müssen, daß man Ihnen dieses Verbrechen an den Augen abliest.«

»Woher wissen Sie dies alles?« rief der Bärtige, mehr erschrocken als erstaunt.

»Ich könnte Ihnen noch viel mehr erzählen,« fuhr der Sprecher fort, »aber es mag Ihnen genügen, wenn ich Ihnen sage, daß Sie sich durchaus nicht in Sicherheit wiegen dürfen. Das in London stehende Geld ist Ihnen überhaupt verloren, weil Sie nicht wagen können, es abzuholen, und das, was Sie in Kooktown haben, ist Ihnen seit der letzten Affäre auch unzugänglich geworden.«

»Ich weiß es,« sagte der mit Kapitän Burns Angeredete.

»Trotzdem aber sollen Ihnen beide Summen zukommen, wenn Sie gewillt sind, ein Geschäft zu unternehmen.«

»Was ist es?« fragte der Bärtige freudig aufblickend.

»Eine Kleinigkeit, ohne jede Gefahr für Sie. Sie waren in Amerika?«

»Lange Zeit.«

»So sprechen Sie den amerikanischen Akzent?«

»Als wäre ich in den Vereinigten Staaten geboren, das heißt, wenn ich will.«

»All right, so hören Sie mir zu!«

Der Bärtige lauschte aufmerksam, aber bald nahmen seine Gesichtszüge einen besorgten Ausdruck an.

»Sie werden mich erkennen,« sagte er schließlich, als der Schwarzmantel geendet hatte.

»Seien Sie ohne Sorge, ohne diesen Bart werden Sie ein vollständig verändertes Aussehen haben, und außerdem habe ich noch ein Mittel, Sie zu sichern.«

»Gut, und für wen unternehme ich dies?«

»Das ist der einzige Punkt, über den ich Sie nicht aufklären kann, wenigstens jetzt noch nicht. Sie erfahren es aber, sobald Sie Ihren Auftrag erledigt haben.«

»Und ich soll ohne jede Sicherheit einen solch gefährlichen Auftrag ausführen?«

»Ich gebe Ihnen hiermit die Summe, die Sie in Kooktown stehen haben, mir wird es nicht schwer werden, sie zu erheben.«

Der Schwarze holte eine Brieftasche unter dem Mantel hervor und händigte sie dem Erstaunten ein.

»Es sind dreitausend Pfund, Sie können sich davon überzeugen. Versuchen Sie aber nicht, sich mit dieser Summe davonzuschleichen, denn ebenso sicher, wie ich Sie kenne und gefunden habe, werde ich Sie immer wieder zu treffen wissen. Morgen früh werden Sie die weiteren Anordnungen erhalten. In diesem Hause sind Sie sicher, darüber können Sie vollkommen beruhigt sein.«

Der Schwarzmantel machte eine entlassende Handbewegung, und Kapitän Burns, oder auch Elidoff, der Russe, von der Insel der Glücklichen, entfernte sich.

2.

Die Tochter des Häuptlings.

Kehren wir nun noch einmal zu dem Augenblick zurück, als Jessy, von heftigem Durst gequält, sich dem Ort näherte, von wo sie das Murmeln der Quelle vernahm!

Wie freute sie sich, als sie auf der Anhöhe angekommen war und nun zu ihren Füßen einen kleinen Wasserfall sah!

Sie kletterte hinab, hielt sich an den Zweigen eines Busches fest und bog sich weit vor, um die Flasche mit dem erquickenden Naß zu füllen, als sich plötzlich ein Arm um ihre Taille legte.

»Unverschämt,« rief das Mädchen unwillig und wandte sich um.

Sie hatte nicht anders geglaubt, als daß der kräftige Arm, der sie umschlang und emporhob, der eines Herrn war, welcher vielleicht erwacht, ihr nachgeschlichen war und sich nun diesen Spaß mit ihr erlaubte; aber ihr Antlitz erstarrte vor Schreck, als sie in das häßliche Gesicht eines Australnegers blickte.

Sie fand fast keine Zeit, um Hilfe zu schreien, denn mit flüchtigen Sätzen, das Mädchen wie eine Feder auf dem Arme tragend, sprang der Neger so schnell wie das Känguruh seiner Heimat davon, ohne nach Atem zu ringen, als wenn er keine Bürde trüge.

Aber in der nächsten Minute hatte sich Jessy von ihrem Schreck erholt, sie stemmte beide Arme gegen die Brust des Mannes, und suchte sich von diesem zu befreien, dabei laut um Hilfe rufend; aber der Neger schlang den freien Arm um sie und drückte sie fest an seine Brust, und, obgleich er sich Mühe zu geben schien, ihr nicht wehe zu tun, besaß er doch eine so furchtbare Stärke, daß sich Jessy nicht rühren und auch nicht nach ihrem Revolver greifen konnte.

Ihre einzige Hoffnung war, daß ihre Gefährten das Hilferufen gehört hatten, und wenn sie den Neger auch nicht gleich einholen könnten, so doch hinfort auf seiner Spur bleiben würden.

Der Eingeborene rannte, daß dem Mädchen fast der Atem verging, und dabei bemerkte es doch, daß er von Stein zu Stein sprang, nie aber den Lehmboden berührte. Erst war ihr unklar, warum, dann aber fiel ihr ein, daß er keine Spur hinterlassen wollte, und eine neue Sorge beschlich ihr Herz.

Jessy besaß ein mutiges und unverzagtes Herz, und so vermochte auch diese Entführung nicht, sie niederzuschlagen. Sie war ja auf Abenteuer ausgegangen, als sie New-York verließ, nicht um eine Vergnügungsfahrt zu machen.

Wollte der Wilde sie auffressen?

Sie wußte es nicht.

Himmel, wie konnte dieser Kerl laufen!

Das alles schoß blitzartig durch Jessys Kopf, und sie beschloß, sich vorläufig ruhig zu verhalten, um kein Mißtrauen zu erwecken. Dann gab der Mann vielleicht ihren Arm frei, und sie konnte versuchen, Zweige abzupflücken oder ab und zu etwas fallen zu lassen, damit die Freunde auf ihrer Spur bleiben konnten.

Zehn Minuten wohl mochte der Schwarze durch das Hügeltal gerannt sein, durch welches der Bach floß, als er den Ausgang erreichte und zugleich auf einen Fluß traf, in den die Quelle mündete. Er war ziemlich breit und äußerst reißend.

An einer Stelle des Ufers erblickte Jessy etwa acht bis zehn halbnackte, schwarze Gestalten, welche eben einige Gegenstände ins Wasser schoben.

Der Eingeborene lief mit dem Mädchen auf diese Gruppe zu, und ein Freudengeheul erhob sich, als die beiden erblickt wurden. Die Leute hoben die Arme zum Himmel und tanzten mit seltsamen Sprüngen um Jessy herum, die noch immer auf dem Arme ihres Entführers saß.

Ihre Vermutung bestätigte sich, die dunklen Gegenstände, die da im Wasser lagen, waren Boote, aus Rinde gefertigt, wie die der Indianer, nur noch viel leichter und zerbrechlicher als deren Kanus.

Ohne weiteres trat der Eingeborene in eines dieser Fahrzeuge und ließ Jessy zu Boden gleiten. Sie stieß einen schwachen Schrei aus, denn das Boot wollte bei jeder Bewegung des Negers umschlagen, und das Wasser war nur einen Finger breit unter dem Rande, aber da es dennoch nicht umstürzte, so beruhigte sie sich wieder.

Ein anderer Neger warf dem ersteren einen Baumast zu, den er geschickt auffing, löste dann das Bastseil am Ufer, und wie ein Pfeil schoß das Boot den Bach hinab, gefolgt von den anderen vier, in denen je zwei und drei Eingeborene saßen. Der Steurer saß hinten, hielt den Baumast ins Wasser und lenkte das Boot so geschickt den reißenden Bach hinab, daß das Fahrzeug niemals das Ufer berührte, was gleichbedeutend mit einem Zertrümmern desselben gewesen wäre.

Nur einmal, als der Bach eine scharfe Wendung machte, wodurch das Wasser sich sehr staute, sprangen alle ans Ufer und trugen die Boote über die Strömung hinweg mit Ausnahme desjenigen, der im Boote Jessys gesessen und sie entführt hatte, denn dieser nahm das Mädchen sofort wieder auf den Arm.

Die Gefühle, welche Jessy durchbebten, als sie weiter und weiter von ihren Freunden entfernt wurde, lassen sich nicht beschreiben, aber sie besaß doch noch Fassung genug, ihre Räuber aufmerksam zu betrachten.

Ihre Gestalten waren hoch und wohlgebaut, aber sehr mager, die Haut war ganz schwarz, und die Kleidung bestand nur aus einem Stück Leder, das sie sich um die Hüften gewunden hatten. Die Gesichtszüge waren abstoßend häßlich, die Backenknochen traten stark hervor, die Nasen waren platt gedrückt und die Augen tiefliegend. Das Haar war nicht schlicht, aber auch nicht wollig, wie bei den Negern Afrikas, sie trugen es hoch aufgesteckt und schienen dasselbe mit großer Sorgfalt zu pflegen. Einige hatten Glasschmuck darin angebracht.

Ein besseres, ja einnehmenderes Aeußere hatte der Eingeborene, der Jessy geraubt.

Sein Wuchs war bedeutend kräftiger, Arme und Beine strotzten von Muskeln, und das Gesicht besaß wohl auch den Charakter der übrigen, aber es zeigte auffallend gutherzige Züge, es ließ auf einen milden Sinn schließen. Sein Schurz war von sorgfältig gegerbtem Leder gearbeitet und mit bunten Muscheln über und über bedeckt, wie auch das Haar mit einer Kette von kleinen Goldkugeln durchflochten war. Jedenfalls war er ein Häuptling.

Alle waren mit Speeren, Keulen und Bumerangs bewaffnet, und Jessy glaubte bestimmt, es seien dieselben Eingeborenen, welche sie vorhin beobachtet hatten, nur war der Anführer jener ein riesiger Mann gewesen, eine Kopflänge über die anderen hervorragend, während dieser wohl auch, aber nicht so auffallend groß war. Außerdem war jener jedenfalls ein noch junger Mann gewesen, während sie diesen auf vierzig bis fünfzig Jahre schätzte.

Als der Häuptling bemerkte, daß Jessy den Goldschmuck in seinem Haar bewunderte, ließ er die eine Hand von dem steuernden Baumast los, löste die Kette aus den dichten Flechten und warf sie lächelnd dem Mädchen in den Schoß, dabei einige unartikulierte Laute ausstoßend.

Verwundert blickte Jessy den Schwarzen an. Wollte er die Kette ihr zeigen? Sie besah sie sich und reichte sie dem Schwarzen hin, aber dieser schüttelte abwehrend den Kopf und deutete mit der Hand, immer freundlich lächelnd, auf ihr Haar.

Was sollte das bedeuten?

Jessy sann hin und her, aber sie fand keine Erklärung für diese Freundlichkeit des Negers, der sie geraubt und jetzt mit dem Goldschmuck beschenken wollte.

Oder halt! Sollte der Schwarze darauf sinnen, durch Geschenke ihr Wohlwollen zu gewinnen, sollte er sie nicht nur geraubt haben, um eine Gefangene zu besitzen, für welche er Lösegeld bezahlt bekäme?

Erregt wollte Jessy aufspringen, aber bei der ersten Bewegung schwankte das Boot so stark, daß sie schnell wieder niederkniete und fortan regungslos verharrte.

Noch besaß sie ihren Revolver, sie fühlte ihn in der Tasche, und sie wollte schon dafür sorgen, daß er ihr nicht abhanden käme. Ehe sie das Weib eines dieser Männer würde, ehe sie irgend eine Handlung duldete, bei deren bloßem Gedanken das Blut ihr in den Kopf schoß, nahm sie sich lieber selbst das Leben. Der Eingeborene, der sie berührte, fand den Tod – das stand fest bei ihr.

An Flucht war nicht zu denken, vorläufig war sie unmöglich, und später? Wer weiß, wohin sie gebracht wurde! In wüste, wasserarme Gegenden, in denen sie sich verirrte und dann verschmachtete! Aber immer besser, einen solchen Tod zu sterben, als das Weib eines dieser Eingeborenen zu werden, deren Berührung ihr schon ein Grauen einflößte.

Eine Stunde mochten sie so den Bach blitzschnell hinabgefahren sein, zehn Meilen mochten schon hinter ihnen liegen, als die Eingeborenen die Boote ans Ufer trieben und ausstiegen, die Fahrzeuge einfach weiter schwimmen lassend.

Auch Jessy war ausgestiegen, als der Häuptling sie aber durch Zeichen nötigte, in der angedeuteten Richtung weiterzugehen, blieb sie entschlossen stehen, die Hand in der Tasche am Revolver.

»Wohin wollt Ihr gehen?« rief sie auf englisch, hoffend, daß einer der Leute diese Sprache verstehe.

Aber der Häuptling schüttelte lächelnd den Kopf, zeigte nach Westen und sagte etwas zu ihr, was sie natürlich ebensowenig verstand. Als sie immer noch stehen blieb, streckte der Eingeborene die Hand aus, als wolle er des Mädchens Wange streicheln, aber es sprang zurück und hielt ihm den Revolver entgegen.

»Zurück!« rief es. »Rühre mich nicht an!«

Da aber wurde ihr schon die Waffe von einem hinter ihr stehenden Neger aus der Hand gewunden, und so war sie nun wehrlos geworden.

Ohne erzürnt zu sein, trat der Häuptling auf sie zu, faßte ihre Hand, hielt sie fest, trotzdem sie sich losreißen wollte, und zeigte fortwährend nach Westen, dabei immer freundlich zu ihr sprechend.

»Fort, Ungeheuer!« schrie Jessy, und es gelang ihr, sich durch eine gewaltsame Bewegung freizumachen. »Ich will nicht weitergehen.«

Sie konnte nicht fliehen, diese Leute liefen schneller als das Wild, daher warf sie sich zu Boden und verhüllte das Gesicht mit den Händen. Zum ersten Male kam ihr zum Bewußtsein, in welcher Lage sie sich befand, und eine trostlose Verzweiflung bemächtigte sich ihrer.

»Verloren!« stöhnte sie.

Ein krampfhaftes Schluchzen machte ihren zarten Körper erbeben.

Der Häuptling kniete neben ihr nieder und richtete sie auf, redete sie mit zärtlichen Worten an und streichelte ihre Wangen. Sie war so niedergeschlagen, daß sie seine Liebkosungen jetzt widerstandslos duldete, als er aber gar sein Gesicht dem ihren näherte und Anstalten machte, sie zu küssen, da stieß sie ihn mit Abscheu zurück.

Sie sprang auf und wollte entfliehen, aber im nächsten Augenblick stand der Häuptling neben ihr und nahm sie auf den Arm, so behutsam und sorglich, wie nur eine Mutter ihr Kind behandelt.

Weiter ging es, Meile nach Meile wurde zurückgelegt, jetzt aber der Häuptling zuletzt und vor ihm die zehn Gefährten.

Hätte Jessy sich nicht mit anderen, traurigen Gedanken beschäftigt, so würde sie sich sehr über das Verhalten der Eingeborenen gewundert haben.

Das ganze Trachten der Australneger geht nur darauf hinaus, wie sie sich ernähren können, denn ihre Heimat bietet ihnen nur wenige Mittel zum Lebensunterhalt. Jeder fremde Gegenstand, den sie in die Hand bekommen, wird untersucht, ob er eßbar ist, von jedem Pflänzchen, von jeder Wurzel können sie sagen, ob sie vom Magen verdaut werden kann, wo ein Europäer verhungern muß, weiß sich der Australneger auch in der ödesten Gegend Nahrung zu verschaffen.

Unstet schweiften die Augen umher, schnobernd hoben sie die Nasen und sogen die Luft ein, als wollten sie Wild wittern, und in der Tat glich dieser Marsch, der in der größten Schnelligkeit zurückgelegt wurde, eher einem Jagdzug.

Ununterbrochen flogen die hölzernen Wurfspieße in die Büsche, bald rechts, bald links, bald voraus, wo nur ein Blatt geraschelt hatte, da saß schon ein spitzer Stock, und stets war an diesen ein Frosch, eine Eidechse, eine Schlange oder eine Ratte gespießt, welche alle in Netze wanderten, die die Männer auf dem Rücken hängen hatten.

Schwirrte eine Biene durch die Luft, so berechneten sie schon ihren Flug oder gingen ihr nach und kamen kurze Zeit darauf mit Honig aus dem Walde zurück; sahen sie ein Stückchen Harz am Baum kleben, so wurde es samt der Rinde abgelöst und verschwand im Netz. Als auf einmal ein starkes Rascheln im Laube hörbar ward, flogen alle Speere gleichzeitig nach dem Orte und zum Vorschein kam ein Opossum, eine große Ratte, jetzt mit Speeren bespickt, wie ein Stachelschwein aussehend.

Zwitscherte ein Vogel, so hörten sie sofort an seiner Stimme, ob er Junge oder Eier habe oder nicht, und war es der Fall, so saß im Nu einer von ihnen in den Zweigen des Baumes und nahm die Jungen als zarte Leckerbissen aus dem Nest.

Und dies alles geschah, ohne der Schnelligkeit des Marsches Abbruch zu tun; blieb jemand einmal zurück, so kam er in der nächsten Minute wieder vorgerannt, und mit Schrecken bemerkte Jessy, wie die Sonne sich bereits dem Horizonte näherte, und dieser Eilschritt dennoch nicht gemäßigt wurde, der sie Meile um Meile von ihren Freunden entfernte.

Als der Zug eine Grasfläche erreichte, machte ein Eingeborener Gebrauch von seinem Bumerang, und der truthahnähnliche Vogel, der in den Lüften wie eine Taube ausgesehen hatte, so hoch hatte er geschwebt, stürzte mit zerschmettertem Flügelknochen auf die Erde herab.

Der Bumerang ist die seltsamste Jagdwaffe der Welt und den Australnegern eigentümlich.

Es ist ein einfaches Stück hartes Holz, etwa einen Meter lang und fünf Zentimeter breit, aber fast rechtwinklig gebogen und zwar so, daß der eine Schenkel dieses Winkels um etwas länger ist als der andere. Wird der Bumerang geschlendert, so dreht er sich in der Luft, bis er das Ziel erreicht hat. Trifft er dieses, so fällt er zu Boden; verfehlt er es aber, so beschreibt er einen oder mehrere große Bogen in der Luft und kehrt an den Ort zurück, von wo aus er geworfen worden ist.

Ein jeder kann den Bumerang schleudern, aber nicht so, daß er nach dem Wurf zurückkommt, oder, wie es die Eingeborenen machen, wieder in ihre Hand zurückkehrt, dazu ist nicht nur eine jahrelange Uebung, sondern ein angeborenes Talent nötig. Der Australneger ist in der Handhabung dieser Waffe Meister. Er schleudert den Bumerang mit einer Kraft, die man dem mageren Arme nie zutrauen würde; das hölzerne Werkzeug steigt hoch in die Luft, immer höher, bis man es kaum mehr sehen kann, dann biegt es von seiner Richtung ab, macht zwei, drei, vier Bogen von einem Durchmesser von mehreren hundert Metern und fällt schließlich wieder in die ausgestreckte Hand des Werfers, ohne daß dieser seinen Standpunkt verändert.

Aber wie im Werfen, so ist der Australneger auch im Treffen geübt. Dieses erfordert eine Berechnung, über die man beim Beobachten wieder und wieder staunen muß, denn der Bumerang fliegt nicht so schnell wie eine Kugel, nicht einmal so schnell wie ein Pfeil, und doch geschieht es selten, daß der Eingeborene, der das Holz nach einem durch die Luft fliegenden Vogel schleudert, diesen verfehlt.

Wie ihr Waddie, das heißt die Keule, so ist auch ihr Bumerang fast unfehlbar.

Obgleich derselbe nur ein einfaches Stück Holz ist, so ist der Winkel, in dem er gebogen ist, doch ein Wunder der Rechenkunst, wie es kein anderes Volk aufweisen kann. Wäre der Winkel auch nur eine Kleinigkeit größer oder kleiner, so würde der Bumerang nicht mehr zurückkehren, ein Professor der Mathematik könnte ihn nicht genauer berechnen, als diese Eingeborenen ihn nach freiem Augenmaß biegen.

Und doch sind es gerade die Australneger, welche das schlechteste Rechensystem der Welt haben, denn ihre Zahlen erstrecken sich nur auf eins und zwei; wollen sie größere ausdrücken, so müssen sie die Einheiten so lange zusammensetzen, bis die betreffende Zahl erreicht ist. Das Bedürfnis allein, eine Waffe zu finden, mit der sie das flüchtige Känguruh jagen können, hat ihren Instinkt geleitet, diesen Winkel auszufinden. Jahrhunderte, vielleicht auch gar Jahrtausende mögen vergangen sein, ehe der Bumerang die Form angenommen hat, welche er jetzt zeigt, obgleich es noch derselbe Baum ist, aus dessen Holz sie ihn fertigen – nur der Winkel wird sich nach und nach geändert haben.

Endlich hatte ihr Marsch ein Ziel erreicht.

Jessy sah eine Gruppe von Männern, Weibern und Kindern lagern, die beim Anblick der Ankommenden aufsprangen und sie umringten, sich aber in scheuer Entfernung von dem weißen Mädchen hielten, das von dem Arme des Häuptlings ins Gras glitt und teilnahmlos sitzen blieb.

Die Weiber hatten ebenfalls nur einen Lederschurz um die Hüften gewunden, aber er war etwas länger als der der Männer, der Oberkörper war nackt. Die jüngeren hatten einnehmende Gesichtszüge, waren sogar hübsch zu nennen, dagegen waren die älteren von abschreckender Häßlichkeit. Die mageren, aber dickbäuchigen Kinder liefen vollkommen nackt umher.

Jessys Festigkeit war verschwunden, sie fühlte sich erschöpft und schwach, sie merkte gar nicht mehr, daß ein nagender Hunger ihre Kräfte erschöpft hatte. War es doch heute morgen das letzte Mal gewesen, daß sie etwas genossen hatte, und jetzt neigte sich schon die Sonne dem Untergange zu.

Aber auch der Häuptling dachte daran, und auf seinen Wink kam ein Eingeborener von einem der Feuer, an einem Stöckchen etwas Braunes und Rauchendes tragend. Der Häuptling nahm ihm den Stock aus der Hand und hielt den Braten mit einladender Bewegung dem Mädchen hin, aber Jessy dachte vor Ekel vergehen zu müssen, als sie in dem braunen Gegenstande eine gebratene Eidechse erkannte, für die Eingeborenen eine große Leckerei.

»Mein Gott,« stöhnte sie, »ist es denn nur möglich? Träume ich oder wache ich?«

Weinend warf sie sich ins Gras und verhüllte das Gesicht mit den Händen.

Der Häuptling zeigte großes Bedauern in seinen Zügen, als er das Mädchen die Delikatesse ausschlagen und weinen sah, er setzte sich neben Jessy ins Gras, richtete sie auf und liebkoste sie.

Sie ließ es willenlos geschehen.

Ein anderer Eingeborener kam auf den Zehenspitzen zu ihr heran und reichte ihr, den Oberkörper vorbiegend, und den Arm weit ausstreckend, im Gesicht die entsetzlichste Angst vor dem weißen Mädchen verratend, ein Rindenstück, auf dem eine Quantität Honig lag. Kaum hatte es ihm Jessy aus der Hand genommen, als er eiligst in den Kreis der Zuschauer zurückrannte.

Des Häuptlings Augen strahlten vor Entzücken, als er das Mädchen den Honig mit Heißhunger essen sah, und als sie die leere Rinde dann wegwarf, hob er sie auf und sog mit den Lippen das poröse Holz aus. Dann stand er auf, holte ein altes Weib herbei, das sich mit allen Zeichen der Furchtsamkeit widersetzte, und führte es an der Hand zu Jessy. Er sprach lange zu ihr, machte lebhafte Gestikulationen, wies bald auf sich, auf das Weib und dann auf Jessy, legte beteuernd die Hand aufs Herz, tat, als ob er weine, und dann als ob er überglücklich sei, fiel auf die Kniee und hob die Hände empor, tanzte herum, aber dies alles blieb Jessy unverständlich.

Noch immer war sie der Meinung, er habe sie geraubt, um sie zu seinem Weibe zu machen, und das Blut stockte ihr in den Adern, wenn sie nur daran dachte, welche Schicksale ihrer noch warteten.

Jetzt faßte der Häuptling das alte Weib am Arm, sprach eindringlich zu ihm und schob es mit Gewalt nahe an das Mädchen. Die Frau stürzte auf die Kniee, rutschte langsam auf Jessy zu, streckte die Hand aus und machte dabei eine so traurige und zugleich bittende Miene, daß Jessy plötzlich von Mitleid ergriffen wurde und ihr die Hand reichte.

Da warf sich das Weib ihr zu Füßen, küßte ihre Hände, den Saum ihres Kleides wieder und wieder, und gebärdete sich, als wäre sie vor Freude außer sich. Kaum hatten dies die anderen Eingeborenen gesehen, als sie ein Jubelgeschrei ausstießen und mit wilden Sprüngen zu tanzen begannen, allen voran der Häuptling.

Was hatten diese Leute nur? Jessy marterte ihr Gehirn, sie fand keine Erklärung für diese Frage. Das einzige war, daß sie vielleicht für ein übernatürliches Wesen gehalten wurde.

Ein Eingeborener kam mit müden Schritten aus dem Walde und gesellte sich dem Kreise der Umstehenden bei. Sofort besprach sich der Häuptling mit diesem, öfters auf Jessy deutend, und der Mann kam auf sie zu, ebenfalls große Ehrfurcht zeigend.

Ein Freudenschrei entschlüpfte Jessys Munde, als der Eingeborene, ein alter Mann, zwar sehr unverständlich, aber doch auf englisch sagte:

»Du uns wieder erkennen?«

Jessy hatte ihn zwar verstanden, aber nicht den Sinn dieser Worte. Als sie ihn fragend anschaute, fuhr er fort, dabei auf das Weib deutend, das noch immer zu ihren Füßen saß, einmal lachend und dann wieder weinend.

»Du deine Mutter wieder erkennen?«

»Meine Mutter?« fragte Jessy vollkommen bestürzt.

Der Schwarze nickte eifrig mit dem Kopfe, und auf den Häuptling zeigend, sagte er:

»Balkuriri, dein Vater.«

Immer noch starrte ihn das Mädchen sprachlos an.

»Du ein Jahr tot gewesen, Balkuriri Dich wiedergefunden,« fuhr der Schwarze fort.

Da schoß ihr blitzähnlich eine Erinnerung durch den Kopf, sie hatte die Lösung des Rätsels gefunden.

Die Eingeborenen Australiens sind das einzige Volk der Erde, welches keine Religion besitzt, das heißt, sie kennen kein übernatürliches Wesen, beten nichts an, aber auch sie halten die Seele für unsterblich, und zwar glauben sie, daß nur der Leib stirbt, aber die Seele in einen anderen lebenden Körper übergeht. Je nachdem der Verstorbene gewesen, ob klein oder groß, stark oder schwach, schön oder häßlich nach ihren Begriffen, so sehen sie ein Tier oder auch einen anderen Menschen, den sie vorher nicht gekannt, als die Hülle der Seele eines Verstorbenen an. Oft kommt es vor, daß sie auch in Europäern ihre Angehörigen wiedererkennen wollen, besonders, wenn der Verstorbene große Vorzüge vor den anderen besessen und einen Rang unter ihnen eingenommen hat.

Jessy zweifelte nicht mehr daran, sie wurde für die verstorbene Tochter des Häuptlings gehalten.

Eben noch von den traurigsten Gedanken gequält und schon an ihrem Leben verzweifelnd, wurde sie plötzlich wunderbar ermutigt, sie hatte eine Gelegenheit gefunden, wieder einmal eine Rolle zu spielen, die so recht nach ihrem Geschmack war.

Miß Jessy Murray, Besitzerin von einigen Millionen Dollars, derentwillen so mancher amerikanische Dandy um die Hand des schönen Mädchens angehalten hatte – jetzt Tochter eines Häuptlings von Australnegern, die nichts besaßen, als was sie auf dem Leibe und in ihren Händen trugen!

Laut lachend sprang sie auf, die heitersten Bilder zogen blitzartig an ihren Augen vorüber.

Ja, sie wollte in diese Adoptierung einwilligen, wenn auch nur für kurze Zeit. Ein Glück war es, daß einer der Eingeborenen etwas Englisch verstand, so war es ihr möglich, sich mit ihnen verständigen zu können, und Jessy war entschlossen, als Tochter des Häuptlings keine passive Rolle zu spielen, nein, im Gegenteil, sie wollte versuchen, wirklich die Leitung dieses Stammes in die Hand zu nehmen, sie zur Rückkehr zu bewegen und an ihrer Spitze in das Geschick der Herren und Damen, welche die Geraubte jedenfalls mit Aufbietung aller Hilfsmittel suchten, einzugreifen.

Der Wald hallte wieder von dem Jubelgeschrei, welches die schwarzen Gestalten ausstießen, als sie das erst so niedergeschlagene Mädchen fröhlich lachen hörten, und als sie nun gar das alte Weib vom Boden aufhob und zärtlich behandelte, dem Häuptling freundlich die Hand streichelte, da kannte das Entzücken keine Grenzen mehr. Mit wilden Sprüngen tanzten die Männer um die Gruppe herum, schwangen die Speere in den Händen und stießen ein Freudengeheul aus, welches Jessy sonst mit Schrecken vernommen hätte, das sie jetzt aber mit innerlichem Ergötzen erfüllte.

Wie bedauerte sie, den Häuptling, der fortwährend auf sie einsprach, nicht verstehen zu können! Sie mußte ihre Zuflucht zu dem Dolmetscher nehmen.

»Also Balkuriri recht gehabt, du bist Akkaramumanibo?« fragte der Schwarze freudig.

Jessy bestätigte es, fand aber ihren Namen etwas sehr lang.

»Und du in einem Jahre unsere Sprache vergessen?«

Die Frage klang aus dem Munde des Negers, der den staunenden Zuhörern die Unterredung übersetzte, sehr zweifelnd.

»Dort, wo ich gewesen bin, wird nur englisch gesprochen,« entgegnete Jessy, »euere Sprache habe ich zwar verlernt, aber dafür vieles, vieles andere gelernt, womit ich euch nützlich werden kann. Wie hat mich Balkuriri wiedergefunden?«

»Er hat dich mit anderen weißen Männern und Frauen im Walde gesehen. Wir sind euch nachgeschlichen. Als du trinken am Wasser, er hat dich genommen und fortgelaufen.«

»So habt ihr uns immer beobachtet?«

»Balkuriri immer bei dir!«

»Waren es deine Männer, welche über die Wiese schlichen und sich dann verteilten? Wenn du immer bei mir warst, so mußt du auch gesehen haben, wie wir oben auf einem Hügel lagen und deine Leute beobachteten.«

Der Häuptling schüttelte, als er die Frage durch den Dolmetscher erfuhr, geringschätzend den Kopf.

»Balkuriri sagt,« erklärte der Dolmetscher, »seine Leute niemals gesehen werden, wenn sie im Walde schleichen. Haliwawa war es, der dort wohnt.«

Der Neger deutete dabei nach Süden.

»Was macht er im Walde? Befand er sich auf dem Kriegspfade?«

»Haliwawa wohnt in den Bergen, er kommt her, weil er Waffen haben will.«

»Will er sie eintauschen oder rauben? Ich verstehe dich nicht,« sagte Jessy.

»Im Walde sind viele, viele böse weiße Menschen, so viele,« der Neger spreizte mehrmals die Finger beider Hände aus, und Jessy zählte acht mal zehn, »die haben viel von dem harten Stein, der in der Sonne strahlt und so fest ist, daß er ins Holz schneidet.«

Jessy wußte nicht, was der Neger mit diesem harten Steine meinte, sie dachte erst an Gold und Edelstein und mußte noch mehrere Fragen stellen, ehe sie erfuhr, daß der Eingeborene dabei an Stahl dachte. Sie brachte ferner aus ihm heraus, daß in dieser Gegend seit einiger Zeit eine große Bande von Buschrähndschern ihr Wesen trieb, sogar schon eine Farm ausgeraubt und Kolonisten gemordet hätte, und daß bereits eine Abteilung Militär hinter ihnen her wäre. Die hier herumwohnenden Eingeborenen hatten davon erfahren, und wenn sie auch geistig auf einer sehr niedrigen Stufe stehen, dumm waren sie nicht zu nennen. Die Buschrähndscher waren vogelfrei, das wußten sie, und sofort hatten sich die Häuptlinge einiger Stämme, darunter auch Balkuriri, zusammengetan, um auf diese Leute Jagd zu machen.

In einen Kampf konnten sie sich natürlich nicht einlassen, ein einzelner der wohlbewaffneten Räuber wog zehn der Eingeborenen auf, aber sie blieben ihnen auf der Fährte, suchten sie durch List zu versprengen, führten sie in die Irre und warteten, bis einer oder einige von ihnen durch Mangel an Wasser und Nahrung erschöpft niedersanken. Oder auch, sie schleuderten aus sicherem Hinterhalte ihre Speere, die Verwundeten erlagen bald dem heißen Klima, und wie die Hyänen stürzten sich dann die Schwarzen auf ihr Opfer, schlugen dem Verschmachteten mit der Keule den Kopf ein und beraubten ihn, hauptsächlich darauf achtend, in den Besitz von Stahl, das heißt der Messer, zu kommen. Die Gewehre nahmen sie nicht, sie kannten wohl die furchtbare Wirkung der Feuerwaffen, aber sie getrauten sich nicht, sie sich selbst zu nutze zu machen. Die Eingeborenen zertrümmerten die Gewehre und begnügten sich, die Eisenteile mitzunehmen.

Bei diesem Streifzuge durch die Wildnis war Balkuriri der kleinen Gesellschaft begegnet, er hatte Jessy erblickt und, weil das Mädchen vielleicht an Größe und Gestalt etwas seiner verstorbenen Tochter ähnelte, war plötzlich in dem Kopf des Schwarzen der Gedanke entstanden, daß Jessy seine Tochter sei.

Jetzt hatte er Jessy nur nach dem Platz gebracht, wo die Weiber und Kinder des wandernden Negerstammes versteckt lagen und wollte dann gleich wieder zu seinen übrigen Männern stoßen, die noch immer die Buschrähndscher wie hungrige Wölfe umschwärmten, aber Jessy war nicht willens, hier untätig liegen zu bleiben, sondern wollte als Tochter des Häuptlings selbst an der Verfolgung teilnehmen und einmal den Schwarzen zeigen, was ein weißes Mädchen leisten konnte, oder, wie die Eingeborenen glaubten, was sie während des einen Jahres, seit welchem sie von ihnen getrennt war, alles gelernt hatte.

Erst aber mußte sie sich noch orientieren, wer eigentlich die Tochter des Häuptlings gewesen und ob es ihr überhaupt gestattet sei, eine Rolle zu spielen.

»Sehe ich denn noch aus wie früher, als ich unter euch wohnte?« fragte sie den Dolmetscher.

Der Eingeborene nickte bestätigend mit dem Kopfe.

»Ja, aber du viel, viel schöner geworden.«

»Aber fällt es denn euch nicht auf, daß ich früher schwarz gewesen bin und jetzt weiß?«

»O, nicht traurig deswegen sein,« ermutigte sie der Neger, »du ein Jahr unter uns, du auch wieder schwarz werden.«

Jessy brauchte sich hier nicht zu bemühen, das Lachen zu unterdrücken. Die Eingeborenen freuten sich ja darüber, und so lachte sie denn nach Herzenslust über den seltsamen Trost, den ihr der Eingeborene wegen ihrer weißen Hautfarbe zukommen ließ.

»Ihr wollt mich nun bei euch behalten?« fragte sie dann wieder.

»Immer, du es hier sehr gut haben, du hier nicht arbeiten müssen, wie weiße Ladies auf Farm, du hier den ganzen Tag essen und schlafen können.«

Diese Versicherung ward ihr von ihrem Vater zu teil.

»Damit bin ich aber nicht einverstanden, ich bin nicht mehr das schwarze Mädchen, als welches ich euch verlassen habe. Während des Jahres, da ich nicht bei euch war, war ich in einem Lande, welches weit von hier entfernt liegt, und ich war eine mächtige Person, die viele Diener, Arbeiter und Sklaven befehligte. Aber ich erinnerte mich dunkel, daß ich eigentlich in einem fremden Lande war, daß hier meine Heimat sein müsse, doch konnte ich nicht bestimmt sagen, wo dieses Land lag, denn der Tod hatte diese Erinnerungen verwischt. Ich kam hierher, von einem unbestimmten Gefühl getrieben, und gleich der erste schwarze Mann, den ich traf, war mein Vater. Damals an der Quelle erkannte ich ihn nicht, auch noch nicht auf der Flußfahrt, hier aber tauchten mir plötzlich Erinnerungen auf, ich erkannte die Gesichtszüge meiner Mutter und auch die meines Vaters wieder.«

Satz für Satz hatte der Dolmetscher diese Rede den erstaunten Eingeborenen übersetzt, und ihren Mienen konnte Jessy ansehen, daß sie nicht an der Wahrheit zweifelten. Sie hätte diesen armen Schwarzen noch viel unglaublichere Sachen erzählen können.

»Aber ich bin nicht hierher zurückgekommen,« fuhr Jessy fort, »um zu schlafen und mich von euch mit Eidechsen und Honig füttern zu lassen, nein, ich will mich an eure Spitze stellen und euch reich und mächtig machen. Ich weiß jetzt, wie man das werden kann, denn ich selbst bin reich und mächtig; nur dadurch, daß ihr mich mit Gewalt geraubt habt, sind euch die Geschenke entgangen, die ich euch mitgebracht hatte.«

»Geschenke?« fragte der Dolmetscher aus eigenem Antriebe, und sein Gesicht leuchtete wunderbar auf. »Was hast du uns mitbringen?«

Jessy kannte die Wünsche dieser Australneger nicht und sagte daher:

»Alles, was ihr euch nur wünschen könnt.«

»Tabak?« fragte der Schwarze.

»So viel Tabak, daß ihr Tag und Nacht rauchen könnt,« lächelte Jessy.

Sie hatte erst sagen wollen, »daß ihr für viele Jahre genug habt,« aber sie erinnerte sich, daß die Australneger überhaupt keine Zeitrechnung haben. Es ist bekannt, daß wilde Völker fast nur der Gegenwart leben, aber nirgends findet man das so ausgeprägt, wie bei den Eingeborenen Australiens, selbst der Begriff ›morgen‹ fehlt ihnen schon, sie haben keine Bezeichnung für dieses Wort.

»Hast du auch Mehl und Zucker und Spitzen für unsere Speere mitbringen?« forschte der Dolmetscher weiter, und als Jessy immer bejahte, heiterten sich die Gesichter der Umstehenden immer mehr auf, bis sie ihr Entzücken nicht mehr bemeistern konnten und in laute Jubelrufe ausbrachen.

»Wo hast du dies alles?«

»Kennt ihr die Farm von Graves? Dort liegt alles für euch bereit,« entgegnete Jessy.

Die Neger besprachen sich.

»Balkuriri sie nicht kennen, aber ich,« sagte der Dolmetscher, »ich lange hier gewesen. Wir die Geschenke holen sollen?«

»Nein, ich selbst werde euch hinführen, denn wenn ihr hinkommt, so werdet ihr sie nicht ausgeliefert bekommen.«

Wieder besprachen sich die Eingeborenen, und Jessy sah an den Mienen des Häuptlings, daß dieser in ihren Vorschlag nicht einwilligen wollte.

»Balkuriri will nicht, daß du auf die Farm gehen,« wandte sich der Dolmetscher wieder an das Mädchen, »du dann dort bleiben. Ich hingehen und die Geschenke holen.«

»Dann wird man dich festnehmen und schlagen, weil man mich geraubt hat,« unterbrach ihn Jessy, »wenn ich aber mit euch auf die Farm komme, so wird man euch wie Freunde behandeln, ihr werdet zu essen und zu trinken und zu rauchen erhalten, so viel ihr haben wollt.«

»Balkuriri glauben, du nicht bei uns bleiben,« antwortete der Dolmetscher zweifelnd.

Jessy ging auf den Häuptling zu und nahm mit freundlichem Lächeln seine Hand.

»Ich bin die Tochter des Häuptlings, und ich werde bei euch bleiben, aber ich bin nicht mehr gewohnt, wie eure schwarzen Mädchen, euch das Essen zu bereiten und euch zu gehorchen, sondern ich bin gewohnt, zu befehlen, und ich wünsche, daß ihr mir gehorcht.«

Sie richtete sich bei diesen Worten hoch auf und sah sich im Kreise der Schwarzen um, und an deren Mienen erkannte sie, daß ihre Worte die gewünschte Wirkung hervorgebracht hatten.

Der Häuptling, überglücklich, eine solche Tochter zu haben, die in der Versammlung von Männern besser sprach, als ein mächtiger Häuptling, war selbst der erste, der jetzt ihrem Vorschlag beistimmte.

Noch einige Zeit gingen so Fragen und Antworten hin und her, bis Jessy ihre neuen Brüder soweit hatte, wie sie sie haben wollte. Die Eingeborenen waren willens, das Mädchen auf die Farm zurückzubegleiten, aber natürlich nicht gleich, denn der Abend brach schon an, und die schwarzen Bewohner Australiens unternehmen nichts des Nachts, weil sie während der Finsternis die Luft von bösen Geistern bevölkert glauben, die sich auf diejenigen, welche sich von den Feuern entfernen, werfen, ihnen Krankheiten anhängen oder gar den Tod bringen.

Die Frauen hatten unterdes Rinden von Bäumen gelöst und aus den Stücken kunstvoll eine kleine Hütte zusammengesetzt, in welcher die Tochter des Häuptlings die taukalte Nacht verbringen sollte, während die abgehärteten Eingeborenen schutzlos im Freien um das Feuer schliefen.

Jessy lag in dem niedrigen, engen Raume auf einer Schütte von duftendem Gras und ließ die Erlebnisse dieses Tages noch einmal vor ihren Augen vorübergehen; sie freute sich schon auf den Moment, da sie mit ihren schwarzen Brüdern im Triumph auf der Farm ankommen würde, und hoffte nur, daß die Herren und ihre Freundinnen gerade auf derselben anwesend wären.

Daß sie den Eingeborenen das Versprechen, bei ihnen zu bleiben, nicht halten konnte, belästigte sie nicht weiter. Not bricht Eisen; um ihre Freiheit wieder zu erlangen, würde sie noch zu anderem Zuflucht genommen haben.

»Bin ich dann mit den Negern auf der Farm,« dachte Jessy, »so führe ich sie gegen die Buschrähndscher an, als würdige Tochter des Häuptlings Balkuriri. Schade, daß ich meinen eigenen Namen vergessen habe, ich glaube, er fing mit Akka an. Ist uns dann der Sieg gelungen, so beschenke ich die armen Schwarzen so reichlich, daß sie gar nicht mehr an mich denken; aber eine meiner schönsten Erinnerungen au unsere Weltreise soll doch die sein, daß ich als Häuptlingstochter von Australnegern verehrt worden bin.«

Jessy sann vor sich hin, und es mußte ein sehr lustiger Gedanke sein, der sich ihrer bemächtigt hatte, denn plötzlich brach sie in ein Gelächter aus, das nicht enden wollte.

»So geht es,« rief sie, »meine Rolle hier will ich nicht sogleich aufgeben. Auf die Gesichter meiner Freunde bin ich aber gespannt.«

Der Eingang zur Hütte verdunkelte sich, Balkuriri war es, der den Kopf durch die Oeffnung steckte, um sich an der Lustigkeit seiner wiedergefundenen Tochter zu erfreuen. Er lag nicht wie die übrigen am Feuer, sondern hatte sich quer vor dem Eingange des Zeltes auf dem Boden ausgestreckt, um über seine Tochter zu wachen.

3.

Die schwarze Polizei.

Als die kleine Gesellschaft, in deren Mitte Miß Murray jetzt fehlte, am Nachmittage desselben Tages die Farm des Mister Graves erreichte, fanden sie die Leute mit Vorbereitungen beschäftigt, wie sie sie besser gar nicht hätten treffen können.

Aus der ganzen Umgegend waren die Farmer zusammengekommen und hatten ihre Arbeiter und Hunde mitgebracht; der große Hof wimmelte von Pferden und breitschultrigen, kräftigen Gestalten mit sonnenverbrannten Gesichtern, welche, sich auf die Büchse stützend, die Zügel ihres Rosses um den Arm geschlungen, nur auf den Ruf des Mister Graves warteten, um sich in den Sattel zu schwingen.

Unerhört war es, wie die Buschrähndscher auf einer nur einige Meilen entfernten Farm, einem Deutschen gehörig, gehaust hatten. Kein Leben, nicht einmal das der Frauen und Kinder hatten sie geschont, alles ermordet und aus bloßem Blutdurst niedergemetzelt, das Vieh in die Ställe getrieben und die Gebäude angezündet. Wie durch ein Wunder war der deutsche Farmer mit Weib und Kind und einigen Arbeitern der Schlächterei entgangen, aber sein Hilferuf hatte alle Farmer aus der Umgegend zusammengebracht, ebenso ihre Angehörigen, denn auf den Farmen waren sie nicht mehr sicher, solange die Buschrähndscher auf freiem Fuße waren; und nun wollten diese wettergebräunten Bauern einmal zeigen, daß sie ebensogut die Büchse führen, wie den Pflug handhaben konnten, daß sie ebensogut die entsprungenen Sträflinge von Hughenden, wie den wildgewordenen Stier bändigen konnten, bei dessen Verfolgung sie Tag und Nacht im Sattel liegen. Hei, wie ein Wetter wollten sie über die Unholde kommen und nicht eher ruhen, als bis der Schädel des letzten von ihren Büchsenkolben zerschmettert war!

Drinnen im Parlor des Hauses befanden sich die Farmer mit ihren Frauen, unter ihnen auch Mistreß Turner, Ellens Freundin, welche unter dem Schutze einer starken Bewachung hier zurückbleiben sollten, bis die Buschrähndscher entweder vernichtet oder gefangen worden waren.

Ellen hatte soeben mit fliegenden Worten geschildert, wie eine ihrer Freundinnen jedenfalls von Eingeborenen entführt worden war, und bat, wenn auch nicht um Unterstützung von waffenfähigen Männern, so doch um Eingeborene oder Hunde, welche der Spur der Geraubten folgen konnten, wenn ein Regen die Fußabdrücke verwischen sollte.

Die Erzählung hatte große Erregung unter den Männern hervorgebracht und in etwas ihren ersten Beschluß geändert.

»Wir warten nur noch auf Leutnant Atkins und seine Leute,« sagte Mister Graves, der als ältester und erfahrenster Farmer einstimmig zum Führer auf diesem Rachezuge gewählt worden war, »und wollen dann sofort aufbrechen, obgleich ich hoffe, auch ohne seine Hilfe mit den Buschrähndschern fertig zu werden. Aber er hat sein Kommen bestimmt zugesagt; jeden Augenblick muß er hier erscheinen, und es wäre eine Unhöflichkeit, wollten wir nicht auf ihn warten und seinen Rat hören. Uebrigens gestehe ich gern, daß wir keinen besseren Führer wählen können, als Mister Atkins, denn trotz seiner Jugend kennt er den Busch, wie kein anderer, und seine Leute verfolgen jede Spur besser, als die besten Schweißhunde. Jetzt aber schlage ich vor, sofort aufsitzen zu lassen, ohne auf Leutnant Atkins zu warten. Kommt er dann, Miß Petersen, so wird er mit Freuden bereit sein, statt der Buschrähndscher die schwarzen Räuber zu verfolgen. Wir könnten darin übrigens nicht viel tun, denn die Eingeborenen verstehen ihre Spur so zu verwischen, daß wir sie nicht verfolgen könnten, und den dazu engagierten Schwarzen ist nicht zu trauen, wenn sie es mit ihren eigenen Landsleuten zu tun haben; Hunde aber verlaufen sich oft auf einer Wildfährte.«

»So sollen wir hier warten, bis Leutnant Atkins kommt?« fragte Ellen ungeduldig, und auch ihre Gefährten schienen mit dem Vorschlag nicht einverstanden.

»Glauben Sie mir,« versicherte aber der alte Mann, »es ist das beste, was ich Ihnen raten kann. Was uns nicht möglich ist, wird Atkins' Leuten eine Kleinigkeit sein, sie führen Sie direkt zum Ziel, wenn sich die Herren der Verfolgung anschließen wollen.«

»Natürlich,« rief Ellen anstatt ihrer Begleiter, »wir werden nicht eher ruhen, als bis Miß Murray wieder in unserer Mitte ist.«

Der Farmer streifte sie mit lächelndem Blick.

»So sind Sie alle mit meinem Vorschlage einverstanden, sofort aufzubrechen?« fragte er dann, im Kreise der Versammelten sich umblickend.

»Wir sind es!« war die allgemeine Antwort.

Graves trat ans Fenster und rief den draußen harrenden den Befehl zum Aufsitzen zu. Im Nu saßen alle in den Sätteln, die Rosse schüttelten die Mähnen, wieherten und stampften den Boden, als könnten auch sie die Jagd nicht erwarten. Es entstand ein Gedränge im Hofe, und dieses ward noch größer, als plötzlich eine stattliche Anzahl von Reitern in die Umzäunung sprengte.

»Sie sind es,« rief der alte Farmer, »Leutnant Atkins und seine Leute. Aber den Weißen, der an seiner Seite reitet, kenne ich nicht, er ist ein Fremder.«

»Aber das sind ja Eingeborene,« riefen unsere Freunde fast wie aus einem Munde.

»Natürlich, Atkins ist Leutnant bei der sogenannten schwarzen Polizei, die in den Wildnissen Australiens Verbrecher verfolgt. Seien Sie unbesorgt, intelligentere und ehrlichere Burschen, als diese, gibt es nicht in Australien.«

Die Reitertruppe, deren beide weiße Anführer eben von den Rossen sprangen und dem Hause zuschritten, gewährte einen prächtigen Anblick, wenn auch die graue Leinwanduniform von Märschen und Strapazen arg mitgenommen war. Sie setzte sich aus zwölf Eingeborenen zusammen, und man sah auf den ersten Blick, daß es alles ausgewählte Leute waren, welche im Busch einen fortwährenden Kampf gegen Buschrähndscher und Verbrecher führten.

Die hohen, kräftigen Gestalten mit den pechschwarzen Haaren saßen wie angegossen auf den edlen Pferden, auf dem Rücken den kurzen Karabiner, im Gürtel das Revolverfutteral und an der Seite den langen Pallasch, in dessen Führung sie Meister waren. Ihre Augen funkelten vor Vergnügen; schon lange hatten sie sich ohne Beschäftigung, das heißt ohne Kampf in Busch und Wald herumgetrieben, aber nun bot sich ihnen wieder einmal Gelegenheit, die Büchse knallen zu lassen und den Pallasch um den Kopf zu schwingen.

Als England seine Sträflinge nach Australien deportierte, was seit fünfzehn Jahren nicht mehr geschieht, da kam es sehr oft vor, daß sich diese Leute durch Flucht ihrer Strafe entzogen und in den Wildnissen ein Räuberleben führten, zum Schrecken der Farmer und Reisenden. Man wollte damals versuchen, Australien durch solche Deportierte zu kolonisieren, man gab sie als Knechte auf eine Farm und ließ sie dort für den geringsten Lohn arbeiten, bis ihre Strafzeit vorüber war; aber unzählige flohen in die Wälder, rotteten sich zusammen, befreiten mit Gewalt die in den Gefängnissen befindlichen Genossen, immer mehr wuchs ihre Macht, und schließlich wußte sich der englische Gouverneur von Australien keinen Rat mehr, diese Verbrecher unschädlich zu machen, welche in den Wildnissen vor jeder Verfolgung durch Militär sicher waren.

Da kam er auf den Gedanken, die Eingeborenen Australiens, sonst völlig unnütze Geschöpfe, zu diesem Dienst heranzuziehen, und schon die ersten Versuche mit ihnen wiesen Erfolge auf, welche alle früheren Behauptungen über diese Neger zu schanden machten.

Man hatte gesagt, die Australneger verstünden weiter nichts als schlafen, essen, betteln und stehlen, nun aber zeigte sich mit einem Male, daß sie als Polizeisoldaten im Busch wie geschaffen waren. Es gab kein besseres, willigeres Militär zu diesem Dienst als die schwarze Polizei. Unermüdlich lagen sie auf der Spur der Verbrecher, Tag und Nacht schweiften sie in Busch und Wald umher, zu Pferd und zu Fuß, ohne Nahrung, ohne Wasser, tagelang aushaltend, bis sie die entsprungene Bande ausfindig, und sie unter der energischen Führung eines englischen Offiziers unschädlich gemacht hatten, dann die ausgeschriebene Prämie schmunzelnd einsteckend.

Die Gouvernements ließen es nicht bei einzelnen Versuchen, sondern errichteten in allen größeren Küstenstädten Stationen mit solchen schwarzen Burschen, wozu sie unter den Eingeborenen nur die intelligentesten und kräftigsten aussuchten, und in kurzer Zeit war es diesen gelungen, ganz Australien von dem verbrecherischen Elemente zu säubern.

Aber die schwarze Polizei blieb bestehen, denn noch immer kam es ab und zu vor, daß Sträflinge ausbrachen oder Männer nach einer verbrecherischen Tat in den Busch flüchteten, sich dort mit Gleichgesinnten vereinigten und eine Bande von Buschrähndschern bildeten. Kein Land, außer Australien, hat solch verlassene und doch bewohnbare Strecken aufzuweisen, in denen jene ein sicheres Räuberleben geführt hätten, wären ihnen nicht die Urbewohner des Landes auf den Hals geschickt worden.

An der Spitze von je zwölf Mann dieser organisierten Negertruppe steht ein englischer Offizier, dem sie wohl gehorchen, ohne aber an irgend eine militärische Disziplin gebunden zu sein – eine solche muß in diesen Wildnissen aufhören, ein jeder muß nach eigenem Scharfsinn handeln, und darin leisten sie großes. Der Offizier hat ein ungeheuer beschwerliches Leben, wie seine Neger, muß er oft wochenlang im Sattel sitzen, dann wieder Hunderte von Meilen zu Fuß marschieren, ohne Nahrung, ohne Schlaf, über Ströme setzen, sich die nassen Kleider auf dem Leibe trocknen lassen und so weiter, und dabei ist er stündlich der tödlichen Kugel aus dem Hinterhalte ausgesetzt.

Der junge Offizier, der, ebenso bewaffnet, wie seine Soldaten, dem Hause zuschritt, zeigte denn auch nicht das Aussehen eines Europäers. Sein Gesicht und seine Hände gaben an Dunkelheit der Hautfarbe der Eingeborenen nichts nach, und nur das blonde Haar, das helle Schnurrbärtchen und die offenen Gesichtszüge mit den blauen Augen verrieten, daß seine Wiege im Norden gestanden.

Leutnant Atkins war auf jeder Farm ein gern gesehener Gast. Alle und am meisten die weiblichen Mitglieder der Kolonien bedauerten den jungen Mann, dessen Leben ein so beschwerliches war, und kam er irgendwo an, oft halb verhungert, verschmachtet und vor Erschöpfung dem Tode nahe, so fand er liebevolle Aufnahme, bis sich nach einigen Rasttagen sein eiserner Körper erholt hatte und er sich von neuem auf den Weg machte. War er es doch, der für die Sicherheit der Farmer wachte.

So streckten sich dem Eintretenden auch jetzt zwanzig Hände entgegen.

»Willkommen, Leutnant,« rief Graves und schüttelte herzhaft dessen Hand, »der Teufel ist wieder los. Sie mit Ihren paar Mann sind nicht im stande, die ganze Bande zu bewältigen und so haben wir alten Kerls das Gewehr von der Wand genommen, um einmal zu probieren, ob unsere Kugeln noch so, wie früher, ihr Ziel finden.«

»Das ist recht gesprochen,« lachte Atkins. »Selbstschutz bleibt der beste. Wie ich sehe, sind alle die Herren bereit, sofort aufzubrechen. Ich habe mich verzögert, weil ich bereits die Spur der Buschrähndscher aufgefunden und sie beobachtet habe. Es sind etwa achtzig Kerls, alle wohlbewaffnet, liegen gegen hundert Meilen von hier im Busch versteckt, wo sie, wie ich denke, diese Nacht bleiben werden. Morgen früh noch bei Dunkelheit, sind wir bei ihnen, umzingeln sie und ergeben sie sich nicht, fallen wir über sie her. Ich reite jetzt mit meinen Leuten voraus und lasse Ihnen zwei zurück, damit sie auf unserer Spur bleiben können.«

»Halt, halt,« unterbrach ihn Graves, »Sie lassen mich gar nicht zu Worte kommen, so reiten Sie sich ins Feuer hinein. Nein, wir haben eine andere Bitte an Sie.« Und nun erzählte der alte Farmer, was für ein Unfall die kleine Gesellschaft, welche nach Blackskin reiten wollte, betroffen habe, wie eine der Damen unterwegs wahrscheinlich von Eingeborenen entführt worden sei, und bat schließlich den Offizier, mit seinen Leuten die Verfolgung dieser Räuber aufzunehmen.

»Wir genügen,« schloß Graves, »um die Buschrähndscher zu überwältigen, diese Sträflinge wissen im Busch doch lange nicht so gut Bescheid, wie wir Farmer; lassen Sie uns das Vergnügen, auf eigene Faust das einem unserer Freunde zugefügte Uebel zu rächen. Geben Sie uns nur zwei von Ihren Schwarzen mit, damit wir die Schufte finden können, und machen Sie sich dann selbst mit auf die Suche nach dem armen Mädchen, das vor Angst vergehen wird.«

Alle unterstützten die Bitte und am meisten unsere Freunde, denn sie hatten erkannt, daß Atkins der Mann war, der ihnen Jessy am schnellsten wieder zuführen konnte.

Aber sonderbar, der junge Offizier schien sehr verlegen zu werden, als man dieses Verlangen an ihn stellte. Er war vollständig frei, keine Vorschriften banden ihn, er hätte die Bitte rundweg abschlagen können, denn sein Amt schrieb ihm eigentlich vor, die entsprungenen Sträflinge unschädlich zu machen, ehe sie neue Greueltaten ausführen konnten, und wiederum gebot es ihm die Pflicht als Kavalier, sofort dem Verlangen nachzukommen und das geraubte Mädchen aufzusuchen.

Weder Lord Harrlington, noch Williams, noch Ellen oder die anderen zweifelten, daß Atkins ein Gentleman war; dieser hübsche, schlanke Offizier mit dem dunklen Gesicht und den blauen Augen, dessen ganzes Wesen Ritterlichkeit atmete, konnte sicher seine Hilfe nicht verweigern.

Verlegen spielte der Leutnant mit der Stahlkette, an der er den riesigen Pallasch kurzgehängt hatte.

»Verzeihen Sie,« sagte er dann, »wenn ich nicht einwillige. Gern würde ich mich mit meinen Leuten sofort aufmachen, die Dame zu suchen, aber ein stärkeres Gefühl beherrscht mich. Unter den Beamten, welche den Sträflingen in Hughenden zum Opfer fielen, befand sich ein lieber Freund von mir, und ich habe geschworen, nicht eher zu ruhen, als bis ich seinen Tod gerächt. Aber hier,« fuhr er fort und deutete auf den Mann, der mit ihm gekommen war, »stelle ich Ihnen einen Herrn vor, Mister Drake, welcher gern bereit sein wird, mit der Hälfte meiner Leute die Verfolgung aufzunehmen. Er ist ein Freund von mir, den ich von früherher kenne, und den ich auf einer Farm getroffen habe. Sie können ihm dasselbe Vertrauen schenken, welches Sie mir entgegenbringen, ich bürge für ihn mit meinem Ehrenwort.«

Aller Augen wandten sich nach dem Fenster, an dessen Kreuz der junge Mann lehnte, der mit dem Offizier gekommen war. Er war ebenso, wie dieser, in graue Leinwand gekleidet, nur hatte der Anzug einen anderen Schnitt, als die Uniform der schwarzen Polizei, wie er auch nicht mit Karabiner und Pallasch bewaffnet war, sondern an dem Gürtel nur das Lederfutteral trug, das den Revolver barg. Sein Gesicht zeigte die braune Farbe, welche das Leben im Freien mit sich bringt.

Jetzt trat er vor und sagte mit sonorer Stimme: »Wenn die Herren damit einverstanden sind, so bin ich allerdings mit Vergnügen bereit, die Dame aufzusuchen, und ich kann Ihnen versprechen, sie in kürzester Frist zurückzubringen, wenn sie noch am Leben ist.«

»Wir stellen Ihnen auch einige unserer Leute zur Verfügung,« sagte Graves erfreut, für Atkins Ersatz gefunden zu haben, »wenn Ihnen die sechs Schwarzen nicht genügen. Es sind alles Männer, welche das Leben im Busch kennen.«

Gleichzeitig wehrten die beiden diesen Vorschlag ab.

»Nein,« entgegnete Atkins, »ich gebe Mister Drake darum nur sechs Mann mit, weil das Verfolgen einer Spur, wie sie die Eingeborenen hinterlassen, umso leichter und umso schneller vor sich geht, je weniger Leute es sind. Jeder Weiße würde dabei ein Hemmnis bedeuten. Nur wir, die wir an solche Unternehmungen gewöhnt sind, vermögen solche Märsche zu ertragen. Sind Sie bereit, Mister Graves?« fuhr er, zu diesem gewandt, fort. »Jede Minute ist kostbar.«

»Dann auf die Pferde,« rief der Farmer und schritt nach kurzem Abschied auf den Hof, begleitet von den übrigen Männern und Atkins, während Mister Drake, Harrlington, Hastings, Williams und alle Frauen, unter ihnen unsere Freundinnen zurückblieben, um sich über die weiteren Vorbereitungen zu besprechen.

Draußen sprangen die Farmer in die Sättel, der Leutnant verließ mit sechs seiner Neger zuerst den Hof, dann folgten die übrigen Reiter, und schließlich befanden sich nur noch die zurückgebliebenen Schwarzen auf dem Hofe, noch immer zu Pferde sitzend, und diejenigen Arbeiter, welche zum Schutze der Frauen zurückblieben.

»Natürlich machen wir eine Ausnahme von dem, was vorhin der Leutnant sagte,« begann Harrlington, als die letzten der Reiter im Walde verschwunden waren. »Wir werden Ihnen so wenig bei der Verfolgung hinderlich sein, wie die Schwarzen selbst. Uns ist die Dame geraubt worden, und so ist es auch selbstverständlich, daß wir sie auch wieder befreien.«

Zu ihrem Erstaunen sahen sie, wie der junge Mann nachdenklich das schwarze Schnurrbärtchen strich und gar nicht gesonnen schien, diese als selbstverständlich geltende Aeußerung zu beachten.

»Ich weiß nicht, ob das für uns ein Vorteil ist,« sagte er langsam, »es giebt erst einen heißen Ritt nach dem Ort, wo die Dame entführt worden ist, und dann beginnt wahrscheinlich eine lange Fußwanderung.«

»Meinetwegen,« unterbrach ihn Lord Hastings energisch, »reiten Sie allein mit ihren Niggern ab, aber wir schließen uns Ihnen an.«

»Gut,« entschied Drake, »nehmen Sie es auf eigene Verantwortung! Aber dann mache ich noch aus, ehe ich die Verfolgung beginne, daß Sie sich allen meinen Anordnungen unbedingt fügen.«

»Einverstanden!« sagten alle drei Herren gleichzeitig und folgten dem Führer, der schon nach der Tür schritt.

Aber er blieb noch einmal stehen, drehte sich um und maß mit erstaunten Blicken die drei Mädchen, welche sich angeschlossen hatten.

»Wollen Sie etwa auch mit?«

Der Ton, in dem er die Damen anredete, klang sehr rücksichtslos, es lag eine Mischung von Spott und Hohn darin, welche Ellen empörte.

»Gewiß wollen wir auch mit,« entgegnete sie herb, »ebenso, wie die Herren, werden auch wir Ihnen folgen, unsere Pferde stehen schon bereit, und Sie werden sich wundern, wenn wir Ihnen nicht von den Fersen kommen werden.«

Mister Drake trat ruhig in das Zimmer zurück. »Dann suchen Sie sich einen anderen,« erklärte er kaltblütig und lehnte sich wieder an das Fensterkreuz, »mit denen mag ich mich nicht im Busch bewegen.«

»Wir brauchen Sie auch gar nicht,« fuhr Ellen jetzt auf, »wir brauchen auch nur einen Eingeborenen, der uns die Spur der Vermißten aufsuchen hilft, alles übrige besorgen wir selbst. Geben Sie uns einen Ihrer schwarzen Soldaten mit, und Sie können ruhig hierbleiben und unsere Rückkehr abwarten.«

Drake war über den verletzenden Ton durchaus nicht aufgebracht. Lächelnd beobachtete er die Sprecherin und sagte:

»Ich gebe Ihnen keinen der Leute mit, welche jetzt unter meinem Kommando stehen, und ich rate Ihnen dringend ab, einen der hier herum wohnenden Eingeborenen zu engagieren, weil der Sie leicht in eine Falle locken kann. Die Spur von Wild oder Europäern würde er wohl verfolgen, nicht aber die seiner eigenen Landsleute; vielleicht steht er sogar mit den Räubern im Bunde. Lassen Sie sich davon abraten, mit mir zu gehen, morgen abend kann die Dame vielleicht schon hier sein, aber ich tue keinen Schritt, wenn ich die Verfolgung in Damengesellschaft unternehmen soll.«

Aergerlich wandte sich Ellen ab; sie hätte vor Scham vergehen können, daß sie diese Worte so ruhig hinnehmen mußte. Aber er hatte recht, jetzt, da Graves und alle fort waren, konnte man ohne diesen Mann, der so selbstbewußt auftrat, nichts anfangen.

Sir Williams war zu Drake getreten und sprach eindringlich auf ihn ein.

»Gut,« sagte der junge Mann nach Schluß der leise geführten Unterhaltung, »ich bin willens, auch mit den Damen mich auf den Weg zu machen, aber nur unter der Bedingung, daß auch sie meinen Vorschriften unbedingt Folge leisten. Wer diese Art von Ritten kennt, weiß, daß ein einziger Fehler den sorgsamsten Plan vernichten und das Leben der Verfolger in Gefahr bringen kann.«

»Wir sind's zufrieden,« entgegnete Ellen, »Sie werden aber bald herausfinden, daß Sie sich in uns getäuscht haben, wenn Sie uns für solch einem Unternehmen nicht gewachsen hielten.«

Die Gesellschaft begab sich, nachdem sie sich mit Waffen und einigen Lebensmitteln versehen hatte, auf den Hof und stieg auf die Pferde, welche ihnen der Farmer vorher zur Verfügung gestellt hatte.

»Haben Sie es gesehen?« flüsterte Williams dem Lord Harrlington zu. »Der grobe Kerl scheint ja ein wahrer Kunstreiter zu sein.«

Die Bemerkung galt dem Manne im Leinwandanzug, der in den Sattel gesprungen war, ohne die Steigbügel zu berühren, oder auch nur die Hand als Stütze zu benutzen.

»Vorwärts!« kommandierte er, gab dem Braunen die Sporen und flog allen voran der Richtung zu, welche ihm vorher von einem der schwarzen Soldaten angedeutet worden war.

Hatte die Gesellschaft heute mittag noch zwei Stunden des schnellsten Marsches gebraucht, ehe sie von dem Wasserfall aus die Farm von Graves erreicht, so legten sie jetzt den Weg in weniger als zwanzig Minuten zurück.

Der graue Reiter an der Spitze, dem der zunächstfolgende Schwarze ab und zu etwas zurief, trieb sein Pferd schonungslos zum schnellsten Lauf an, sodaß es fast mit dem Bauche den Boden berührte, wenn er es über Wiesenflächen trieb. In voller Karriere jagte er durch den Busch, setzte einmal über ein niedriges Gebüsch hinweg, bog sich dann wieder weit hinab, wenn das Pferd unter Zweigen dahinjagte, die seinen gebeugten Kopf streiften.

Er kümmerte sich nicht darum, ob die Herren und Damen ihm folgen konnten oder nicht, von seinen schwarzen Soldaten wußte er es, und das genügte ihm. Diese Burschen waren an derartige wilde Ritte gewöhnt; der hier war ihnen eine Kleinigkeit; wenn es aber erst durch den Gummiwald ging, wo das Pferd über Wurzeln setzen mußte und der Reiter dabei achtzugeben hatte, daß sein Kopf nicht an den Aesten zerschmetterte, dann waren sie in ihrem Elemente. Jetzt fanden sie noch Zeit, sich zu unterhalten und sich noch manchmal lachend umzuwenden, um das Verhalten der Weißen bei diesem Ritte zu beobachten.

»Mehr rechts, Massa,« rief der eine Schwarze, der bereits oben auf einem Hügel stand. In demselben Augenblick war Drake neben ihm.

Drake wendete den Kopf; hinter ihm hielten die Neger und alle Herren und Damen.

Lächelnd blickte er in das erhitzte Gesicht Ellens und fragte, auf den Wasserfall deutend:

»Hier war es, wo die Wasserflasche von Miß Murray gefunden wurde?«

Ellen bejahte.

Alle sprangen von den Pferden, und schon wollte Lord Hastings den steilen Hügel hinabklettern, da wurde er aber von dem Anführer zurückgehalten.

»Das ist keine Arbeit für uns,« sagte er kurz. »Ueberlassen Sie die Untersuchung den Schwarzen, während wir uns hier ausruhen. Wir werden heute noch manchen Schweißtropfen vergießen müssen.«

»Warum betreiben Sie denn die Verfolgung mit solch ungewöhnlicher Schnelligkeit?« fragte Lord Harrlington, als er sich neben Drake ins Gras legte.

An dessen Stelle übernahm Ellen die Beantwortung dieser Frage.

»Jede Stunde kann uns Regen bringen; der Himmel hat sich schon stark bewölkt, und dann würde die Verfolgung einer Spur um das Zehnfache erschwert werden. Ist es nicht so, Mister Drake?«

Der junge Mann nickte bejahend und sagte:

»Noch ein anderer Umstand kommt hinzu. Wie meine Schwarzen sagen, mündet dieser Bach in einen größeren, und es ist unzweifelhaft, daß die Schwarzen, welche die Dame geraubt haben, auf diesem sich weiter fortbewegt haben – jeder Baum liefert ihnen ein Boot. Finden wir aber die Stelle, wo sie gelandet sind, vor heute abend nicht mehr, so haben wir zwölf Stunden vollständig verloren, weil wir dann vor morgen früh nicht weitersuchen können.«

»Und haben wir diesen Landungsplatz gefunden?«

»Dann marschieren wir auch des Nachts weiter.«

»Können diese Neger auch im Dunkeln eine Spur verfolgen?« fragte Hastings zweifelnd.

»Sehen Sie nur, wie sich die Burschen benehmen – gerade wie Hunde auf der Fährte.«

Die Neger waren den Abhang hinuntergeklettert und untersuchten den Boden, sorglich darauf achtend, daß sie nur auf Steine traten; das erste, was auch sie bemerkten, waren die abgeknickten Zweige des Busches, aber sie fanden noch viel mehr Merkmale, daß hier vor kurzem einige Personen gewesen waren.

Jedes Blatt wurde von den Schwarzen sorgsam untersucht, sie knieten auf den Steinen nieder, den Kopf dicht am Boden, und betrachteten diesen, sie forschten an der Felswand und besprachen sich darauf leise in ihrer Sprache.

Dann kehrten sie alle auf den Hügel zurück; fünf von ihnen schwangen sich auf die Pferde, trieben dieselben den Weg hinab und jagten das Tal des Baches entlang, sich dabei weit vornüber neigend, und die Augen starr auf den Boden geheftet.

»Massa,« sagte der zurückgebliebene Neger, sich an Drake wendend, der ruhig liegen geblieben war, »nur ein Schwarzer ist hier gewesen.«

»Gut,« entgegnete Drake, »wie weit ist es von hier bis zur Mündung des Baches?«

»Pferd läuft zehn Minuten, bekommen Zeichen.«

»Wir werden gleich den Ritt wieder aufnehmen können,« erklärte Drake der Gesellschaft und stand auf, welchem Beispiel alle folgten.

Nach einiger Zeit ertönte dreimal hintereinander das langgezogene Geheul des Dingo, des australischen Wolfes, und sofort saß der Neger im Sattel und sprengte die Schlucht hinab, den Bach entlang, und ihm nach Drake und die übrigen.

Jetzt hatte der Schwarze die Führung übernommen, er verfolgte die Spur seiner Kameraden, während diese auf der Fährte der Räuber waren.

Bald hatte man die Mündung des Baches erreicht und bog nach links ab. Der vorausreitende Schwarze hielt sein Pferd nur noch in Trab, denn auch seine Genossen schienen sich langsamer fortzubewegen, obgleich man sie nicht mehr sehen konnte.

»Was habt ihr gefunden?« fragte Drake.

»Boote,« entgegnete der Mann kurz und deutete nach einigen Bäumen, von denen die Rinde abgeschält war. Drake nickte mit dem Kopfe.

»Dachte es mir,« brummte er.

Eine Stunde mochte wieder vergangen sein, als der Schwarze plötzlich vom Pferde glitt und etwas vom Boden aufhob. Einen Blick nur warf er auf das Aestchen, das in eigentümlicher Weise geknickt war, dann sagte er etwas zu dem Anführer, und es war Ellen, als ob er dabei einen bedauernden Blick auf die Mädchen geworfen hätte.

Drake hatte sein Pferd gezügelt und sich umgewendet.

»Wir müssen durch den Bach,« sagte er und trieb den Hengst sofort dem Wasser zu.

»Aber wozu denn?« fragte Harrlington. »Wir können ebenso gut auf dieser Seite bleiben, wenn die Spur drüben weitergeht. Vielleicht müssen wir dann nochmals übersetzen.«

»Leicht möglich,« meinte Drake kaltblütig, »bedenken Sie aber, was Sie mir versprochen haben. Ich frage auch nicht darnach, warum mir die Neger sagen, ich soll über den Fluß setzen, sondern folge ihnen ohne weiteres und bin nicht besser daran, als Sie oder die Damen.«

Damit gab er dem Pferde die Sporen und war mit einem Satze mitten in dem hier ziemlich breiten Gewässer.

Eine Sekunde kämpfte das Roß gegen die heftige Strömung an, dann hatte es das andere Ufer erreicht und fiel drüben sofort wieder in Trab.

»Er hat recht,« rief Ellen, und ehe Harrlington, der seine Hand nach ihrem Zügel ausstreckte, ihr wehren konnte, war ihr Pferd ebenfalls im Wasser, das ihr nur bis an die Hüften reichte, und war drüben.

Die übrigen folgten ihr und zuletzt Hastings, der über das unfreiwillige Bad schimpfte und fluchte.

Es war dies die Stelle gewesen, wo der Häuptling die Boote über eine Stromschnelle hatte tragen lassen.

Wieder waren die Verfolger eine Stunde getrabt, der Abend brach schon an, als man in der Ferne die Gestalten der vorausgerittenen Schwarzen erkannte, die von den Pferden gesprungen waren und das Ufer untersuchten.

Sie standen aber wieder auf der anderen Seite des Baches.

»Sie haben recht gehabt,« wandte sich Drake lächelnd an Lord Harrlington, »wir müssen abermals hinüber.«

Nochmals mußten die Pferde durch das Wasser, diesmal aber fanden sie keinen Grund wie vorhin, und beim hineinspringen sanken die Reiter bis an den Hals ins Wasser.

»Schönes Vergnügen,« murrte Hastings, »jetzt sollen wir wohl die ganze Nacht mit nassen Kleidern im Freien schlafen, Mister Drake?«

»O nein,« lachte dieser, »die Schwarzen laden uns, wenn ich nicht ganz irre, zu einem Spaziergang ein, bei dem Sie schnell genug warm werden dürften.«

Einer der Neger trat zu dem Anführer und sprach lange mit diesem, dabei nach Westen deutend.

»Es ist, wie ich ahnte,« sagte dieser zu der Gesellschaft. »Meine Herren und Damen, steigen Sie von den Pferden! Es giebt einen Nachtmarsch, bei dem die Kleider bald wieder trocken werden; dafür kann ich Ihnen auch ganz bestimmt versprechen, daß Sie morgen früh die Vermißte wiedersehen werden.«

»Können wir nicht zu Pferde bleiben?« fragte Sir Williams, der ganz wehmütig wurde, als er die langen Kleider der Mädchen betrachtete, welche von Wasser trieften und schwer an die Lenden der Pferde schlugen.

»Es geht nicht,« erwiderte Drake, »die Finsternis bricht gleich an, und ein Ritt durch einen Gummiwald bei Nacht ist eine Unmöglichkeit.«

»So lassen Sie uns ein Feuer anzünden und hier die Nacht verbringen.«

»Nicht eine halbe Stunde gewähre ich Ihnen dazu,« beharrte der junge Mann, »Die Eingeborenen sind den ganzen Nachmittag gewandert, sind vielleicht auch jetzt noch unterwegs und haben einen bedeutenden Vorsprung vor uns. Wir müssen sie unbedingt diese Nacht noch erreichen, denn bei Nacht wandern sie nicht; aber morgen beim frühesten Sonnenstrahl erheben sie sich und nehmen ihren Marsch wieder auf, und wie schnell die Australneger laufen, davon haben Sie gar keine Ahnung.«

»Gut, so wollen wir uns unverzüglich auf den Weg machen,« rief Ellen, sprang vom Pferd und gab somit das Zeichen für die übrigen, ihrem Beispiel zu folgen. »An uns soll es nicht gelegen haben, wenn wir diese Nacht Miß Murray nicht erreichen.«

»Wir werden es,« versicherte Drake bestimmt.

»An überflüssiger Galanterie leidet dieser Mister Drake eben nicht,« flüsterte Miß Thomson Johanna zu, als sie zwischen den Bäumen des Gummiwaldes schritten, in dem es schon fast dunkel war. Daher kam es auch, daß die Sprecherin das Lächeln nicht bemerkte, welches den Mund des Mädchens umschwebte.

Es war ein ungeheuer beschwerlicher Marsch, dem sie sich unterzogen hatten. Die nassen Kleider klebten am Körper; die Nächte in Australien sind kalt, und doppelt wird die Kälte fühlbar in solchem Zustande; dazu schritt noch der Schwarze, der den Zug führte, mit solcher Schnelligkeit vorwärts, daß sie ihm kaum folgen konnten.

Wieder waren fünf der Schwarzen vorausgeeilt, jetzt aber ebenfalls zu Fuß, und suchten die Spuren der Verfolgten. Diese hatten sich nicht mehr die Mühe gegeben, ihre Fußtapfen zu verbergen, und so konnten die Eingeborenen ihnen trotz der Finsternis leicht folgen.

Fortwährend erschollen im Walde die heulenden Töne der Dingos, die krächzenden Laute des Kauzes, und man wußte nicht, ob das von Tieren herrührte oder dem an der Spitze gehenden Neger als Signale dienten, welche Richtung er einzuschlagen habe. Man nahm letzteres an, weil der Schwarze ebenfalls manchmal ein Geheul oder ein Krächzen ausstieß, zum Zeichen, daß er seine Kameraden verstanden habe.

Stunde auf Stunde verstrich! Unermüdlich schritt der schwarze Führer voran, dicht hinter ihm Drake, der ebenfalls keine Spur von Müdigkeit zu empfinden schien; destomehr aber ließen die Kräfte der übrigen nach, welche das Marschieren nicht gewohnt waren und heute, nach einer halb schlaflosen Nacht, bereits einen bedeutenden Weg zurückgelegt hatten.

Aber dennoch scheute sich jeder, sich einen Seufzer entschlüpfen zu lassen. Niemand wollte der erste sein, der eine Schwäche zu erkennen gab. Lord Harrlington, der ausdauerndste von den Herren, wunderte sich immer mehr, daß keines der Mädchen zurückblieb; jede Minute wartete er, daß Miß Thomson oder Johanna, das am zartesten gebaute Mädchen, zusammenbrechen würde, und hielt sich darum in ihrer Nähe auf, aber es geschah nichts Derartiges. Einmal wollte er versuchen, mit Ellen eine Unterhaltung anzuknüpfen; aber beim ersten Wort stieß Drake ein mahnendes Zischen aus, das ihn sofort zum Schweigen brachte.

Da endlich, es mochte schon weit nach Mitternacht sein, stand plötzlich wie aus dem Boden gewachsen, eine schwarze Gestalt vor ihnen und hob den Arm zum Zeichen in die Höhe, daß gehalten werden sollte.

Drake tauschte mit den Soldaten flüsternd einige Worte, dann führte er die Gesellschaft etwas abseits und bedeutete sie, hier zu warten, bis er wiederkäme. Er wollte mit den sechs Schwarzen ausspionieren, ob Miß Murray in dem Lager von Eingeborenen, welches sich vor ihnen befände, wäre.

»In einer Stunde spätestens bin ich zurück, machen Sie ja kein Feuer an,« flüsterte Drake und war sofort mit seinen Leuten in der Dunkelheit des Waldes verschwunden.

In einiger Entfernung machten die sieben Männer Halt und hielten einen Rat ab, worauf sie beschlossen, gemeinschaftlich soweit vorzudringen, bis auch sie die Feuer bemerkten, die von einem der Schwarzen entdeckt worden waren.

Es dauerte nicht lange, so sahen sie in der Ferne den schwachen Schein einiger Feuer, die im Verglimmen zu sein schienen.

»Die Schwarzen sind heute weit gelaufen,« flüsterte einer der Soldaten, »sie sind müde, sie lassen die Feuer ausgehen.«

»Desto leichtere Arbeit werde ich haben,« brummte Drake und begann ohne weiteres, sich seines grauen Leinwandrockes zu entledigen.

»Was wollt Ihr thun, Massa?« fragten erstaunt die Neger, als sie ihren bisherigen Anführer plötzlich in einem schwarzen, trikotähnlichen Anzug dastehen sahen.

»Ich werde ins Lager schleichen und mich selbst überzeugen, ob das Mädchen darin ist oder nicht,« antwortete Drake. »Du hast bestimmt gesehen, daß nur eine einzige Rindenhütte aufgebaut ist?«

»Es ist so,« versicherte einer der Soldaten, »und darin ist die weiße Missis. Aber, Massa, Ihr könnt nicht unbemerkt dahineinschleichen. Balkuriri ist es, den wir verfolgt haben, ich habe ihn an seinen Fußspuren erkannt, und dieser Häuptling schläft nur mit einem Auge. Wir müssen sie erschrecken und davonjagen.«

»Nicht einmal wir wagten das zu thun, Massa,« sagte ein anderer der Schwarzen, »und wie wollt Ihr denn heimlich zwischen die Lager schleichen, ohne daß es gemerkt wird?«

»Laßt nur gut sein,« sagte aber Drake, den die Eingeborenen noch lange nicht zu kennen schienen, und schnallte sich den Gürtel mit dem Revolver und Messer über das schwarze Unterkleid, »wenn ich wollte, könnte ich Balkuriri selbst mit Haut und Haaren mausen, ohne daß er davon etwas merkt. Bleibt still hier liegen, bis ich zu Euch zurückkehre!«

Wie eine Schlange verschwand die schwarze Gestalt in den Büschen. Verblüfft schauten die Eingeborenen ihr nach; so etwas war ihnen doch noch nicht passiert während ihres bewegten Lebens, daß sich ein Weißer unterfing, in das Lager von Australnegern zu schleichen, um darin zu spionieren. Leutnant Atkins war zwar ein Mann, vor dessen Geschicklichkeit und mehr noch, vor dessen Mut sie alle Achtung hatten, aber so etwas hätte er nicht gewagt. Doch Atkins hatte ihnen befohlen, sich den Anordnungen des Mannes, den er unterwegs getroffen und freudig begrüßt hatte, in allen Dingen zu fügen, und so warteten sie, geduldig am Boden liegend, neben sich den Karabiner, die Lederscheide des Pallasch zwischen den Knieen auf die Rückkehr des Verwegenen, jeden Augenblick bereit, ihm zu Hilfe zu eilen, um ihre feigen Brüder durch ein paar Flintenschüsse in die Flucht zu jagen.

Drake war unterdessen vorsichtig weitergekrochen. Dieser Mann schien die Fähigkeit der Eingeborenen zu besitzen, unhörbar zu schleichen, denn trotzdem er sich sehr schnell vorwärts bewegte, verriet doch nicht einmal ein raschelndes Blatt seine Gegenwart.

Als er soweit gekommen war, daß er die Feuer und die um dieselben liegenden Eingeborenen sehen konnte, welche alle in festem Schlaf zu liegen schienen, orientierte er sich über die Lage der Rindenhütte, von welcher ihm einer der Soldaten erzählt hatte, kroch dann wieder um das Lager herum und näherte sich dieser.

Ein Feuer mußte er aber doch passieren, ehe er zu ihr gelangte, ja, er war sogar genötigt, über einen schlafenden Eingeborenen hinwegzusteigen. Deutlich konnte er das schwarze Gesicht im Scheine des flackernden Feuers erkennen, er merkte, wie sich die Brust des Schlafenden langsam hob und senkte; im nächsten Augenblick lag Drake neben der Rindenhütte.

Kein Laut hatte die Stille unterbrochen, keiner der Eingeborenen ahnte, daß sich mitten unter ihnen ein weißer Spion befand; selbst wenn sie Hunde bei sich gehabt hätten, würden sie nicht die Anwesenheit eines Fremden vermutet haben. Und doch ist der Schlaf der Eingeborenen, dieser Kinder der Natur, die selbst fast wie Tiere in der Wildnis leben, ein so leiser, daß sie in ihm das Fallen eines trockenen Blattes vom Baum vernehmen.

Drake lag hinter dem Eingang der Hütte und spähte an der Wand, die nur aus Rindenstücken zusammengesetzt war. Trotz der Dunkelheit erkannte er eine Stelle, wo zwei Teile zusammenstießen; leise griff er in die Spalte und begann ein Stück nach dem anderen abzulösen, so vorsichtig, daß auch nicht das geringste Geräusch dabei zu hören war.

Kaum war die so geschaffene Oeffnung groß genug, um den Kopf des kühnen Spions durchzulassen, dennoch glitt er ganz hindurch und verschwand im Inneren der Hütte.

Im Nu hatte er sich orientiert.

Jessy lag sanft schlafend an der einen Wand auf einigen Grasbündeln, und nun galt es, sie so vorsichtig zu wecken, daß der vor dem Eingange ruhende Häuptling nicht merkte, daß die Hütte noch einen Bewohner bekommen hatte.

Aber es gelang dem jungen Manne; Jessy wachte auf. Sie besann sich sofort, als eine Hand auf ihren Mund gelegt wurde, und sie verstand den Sinn der Worte, die kaum vernehmbar an ihr Ohr drangen.

»Ruhig, Miß Murray!«

»Wer sind Sie?« klang es zurück.

»Miß Petersen, Lord Harrlington und die übrigen sind hier, um Sie zu befreien.«

Drake war nicht so eitel, sich selbst als den Retter zu bezeichnen, sondern wollte dem Mädchen die Freude gönnen, sich von den Freundinnen gerettet zu wissen.

Zwischen beiden entspann sich nun eine lautlose Unterhaltung, und wäre es in der Hütte nicht stockfinster gewesen, so hätte man bemerken können, welch ein überraschtes Gesicht Drake zog.

Nur einmal wurde das Gespräch unterbrochen.

An das Ohr des Schläfers vor dem Eingange mochte ein zischelnder Laut gedrungen sein; er richtete sich auf und steckte den Kopf durch die Oeffnung, aber selbst sein scharfes und an die Finsternis gewöhntes Auge vermochte nicht die schwarze Gestalt zu erkennen, die plötzlich auf dem Boden zusammengesunken war und sich dicht an die Hüttenwand schmiegte.

Als sich der Häuptling beruhigt hatte und eine Weile verstrichen war, tönte wieder die flüsternde Stimme an Jessys Ohr:

»All right, Miß Murray, so überlasse ich Sie Ihrem Schicksal. Ich gehe jetzt! Haben Sie mir sonst noch etwas zu sagen?«

»Nein, nur zähle ich auf Ihre eventuelle Hilfe.«

Lautlos, wie er gekommen, verließ Drake wieder die Hütte, stieg abermals über den schlafenden Eingeborenen und verschwand im Walde, bald darauf zu seinen Leuten stoßend, die über den Befehl, den er ihnen gab, sich höchlichst wunderten, aber trotzdem gehorchten.

4.

Losgekuppelt.

John Davids stand an Deck des ›Amor‹ und ließ unter seiner Aufsicht von den mitgenommenen Arbeitern die Masten scheuern. Es war ein heißer Nachmittag, so daß alle übrigen Herren sich im gutventilierten Salon des Zwischendecks befanden und sich dort mit Plaudern, Spielen, Lesen und Schreiben die Zeit vertrieben.

Bekanntlich war Davids zum zweiten Steuermann ernannt worden, und da Lord Harrlington, wie auch der erste Steuermann, Lord Hastings, abwesend waren, so hatte er während dieser Zeit die Rolle des Kapitäns zu übernehmen.

John Davids war ein stiller, nüchterner Mensch, der einzige, der eigentlich zu der lebenslustigen Besatzung des ›Amor‹ gar nicht passen wollte, aber gerade wegen dieser Eigenschaft erfreute er sich unter den Herren einer besonderen Gunst. Er war der zweite Sohn eines Lords, konnte also nicht den Titel eines solchen führen, sondern nur den eines ›Honourable‹, und es wurde gesagt, daß er dem Schicksal darum grolle, weil er, der begabte und geistvolle Mann, später nicht die Würden seines Vaters erben könne, sondern sein älterer Bruder, ein oberflächlicher, charakterloser Mensch.

Wer ihn aber näher kannte, der wußte, daß Davids einer solchen Kleinlichkeit nicht fähig war, sondern, daß ihm diese ernste, aber nicht finstere Schweigsamkeit entweder angeboren war, oder daß sie ihren Grund in irgend etwas anderem, vielleicht in trüben Erfahrungen hatte. Wie schon gesagt, er paßte nicht zu den Herren, welche nur zu gern ihrem Uebermut die Zügel schießen ließen, wenn sie nicht Lord Harrlington in Schranken zu halten gewußt hätte, aber dennoch war Davids der erste gewesen, der seine Beistimmung zu der Weltreise gegeben und England verlassen hatte, ohne einen Blick nach der verschwindenden Insel zurückzusenden.

Die Lippen fest zusammengepreßt, die Hände auf den Rücken gelegt, wanderte er auf Deck hin und her, der heißen Sonnenstrahlen nicht achtend, und ließ nur manchmal einen der sechs Arbeiter, die sich in Schlingen befestigt hatten und am Mast hingen, tiefer hinab oder zog ihn höher hinauf, je nachdem ihm von oben zugerufen wurde.

Jedesmal, wenn ihn sein Gang an das Heck des ›Amor‹ führte, blieb er für eine Minute stehen und beobachtete die in einiger Entfernung liegende ›Vesta‹, auf welcher ähnliche Reinigungsarbeiten von den amerikanischen Mädchen selbst ausgeführt werden mußten, sie kletterten unablässig in der Takelage herum, und er konnte sogar die Wassereimer sehen, wenn sie in die Höhe gehißt wurden. Auf der ›Vesta‹ mußte es sehr lustig hergehen, denn ab und zu scholl ein fröhliches Lachen an das Ohr des Beobachters, und dann zogen sich stets dessen Brauen finster zusammen, er drehte sich kurz um und nahm seine schweigsame Wanderung wieder auf.

Als er einmal länger als sonst, in der Beobachtung der ›Vesta‹ versunken, am Heck gestanden hatte, hörte er plötzlich einen Schritt hinter sich, und wie er sich schnell umwandte, sah er einen Herrn auf sich zukommen. Er hatte gar nicht bemerkt, wie vom Quai aus ein Boot abgestoßen war und diesen Herrn auf den ›Amor‹ abgesetzt hatte.

»Mister Davids – Kapitän des ›Amor‹?« fragte der Mann im hellgrauen Anzug und lüftete, sich leicht verbeugend, den Strohhut.

Davids machte eine zustimmende Verbeugung.

»Mister Huxlay – Richard Huxlay,« stellte sich der Angekommene, ein schöner Mann, mittleren Alters, mit glänzend schwarzem Haar und großem Schnurrbarte, vor. »Verzeihen Sie mir die Freiheit, daß ich, ohne mich vorher angemeldet zu haben, an Bord komme; aber der Auftrag, den ich von einer ihnen befreundeten oder doch gut bekannten Dame auszurichten bekommen habe, drängte, und das entschuldigt mich.«

Davids deutete mit einer einladenden Bewegung nach dem Kartenhaus, welches inmitten an Deck jedes größeren Schiffes steht und zum Aufbewahrungsort der Karten und nötigsten Instrumente, wie auch als Sprechzimmer des Kapitäns dient.

Als beide Herren in demselben sich gegenüber Platz genommen und der fremde Herr einige Zeit vergebens gewartet hatte, daß Davids seinen Mund öffnen würde, begann er wieder:

»Ich hatte diese Nacht in Hughenden das Vergnügen, mit einigen Herren vom ›Amor‹ zusammenzutreffen, und zwar mit Lord Harrlington, Lord Hastings und Sir Williams – letzteren kannte ich übrigens schon von früher her – welche in Begleitung von einigen Damen nach Norden fuhren. In Hughenden hatten sie eine Stunde Aufenthalt, ich desgleichen, und stellen Sie sich mein Erstaunen vor, als ich in einer der Damen eine gute Bekannte, ich möchte fast sagen, Freundin, wiederfand. Es war Miß Petersen, welche eben auf dem Wege war, eine alte Jugendfreundin, Mistreß Turner, auf deren Farm Blackskin aufzusuchen.«

Der Herr hatte in leicht erzählendem Tone gesprochen, sich bequem in den Stuhl gelehnt, die Beine übereinander geschlagen und fixierte fortwährend scharf den ihm Gegenübersitzenden, der aber nicht den Blick von der Schere aufhob, mit der er nachdenkend auf dem Tische spielte.

»Hat Ihnen Miß Petersen vielleicht von dieser Freundin erzählt?« fragte der Herr lächelnd.

Davids schüttelte leicht den Kopf.

»Ich weiß nur, habe zufällig erfahren, daß Miß Petersen eine Freundin aufsuchen wollte, und jetzt fällt mir allerdings ein, daß deren Name Mistreß Turner war,« sagte er und hob zum ersten Male die Augen, den Fremden musternd.

»Nun, diese Freundin ist eine geborene Huxlay und war meine Cousine,« fuhr der Herr fort. »Dann haben Sie vielleicht auch gehört, daß ich vor etwa drei Jahren, als sich meine Cousine an Mister Turner verheiratete, mit ihr nach Australien zog und mein Vermögen mit in der Farm Blackskin anlegte?«

»Nein,« entgegnete Davids, »ich bin in diese Familienangelegenheiten vollkommen uneingeweiht.«

»Es wurde damals in Louisiana viel davon gesprochen, daß sich die Farmen in Australien besser rentierten, daß man besonders durch die Schafzucht ein reicher Mann werden könnte; ich sah mich damals nach einer Farm um und zog, als meine Cousine nach Australien reiste, mit dieser – doch,« unterbrach sich Huxlay, »dies alles interessiert Sie ja nicht. In Hughenden traf ich also Miß Petersen, welche oft auf der Plantage meines Vaters in Louisiana verkehrt hatte, um fröhliche Stunden mit meiner Cousine zu verbringen, und wie war ich überrascht, als ich erfuhr, daß ihre Reise unserer Farm Blackskin galt! Die Stunde der Wartezeit verging uns in heiteren Erinnerungen wie im Fluge, und erst in der letzten Minute besann sich Miß Petersen darauf, was eigentlich der Zweck ihrer Reise sei, und daß es ein glücklicher Zufall war, daß ich, dessen Heimat Blackskin ist und der nach Townville fuhr, ihr begegnete. Sie fragte mich, ob es uns möglich wäre, etwa achtundzwanzig Herren und fünfundzwanzig Damen für einige Tage auf Blackskin zu beherbergen, eventuell mit Pferden zu versehen, und war äußerst erfreut, als ich ihr sagte, die dreifache Zahl solch lieber Gäste, die sie uns zuführe, wären wir zu beherbergen in der Lage. Um es kurz zu machen, Mister Davids, Miß Petersen bat mich, an Bord des ›Amor‹, wie auf der ›Vesta‹ vorzusprechen, und die Herren und Damen zu einem Ausflug nach Blackskin einzuladen.«

Davids hatte dem Fremden aufmerksam zugehört und nichts gefunden, was etwa den Verdacht gegen eine Unwahrheit in ihm rege gemacht hätte. Er wußte, daß Miß Petersen allerdings nur darum nach Blackskin gereist war, um dort auszukundschaften, ob die Herren und ihre Freundinnen Unterkommen finden könnten. Wäre dies der Fall, so würde sie oder Lord Harrlington telegraphieren und sie zum Nachkommen auffordern.

Die Einladung kam zwar überraschend schnell, aber so, wie es dieser Herr erzählte, war alles möglich. Davids fand keinen Grund, dem Mister Huxlay zu mißtrauen. Derselbe war kein Engländer, er sprach das Englisch mit dem eigentümlichen Nasenton der Amerikaner, und leicht möglich war es, daß er der Cousin der Mistreß Turner und Mitbesitzer der Farm war. Davids hatte darüber weiter nichts erfahren.

»Haben Sie auch mit Lord Harrlington darüber gesprochen?« fragte er.

»Gewiß, der Lord bat mich, Ihnen zu sagen, Sie möchten sofort alle Herren dazu bewegen, sich der Tour anzuschließen! Die Farm Blackskin liegt idyllisch, ihre Umgebung wimmelt von Känguruhs, und so werden Sie Tage erleben, wie sie Ihrer Jagdlust nie wieder geboten werden.«

»Alle Herren sollen sich anschließen?« fragte Davids, ohne durch den Ausdruck des Tones ein plötzlich aufsteigendes Mißtrauen merken zu lassen.

»Lord Harrlingtons eigene Worte waren: ›Bitten Sie Mister Davids, darüber bestimmen zu wollen, ob er auf dem ›Amor‹ Herren zurücklassen will oder nicht; er ist jetzt Kapitän der Brigg, und ich will ihm daher keine Vorschriften machen.‹«

Davids Mißtrauen war verschwunden.

»Wie steht es mit der Fahrgelegenheit nach Blackskin?« fragte er.

»Als ich Ihnen vorhin sagte, daß ich die Gesellschaft in Hughenden traf, entsprach dies eigentlich nicht ganz der Wahrheit, denn es war nur eine Nebenstation dieser Stadt, Klein-Hughenden genannt, vier Stunden davon entfernt. Die Damen und Herren fuhren nicht über Hughenden, wo die Bahn endet, sondern stiegen auf dieser Nebenstation um. Allerdings ist dieser Weg bedeutend näher, als über Hughenden, aber der Zug, den sie benutzt haben, geht nur aller zwei Tage, wir könnten also erst morgen abend von hier abfahren, aber Miß Petersen hofft, daß Sie sofort nachkommen.«

»Und wie wäre dann der Weg?«

»Wir steigen auf der Station nicht um, sondern fahren vier Stunden weiter direkt bis nach Hughenden.«

»Und dann?«

»Dorthin werden uns Pferde von der Farm entgegengeschickt, mit denen wir dann Blackskin nur einige Stunden später erreichen, aber jedenfalls bedeutend eher, als wenn wir den anderen Weg einschlagen und bis morgen abend warten würden. Bitte, überzeugen Sie sich auf einer Karte!«

»So geht der Zug nach Hughenden jeden Tag?«

»Jeden Abend acht Uhr, aber von der Zwischenstation zweigt sich nur aller zwei Tage ein Zug nach Burketown ab.«

»Well, so werde ich Ihre freundliche Einladung annehmen und heute abend nach Blackskin abreisen,« sagte Davids, »verzeihen Sie mir, daß ich mich so genau erkundigte, aber –«

»Ich weiß,« unterbrach ihn Mister Huxlay lächelnd, »Miß Petersen hat mir schon einige ihrer Abenteuer erzählt, und Sie haben allerdings Grund, vorsichtig zu sein. Werden alle Herren bei der Partie sein?«

»Nein,« sagte Davids entschieden, »das Los wird über einige der Herren entscheiden, die zurückbleiben, wenn sich freiwillig niemand ausschließt.«

Huxlay zog eine bedauernde Miene.

»Das ist sehr schade.«

»Aber es geht nicht anders, der ›Amor‹ kann nicht nur unter Aufsicht der Heizer zurückbleiben. Und wie ist es mit der ›Vesta‹? Haben Sie für die Damen denselben Auftrag?«

»Allerdings und zwar wollte ich Sie ersuchen, meine Bitten durch die Ihren zu unterstützen, damit ich nicht soviel Zeit gebrauche, sie zu der Reise zu überreden,« sagte Huxlay lächelnd.

Auch Davids lächelte, als er erwiderte: »Ich glaube kaum, daß Sie bei den Damen viel Ueberredungskunst anzuwenden haben. An wen hat Sie Miß Petersen gewiesen?«

»An Miß Nikkerson, als die stellvertretende Kapitänin.«

Davids unterhielt sich noch einige Minuten mit dem Herrn und stellte ihn dann den übrigen Engländern vor. Nachdem Mister Huxlay ihnen einige Komplimente über den ›Amor‹ gesagt hatte, lenkte er das Gespräch auf etwas anderes.

»Und nun noch eins, meine Herren. Haben Sie schon einmal einer Känguruhjagd beigewohnt?«

Nur einer der Herren war schon einmal in Australien gewesen, hatte aber auch noch nicht Gelegenheit gehabt, einer solchen Jagd beizuwohnen.

»Es ist wegen der Waffen, Sie haben jedenfalls sehr schwere Gewehre mitgenommen?«

»Durchaus nicht,« entgegnete Davids, »wir haben allerdings großkalibrige Büchsen, aber auch leichte, lange Vogelflinten.«

»Ich dachte es mir. Zur Känguruhjagd können nur kleinkalibrige und sehr weittragende Kugelbüchsen verwendet werden.

»Die haben wir allerdings nicht. Aber warum soll man nicht ebensogut mit großer Kugel das Känguruh schießen können?« fragte einer der Herren.

»Der Unterschied läßt sich schwer erklären,« meinte Huxlay. »Sie werden aber später bei der Jagd selbst empfinden, welchen Vorteil eine Kugelbüchse gewährt. Ich wollte Ihnen nur den Vorschlag machen, die Jagdwaffen an Bord zu lassen, da wir Sie auf der Farm vollständig mit Gewehren geeigneten Kalibers versehen können. Im Busch kommen nur Büchsen ganz besonderer Konstruktion zur Anwendung.«

Da das Gespräch einmal auf Gewehre und andere Jagdwaffen gekommen war, bei Sportsleuten ein sehr wichtiges und unerschöpfliches Thema, so wurde im Salon noch längere Zeit darüber gesprochen, während welcher John Davids in seiner Kabine einen Brief an Miß Nikkerson schrieb. Er bat sie, dem Ueberbringer desselben Glauben zu schenken und, wenn sie und die anderen Damen einwilligten, heute abend acht Uhr am Bahnhof zu sein.

Nachdem er dem Herrn das Schreiben eingehändigt, verabschiedete sich dieser mit dem Versprechen, ebenfalls abends am Bahnhof zu sein, um die Gäste persönlich nach Blackskin zu begleiten. Sein Geschäft hier in Townville nähme nur eine halbe Stunde in Anspruch, und er verschmähe jeden weiteren Aufenthalt in dieser Stadt, da er die Reise in so angenehmer Gesellschaft zurücklegen könnte.

»Also auf Wiedersehen, um acht Uhr, meine Herren!« rief er, als er das Fallreep hinabstieg.

»Fahren Sie direkt nach der ›Vesta‹?« fragte ihn Hendricks.

Huxlay bejahte.

»Dann müssen Sie aber die Unterhaltung außerbords führen.«

»Warum denn?«

»Keines Mannes Fuß darf die Planken der ›Vesta‹ betreten.«

»Auch nicht, wenn ich als Abgesandter ›Amors‹ komme?« lachte Huxlay zurück.

»Dann erst recht nicht,« klang es dem Abfahrenden nach.

»Ein angenehmer Mensch, dieser Mister Huxlay,« sagte Chaushilm zu Hendricks.

Alle Herren hatten sich an Deck begeben.

»Das scheint er zu sein. Ich freue mich riesig auf die Känguruhjagd,« meinte Hendricks, »ich habe einmal gelesen, wie einer bei einer solchen Hetzjagd drei Pferde totgeritten hat.«

»Wir wollen sie aber schießen.«

»Natürlich, wenn das Pferd unter dem Reiter zusammenbricht, früher nicht,« behauptete Hendricks, ein passionierter Pferdedandy.

»Mir gefällt der Vorschlag übrigens nicht,« begann einer der jungen Herren, »daß wir unsere Gewehre nicht mitnehmen sollen. Vielleicht haben wir schon unterwegs Gelegenheit, eine kleine Jagd zu arrangieren.«

»Zum Eisenbahnfenster hinaus?«

»Wer weiß? Ich nehme jedenfalls mein Gewehr mit.«

Auch die übrigen Herren einigten sich dahin, ihre Gewehre doch mitzunehmen und wollten ihren Entschluß eben John Davids mitteilen, der wieder am Heck des Schiffes stand, und beobachtete, wie Huxlay sich nach der ›Vesta‹ rudern ließ, dann aber den Blicken entschwand, weil das Boot um das Schiff bog.

Jetzt wandte er sich um, sah nach der Uhr und sagte:

»Meine Herren, es ist drei Uhr, wir haben also noch fünf Stunden Zeit, bis wir auf dem Bahnhof sein müssen. Machen Sie unterdes aus, wer zurückbleiben will, es müssen wenigstens fünf Herren sein. Finden sich diese nicht, dann muß das Los geworfen werden. Auch bitte ich Sie, während dieser Zeit Ihre Gewehre in Ordnung zu bringen, wir nehmen sie mit.«

»Die Vogelflinten natürlich,« sagte Chaushilm. »In Australien gibt es ja keine großen Tiere zu schießen.«

»Nein, die Kugelbüchsen,« antwortete Davids, ging unter Deck und gab auch Hannes die Erlaubnis, an der Fahrt teilzunehmen. – –

»Es ist so,« sagte der Stationsvorsteher zu John Davids, der mit einem Fuß schon auf dem Trittbrett des Wagens stehend, noch zögerte einzusteigen, weil er erst von dem Beamten etwas Näheres über den Inhalt eines Telegramms erfahren wollte, das eben aus Hughenden eingetroffen war, »es ist so, wie ich Ihnen sagte, mehr weiß ich auch noch nicht. Das Telegramm lautet: Linie zwischen Klein-Hughenden und Burketown geschlossen, Schienenkreuz zerstört. Steigen Sie ein, der Zug setzt sich schon in Bewegung!«

»Wann ist dies geschehen?« konnte Davids aber noch zum Fenster herausrufen.

»Wahrscheinlich heute morgen durch ausgebrochene Sträflinge,« war die Antwort, dann brauste der Zug davon.

Die Herren befanden sich alle in einem Wagen, ebenso die Damen, und John Davids erzählte ihnen, was er eben erfahren hatte. Er konnte wegen des herrschenden trüben Lichtes nicht bemerken, wie dem mitfahrenden Mister Huxlay bei dieser Mitteilung eine plötzliche Unruhe befiel.

»Dann sind auch unsere Freunde und die Damen davon betroffen worden,« sagte einer der Herren. »Haben Sie nicht erfahren können, Davids, ob ein Unglück passiert ist, ob der gestrige Zug die Stelle schon hinter sich hatte oder sonst etwas?«

»Nichts,« entgegnete Davids. »Was ich Ihnen sagte, ist alles, was ich erfahren konnte. Wir wollen hoffen, daß der Zug mit unseren Freunden bereits die Stelle passiert hatte.«

Sie erkundigten sich bei Mister Huxlay über jene Fahrverbindung, über die Lage der einzelnen Stationen und erfuhren von dem darüber sehr genau orientierten Herrn wenig Tröstliches.

»Ein Glück ist es nur,« begann Hendricks, »daß die Damen männliche Begleitung mitgenommen haben. Lord Hastings ist der Besonnenste der Herren und wird, wenn sie gezwungen wurden, den Zug zu verlassen, schon alle Maßregeln getroffen haben.«

»Also die Sträflinge sind doch ausgebrochen,« sagte ein anderer, »ich hörte heute morgen in einem Kaffeehaus etwas davon munkeln, aber das Gerücht war so unbestimmt, daß ich es nicht weiter zu verbreiten wagte. Haben Sie nichts davon erfahren, Mister Huxlay?«

»Nein,« sagte dieser, »wenn die Sträflinge wirklich ausgebrochen sind, so hütet sich das Gouvernement, die Tatsache sofort in die Welt zu posaunen, um die Umwohnenden nicht ängstlich zu machen, sondern sie versucht erst, die Verbrecher wieder einzufangen.«

»Und was werden die Sträflinge machen, wenn sie sich befreit haben?«

»Sie ziehen sich dann gewöhnlich in die Wälder zurück,« sagte Huxlay.

»Als Buschrähndscher,« ergänzte Davids,« und solche werden es gewesen sein, welche den Schienenstrang aufgerissen haben.«

»Ich denke eher an Eingeborene,« meinte Huxlay; »ich wüßte nicht, wo sich die Sträflinge befreit haben könnten. Die nächste Strafanstalt ist bei Hughenden, ein Steinbruch, aber dort werden die Arbeiter so streng bewacht, daß eine Meuterei gar nicht möglich ist.«

»Jedenfalls ist es gut, daß wir die Büchsen mitgenommen haben.« sagte Hendricks, »mag nun kommen, was will«.

Es trat eine Stille ein, jeder der Herren beschäftigte sich mit seinen eigenen Gedanken.

Als gegen zwei Uhr Klein-Hughenden passiert war, schlugen einige Herren vor, die Schlafbänke herunterzuschlagen und bis sechs Uhr zu schlafen, bis sie in Hughenden ankommen würden. Die Damen hatten es wahrscheinlich ebenso gemacht, denn in dem vorausfahrenden Wagen, aus dem bis jetzt immer fröhliches Lachen erschollen war, herrschte nun Ruhe.

Aber Davids bestand energisch darauf, daß alle wach blieben, und als Mister Huxlay in etwas spöttischem Tone fragte, ob er vielleicht einen Ueberfall von Buschrähndschern fürchte, entgegnete er:

»Das nicht, aber es könnte abermals eine Zerstörung der Schienen stattgefunden haben, eine Entgleisung eintreten, und da ist es besser, wach zu sein, als zu schlafen.«

Sein Rat ging durch, und die Herren begannen, sich durch Erzählen wachzuhalten.

Natürlich kam das Gespräch auch bald auf die Damen der ›Vesta‹ und da hatte man Stoff genug, denn fast alle die Mädchen waren frei und unabhängig, und in diese Lage waren sie nicht immer dadurch gekommen, daß ihre Eltern gestorben waren, vielmehr gab es manches verwickelte Schicksal darunter.

»Ich habe einst gehört,« sagte Chaushilm zu einem der Herren, »Sie wüßten, auf welche Weise Miß Nikkerson ihre Eltern verloren hat.«

Der Angeredete nickte.

»Durch meinen Vater, welcher die Mutter des Mister Nikkerson gekannt hatte und ihr herbes Schicksal, das sie nach kurzer Ehe traf, sehr bedauerte. Sie überlebte nicht lange den Tod ihres Gemahls.«

»Nahm sie sich denselben so sehr zu Herzen?« »Ihr Mann starb eines gewaltsamen Todes, er wurde ermordet.«

»So erzählen Sie doch, was Sie wissen! Natürlich nur, wenn es niemanden kompromittiert.«

»Durchaus nicht, und da wir gerade in dem Lande sind, wo Mister Rikkerson durch meuchlerische Hand fiel, so will ich Ihnen das mitteilen, was ich von meinem Vater darüber erfuhr. Viel ist es allerdings nicht. Mister Nikkerson machte alle zwei Jahre eine Geschäftsreise nach Sydney, und so befand er sich auch vor etwa neunzehn oder zwanzig Jahren in dieser Stadt. Er wollte damals gerade einen großen Kauf von Wolle abschließen, hatte in Sydney eine große Summe deponiert und begab sich gleich am ersten Tage nach seiner Ankunft auf die Bank, um dort das Geld abzuholen und dem Verkäufer einzuhändigen.

»Der Weg von diesem Bankgeschäft nach dem Hause, wo der Wollmakler sein Kontor hatte, führt durch einige ärmliche Straßen, man kann ihn aber abkürzen, wenn man mit den Durchgängen Bescheid weiß, welche die Gäßchen kreuzen.

»Einen solchen Durchgang muß nun Nikkerson benutzt haben, man hat ihn zum letzten Male in einer der Gassen gesehen, die Hand in der Brusttasche, wo er jedenfalls das Geld aufbewahrte – am Abend desselben Tages fand man ihn als Leiche, von einem Messerstich durchbohrt, im Treppenwinkel eines Durchganges liegen, natürlich des Geldes beraubt.«

»Und der Mörder? Hat man auf niemanden Verdacht gehabt?«

»Der Täter wurde noch in derselben Nacht ergriffen. Neben dem Toten lag ein Messer und ein blutgetränktes Taschentuch, und ein Matrose, welcher bei der Fortschaffung des Leichnams behilflich war, benahm sich beim Anblick der Gegenstände so sonderbar, daß man Verdacht gegen ihn faßte und ihn festnahm. Nach längerem Zögern gestand er denn auch, daß es das Messer und Tuch eines seiner Kameraden war, und als man diesem die Beweise vorhielt, soll er so erschrocken sein, daß er sofort als Mörder bezeichnet wurde.«

»Er wurde gehängt?«

»Ich glaube nicht. Der Kapitän, auf dessen Schiff er gerade war, stellte ihm das beste Zeugnis aus, bezeichnete ihn als einen Menschen, dem er getrost alles anvertrauen würde, was er besäße, und auch der Matrose selbst behauptete immer und immer seine Unschuld, aber natürlich – die Beweise waren da, und alles Bedauern half nichts. Mein Vater konnte mir auch nicht sagen, ob jener sein Leben als Sühne lassen mußte; oder ob seine Strafe gemildert worden ist.«

»Mister Nikkersons Gemahlin starb bald darauf?«

»Ja, ein Jahr nach dem Tode ihres Mannes. Sie hinterließ ein Kind von zwei Jahren, eben unsere Miß Nikkerson.«

Die Herren saßen wieder einige Zeit lang schweigend da, sich nur mit Zigarre oder Pfeife beschäftigend, als auf einmal eine helle Stimme laut schrie:

»Laß fallen die Anker! Verfluchter Schlingel, willst du von der Kette weg!«

»Allmächtiger Gott,« lief Hendricks, der ebenso zusammengefahren war, wie die übrigen Herren, »was hat der Bengel für eine Stimme, selbst wenn er schläft. He, Hannes,« sagte er zu dem bequem in einer Ecke lehnenden Leichtmatrosen und schüttelte ihn am Arm, »wach' auf, du träumst von Schiffen, und wir fahren auf der Eisenbahn.«

»Fort, sage ich dir, fasse mich nicht an!« brüllte der Träumende jedoch weiter.

»Der balgt sich wieder einmal mit seinem Herrn herum,« lachte Hendricks. »Ein intimeres Verhältnis zwischen Herr und Diener habe ich noch nie gesehen, so etwas kann nur Charles Williams arrangieren.«

Da sprang Davids auf und sagte:

»Was ist denn das? Kommen wir noch einmal an eine Station, weil der Zug halten will?«

Alle Herren blickten durch die Fenster und bemerkten an den vom Mondschein schwach beleuchteten Gebüschen, wie langsam sie an diesen vorbeifuhren.

»Hannes hat kommandiert, daß die Anker fallen sollen, die Schaffner haben's gehört und sofort den Befehl ausgeführt,« meinte Hendricks lachend.

Noch immer war der Zug im Fahren, aber man merkte auch im Wagen, wie sich die Räder langsamer und langsamer drehten, dann ein Ruck, ein Schub nach vorn, und der Zug stand. Er war noch aus dem Busch herausgerollt und hatte jetzt zu beiden Seiten Gummiwald.

»Wer weiß, was los ist!« meinte ein Engländer. »Wäre irgend etwas Gefährliches passiert, so hätte die Lokomotive gepfiffen. Wir müssen eben ruhig warten.«

»Die Räder werden wahrscheinlich geschmiert,« bemerkte ein anderer.

Einige Minuten blieben die Herren auf den Plätzen sitzen, dann aber wurde Davids unruhig.

»Es ist so still,« sagte er, »kein Pfiff, kein Rufen der Beamten, kein Gehen über uns. Es ziemte sich für den Schaffner, uns wenigstens aufzuklären.«

Er stand auf, öffnete die Tür und stieg aus, hinter ihm Huxlay und gleich darauf auch Hendricks. Als letzterer außerhalb des Schienenstranges stand, blieb er ebenso erstarrt, wie Davids, stehen und blickte die Schienen entlang – der Wagen war abgekuppelt worden, er war der letzte gewesen, und von dem Zuge war nichts mehr zu sehen.

»In den Wagen,« schrie plötzlich Davids und sprang mit einem Satze hinein, Hendricks nach sich ziehend, er hatte ein leises Knacken von Gewehrschlössern gehört.

Es war die höchste Zeit gewesen, denn schon donnerte eine Salve, und die Kugeln schlugen gegen den Wagen, ohne glücklicherweise das starke, mit Blech besetzte Holz durchschlagen zu können.

»Von den Fenstern, stellt euch geschützt!« rief Davids, und als dieser Rat von den bestürzten Männern eiligst befolgt war, fragte er:

»Wo ist Huxlay?«

Ein Stillschweigen beantwortete ihm diese Frage.

»Also doch,« murmelte er zwischen den Zähnen.

Die Gewehre wurden heruntergeholt, mit Spannung erwartete man eine weitere Salve, aber sie blieb aus. Da riß Davids den Kolben an die Wange und feuerte zum Fenster hinaus, dabei in gesicherter Stellung bleibend; ein Schmerzgeheul erscholl, und wieder krachten die Gewehre und prasselten die Kugeln gegen die Wände.

»Nummer eins,« knirschte Davids, »möge es dieser Schuft gewesen sein.«

»Ist jemand verwundet?« fragte er dann laut.

»Niemand.«

Noch einmal knallte ein Schuß im Innern des Wagens, diesmal aber auf der anderen Seite, und wieder hörte man ein Wehegeschrei, aber keine Salve antwortete.

»Die Buschrähndscher,« flüsterten die Herren, als für längere Zeit nichts mehr im Walde vernehmbar war. »Wie still sich die Zugbeamten benehmen!«

»Losgekuppelt sind wir,« sagte Davids laut. »Unser Wagen steht verlassen auf den Schienen.«

Keiner konnte einen Ruf des Schreckens unterdrücken.

»Und die Damen?« fragte einer leise.

»Sind natürlich mit dem Zuge fort.«

Dicht gedrängt standen die Männer an den Fenstern, ohne sich selbst aber eine Blöße zu geben, die Büchsen schußbereit in den Händen, und beobachteten den Wald.

Aber kein Laut unterbrach mehr die Stille.

Nicht lange dauerte es, so begann der Tag zu dämmern, und Davids lehnte sich zum Fenster hinaus, um die Situation zu überschauen. Aber sofort blitzte im Busch ein Schuß auf, und eine Kugel riß dem Unvorsichtigen die Mütze vom Kopf.

»Aha,« sagte Davids, »wir sind ihnen wahrscheinlich etwas zu weit gefahren. Wären wir im Busch, der um zwanzig Meter hinter uns liegt, schon halten geblieben, so könnten sie uns wie auf dem Anstand einen nach dem anderen wegschießen, ohne daß wir sie vor die Mündungen der Gewehre bekämen, so aber ist der Wagen glücklicherweise weitergerollt, und wir befinden uns in einem durchsichtigen Wald von Gummibäumen, wodurch wir im Wagen den Vorteil auf unserer Seite haben. Wartet, Burschen, wir wollen euch das Blut noch heiß machen!«

»Was sollen wir nun tun?« wandte er sich an die Herren. »Mister Huxlay ist ein Schurke gewesen, der uns nur hierher gelockt hat, um uns vor die Gewehre der Buschrähndscher zu bringen.«

»Aus welchem Grunde aber? Wir haben doch keine Wertsachen bei uns?« meinte einer.

»Nein, nicht auf uns war es eigentlich abgesehen,« bestätigte Davids, »sondern auf die Damen. Gelang es der Bande, die uns schon öfters Hemmnisse in den Weg gelegt hat, bis jetzt nicht, sich eines der Mädchen zu bemächtigen, so wollen sie es jetzt einmal mit allen zugleich versuchen.«

Bestürzt hörten ihm die jungen Engländer zu.

»Was wollen wir nun tun, frage ich noch einmal?« wiederholte Davids.

Er hatte schon seinen Plan, aber er wollte erst die Ansichten der übrigen anhören.

Verschiedene Vorschläge wurden gemacht. Die wenigsten wollten warten, bis der Zug von Hughenden kam, was gegen Mittag der Fall sein mußte, einige schlugen vor, dorthin zu gehen, die meisten dagegen drangen darauf, die Buschrähndscher, welche sicher noch im Busch versteckt lagen, anzugreifen, und dies fand Davids Beifall.

»Augenblicklich ist es uns nicht möglich, uns um das Schicksal der Damen zu kümmern,« sagte er, »denn unser Leben ist selbst in großer Gefahr. Nach Hughenden zu laufen, wäre Tollheit, eher könnten wir auf den nächsten Zug warten, aber ich bin der Ansicht, daß die Buschrähndscher, welche bereits solche Uebung im Zerstören von Schienen und im Abkuppeln entwickelt haben, auch diesmal die Schienen wieder aufreißen, um uns der Möglichkeit des Entsatzes zu berauben. Das sind aber keine einfachen Buschrähndscher, welche einen Gentleman abschicken, um uns auf seine Farm einzuladen, sondern das Ganze ist ein abgekartetes Spiel, um sowohl die Mädchen zu entführen, als auch, um uns für immer unfähig zu einer Verfolgung zu machen. Gehen wir nicht aus dem Wagen, so werden sie schon Mittel und Wege finden, uns herauszubringen, wahrscheinlich werden sie Feuer daranlegen, daher ist auch mein Vorschlag, offensiv vorzugehen. Sie sollen bald sehen, daß wir im Vorteil sind.«

Alle Herren zollten ihm Beifall. »Gut,« fuhr Davids fort, »überzeugen wir uns erst, ob die Räuber noch im Busch sind und uns beobachten.«

Er zog seinen Rock aus, faltete ihn etwas zusammen und setzte einen Hut darauf.

Kaum hielt er die so gefertigte Puppe zum Fenster hinaus, als ein Schuß knallte und eine Kugel den Rock durchlöcherte.

Davids ging nach der Hinterwand des Wagens, drehte sein Gewehr um und schlug einige Male gegen den obersten Keil. Nach mehreren Schlägen fiel dieser aus der Oeffnung heraus.

Die Herren hatten verstanden, sie beteiligten sich an dieser Arbeit, und in kurzer Zeit war die hintere Wand Wagens gefallen.

»Der Salve nach zu urteilen, können es höchstens zwanzig bis dreißig Buschrähndscher sein, die sich dort festgesetzt haben,« sagte Davids, »und eine Schande wäre es für uns, wenn wir diese nicht zu Paaren trieben. Jetzt, meine Herren, auf mein Kommando alle zugleich hinten aus dem Wagen gesprungen, ihn mit den Händen angefaßt und dann mit einem Hurra vorwärtsgeschoben, bis wir den Busch erreicht haben, in den wir sofort hineinspringen. Dort sind wir vorläufig sicher.«

Die Kaltblütigkeit und Sicherheit, mit der Davids alles anordnete, hatte für die jungen Männer etwas Berauschendes. Mit leuchtenden Augen blickten sie auf den Führer, der eben die Hand aufhob, zum Zeichen, daß jetzt das Kommando käme.

5.

Ein grausamer Scherz.

Ein tiefer Schlaf hatte sich der in der Nähe des Eingeborenenlagers Zurückgebliebenen bemächtigt, trotzdem sie anfangs in ihren nassen Kleidern vom Frost geschüttelt wurden. Aber wer so etwas als etwas Unerträgliches bezeichnet, der darf nicht Seemann werden, und wessen Gesundheit es nicht verträgt, der wird nicht lange Seemann bleiben.

Lord Harrlington und Williams hatten versucht, sich durch ein Gespräch wachzuhalten, aber als erst die Mädchen sanft entschlummert waren und dann noch der sorglose Hastings wie ein Bär zu schnarchen begann, da überwältigte auch sie bald die Müdigkeit, und ein wohltuender Schlaf befiel sie. Die Anstrengung des letzten Tages nach einer schlaflosen Nacht war zu groß gewesen.

Der erste, der erwachte, war Charles, und er sah die Sonne schon hoch am Himmel stehen. Schnell weckte er seine Freunde und die Mädchen und mußte ihnen leider zum Morgengruß mitteilen, daß sich bis jetzt weder Drake, noch einer seiner schwarzen Soldaten bei ihm hatte sehen lassen.

Die Bestürzung über diese Nachricht war groß. Niemand konnte sich erklären, was den zwar etwas unhöflichen, aber zuverlässig scheinenden Stellvertreter des Leutnants veranlaßt hatte, sie noch nicht wieder aufzusuchen, umsomehr, da er doch versprochen hatte, in kurzer Zeit zurückzukehren.

An einen Verrat wagte vorläufig noch niemand zu denken.

»Wir wollen noch eine Stunde auf ihn warten,« schlug Harrlington vor, »und ist er bis dahin nicht zurück, so – –«

Er schwieg verlegen, denn er wußte augenblicklich nicht, was dann zu tun war. Eine Verfolgung auf eigene Faust wäre ganz unmöglich gewesen, denn selbst Ellen, welche von allen vielleicht die meiste Zeit in wilden Gegenden zugebracht hatte, gestand offen, nicht hundert Meter weit eine Spur im Grase verfolgen zu können, um wieviel weniger hier, wo der Boden teils aus harter Erde, spärlich mit Gras bewachsen, teils aus steinigem Grund bestand.

Der Morgen war wie gewöhnlich noch kälter, als die Nacht, und so zündeten die Männer jetzt, da man ein Feuer nicht mehr so weit, wie in der Dunkelheit, erblicken konnte, ein solches an, um sich wenigstens noch eine Stunde der wohltuenden Wärme zu erfreuen.

Aber die Stunde verrann, und Drake ließ sich noch nicht sehen.

»Was soll man nur davon denken?« rief Ellen. »Die Pferde weg, Mister Drake weg und die Schwarzen auch! Der Mann hatte ein sehr sonderbares Benehmen; sollte man nicht fast glauben, daß nicht alles ehrliches Spiel gewesen wäre?«

»Wenn er sich höflicher gegen uns benommen hätte, würde ich auch an ähnliches denken,« sagte Charles, »aber dieser Kerl behandelte uns mit einer Rücksichtslosigkeit, die auf keinen guten Charakter schließen läßt.«

»Sie haben, wie immer, Ihre Anschauungen für sich,« nahm Miß Thomson das Wort, »aber mit dieser Rücksichtslosigkeit, daß er uns hier allein sitzen und vor Zweifel vergehen läßt, ist uns nicht geholfen. Auch ich traue ihm nicht mehr.«

»Bedenken Sie doch,« sagte Johanna, »wie ihn uns Leutnant Atkins empfohlen hat! Er wäre sein Freund, sagte er, und Atkins, den alle Farmer kannten, ist gewiß ein Ehrenmann, welchen Eindruck er auch auf mich machte. Ich bin fest überzeugt, daß Mister Drake zurückkommen wird, sodaß ich gar keine Unruhe verspüre.«

»Dann haben Sie eine glücklichere Natur, als ich,« rief Hastings und sprang von dem Feuer auf. »Unruhe verspüre ich auch nicht, aber eine Wut, eine Wut sage ich Ihnen, über den Menschen, der uns erst einen Ritt machen laßt, bei dem man Hals und Beine brechen konnte, uns dann zweimal ohne Zweck durchs Wasser jagt und uns schließlich fünf geschlagene Stunden im Walde an der Nase herumführt, und in einem Eilmarsche, als wäre man professionierter Dauerläufer. Herr, Du mein Gott, wenn ich den Kerl jetzt hier hätte!«

Trotz der üblen Lage mußten alle über den aufgeregten Lord lachen.

»Die Stunde ist vorüber,« sagte Ellen, nach der Uhr sehend. »Ein Entschluß muß gefaßt werden. Was schlagen die Herren und Damen vor?«

»Warten!« rief Johanna.

Sie war die einzige, welche ohne Zögern einen Rat abgab, alle übrigen schwiegen. Sie wußten seit langer Zeit zum ersten Male weder aus, noch ein. Die Situation war wirklich unerträglich. Es gab nur zwei Wege, entweder zurück, nach der Farm wollten sie sich schon wieder finden, Wassermangel brauchten sie dabei auch nicht zu leiden, denn der Weg führte ja immer an einem Bache entlang – dann aber entfernten sie sich immer weiter von Jessy; oder aber sie folgten der eingeschlagenen Richtung.

Aber ohne Führer, fast ohne Nahrungsmittel und vor allen Dingen ohne Aussicht auf Wasser zu stoßen? Nein, es war unmöglich!

Jetzt galt es, so schnell wie möglich den Rückweg anzutreten, ohne Säumen nach der Farm zu eilen und neue, sichere Führer zu requirieren. Mit blutendem Herzen schlug Ellen die Richtung nach rückwärts ein; beinahe vierundzwanzig Stunden waren schon verstrichen, seit Jessy geraubt war, und gestern um diese Zeit waren sie ebenso weit wie jetzt.

Das arme Mädchen! Welche Angst mochte es ausstehen! Wie sehnsüchtig mochte es auf seine Befreiung warten, jede Stunde, jede Minute hoffte es wahrscheinlich, ihre Freunde zur Rettung herbeieilen zu sehen, und diese entfernten sich immer weiter von ihm!

Nur Johanna war stehen geblieben.

»Ich bitte Sie,« rief sie, »gehen Sie nicht von hier! Mister Drake hat gesagt, wir sollen an diesem Orte auf ihn warten, und ich bin fest überzeugt, er kommt zurück, Ebenso wie wir jetzt über ihn unwillig sind, wird er es dann über uns sein, findet er uns nicht mehr vor, und der Grund seines Unwillens ist dann stichhaltiger, als der unsrige.«

Noch einmal blieben die Fortgehenden stehen und sahen auf Johanna, welche noch immer auf dem alten Platze verharrte.

»Nein,« rief aber dann Ellen, »die Vernunft sagt mir, daß es besser ist, umzukehren. Kommen Sie, Miß Lind, folgen Sie uns! Mein Gott,« unterbrach sie sich plötzlich und hob den Kopf nach der Richtung, von wo sie gekommen waren. »Merken Sie nicht etwas, Lord Harrlington?«

Die Herren sahen, wie die Nasenflügel des Mädchens zitterten, wie es die Luft tief einsog.

»Der Wald brennt!« schrie sie dann. »Ich kenne den Geruch, der Wind kommt vom Bache her, wir müssen fliehen. Rennen Sie, daß wir einen Ort erreichen, wohin das Feuer nicht kann.«

Noch hatten die übrigen die Gefahr gar nicht begriffen, sie verstanden ebensowenig die Angst, welche die sonst so mutige Ellen befallen hatte, die Verzweiflung, die sich in ihren Mienen widerspiegelte, aber sie folgten ohne Besinnen dem Mädchen, das bereits so schnell wie möglich der Richtung zulief, der sie die vorige Nacht nachgegangen waren.

Jetzt aber, während sie im raschesten Laufe dahineilten, drang auch ihnen ein brandiger Geruch in die Nase. Ellen hatte richtig geurteilt, der Wald mußte in Flammen stehen, wenn sie auch das Feuer noch nicht sehen konnten. Ellen kannte die riesigen Wald- und Präriebrände, durch welche oft ungeheure Strecken ihres Heimatlandes aller Vegetation beraubt wurden, welche Menschen und Tiere vor sich hertreiben, die, wenn diese nicht einen sicheren Ort, eine felsige Gegend, einen breiten Fluß oder einen Sumpf erreichen, unrettbar verloren sind.

Alle hatten doch von diesen Bränden und ihrer Gefährlichkeit erzählen hören, und als sie jetzt gar schon von Rauchwolken eingehüllt wurden und den Feuerschein bemerkten, stürzten sie mit doppelter Schnelligkeit vorwärts. Ehe sie das Feuer erreichte, mußten sie sich an einem sicheren Orte befinden, wo die Flammen keine Nahrung fanden, sonst waren alle verloren.

So glaubten sie wenigstens, als sie mit der Schnelligkeit der Verzweiflung vorwärtsstürmten, um wenigstens aus dem Walde zu kommen, dessen Boden mit von der Sonne verdorrtem Gras bedeckt war.

Allerdings sind auch die Grasbrände in Australien gefährlich für einen einsamen Wanderer, der von ihnen überrascht wird, aber sie kommen nicht im geringsten denen gleich, welche in Amerika von Zeit zu Zeit wüten, teils durch Zufall und Leichtsinn entstanden, teils absichtlich herbeigeführt, um entweder jemandem zu schaden, oder auch, um das alte trockene Gras zu vernichten, denn auf dem kahlgebrannten Boden schießen die frischen Halme mit überraschender Schnelligkeit hervor.

In Australien aber ist der Grasbrand ein ganz anderer, der unbebaute Boden ist nur spärlich mit Rasen bedeckt. Entzündet er sich, so jagt das Feuer wohl auch, vom Winde getrieben, mit großer Schnelligkeit dahin, besonders wenn vorher lange kein Regen gefallen ist, aber der Brand bietet für den erfahrenen Farmer und die Eingeborenen nicht die geringste Gefahr. Die letzteren halten es nicht einmal für nötig, den Ort, wo sie sich gerade befinden, zu verlassen, und wäre es auch eine Prärie mit manneshohem Gras; mit Leichtigkeit ersticken sie die Flammen um sich herum und lassen sie weiterziehen. Sie sind so schwach, daß sie nicht einmal den Busch in Brand setzen können, viel weniger den Wald.

Das aber wußte Ellen ebensowenig, wie die anderen, sie dachten an die Brände in Amerika und eilten in wahnsinnigem Laufe davon. Und wirklich wären sie auch nicht im stande gewesen, die Flammen, deren Hitze sie schon im Rücken fühlten, zu dämpfen, denn sie kannten die Kniffe nicht, deren sich die Eingeborenen dazu bedienen.

»Ich kann nicht mehr,« stöhnte Miß Thomson, als der Lauf erst zehn Minuten gedauert hatte. Noch immer befanden sie sich im Wald.

Schon wollte Harrlington sie auf den Arm nehmen, um mit ihr weiterzurennen, obgleich er sich und alle verloren gab, denn sie waren bereits von dichten Rauchwolken umgeben und sahen die Flammen mit riesiger Geschwindigkeit über den Boden auf sich zukommen, da sprangen plötzlich eine Menge dunkler Gestalten hinter den Bäumen hervor, und ehe sie wußten, ob sie sich über diese Begegnung mit den Eingeborenen freuen oder ängstigen sollten, waren sie schon von kräftigen Armen umschlungen und zu Boden gerissen.

Der riesenstarke Hastings vergaß ganz, von seiner Kunstfertigkeit im Boxen und Ringen Gebrauch zu machen, sonst wäre es sicher der zehnfachen Anzahl von Eingeborenen, die sich auf ihn geworfen hätten, nicht gelungen, ihn zu überwältigen. Aber er glaubte anfangs, es handle sich nur um eine Rettung vor dem Feuertode, und erst, als ihm die Hände auf dem Rücken zusammengebunden waren, erkannte er sich als einen Gefangenen der Schwarzen.

»Aber die Flammen!« dachte er.

Die schienen die Eingeborenen gar nicht zu beachten.

Lord Hastings sah die anderen Herren und Damen in der gleichen Lage, auch sie lagen mit gebundenen Armen auf dem Boden und sahen nur entsetzt auf das Flammenmeer, daß sich ihnen mit unheimlicher Schnelligkeit näherte, dichte Rauchwolken vor sich her treibend.

Und noch machten die Schwarzen keine Anstalten, sich durch Flucht zu retten.

Ruhig standen die nackten Gestalten, es mochten gegen vierzig Mann sein, und zeigten lachend mit den Fingern auf die Gefangenen, schwatzten miteinander und brachen dann wieder in ein Lachen aus, daß sich den am Boden Liegenden die Haare vor Entsetzen sträubten.

Waren diese Schwarzen Teufel, daß sie der Flammen spotten wollten? Fast machte es den Eindruck. Das Feuer überflutete sie mit einem roten Schein und ließ sie wirklich wie aus der Hölle entsprungene Geister erscheinen.

Jetzt war das Feuer nur noch zehn Meter entfernt, schon fühlten die Gefangenen die Glut im Gesicht, da erst schienen die Eingeborenen die Gefahr zu bemerken.

Gleichzeitig sprangen sie alle vorwärts, dem Feuermeer entgegen, als wollten sie sich in dasselbe, als in ihr Element, stürzen; plötzlich aber hielten sie alle grüne Zweige in den Händen und begannen mit denselben auf die Flammen zu peitschen, unermüdlich, Schlag auf Schlag.

Und die Flammen schritten nicht weiter; die feurige, meterhohe Garbe teilte sich und zog in großem Bogen um den Platz herum.

»Ich möchte mir die Haare einzeln aus dem Kopfe reißen,« sagte Charles zu Harrlington, der neben ihm lag, »sehen Sie denn nicht, daß diese Schwarzen hier den ganzen Boden von Gras gesäubert haben und nur die Flammen etwas ausschlagen, wenn die Stoppeln Feuer fangen wollen? Und wir sind wie die Kinder davongelaufen, als hätten wir dies alles nicht ebensogut machen können. Wenn meine Hände nicht gebunden wären, könnte ich mich selbst wegen meiner unverzeihlichen Dummheit ohrfeigen.«

Der glückliche Charles konnte noch scherzen, wahrend sein Nachbar fluchte und Harrlington in dumpfer Verzweiflung dalag. Er hatte recht. Auf eine weite Strecke hatten die Eingeborenen das Gras aus dem Boden gerissen, sich an die Grenzen verteilt und hinderten so das Feuer, auf die hier und da stehenden Grasbüschel überzuspringen. Etwas Hitze mußte man dabei aushalten, nichts weiter.

Kaum eine Minute war vergangen, da war alles vorüber. Auf der einen Seite sah man den schwarzen, rauchenden Erdboden, auf der anderen die Flammen, die vom Winde getrieben, weiter dem Westen zueilten, und die Eingeborenen standen um die sechs Gefangenen herum, sie mit sichtlicher Freude betrachtend.

»Aus dem Regen in die Traufe!« sagte Ellen. »Wer hat ahnen können, daß ein Präriebrand hier eine solche Kleinigkeit ist. Was mögen die Wilden mit uns vorhaben? Sie beratschlagen sich und scheinen nichts Gutes im Sinn zu haben.«

»Hoffen Sie auf Drake!« tröstete Johanna. »Er wird uns nicht verlassen haben. Jedenfalls hält er sich irgendwo hier versteckt.«

»Zum Teufel, mit Ihrem Drake!« fuhr aber Hastings wütend auf, »ein Spitzbube ist er gewesen, der wahrscheinlich das Feuer angemacht hat, um uns den Niggern in die Hände zu liefern. Aber ich kann meine Fesseln bald sprengen, sie lockern sich schon, und dann haue ich mit einem Schlage alle in Grund und Boden.«

Die Eingeborenen mußten entweder seine Drohung verstanden haben oder von dem riesigen Manne etwas Aehnliches befürchten, denn sie richteten den Lord auf und umwickelten seine Arme so stark mit Baststricken, daß eine Befreiung undenkbar war. Als einer von ihnen den Füßen des grimmig Fluchenden zu nahe kam, versuchte dieser, ihm einen Tritt zu geben, aber der gewandte Schwarze wich ihm aus und brach in ein lautes Lachen aus, in das die übrigen aus vollem Halse mit einstimmten.

»Nun hört aber doch alles auf,« lachte auch Charles, »das scheinen ja humoristische Nigger zu sein. Wenn ich jemanden lachen höre, muß ich mit einstimmen, und wenn es mir auch das Leben kosten sollte. Aber wirklich,« setzte er, jetzt ernster werdend, hinzu, »wir sind in letzter Zeit ganz und gar von Gott verlassen.«

»Was machen Australneger mit ihren Gefangenen?« fragte Miß Thomson.

»Sie töten sie, um sie zu berauben,« erklärte Charles dem erschrockenen Mädchen kaltblütig, »und ich will Ihnen keine Hoffnung machen, daß dieses Los nicht auch uns erwartet – unsere Gewehre sind ihnen allein schon Grund genug hierzu. Aber den Trost kann ich Ihnen geben, daß sie ihre Gefangenen nicht quälen.«

»Seien Sie nicht so grausam, Williams,« sagte Miß Thomson, »sie können uns ja die Waffen nehmen und uns dann laufen lassen.«

»Das tuen Sie nicht,« war die bestimmte Antwort, »weil sie dann Verrat und Strafe von der Regierung zu fürchten haben.«

»Gott sei uns gnädig!« seufzte Harrlington. »Auch ich weiß, daß die Australneger einen Menschen nur eines Messers, einer Stange Tabak wegen, wie ein Tier abschlachten, wenn sie keinen Verrat zu fürchten haben.«

»Und wo mag Jessy sein?« klagte Ellen.

Zu den Eingeborenen, welche noch immer schwatzend und fortwährend lachend um die Gebundenen herumstanden, gesellte sich jetzt ein anderer, der aus dem dichten Teil des Waldes herauskam. Die Gefangenen ahnten sofort, daß er der Häuptling des Stammes sei, denn er war höher und bedeutend kräftiger gebaut, als die übrigen Australneger, denen es bei der Wahl eines Häuptlings nur auf Kraft und Geschicklichkeit in der Führung der Jagdwaffen ankommt.

Der Mann sprach mit seinen Leuten und wies dann auf die Gefangenen, welche sofort zum Aufstehen aufgefordert wurden. Nur bei Lord Hastings verfuhr man anders. Einige von ihnen warfen sich auf den Lord und banden ihm nach heftiger Gegenwehr auch die Füße, hoben ihn auf, lehnten ihn an einen Baum und banden ihn an denselben.

»Sehen Sie,« sagte Charles zu ihm, als auch er an einen Baum geführt wurde, »wir dürfen wenigstens selbst an unseren Baum gehen, weil wir artiger waren als Sie. Aber was, zum Teufel, haben die Schwarzen mit uns vor? Das sieht wirklich aus, als wollten sie uns martern.«

Alle sechs wurden nebeneinander mit Bastseilen an Bäume gebunden.

Neben Johanna stand Hastings, neben diesem Williams, dann kamen Miß Thomson und Lord Harrlington. Die Aeußerste war Ellen.

»Es ist unbegreiflich, daß Mister Drake nicht kommt,« murmelte Johanna. »Was hält ihn nur ab, uns beizustehen?«

»Sprechen Sie nicht mehr von dem Schurken, Fräulein!« stieß Harrlington rauh hervor. »Da, die Nigger treffen schon Vorbereitungen, uns mit Speeren zu spicken.«

Wirklich traten die Schwarzen in einiger Entfernung zusammen, jeder mit einigen der hölzernen Wurfspeere in den Händen, deuteten auf die Gefangenen und lachten dabei unausgesetzt.

»Noch kann ich nicht glauben, daß sie uns aufspießen wollen,« sagte Charles, »denn das wäre ganz gegen die Vorschrift der Bücher, welche über die Sitten der Australneger handeln. Aber was grinsen die Kerls nur immer? Wir müssen ihnen ja furchtbar komische Figuren sein.«

»Lassen Sie das Scherzen, Sir Williams!« bat Harrlington. »Ich glaube wirklich, unser letztes Stündlein ist gekommen.«

»Das ist noch lange kein Grund, traurig zu sein,« entgegnete Charles. »Ich habe mein Testament schon öfters gemacht, aber nie mit solchem Humor, wie jetzt. Es ist wirklich wahr, in Gesellschaft stirbt es sich bedeutend angenehmer, als allein.«

Die anderen antworteten nicht. Starr beobachteten sie das Verhalten der Neger, und lange sollten sie nicht im unklaren darüber bleiben, daß ihr Tod wirklich beschlossen war.

Der Häuptling, einen langen Wurfspeer mit stählerner Spitze in der Hand, löste sich von der Gruppe ab und trat vor die Gefangenen hin. Mit pathetischen Bewegungen hielt er eine lange Rede, zeigte nach Osten, schüttelte drohend den Speer, und wies dann auf seine Leute zurück.

»Nix verstehn,« sagte Charles, als der Schwarze endlich schwieg. »Gutes hat er uns jedenfalls nicht verkündet.«

Der Häuptling schritt zu der Bande zurück, sprach zu ihnen, und das Blut erstarrte den Gefangenen in den Adern, als sechs Neger sich vor ihnen in zehn Meter Entfernung aufstellten und die Speere über den Köpfen schwangen.

»Es ist aus,« stöhnte Ellen und legte sich schwer vornüber, nur vom Strick gehalten, und sich dann zu dem neben ihr Stehenden wendend, sagte sie:

»Lord Harrlington, es ist aus mit uns. Wir sollen als Zielscheiben dienen.«

Der Lord hatte bis jetzt Ellen noch nicht gesehen, nun aber wendete er den Kopf nach ihr.

»Ellen,« sagte er mit dumpfer Stimme, »unsere Reise hat ein Ende; wir dürfen nicht klagen, daß uns ein solcher Tod beschieden ist, denn wir haben ihn selbst aufgesucht.«

»Wollen Sie mir in der letzten Stunde noch Vorwürfe machen, daß ich unrecht getan habe, als ich die Reise unternahm?« klang es bitter aus des Mädchens Mund.

»Vorwürfe? Mein Gott, Ellen, so lassen Sie doch jetzt wenigstens das Vorurteil fallen, was Sie mir gegenüber immer gezeigt haben. Nur ein freundliches Wort, einen freundlichen Blick gönne mir, Ellen!«

»Es ist zu spät, lebe wohl, James!«

Da sausten sechs Wurfspeere durch die Luft, aber keiner traf sein Ziel, vielleicht absichtlich nicht, alle flogen links oder rechts an den Köpfen der Gefangenen vorbei.

»Hunde,« brüllte Harrlington, »macht es wenigstens kurz!«

Charles hatte nicht gewagt, den Kopf nach der Seite zu wenden, wo Miß Thomson stand, nun aber, als er ein leises Schluchzen vernahm, tat er es.

»Weinen Sie nicht, Betty,« bat er, und dem Manne, der eben noch scherzen konnte, liefen die Tränen über die Wangen, »machen Sie mir den Tod nicht schwer! Was ist es denn weiter, ob man einige Jahre früher oder später stirbt? Hören Sie auf, zu weinen, und ich will vor Freude anfangen, zu singen.«

Aber dieser Trost schlug bei dem Mädchen nicht an.

»Charles,« flüsterte sie, »der Traum, den ich so oft geträumt, ist zerronnen. O, mein Gott, fern von der Heimat eines so entsetzlichen Todes sterben zu müssen! Mein Charles, lebe wohl, wir sehen uns in einem besseren Leben wieder!«

Tränen erstickten ihre Stimme.

Wieder traten sechs Eingeborene vor, schwangen lachend die Speere um die Köpfe und zielten nach den Gefangenen.

»Glaube mir, Charles,« flüsterte das Mädchen weiter, die Augen starr auf den Neger geheftet, der, den Arm zum Wurf gehoben, vor ihr stand, »ich habe dich besser als alle anderen gekannt. Warum soll ich es nicht sagen, da wir vor dem Tode stehen? Ja, ich habe dich geliebt und liebe dich noch jetzt. Ach, daß wir sterben müssen!«

»Ellen,« sagte auf der anderen Seite Lord Harrlington, »willst du mir kein Wort sagen, daß ich fröhlich aus dieser Welt scheiden kann?«

Sie wandte den Kopf und sah ihn lange an. Eben wollte sie den Mund öffnen, um eine Antwort zu geben. Harrlington blickte mit Entzücken in ihre leuchtenden Augen, da stieß Johanna einen durchdringenden Ruf aus, und ein Schrei der Ueberraschung entschlüpfte auch allen anderen, als sie den Gegenstand entdeckten, den Johanna zuerst gesehen hatte.

Dort zwischen den Bäumen stand ein Mädchen, aber keine Negerin, sondern eine Weiße.

»Jessy,« jubelte Ellen auf.

»Miß Murray!« wiederholten die anderen freudig.

Ein Hoffnungsstrahl erfüllte die Herzen aller.

Aber was war das? Das Mädchen schien die Gefangenen gar nicht zu bemerken, es achtete gar nicht auf den gerufenen Namen. Und wie kam es, daß es so frei umhergehen konnte und sich mit einem der Eingeborenen flüsternd unterhielt, der vor ihm mit allen Zeichen der Ehrfurcht stand.

Jetzt nahm sie einem Schwarzen den Speer aus der Hand und trat vor Ellen hin.

»Jessy,« sagte diese und wußte nicht, ob sie vor Freude über diese Begegnung jubeln oder sich über das ernste Gesicht der Freundin wundern sollte. »Jessy, können Sie uns befreien? Sind Sie selbst Gefangene? Sprechen Sie, oder geben Sie uns einen Rat, wie wir das Leben erhalten können!«

Das alles war hastig hervorgestoßen worden. Hing doch das Leben der Gefesselten nur noch an einem Faden.

Verwundert betrachteten alle das Mädchen, ihre Freundin, die mit finster gefalteter Stirn vor Ellen stand und durch nichts merken ließ, daß sie die Freundin erkannt hatte.

»Pst,« flüsterte Charles, »Miß Murray muß sich verstellen, um uns zu retten. Tun Sie nicht, als ob Sie sie kennen.«

Aber Ellen war nicht geneigt, auf den Rat zu hören, ihr Herz war übervoll von Freude, als sie die Geraubte wiedersah, die ihnen jedenfalls Rettung brachte.

»So sprechen Sie doch, Jessy,« bat das Mädchen. »Sagen Sie als Erkennungszeichen nur meinen Namen, dann können Sie Ihre Rolle weiterspielen.«

Aber Jessy trat einen Schritt näher zu der Gefangenen, die Stirn finster gerunzelt, und schüttelte drohend den Speer vor Ellens Augen.

»Was du hierher kommen?« fragte sie in gebrochenem Englisch, ihre Stimme klang rauh und heiser. »Das Land gehört uns, ihr es uns genommen, und ihr müßt sterben.«

»Aber, Jessy,« entgegnete Ellen und konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, »Sie spielen ja Ihre Rolle ganz hübsch, aber sagen Sie uns doch wenigstens ein Wort des Trostes, daß wir noch nicht verloren sind.«

»Jessy?« sagte das Mädchen kopfschüttelnd. »Ich nicht Jessy, ich Akkaramumanibo, Balkuriri mein Vater, sehr großer Häuptling.«

Jetzt konnten sich die Gefangenen nicht mehr halten, alle brachen in ein unbändiges Gelächter aus, das von Hastings tiefem Baß übertönt wurde.

Das Mädchen warf einen finsteren Blick auf den Lord.

»Gut,« sagte es, »du lachen, du sollst sehen, daß Akkaramumanibo dich töten kann, wenn sie will.«

Sie winkte, und der Häuptling trat vor Hastings, auf den sie deutete, und schwang den Speer mit der stählernen Spitze um den Kopf.

»Jessy,« bat Ellen, »treibe den Spaß nicht zu weit!«

Aber ein Schrei des Entsetzens entfuhr allen, als der Häuptling den Speer durch die Luft zischen ließ; Hastings sah ihn direkt auf seinen Kopf zuschießen und erbleichte. Aber der Speer fuhr über diesem in den Baum, die Mütze des Lords an das Holz nagelnd.

»Goddam,« rief der Lord, »der Spaß war grob. Miß Murray, das vergesse ich Ihnen nicht so bald.«

Das Mädchen war zu Charles getreten.

»Du noch lachen?« fragte sie drohend.

»Nie wieder, Fräulein Akkaramumanibo,« versicherte dieser ernsthaft, »sonst sind Sie im stande, mich aufspießen zu lassen.«

»Gut,« sagte das Mädchen mit Nachdruck, »du braver Mann.«

Auf ihren Wink kam ein Eingeborener herbei. Dieser nahm aus dem Netz, das er über der Schulter trug, ein morsches Stück Holz, brach es auseinander und zog aus den Splittern einen zweifingerlangen Wurm hervor, den er grinsend vor Charles Mund hielt.

»Soll ich den Wurm etwa essen?« fragte Charles lachend.

Das Mädchen nickte.

»Wenn du den Wurm nicht ißt, mußt du sterben,« sagte sie.

»Erst machen Sie es mir vor, dann will ich mich mein ganzes Leben lang von Würmern nähren.«

Der Eingeborene sah das Mädchen an, er hatte den Sprecher wahrscheinlich verstanden, und als sie unmerkbar nickte, bog er den Kopf hintenüber, öffnete den Mund und ließ den Wurm mit Wohlbehagen die Kehle hinuntergleiten.

»Pfui Teufel,« rief Charles, sich schüttelnd, »ich bin auch nicht ekel im Essen, aber soweit habe ich es doch noch nicht gebracht. Wie viele Würmer essen Sie denn den Tag, liebes Fräulein Akkaramumanibo?«

»Ich keine Würmer essen,« sagte Jessy, zog ein Messer hervor und durchschnitt seine Banden, »aber, Sir Williams, ich hätte nicht geglaubt, daß Sie angesichts des Todes weinen würden; und Sachen habe ich zu hören bekommen, die geradezu fabelhaft sind.«

Und lachend befreite Jessy auch die anderen.

»Nun sagen Sie uns um Gottes willen, Jessy,« rief Ellen, »was für eine seltsame Rolle spielen Sie hier? Ich weiß nicht, ob ich wache oder träume. Sind Sie eine Gefangene, oder sind das nur verkleidete Schwarze, die Sie kommandieren?«

Staunend hörten sie den Bericht des Mädchens an, fast hätten sie denselben nicht geglaubt, wenn sie nicht eben selbst gesehen, daß die Neger ihr gehorchten.

»Es ist nicht schön von Ihnen gewesen, mit uns Ihr Spiel zu treiben,« sagte Miß Thomson, »und das Feuer? Haben Sie das auch angelegt, nur um uns in Ihre Gewalt zu bekommen?«

»Nein, der alte Eingeborene dort, der mit solchem Appetit den Wurm hinterschluckte, spricht etwas Englisch, und er sagte mir, daß Grasbrände hier sehr häufig und gefahrlos sind. Sie wären den Flammen aber doch zum Opfer gefallen, denn Sie wußten dieselben nicht zu dämpfen. Ein Glück ist es also gewesen, daß ich als Tochter des Häuptlings die Macht hatte, seine Leute zu Ihrer Rettung aufzufordern.«

»Aber was veranlaßte Sie, uns einfangen zu lassen?«

Jessy lachte laut auf.

»Ich wollte mir nun einmal den Genuß gönnen, mich Ihnen als Häuptlingstochter im vollen Glanze meiner Macht zu zeigen. Es hat mir viele Mühe gekostet, den Eingeborenen verständlich zu machen, was ich beabsichtigte, aber mit Hilfe des Dolmetschers gelang es mir, und dabei habe ich bemerkt, daß die Australneger durchaus nicht so dumm sind, wie man immer meint. Meine Absicht war erst, nach der Farm zurückzukehren, und mich auf irgend eine Weise Ihrer zu bemächtigen, da aber erfuhr ich heute morgen, daß Sie hier in der Nähe weilten; die Beschreibung, welche mir der Dolmetscher von den im Walde Liegenden machte, paßte ganz genau auf Sie. Wir schlichen uns heran, um Sie durch irgend eine List zu überwältigen, da witterten die Eingeborenen plötzlich einen Grasbrand, und ich trieb sie zur äußersten Eile an, um Sie vor dem Feuertode zu retten. Sie rannten uns von selbst in die Hände, und die Eingeborenen spielten ihre Rollen ausgezeichnet.«

»Was wollen Sie nun beginnen?« fragte Charles. »Gedenken Sie, als Häuptlingstochter einen Australneger zu heiraten?«

»Ich führe Sie nach Graves Farm zurück,« erklärte Jessy lachend, »und beschenke dort die Leute so reichlich, daß sie vor Entzücken gar nicht mehr an mich denken werden.«

Jetzt erst erfuhr sie, daß alle Farmer sich aufgemacht hatten, um die raubenden Sträflinge unschädlich zu machen, und sofort schlug Jessy vor, auch die Eingeborenen unter ihrer Führung an diesem Kampfe sich beteiligen zu lassen, was mit Freuden angenommen wurde.

Jessy besprach sich durch Vermittelung des Dolmetschers mit dem Häuptling, und dieser war sofort einverstanden, seine Leute gegen die Buschrähndscher zu führen, natürlich nach ihrer Weise, das heißt, die Feinde hinterlistig nach und nach zu töten, was ja schon vorher ihre Absicht gewesen war. Aber jetzt, da Weiße an ihrer Spitze standen, würden sie mutig dem Feinde zu Leibe gehen, daran zweifelte niemand der Herren und Mädchen.

Die Eingeborenen hielten einen Kriegsrat, und nach kurzer Zeit brach die ganze Gesellschaft in der Richtung auf, in welcher ihrer Berechnung nach die Buschrähndscher sich aufhalten mußten.

6.

Die Vernichtung der Buschrähndscher

Eine halbe Stunde später, als die englischen Herren, kam auch Miß Nikkerson auf die Vermutung, daß der Zug aus irgend einem Grunde im offenen Walde halten müsse, er fuhr immer langsamer und blieb schließlich ganz stehen.

Alle anderen Mädchen hatten sich auf den Schlafbänken des Wagens niedergelegt, nur sie, im Bewußtsein ihrer verantwortlichen Stellung, war diesem Beispiele nicht gefolgt, sondern hatte an einem der Fenster Platz genommen und blickte träumerisch in die vom Mond beschienene Landschaft, wahrend an ihrem geistigen Auge bald düstere, bald heitere Bilder vorbeischwebten. Sie bemerkte nicht, daß oben durch das Glasfensterchen, über welchem eine Oellampe brannte, ein paar funkelnde Augen das Innere des Wagens musterten.

Da plötzlich schrak sie zusammen, die Räder drehten sich langsamer, der Zug hielt.

Miß Nikkerson öffnete das Fenster, um sich über den Grund dieser Verzögerung zu orientieren. Ehe sie aber ihre Absicht ausführen konnte, wurden schon auf der anderen Seite die Türen aufgerissen, und im Nu war der Wagen mit wilden, in Leinwand gekleideten Gestalten gefüllt, die sich mit Hohnlachen auf die erschrockenen, völlig fassungslosen Mädchen warfen und sie im Nu überwältigt hatten.

Auch Miß Nikkerson war diesem Schicksal nicht entgangen. Mit Schrecken erkannte sie an der Kleidung dieser Menschen, daß sie jedenfalls ausgebrochene Sträflinge waren, die Stempel auf der Leinwand verrieten es.

»Ein kapitaler Fang,« lachte ein gelbhäutiger Geselle mit widrigem Gesicht. »Euch wollen wir uns nicht aus den Zähnen rücken lassen.«

Die Mädchen wurden gewaltsam aus dem Wagen transportiert und ins Gebüsch geschleppt, wo sie einstweilen liegen bleiben mußten, während die Männer, es mochten wohl vierzig sein, die Schienen von den Schwellen rissen und in weiter Entfernung hin verstreuten, um, wie Miß Nikkerson schloß, sich möglichst vor Verfolgung zu sichern.

Dann wurden sie genötigt, aufzustehen und mit ihren Entführern etwa eine Stunde lang durch den Busch zu marschieren, bis sie eine Lichtung erreichten, wo die Strolche wahrscheinlich schon vorher gelagert hatten, denn der Platz war mit noch glimmenden Holzfeuern bedeckt.

Keines der Mädchen war sich noch unklar darüber, daß sie von irgend jemandem planmäßig und unablässig verfolgt wurden, der erste Ueberfall in Konstantinopel, die Verhaftung Ellens in Kairo, und dann die Entführung Miß Stauntons hatten ihnen dies zur Genüge gesagt, und oft hatten sie sich darüber unterhalten, wer wohl der Urheber aller dieser Gewalttaten sein möge, und was er dabei bezwecke. Einige glaubten, der Mädchenhändler Demetri wolle die ihm Entrissenen wiederhaben oder derjenige, dem die Sklavinnen gehörten, und sich außerdem an den Befreierinnen rächen; andere aber suchten den Grund tiefer, und einige behaupteten sogar, wenn sie es auch nicht öffentlich aussprachen, daß Miß Petersen davon mehr wisse, als sie zugeben wollte.

Jedenfalls ging dieser abermalige Ueberfall von derselben Person aus, die ihnen schon so viele Schwierigkeiten in den Weg gelegt hatte.

Sofort beim Aussteigen hatten die Gefangenen bemerkt, daß die Lokomotive mit dem ganzen übrigen Zuge fort war, und ihr Schrecken steigerte sich, als sie fanden, daß auch der hinter ihnen herfahrende Wagen mit den Lords verschwunden war. So konnten sie vorläufig auf keine Hilfe rechnen, und hofften nur, daß es den Buschrähndschern nicht ebenso leicht geworden sei, die englischen Herren zu überwältigen.

Aber an eine Selbstbefreiung war vorläufig nicht zu denken; die Räuber hatten ihnen sofort die Taschen nach Waffen untersucht und ihnen dieselben abgenommen. Ja, wenn Ellen bei ihnen gewesen wäre! Dies kühne Mädchen würde nur darauf gesonnen haben, wie sie sich durch eine List in den Besitz von Waffen bringen könnte, ebenso Johanna und vielleicht auch die beiden anderen Damen, welche jetzt auf Blackskin waren und die Ankunft der übrigen dort vergeblich erwarteten, so dachte Miß Nikkerson, aber sie allein, obgleich selbst tatkräftig und unerschrocken, glaubte sich nicht befähigt, die ihrem Schutz anempfohlenen Mädchen zu einer heroischen Tat entflammen zu können, wenigstens jetzt noch nicht – die ängstlichen Mienen derselben verrieten es ihr.

Die Buschrähndscher schienen sich vollkommen sicher zu fühlen. Sie hatten die Feuer wieder entfacht und hießen die Gefangenen, sich um dieselben zu lagern, während sie selbst sich um einen Mann geschart hatten und dessen Reden lauschten. Leider hatten sie sich dabei so weit von den Mädchen entfernt, daß diese nichts von dem leise geführten Gespräch vernehmen konnten.

Aber Hope Staunton hatte schon in diesen Männern einen von denen erkannt, die sie damals in Sydney im Boot zu entführen gesucht hatten, und die dann von den englischen Herren an die Polizei ausgeliefert worden waren, sie erinnerte sich mit Schrecken dieses gelben Spitzbubengesichtes, und bald fand sie die ganze Bootsbesatzung hier versammelt.

Sie teilte ihre Wahrnehmung den Freundinnen mit, und dies vermehrte nur die Angst der Mädchen, welche sich bisher noch nie in einer solchen Lage, gefangen und getrennt von der ›Vesta‹ und fern von aller Hilfe befunden hatten.

»Verlieren Sie den Mut nicht, meine Freundinnen,« bat Miß Nikkerson flüsternd. »Noch haben wir Hoffnung, Unterstützung durch die englischen Herren zu bekommen, denn ich glaube nicht, daß sich diese, mit Büchsen wohlbewaffnet, so leicht überrumpeln lassen, und dann verlassen Sie sich auch darauf, daß die vorausgereisten Herren und Damen alles aufbieten werden, uns zu befreien. Wenn der Zug in Hughenden ankommt, wird das Fehlen der beiden letzten Wagen sofort gemerkt, und es wäre seltsam, wenn diese Nachricht nicht in kürzester Zeit nach Blackskin käme. Zwischen Hughenden, der größten Eisenbahnstation hier und den einzelnen Farmen herrscht jedenfalls fortwährende Verbindung, und so können wir also sicher auf Hilfe rechnen.«

»Kameraden,« sagte an der anderen Seite des Platzes der Gelbe – es war Manzo – triumphierend zu seinen Genossen, »der Handstreich ist uns gelungen. Der Seewolf, mein früherer Kapitän, wird verwunderte Augen machen, wenn er uns in dem Besitz der Mädchen sieht, hahaha. Aber laßt ihn schimpfen und fluchen, soviel er will, wir geben sie ihm nicht heraus. Hier im Busch sind wir vor ihm und allen Verfolgungen seines Herrn, in dessen Auftrag er handelt, sicher. Jedenfalls aber muß er für jedes der englischen Herrchen, die er mit den fünfunddreißig von uns geliehenen Männern tötet, hundert Dollar bezahlen, so ist es ausgemacht, und wir lassen uns davon nichts abhandeln, sonst nehmen wir es uns mit Gewalt von ihm. Geld ist immer eine schöne Sache, selbst im Busch kann man es unter Umständen sehr gut gebrauchen.«

»Aber was sollen wir denn mit den Frauenzimmern anfangen?« fragte einer der Buschrähndscher. »Sollen wir sie mit uns herumschleppen und ihnen unsere Vorräte zu tragen geben? Das würde nur ein großes Hemmnis für uns sein!«

»Du bist ein Narr,« lachte Manzo. »Nein, wir ziehen uns tief ins Innere zurück. Ich bin in Australien nicht unbekannt, ich kenne eine Gegend, die noch nie eines Menschen Fuß betreten hat, eine Quelle, die auch im heißesten Sommer nicht austrocknet. Dort bauen wir uns ein hübsches Nest. Jagdbare Tiere gibt es da in Hülle und Fülle, auch können wir manchmal Abstecher nach entfernten Farmen machen, und kommen wir ermüdet und verwundet zurück, so werden wir von hübschen Mädchen geliebkost und gepflegt.«

»Bravo!« brüllten die Räuber und schwangen jauchzend die Büchsen um die Köpfe.

»Wir sind wieder freie Männer,« fuhr Manzo fort, »und der Teufel soll uns holen, wenn wir unsere Freiheit nicht ebenso genießen, wie sich's die Herren in den Städten erlauben. Laßt nur erst unsere Genossen zurück sein, sie bringen noch die Büchsen der Engländer mit, und dann ziehen wir uns nach dem Versteck zurück, das schon von einigen Mann gegen ein ganzes Regiment Soldaten verteidigt werden kann, und führen dort ein Dasein wie die Fürsten. Jeder ist sein eigener Herr, niemand hat zu befehlen, niemand zu gehorchen, einer für alle, alle für einen, was mein, ist dein, Eigentum gibt es nicht, wie niemand eine Frau für sich allein besitzt. Das ist es, was ich mir schon längst erträumt habe, und nun endlich ist die Zeit gekommen, da sich mein Traum verwirklicht. Dort steigt die Sonne blutrot am Horizont auf, sie verkündet uns die Freiheit, ein neues, schönes Leben, nur durch den Tod wollen wir es uns wieder rauben lassen. Hurrah, Kameraden, Tod oder Freiheit, das soll von jetzt an unsere Losung sein!«

Laut jubelten die Räuber dem Redner zu, der ihnen von Freiheit und Gleichheit sprach und sich dabei doch schon zum Anführer dieser Bande aufgeworfen hatte, der einen Ungehorsamen mit der Kugel bestrafte. Sie waren über die geträumten Zukunftspläne so aufgeregt, daß sie ganz die Flintenschüsse überhörten, welche dicht in der Nähe knallten, und erst als ihre lüsternen Blicke auf die am Boden sitzenden Mädchen fielen, merkten sie aus der Spannung, mit welcher diese ihre Aufmerksamkeit nach einer Richtung lenkten, daß irgend etwas nicht in Ordnung sei.

Sie lauschten, und jetzt hörten auch sie die Schüsse.

»Seht nach den Pferden!« rief Manzo. »Und haltet euch bereit, daß die Mädchen zuerst in Sicherheit gebracht werden! Hoffentlich verfolgen unsere Kameraden nur einige der Engländer, die dem Gemetzel entgangen sind, und die dann gerade in unsere Hände laufen. Sind es aber andere, dann nehmen wir einen Kampf nicht eher auf, als bis die Frauenzimmer geborgen sind – den Schatz wollen wir uns nicht entgehen lassen.«

Einige der Räuber gingen in den Busch, wo die Pferde standen, welche sie auf einer Farm erbeutet hatten, und die übrigen berieten, ob sie auskundschaften sollten, was die Schüsse bedeuteten, oder ob sie hier warten sollten, als plötzlich sich die Büsche teilten und der Seewolf auf die Blöße gestürzt kam.

»Hölle und Teufel!« schrie er mit heiserer Stimme und stürzte atemlos zusammen.

»Was gibt's? Was ist geschehen?« riefen die Räuber durcheinander.

»Der Teufel ist los!« stieß der am Boden Liegende hervor. »Die verdammten Engländer haben uns fast aufgerieben, unsere Pferde sind in ihren Händen – die Schufte sind dicht hinter uns her!«

»Was?« schrie Mauzo außer sich nur Wut. »Du und die fünfunddreißig Mann haben nicht einmal die lumpigen zwanzig Engländer überwältigen können? So leben sie noch?«

»Alle sind tot oder verwundet im Busch,« heulte der Seewolf.

»Wer? Die Engländer?«

»Zum Teufel mit Euch!« brüllte der Pirat und sprang auf. »So hört doch! Die Engländer sind hinter uns her; wessen Kopf sie nur sehen, dem sitzt auch schon ein Stück Blei im Gehirn. Rechts und links neben mir fielen die Genossen, wie die Eicheln im Herbste, da gab es kein Aufhalten, kein Schießen mehr, wer sich nur umdrehte, sank ins Gras und stand nicht wieder auf; ich bin nur wie durch ein Wunder ihren Kugeln entgangen – die Kerle schießen wie die Satans.«

Sprachlos hatte Manzo dem Bericht zugehört.

»Seid Ihr denn wahnsinnig, solches Zeug zu schwatzen?« schrie er. »Ihr fünfunddreißig Mann habt euch überlisten lassen von den Engländern, die doch wie Mäuse in einer Falle saßen? Ihr brauchtet sie doch nur wegzuschießen, einen nach dem anderen, als sie den Wagen verließen.«

»Der Teufel hole Euch und Eure Sippschaft! Die Arme und Beine der Kerle sind so lahm von der Arbeit im Steinbruche, daß sie wie Schnecken schleichen und wie die Blinden schießen. Entweder sind sie auseinandergesprengt, oder ich bin der einzige, der mit dem Leben davongekommen ist.«

Jetzt erst fiel der Blick des Seewolfs auf die Mädchen. Mit einem Wutschrei sprang er auf Manzo ein.

»Was ist das?« schrie er. »Wie kommt Ihr zu den Mädchen?«

»Das ist meine Sache,« entgegnete der Räuber lachend. »So wie Ihr den Wagen der Engländer losgekuppelt habt, ließ ich es mit dem vorhergehenden machen. Kümmert Euch nicht darum! Die Mädchen sind uns und bleiben uns.«

»Wahrt Euch vor dem Meister!« zischte der Seewolf. »Meine Sache ist es allerdings nicht, aber Ihr kennt ihn und wißt, daß seine Hand überallhin reicht.«

»Papperlapap, leeres Geschwätz! Ich werde es zu verantworten haben. Also die Engländer haben eure Pferde?«

Mit fliegenden Worten erzählte der Seewolf, wie die Engländer sich hinter dem Wagen verbarrikadiert, den Räubern zu Leibe gerückt und auf diese ein furchtbares Feuer aus ihren repetierenden Gewehren eröffnet hätten.

»Die Leute kamen gar nicht zur Besinnung, die Engländer hatten Henrybüchsen; ohne zu laden, feuerten sie Salve auf Salve; meine Männer stürzten nach ihren Pferden, aber keiner erreichte sie; dagegen waren im Nu die verdammten Engländer dort, saßen auf und wüteten unter uns. Ehe ich bis drei zählen konnte, waren wir alle auseinander; ich selbst habe einen Fußtritt von einem Pferde erhalten, der mich halb besinnungslos zwischen die Bäume schleuderte, und nur so bin ich dem Tode entgangen. Als ich wieder zu mir kam, eilte ich direkt hierher, und da noch kein anderer eingetroffen ist, so ist anzunehmen, daß ich der einzige bin, der dies Gemetzel überlebt hat.«

Mit einem fürchterlichen Fluche auf die Engländer schloß der Seewolf seine Erzählung.

»Auf See mögt Ihr taugen, an Land aber seid Ihr wie ein kleines Kind,« stieß Manzo wütend hervor.

»Auf die Pferde, Kameraden! Zuerst aber die Mädchen darauf, und dann fort nach unserem Versteck! Seewolf, komm mit uns, und du bist ein freier Mann! Laß den Meister und die Engländer zum Teufel gehen, diesen Schlag hältst du doch nicht mehr aus.«

»Aber in Hughenden sind schon Vorbereitungen vom Meister getroffen, um die Mädchen zu empfangen,« warf der Seewolf zagend ein. »Bringt sie unbemerkt dorthin, und ihr werdet eine reiche Belohnung erhalten.«

»Ach was, Belohnung! Frauen sind in der Wildnis nicht mit Gold aufzuwiegen. Komm mit uns, alter Junge! Sollst auch noch ein Weibchen bekommen!«

Die Mädchen hatten sich anfangs gesträubt, als sie auf die ledigen Pferde, deren die Räuber viele mit sich führten, gehoben und dann von je zwei Reitern in die Mitte genommen wurden, denn sie hatten jetzt erfahren, daß die Engländer wirklich aus dem Kampfe als Sieger hervorgegangen waren, und nun, sogar beritten, auf der Fährte der Räuber waren. Da die Herren aber in der Verfolgung einer Spur unbewandert waren, so wäre es den Damen das liebste gewesen, wenn die Räuber hier lagern geblieben wären.

Aber durch finstere Drohungen und von rohen Händen gezwungen, mußten sie sich widerstandslos fügen, doch ihre Herzen wurden wenigstens wieder von einem Hoffnungsstrahl erleuchtet.

Manzo und der Seewolf, wie auch einige andere Sträflinge hatten genug von den Engländern gehört oder schon selbst zu ihrem Schaden deren Bekanntschaft gemacht, als daß sie wünschten, noch einmal mit diesen Männern in Berührung zu kommen, und so brachen sie alle unverzüglich in der Richtung auf, wo nach Angabe des Manzo das Versteck liegen sollte.

»Dort,« sagte dieser, »mögen die Engländer nur kommen; wir wollen ihnen schon einen gesalzenen Empfang bereiten. Mögen sich alle Farmer Australiens vereinigen, um uns zu fangen, aus dem Fuchsbau können sie uns nicht räuchern, da wir ja genug Lebensmittel bei uns haben.«

Zwei Stunden später war es, die Sonne hatte sich hoch erhoben und küßte erwärmend die Lichtung, welche, jetzt still daliegend, eben noch der Schauplatz einer wilden Szene gewesen war, sie trocknete die Tautropfen, welche an den Halmen wie Tränen hingen, geweint von verzweifelnden, jungen Mädchen.

Ein schwarzer Kopf hatte sich durch einen Busch gedrängt und ließ die funkelnden Augen über die Lichtung schweifen. Gleich darauf huschte der in eine graue Uniform gekleidete Körper eines Negers hervor, kroch, das Gesicht dicht auf den Boden geneigt, hin und her, als mustere er angelegentlich die Fußabdrücke, und verschwand bald darauf wieder im Gehölz.

Aber nicht lange dauerte es, so kehrte er wieder zurück, diesmal in Begleitung von drei anderen Negern, welche ebenso, wie er, gekleidet waren, auf den Rücken Karabiner und an den Seiten lange Pallasche in Lederscheiden trugen, den sie in einer Hand hielten und der sie nicht im mindesten in ihren lautlosen, schlangenähnlichen Bewegungen störte.

Tiefe, grunzend klingende Gaumenlaute wurden hier und da gewechselt; bald deutete einer der Männer nach der Richtung, wo sie den Wagen und die zerstörten Schienen gefunden hatten, bald dahin, wohin die Räuber verschwunden waren.

Dann legte einer der Schwarzen die Hände trichterförmig vor den Mund und stieß erst dreimal kurz hintereinander das kläffende Gebell des Dingo, dann einmal den mißtönenden Schrei des Geiers aus; sofort teilte sich das Gebüsch, und Leutnant Atkins trat heraus.

»Sind fort, Massa,« sagte einer der Schwarzen. »Wir kommen zu spät. Aber hier,« er deutete auf eine Stelle in der Lichtung, »was ist das? Viele Frauen sind hier gewesen, haben fast zweimal zwanzig Füße gezählt.«

»Die kommen aus dem Eisenbahnwagen, den die Rähndscher losgekuppelt haben. Wann mögen sie die Weiber hierher geschleppt haben?«

»Mag Mitternacht gewesen sein,« entgegnete der Schwarze auf die Frage seines Leutnants, das niedergetretene Gras musternd.

»Und wann sind die Strolche von hier weggeritten?«

»Vor ein bis zwei Stunden; der Tau war noch nicht getrocknet. Das nasse Gras, welches ihr Fuß niedergetreten, hat sich noch nicht aufgerichtet. Alles andere Gras ist fast trocken, das hier aber noch nicht.«

»Waren alle zu Pferde?«

»Alle,« sagte ein anderer Schwarzer, der bereits die Umgebung der Lichtung untersucht hatte, »auch die Frauen reiten allein, und es sind noch mehr Pferde ohne Reiter dabei. Aber viel weniger als achtzig Mann, vielleicht bloß die Hälfte.«

»Schön. Erst wollen wir diese auf's Korn nehmen. Reite zu Graves zurück,« sagte Atkins zu einem der Schwarzen, »und führe die Farmer so, daß wir mit ihnen zusammentreffen können. Ich nehme mit den fünf anderen sofort die Richtung auf und zwar im schnellen Galopp, sorge dafür, daß jene hinter uns bleiben. Dreimaliges Bellen des Dingo bedeutet: sie sollen halten, zweimal: sie sollen sich noch mehr beeilen, weil wir auf sie warten.«

Ein Schwarzer hatte bereits die Pferde herbeigeführt; kaum hatte Atkins seine Instruktionen gegeben, so saß er schon im Sattel und jagte in den Busch, gefolgt von fünf seiner Leute, während der sechste auf der anderen Seite der Lichtung verschwand, um zu den nach Rache dürstenden Farmern zurückzukehren und sie hinter Atkins herzuführen, der mit seinen Leuten den Vortrab bildete und jede Gefahr nach hinten meldete, überhaupt das ganze Verhalten der Farmer leitete.

»Gottes Tod,« schrie der alte Farmer, als er den Bericht des Negers empfangen hatte, »so sind die Vögel also schon ausgeflogen! Und Frauen haben sie auch noch geraubt! Drauf und dran, Burschen, jetzt zeigt einmal, daß ihr reiten könnt! Wir wollen den Kerls die Liebesgedanken austreiben.«

Wie der Sturm sauste die wilde Reiterschar ihrem Anführer nach, der wiederum dem weit vorausreitenden, führenden Schwarzen folgte. Ein solch großer Trupp konnte sich nicht lautlos bewegen; man brauchte auch nicht darauf bedacht zu sein, sich den Räubern unhörbar zu nähern, denn sie hatten nach Aussage des schwarzen Soldaten eine, höchstens zwei Stunden Vorsprung, und die Farmer, im Reiten durch den Busch und Wald geübt, mußten die Buschrähndscher bald erreicht haben; einige Stunden würden natürlich noch vergehen.

Es war gegen Mittag, als der voranreitende Schwarze sich umwandte und die Hand winkend erhob, zum Zeichen, daß die Farmer halten sollten; er hatte dreimal das Gekläff des Dingo gehört, gefolgt von dem schrillen Schrei des Geiers.

»Was gibt es?« fragte Graves, heransprengend.

»Weiß nicht, Massa,« war die Antwort. »Leutnant Atkins wird Buschrähndscher gesehen haben und vielleicht selbst herkommen, um mit Euch zu beraten.«

»Oder sollte er vielleicht die Spur verloren haben?«

Der Bursche schüttelte energisch den Kopf.

»Schwarze Polizei nie, niemals Spur verlieren,« grinste er.

Eine halbe Stunde verging noch, und die kampfeslustigen Farmer wurden schon ungeduldig, daß sie fast der Aufforderung ihres Anführers, zu warten, nicht Folge leisten wollten, als Leutnant Atkins erschien.

»Die Buschrähndscher werden von Schwarzen verfolgt,« sagte er, »obgleich wir noch keine Fährten von ihnen gefunden haben. Wir haben einen der Räuber mit eingeschlagenem Kopf und seiner Waffen beraubt, aufgefunden. Der Mann ist wegen irgend etwas zurückgeblieben und von den Negern ermordet worden.«

»Aber das ist doch kein Grund, hier so lange unnütz zu zögern,« rief der alte Farmer unwillig.

»Gemach,« sagte Atkins, »ferner haben wir gefunden, daß die Räuber einen Bogen gemacht, haben die fernere Richtung, die sie einschlagen, beobachtet und können nun mit Bestimmtheit sagen, wohin sie sich wenden. Sie glauben, daß wir dieses Versteck nicht kennen, aber darin irren sie sich natürlich gewaltig. Wenn wir uns beeilen, können wir ihnen sogar noch zuvorkommen, denn wir haben jetzt ebensoweit zu diesem Orte, wie sie, in zwei Stunden können wir dort sein.«

»Aber wenn sie nun diesen Ort gar nicht aufsuchen wollen?« fragte Graves mißtrauisch.

»Es ist nicht anders möglich,« versicherte Atkins. »Einer meiner Leute hat sogar ihr Gespräch betreffs dieses Punktes belauscht, und außerdem bleibt ein Schwarzer auf ihrer Fährte und benachrichtigt uns, wenn sie wider Erwarten ihre Absicht ändern sollten. Aber ich versichere Sie, sie suchen dieses Versteck ohne allen Zweifel auf, weil sie es für vollkommen sicher halten. Es ist auch nur wenigen bekannt, und unter diesen bin ich und einer meiner schwarzen Soldaten.«

»Dann vorwärts, Leutnant!« rief der alte Farmer und gab seinem Rosse die Sporen. »In zwei Stunden will ich die Kerls sehen, oder –«

Er vollendete den Satz nicht, sondern stürmte dem voranreitenden Leutnant nach, und er und die übrigen Farmer mußten ihre ganze Kunstfertigkeit im Reiten aufbieten, um dem sattelfesten, jungen Manne, dessen Leben oft von dieser kunstreiterischen Geschicklichkeit abhing, folgen zu können.

Wirklich waren noch keine zwei Stunden vergangen, als Atkins plötzlich sein Pferd zügelte und die Nachfolgenden veranlaßte, dasselbe zu tun.

»Schüsse,« rief er.

Auch die anderen hörten jetzt, wie in der Ferne Schüsse fielen, langsam, in großen Zwischenpausen, als würde ein Gefecht geführt, wie solches nur in Gegenden möglich ist, wo sich der Gegner vor dem Feind durch Bäume oder Sträucher schützen kann.

Ein schwarzer Soldat flüsterte dem Leutnant etwas zu.

»Bei Gott, du hast recht,« rief dieser erstaunt, »diese Knalle kenne ich. Es sind die Karabiner meiner Leute, die ich mit Mister – mit meinem Freunde zurückgelassen habe. Nun, wir werden gleich sehen, auf welche Weise diese Burschen mit den Buschrähndschern handgemein geworden sind.«

Er sprang vom Pferde und ging nur noch einige Schritte, dann kam er, wie er wohl wußte, an eine mächtige Lichtung, durch welche ein Bach zwischen zwei Hügeln hervor aus einer sehr schmalen Oeffnung floß, und um diesen Eingang zu dem Hügeltal hatte sich ein heftiger Kampf entsponnen.

Kurz vor der Bodenerhebung, noch auf der Lichtung, befanden sich einige Gruppen von mächtigen Bäumen, wie solche auch die Hügel selbst bedeckten, und hinter diesen Stämmen hatten die von ihren Pferden gesprungenen Räuber eine gedeckte Stellung genommen und erwiderten das Feuer, welches aus dem Eingange des Tales gegen sie eröffnet wurde.

Die Mädchen selbst standen auf einem völlig unbeschützten Platze der Lichtung zerstreut, und nur diesem Umstande hatten es die Buschrähndscher zu danken, daß die das Tal besetzt Haltenden einen nur unvollkommenen Gebrauch von ihren Büchsen machen konnten. Trotzdem aber lagen schon mehrere der Räuber tot oder verwundet am Boden.

Als die Buschrähndscher in die Nähe des Tales gekommen waren, hatte sie eine Salve empfangen, und instinktmäßig waren sie hinter die Bäume gesprungen, um den noch unbekannten Feind erst einmal zu erkennen und dann unschädlich zu machen, denn aus der Anzahl der fallenden Schüsse konnten sie erraten, daß es höchstens fünf bis sieben waren.

Sie sahen teils hinter den Bäumen, die vor dem Eingange zum Tal, teils hinter denen, die auf den Hügeln standen, einige in graue Leinwand gekleidete Gestalten stehen, und erst, als ab und zu eine schwarze Hand, die eine Hälfte eines schwarzen Gesichtes beim Zielen zum Vorschein kam, merkten sie, daß sie Eingeborene vor sich hatten.

»Die schwarze Polizei,« rief Manzo, der schon an der linken Hand verletzt war. Er hatte den Schuß empfangen, als er beim Zielen die Hand etwas zu weit vorstreckte: er hatte gemerkt, daß derjenige, der diese Unvorsichtigkeit gesehen und bestraft hatte, ein Weißer war, wahrscheinlich der Anführer dieser Soldaten. Auch war es ihm nicht entgangen, daß dieser Mann mit einem Revolver gefeuert hatte, und weiter noch, daß er nie einen Schuß umsonst abgab.

Wo sich nur ein Stück von einem Bein, einem Arm, einer Hand oder einem Gesicht zeigte, da saß seine Revolverkugel, und die Buschrähndscher waren demgegenüber ganz machtlos, sie konnten fast zu keinem Schuß kommen oder begnügten sich einfach damit, auf die Bäume zu schießen, hoffend, daß sich einer der Soldaten einmal eine Blöße geben würde.

Aber das geschah nicht. Immer mehr der Buschrähndscher wurden verwundet, und noch hatte keiner ihrer Schüsse einen Gegner getroffen.

Dies alles hatte bis jetzt nur wenige Minuten gedauert, ebensolange, wie die Farmer gebrauchten, von der Lichtung ungesehen hinter den Burschen zusammenzukommen und über das Gefecht klare Kenntnis zu gewinnen.

Plötzlich sprangen die Buschrähndscher, als die Eingeborenen eben alle mit dem Laden der Büchsen beschäftigt waren, nicht, wie die Farmer zuerst glaubten, auf die hinter den Bäumen Stehenden, sondern auf die Mädchen zu und drängten sich hinter diese. So schnell war das Manöver ausgeführt worden, daß nur ein einziger, von der Revolverkugel des Europäers durch den Kopf geschossen, zu Boden gesunken war.

Im nächsten Augenblicke schoben die Räuber die Mädchen vorwärts auf die Bäume zu, sich so ein lebendiges Bollwerk schaffend, und wirklich wagte keiner der Schwarzen mehr zu schießen, nur der Anführer sandte Schuß auf Schuß ab, ohne sich um die Gefährdung der Mädchen zu kümmern, aber auch, ohne jemals sein Ziel zu verfehlen.

Trotzdem ließen sich die Räuber nicht irremachen, ihre einzige Hoffnung bestand jetzt nur noch darin, erst einmal das sichere Tal zu gewinnen, in dem sie sich wie in einer Festung verschanzen konnten. Immer weiter drangen sie, und jetzt gab auch der Führer seine Stellung auf und wandte sich, von seinen Soldaten gefolgt, rückwärts, immer hinter Bäumen Deckung suchend, und zwar so geschickt, daß keine der ihnen nachgesandten Kugeln traf.

Aber ihre Stellung war verloren, mit einem Jubelgeschrei stürzten die Rähndscher hinter den Mädchen hervor, auf den Eingang der Schlucht zu; schon wollten sie in diese eindringen, da hemmten sie plötzlich ihre Schritte. Vor ihnen standen eine Menge schwarzer Gestalten, die hinter den Felsen bis jetzt versteckt gewesen waren, zwischen ihnen auch einzelne Weiße, und ehe sich die Verbrecher noch von der Ueberraschung erholt hatten, streckten schon die von nerviger Hand geschleuderten Wurfspieße sie zu Boden und räumten die Revolver unter ihnen auf.

Die Buschrähndscher konnten nicht mehr Gebrauch von ihren Büchsen machen. Hinter ihnen erscholl ein wildes Jubelgeschrei, sie hörten nun auch das Galoppieren von zahllosen Roßhufen auf dem harten Boden, dann zerschmetterten schwere Büchsenkolben ihre Schädel, oder der Pallasch trennte sie mit mächtigem Hieb fast vom Rumpfe.

Wohl versuchte einer oder der andere noch eine Gegenwehr, aber sie mißlang, sie stürzten als Leichen zu Boden.

»Verfluchtes Weib!« schrie ein Räuber und sprang auf das Mädchen zu, das ihn eben mit den letzten Revolverkugeln in die Seite getroffen hatte.

Mit erhobenem Messer stürzte er gegen Jessy, schon wollte er es der Wehrlosen in die Brust stoßen, da flog ein dunkler Gegenstand an ihr vorbei und klammerte sich um den Hals des Räubers. Dieser zögerte nicht, mit voller Wucht stieß er das Messer dem Neger in die Brust, der Schwarze fiel, zog aber seinen Mörder mit sich zu Boden, ohne in seinem eisernen Griff nachzulassen. Die umstehenden Farmer suchten den Räuber aus den Händen des Eingeborenen zu befreien, um wenigstens einen von ihnen lebendig zu behalten, denn alle übrigen waren tot oder bis zum Tode verwundet. Als sie den Mann endlich losgerissen hatten, lag eine Leiche mehr im Grase; er war von dem verwundeten Schwarzen erwürgt worden.

Neben dem sterbenden Eingeborenen kniete Jessy und streichelte liebevoll das Gesicht, dem der nahe Tod schon seinen Stempel aufgedrückt hatte.

»Balkuriri,« sagte sie zärtlich. Mehr hätte er doch nicht verstanden, aber dieses eine Wort, die Liebkosungen schienen ihm mehr zu sagen, als alles andere. Mit seiner letzten Kraft drückte er die Hand des Mädchens, das er für seine Tochter hielt, und hauchte mit einem glücklichen Lächeln seine Seele aus, die so lange wandern mußte, bis für Balkuriri, den mächtigen Häuptling, ein anderer passender Körper gefunden war.

Der Boden war rings mit Leichen bedeckt, der sonst so klare Bach hatte mit einem Male eine rote Färbung angenommen, aber nur das Blut der Buschrähndscher war es, das ihm von allen Seiten zuströmte. Außer dem Häuptling war keiner der Verfolgenden gefallen, nur einige wiesen leichte Verwundungen auf, kaum bedeutend genug, um verbunden zu werden. Die Räuber waren so vollkommen überrascht worden, daß sie an Gegenwehr fast nicht gedacht hatten.

»Aber wo sind die übrigen?« rief Graves, als die erste Siegesfreude verrauscht war.

»Hier liegen fünfundvierzig Mann und etwa achtzig sollen es gewesen sein. Sollten sie sich in zwei Banden getrennt haben, sodaß wir die anderen auch noch aufsuchen müssen? Ich raste nicht eher, als bis kein einziger dieser Unholde mehr im Busche herumkriecht.«

Diese Frage sollte nicht lange ohne Antwort bleiben.

Um den Hügel herumgesprengt kam eine stattliche Reiterschar, es waren die englischen Herren auf den den Sträflingen abgejagten Rossen.

Nachdem sie ihrer Freude Ausdruck gegeben hatten, hier nicht nur die Mädchen, sondern auch die anderen, welche vorausgereist waren, zu treffen – deren Erstaunen natürlich ein noch viel größeres war – erzählten sie, wie sie alle jene Sträflinge getötet hatten, welche den letzten Wagen losgekuppelt, um sich der Insassen und deren Wertsachen zu bemächtigen.

Daß dies alles nur arrangiert war, um sie von den Mädchen zu trennen, das wollte niemand andeuten, aber als die Damen nun ihre Schicksale erzählten, da war eine Verhehlung des geplanten Verbrechens nicht mehr möglich, umsomehr, als Ellen von dem Auftrag des Mister Huxlay erfuhr, den sie gar nicht kannte.

»Mag es sein, wie es will,« rief Ellen, »jedenfalls müssen wir Gott danken, daß wir uns hier alle wohlbehalten wiedergefunden haben, im rechten Augenblick, um ein großes Unheil zu verhüten. Aber Leutnant Atkins,« wandte sie sich an den jungen Mann, »was für einen Führer haben Sie uns da mitgegeben? Das war ja ein seltsamer Mensch; erst badet er seine Schutzbefohlenen mehrere Male, dann läßt er sie bald braten, sieht ganz gemütlich mit zu, wie sie beinahe von Eingeborenen zu Tode gemartert werden, und gibt dann schließlich, als er wieder zu ihnen trifft, die gleichgültige Erklärung ab: das wäre alles nur Fügung des Schicksals gewesen.«

Das war in einem solchen Tone gesprochen, daß der Leutnant sofort merkte, Ellen sei über das Betragen seines Freundes nicht so empört, wie sie vorgab.

»Verzeihen Sie ihm sein Benehmen,« entgegnete er. »Mein Freund ist ein durchaus zuverlässiger Mann, kam er Ihnen in Ihrer Lage nicht zu Hilfe, so muß er wohl einen triftigen Grund dazu gehabt haben. Umsonst rührt der keinen Finger. Uebrigens haben Sie ihn ja später als einen hilfsbereiten Beschützer wiedergefunden, und, wie Sie uns vorhin selbst erzählt haben, sind Sie mit seiner späteren Aufführung und besonders mit seinem Plan, die Buschrähndscher auch ohne uns, bloß mit Hilfe der Eingeborenen, in eine Falle zu locken und unschädlich zu machen, zufrieden gewesen. Auch ohne unsere Dazwischenkunft wäre das alles gelungen.«

»Wo steckt er denn jetzt?« fragte Charles.

Mister Drake war nirgends zu sehen.

»Massa Drake hat alle Tote und Verwundete umgedreht und ihnen ins Gesicht geguckt,« sagte einer der schwarzen Soldaten, »dem dort hat er einen weißen Zettel aus der Tasche gezogen, und dann habe ich gesehen, wie er plötzlich in den Busch gerannt ist, als wäre er verrückt.«

»Laßt ihn laufen,« lachte der Leutnant. »Drake geht seinen eigenen Weg und kümmert sich um niemanden, ebensowenig kennt er Rücksichten. Er wird irgend etwas im Busche gesehen haben und das untersuchen wollen. Wir brauchen keine Angst um ihn zu haben; ein Hund findet seinen Weg nach Hause nicht besser, als er.«

»Und was nun?« fragte Ellen. »Wollen wir noch eine Jagd in Australien halten?«

»Nein!« riefen alle einstimmig. »Diese Jagd hinter den Buschrähndschern war aufregend genug.«

»Und ich,« sagte Jessy, »habe noch andere Pflichten. Als Tochter des Häuptlings habe ich für ein Leichenbegängnis zu sorgen, es soll ihm ein solches zu teil werden, wie ihm gebührt, und – er ist ja für mich gestorben. Dann will ich mit meinem Stamm, den ich schon nach zwei Tagen mit Niederlegung meiner Würde wieder verlassen werde, nach Hughenden, und dort sollen meine schwarzen Brüder alles und noch mehr bekommen, was ich ihnen an Geschenken versprochen habe.«

»So laßt uns erst nach Mister Graves Farm aufbrechen,« schlug Ellen vor, »um dort Abschied von den Damen zu nehmen, welche an unserem Schicksale teilnahmen, und dann wollen auch wir uns nach Hughenden begeben und von dort aus nach Townville. Bis dahin wird der zerstörte Schienenweg wohl wiederhergestellt sein.«

7.

Lord Harrlingtons Abenteuer.

Eine neue, unangenehme Ueberraschung erwartete die Damen, als sie in Townville anlangten. Mit besorgten Blicken hatten sie bei der Einfahrt in den Bahnhof der Stadt, von welchem aus man den Hafen übersehen konnte, die Schiffe gemustert, fast fürchtend, die ›Vesta‹ nicht mehr vorzufinden, und wirklich waren sie alle erschrocken von den Plätzen aufgesprungen, als Miß Thomson gerufen hatte:

»Die ›Vesta‹ ist nicht mehr da!«

Aber es war nur ein Irrtum; Ellen entdeckte sie bald unter den anderen Schiffen wieder; sie hatte ihren früheren Platz verlassen und lag jetzt dicht am steinernen Umfassungsrand des Hafenbeckens, und schon von hier aus konnten die Damen sehen, daß Arbeiter auf ihr beschäftigt waren.

Mit angsterfülltem Herzen eilten sie nach der ›Vesta‹, sie glaubten nicht anders, als ihr Schiff sei demoliert worden, vielleicht mit Absicht, aber Gott sei Dank, sie wurden bald von ihrer Sorge erlöst.

Die ›Vesta‹ hatte neben einem Dampfer geankert, und da der Hafen von Townville fast überfüllt war, so lagen die Schiffe nicht weit genug auseinander, um sich nach allen Seiten hin drehen zu können, ohne dabei an ein anderes zu stoßen. Der Dampfer hatte neben ihr geankert und bei dem damals herrschenden Winde so, daß die beiden Schiffe sich vollständig weit genug voneinander befanden; als aber in der Nacht der Wind umgesprungen war, drehten sich beide Schiffe, die Mannschaft des Dampfers merkte es, schlug Alarm und versuchte, sich von der ›Vesta‹ freizusetzen, was ihr auch gelang. Nur der Klüverbaum der ›Vesta‹ war dabei gebrochen worden, und die zurückgebliebenen englischen Herren hatten den Segler sofort am anderen Morgen nach dem Quai bugsieren lassen, damit der Schaden dort von Schiffszimmerleuten möglichst schnell repariert werde, so daß die zurückkehrenden Damen ihr Fahrzeug wieder seetüchtig fanden.

Derartige Havarien kommen in kleinen, aber belebten Häfen öfters vor, wenn der Wind umspringt, und werden als etwas Unvermeidliches hingenommen.

Es galt zwar als Gesetz der Vestalinnen, daß kein männlicher Fuß die ›Vesta‹ betreten sollte, aber wie überall, so mußten auch hier mit Ausnahmen gerechnet werden. Zwei Tage vergingen noch, ehe der alte Klüverbaum ausgehoben und der neue an Bord gehißt und eingesetzt worden war, und so lange mußten sich die Damen gedulden, natürlich schloß sich diesem unfreiwilligen Aufenthalte in Townville auch die Mannschaft des ›Amor‹ an.

Am Morgen des zweiten Tages ging Lord Harrlington mit seinem Freunde Williams durch die Straßen von Townville, verließen dann die Stadt und ergingen sich in der Umgegend, welche noch nicht den Eindruck des australischen Busches machte, sondern mit parkähnlichen Anlagen geschmückt war, durch welche schöne, schattige Promenadenwege führten.

Hier und da stand ein Häuschen, in dem ein den Aufenthalt im Freien liebender Geschäftsmann von Townville mit der Familie seine Freizeit verbrachte.

So kamen sie auch an einer Villa vorbei, dessen Besitzer eine kleine Pferdezucht angelegt hatte; auf der neben dem Hause befindlichen und eingezäunten Wiese tummelten sich mehrere Stuten und Füllen umher. Ihr Herr selbst stand an dem Zaune und weidete sich an dem Anblicke seiner Lieblinge.

»Sehen Sie da,« rief Charles und deutete auf einen Hengst, der in einem kleinen, besonders abgeteilten Gehege stand und die Vorbeigehenden mit zurückgelegten Ohren und aufgeblähten Nüstern beobachtete, »was für ein herrliches Tier! Dieser edle Hals, der kleine Kopf, diese wie aus Erz gegossenen Glieder. Schade, daß Hendricks nicht bei uns ist, er würde aus einem Entzücken ins andere fallen.«

Der Herr am Zaune hatte diese Bemerkung gehört und lauschte mit Wohlgefallen, wie die beiden elegant gekleideten Herren, jedenfalls reisende Engländer, sich über die Vorzüge seines Pferdes noch weiterhin unterhielten.

Beide Freunde waren stehen geblieben.

»So ein Pferd sollte ein englischer Jockey wie Fred Archer zwischen seine Schenkel bekommen,« meinte Harrlington, »und in vierzehn Tagen startet es mit dem besten Rennpferd.«

Der Herr hatte sich umgewendet und war zu ihnen getreten.

»Es freut mich, daß Sie meinem Tiere solche Anerkennung zollen,« sagte er höflich, aber ohne seine innere Freude verbergen zu können, »umsomehr, als der Hengst aus meiner eigenen Zucht hervorgegangen ist. Sein Vater war allerdings ein Engländer, seine Mutter aber kommt aus Australien, und von dieser hat er das wilde, störrische Blut der hiesigen Rasse bekommen, die zum Reiten nicht geeignet ist.«

»Läßt er sich nicht satteln und besteigen, oder zeigt er Mucken?« fragte Harrlington.

»Das nicht,« war die Antwort, »er behält jede Gangart bei, aber weder mir, noch einigen meiner Bekannten, sehr guten Reitern, ist es bis jetzt gelungen, ihn zum Nehmen von größeren Hindernissen zu bewegen, obgleich er wie dazu geschaffen ist. Desgleichen scheut er sich, über eine hölzerne Brücke zu gehen, und oft passiert es mir, daß er dann, durch den hohlen Ton erschreckt, umkehrt, und ohne sich halten zu lassen, nach Hause rennt.«

»So geht er durch?«

»Niemals. Er nimmt nur den Heimweg und läßt sich dann nicht mehr lenken. Ich bin sehr traurig über diesen Fehler.«

»Oho,« rief Harrlington, »das ist kein Fehler, sondern nur eine Unart. Ist er ängstlich beim Springen?«

»Durchaus nicht. Früher war der Fang noch nicht so hoch, und als er als Füllen erst einmal die Kraft seiner Sprungfesseln erkannt hatte, da war er eines Tages darüber, und wir hatten unsere liebe Not, ihn wieder einzufangen, denn er setzte über alle Hindernisse hinweg, über die wir mit anderen Pferden nicht konnten. Aber gesattelt will er sie einmal nicht nehmen, höchstens ganz kleine Hecken und schmale Gräben.«

»Nehmen Sie es mir nicht übel, aber dann fehlt es ihm nur an einem energischen Reiter,« sagte der Lord. »Wenn einem Tiere solche Mucken gleich beim ersten Male, wo es sie zeigt, ausgetrieben werden, so wiederholt es sie nie mehr. Aber auch noch späterhin kann man sie ihm austreiben, wenn auch nicht mehr durch Güte, wie man es vorher gekonnt hätte.«

»Mag wohl sein, daß Sie recht haben. Ich bin alt und nicht mehr der Reiter, der ich früher gewesen bin, und keiner meiner Freunde hat bis jetzt vermocht, die Launen dieses Pferdes zu brechen.«

»Geben Sie mir den Hengst für einige Stunden,« bat Lord Harrlington, »und ich werde Ihnen das Tier als das willfährigste wiederbringen, das Ihnen je zugeritten worden ist.«

Der Herr betrachtete nachdenklich die schlanke Gestalt des Lords, als sich dieser aber vorstellte, sodaß er erfuhr, er wäre der Kapitän des im Hafen ankernden ›Amor‹, war jedes Bedenken bei ihm verschwunden.

»Gut, ich vertraue Ihnen das Tier an, ich weiß, daß die englischen Sportsleute oft den besten Jockeys nichts nachgeben. Aber ich bitte Sie, strengen Sie es nicht zu sehr an!«

Der Hengst wurde gesattelt. Harrlington borgte sich ein Paar Sporen und eine schwere Reitpeitsche und stieg auf.

»Ich komme in einigen Stunden an Bord zurück, Williams,« sagte er, während das Pferd unter ihm tänzelte, »vor morgen früh geht die ›Vesta‹ doch nicht in See.«

»Auf keinen Fall,« erwiderte sein Freund.

»Sie können ja Ihre Springübungen hier auf den Wiesen vornehmen,« sagte der Pferdebesitzer, »Hecken und Büsche sind genug darauf.«

»Nein,« lachte Harrlington, »so schnell geht das nicht. Ich muß ihn erst etwas mürbe machen, wenn er auch etwas Schweiß dabei vergießt. Aber ich verspreche Ihnen, bei der Rückkehr wird er mit mir über diesen Zaun setzen. Ich fühle jetzt schon, daß er mir gehorcht.«

Er erkundigte sich noch, wie weit und wohin die Landstraße führe und sprengte dann fort.

Der Hengst fühlte an der leichten Hand, daß ein vorzüglicher Reiter auf seinem Rücken saß, aber er merkte auch, als er zum Galopp genötigt wurde, an dem Schenkeldruck, daß dieser Reiter nichts durchgehen ließ, und nahm schnaubend die vorgeschriebene Gangart an, die bald in Karriere ausartete.

Die Bäume jagten nur so vorüber; obgleich fast Windstille herrschte, flatterte des Rosses Mähne wie vom Sturm gepeitscht, und nicht eher mäßigte sein Herr den schnellen Ritt, als bis er merkte, daß das Pferd seine durch langes Stehen angesammelte Kraft ausgetobt hatte. Dann erst verließ er die breite Fahrstraße und ritt auf die Wiesen, ließ den Hengst erst über kleine Hindernisse setzen, und, als er diese ohne Besinnen nahm, versuchte er es mit größeren.

Wohl zögerte er bei dem ersten, einem hohen Busch, und galoppierte beim zweiten Anlauf um ihn herum, aber sein Reiter jagte ihn so lange hin und her, vor dem Hindernis ihm gütig zuredend und den Hals klopfend, nach Umgehen desselben ihm die Peitsche zu schmecken gebend, daß er doch schließlich, im letzten Augenblick die Sporen bekommend, in großem Bogen über den Busch flog.

Das schaumbedeckte Pferd versuchte nicht wieder, dem Willen seines Herrn zu trotzen, sondern nahm jetzt ohne Zögern jedes ihm begegnende Hindernis, auch ohne Nötigen durch Sporen und Peitsche.

Lord Harrlington bog in einen schmalen Nebenweg ein, von dem er sich hatte erzählen lassen, daß er nach einer Holzbrücke führe, und bald hatte er diese erreicht. Sie überbrückte ein kleines Gewässer.

Ruhig galoppierte der Hengst auf sie zu, sobald er aber in die Nähe der Brücke kam, schnob er ängstlich mit den Nüstern, und ehe es sich Harrlington versah, warf er sich auf den Hinterfüßen herum und jagte zurück, dem Zügel nicht mehr gehorchend. Aber lange konnte das Tier seinen eigenen Willen nicht durchsetzen, die Schenkel des Reiters zwangen es, den ungestümen Lauf zu mäßigen, und als es nur eine Sekunde zögerte, war es schon herumgerissen und sprengte in Karriere der Brücke zu. Kurz vor derselben bedeckte Harrlington dem Tier die Augen mit einem Tuch und dadurch noch mehr erschreckt, stutzte es wohl einen Moment, flog dann aber, von der Peitsche noch getrieben, mit doppelter Schnelligkeit davon.

Als die hölzerne Brücke unter seinen Füßen donnerte, bäumte es sich empor, es schien sich in den Bach stürzen zu wollen, bald aber war es wieder gebändigt, und Harrlington hatte die Freude, es nun nach Belieben über die Brücke lenken zu können, ohne daß es Schwierigkeiten bereitete – der Hengst hatte seine Scheu vor dem unheimlichen Gepolter verloren.

Jetzt lenkte Harrlington vom Wege ab in den Busch, um durch diesen zu jagen und dann das Pferd über den ziemlich breiten Bach setzen zu lassen.

Eben trieb er es zum schnellen Lauf an, um einen Busch zu nehmen, als plötzlich auf der anderen Seite desselben ein Mann aufsprang und sich eiligst in das Dickicht flüchtete, aber nicht nur, um den Fußtritten des Pferdes zu entgehen.

Was Harrlington veranlaßte, sofort sein Tier herumzuwerfen und dem Fliehenden zu folgen, hatte seinen guten Grund – dieser Mann trug den Sträflingsanzug, eben denselben, welchen der Lord vor einigen Tagen kennen gelernt hatte.

Er hätte zwar den Sträfling ebensogut mit dem Revolver niederschießen können, die ausgebrochenen Verbrecher waren vogelfrei, und er tat jedenfalls nur ein gutes Werk damit, aber Harrlington, auf einem edlen Pferde sitzend, wollte ihn lebendig fangen.

Der Mann war durch die Büsche gekrochen, über welche Harrlington jetzt hinwegsetzte, und vor ihm tat sich eine kleine Wiese auf, deren andere Seite von dichtem Unterholz begrenzt war. Erreichte er dieses, so war er vor dem Reiter, so lange er zu Pferd saß, gesichert, und deshalb rannte er so schnell wie möglich über die Wiese hinweg.

Aber es war zu spät, mit wenigen Sätzen hatte ihn das Pferd erreicht, der Sträfling wollte rasch zur Seite biegen, aber schon erhielt er einen Kolbenschlag über den Kopf, der ihn bewußtlos in den Rasen streckte.

Als er nach einigen Minuten wieder zu sich kam, war der Hengst an einen Baum festgebunden, und vor dem entsprungenen Verbrecher stand Harrlington, ihm mit finsterem Gesicht den Revolver vorhaltend.

»Keinen Versuch gemacht, aufzustehen!« herrschte er ihn an.

Der Sträfling blieb regungslos liegen, nur seine Augen rollten mit entsetzlicher Angst umher, als suche er einen Weg zum Entspringen.

»Bist du einer der Sträflinge, die aus dem Steinbruch zu Hughenden ausgebrochen sind?« forschte Harrlington.

»Ja, Herr, ich bitte Sie ...« stotterte er.

»Schweige,« befahl Harrlington, »du würdest vergeblich bitten. Warst du bei dem Ueberfall, den die Sträflinge auf uns machten?«

Er konnte schon in dem Gesicht des Sträflings lesen, daß derselbe nichts davon wußte, und glaubte ihm daher, als er antwortete:

»Nein, Herr, so wahr mir Gott helfe, ich war nicht dabei.«

»Auch nicht bei dem Ueberfall auf die Damen von der ›Vesta‹?« forschte Harrlington weiter.

Er hatte unbedacht gefragt, wie konnte dieser Sträfling etwas von der ›Vesta‹ und ihrer Besatzung wissen.

Aber das Ergebnis dieser Frage war ein überraschendes.

Mit einem Satze stand der Sträfling auf den Beinen, ohne den vorgehaltenen Revolver zu beachten.

»Die amerikanischen Damen sind überfallen?« stieß er hervor.

Aber mit einem Ruck lag er unter Harrlingtons eiserner Faust wieder auf den Knieen, und der Revolver berührte seine Stirn.

»Noch eine solche Bewegung, Bursche, und du bist eine Leiche!« rief der Lord drohend.

Der Sträfling beachtete diese Drohung nicht.

»Die amerikanischen Damen sind überfallen?« wiederholte er. »Sie sind doch nicht getötet?«

In seiner Stimme lag eine solche Angst, daß der Lord aufmerksam wurde.

»Kennst du sie?« fragte er kurz.

»Ich kenne sie nicht, aber ich muß zu ihnen. Leben sie noch, sind sie hier?« stieß der Verbrecher mit heiserer Stimme hervor.

»Was willst du von ihnen?«

»Ich muß zu der Kapitänin, Miß Petersen. Nur sie kann mir helfen.«

»Miß Petersen?« fragte der Lord erstaunt. »Wie steht diese Dame mit dir in Verbindung?«

»O, Herr,« bat der Sträfling, plötzlich in Tränen ausbrechend, »laßt mich laufen, ich bin unschuldig, glaubt es mir. Nur Miß Petersen kann mir helfen.«

»Miß Petersen?« fragte der Lord wieder, immer erstaunter werdend. »Ich verstehe dich nicht, willst du mir ein Märchen erzählen, Bursche?«

Angstvoll wandte der Flüchtling das Gesicht dem Lord zu.

»Ich weiß nicht, ob ich Ihnen trauen darf, ob ich es erzählen darf, damit ich nicht abermals eingesperrt oder gar gemordet werde,« stieß er hervor.

»Vertraue mir! Wenn du die ›Vesta‹ kennst, so hast du auch von dem ›Amor‹ gehört.«

Der Sträfling nickte, die Augen stumm auf den Lord geheftet.

Dieser wurde für den Sträfling eingenommen, er wußte selbst nicht warum, die blauen Augen dieses Mannes waren nicht solche eines Menschen, der ein böses Gewissen hat, nur eine verzehrende Angst sprach aus ihnen.

»Ich bin der Kapitän dieses Schiffes und ein Freund von Miß Petersen,« fuhr er fort.

»Gott sei Dank, daß ich Sie treffe!« rief der Mann und sprang auf, ohne diesmal von Lord Harrlington daran verhindert zu werden. »Erbarmen Sie sich meiner, Sie sind ein edler Mann, ich habe von Ihnen gehört! Glauben Sie mir, ich bin unschuldig verurteilt gewesen. Achtzehn lange Jahre habe ich unschuldig geschmachtet, aber jetzt endlich kenne ich den Mörder, für den ich büßen mußte. Geben Sie mir die Gelegenheit, daß ich ihn entlarven kann.«

»So kennst du wirklich den, für den du unschuldig gelitten hast?« fragte Lord Harrlington.

»Ich kenne ihn, ich weiß bestimmt, daß er der Mörder ist. Aber,« rief der Sträfling verzweifelt, »wie ist es mir möglich, ein Zeugnis gegen ihn abzugeben? Er ist ein mächtiger, reicher Mann, dem es ein leichtes ist, einen Ankläger unschädlich zu machen. Nur Miß Petersen kann mir helfen, ihn zu entlarven. Bringen Sie mich zu ihr, ohne daß ich erkannt werde, ich bitte Sie, edler Herr!«

»Aber was hat nur Miß Petersen damit zu tun?«

Der Sträfling hatte sich hoch aufgerichtet.

»Ihr Vater ist der Mörder!« rief er mit blitzenden Augen.

Entsetzt war der Lord einen Schritt zurückgetreten.

»Mann, Ihr träumt!« brachte er endlich heraus. »Ihr Vater soll der sein, für den ihr bestraft worden seid? Bedenkt, was ihr sprecht!«

»Es ist so, der Vater von Ellen Petersen, die ich als Kind auf meinen Armen getragen habe, Mister Flexan, oder aber, wie er sich früher nannte, Jonathan Hemmings ist der Mörder von Mister Nikkerson.«

Eine Ahnung dämmerte in dem Lord auf:

Mister Flexan war der Stiefvater von Ellen, er haßte sie, verfolgte sie, suchte sie zu töten. Er hatte das alles früher einmal geahnt, seit dem Ueberfall in Konstantinopel aber, wo einer der Räuber eine Photographie Ellens verloren hatte, die nur dem Stiefvater gehört haben konnte, wußte er dies bestimmt, ebenso wie Ellen, die schon längst eine instinktive, unüberwindliche Abneigung gegen den aufgedrungenen Vater gehabt hatte.

Ja, diesen Menschen, diesen Mister Flexan, hielt er wohl eines Mordes fähig.

»Gebt mir die Möglichkeit, zu Miß Petersen zu kommen!« flehte der Sträfling mit emporgehobenen Händen.

»Ihr sollt in Sicherheit gebracht werden,« sagte Harrlington dumpf. »Verlaßt Euch auf mein Wort. Bringe ich Euch auch nicht gleich zu Miß Petersen selbst, so will ich doch dafür sorgen, daß Euch Euer Recht wird.«

»Aber mein Weib», meine Kinder! Sie leiden Not!«

»Es soll für sie gesorgt werden, besser als Ihr es könnt.«

»Meine Frau glaubt, ich bin mit ausgebrochen und dann mit den anderen Sträflingen getötet worden. Sie weiß, daß ich unschuldig bin, und ihr Herz wird vor Kummer brechen.«

»Sie wird von allem benachrichtigt werden. Seid ruhig, Freund! Ich werde Mittel und Wege finden, Euch nicht nur zu retten, sondern Euch auch Genugtuung zu verschaffen.«

»Gott vergelte Ihnen, was Sie an mir getan haben, ich kann es nicht!« rief der Sträfling. Er fiel auf die Kniee und küßte Harrlingtons Hände inbrünstig.

»Noch seid Ihr nicht geborgen,« sagte hastig der Lord, sich nach allen Seiten scheu umsehend. »Versteckt Euch hier in dem Busch. Gegen Abend, wenn es dunkel wird, kommt jemand hierher und bringt Euch Kleidung. Vertraut ihm, er führt Euch auf den ›Amor‹, und von dort aus, wenn wir in See find, werdet Ihr Gelegenheit haben, Miß Petersen zu sprechen. Good bye!«

Der junge Mann schritt nach dem Pferde, schwang sich in den Sattel und jagte über die Brücke zurück, die diesmal der Hengst ohne Sträuben nahm, während der Sträfling sich wieder in den Büschen versteckte.

Beide hatten nicht bemerkt, daß sie während ihres Gesprächs aus einem dichten Gestrüpp ein höhnisch-grinsendes Gesicht beobachtet hatte.

»All right,« murmelte der Mann in den Bart. »Heute abend bei Dunkelheit. Werde ein klein wenig früher kommen.«

Leise, wie er gekommen, entfernte er sich wieder.

Die heftige Erschütterung, welche das weit ausgreifende Pferd auf den Reiter ausübte, störte Lord Harrlingtons Gedankengang nicht.

Unbedingt mußte dieser Mann gerettet werden. Wäre er von der Polizei ergriffen worden, oder hätte er sich selbst gestellt, so konnte gegen den Mister Flexan bei weitem nicht so vorgegangen werden, war dieser wirklich der Mörder von Nikkerson, als wenn er sich in Freiheit befand. Der Sträfling hatte recht, nach allem, was er, Harrlington, über Flexan erfahren, besaß dieser sowohl die Keckheit, als auch die Macht, einen Angeber unschädlich zu machen. Durch Gold kann man ja leider alles erzielen. Hatte der Sträfling dies aber nur gelogen, um sich in Sicherheit zu bringen, so befand er sich im Irrtum. Er sollte auf den ›Amor‹ gebracht werden und dort so lange bleiben, bis Ellen ihr Gutachten abgegeben hätte, ob sie gewillt sei, gegen ihren Vater vorzugehen oder nicht.

Harrlington kannte den rätselhaften Mord des Mister Nikkerson sehr wohl. Dieser Sträfling mußte jener Matrose sein, der damals verhaftet worden war; er hatte ihn zwar gar nicht danach gefragt, aber es konnte nicht anders sein. Wer weiß, wodurch der Mann den Namen des eigentlichen Mörders erfahren hatte – die Folge würde alles lehren.

Jedenfalls aber hielt Harrlington den Stiefvater Ellens einer Mordtat fähig.

Der grübelnde Reiter hätte sein Pferd fast am Stalle vorbeigeritten, wenn dieses nicht selbst durch ein freudiges Wiehern seinen Herrn darauf aufmerksam gemacht hätte. Dieser beachtete kaum die vielen Fragen des Pferdebesitzers, der aus dem Haus gekommen war, ob er mit dem Tier zufrieden sei, ob es gesprungen sei und so weiter, so war sein Kopf mit anderen Sachen beschäftigt.

Erst als der Herr ihn lächelnd daran erinnerte, er wollte doch bei seiner Rückkehr über den Fang springen, er schiene aber, fügte er lächelnd hinzu, nicht viel mit dem Tiere haben anfangen zu können, fiel ihm sein Versprechen ein.

Er lenkte zurück und ließ vor den Augen des erstaunten und zugleich freudigen Besitzers das Pferd über den hohen Fang setzen, stieg dann ab und entfernte sich, ohne fast ein Wort mit dem Herrn zu wechseln oder auf dessen Einladung, ihm für eine halbe Stunde im Hause Gesellschaft zu leisten, gehört zu haben.

Kopfschüttelnd blickte ihm dieser nach und murmelte etwas, das fast wie ›Spleeniger Engländer« klang.

Als Lord Harrlington den ›Amor‹ erreicht hatte, war sein Entschluß gefaßt. Er rief Lord Hastings und Sir Williams zu sich in sein Arbeitszimmer und erzählte ihnen ohne Umschweife sein Abenteuer.

Lord Hastings war viel zu phlegmatisch, um über die Enthüllungen betreffs des Stiefvaters Ellens zu erstaunen, und Williams war schon einigermaßen darüber orientiert. Sein Scharfsinn hatte ihm längst schon verraten, woher alle diese Verfolgungen kamen.

»Mein Plan ist nun folgender,« sagte zum Schluß Lord Harrlington. »Ich begebe mich heute abend nach jener Stelle mit Kleidern, welche ich mir von Ihnen, Lord Hastings, leihen werde, denn der Mann ist sehr groß, und Sie beide, meine Freunde, halten sich hinter mir in meiner Nähe auf, um mir beizustehen, sollte doch ein Verrat im Spiele sein. Wir bringen den Mann an Bord und behalten ihn so lauge hier, bis ich Gelegenheit gehabt habe, mit Miß Petersen über diese Angelegenheit zu sprechen. Ihre Aussage wird dann entscheiden, was wir mit ihm anfangen sollen; aber ich zweifle nach allem Geschehenen nicht daran, daß sie ihn als Werkzeug benutzen wird. Sind Sie damit einverstanden?«

Die Herren sagten mit Freuden zu.

Als Charles in seiner Kabine lag, öffnete sich leise die Tür, und sein Diener Hannes steckte den Kopf herein.

»Sind Sie allein?« fragte er. »Ja, dann möchte ich Sie ergebenst um etwas bitten, Williams.« »Was denn, mein Junge? Sprechen Sie sich nur aus!«

»Vor allen Dingen muß ich Ihnen gestehen,« begann Hannes und nahm ohne weiteres mit überschlagenen Beinen auf dem Sofa Platz, »daß ich Ihre Unterredung vorhin mit Harrlington belauscht habe.«

»Das ist nicht hübsch von Ihnen! Unterlassen Sie das ein anderes Mal!«

»Diese Geschichte ist furchtbar interessant,« fuhr Hannes unbeirrt fort, »und der Donner soll mich rühren, wenn ich nicht bei der Partie bin!«

»Bei welcher Partie?«

»Heute abend, wenn Sie den Sträfling abholen. Nun liegen wir schon zwei Tage in diesem verdammten Nest, ohne Abwechslung, ohne Vergnügen. Die Männer sind hier alle so solid, die Weiber so sittsam, daß es wirklich eine Schande ist. Gestern abend war ich in einem Bierhaus, und als sie mich um elf Uhr an die Luft setzten, habe ich auf der Straße einen Skandal gemacht, daß ich wenigstens zehnmal arretiert worden sein müßte. Denken Sie aber, es hat sich jemand um mich gekümmert? Gott bewahre, nicht ein einziger Konstabler hat sich sehen lassen.«

»Sie sind ein reizender Mensch, aber Sie schweifen zu weit ab. Was wollten Sie eigentlich sagen?«

»Ich muß heute abend unbedingt mit, wenn Harrlington überfallen wird. In jede Tasche stecke ich zwei Revolver, und in den Gürtel ein paar Messer und das Hackebeil.«

»Wenn ich Sie nun aber nicht mitnehme?«

»Dann gehe ich so mit,« war Hannes' entschiedene Antwort.

»Wenn ich Ihnen dann aber kündige?«

»Dann gehe ich an Bord der ›Kalliope‹ zurück.«

»Oho,« lachte Charles, »wer weiß, wo die jetzt schwimmt.« »Im Hafen von Townville, wenn Sie sich gefälligst überzeugen wollen.«

»Hm, dann bleibt mir allerdings nichts anderes übrig, als Sie mitzunehmen. Warten Sie, in zwei Minuten bin ich zurück.«

Charles begab sich zu Lord Harrlington und kam nach kurzer Zeit wieder.

»Well, der Kapitän ist damit einverstanden, daß Sie uns begleiten, aber, meinte er, das Hackebeil sollten Sie lieber nicht mitnehmen, sonst könnten wir morgen unser Fleisch nicht weich klopfen.«

»Famos!« schrie Hannes und war mit einem Satze zur Tür hinaus.

»Ein toller Bengel,« brummte Charles und nahm sein Tagebuch vor. –

Als die Nacht anbrach, schritten vier Männer der Brücke zu, in einfache Anzüge gekleidet, voran Lord Harrlington, der ein großes Paket unter dem Arme trug. Auf der Brücke winkte er zurück, daß seine Freunde stehen bleiben möchten, und schritt selbst weiter. Bald war seine Gestalt in der Dunkelheit verschwunden.

Es vergingen zehn Minuten, er kam nicht wieder, und als auch eine halbe Stunde verstrichen war, ohne daß man von Harrlington etwas sehen, noch hören konnte, wurden die Wartenden unruhig.

»Vielleicht ist er in einen Hinterhalt gefallen,« flüsterte Lord Hastings. »Vielleicht war die ganze Geschichte nur erfunden, um ihn, den Beschützer der Miß Petersen, beiseite zu bringen.

Die gleiche Vermutung hegte auch Williams, und ohne Zögern schritten sie über die Brücke.

Aber ihre Besorgnis war grundlos gewesen, eben trat Lord Harrlington aus dem Busche auf die Straße und sagte:

»Nichts gefunden, entweder ist er erschreckt worden und hat sich tiefer in den Wald zurückgezogen, oder der Bursche hat mich aus irgend einem Grunde belogen.«

»Dachte mir etwas Aehnliches,« brummte Hastings, »es ist alles Schwindel.«

»Wir wollen aber noch einmal zusammen diese Gegend absuchen,« fuhr Harrlington fort, »vielleicht ist er, von den Anstrengungen eines langen Marsches erschöpft, in tiefen Schlaf gefallen.«

Die anderen folgten seiner Aufforderung und suchten eine Stunde sorgfältig die Umgegend ab, aber vergebens, der Sträfling war nicht zu finden.

Endlich gaben sie die Hoffnung auf und traten, verdrießlich über den fruchtlosen Gang, den Rückweg an. Besonders Lord Harrlington war verstimmt, denn er hatte geglaubt, Miß Petersen einen großen Dienst erweisen zu können, wenn er ihr jemand zuführe, der ihr etwas über ihren Stiefvater erzählte.

»Ein Herr wartet bereits seit einer Stunde in Ihrer Kabine,« empfing ihn an Bord des ›Amor‹ John Davids, welcher während der Abwesenheit seiner Freunde an Deck geblieben war.

»Hat er seinen Namen genannt?«

»Nein, er sagt, er wäre ein alter Bekannter von Ihnen. Bis jetzt hat ihm Sir Hendricks Gesellschaft geleistet.«

Lord Harrlington ging in seine Kabine und fand darin einen Herrn auf dem Sofa sitzen, der sich unterdes, wie die auf dem Boden verstreute Asche und das neben ihm stehende Kistchen bewies, mit den Zigarren des Lords beschäftigt hatte.

Harrlington erkannte auf den ersten Blick, daß diese Zigarrenkiste diejenige war, welche er in einem besonderen Schränkchen stehen hatte, weil sie eine sehr gute Qualität enthielt. Hendricks würde sich nie erlaubt haben, sie ohne seine Erlaubnis herauszunehmen; also mußte sich dieser junge Mann, einfach, aber anständig gekleidet, selbst bedient haben.

Harrlington kannte ihn nicht, er erinnerte sich nicht, jemals dieses Gesicht gesehen zu haben.

»Mit wem habe ich die Ehre?« fragte er den Fremden, der von seinem Eintritt fast gar keine Notiz genommen hatte, sondern nach wie vor die blauen Wölkchen zur Decke blies und ihnen sinnend nachsah.

»Nikolas Sharp,« entgegnete der Gefragte ruhig.

»Ah,« rief der Lord überrascht aus, »also endlich habe ich einmal das Vergnügen, Sie zu sehen. In der Tat, es ist lange her, daß wir uns nicht mehr gesprochen haben. Was führt Sie hierher? Hoffentlich haben Sie mir keine Unannehmlichkeiten mitzuteilen! Wir sind in letzter Zeit genügend damit belästigt worden.«

Langsam nahm der Detektiv die Zigarre aus dem Munde.

»Es liegt etwas in Ihrem Ton, das mich vermuten läßt, daß Sie nicht mit mir zufrieden sind,« sagte er. »Darf ich Sie fragen warum? Oder habe ich mich getäuscht?«

»Auf eine offene Frage gehört eine offene Antwort,« entgegnete der Lord höflich, aber kalt, und setzte sich dem Detektiven gegenüber auf einen Stuhl. »Ich bin allerdings nicht zufrieden mit Ihnen. Offengestanden, ich habe mir vielmehr versprochen, als ich Sie engagierte.«

Lächelnd steckte der Detektiv die Zigarre in den Mund und blies eine mächtige Dampfwolke aus.

»Inwiefern nicht?« fragte er dann.

»Ihre Anwesenheit erfahre ich nur dadurch, daß in jeder Stadt, wohin ich auch komme, die von mir für Sie deponierten Geldsummen erhoben sind. Aber sonst kann ich nichts davon bemerken, daß Sie sich viel um Ihre Schutzbefohlenen kümmern. Das erste und das letzte Mal, daß ich Sie gesehen habe, war in Bombay, und dort beschäftigten Sie sich mit einem Matrosen vom ›Blitz‹, der Sie eigentlich gar nichts anging.«

»Well,« sagte der Detektiv trocken. »Ist Miß Petersen nicht mehr auf der ›Vesta‹?«

Der Lord stutzte bei dieser Frage, dann aber sagte er, sich sammelnd:

»Ist sie dort, lebt sie überhaupt noch, so können Sie jedenfalls nichts dafür. Hier in Australien wäre Gelegenheit genug für Sie gewesen, sie zu beschützen. Ihr Leben war unterdes schon zehnmal in Gefahr.«

»Habe ich auch getan,« war die Antwort, »ihretwegen bin ich Tag und Nacht im Busch herumgestrichen, habe nach Pfefferminze riechende Opossums halbroh gegessen und mich wundgeritten.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Nun, ich war derjenige, welcher Sie, Miß Petersen und die anderen durch den Busch geführt hat, hinter Miß Murray her. Mein Name war Drake, und ich fungierte als Anführer der schwarzen Polizei. Leutnant Atkins ist ein alter Freund von mir und vertraute mir seine Leute an.«

Immer erstaunter hatte Harrlington diesen Worten gelauscht.

»Aber ist dies etwa ein Entschuldigungsgrund?« rief er unwillig. »Wenn Sie die Macht dazu hatten, warum haben Sie denn uns nicht davor bewahrt, daß wir in die Hände der Eingeborenen fielen?«

»Ich hatte bereits vorher Miß Murray, der Tochter des Häuptlings, einen Besuch abgestattet, und sie bat mich, ihr das Spiel nicht zu verderben.«

»Ah so, ich verstehe,« lächelte Lord Harrlington, »aber warum zwangen Sie uns, zweimal durch den Bach zu schwimmen?«

Seine Stimme klang wieder etwas entrüstet.

»War nicht meine Anordnung, sondern die der Schwarzen, der auch ich Folge leisten mußte.«

»Und dann, wenn Sie bei uns in der Nähe waren, wie ich vermute, warum ließen Sie uns, oder, von uns will ich gar nicht sprechen, warum ließen Sie Miß Petersen beinahe des Feuertodes sterben?«

»Bah,« der Detektiv machte eine geringschätzende Bewegung, »über das bißchen Feuer springt ein Kind mit bloßen Füßen, um wieviel mehr Miß Petersen. Das Mädchen hat den Teufel im Leibe.«

»Sie sprechen von Miß Petersen,« unterbrach ihn der Lord ernst.

»Eben die meine ich,« antwortete Sharp gleichmütig. »Hat Ihnen Sir Williams übrigens nicht gesagt, daß er mich öfter, so zum Beispiel in Indien erkannt hat?«

»Nein.«

»So fragen Sie ihn! Seien Sie versichert, ich habe nichts unterlassen, um nicht nur über die Miß Petersen, sondern auch über die anderen Damen zu wachen. Und deswegen komme ich auch jetzt zu Ihnen, nicht gerade um Ihnen eine Gefahr mitzuteilen, aber doch, um Sie zu warnen und Ihnen behilflich zu sein, Miß Petersen einen großen Dienst zu erweisen.«

»Das wäre?« fragte der Lord gespannt.

»Sie haben heute morgen an der Brücke einen Sträfling gesprochen?«

»Allerdings. Woher wissen Sie das?«

Der Detektiv beachtete diese Zwischenfrage nicht.

»Und wollten ihn heute abend an Bord des ›Amor‹ bringen, weil dieser Mann Geheimnisse über Mister Flexan enthüllen kann?«

»Auch das.«

»Ihre Unterhaltung mit dem Sträfling heute morgen ist von einem Manne belauscht worden, der im Dienste dessen steht, dem jener durch sein Geständnis schaden würde,« fuhr der Detektiv fort, »und so ist er eine halbe Stunde früher gekommen als Sie und hat ihn in Ihrem Namen abgeholt, um ihn, wie er sagte, in Sicherheit zu bringen, in Wirklichkeit aber, um ihn unschädlich zu machen.«

Der Lord war erregt aufgesprungen.

»Nicht möglich!« rief er.

»Doch ist es so.« »Soll er getötet werden? Ist er noch in Townville?«

»Er ist noch hier und wird vorläufig gefangen gehalten, denn Townville ist ein ungeeigneter Platz, um jemanden spurlos verschwinden zu lassen.«

»Ist keine Möglichkeit, ihn zu retten?«

Der Detektiv blies nachdenklich eine dichte Rauchwolke vor sich.

»Doch, es wird mir gelingen, ihn zu retten und Ihnen zuzuführen, nur muß ich – –«

Sharp brach plötzlich ab, war mit einem Satze an der Tür und stieß sie schnell auf. Ein klatschender Schlag ward hörbar, als wäre die Türe gegen ein Gesicht geflogen und im nächsten Augenblick brachte der Detektiv Hannes beim Kragen hereingeschleppt.

»Hier setze dich und höre zu!« sagte er zu ihm und drückte ihn auf einen Stuhl. »Belauschen kannst du mich nicht.«

Hannes war so verblüfft, daß er wortlos so sitzen blieb, wie ihn Sharp auf den Stuhl gedrückt hatte, die Beine weit ausgestreckt, den Kopf zur Seite geneigt und die Arme herabhängend. Noch nie hatte ihn eine so kräftige Faust emporgehoben.

»Nur muß ich einige tüchtige Leute auftreiben, und dazu wird mir dieser Schlingel da verhelfen müssen,« fuhr der Detektiv ruhig fort und deutete auf Hannes, der die schmächtige Gestalt des Fremden mit einer Art von Ehrfurcht betrachtete.

Harrlington hatte dem kleinen Intermezzo lächelnd zugeschaut. Wenn er auch von dem sonderbaren Betragen des bekannten, amerikanischen Detektivs nur erst weniges gesehen, so hatte er doch schon genug davon gehört. Er traute diesem Manne jetzt wieder vollkommen.

»Also ich nehme Hannes mit,« fuhr Sharp fort. »Sir Williams wird schon damit einverstanden sein. Wann fahren Sie?«

»Morgen früh,« entgegnete Harrlington.

»Hm, wird wohl nicht gehen!«

»Warum nicht?«

»Weil Sie wahrscheinlich morgen früh verhaftet werden und Ihre Abreise dadurch eine Verzögerung erleidet.«

»Ich, verhaftet?« rief der Lord aus.

»Darüber ist nichts zu wundern. Sie werden jedenfalls von dem, der den Sträfling wirklich irgendwo untergebracht hat, mit dessen Befreiung verdächtigt werden. Doch weiß ich es nicht bestimmt, es ist nur eine Vermutung von mir.«

»Ich glaube nicht daran,« sagte Harrlington; »der Mann, der alle diese Intriguen einfädelt, ist kein gewöhnlicher Mann, und so wird er auch wissen, daß es mir ein leichtes ist, Bürgen zu stellen. Schon die Nennung meines Namens würde genügen, mich auf freien Fuß zu setzen. Meinen Sie nicht auch, Mister Sharp?«

»Sharp, Sharp?« murmelte Hannes vor sich hin, jetzt erst richtig zur Besinnung kommend. »Den Namen kenne ich.«

Plötzlich sprang er vom Stuhl auf den Detektiven zu.

»Alle Wetter, jetzt habe ich es,« rief er. »Sie sind Nick Sharp, der amerikanische Detektiv?«

»Allerdings, kennst du mich?«

»Ei gewiß, ich habe schon oft lange Geschichten über Sie gelesen. Also mit Ihnen soll ich kommen? Da bin ich natürlich einverstanden. Williams brauchen wir gar nicht erst zu fragen; erlaubt er es nicht, so gehe ich eben so mit Ihnen.«

»Ein netter Diener!« lachte Sharp.

»Wie lange brauchen Sie, um den Sträfling – ich weiß noch nicht einmal, wie er heißt,« unterbrach sich der Lord.

»Snatcher.«

»Um diesen Snatcher auf freien Fuß zu setzen, und ihn womöglich unbemerkt an Bord des ›Amor‹ zu schmuggeln?«

»Vor morgen nacht ist es nicht möglich!«

»So lange brauchen Sie auch Hannes?«

»Ja, und wann gehen Sie in See?« fragte der Detektiv.

»Morgen früh, denn die ›Vesta‹ wird dann absegeln.«

»Wohin geht die Reise?«

»Nach Java.«

»Wissen Sie schon den bestimmten Hafen?« fragte Sharp weiter.

»Miß Lind konnte mir nur von Java schreiben.«

»So will ich Ihnen denselben nennen, es ist Batavia,« lächelte der Detektiv.

»Sie sind gut instruiert,« sagte der Lord.

»Allerdings, besser als jeder andere. Sie sehen, ich kümmere mich sehr um das Treiben meiner Pflegebefohlenen, urteilen Sie also nicht wieder so schnell über mich!«

»Entschuldigen Sie, wenn ich Ihnen unrecht getan habe. Aber wie wollen Sie denn Hannes und Snatcher uns nachschicken?«

»Mit irgend einer Reisegelegenheit, das heißt, wenn Sie wirklich schon morgen abfahren, was ich noch sehr bezweifle,« sagte der Detektiv, stand auf und verabschiedete sich kurz von Lord Harrlington.

»Komm mit, Hannes,« fuhr er dann fort, sich an diesen wendend, »du sollst eine wichtige Rolle spielen, über die dann vielleicht auch eine Geschichte geschrieben wird, in der du verherrlicht wirst.«

Hannes war so erfreut, daß er ganz vergaß, sich von dem Detektiven das Duzen zu verbitten. Für diesen Mann hatte er seit seiner Kindheit eine Schwärmerei besessen, er hätte sich von ihm noch viel mehr gefallen lassen.

Als beide draußen standen, hielt ihn Sharp am Arme fest.

»Wo ist die Kabine von Sir Williams?«

»Dort vor der des Kapitäns, am Ausgang.«

»Ist er darin?«

»Ja, er hat Licht brennen.«

»Dann stelle dich einmal dort hinten hin, mein Junge,« flüsterte Sharp, »und rufe ihn. Sobald er bei dir ist, gehst du auf der anderen Seite der Bordwand entlang und entwischst nach oben. Hast du mich verstanden?«

Hannes war schon an der bezeichneten Stelle.

Das Zwischendeck des ›Amor‹, ebenso wie die Kajütenräume, waren so wie bei allen Dampfern eingerichtet. An den Bordwänden befanden sich die Kabinen der Herren, und den mittelsten Platz nahm eine Kammer ein, in der gewöhnlich die notwendigsten Mundvorräte aufbewahrt wurden, diese Kammer dient zugleich auch als Stütze des Oberdecks. So also entsteht auf jeder Seite der Bordwand ein schmaler Gang, welcher bei einer Treppe endet, die nach oben führt.

Hannes war also nach hinten geschlüpft, von der Treppe am weitesten entfernt, und in der nächsten Minute konnte der im Schatten der Treppe stehende Detektiv ihn rufen hören:

»Williams, Williams! Schnell hierher, um Gottes willen,« schrie er, »machen Sie schnell!«

Neben Sharp wurde eine Thür aufgerissen, und der Gerufene stürzte heraus, lauschte, woher die Jammertöne kamen, und sprang dann nach hinten.

Sofort schlüpfte der Detektiv in die offene Kabine, kam aber gleich wieder heraus und hörte noch, als er die Treppe emporsprang, wie Williams ärgerlich rief:

»Was ist denn los, Hannes? Was rennen Sie denn fort? Du willst mich wohl zum Narren haben, du – du – Sie verfluchter Junge, Sie? –.–«

Des Detektiven Vermutung schien sich nicht bestätigen zu wollen. Lord Harrlington hatte auch nicht recht daran geglaubt, war aber doch froh, als er am anderen Morgen den Befehl gab, die Anker zu lichten.

Die ›Vesta‹ wurde bereits durch einen kleinen Dampfer aus dem Hafen geschleppt, sie hatte fast schon die Ausfahrt erreicht, während die englischen Herren, deren Mützenbänder lustig im Winde flatterten, um das Gangspill herum marschierten, mit dem die Anker aufgewunden werden. Sie waren jetzt Matrosen, keine Gentlemen mehr, und da sie den wirklichen Seeleuten nichts nachgeben wollten, so scholl auch von ihren Lippen ein fröhlicher Shandy, d. h. einer jener englischen Gesänge, mit denen die Matrosen ihre Arbeit taktmäßig begleiten, das Einraffen der Segel, das Ziehen der Taue, das Aufhissen der Anker, kurz alle Arbeit, bei der ein gleichzeitiges Zusammenwirken der Kräfte nötig ist.

Harrlington stand am vordersten Mast und leitete die Manöver. Die Anker lagen fast an Deck, der Kapitän bog sich dem Sprechrohre zu, um die Schraube in Bewegung setzen zu lassen, als der Ruf eines seiner Freunde ihn aufmerksam machte. Er blickte nach der Stelle des Quais, nach welcher der Rufende deutete, und eine plötzliche Unruhe bemächtigte sich seiner. Dort stieß eben ein Boot ab, in dem sich acht Mann befanden. An den schwarzen Helmen erkannte er, daß es Konstabler der Hafenpolizei waren, von denen der eine mit einer Flagge heftig nach dem ›Amor‹ winkte, und, als er gesehen zu werden glaubte, ein ›Halt‹ signalisierte.

Hier gab es kein Widerstreben, Harrlington unterließ sein Kommando und erwartete den Hafenbeamten, aber nicht diesen, sondern die ›Vesta‹ beobachtend, welche mit Tauen durch die Schleuse, d. h. durch die Ausfahrt des Hafens geschleift wurde.

»Lord Harrlington, Kapitän des ›Amor‹?« fragte eine Stimme neben ihm.

Das Boot war herangekommen und einer von der Besatzung, anscheinend ein höherer Beamter, hatte sich an Bord begeben.

»Ich bin's. Was steht zu Diensten?« sagte Harrlington, ohne die ›Vesta‹ aus dem Auge zu lassen.

»Im Namen der Königin, Sie sind verhaftet!«

Diese Worte sollten mit möglichster Feierlichkeit gesprochen werden, aber es lag in deren Ton ein solches Gemisch von Zaghaftigkeit und Unsicherheit, daß sich einige der Herren schnell abwandten, um nicht laut herauszulachen, wodurch der Beamte noch verlegener wurde.

»Warum?«

»Sie sind denunziert worden, einen entlaufenen Sträfling an Bord Ihres Schiffes verborgen zu halten,« sagte er mit kläglicher Stimme. »Verzeihen Sie mir, ich tue nur meine Pflicht, wenn ich das Schiff durchsuchen lasse.«

»Wie lange dauert das?«

»Eine Viertelstunde nur.«

»Und dann?«

»Dann müssen wir Sie nach der Hafenpolizei führen. Ich habe den Verhaftsbefehl hier.«

Der Mann zog einen Zettel aus seiner Tasche und hielt ihn dem Lord hin, aber dieser beachtete ihn nicht, sondern war ganz in den Anblick der ›Vesta‹ versunken, die jetzt die Schleuße verließ.

Ein plötzlicher Argwohn bemächtigte sich seiner.

»Wie lange dauert es, ehe ich, wenn ich unschuldig befunden worden bin oder für mich gebürgt worden ist, den Hafen verlassen kann?«

»Vor morgen früh wird dies nicht möglich sein,« war die Antwort.

Morgen früh! Das war's. Es war nur darauf abgesehen, ihn von der ›Vesta‹ zu trennen, und vierundzwanzig Stunden genügten dazu vollkommen.

»An die Wimpel!« kommandierte er.

Er wollte der ›Vesta‹ signalisieren, daß sie umkehren möge, aber im nächsten Augenblicke fiel ihm ein, wie Ellen zu handeln gewöhnt war. Wer weiß, ob sie das Signal beachtet hätte!

»Halt,« rief er, »die Jolle über Bord!«

Hastig riß er ein Blatt Papier aus dem Notizbuch und warf einige Zeilen darauf.

»Williams,« bat er, das Boot war schon im Wasser und die dazu abgeteilten Herren darin, »fahren Sie so schnell als möglich nach der ›Vesta‹ und geben Sie dieses Miß Petersen. Aber schnell, schon beginnt sie, die Segel zu entfalten.«

Beruhigt blickte er dem wie ein Pfeil durch's Wasser schießenden Boote nach, sah, wie es an der ›Vesta‹ anlegte und wie Williams das Zettelchen an einer herabgeworfenen Schlinge befestigte. Fünf Minuten später zog die ›Vesta‹ die Segel wieder ein und warf draußen auf der Rhede, vor dem Hafen Anker aus.

Harrlington atmete erleichtert auf.

»Das Schiff ist durchsucht, wir haben nichts gefunden,« sagte der Beamte, »darf ich bitten, in unser Boot zu steigen?«

»Gern,« antwortete Harrlington lächelnd, »Lord Hastings, Marquis Chaushilm, kommen Sie mit, damit Sie für mich bürgen können!«

8.

Im Auftrag des Detektiven.

»Bootsmann, spinn' ein Garn!« sagte der grauhaarige Schiffskoch zu seinem alten Freunde und schüttelte den träumend vor sich Hinsehenden an der Schulter. »Du bist schon lange an der Reihe.«

Es war so traulich im Matrosenlogis an Bord der ›Kalliope‹.

Das Logis, die Schlafstelle und der Aufenthaltsort der Matrosen während ihrer Freizeit, lag unter der Back, dem erhöhten Vorderteil des Schiffes. An den Seitenwänden befanden sich die Kojen, stets zwei übereinander, vor ihnen waren die Seekisten angelascht, d. h. festgebunden, damit sie nicht bei Seegang hin- und herrutschten, und durch die Mitte des Raumes lief der schmale Tisch, abermals ›Back‹ genannt, denn dies ist eine Bezeichnung für viele, ganz verschiedene Gegenstände des Schiffes. Sonst war der Tisch oben an der Decke befestigt, nur wenn die Matrosen aßen oder, wie heute abend, gesellschaftlich zusammensaßen, wurde das mit vielen Leisten beschlagene Brett, welches das Herunterrutschen des Eßgeschirres verhütet, herabgeschlagen.

Die Matrosen der ›Kalliope‹ waren nicht an Land gegangen, sie wollten nicht ihre ganze Heuer schon während der Reise verbrauchen; auch saßen sie nicht auf den Kleiderkisten und flickten Zeug, kauerten nicht vor denselben und ordneten die Sachen, nahmen nicht die halb verblichenen Photographien, die Bildchen, Andenken an Liebe in der Heimat in die Hand, betrachteten sie nicht sinnend, putzten sie nicht am Aermel ihrer wollenen Jacke ab und legten sie nicht dann fein säuberlich in eine bestimmte Ecke ihrer Seekiste, eine so beliebte Beschäftigung des deutschen Seemannes in der Freizeit, sondern sie saßen heute abend um die Back herum und waren am ›Garnspinnen‹, das heißt am Erzählen. Die von der Decke herabhängende Petroleumlampe beleuchtete die wettergebräunten, treuherzigen Gesichter der Matrosen, welche, die qualmende Kalkpfeife zwischen den Zähnen, die Mützen im Nacken, die Aermel der wollenen Jacken halb aufgeschlagen, aufmerksam den Erzählungen ihrer älteren Kameraden lauschten.

Wenn das Alter noch irgend einen Vorrang hat, ohne Ansehen von Können und Wissen, so ist es an Bord deutscher Schiffe; da darf im Logis keiner das Wort ergreifen, so lange der Aeltere redet, und man folgt gern seinem Rat, denn er hat die größere Erfahrung.

Des Bootsmanns, wie auch des Kochs Kojen liegen nicht im Matrosenlogis, sondern beide bewohnen Kabinen für sich, wie sie überhaupt eine Stellung zwischen Steuermann und Matrosen einnehmen, aber wenn diese es vorgezogen haben, statt im Hafen an Land zu gehen, im Logis zu bleiben, so finden auch jene sich gern bei dem jüngeren Volke ein, um ihre Reiseerlebnisse zum besten zu geben und dann wiederum den Erzählungen der Matrosen zuzuhören.

Der Bootsmann der ›Kalliope‹, ein alter Bekannter aus dem Schiffsanker zu Sydney, schien keine Lust zu haben, der Aufforderung Folge zu leisten. Ruhig ließ er sich schütteln, daß ihm die Asche aus der Pfeife flog – er änderte nicht den starren Blick seiner Augen.

»Erzähle uns, warum du nicht geheiratet hast,« begann wieder der Koch, »das ist eine Geschichte, von der du noch niemals gesprochen hast. 's ist doch hart für so einen alten Seebär, wenn er endlich wieder im Heimatshafen ankert und, statt eine freundliche Stube und liebe Gesichter zu sehen, den ganzen Tag in der Bierstube des Heuerbaas hocken muß, bis er wieder ein Schiff bekommen hat.«

»Freilich, du hast recht,« sagte endlich der Bootsmann, »je älter man wird, destomehr empfindet man das, aber, du, lieber Gott, der Mensch gewöhnt sich an alles. Ein junger Kerl sehnt sich nicht nach Häuslichkeit, hat er ein paar Tage zu Hause hinter dem Ofen gesessen, dann will er sich erst noch ein wenig amüsieren und dann ade Mutter und Geschwister, alle Tränen helfen nichts, das Blut muß sich wieder in Wind und Wetter austoben. Dann später freilich, dann wird er ruhiger, und er sehnt sich nach Hause, im Sommer nach einem schattigen Plätzchen im Garten und im Winter nach einer warmen Stube. Aber die Mutter mit ihrer Fürsorge genügt ihm nicht mehr, schon lange hatte er es sich ausgemalt, wie schön das wäre, wenn statt der Mutter Nachbars blonde Marie oder Grete am Feuer hantierte. Die Dirn' sagt nicht nein, das weiß er, und kommt er dann von der nächsten Reise mit vollem Geldbeutel heim, so bringt er ihr ein paar seidene Fähnchen mit, beim Tanz in der Schenke fragt er sie, ob sie den wilden Burschen leiden möge, und vier Wochen darauf ist Hochzeit. Manchem ist es geglückt, sich ein hübsches Heim zu schaffen, manchem nicht. Ich wollte es auch, aber das Schicksal nicht, darum bin ich unverheiratet geblieben.«

»Das ist kein Garn, Bootsmann,« sagte der Koch. »Erzähle uns ordentlich, warum du nicht eine Frau genommen hast. An Gelegenheit wird es dir doch nicht gefehlt haben?«

»An Gelegenheit?« lachte der Bootsmann spöttisch und erhob sich, um die Lampe höher zu schrauben, so daß man seine hünenhafte Figur besser zu sehen bekam. »Wetter noch einmal, nein, Gelegenheit gab's genug. Als ich noch ein junger Kerl war und als Matrose fuhr, da war ich nicht der griesgrämige, mürrische Geselle, der ich heute bin. Herr Gott, was war ich für ein wilder Bursche! Wenn ich so mit vollen Taschen an Land kam, da war mir nichts zu teuer, die Musikanten mußten für mich ganz allein aufspielen, und wenn ich dann so mit dem nagelneuen, blauen Anzug durch die Dorfstraße ging, da hättet ihr einmal sehen sollen, wie mir die Dirnen nachguckten und flüsterten: ›Da geht der Max, der ist von der Reise zurückgekommen, paßt auf, heute abend bestellt er Tanz.‹«

»Na,« lachte der Koch, »bis jetzt habe ich aber noch nicht merken können, inwiefern du eine Gelegenheit zum Heiraten gehabt hättest. Tugendhelden sind wir alle nicht gewesen, und was die Wildheit anbetrifft – da sieh dir mal die Jungens an, wie sie schmunzeln und die Mützen auf die Seite rücken; Karl fängt schon an, unterm Tisch mit den Füßen zu tanzen, laß sie mal nach Hamburg kommen. Na, durch die Wildheit bekommt man keine brave Frau.«

»Warum denn nicht?« unterbrach ihn aber der Bootsmann. »Gerade, manch sonst ganz stilles Mädchen verschmäht den solidesten, ruhigsten und reichsten Freier und hängt sich an einen wilden Kerl. Warum? Ich bin kein Gelehrter, ich kann es nicht mit Worten erklären, aber das Herz sagt mir, warum sie dazu getrieben wird. Und Faktum ist es, daß solche Ehen die glücklichsten werden. Natürlich unter Wildheit verstehe ich nicht einen rohen, liederlichen, jähzornigen Charakter, sondern eine Natur, die vor Jugendlust und Jugendmut überschäumt. Ich keine Gelegenheit gehabt zum Heiraten? Da war des Müllers Anna, des Hofbauern Gertrud, Zimmermanns Berta, des schwerreichen Krämers Mary und so weiter und so weiter, alles hübsche, reiche Mädchen, und ich hätte nur die Hand auszustrecken brauchen, so hätte ich sie gehabt, von ihnen gar nicht zu sprechen, auch die Väter und Mütter hätten mich als Freier nicht abgeschlagen, mich, den sechs und einen halben Fuß hohen, baumstarken Kerl, wenn er auch nichts weiter besaß, als ein paar gesunde Arme, die aber ein großes Kapital aufwiegen. Alle Herzen im Dorfe waren mir zugetan, ich wußte niemanden, der mir nicht schon von weitem ein herzliches Wort zugerufen hätte, wenn ich ihm begegnete. Na, und häßlich bin ich damals auch nicht gerade gewesen,« fügte der Bootsmann schmunzelnd hinzu.

»Aber nein,« fuhr er dann wieder düster werdend fort, »ich wollte keine von ihnen, ich sah nicht, wie sie mich mit Blicken aufforderten, einmal meine Ausgelassenheit fallen zu lassen und ernst zu werden, ihre Winke zu beachten. Der Ernst machte der Fröhlichkeit nur Platz, wenn ich an einem Hause vorbeikam und hinter dem Fenster ein paar goldene Zöpfe leuchten sah, aber ein so ernsthaftes Gesicht ich auch ziehen mochte, innerlich, mein Herz, das hüpfte und jubelte vor Entzücken, vor wirklicher Freude. Das Haus stand hinten im Dorfe, verlassen, unbeachtet, es war eine Hütte, armselig, halbverfallen, der Regen fand Einlaß durch das lückenhafte Dach.

Es gehörte dem Hirten des Dorfes, einer verachteten, im Rufe der Zauberei stehenden Person, öffentlich gemieden, heimlich aufgesucht, und seine Tochter, die Susanne, hütete barfuß die Gänse.

»Es war eine, alte, alte Geschichte, so alt, wie die Welt ist, und man kann sie immer wieder hören, nur Ort, Datum und Namen haben sich geändert, aber der Inhalt bleibt immer derselbe. Hoffnung, Liebe, Trennung und ein unglückliches Wiedersehen, unglücklich auf beiden Seiten, es ist ihr Kern, dann eine blasse, stille, junge Frau, die mit Geduld das Schicksal trägt, und ein Mann, der erst vor Verzweiflung vergehen will, dann sich in den Strudel des Lebens stürzt, um den Schmerz zu betäuben, und schließlich, wenn die Wunde des Herzens geheilt ist, der Erinnerung lebt, aber keinen Versuch macht, noch einmal sein Glück zu erringen.

»Ick höww min lüttje Susann' nie wedder siehn,« schloß der Bootsmann seine Erzählung, die natürlich plattdeutsch vorgetragen war, und fuhr mit der Hand über die Augen.

Und die Matrosen? Die rohen Matrosen hatten mit einem Male alle das Bedürfnis, das rot und weiß gewürfelte Sacktuch zu gebrauchen, aber jeder versuchte, es dem anderen nicht merken zu lassen, sie beugten sich in die Koje und ordneten die Kissen, oder sie schlugen die Deckel der Seekisten hoch und wühlten in ihnen herum, oder sie steckten den Kopf unter den Tisch und klopften die Pfeife aus.

Die rohen Matrosen! Ach, wenn doch jeder Mensch soviel Mitgefühl für fremdes Leid im Herzen trüge, wie der Seemann, der deutsche Seemann! Wie sehr wird gegen ihn gefrevelt, wenn sein übermütiges Treiben an Land, ist er nach jahrelanger Abwesenheit in den Hafen zurückgekehrt, und sein Spott gegen die Passagiere, die sich an Bord des Schiffes wie unbeholfene Kinder benehmen, als Roheit bezeichnet wird.

»Seht, Jungens, so geht es,« unterbrach der Bootsmann die eingetretene Stille, »Ich erwachte bald aus dem Taumel, in den ich geraten war. Eines Tages fand ich mich wieder in einem kleinen Hafen Spaniens, zerlumpt, elend, krank, keinen Peso in der Tasche – alles war vertrunken und verspielt. Max, sagte ich zu mir, schämst du dich nicht vor dir selber? Du, ein Kerl, der einst dachte, die ganze Erde über den Haufen rennen zu können, beträgst dich wie ein kleines Kind, weinst, jammerst, und hast du einen Groschen in der Tasche, dann jagst du ihn schnell durch die Kehle, damit du nicht mehr an die Vergangenheit denkst. Pfui Teufel, Max, wenn es dein Vater hätte sehen können, der war aus anderem Holze geschnitzt als du, er würde sich im Grabe umwenden! Kurz, ich kehrte um, ich kam wieder in die Höhe, das Meer ward meine Heimat, das Schiff meine Braut, und nun, ich kann es wahrhaftig sagen, ich bin ein glücklicher Mensch, mag ich manchmal auch etwas griesgrämig sein, das bringen die schon grau werdenden Haare mit sich. Aber hier,« der alte Seemann sprang auf und schlug dröhnend gegen die mächtige Brust, »hier sitzt noch die Jugend drin, gerade noch dieselbe alte Jugendlust fühle ich in meinem Herzen, die früher so oft schäumend überfloß. Ein sicheres Schiff, ein braver Kapitän, eine tüchtige Mannschaft, sagt ihr jungen Leute, und wir wollen gar nicht in den Himmel, schöner kann es dort auch nicht sein, und ebenso rufe ich trotz meiner 45 Jahre auch noch. Braucht nicht zu denken, daß ich mich nur so in Begeisterung hineingeredet habe, Jungens, ihr wißt, ich bin kein Spaßverderber, bin immer noch wie einer, der erst zwanzig Jahre auf dem Rücken hat. Noch immer sitzt mein Herz auf dem rechten Flecke, und meine Faust hat immer noch den guten Schlag den sie früher gehabt hat, und solange diese beiden die alten bleiben, solange will ich des Sprüchleins gedenken, das mir einst mein Vater mit auf den Weg gab, als ich die erste lange Seereise antrat. ›Max,‹ sagte er, ›laß dich nicht einschüchtern, was dir auch die Leute vorschwatzen mögen, denke daran, was ich dir sage: Was dir dein Herz vorschreibt, das tue, mögen es andere gutheißen oder nicht. Spricht dein Herz, schlage zu, dann schlage, aber gleich tüchtig, daß es nicht zum zweiten Male nötig wird.‹ Jungens, hole mich dieser oder jener, ihr wißt alle, ich habe immer so gehandelt, und hat es mein Herz gutgeheißen, dann habe ich mit Freude meine Strafe bezahlt und wohl auch einmal ein paar Tage im Loch gesessen. Das Herz hatte es mir vorgeschrieben, und ehe ich dem widerspreche, ehe ich etwas mit angesehen habe, was es mir als Unrecht bezeichnete, da würde ich mich lieber haben hängen lassen, ehe ich untätig dabei geblieben wäre.«

»Und nun, Koch,« schloß der aufgeregte Seemann, dessen Augen wunderbar blitzten, und ließ sich wieder auf seine Seekiste fallen, »du hast noch heißes Wasser in der Kombüse und du, Willy, geh' einmal in meine Kabine. Hinter meiner Kiste stehen ein paar Buttels, bringe die mit dem roten Lack, das ist der beste. Den Abend wollen wir wenigstens mit einem Glase steifen Grog beschließen.«

»Da trinke ich mit,« schallte eine helle Stimme im Türrahmen und »Hannes!« riefen alle achtzehn Mann, und ebensoviele Hände streckten sich dem Eintretenden entgegen.

»Was ist der Junge in den paar Wochen fett geworden,« lachte einer der Matrosen. »Sprichst du auch noch deutsch, oder hast du es bei den Engländern verlernt?«

»Das ist recht, Hannes,« sagte der Bootsmann und zog ihn neben sich auf die Seekiste, »daß du uns wieder aufsuchst. Frisch genug siehst du aus, das muß man den Engländern lassen, gute Kost scheint es auf dem ›Amor‹ zu geben. Sind überhaupt ganz brave Kerls diese Engländer, gar keine solchen Stadtherren, die nicht wissen, was achtern und vorn im Schiffe ist, und das Gangspill für ein Karussell ansehen. Aber nicht wahr, Hannes, du gibst dich doch nicht etwa zum Diener her? Lieber würde ich dir die Knochen entzweischlagen, als daß ich bei einem so fixen Jungen, wie du bist, so etwas dulde.«

»I Gott bewahre,« lachte Hannes, »im Gegenteil, mein Herr bedient mich. Aber nein, ich will nicht übertreiben, wir sind wie Brüder zusammen, und er ist wirklich der bravste Kerl, der unter der Sonne lebt, dieser Charles. Manchmal nennen wir uns Sie, manchmal du, je nachdem wir gerade bei Laune sind, und im übrigen heißt es bei uns: was mein ist, ist auch dein.«

»Du hast ja aber nichts, Junge,« lachte der Koch.

»Kann ich denn etwas dafür?« rief Hannes entrüstet. »Aber nun, Maate, muß ich euch sagen, warum ich hergekommen bin. Th–«

Doch er kam noch lange nicht dazu, mit seiner Angelegenheit herauszurücken.

»Hannes, wie ist es ...« Hannes, was machst du ...« Hannes, wo ist der ...« erklang es von allen Seiten, und da der bedrängte Hannes immer Antwort geben mußte, so vergingen noch zehn Minuten, dann kam der Koch mit dem Grog, und diesem mußte Hannes wieder Rede stehen, bis er sich schließlich energisch freimachte und, nach der Uhr sehend, auf eine Kiste sprang.

»Kreuz Pech,« rief abermals ein Matrose, ohne auf die Winke des oben Stehenden, ihn anzuhören, zu achten, »hat der Junge eine goldene Uhr. Wo hast du denn die her, Hannes?«

»Von meinem Herrn, weil ich einem seiner Freunde, einem Herzog, beim Deckscheuern einen Eimer voll Wasser über den Kopf gegossen habe, natürlich aus Versehen, als der Kerl gerade auf der Bank saß und Verse machte,« sagte Hannes stolz, »aber nun um Gottes willen, laßt mich doch einmal zu Worte kommen, ich habe ja keine Zeit mehr.«

Endlich war die Neugier der Matrosen befriedigt, und sie lauschten aufmerksam dem Vortrag, den der ehemalige Leichtmatrose, der Liebling aller, das Universalgenie der ›Kalliope‹, wie der Bootsmann öfters gesagt hatte, von der Kiste herunter hielt.

Hannes hatte entschieden Talent zum Volksredner.

Ebenso, wie er früher die Mannschaft bei Windesstille, wenn das Schiff träge auf der See schwamm und keine Bedienung nötig hatte, dadurch unterhielt, daß er alle die Pantomimen, Kouplets und Tänze wiedergab, die er in den Singspielhallen des letzten Hafens gehört und gesehen, so verstand er es ausgezeichnet, seine Zuhörer zu begeistern.

Bald dämpfte er seine Stimme zu einem Flüstern herab, bald donnerte er das Publikum an, einmal nahm sein Gesicht einen wehmütigen Ausdruck an, dann wieder blitzten die blauen Augen auf, dabei schlenkerte er mit Armen und Beinen wild um sich her; und die Zurufe, die ihn unterbrachen:

»Ist es möglich, der arme Kerl, so ein – Lump,« und so weiter, dazu ab und zu ein grimmiger Fluch, bewiesen, daß seine Rede ihren Eindruck nicht verfehlte.

»Na also,« schloß Hannes endlich, »ich brauche euch unbedingt, und ich nehme an, daß ihr bereit seid, den Kerlen ordentlich auf die Finger zu klopfen, wenn sie nicht artig sein sollten. Es ist jetzt elf Uhr, um zwölf sollen wir dort sein, eine halbe Stunde haben wir noch Zeit.«

»Hm,« meinte der Bootsmann vorsichtig, »du bist zwar ein schlauer, gewiefter Bursche, Hannes, kein Grünfink mehr, aber du kannst dich auch einmal täuschen. Weißt du bestimmt, daß der Mann dir nichts vorgeflunkert hat?«

»Unsinn,« rief Hannes erregt, »das ist ein Prachtkerl, eine ehrlichere Haut kann es gar nicht gehen. Und dann verkehrt er ja mit meinem Kapitän, das ist ein Lord, wie mit meinem Bruder, holt sich dessen beste Zigarren selbst aus dem Schranke und steckt sich beim Abschied noch ein halbes Dutzend in die Tasche.«

»Was für ein Landsmann ist er denn?«

»Er nennt sich Amerikaner, aber ich glaub's ihm nicht, er spricht das Deutsche wie Wasser, auch platt, wie nur ein Matrose. Und Fäuste hat der Kerl, trotz seiner zierlichen Gestalt. Ich sage euch, mir tun jetzt noch die Knochen weh, als er mich angefaßt hatte, obgleich ich doch auch nicht gerade von Kuchen bin. Aber Bootsmann, erst sprecht Ihr vorhin von Jugendmut und Gott weiß wovon sonst, und jetzt wollt Ihr mit einem Male nicht.«

»Donner und Doria,« schrie aber der Bootsmann, »ja, ich will, das Alter macht nur vorsichtig. Der Teufel soll die Kerls holen, wenn sie ihn nicht freigeben wollen. Solche Halunken, einen Menschen einzusperren, der gar nichts verbrochen hat! Verflucht, wenn wir das zulassen! Jungens, seht nach euren Messern, ob sie locker in der Scheide sitzen, wir werden es wahrscheinlich mit gelbhäutigem Gesindel zu tun haben. Doch erst gebt es ihnen mit den Fäusten, aber ordentlich!«

»Stop, stop,« lachte der Koch, »erst müßt Ihr den Steuermann fragen, ob Ihr an Land gehen dürft.«

»Der sagt nicht nein,« antwortete der Bootsmann, »der ginge am liebsten selbst mit. Und wenn er nein sagt, so spreche ich mit Hannes, dann gehen wir einfach so.«

»Hurra!« schrie Hannes und machte auf seiner Kiste einen Luftsprung, »Hurra, Jungens, glücken tut's auf jeden Fall und dann gibt's morgen abend ein Fest in Pollacks Tanzlokal, daß der Boden einbricht und die Wände umfallen. Jeden, den ihr leiden mögt, könnt ihr dazu einladen, möglichst viele, die Zöpfe im Genick hängen haben; das ganze Haus gehört uns, von oben bis unten, und was drin ist. Maate, das wird ein Fest, wovon sich die Bürger von Townville noch nach Jahrhunderten mit Ehrfurcht erzählen werden, wie die deutschen Seeleute der ›Kalliope‹ die Diele durchgetanzt haben. Prosit, es lebe Back- und Steuerbord.«

»Wäre gar nicht nötig,« brummte der Bootsmann, aber sein schmunzelndes Gesicht bewies, daß er der Einladung gar zu gern folgte.

Nur der Koch blieb von der Deckmannschaft zurück, alle anderen stiegen in die drei Boote, dieselben stießen vom Schiffe ab und verschwanden bald in der Finsternis.

Nicklas Sharp war nicht nur ein geschickter Detektiv mit scharfem Blick, er war auch ein Menschenkenner durch und durch.

Er hatte die Kunst, jemanden nach längerem oder kürzerem Verkehr zu beurteilen, zu durchschauen, zu einer förmlichen Wissenschaft ausgebildet, er beobachtete jeden, mit dem er zusammentraf, den er nur sah, auf das genaueste, studierte ihn, und wie überall Uebung den Meister macht, so auch hier.

Keine Handlung, kein Blick, nicht die geringste Bewegung entging dem Detektiven, wenn er den Charakter eines Menschen ergründen wollte, und schon nach der ersten halben Stunde konnte er sagen, was er von ihm zu halten habe.

Nicklas Sharp war Detektiv mit Leib und Seele, die Gabe hierzu war ihm angeboren, und so kam es, daß er sich ein System zurechtgelegt hatte, nach dem er die Menschen klassifizierte; eigneten sie sich zum Detektiven, nannte er sie brauchbar, eigneten sie sich nicht dazu, so nannte er sie unbrauchbare, unnütze Menschen.

Alle Charaktere der auf der ›Vesta‹ befindlichen Damen hatte er studiert; ohne es je gesehen zu haben, wußte er doch bestimmt, wie sie sich bei einzelnen Gelegenheiten verhalten würden, und dasselbe galt von den Herren des ›Amor‹. Von ersteren galten ihm Miß Thomson und Staunton brauchbar, von letzteren nur Sir Williams.

Das Wort ›brauchbar‹ hatte noch eine andere Bedeutung, als nur einen Unterschied zu bezeichnen.

Sharp besaß eine Leidenschaft für alle Menschen, die er brauchbar fand, sie zu Detektivdiensten und womöglich für seine eigenen Interessen zu benutzen; er wußte schon im voraus, ob sie seinen Plänen geneigt waren oder nicht. Waren sie es nicht, so richtete er es so ein, daß sie dennoch, ohne daß sie es wußten, in seinen Unternehmungen eine Rolle spielen mußten. Ob sie dies hinterher merkten oder nicht, das war ihm gleichgültig, wenn nur der Erfolg ein guter gewesen war.

Gar zu gern hätte er sich einige der Damen und Herren für seine Zwecke erzogen, diese, alle reich und unabhängig, kamen in der Welt herum, alle Mittel standen ihnen zu Gebote, und unter ihrem Schutze war man sicherer, als wenn die Polizei einen bewacht, dachte Sharp; aber die Sache hatte einen Haken. Sie alle waren aus vornehmen Familien und würden sich nie zu so etwas hergegeben haben, denn Sharp wußte wohl, daß, wenn die Beschäftigung eines Detektiven auch nicht gerade verachtet, doch ein solcher nicht gern gesehen wird, weil jeder glaubt, er wolle ihn beobachten.

Daß Hannes der Diener von Williams werden sollte, hatte Sharp vielleicht eher geahnt, als Hannes selbst. Er sah, mit welchem Wohlgefallen Williams den Leichtmatrosen beobachtete, sah sie zusammen an Bord der ›Kalliope‹ fahren, und sein Schluß war fertig. Nun studierte er den neuen Diener, immer nur aus der Ferne, und zu seiner unaussprechlichen Freude erkannte er in dem Burschen ein Genie, das zum Detektiven wie geschaffen war.

»Das ist ein Werkzeug für mich,« dachte er, »der muß mein werden. Der Junge ist witzig, energisch und etwas unverschämt, alles Eigenschaften, die ein Detektiv besitzen muß. Er gehört mir mit Leib und Seele, mag er wollen oder nicht. Er kann an Bord des ›Amor‹ bleiben, muß es sogar, aber alle seine Handlungen stehen von jetzt ab unter meinem Befehle.«

Wie wir gesehen haben, war Hannes nur zu gern bereit, dem Detektiven zu folgen.

Sharp hatte bereits den Ort ausspioniert, wo der Sträfling gefangen gehalten wurde, ferner, daß er nächste Nacht nach einem im Hafen liegenden Passagierschiff gebracht werden sollte, welches nach Sydney fuhr, und daß er unterwegs, oder in dieser Stadt entweder verschwinden oder doch für immer unschädlich gemacht werden sollte, war klar.

Man mußte ihn auf jeden Fall bekommen, ehe er auf das Schiff transportiert wurde. Aber wie?

Hätte er das Haus, worin sich Snatcher befand, mit Gewalt gestürmt, so wäre die Polizei, eine dem Detektiven verhaßte Einrichtung, dazwischengekommen und hätte sich des Befreiten wieder bemächtigt, und das zu verhüten, hatte sich eben der Detektiv in den Kopf gesetzt.

Auf alle Fälle brauchte er bei seinen Operationen einige verwegene, kräftige Leute, die hinter ihm standen, denn natürlich hauste hier eine ganze Bande, unter dem Befehle von irgend jemandem stehend, und die ließ sich ihr Opfer nicht so ohne weiteres aus den Zähnen reißen.

Die englischen Herren konnte er nicht gebrauchen, die mußten vielleicht schon morgen früh hinter der ›Vesta‹ herfahren, davon ließen sie sich doch nicht abbringen. Da fiel ihm die Besatzung der ›Kalliope‹ ein, das waren ehrliche, handfeste Kerle, gerade so, wie er sie haben wollte, und Hannes war ja gut Freund mit ihnen, also mußte der junge Bursche zum ersten Male benützt werden, und zwar dazu, diese zu überreden, bei dem Unternehmen mitzuwirken.

Er brauchte Hannes noch nicht, morgen war ja erst der bestimmte Tag, aber wer weiß, ob dann die ›Vesta‹ noch im Hafen lag, und da er überdies mit Lord Harrlington sprechen mußte, nahm er ihn schon jetzt von Bord, quartierte ihn in seinem Hotel ein, instruierte ihn und schickte ihn dann am Abend des anderen Tages nach der ›Kalliope‹ ab.

Während sich die Szene auf der ›Kalliope‹ abspielte, schlich sich der Detektiv, als ein einfacher Hafenarbeiter gekleidet, um ein kleines Haus, das etwas abseits von der Stadt, aber immer noch am Quai lag, nur etwa zehn Meter vom Steindamm des Hafens entfernt. Hinten schloß sich ein Gärtchen an dasselbe, in der Mitte Blumenbeete enthaltend, an der Seite aber mit dichten Büschen besetzt.

In diesen versteckt, hatte der Detektiv gestern abend gesehen, wie Snatcher, von zwei Männern begleitet, in das Haus getreten war. Der eigentliche Eingang befand sich vorn; sie aber waren durch den Garten gegangen, und deutlich hatte Sharp erkennen können, daß das Gesicht des Sträflings, welcher den grauen Leinwandanzug bereits mit einem anderen vertauscht hatte, wohl Spuren von Besorgnis zeigte, aber im ganzen eine freudige Erregung verriet.

Die Männer hatten ihm gesagt, sie wären von Lord Harrlington abgeschickt worden, sie brächten ihm einen Anzug mit, und redeten so freundlich mit ihm, daß er ihren Worten vollkommen Glauben schenkte.

Wieder, wie gestern abend, hob der Detektiv eine Latte aus dem Staket, kroch durch die so entstandene Lücke in die Büsche und legte sich auf den Boden, der kommenden Dinge harrend.

Es war ein Zufall, daß er sich, als er Snatcher von der Brücke abholen gesehen hatte, sofort hierher gewendet hatte. Dieses Haus, obgleich er noch nie vorher in Townville gewesen, war ihm doch als ein solches bekannt, in dem sich rätselhafte Dinge zutrugen; es mußte allerlei Geheimnisse bergen. Sollte Snatcher versteckt werden, so konnte es in keinem anderen Hause geschehen als hier, dachte Sharp, und er hatte sich nicht getäuscht.

Aber wo? Im Keller? Lächerlich. Unter den Männern, welche den Sträfling hierhergebracht, hatte Sharp einen erkannt, der ihm an Schlauheit fast glich, seinen Todfeind. Einst war er gleich ihm Detektiv gewesen, ebenso bekannt wie er, gleich gewandt im Maskieren, gleich energisch, gleich begabt; aber er hatte sich einst bestechen lassen, die Sache war ruchbar geworden, er hatte sich der Justiz entzogen, und der einstige Detektiv war zum Verbrecher geworden. Sie waren früher einmal gezwungen worden, zusammen zu arbeiten, damals schon hatte sein Nebenbuhler, der die größeren Fähigkeiten bei Sharp erkannte, angefangen, diesen zu hassen, und dann, als Sharp ihm zufällig eine Prämie wegschnappte, eine hohe Summe, die auf einen wegen Unterschlagung verfolgten Kassierer gesetzt war, da hatte sich sein Haß in Todfeindschaft verwandelt.

Seit Tannert die Verbrecherlaufbahn beschritten, hatten sich ihre Wege nicht mehr gekreuzt. Früher hatte Sharp ihn gemieden, denn er war im ganzen genommen ein gutmütiger Mann, der mit seinen Kollegen möglichst in Frieden leben wollte, Brotneid gab es bei ihm überhaupt nicht.

Aber jetzt! Das war etwas anderes. Tannert stand im Dienste des Meisters, war wahrscheinlich hierher berufen worden, um die Verfolgung Ellens aufzunehmen, so glaubte Sharp wenigstens – er wußte in dieser Sache schon sehr guten Bescheid und hatte jetzt vorläufig die Aufgabe bekommen, den Snatcher unschädlich zu machen.

Gegen Tannert als Verbrecher mußte Sharp den Kampf aufnehmen, unerbittlich, einer von ihnen mußte das Feld räumen. Die Aufgabe war nicht leicht, denn, wie gesagt, Tannert war dem Detektiven fast gewachsen, aber, je länger Sharp sich alles dieses überlegte, destomehr freute er sich darauf, sich mit diesem Feinde zu messen.

Du oder ich, dachte Sharp, die Folge wird zeigen, wer dem anderen überlegen ist.

Der Detektiv erwartete bestimmt, daß Snatcher noch diese Nacht auf den Passagierdampfer gebracht würde, der morgen früh nach Sydney fuhr, aber, da er dann das falsche Spiel merken würde, welches mit ihm getrieben, so würde er ohne allen Zweifel auf irgend eine geheimnisvolle Weise an Bord befördert werden, und dies wollte Sharp ausspionieren und den Sträfling dann befreien, mit List oder Gewalt.

Jetzt war es halb zwölf Uhr, in einer halben Stunde sollte Hannes mit den Matrosen der ›Kalliope‹ dort hinten am Waldrand sein.

Plötzlich legte der Detektiv sein Ohr dicht an den Boden, fast war es ihm, als hätte er unter sich ein Geräusch gehört.

»Ein Keller,« murmelte er, »es sind Schritte.«

In der Tat vernahm er jetzt unter sich Schritte, es entging dem scharfen Ohr des Detektiven nicht, daß sie sich vom Hause entfernten, und zwar konnte er lange den dumpfen Schall hören, also mußte der Keller sehr groß sein.

Da raschelte es außerhalb des Zaunes im Laube, es versuchte jemand, sich dem Garten zu nähern, und Sharp krümmte sich wie ein zum Sprung bereites Raubtier zusammen; er hatte eine Gestalt erkannt, die auf Händen und Füßen dem Garten zukroch.

Im nächsten Augenblicke aber lag er dicht am Zaun.

»Hannes,« flüsterte er, »was treibt dich Unglücksmensch hierher?«

»Ich mußte,« klang es zurück, »da, wo wir liegen, dringt ein seltsames Geräusch aus der Erde, gerade, als wenn gehämmert würde.«

»Wo liegt ihr?«

»Wohl hundert Meter von hier entfernt.«

»Seit wann hört ihr es?«

»Ungefähr seit fünf Minuten. Erst glaubten wir, es sei ein Fuchsbau, und die Tiere machten ein sonderbares Geräusch, aber dann vernahm ich ganz deutlich, wie ein Schritt unten erklang, der Lärm hörte auf, und als es dann wieder einsetzte, wußte ich, was es war: Es wird gehämmert, gerade, als, wenn der Böttcher Reifen um ein Faß legt.«

»Gut, mein Junge, daß du zu mir gekommen bist,« flüsterte der Detektiv, »jetzt krieche hier herein und gib Achtung, wenn jemand aus der Tür kommt. Passiert dir etwas, so brauchst du nur einen Pfiff auszustoßen, und ich bin bei dir.«

Als Hannes durch den Zaun geschlüpft war und neben dem Detektiven lag, kroch dieser aus dem Garten und schlich dahin, wo sich die Matrosen der Kalliope versteckt hielten, um sich von dem Vorhandensein des unterirdischen Geräusches selbst zu überzeugen.

9.

Wahrheit und Dichtung

Ellen blickte starr auf das Billet, welches sie eben an einer Schlinge von dem unten liegenden Boot heraufgezogen hatte.

»Ueber Mister Flexan, meinen Stiefvater?« murmelte sie. »Ein Sträfling und Enthüllungen? Ich danke Ihnen, Sir Williams,« rief sie dann hinab, »ich werde Lord Harrlingtons Aufforderung Folge leisten.«

Sie verständigte sich mit dem Kapitän des Dampfers, welcher die ›Vesta‹ schleppte, ließ das Stahltau abwerfen und die Anker fallen. Die ›Vesta‹ lag draußen vor dem Hafen auf der Rhede, und als die Damen verwundert fragten, warum Ellen ihre Absicht, in See zu gehen, aufgegeben hatte, erklärte sie, Lord Harrlington sei wegen Verdachtes, einen Sträfling befreit zu haben, verhaftet worden.

»Es wäre unrecht,« sagte sie, »wenn wir abfahren würden. Die Herren haben sich unserer bei jeder Gelegenheit angenommen, und jetzt, da es ihnen nicht möglich ist, Townville zu verlassen, solange Lord Harrlingtons Sache nicht geregelt ist, wollen wir einmal galant sein und auf sie warten. Ich hoffe, die Damen sind damit einverstanden.«

Natürlich war dies der Fall.

Noch ehe die ›Vesta‹ am Morgen die Anker gelichtet hatte, war eine Post eingetroffen und hatte für manche der Damen Briefe gebracht. Sie hatten kaum Zeit gehabt, sie flüchtig zu lesen, so rief sie Ellens Bootsmannspfeife an Deck, um an dem Ankerhiven teilzunehmen.

Jetzt begaben sie sich wieder in ihre Kabine, um die empfangenen Briefe noch einmal und mit mehr Muße zu lesen.

Auch Miß Staunton saß im Zwischendeck in ihrer Kabine, deren Einrichtung ebenso wie die der anderen Damen bequem und elegant war. Das Gemach war nicht so klein, wie man sie gewöhnlich auf Schiffen vorfindet, die ›Vesta‹ war ja ein großes Vollschiff und hatte nur die wenige Besatzung und deren notwendige Bedürfnisse zu tragen, sie gestattete ein Auf- und Abwandern ihrer Bewohner, was in den Kabinen anderer Schiffe eine Unmöglichkeit, oder doch ein mit Gefahren verknüpftes Unternehmen ist, denn man stößt sich alle Augenblicke an hervorspringenden Decksbalken, Wandrammen und Klammern.

An der Seite der Bordwand, in welcher das kleine, runde Fenster mit starkem Glase, um den Wasserdruck aufgeregter Wellen aushalten zu können, angebracht war, stand ein bequemes Sofa und neben diesem der Schreibtisch, über welchem die Schiffslampe hing.

Die Lampen, welche auf Schiffen gebraucht werden, sind von ganz eigentümlicher Konstruktion. Eine gewöhnliche Lampe würde bei hoher See, wenn das Schiff stark stampft und schlingert, gar nicht zu verwenden sein, selbst, wenn sie auf dem Tisch festgeschraubt wäre. Durch die Bewegung schlägt die Flamme fortwährend gegen den Zylinder, bringt diesen zum Springen und raucht stark. Würde man sie an einem Draht aufhängen, so erzielte man auch nicht die geringste Ruhe der Lampe, denn sie folgt jetzt zwar nicht mehr der Bewegung des Schiffes, macht aber Pendelschwingungen.

Deshalb hängen die Schiffslampen in zwei Ringen, von denen der eine nach vorn und hinten, der andere nach den Seiten hin beweglich ist, und die Lampe selbst ist an ihrem unteren Teil stark beschwert. Das Schiff mag noch so sehr schlingern, es kann sich ganz auf die Seite legen – die Lampe behält immer eine vertikale Lage, die Flamme schlägt nie an den Zylinder.

Eine ebensolche Vorrichtung besaßen die Betten der ›Vesta‹. Auch sie standen nicht fest, sondern hingen in beweglichen Achsen und folgten so nicht der Bewegung des Schiffes, das Meer mochte noch so sehr wüten und toben, das Schiff mochte noch so schaukeln, die Schläferin wurde nicht geschaukelt, wohl aber mußte sie sich mit auf- und abbewegen.

Der Erfinder dieser Betteinrichtung glaubte damit ein Mittel gegen die Seekrankheit entdeckt zu haben, aber er hatte sich getäuscht. Die Seekrankheit entsteht nicht durch Schlingern, das heißt durch die Hin- und Herbewegung des Schiffes, sondern durch sein Stampfen, das heißt, durch das Hoch- und Niedergehen desselben, welche Bewegung nicht aufgehoben werden kann.

Der Reisende, welcher sich zum ersten Male an Bord eines Passagierdampfers befindet, wird sich anfangs höchlichst wundern, wenn er sich mit der Einrichtung, zum Beispiel eines Salons, beschäftigt. Will er einen Sessel, der ihm im Wege steht, fortrücken, so bemerkt er zu seinem Erstaunen, daß er am Boden festgeschraubt ist, will er das Tintenfaß auf den Tisch näher zu sich heranschieben, so macht er den Versuch ebenfalls vergeblich. Jeder Gegenstand, den er nur sieht, ist befestigt, oder hat doch einen Platz, wo er sich nicht bewegen kann, wie zum Beispiel jeder einzelne Teller, jede Flasche, jedes Glas. Kommt das Schiff auf die hohe See und beginnt zu schlingern, so sieht der Reisende bald ein, wie nötig dies alles ist, und er muß sich erst nach und nach abgewöhnen, einen Gegenstand ohne weiteres aus der Hand auf den Tisch zu legen, will er nicht unzählige Male das Gelächter der seefesten Passagiere erregen.

Der Eßtisch ist vollständig mit großen und kleinen Fächern bedeckt, aus Leisten hergestellt, welche zum Festhalten der Teller, Gläser und so weiter dienen. Trotzdem aber ist man bei den Mahlzeiten immer noch Gefahren ausgesetzt. Man schenkt sich das Glas voll, das Schiff holt nach der Seite über, und das eben noch volle Glas ist fast leer, und die Suppe läuft über den Rand des Tellers.

Es vergeht einige Zeit, ehe man sich daran gewöhnt hat, seinen Hunger gestillt zu haben, ohne die ganze Speisekarte auf seinem Anzug zu zeigen.

Doch wieder zurück zu Miß Stauntons Kabine!

Auch hier waren natürlich alle Vorkehrungen getroffen, um allen diesen Uebelständen möglichst abzuhelfen und der Bewohnerin den Aufenthalt bequem zu machen. Die Einrichtung unterschied sich durch nichts von jenen der anderen Damen, derselbe Schreibtisch, dasselbe Bett und so weiter, nur hatte Hope Staunton ihre Kabine mit eigenem Geschmack weiter dekoriert.

Man glaubte sich beim Eintritt in das Kabinet eines Naturalien- oder Antiquitätenhändlers versetzt.

Das ganze Gemach war mit ausgestopften Tieren verziert, von der Decke herab hing an zwei Stricken ein Krokodil, an den Wänden standen auf Brettchen ausgestopfte Affen, Vögel und so weiter, um einen Baum wand sich eine Schlange, dazwischen waren Lanzen mit gezackten Spitzen, Bogen, Pfeile angebracht, kurz, die Kabine machte nicht den Eindrucks des Zimmers eines jungen Mädchens, sondern eher den eines Museums, und diesen Namen hatte Hopens Kabine wirklich von den Vestalinnen bekommen.

Zwar sammelten auch die anderen Damen Andenken an die fremden Länder, die sie bereisten, aber doch bei weitem nicht mit einer solchen Vorliebe, wie es Hope tat. Von jedem Ausflug, von jedem Spaziergang kam sie mit Raritäten bepackt zurück, und meist mußte sie noch Leute engagieren, welche ihr die gekauften oder gefundenen Sachen an Bord trugen.

Ellen hatte schon einmal gemeint, daß, wenn diese Sammelwut nicht nachließe, die ›Vesta‹ bald mit derartigen Sachen vollgepfropft sein würde und Ballast auswerfen müßte, aber es hatte nichts genutzt. Am Nachmittage desselben Tages kamen unter Hopes Führung zehn keuchende Männer an, die auf ihren Schultern einen versteinerten Gummibaum trugen, welchen Hope im Walde gefunden. Er mußte, da er zu des Mädchens Bedauern nicht in die Kabine ging, im Ballastraum untergebracht werden.

Von all diesen Herrlichkeiten umgeben, lag Hope auf dem Sofa und las halblaut noch einmal den Brief, den sie von einer Freundin aus Amerika bekommen hatte, ab und zu sich durch Bemerkungen unterbrechend.

Sie war, die Tochter eines Plantagenbesitzers, nach New-York in eine Pension gegeben worden, und hier hatten beide Freundschaft geschlossen. Vor einigen Jahren kehrte Emmy Waible nach dem Besitztum ihres Vaters zurück, wahrend Hope in New-York zurückblieb, und sie hatten mit dem festen Vorsatz Abschied genommen, sich häufig zu schreiben. Sie hatten dies auch wirklich getan, nur war die Korrespondenz eine sehr einseitige, denn Hope Staunton, eine sehr faule Briefschreiberin, ließ oft zwei und drei Briefe ankommen, ehe sie ihrer Freundin antwortete, und während dieser Reise hatte sie überhaupt noch keine Zeit gefunden, einen Brief zu schreiben.

Darüber beklagte sich die Freundin.

»›Nicht ein einziges Mal hast Du es der Mühe wert gefunden‹, las Hope, ›mir ein Lebenszeichen von Dir zukommen zu lassen, und doch weißt Du, welche Teilnahme ich für Dein Schicksal hege. Die Sympathie, welche uns in der Pension zusammenführte, beherrscht mich auch jetzt noch vollkommen; ma foi, dieselbe über den Tod erhabene Freundschaft, welche uns mit ehernen Ketten aneinander fesselte, erfüllt auch jetzt noch mein Herz mit glühender Begeisterung, so oft es sich Deiner erinnert, und certainement, kein Tag vergeht, an dem ich nicht mit tränenden Augen Dein Bildnis betrachte.‹

»Na, na,« unterbrach sich Hope, »wir haben uns einigemal tüchtig in den Haaren gelegen.«

Dann fuhr sie im Lesen fort:

»› C'est pour rire, nicht wahr, ma chère, aber mon Dieu, was kann ich für meine zart beanlagte Seele? Weißt Du noch, wie ich schon damals so gern meine Gefühle in Versen aushauchte? Dieselbe Leidenschaft beherrscht mich auch jetzt noch, und ihr Gegenstand bist nun Du, my beautiful Hope.‹

»Ich entsinne mich noch recht gut, wie diese Verse gemacht wurden,« sagte die Leserin zu sich, »die Reime wurden aus einem Gedichtbuch zusammengesucht, und dann ging es los: ›reime dich, oder ich fresse dich.‹ Einmal hatte Emmy allerdings wirklich ein sehr schönes Gedicht gemacht, dann habe ich es aber später einmal irgendwo in einem alten Buch gedruckt gefunden. Und was will sie denn nur mit den französischen Ausdrücken? Im Französischen hatte sie immer die Fünf. Ich war zwar auch nicht viel besser, aber ich prahle doch nicht so mit meinen französischen Kenntnissen, etwas schwatzen kann natürlich jeder davon, der Tag und Nacht von den französischen Gouvernanten gejagt worden ist.«

Dann kamen unzählige Fragen, zu deren Beantwortung Hope ein Buch hätte schreiben müssen, über die englischen Herren, die Vestalinnen, über die Schiffe, die verschiedenen Länder, was sie alles arbeiten müßte, und so weiter und so weiter.

»› O ciel, was seid Ihr doch für glückliche Menschen! Wohin man kommt, wohin man hört, nur von Euch wird gesprochen, in jeder Gesellschaft dreht sich das Gespräch um Euch; die Herren ziehen die Zeitungen hervor, wenn sich ihr Redetalent erschöpft hat, und fragen, ob man schon den neuesten Bericht über Euch gelesen hat. Es ist scandaleus, c'est vrai, wie wir Damen jetzt behandelt werden. Kennst Du George Chalmers, der sich schon in New-York, als er das Kolleg besuchte, immer so um meine Gunst bemühte und drohte, wenn ich auf der Straße seinen Gruß nicht beachtete, Mönch zu werden? Er ist ein entzückender Mensch geworden ...‹

»Das alte Teegesicht,« lachte Hope,.»ich konnte den Kerl mit den wässerigen Augen niemals ausstehen. Er war so eine Art von poetischem Frömmler.«

»› ... auch er, das Ehrenmitglied zahlreicher pietistischer Gesellschaften, ein von Gott begnadeter Ausleger der heiligen Schrift, dessen Geist schon jetzt, losgelöst von dieser erbärmlichen Erde, sich nur mit dem Himmel beschäftigt, auch er schwur neulich bei allem – fi donc, ich kann den Ausdruck nicht wiederholen – für einen Tag auf der ›Vesta‹ würde er seine Seligkeit opfern. Nun, chacun a son goût, ich würde dies zwar nicht tun, nur daran zu denken, ist horrible, aber certainement, es muß himmlisch sein, frei wie der Vogel in der Luft, wie der König der Lüfte die Welt zu durchstiegen, mit eigener Kraft gegen die Elemente zu kämpfen und den furchtbarsten Gefahren kühn in das Auge zu sehen. Ich glaube es Dir gern, wenn Du so oben auf der Stange sitzest und bei aufgehender Sonne ...‹

»Stange, Stange,« murmelte Hope, »wenn ich auf der Stange sitze? Ach so, die meint wahrscheinlich die Raa.«

»›... und bei aufgehender Sonne hinausblickst auf das unendliche Meer, das im Scheine der Morgenröte blutig erglänzt – ach, was für erhabene Gedanken mögen da Dein poesievolles Herz bewegen, wie magst Du sehnsuchtsvoll die Arme ausstrecken nach jener Ferne, wo Himmel und Erde sich mit goldenem Kuß berühren ...‹

»Wenn ich mich nicht an der ›Stange‹ festhalte, dann falle ich ja herunter,« lachte die übermütige Hope.

»›... was sind dagegen jene Stunden gewesen, wenn wir uns nachts zusammen aus dem Fenster lehnten, dem Vollmond unsere Seufzer zusandten und dazu Schokolade aßen?‹

»Ich habe niemals geseufzt,« rief Hope entrüstet, »aber destomehr Schokolade gegessen.«

In diesem Tone ging es noch ein paar Seiten fort, bald ›himmelhoch jauchzend‹, bald ›zum Tode betrübt‹, dem lesenden Mädchen bald ein mutwilliges Lachen, bald einen ärgerlichen Ausruf entlockend, und als der Brief endlich geschlossen hatte mit:

»Deine Dich bis in den Tod treuliebende Freundin

Emmy.«

folgte diesem noch das unvermeidliche:

»P.S. O ciel!

Bald hätte ich vergessen, Grüße an alle die Damen zu bestellen, von denen die meisten ja auch meine Freundinnen gewesen sind. Grüße, bitte, vor allen Dingen Miß Petersen herzlich von mir und unbekannterweise Miß Johanna Lind, welche sich meine Sympathie schon vorher zu erwerben gewußt hat.

D. O.«

Aber nicht genug damit, es folgte noch eine Nachschrift.

»P.P.S. Ma chère Hope, wie steht es mit Deinem kleinen Herzen? Schlägt es noch immer so ruhig, wie in der Pension, wo Du als Männerfeindin galtest? Ein Vögelchen hat mir etwas in die Ohren gezwitschert, was mich aufjauchzen ließ. Ist es wahr, daß Marquis Chaushilm ...? Und mein eigenes? Ach, wie ist es doch so traurig, daß sich auf Herz – Schmerz reimt.«

»Gott sei Dank,« seufzte Hope, »daß der Brief alle ist, es folgt kein P.P.P.S. mehr, aber nur weil kein Platz dazu vorhanden ist, unten nicht, oben nicht, auch an den Rändern – alles ist vollgeschmiert. Emmy ist doch noch ganz genau dasselbe – Gänschen hätte ich beinahe gesagt, geblieben, das es schon früher gewesen ist. Das zwitschernde Vögelchen wird wohl George Chalmers gewesen sein, der fromme Jüngling mit dem Vollmondgesicht. Dann möchte ich ihm die himmelnden Augen auskratzen.«

Sie stand auf und setzte sich an den Schreibtisch.

»Es hilft nichts; ich muß ihr wieder schreiben, wer weiß, ob ich je wieder eine so passende Zeit, wie jetzt, dazu finde. Du lieber Gott, was ist doch das Briefschreiben für ein saures Geschäft! Aber ein Schreiben will ich aufsetzen, das sich gewaschen hat, wie Hannes sagt; ich will der einmal zeigen, was für ein Unterschied ist zwischen einer dummen, albernen Gesellschaftsdame, geschminkt und geputzt, und zwischen einem Seemann – oder einem Seemädchen, wie Hannes mich immer nennt. Herr Gott, will ich es der aber einmal stecken!«

Hope legte sich den Briefbogen zurecht und tauchte die Feder in die Tinte, aber aller Anfang ist schwer und der eines Briefes am allerschwersten.

Sinnend blickte sie in der Kabine umher, zählte die Zähne in dem geöffneten Rachen des Krokodils, die Windungen der Schlange, aber alles half ihr nicht, den Anfang des Briefes zu finden. Da, als sie die Augen wieder auf den Briefbogen zurücklenkte, war doch schon ein Anfang gemacht worden.

»O weh,« rief sie erschreckt, »ein Klecks! Da muß ich einen anderen Bogen ... Aber nein, gerade nicht, Hannes hat mir einmal einen Brief von einem Kameraden gezeigt, auf dem waren mehr Kleckse, als Buchstaben. Das ist seemännisch, sagte er damals, wir sind keine Schreibhelden. Der Klecks bleibt darauf, und wenn er auch noch zwanzig Gesellschafter erhält.«

Sie schaute aus dem Fensterchen, durch welches die goldenen Sonnenstrahlen in die Kabine fielen. Der Hafen von Townville war so freundlich, die Schiffe lagen in träger Ruhe, kein Boot durchschnitt bei dieser heißen Stunde, es war gerade Mittagszeit, das spiegelglatte Wasser, und die Flaggen hingen unbewegt an den Fahnenstangen herunter.

Immer mehr nahm das Gesicht des jungen Mädchens einen lachenden Ausdruck an.

»Jetzt habe ich es,« rief Hope plötzlich, »so wird es gemacht. Das Lügen ist zwar eine Sünde, aber – etwas Flunkern ist erlaubt, sagt Hannes. Emmy kann auch wie gedruckt lügen, und nun will ich ihr einmal etwas vorlügen, daß sie schwarz wird. Gott, was für ein köstlicher Gedanke – ist gar nicht mit Gold zu bezahlen! So, nun eine recht alte Feder genommen und recht derb aufgedrückt, ja nicht etwa, wie gewöhnlich, gekritzelt. Es muß aussehen, als hätte ein alter Seebär den Brief geschrieben.«

Noch einen Blick warf sie hinaus in die sonnige Landschaft, auf die freundlichen Häuser von Townville und begann dann:

»Auf hoher See, den ....

Meine liebe Freundin!

»Ein furchtbarer Sturm tobt schon seit Tagen, und gerade jetzt schlimmer als je, himmelhohe Wellen drohen unser Schiff zu verschlingen, schäumender Gischt spritzt bis an die Spitzen der Masten empor und durchnäßt uns, schwarze Wolken verhüllen die Sonne und machen den Tag zur finsteren Nacht, jeder Augenblick kann für die stolze ›Vesta‹ verderblich werden; ihre Planken zittern unter dem mächtigen Anprall der Wellen. Doch dies Bild möge Dir genügen; die allgewaltige See in ihrer entfesselten Wildheit vermag kein Wort, keine Feder, kein Pinsel zu schildern, um wieviel weniger ich, eine so prosaische, wahrheitsliebende Person, wie Ihr mich immer nanntet.

»Ich bin heute erster Steuermann und komme eben von der Kommandobrücke, wo ich vier schwere Stunden verbracht habe. Schwere? Doch nein, es waren schöne! Wir, Miß Petersen und ich, hatten uns gegenseitig an dem Geländer der Brücke festgebunden, die doppelten Stricke genügten fast nicht, uns vor dem Losreißen zu schützen, mit solch ungeheurer Gewalt stürzten die schäumenden Wogen über uns hinweg, uns fast ertränkend und uns den Boden unter den Füßen raubend. Aber dennoch, wie ist es dort so schön! Es ist ein furchtbar großartiger Gedanke, wenn man sich bewußt ist, daß von der Schärfe des Blickes, von der Kaltblütigkeit und Geistesgegenwart das Leben der ganzen Schiffsbesatzung abhängt, denn ich bin es, die die Ruderkommandos und die Befehle zum Segelmanöver gibt; nur ein falsches Wort von mir, und der Sturm faßt die Segel, die Masten knicken wie Strohhalme, und die stolze ›Vesta‹ ist als ein Wrack dem Wüten des Meeres preisgegeben, geht dem unvermeidlichen Untergang entgegen. Der Kapitän steht nur auf der Brücke, um mein Kommando zu billigen und mir ab und zu einen Wink zu geben.

»Trotzdem ich alle meine Aufmerksamkeit auf die Ferne konzentrierte, um ein nahendes Schiff zu erspähen, welches das unsrige rammen könnte, trotzdem ich fortwährend die Segel und den Kompaß beobachtete, hatte ich doch noch Zeit, mich mit Dir, meine liebe Emmy, zu beschäftigen. Vor zwei Tagen bekam ich Deinen Brief in Townville, und seitdem verfolgt mich Dein Bild Tag und Nacht, im Wachen und im Träumen.

»Kaum bin ich vom zweiten Steuermann, Miß Thomson abgelöst worden, so eile ich in meine Kabine, wechsle meinen triefenden Anzug und setze mich an den Schreibtisch, um Dir, meine angebetete Emmy, zu antworten.«

»O weh,« unterbrach sie sich, »ich komme schon wieder ins Kritzeln. Immer fest aufdrücken, daß die Tinte durchs Papier geht. Bei Hannes' Brief war es auch so.«

Wieder warf sie einen Blick durch das Fensterchen, einen anderen ließ sie über die Gegenstände in der Kabine schweifen und fuhr dann fort:

»Kaum kann ich mich in meinem Sessel halten; mit aller Gewalt muß ich mich gegen den Tisch stemmen, um nicht zu Boden geschleudert zu werden – mit so entsetzlicher Heftigkeit schlingert das Schiff, legt sich bald auf die Seite, daß die Wogen fast die Fenster eindrücken, schießt dann wieder mit kolossaler Geschwindigkeit in die Tiefe, und hängt im nächsten Augenblick hoch oben auf dem Kamme der höchsten Welle. Alle Gegenstände in meiner Kabine hüpfen und springen, als wären sie lebendig –«

»Donnerwetter, schon wieder ein Klecks,« rief sie ärgerlich.

»– selbst das Tintenfaß kann seinen Inhalt nicht mehr halten, mit unwiderstehlicher Gewalt wird die Tinte umhergeschleudert, wie Du hier an den Klecksen erkennen kannst.

»Liebe Emmy, verzeihe mir, wenn ich offen bin. Offenheit ist eine Tugend, die dem Seemann angeboren ist, und ist sie es nicht, so bemächtigt sie sich seiner, sobald er längere Zeit auf der See fährt. Das wilde Meer, der Kampf mit den Elementen entfernt alle Heuchelei und Falschheit aus seinem Herzen, macht es der Lüge unzugänglich, und darum nimm auch mir die Wahrheit nicht übel, wenn ich zu Dir spreche: ›Ich bin nicht mehr die, die ich früher war, meine Ansichten sind andere geworden, während die Deinigen noch ganz dieselben sind, welche in der Pension Dein Herz gefangen hielten.‹

»Du hast recht, wenn du über die entschwundene Jugend klagst. Ach, Jugendzeit, goldene Zeit! Wo bist du hin? So kann wohl ich ausrufen, die ich mir jetzt mein Brot mit harter Arbeit verdienen muß – meine Hände legen davon Zeugnis ab – und die täglich den ungeheuerlichsten Gefahren trotzt, von deren Kommandoruf das Leben aller ihrer Freundinnen abhängt. Aber. Du? Du fliegst noch immer von Vergnügen zu Vergnügen, wie Du mir selbst geschrieben hast, Du tanzest durch das Leben hin, und erwachst Du des Morgens übernächtig und abgespannt, so ist es ganz natürlich, wenn Du nicht heiter, sondern melancholisch gestimmt bist. Und überdies, ich finde es doch etwas übertrieben, wenn Du Dich mir gegenüber als einen Charakter bezeichnest, der durch höheres Alter eine reifere Lebensanschauung besitzt. Du bist jetzt gerade siebzehn Jahre zwei Monate und zwanzig Tage alt, das ist eine Differenz von nur drei Wochen. Ich könnte dies eher von mir behaupten, denn Reisen bringt Erfahrung, wie Du selbst zugeben mußt, und nun gar solche Reisen, wie die unseren. Ein jeder neue Tag bringt mich mehr zur Einsicht, wie läppisch ich bisher mein Leben vertrödelt habe, mit welchen unnützen Sachen ich bisher die Zeit vergeudet habe. Was ist alle Bildung, die man aus Büchern schöpft, gegen die, welche man selbst sammelt! Wirklich, teuerste Freundin, unsere Ansichten sind jetzt so weit von einander entfernt, wie Ost von West, vieles, was Du mir geschrieben, verstehe ich nicht mehr, und das, was mein Inneres leitet, würde Dir unerklärlich bleiben. Was Dir gefällt, bereitet mir keine Freude mehr, und woran ich teilnehme, würde Dich vollständig kalt lassen.

»So widmest Du eine Seite Deines acht Seiten langen Briefes der Beschreibung eines Kissens, welches Du zur Zeit stickst. Du sprichst von Rundstickerei, Plattstickerei, Kreuzstickerei und so weiter, und aus Deiner Anweisung, wie oft man drüber, drunter oder kreuzstechen soll, nehme ich an, Du willst mich auffordern, auch eine solche Arbeit anzufangen.

»Du lieber Himmel, als hätte ich Zeit, mich mit solchen weiblichen Beschäftigungen abzugeben.

»Schon in der Pension habe ich alle diese Handarbeiten bis zum Tode gehaßt, und nicht nur sie, sondern auch das alte Fräulein, welches sie uns lehrte – Du weißt doch noch, wie ich einst der Photographie von Miß Lionard die Augen ausgestochen habe, weil sie mir den ganzen Strumpf wieder aufgetrennt hatte – und jetzt sind mir sogar alle Begriffe und Bezeichnungen derartiger Sachen entfallen. Nein, meine Hände könnten nicht mehr die Strick- oder Sticknadel halten, das Auge würde sich beim Anblick einer Stickerei, wie vom Schmerz gepeinigt, schließen. Dagegen fühle ich eine wunderbare Kraft in meinem Arm, ich könnte gegen die ganze Welt kämpfen, und hoffentlich bietet sich mir noch recht oft Gelegenheit, sie austoben zu lassen. Wie wir die Mädchenhändler mit der Waffe in der Hand gezwungen haben, ihre Opfer herauszugeben, wie wir einen Aufstand in Indien niedergeworfen, Seeräuber gefangen, und Mann gegen Mann mit den Eingeborenen und gegen Buschrähndscher gekämpft haben, so werden wir auch noch weiter das amerikanische Sternenbanner zu Sieg und Ruhm tragen. Jetzt zum Beispiel fahren wir nach dem malayischen Archipel, auf dem bekanntlich schon seit vielen Jahren der unerbittlich geführte Krieg zwischen den Holländern und Atchinesen wütet, gegen deren Fanatismus alle Kriegskunst der Europäer ohnmächtig ist, bis jetzt wenigstens, denn ich bin fest überzeugt, durch unsere Ankunft dort wird die Entscheidung schnell herbeigeführt werden. Mit der furchtbar energischen Ellen an der Spitze treiben wir die ganze Welt zu Paaren, um wieviel mehr die nur mit Pfeil und Bogen bewaffneten Eingeborenen, wenn ihre Pfeile auch vergiftet sind. Im Vertrauen muß ich Dir aber sagen, daß ich allerdings lieber auf der Seite der Atchinesen fechten würde, und auch Hannes –«

Hope strich das Wort Hannes aus.

»– und auch andere sind meiner Ansicht.«

Die Schiffsglocke wurde an Deck geläutet, Hope blickte auf, und ein freudiges Lächeln huschte über ihr Gesicht, es war das schönste Kommando, das ihren Ohren am lieblichsten klang, das Zeichen, daß sich die Damen im Salon zum gemeinschaftlichen Mittagessen versammeln sollten. Ihre Züge nahmen plötzlich einen schalkhaften Ausdruck an, dann aber wurde sie wieder ernst, und ehe sie der Einladung folgte, warf sie noch mit flüchtiger Schrift auf das Papier hin:

»Um Gottes willen, Emmy, die Schiffsglocke gellt in den entsetzlichsten Tönen, sie ruft alles an Deck; der Sturm wütet eben jetzt furchtbar, es muß ein Unglück passiert sein. Wolle es der Himmel, daß ich diesen Brief fortsetzen kann –«

Sie warf lachend die Feder hin und begab sich zum Essen.

Als sie nach einer halben Stunde wieder hereinkam, machte sie ein sehr freundliches Gesicht, sie mußte mit der Kochkunst der beiden Vestalinnen, welche heute die Küche zu besorgen hatten, sehr zufrieden gewesen sein.

»So,« sagte sie und setzte sich wieder an den Schreibtisch, »nun kann es weitergehen, aber nun schnell, damit ich endlich mit dieser elenden Geschichte fertig werde.«

»Gott sei Dank, Emmy, alles ist glücklich abgelaufen! – Eine halbe Stunde mußten wir zwar mit Aufbietung aller Kräfte arbeiten, aber die Gefahr, welche uns Tod und Vernichtung bringen konnte, haben wir doch abgewandt.«

»Jetzt werde ich mich revanchieren für das Stickmuster, mit welchem sie mich gelangweilt hat,« sagte Hope und fuhr fort:

»In der Tat, die Gefahr, welche uns drohte, war nicht gering. Das Gitau, an dem das Bramsegel des Großmastes läuft, hatte sich aus dem Bugring geschoren – wahrscheinlich hatten sich die Scheren gelöst – und waren gegen die Braß des Focksegels geflogen, welches als Sturmsegel stand. Dort hatte es sich verunklart, die Fockbraß spannte sich beim Schlingern stark an, und die Folge war, daß dieses Gitau das Bramsegel des Großmastes herunterriß. Natürlich, wie Du Dir leicht vorstellen kannst, wurde es sofort vom Sturme erfaßt, und es mußte unbedingt geborgen werden, sollte der Großmast, der schon wie ein Rohr hin- und herschwankte, nicht über Bord gehen. Wir alle stürzten uns mit aller Macht auf das Gitau, fünfmal spottete es aller unserer Anstrengung, das entfesselte Segel konnte nicht gebändigt werden, aber beim sechsten Male ließ der Kapitän gleichzeitig aus dem Wind drehen, und wir wurden des wild um sich schlagenden Segels Meister. Aber wir waren aus dem Wind, und Du weißt vielleicht, was das beim Sturm zu bedeuten hat. Der Wind legte sich sofort in den stehenden Außenklüver, und ehe wir noch das Segel befestigt hatten, geschah ein furchtbarer Knall –«

»Das war der Pfropfen meiner Bierflasche,« lachte Hope.

»– und der Außenklüver war zu Atomen zerstäubt, wir aber drehten natürlich von selbst wieder in den Wind – und waren gerettet. Aber diese Arbeit jetzt an Deck! Krampfhaft mußten wir uns festhalten, um nicht hin- und hergeworfen zu werden, und dabei das Wasser, Himmel, wie uns das fort und fort übergoß!

»Doch nun zu etwas anderem. Du batest mich, Dir die Herren zu schildern, welche du schon von New-York aus kennst; wie sie sich an Bord des ›Amor‹ benehmen und wie sie sich uns gegenüber verhalten. Darüber ist nicht viel zu sagen. Es sind alles sehr liebenswürdige Männer, treu wie Gold, auf die man sich im Falle der Not, wie auf Felsen, verlassen kann. Gegen uns Damen sind sie immer zuvorkommend und sehr höflich, Hannes meint zwar manchmal, die Sache wäre etwas brenzlig –«

»Halt, das kann ich nicht schreiben, das Salondämchen würde es anders auslegen und übertreiben.«

Sie strich den letzten Satz so dick aus, daß er unleserlich ward, und schrieb weiter:

»– und sehr höflich. Im ganzen ist unser Verkehr mit ihnen zwar ein freundlicher, aber doch wieder zurückhaltender, und wenn Dir ein Vögelchen gezwitschert hat, ich hätte mit Marquis Chaushilm einen intimeren Umgang, so ist es ein ganz und gar verlogener Vogel gewesen. Ebenso wie Ellen, bin ich gerade diejenige, welche mit den Herren am allerwenigsten verkehrt; wie schon früher, so bin ich auch jetzt noch eine ausgesprochene Männerfeindin. Heiraten? Nie! Meine Pläne sind ganz andere, viel erhabener, als für die Ewigkeit an einen Mann gebunden zu sein, der mich nach Willkür tyrannisieren kann. Mit Ellen rufe ich aus: Was berechtigt die Männer dazu, in der Welt eine herrschende Stellung einzunehmen, und nicht das Weib? Sind wir nicht mit denselben Fähigkeiten ausgestattet? Uebertreffen unsere geistigen Kräfte nicht oft genug die ihrigen, ebenso wie auch häufig die körperlichen, wenn sie mit Mut und Energie gepaart sind? Wir aber wollen der Welt den Beweis geben, daß wir ihnen ebenbürtig sind, wir wollen das Vorurteil brechen, welches über den Frauen hängt, und ich ganz besonders werde nicht eher ruhen, als bis wir von den Männern als ebenbürtig anerkannt werden. Weg mit aller weiblichen Schwäche! Rücksicht, Mitleid und so weiter, das ist alles leeres Geschwätz, es ist nur etwas Eingebildetes. Ich ganz besonders werde der Welt einst noch zeigen, was ein Weib leisten kann. Nach dieser Reise mache ich mein Kapitänsexamen und fahre als selbständiger Kapitän auf Kauffahrteischiffen, oder ich trete als Kadett bei der amerikanischen Marine ein und werde es in kürzester Zeit bis zu den höchsten Offiziersstellen bringen. Meinen Bruder will ich bald eingeholt haben. Du lächelst? Schon in nächster Zeit werde ich vielleicht –«

Die Vesta verlassen und als richtiger Matrose auf ein Segelschiff gehen; wollte Hope zu Papier bringen, aber sie unterließ dies und schrieb:

»– mit meinem Bruder, dem Korvettenkapitän, zusammentreffen – er ist jetzt in China – und mit ihm ernstlich darüber sprechen.«

»Nun muß ich aber schließen,« sagte Hope zu sich, »ich bekomme schon den Schreibkrampf. Es hat sich etwas Wind erhoben, und ich werde einen Ausflug im Segelboot unternehmen, das ist viel lustiger, als hier still zu sitzen. Hannes hat versprochen, mir zu zeigen, wie man ohne Klüversegel mit dem Winde wenden kann, anstatt immer gegen den Wind, ohne dabei umzukippen, und das muß ich noch lernen; gesehen habe ich es bis jetzt noch nie. Will ihm also signalisieren, ob er mitkommt. Schluß!«

»Doch nun lebe wohl, liebe Emmy, ich muß eiligst schließen. Eben hat der Sturm etwas nachgelassen, und ich sehe durch mein Fensterchen einen Fischkutter, der bald dicht an uns vorbeisegeln wird. Ich könnte diesen Brief erst in Java aufgeben, so aber ist mir Gelegenheit geboten, ihn Dir schon jetzt zu übermitteln. Der Kutter fährt dem Festlande zu, jedenfalls sogar nach Townville, ich stecke den Brief also in eine Flasche, verkorke sie gut und werfe sie dem Kutter zu.

»Hoffentlich erreicht die Flasche sein Deck, dann liefern die Fischer den Brief richtig ab, es sind alles ehrliche Männer, die Seeleute; fällt sie aber ins Meer, so muß man es dem Schicksal überlassen, ob sie einmal von jemandem aufgefischt wird. Dann können vielleicht Jahre vergehen, ehe der Brief in Deinen Besitz kommt. Also nochmals, liebe Emmy, lebe herzlich wohl, laß es Dir recht gut gehen und gedenke in Freundschaft

Deiner Dich liebenden Hope Staunton

zur Zeit erster Steuermann.«

»Das ist zuletzt eine schöne Kratzelei geworden,« sagte Hope und schleuderte tief aufatmend den Halter von sich.

Ohne den Brief noch einmal durchzulesen, faltete sie ihn zusammen.

»Ach Gott,« rief sie plötzlich aus. »Emmys Gedicht habe ich ja ganz vergessen, da wollte ich ihr ja noch einen ordentlichen Hieb versetzen. Aber ich wollte ihr auch keine Nachschrift machen, weil wir Frauen immer damit aufgezogen werden. Man sagt, wir könnten keinen Brief ohne Postskriptum schreiben. Fatal, aber es hilft nichts! Dieser Brief soll der letzte sein, der ein solches bekommt. Ich werde es aber auch ganz klein schreiben.«

Fast unleserlich kritzelte sie unten darunter:

»P.S. Apropos, liebe Emmy, dein Gedicht, ›Am Grabe meines Freundes‹ ist wunderschön, fast hätte es mich zu Tränen gerührt, wenn ich nicht dem Weinen abgesagt hätte. Wunderbar ist es, wie oft große Geister einen und denselben Gedanken haben können, dieselben Ideen, dieselben Ansichten, ja, sogar dieselben Worte. Da haben wir in unserer Bibliothek einen alten, schon ganz vergessenen englischen Dichter, sehr geistvoll, aber nicht mehr gelesen, und zufällig habe ich in ihm ein Gedicht gefunden, betitelt, ›Am Grabe meines Hundes‹, und sonderbar, fast Vers für Vers gebraucht er denselben Reim wie du; aber nicht nur das, sondern auch einzelne Worte sind dieselben, Ausdrucksweisen, Bilder und so weiter. Ist es nicht sonderbar? Sollte er schon eine Vorahnung von deinem Gedicht gehabt haben?

»Warte, Emmy,« lachte Hope, »hättest du gewußt, daß ich dein selbstgemachtes Gedicht der Miß Thomson zeigte, die in der englischen Literatur ebenso zu Hause ist, wie ich es in den Liebesbriefen unserer französischen Gouvernante war, du würdest es mir auch nicht zugeschickt haben. Köstlich, wie Emmy dieses Gedicht umgearbeitet hat.«

Sie steckte den Brief in den Umschlag.

»O weh, ich habe ja ganz vergessen, ihre Eltern zu grüßen,« sagte Hope ärgerlich, »was mache ich denn nun? Noch eine Nachschrift; aber wahrhaftig, es soll das letzte Mal sein, in meinem ganzen Leben nie wieder.«

»P.P.S. Grüße deine Eltern herzlichst von mir, auch deine kleine Schwester! Ihr seid ja durch die Zeitung genauer darüber orientiert, was wir treiben, so brauche ich also nicht ausführlich zu schreiben. Und solltest du zufällig einmal Mister George Chalmers sehen, so richte auch an ihn Empfehlungen aus, natürlich nur, triffst du einmal gelegentlich mit ihm zusammen, zu schreiben brauchst du ihm deswegen nicht.«

»Die Sache ist brenzlig, würde Hannes sagen,« meinte Hope, als sie den Brief schloß. »Gott, was sind das doch für Gänschen!«

Sie schrieb die Adresse, klebte eine Briefmarke auf den Brief und rollte ihn zusammen, sodaß es den Anschein bekam, als hätte sie ihn wirklich in eine Flasche gesteckt. Dann begab sie sich an Bord und lieferte ihn einem Bootsführer aus, der in der Nähe der ›Vesta‹ lag.

Darauf ging sie an den Flaggenkasten, schlug in einen Wimpel zwei Knoten und hißte dieses Zeichen bis an die Spitze des Kreuzmastes, dabei den ›Amor‹ beobachtend. Eine Viertelstunde wartete sie ungeduldig, endlich aber war sie davon überzeugt, daß Hannes nicht an Bord des ›Amor‹ war, ließ das Signal herunter und begab sich in den Salon zu ihren Freundinnen.

10.

Die geheimnisvolle Werkstatt.

An der Südwestküste von Afrika erstreckt sich meilenweit eine öde, sandige Landzunge ins Meer hinein, eine Bucht bildend, die Walfischbai. Früher hatten einmal die Holländer versucht, auf dieser Landzunge Faktoreien zu errichten, in denen die in jenen Gegenden überaus zahlreichen, aber mageren Rinder geschlachtet, das Fleisch eingesalzen oder zu Extrakt verarbeitet werden sollte. Aber das Unternehmen ist eingegangen, weil es sich nicht rentierte oder vielmehr, weil die mit der Aufsicht betrauten Beamten einen zu großen Aufwand getrieben, und erst vor einigen Jahren haben Großindustrielle die Sache wieder ins Leben gerufen, die Faktoreien aber mehr ins Innere des Landes verlegt, nach dem Städtchen Windhoek zu. Noch jetzt kann man auf der Landzunge die tief im Sande vergrabenen Ueberreste von Maschinenteilen erkennen, die natürlich vollkommen unbrauchbar geworden sind.

Nordwestlich von der Walfischbai, etwa 1400 Seemeilen entfernt, liegt St. Helena, das Inselchen, auf welchem einst Napoleon I. die letzten Jahre seines Lebens verbrachte, aber wohl niemals passiert es, daß ein Schiff dort vorüberkommt.

Sollte aber dennoch einmal ein Kapitän diese Strecke direkt steuern, so würde er gerade auf der Hälfte des Weges zwischen der Walfischbai und St. Helena auf ein Felseneiland stoßen, bei dessen Anblick er sofort weiß, daß es seinen Ursprung entweder einer vulkanischen Bewegung des Meeresbodens verdankt oder das Ueberbleibsel eines von Eruptionen zerstörten, einst mächtigen Gebirges ist.

Gigantisch strecken die Felszacken ihre Häupter zum Himmel empor, wildzerrissene Klüfte, Höhlen, Schluchten zeigen sich dem Auge des Vorbeisegelnden, keine Anfahrt, keinen Eingang bietet das Eiland, alles rings umher himmelanstrebende Felsen, welche wie drohende Riesen das Innere der Insel zu bewachen scheinen.

Fortwährend wütet die Brandung des gewaltigen Ozeans gegen die Steinmauern und hat im Laufe von Jahrtausenden ungeheure Höhlen hineingewühlt, in denen es, wie in einem kochenden Kessel, zischt und dampft; der weiße Schaum wird emporgeschleudert, zerstiebt an der Decke der Höhle, fällt wieder zurück, und schaut gerade die Sonne diesem Spiele zu, so schillert alles in Regenbogenfarben.

Trotzdem ist das Innere der Insel, ein mit dem Spiegel des Meeres fast gleichliegendes Felsplateau, nicht immer unbewohnt gewesen.

Tausende und Abertausende von Möven und anderen Seevögeln fristeten im sicheren Schutze des Steinwalles ein beschauliches Dasein, führten von hier aus ihre Raubzüge gegen die Fische aus und sorgten für zahlreiche Nachkommenschaft.

Da eines Tages wurde ihr Frieden vernichtet.

Ein kleiner Dampfer näherte sich der Insel und fuhr rings um sie herum.

Auf der Kommandobrücke stand ein hoher Mann mit langem, blonden Vollbart und musterte fortgesetzt die Felsen, als suche er einen Platz, an welchem er sein Schiff verankern könnte. Aber die Möven stießen ein heiseres Lachen aus – sie wußten es besser, daß ein solcher nicht existierte. Der Kapitän hätte geradezu wagen müssen, in eine Höhle zu steuern, von denen einige allerdings groß genug gewesen wären, um selbst das stattlichste Segelschiff aufzunehmen.

»Wir sind am Ziel, Herr Anders,« sagte der Mann mit dem Vollbart zu einem neben ihm auf der Kommandobrücke stehenden Herrn, »nur diese Insel kann es sein, von welcher mir erzählt worden ist. Die nächste Messung wird beweisen, ob die Angabe des Negers wahr gewesen ist oder nicht.«

Der große Mann visierte mit der Peilung des Kompasses, das heißt mit dem Einschnitt der sich in dem Kompaßgehäuse befindet, nach den Gipfeln der Felsen, ließ dann das Schiff langsam drehen, während der andere Herr die Nadel aufmerksam betrachtete.

»Halt!« rief letzterer plötzlich.

»Stimmt,« antwortete gleichzeitig der hohe Mann, »diese Felszacke liegt gerade über einer Höhle und im Winkel von 36 Grad darüber die zweite Zacke. Also sie soll den einzigen Zugang zur Insel bilden. Nun wir werden sehen.«

Es wurden zwei Boote ausgesetzt, in welche verschiedene seltsame Geräte gepackt wurden, aber wunderbarerweise keine Ruder.

Der Mann mit dem Vollbart war unterdes in das Zwischendeck gegangen, und zehn Minuten später trat aus derselben Luke, durch welche er verschwunden war, eine merkwürdige Erscheinung heraus. Es war unbedingt ein Mensch, aber statt des Kopfes war auf den Schultern, ein großer Glasballon, der ganze Körper war in einen engen, wahrscheinlich gummiartigen Anzug gekleidet, welcher sogar die Hände bedeckte, und an den Fußsohlen waren schwere Bleiplatten befestigt – kurz, ein Mann im Taucherkostüm, nur bemerkte man nicht jenen Schlauch, durch welchem dem Arbeiter auf dem Meeresboden die zum Atmen nötige Luft zugeführt wird. Ebenso war kein Seil zu bemerken, durch welches der Taucher mit den an der Oberfläche Bleibenden sich verständigen kann.

Dagegen trug dieser Taucher auf seinem Rücken eine Art von Ranzen, von dem aus zwei Schläuche nach der Hinterseite des Kopfes und zwei mit Seide umsponnene Drähte nach einer Lampe führten, welche am Gürtel befestigt war. Derselbe war noch mit einigen Apparaten und Instrumenten von bekannter Konstruktion ausgerüstet.

Durch den Glasballon konnte man das Gesicht des Mannes erkennen, es war das des Vollbärtigen.

Trotz der Bleisohlen, deren jede wohl ein Gewicht von einem halben Zentner hatte, bewegte er sich doch mit einer Leichtigkeit über Deck, als beträte er mit Ballschuhen den Parkettfußboden, stieg ebenso sicher über die Bordwand und an dem Fallreep hinunter in das Boot, welches schon den mit Anders angeredeten Herrn trug.

Der Taucher winkte mit der Hand, und sofort setzten sich beide Boote in Bewegung, nach einer sehr kleinen Höhle zu, in welcher die Brandung fortwährend schäumte und spritzte, aber sonderbar, die Boote waren weder mit einer Maschine, noch mit Riemen versehen, und doch fuhren sie wie Pfeile durchs Wasser.

Eine einfache Bewegung mit einem am Heck befindlichen Hebel – und sie schossen davon, wieder die entgegengesetzte – und sie standen still, ohne auch nur in der erstgefahrenen Richtung weiterzuschießen.

Dicht vor der Höhlung befestigte Anders das Ende eines Kupferdrahtes, welches um eine drehbare Rolle gewickelt war, an dem Ranzen des Tauchers, das andere an eine Art von Telegraphendraht, dann gab der Taucher noch ein Zeichen, drückte einigemale auf einen Knopf am Gürtel, der Apparat klapperte, funktionierte also, und dann war der Mann mit einem Sprunge über Bord, im Wasser, den Augen der Zurückbleibenden entschwunden. Nur kleine, aufsteigende Bläschen, von der verbrauchten Luft herrührend, bezeichneten den Weg, welchen der Taucher in die Höhle nahm.

Unausgesetzt betrachtete Anders den Telegraphenapparat, und als nach einer Viertelstunde noch kein Zeichen auf demselben kam, nahm das intelligente Gesicht des jungen, seemännisch gekleideten Mannes einen besorgten Ausdruck an.

Er berührte die Taste und telegraphierte einige Worte, welche durch den Draht laufen und so dem Taucher zukommen mußten, der einen ähnlichen Apparat trug, an dem er die gegebenen Zeichen ablesen konnte, und in der nächsten Sekunde konnte Anders auf dem Papierstreifen die in Morsezeichen, der Schrift der Telegraphisten, gegebenen Worte lesen:

»Es führen mehrere Gänge ab, zweimal keinen Ausweg gefunden!«

Wieder verging wohl eine Viertelstunde, als plötzlich die auf dem Dampfer zurückgelassenen Matrosen nach den Booten riefen und dann nach den Felsspitzen zeigten.

Ueber denselben schwebten mit einem Male eine ungeheure Menge von Möven, ängstlich flatterten sie hin und her und wagten nicht mehr, sich niederzulassen.

Sie mußten durch etwas aufgescheucht worden sein.

»Gott sei Dank,« rief Anders mit freudigem Tone, »das waghalsige Stückchen ist ihm gelungen, er hat den Durchgang gefunden!«

Da hob und senkte sich auch schon der Hebel des Apparates, der junge Mann las auf dem Streifen die Worte:

»Bin am Land, es ist ein Plateau.«

Unterdessen hatten sich in dem zweiten Boote einige Leute gleichfalls Taucherkostüme angelegt, auch sie verschwanden unter der Oberfläche des Wassers, und verschiedene Gegenstände, Fässer, Kisten, alle mit Bleistücken beschwert, folgten ihnen nach.

Kaum war dies geschehen, so konnte man ein seltsames Geräusch wahrnehmen, fast war es, als fände unter Wasser eine lebhafte Arbeit statt, die Felswände ertönten, ab und zu quoll eine große Blase nach der Oberfläche empor, es hämmerte, pochte und bohrte.

Erst nach einigen Stunden kamen die Taucher wieder nach den Booten zurück, völlig erschöpft von ihrer Arbeit, und wurden sofort von anderen abgelöst. Die Nacht machte dieser Tätigkeit ein Ende. Die Boote fuhren wieder nach dem Schiff, dieses selbst aber blieb in der Nähe der Insel verankert.

Auf diese Weise verging ein Tag nach dem anderen, fortwährend verschwanden Taucher, mit Werkzeugen ausgerüstet, unter Wasser, andere kamen wie große Fische wieder nach oben, ununterbrochen fand eine Verständigung zwischen dem Apparat, den der junge Mann bediente, und zwischen jemandem im Wasser statt, dann wieder entfernten sich einmal die Boote eiligst, alle Taucher mitnehmend, und kaum hatten sie einen einigermaßen sicheren Abstand zwischen sich und der Insel, so geschah ein furchtbarer Knall, es war, als ob ein unterseeisches Erdbeben stattfände, himmelhoch spritzte das Wasser empor, die Felsspitzen erbebten, die steinernen Wände zitterten – dann trat wieder eine vollkommene Stille ein, keiner der Zuschauer wagte ein Wort zu sprechen, bis der vollbärtige Mann, tief aufatmend, sagte:

»Es ist geglückt, die Felswand hat die Explosion ausgehalten – die Einfahrt ist offen.«

––

Kehren wir ein halbes Jahr später nach derselben Insel zurück!

Noch ragte sie ebenso einsam aus dem Ozean empor, noch verriet nichts, daß irgendwo ein Eingang zu ihr war, aber da, wo früher nur Seevögel gehaust hatten, war jetzt ein reges Leben von Menschen zu finden.

Fast glaubte man sich in einen Steinbruch versetzt, überall wurden die Spitzhacke und der Meißel geschwungen, aber diese leisteten nur die Vorarbeiten, denn alle Stunden rief die Pfeife des zurückgebliebenen, jungen Mannes – der erste Taucher hatte die Insel mit dem Dampfer bald wieder verlassen – die Leute nach einem sicheren Ort zusammen; – und dann ertönte stets ein heftiger Knall, und jedesmal ward in der Felswand eine neue Oeffnung sichtbar, die entweder zu einer Art von Kammer erweitert wurde. und offen blieb oder aber auch bald wieder zugemauert wurde.

Aber nicht nur in den Wänden, selbst in dem steinernen Boden wurde gehackt und gewühlt, Minen entstanden, keiner, als vielleicht der diesen Bau Leitende, wußte, wohin sie führten, und keine Unterbrechung fand in der Arbeit statt.

Wenn sich die eine Hälfte der Leute des Abends bei Sonnenuntergang todmüde in der Felsenkammer auf ihren Lagern zur Ruhe legte, so traten schon andere an ihre Stelle, und plötzlich wurde, wie durch Zauberei, die ganze Insel von hellem Licht übergossen. Keiner der Arbeiter konnte sich über Dunkelheit beklagen, in jedem Winkel flammte ein Lämpchen auf, jede Höhle war wie vom Tageslicht erleuchtet, und auf den Felsenspitzen warfen riesige Laternen ein intensives Licht über das Ganze.

Das Wunderbarste aber war das Betragen der Arbeiter.

Wohl war ihre Arbeit eine äußerst anstrengende, wohl schien es oft, als wollten sie unter deren Last kraftlos zusammenbrechen, und dennoch entschlüpfte kein Laut des Unwillens ihren Lippen.

Ein kärgliches Frühstück, ein einfaches Mittagessen, ein noch sparsameres Abendbrot, das war alles, was sie am Tage erhielten, dann sanken sie ermattet auf ihr hartes Lager hin, welches eher für einen Sträfling, als für einen um Lohn angeworbenen Arbeiter gepaßt hätte.

Waren diese Leute etwa Sträflinge?

Fast hätte man es glauben können, denn ihre Lebensweise war eine solche.

Aber nichts dergleichen! Ruhig verrichteten sie ihre Arbeit, immer willig, ohne Seufzen, und außerdem gab es hier gar keine Aufseher. Anders war der einzige, welcher die Leute anstellte; unermüdlich war er auf seinem Posten, stand bei einer Sprengung selbst auf dem gefährlichsten Platze, in der Nacht genügte ein leiser Ruf, um ihn aus dem Schlafe zu wecken, und wiederum genügte nur ein kleiner Wink von ihm, um die Leute in ihrer Arbeit anzustellen und anzuspornen.

Waren denn diese Arbeiter alle bezaubert, daß sie so willenlos folgten, wie gezähmte Tiere den Blicken ihres Bändigers?

Eines Tages näherte sich rasch ein großes Vollschiff der Insel.

Mit vollen Segeln kam es darauf zu, strich dann mit einem Male die Leinwand und fuhr, als benutze es nur noch den Schwung, in eine mächtige Höhle, in welcher es spurlos verschwand.

Wütete auch am Eingang der Höhle die Brandung, im Innern derselben mußte das Wasser doch ruhig sein, und der das Schiff leitende Kapitän mußte in der Führung sehr bewandert sein, sonst hätte er nicht gewagt, sein Fahrzeug so ohne weiteres in ein dunkles Loch zu steuern.

Die Höhle hatte aber noch einen anderen Ausgang, der nach der Insel führte, eine nur schmale Spalte, aber doch groß genug, um erkennen zu lassen, daß an dieser das eben eingelaufene Schiff lag.

Sofort sprang ein Mann an Land, derselbe, welcher vor einem halben Jahre die Taucherarbeiten selbst geleitet hatte, und wurde von dem jungen Manne mit herzlichem Händedruck, aber doch respektvoll, empfangen.

»Alles in Ordnung, Anders?« fragte der vollbärtige Mann nach dem ersten Grußwechsel.

»Alles, Kapitän Hoffmann,« entgegnete der Gefragte, »die Arbeiten sind schon bedeutend weiter vorgeschritten, als Sie Ihrer Berechnung nach erwarten werden.«

»Und wie verhalten sich die Leute, sind keine Unruhen vorgekommen?« war die nächste Frage.

»Nicht die geringste, ihr Betragen war ein tadelloses. Offen gestanden, ich ging nicht ohne Besorgnis an dieses gefährliche Beginnen, aber Ihre Behauptung hat sich auch diesmal als richtig erwiesen. Es grenzt fast ans Uebernatürliche, ich kann mir trotz Ihrer Aussagen nicht alles erklären.«

Kapitän Hoffmann lächelte leicht.

»Ich bringe Ihnen noch mehr mit, alles Leute, denen etwas schwere Arbeit nicht schaden wird,« sagte er dann. »Sie haben früher ihre Freiheit sehr schlecht benutzt, und nun sollen sie einmal von ihren Kräften besseren Gebrauch machen. Ich werde Ihnen dann diejenigen bezeichnen, deren Sie sich ganz besonders annehmen können. Je mehr Schweiß sie vergießen müssen, desto besser für sie und für uns. Doch vorher zeigen Sie mir das bis jetzt ausgeführte Werk!«

Beide wanderten umher, Anders erklärte, und der Ingenieur war mit dem Gesehenen sehr zufrieden. Er sah schon auf den ersten Blick, ob alles richtig ausgeführt worden; waren doch die Zeichnungen, nach denen Anders, der junge Ingenieur, die Arbeiten leitete, seinem eigenen Kopfe entsprungen.

»So können wir denn hoffen,« sagte Hoffmann nach Schluß der Besichtigung, »nach einem Vierteljahre die Insel als Ausrüstungsmagazin des ›Blitz verwenden zu können. Schon jetzt wollen wir alle unnötigen Gegenstände ausladen und unterbringen lassen – meine mitgebrachten Leute warten schon auf die Arbeit.«

»So sind sie auch schon willfährig gemacht worden?« fragte Anders.

»Gewiß, von dem Augenblick an, da sie, von Durst gequält, um einen Trunk Wasser baten. Aber es sind gefährliche Raubtiere, mit deren Zähmung ich mich befaßt habe.«

Sie gingen nach dem Schiff zurück, und auf einen Wink des Kapitäns begannen Leute, welche sich an Bord des ›Blitz‹ befunden hatten, mit dem Ausladen.

Der erste, welcher über eine schmale Planke, von Bord aus an das Land schritt, eine Kiste auf den breiten Schultern schleppend, war eine untersetzte Gestalt mit einem widrigen Gesicht, dem das Verbrecherleben manchen Stempel aufgedrückt hatte – Kapitän Blutfinger.

Ohne zu murren, trug er seine schwere Last, nur, als er an Hoffmann vorbeikam, warf er diesem einen scheuen Blick zu, gleich einem Tiger, der seinen Bändiger wohl anfallen möchte, es aber aus Furcht nicht zu tun wagt.

»Sehen Sie sich diesem gegenüber vor,« sagte Hoffmann zu Anders, dem Verbrecher einen Blick nachsendend. »Unterlassen Sie bei diesem keine Vorsicht, der Mensch scheint eine starke Natur zu haben. Seien Sie bei Verabreichung des Trankes immer selbst anwesend.«

Mann auf Mann überschritten die Laufbrücke, alle Kisten und Ballen auf Rücken oder Schulter tragend, die ganze Besatzung der ›Evangeline‹. Die Seeräuber, welche erst nur Lust an Mord und Vernichtung gefunden hatten, benahmen sich wie die Lämmer. Und Kapitän Hoffmann sorgte dafür, daß der Tod seiner fünf Matrosen gerächt wurde – wie damals deren Blut geflossen war, so rann jetzt der Schweiß in Tropfen über die Stirnen ihrer Mörder.

Der Ingenieur war im Besitz eines Mittels, welches ihm die unbändigsten Naturen zu Willen machte – kein Geheimmittel, sondern dasselbe, mit welchem sich einst die osmanischen Eroberer ihre fanatischen Anhänger erwarben, dasselbe, welches noch jetzt von den Zauberern einiger afrikanischen Stämme verwendet wird, wollen sie dienstbare Werkzeuge haben, worauf schon einige Afrikareisende hinwiesen, doch davon später mehr.

Kapitän Hoffmann blieb selbst einige Tage auf der Insel, wo es jetzt wie in einem Ameisenhaufen wimmelte, und leitete einige Arbeiten persönlich.

Als er am vierten Tage von seinem Freunde Abschied nahm, fragte dieser:

»Wann gedenken Sie zurückzukehren, um die letzte Hand ans Werk zu legen?«

»Ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen,« war die Antwort, »meine Reise führt mich jetzt erst nach Australien, wohin dann, weiß ich noch nicht. Ein Versprechen hindert mich noch, den ›Blitz‹ nach eigener Willkür zu lenken. Habe ich dies erst gelöst, dann wollen wir uns die Könige des Meeres nennen, nichts soll uns hemmen; frei wollen wir die Wogen durchstreifen, der ›Blitz‹ soll seinem Namen Ehre machen.« – –

Es war in der Nacht, als aus derselben Höhle, in welcher das Vollschiff eingelaufen war, gleich einem feurigen Ungeheuer ein mächtiger Gegenstand herausfuhr. An allen Seiten hatte das Ungetüm glühende Augen, vorn spie es ein Flammenmeer aus, und auch das Kielwasser leuchtete in unzähligen Lichtern auf.

Wie ein Blitzstrahl schoß es davon, den Blicken des von einer Felswand aus Nachschauenden bald in der Ferne entschwindend.

11.

Im unterirdischen Gang.

Wie ihm der Detektiv geheißen, lag Hannes bewegungslos in dem Gebüsch und ließ sowohl die Hintertür des Häuschens, als auch den Eingang zum Garten nicht aus dem Auge.

Es war zwar eine sehr dunkle Nacht, der Himmel war bedeckt, so daß weder der Mond, noch die Sterne die Gegend erhellen konnten, aber das Auge des Seemanns ist gewöhnt, die Dunkelheit zu durchdringen, seine Beschäftigung, welche sich weder an Tag, noch Nacht bindet, bringt dies mit sich.

Von dem Detektiven hörte Hannes ebensowenig, wie von seinen Kameraden. Aber um diese brauchte er keine Sorge zu haben, unter Nick Sharps Leitung wußte er sie sicher aufgehoben. Jedenfalls belauschten sie erst das unterirdische Treiben und würden dann schon etwas tun, um den unheimlichen Gesellen im Innern der Erde über den Hals zu kommen, und Hannes hoffte nur, daß auch er bei Ausführung desselben dabei sein könnte.

Eine halbe Stunde mochte so im Warten vergangen sein, als sich die Tür des Hauses öffnete und eine Gestalt vorsichtig heraustrat.

Hannes wäre fast in einen Ruf des Erstaunens ausgebrochen, denn dieser Mann konnte niemand anders sein, als Nick Sharp, er hatte dieselbe Größe und dieselbe Figur, und wie er jetzt, den Kopf etwas zur Seite und vornübergebeugt, lauschend dastand, hätte er darauf schwören können, den Detektiven vor sich zu sehen.

Aber wie kam dieser in das Haus? Hatte er einen unterirdischen Gang gefunden, der in dasselbe führte, oder war er durch die Vordertür in dasselbe getreten?

Hannes wußte nicht, was er tun sollte, ob er den nun langsam durch den Garten Schreitenden anrufen oder ob er still daliegen sollte, wie ihm gesagt worden.

Aber als der Mann an ihm vorbeikam, hielt er ihn so sicher für den Detektiven, daß er sich nicht enthalten konnte, ein leises ›Pst‹ zu flüstern.

Hätte er auch noch mehr sagen wollen, er wäre nicht weiter gekommen.

Schneller konnte sich die auf ihr Opfer losschießende Schlange nicht bewegen, als dieser Mann. Mit einem Sprunge stand er im Gebüsch, dicht vor dem Erschrockenen, lag im nächsten Augenblick über ihm und verhinderte den Matrosen, einen Schrei oder Pfiff auszustoßen.

Hannes war kein Schwächling, er besaß Muskeln von Stahl und scheute sich so leicht vor keinem Gegner, aber diesem Manne gegenüber war er wie ein Kind.

Ehe er daran überhaupt hatte denken können, die Finger zum Munde zu führen, um einen Pfiff auszustoßen, preßten ihm schon zwei eiserne Hände Arme und Kehle zusammen, der Kopf ward ihm mit einem Knie in den Grasboden gedrückt, so fest, daß Hannes fast erstickt wäre, und im nächsten Moment lag er gebunden und geknebelt, wie ein Stück Holz bewegungslos am Boden.

Als er auf den Rücken gedreht worden war und der Mann das Gesicht über das seinige beugte, sah er erst ein, wie sehr er sich getauscht hatte, als er in ihm den Detektiven vermutete. Er blickte in ein paar drohende Augen und finstere Züge, nur die Figur war ganz dieselbe wie die von Sharp.

»Was machst du hier?« zischte der Mann durch die Zähne, seinen Mund dicht an das Ohr des Gefesselten bringend.

Es war natürlich eine vergebliche Frage, denn das Tuch, welches Hannes in den Mund gepfropft worden war, gestattete nur ein unartikuliertes Grunzen, aber der Matrose versuchte soviel wie möglich solche Töne auszustoßen, hoffend, daß sie das Ohr des Detektivs erreichen möchten.

Durch dieselbe Spalte, welche vorher den Durchgang der beiden gestattet hatte, huschte jetzt der Unbekannte hinaus, kam aber nach einigen Minuten wieder zurück.

Jedenfalls, so glaubte Hannes wenigstens, hatte er die Umgegend abgesucht, und er hoffte nur, daß er seine Freunde nicht gefunden hatte und dadurch mißtrauisch geworden war.

Der Mann hob Hannes wie ein Kind vom Boden auf, nahm ihn in seine Arme und ging wieder vorsichtig in das Haus, schloß hinter sich die Tür und schritt eine Treppe hinunter, die in einen Keller führte, welcher sich durch nichts von dem eines anderen Hauses unterschied. Es war ein niedriges Bogengewölbe, an den Wänden kleine, vergitterte Fensterchen, so hoch gelegen, daß sie sich oben unter der Decke befanden. Also mußte der Keller ziemlich tief sein.

Hannes wurde zu Boden gelassen, der Mann nahm von dem Simse eines Pfeilers einen Haken und steckte diesen in ein Loch, welches sich wie zufällig in der Wand befand. Es sah aus, als hätte sich dort etwas Mörtel losgebröckelt, aber der junge Bursche hörte, wie der Haken auf Eisen stieß und dasselbe Geräusch von sich gab, als würde ein Schlüssel im Schloß umgedreht.

Als der Mann sah, wie Hannes ihn beobachtete, überflog ein höhnisches Grinsen sein finsteres Gesicht.

»Paß gut auf, wie's gemacht wird,« lachte er leise, »damit du es später erzählen kannst! Aber sei unbesorgt, du wirst es niemandem verraten. Darauf kannst du dich verlassen.«

Dann stemmte der Mann die Schulter gegen die Wand, und plötzlich gab diese nach, eine Tür öffnete sich, und eine dunkle Oeffnung ward sichtbar.

Wieder wurde Hannes auf die Arme genommen und durch die Spalte getragen, welche sich hinter ihnen schloß. Erst herrschte vollkommene Dunkelheit, so daß man die Hand nicht vor den Augen erkennen konnte, aber als der Mann eine kleine Blendlaterne in Brand gesetzt, sah der Leichtmatrose, daß sie sich in einem schmalen Gange befanden, eben hoch genug, daß ein Mensch darin stehen konnte. Jedenfalls war es derselbe, in dem er vorher erst das Klopfen und dann die Schritte vernommen hatte.

Völlig geräuschlos bewegte sich der Mann mit seiner Bürde, die er gar nicht zu empfinden schien, vorwärts; von diesem konnte also das erst gehörte Geräusch des Gehens nicht herrühren, bis etwa hundert Meter vor ihnen ein schwacher Lichtschimmer auftauchte, und Hannes bei dem Scheine einer anderen kleinen Laterne einen Mann erkennen konnte, der gemächlich an einem Fasse lehnte.

Trotz seiner üblen Lage hatte der immer unverzagte Leichtmatrose noch Geistesgegenwart genug, sich über das zu orientieren, was sich seinen Blicken darbot.

Gerade über dem Fasse an der Decke bemerkte er eine kreisrunde Oeffnung, welche jetzt mit einem Deckel verschlossen war. Er wurde von drei Riegeln gehalten; man brauchte diese also nur zurückzuschieben, so konnte er heruntergelassen werden, und man befand sich jedenfalls im Freien, gerade da, wo Hannes vorher mit seinen Kameraden gelegen hatte, obgleich er nichts von einem Deckel oder etwas Aehnlichem bemerkte. Aber natürlich war dieser oben mit Moos oder Graswuchs bedeckt.

Außerdem war unter dieser Oeffnung noch eine Art Winde angebracht, wahrscheinlich, um etwaige Gegenstände, wie zum Beispiel dieses Faß, nach oben ins Freie zu befördern.

»Ein richtiger Fuchsbau,« dachte Hannes, »oder auch eine Räuberhöhle. Nun, die Sache ist noch nicht so schlimm, da oben liegen ja Sharp und meine Freunde, die werden diesen Kerlen schon die Suppe versalzen. Wenn ich nur erst den verdammten Knebel los wäre, die Sache wird mir bald langweilig.«

»Wen bringen Sie denn da, Tannert?« fragte der Mann am Fasse, ohne besondere Ueberraschung zu verraten oder seine Stellung zu verändern.

»Einen Spion,« antwortete der Gefragte mürrisch. »Weiß der Teufel, wer auf unsere Spur gekommen ist und diesen naseweisen Burschen im Garten versteckt hat. Doch, wir können ihn ja selbst fragen, und wenn er nicht gesteht, dann – –«

Er brach mit dieser drohenden, nicht mißzuverstehenden Bemerkung ab, brachte den Gefesselten in eine sitzende Lage und nahm ihm den Knebel aus dem Munde.

Hannes klappte ein paarmal die Kinnladen auf und nieder, als wolle er versuchen, ob seine Kauwerkzeuge durch die grobe Behandlung zur ferneren Tätigkeit nicht unbrauchbar geworden wären.

»Nun, sprich, Bursche!« herrschte ihn der mit Tannert Angeredete barsch, aber doch mit vorsichtig gedämpfter Stimme an. »Was hattest du in unserem Garten zu suchen?«

Hannes hatte seine Fassung keinen Augenblick verloren, vielmehr sich schon längst auf diese Frage vorbereitet.

»Kennen Sie die Lucy?« fragte er im ruhigsten Tone von der Welt.

Die beiden Gefährten sahen sich verwundert an, dann aber nahm Tannert wieder mit drohender Stimme das Wort:

»Was soll das? Willst du Spott mit uns treiben? Dann laß dir gesagt sein, daß wir Mittel kennen, dir deine Alberei auszutreiben und dich zu zwingen, uns die lautere Wahrheit zu gestehen.«

»Tun Sie doch nicht so, als ob Sie die Lucy nicht kennten,« entgegnete Hannes unbesorgt, »ich weiß doch, daß sie hier wohnt. Sie selbst hat es mir ja gesagt und mich hierher bestellt. Das hätte ich ihr allerdings nicht zugetraut.«

»Was hättest du ihr nicht zugetraut?«

»Daß Lucy mich so treulos verraten würde,« fuhr Hannes mit erhobener Stimme fort und machte dazu ein ganz jämmerliches Gesicht.

»Flunkere uns nichts vor!« fuhr ihn Tannert an. »Sprich wer hat dir aufgetragen, dich hier zu verstecken?«

»Aber, was soll ich anders sagen, als was wahr ist?« jammerte Hannes und zog dabei ein furchtbar dummes Gesicht, wie nur er es konnte. »Sie hat mich auf elf Uhr hier in den Garten bestellt, und da habe ich denn auch zwei geschlagene Stunden gelegen, bis Sie mich unglücklicherweise erwischt haben.«

»Hast du denn nicht gesehen, daß ein Mann aus der Tür kam und nicht ein Mädchen?« fragte Tannert weiter.

»Wie sollte ich denn? Es war ja so dunkel, daß ich nicht einen Schritt weit sehen konnte. Sonst hätte ich doch wohl auch nicht ›Pst‹ gerufen, wenn ich nicht glaubte, es wäre Lucy.«

»Der Bursche hat recht,« lachte der andere leise, »Tannert, der Bursche beschämt mit seiner Dummheit Euren vielgerühmten Scharfsinn.«

»Wie kommst du nach Townville?« fragte Tannert.

»Ich bin an Bord der Kalliope,« log Hannes.

»Wie lerntest du Lucy kennen?«

»Gestern abend auf Pollacks Tanzlokal.«

»Und sie hat dich hierher bestellt?«

»Freilich. Sie sagte, sie wohnte im vierten Hause rechts vom Zollgebäude. Dort sollte ich um elf Uhr im Garten versteckt liegen.«

»Dieses Haus liegt aber links vom Zollgebäude.«

Mit weitaufgerissenen Augen starrte Hannes den Sprecher an.

»Donnerwetter,« rief er endlich, »dann hat sie sich entweder versprochen oder ich weiß nicht mehr, was links und rechts ist. Nun kann ich mir alles erklären.«

Bis jetzt war das Verhör in englisch geführt worden, nun aber sagte Tannert zu dem Leichtmatrosen plötzlich auf spanisch:

»Es ist gut, Bursche, wir glauben dir, du kannst gehen.«

Er beobachtete dabei scharf das Gesicht des Gefangenen, aber in dessen Zügen war keine Spur davon zu finden, daß er die freudige Botschaft verstanden hatte.

Und doch hatte Hannes verstanden. Er war der spanischen Sprache zwar nicht mächtig, aber er war doch schon öfters mit spanischen Seeleuten zusammen gefahren und hatte genügende Kenntnisse in dieser Sprache gewonnen, um sie, wenn auch nicht sprechen, so doch den Sinn eines Satzes begreifen zu können.

Aber Hannes war schlau. Er ahnte sofort, daß der plötzlich auf spanisch gesprochene Satz nur eine Falle war, und er hütete sich, sich den Anschein zu geben, als hätte er die Worte verstanden.

Daß er richtig vermutet hatte, zeigte sich sofort in dem Zwiegespräch, welches sich zwischen den beiden entspann.

»Der Bursche versteht kein spanisch, Montreuil,« sagte Tannert, »was ist Eure Meinung? Können wir seinen Aussagen trauen?«

»Ich glaube, ja, der Kerl scheint nicht gerade mit besonderen geistigen Fähigkeiten ausgestattet zu sein, sein ganzes Benehmen verrät es; er müßte denn gerade ein ausgezeichneter Schauspieler sein. Aber nun die zweite Frage: Wie entledigen wir uns seiner auf möglichst geräuschlose Art?«

»Ich dächte, ein Paar Zoll kaltes Eisen verrichteten diesen Zweck vollkommen,« lachte Tannert heiser.

Hannes mußte sich zusammennehmen, um nicht durch den Ausdruck seines Gesichtes zu verraten, daß er doch den Sinn dieser Drohung verstanden hatte. Erst neunzehn Jahre alt und schon sterben! Ja, wenn es auf dem Meere in seinem Berufe oder auch im Kampfe gewesen wäre, aber so in einem Keller abgeschlachtet werden – nein, das war nicht nach seinem Geschmack.

Hilf Himmel; jetzt wurde es aber Zeit, daß ihm der Detektiv oder die Mannschaft der ›Kalliope‹ zu Hilfe kam.

»Es ist nicht gut, wenn er hier verschwindet,« meinte der mit Montreuil Angeredete immer noch auf spanisch, »seine Kameraden würden ihn vermissen und nach ihm forschen. Vielleicht hat er ihnen gesagt, wohin er sich begibt, und sie werden dort nach ihm fragen. Allerdings liegt das Haus links vom Zollgebäude und nicht rechts, aber es ist dennoch das vierte. Leicht könnten sie dann auf die Spur kommen.«

»Dann lassen wir ihn einfach dort verschwinden,« sagte Tannert und machte eine Kopfbewegung nach rückwärts, der Tür des finsteren Ganges zu.

»Das ginge allerdings, ein paar Steine an den Füßen genügen schon. Gut, das wollen wir tun. Wir knebeln ihn wieder, und schaffen ihn mit nach vorn, das Boot kommt erst in einer halben Stunde, um das Faß – –« Ein heftiges Pochen unterbrach den Sprecher.

Beide horchten gespannt auf, und als das Pochen nicht nachließ, sondern immer lauter wurde, sahen sie sich fragend an. Auch Hannes wußte, woher dieses Geräusch rührte, am Haupttor des Hauses wurde der eiserne Klopfer bewegt.

»Was ist das?« fragte Montreuil, eine Unruhe nicht verbergen könnend. »Wer mag noch so spät in der Nacht Einlaß in dieses Haus begehren? Sollte etwa der Bursche da –«

Ein furchtbarer Blick streifte den Gefesselten.

Aber das Klopfen ließ nicht nach, es wurde nur stärker.

»Schnell nach oben,« flüsterte Tannert, »sonst zertrümmern sie uns die Tür. Unglücklicherweise habe ich im Vorzimmer Snatchers Sachen liegen lassen, und die dürfen nicht gefunden werden. Seht nach, wer klopft, ich bleibe hier.«

»Aber was soll ich sagen?«

»Sagt, Ihr wäret abgeschickt vom Eigentümer dieses Hauses, um es auf seine Bewohnbarkeiten zu inspizieren, und wäret diese Nacht hiergeblieben.«

»Wie heißt der Besitzer?«

»Cornell, nur fort, ehe sie die Tür sprengen! Es werden betrunkene Matrosen sein. Seid grob mit ihnen, das wirkt bei diesen Leuten am meisten.«

Montreuil eilte davon, Tannert und den Gefangenen zurücklassend.

Ersterer begab sich bis zur Tür des Ganges und blieb dort lauschend stehen. Die Wände waren nicht stark genug, um ihm das Gespräch entgehen zu lassen, welches zwischen seinem Gefährten, der die Haustür geöffnet hatte, und einigen draußenstehenden Leuten stattfand.

»Donner und Doria,« rief eine mächtige Baßstimme, »wenn Ihr jetzt nicht die Tür geöffnet hättet, so würde ich sie eingetreten haben. Zum Henker, was müßt Ihr für einen gesunden Schlaf haben.«

»Was fällt Euch ein, Mann,« hörte Tannert seinen Kollegen entrüstet sagen, »einen Bürger von Townville in der Nacht aus dem Schlafe zu wecken? Schert Euch fort, oder ich spreche anders mit Euch. Das ist kein Bierhaus hier.«

Er wollte die Tür zuschlagen, aber der Außenstehende, jedenfalls ein Seemann, hatte schon seinen Fuß zwischen die Spalte gesetzt.

»Oho,« lachte er, »so kurz kommt Ihr nicht ab, so wahr ich der Bootsmann von der ›Kalliope‹ bin. Wo ist Hannes, unser Leichtmatrose? Zum Teufel mit Euch, wenn Ihr ihn nicht freigebt!«

»Fort, sage ich Euch,« brüllte Montreuil, »oder Ihr habt eine blaue Bohne zwischen den Rippen. Was gehen mich Kalliope und Hannes an, ich kenne alle beide nicht.«

»Wagt Euch, zu schießen,« hörte der Lauscher wieder die Baßstimme, »hier stehen zehn Matrosen von der ›Kalliope‹, und in demselben Augenblick, da Ihr mit dem Dings da knallt, habt Ihr ebensoviel Klingen im Leibe. Wo ist der Leichtmatrose frage ich noch einmal! Antwortet, oder wir erzwingen uns den Eingang in das Haus und untersuchen es von oben bis unten.«

»So nehmt doch Vernunft an, Mensch!« sagte jetzt Montreuil in besänftigendem Tone, denn es lag ihm viel daran, zu seinem Gefährten zurückzukehren, weil beider Kräfte bald zu gemeinsamer Arbeit gebraucht wurden. »Ich sage Euch, ich kenne den Hannes gar nicht, weiß überhaupt nicht, was Ihr wollt.«

»Hier wohnt doch die Lucy?«

Montreuil atmete auf.

So hatte der Bursche sie doch nicht belogen, alle seine Angaben waren wahr gewesen. Aber nun war es zu spät, jetzt durfte er nicht mehr herausgegeben werden, denn schon hatte er zuviel gesehen und gehört, was des Verrates wert war.

Deshalb mußte er die Tatsache ableugnen.

»Die Lucy? Nein,« antwortete er, »dieses Haus ist eigentlich unbewohnt, ich halte mich nur vorübergehend einmal darin auf – es gehört meinem Herrn, Mister Cornell. Aber halt, da fällt mir etwas ein. Ich kenne allerdings ein Mädchen, Namens Lucy, eines Gärtners Tochter, aber diese wohnt im vierten Hause rechts vom Zollgebäude, während dies das vierte links davon ist. Daher mag der Irrtum kommen. Fragt einmal, dort werdet Ihr wohl Euren Hannes finden.«

Der Bootsmann lachte höhnisch auf.

»Hahaha, haltet Ihr mich aber für einen Dummkopf. Gerade dasselbe haben sie mir dort auch gesagt, nur links statt rechts und rechts statt links. Zum Teufel mit Euch, glaubt Ihr, ich weiß nicht mehr, was Back- und Steuerbord ist? Heraus mit ihm, oder wir zünden Euch das Gerümpel über dem Kopfe an! Mag er dann meinetwegen verbraten und mit Euch zur Hölle fahren.«

Der horchende Tannert knirschte vor Wut mit den Zähnen.

Er hielt die Uhr in der Hand und beobachtete die fortlaufenden Zeiger.

Schon war die Zeit gekommen, auf welche sie die ganze Nacht gewartet hatten, und dieses Gespräch da oben fand noch immer kein Ende. Der Bootsmann gab sich nicht zufrieden, noch immer hielt er den Fuß zwischen der Türspalte und gab mit Fragen nicht nach.

Ein Schuß hätte den Störenfried wohl beseitigt, aber dann hätten seine Kameraden Lärm geschlagen, die Polizei wäre alarmiert worden, sie hätten wohl gar selbst das Haus gestürmt. Das alles mußte vermieden werden; bei der heutigen, nächtlichen Arbeit, die sie noch auszuführen hatten, mußten sie durchaus unbelästigt bleiben.

Da endlich, endlich war dieser verfluchte Bootsmann davon überzeugt, daß der gesuchte Hannes sich nicht in diesem Hause befand, er zog den Fuß zurück, und sofort fiel die Tür ins Schloß.

Dann bewegte sich wieder die Kellerwand, und Montreuil huschte zu seinem Gefährten in den Gang.

»Eine Viertelstunde schon zu spät,« knirschte letzterer, »weiß der Teufel, was diesen geschwätzigen Kerl gerade heute hierher geführt hat. Aber Hannes, dieses Goldsöhnchen, soll dafür büßen. Er wird noch diese Nacht Bekanntschaft mit den Fischen machen. Nun schnell, das Boot wird schon warten, den Burschen befördern wir erst dann ins Jenseits.«

Unter diesen Worten war er den Gang hinuntergeeilt, aber kaum beleuchtete der schmale Strahl der Blendlaterne den Platz, an dem vorhin das Gespräch stattgefunden hatte, als beide entsetzt zurückprallten.

Das Faß stand noch da, aber der Gefangene war verschwunden.

Blitzschnell schweiften die Augen der Männer durch den Gang, dem Scheine der Laterne folgend – er war leer, wendeten sich nach oben, dem Deckel zu – die Riegel waren noch ebenso, wie vorher, durch die Oeffnung geflohen konnte Hannes also nicht sein. Dann begegneten sich ihre Blicke.

»Was ist das?« fragte Montreuil mit allen Zeichen der Angst. »Steht der mit dem Satan im Bunde?«

»Unsinn,« entgegnete Tannert, sich vor die Stirn schlagend, »ich habe eine Ahnung. Das Gespräch vorhin war nur Spiegelfechterei, um uns von hier fortzulocken. Unterdessen ist der Bursche befreit worden.«

»Wie aber? Der Deckel ist oben mit Grasboden belegt. Kein menschliches Auge kann den Platz finden, wo er liegt. Selbst ich, der ihn kennt, muß immer lange suchen, ehe ich ihn finde.«

»Ich wüßte jemanden, der ihn sofort fände,« murmelte Tannert und, dann laut sprechend, sagte er: »Doch zerbrechen wir uns jetzt nicht darüber den Kopf, auf welche Weise er verschwunden ist, es ist eben eine Tatsache. Jetzt schnell fort mit dem Faß; es ist ein Glück, daß sie uns dieses gelassen haben, sonst könnten wir unser Testament machen. Hahaha, hätten sie gewußt, was sein Inhalt ist.«

Er musterte die Aufschrift: ›Gesalzenes Schweinefleisch‹, und untersuchte die Plombe, das Zeichen der Zollbehörde tragend.

»Alles unverletzt,« murmelte er.

Beide Männer kanteten das ziemlich schwere Faß um und rollten es vorsichtig durch den Gang.

»Warum soll der Mann wohl nicht gleich getötet, sondern erst nach Sydney gebracht werden?« meinte Montreuil während dieser Beschäftigung.

»Weiß nicht,« war die Antwort, »soll wahrscheinlich erst noch irgend eine Aussage tun. Hätten wir ihn nur erst glücklich an Bord!«

Als sich die Kellertür hinter ihnen geschlossen hatte, wurde auf der anderen Seite des eigentlichen Kellergewölbes ebenfalls auf diese Art die Wand geöffnet, und wieder ein Gang tat sich auf, der schließlich am Hafen in einer nicht mehr gebrauchten Schleuße endete, von dieser aber noch durch eine Tür getrennt ward, welche sich von der Wand nicht abhob.

Durch diese ward das Faß gerollt, bis sie dicht vor dem Wasser standen, wo ihrer bereits ein Boot wartete, welches sowohl die beiden Männer, als auch das Faß aufnahm.

12.

Auf Freiwache.

Die vor dem Steuerrad hängende Schiffsglocke des ›Amor‹ gab vier Doppelschläge von sich, das heißt in der Seemannssprache, es wurde acht Glasen geschlagen, was wiederum um vier, um acht oder um zwölf Uhr bedeuten kann, da die Zeit auf den Schiffen in sechsmal vier Stunden oder in sechs ›Wachen‹ eingeteilt ist. Diesmal war es nachts um zwölf Uhr, der ›Amor‹ bereits seit fünf Tagen unterwegs, die Mannschaft ging also ›Seewache‹.

Gleichzeitig gellte ein Pfiff aus der Bootsmannspfeife des zweiten Steuermanns, John Davids, und der gewöhnliche Ruf erscholl:

»Backbordwache zur Koje, Steuerbordwache an Deck!«

Sofort kletterten aus einer Luke die englischen Herren und lösten ihre Kameraden ab, allen voran Lord Hastings, in einem weiten Oelmantel und hohen Seestiefeln, der dem zweiten Steuermann das Kommando abnahm, nachdem er sich erst vom Stande der Segel, von der Richtung des Windes und der Stellung des Kompasses überzeugt hatte.

Ebenso wurden Marquis Chaushilm vom ›Ausguck‹ am Bugspriet abgelöst, desgleichen Hendriks hinten vom Steuer und alle vierzehn Mann, darunter auch Hannes, trotz ihres guten, wasserdichten Oelanzuges bis auf die Knochen durchnäßt, wie man sagt, verschwanden im Zwischendeck, um sich erst umzuziehen und dann zu schlafen, aber vorher noch etwas zu plaudern.

Es war stürmisches Wetter gewesen, der Seegang war zwar nicht mehr so schlimm, aber er hatte doch noch genügt, das Deck des niedrigen ›Amor‹ fortwährend mit Wasser zu überspülen, und die ›überkommenden‹, d. h. die überspritzenden Wogen hatten die Männer tüchtig durchnäßt.

Es wurde auf dem ›Amor‹ mit dem Dienst bei weitem nicht so scharf genommen wie auf der ›Vesta‹. Auf diesem Schiff gingen die Wachen regelmäßig durch, Tag oder Nacht mußte immer die eine Hälfte der Mädchen an Deck sein, in diesem wollten sie den Seeleuten nicht nachstehen.

War das Wetter nur einigermaßen schön, so blieben auf dem ›Amor‹ bei Nacht beide Wachen unter Deck, nur daß die eigentliche Wache angezogen bleiben mußte. Der Posten am Steuer, auf dem Ausguck und der Steuermann wurden natürlich immer regelmäßig abgelöst.

Wenn vom Wetter oder Winde dagegen Gefahr zu befürchten war, so duldete Lord Harrlington eine derartige Bequemlichkeit nicht, dann mußten alle Mann der Wache an Deck bleiben, um bei einer Gefahr oder einem Manöver gleichzeitig und sofort bei der Hand zu sein, nicht, daß sie erst einzeln aus dem Schlafe gerüttelt werden mußten und dann schlaftrunken an Deck erschienen.

Lord Harrlington selbst ging immer mit gutem Beispiel voran. Er besaß dasselbe Recht wie jeder andere Kapitän, d. h., er befand sich am Tage immer auf seinem Posten und war während der Nacht jeden Augenblick bereit, seine Kleider überzuwerfen und an Deck zu eilen. War das Wetter nur einigermaßen schlecht, so schlief er auch während der Nacht angekleidet auf dem Sofa im Kartenhäuschen, neben sich den Kompaß.

Es gibt Kapitäne, welche während einer Reise prinzipiell niemals das Kartenhaus verlassen, von dem aus sie alles beobachten können, Segel, Wind und Kompaß, welche niemals ein anderes Lager haben, als das lederne Sofa, und niemals aus den Kleidern kommen, es sei denn zum Wechseln, und wenn die Reise monatelang dauerte.

Jeder der Herren warf, ehe er unter Deck verschwand, noch einen Blick nach den farbigen Lichtern, welche nicht weit vor dem ›Amor‹ sichtbar waren. Es waren die der ›Vesta‹.

Auf dieser war die Ablösung eben ganz genau so vorgegangen, wie auf dem ›Amor‹.

Die Herren hatten die Schiffsglocke, den schrillen Pfiff und selbst das Kommando deutlich vernehmen können, jetzt wechselten die Mädchen ebenso ihre Rollen, die Steuerleute übergaben sich das Schiff, für das sie während der vier Stunden verantwortlich waren, und die abgelösten, jungen Mädchen begaben sich jetzt auch unter Deck, ganz genau so durchnäßt wie die Herren, und dort auf der Kommandobrücke im Kartenhäuschen lag die Kapitänin auf dem Sofa und ließ sich hin- und herwiegen.

»Oh, oh,« seufzte Chaushilm, als er sich im Gange des Zwischendecks die Stiefel auszog und diese in einem Eimer ausgoß, »und das nennt nun der Mensch ein Vergnügen. Oben naß, an den Seiten nässer, und unten am allernässesten.«

»Holen Sie sich nur keinen Schnupfen,« meinte Hendricks, der mit gespreizten Beinen dastand und seinen Freund hielt, damit er bei dem schwierigen Experiment des Stiefelausziehens nicht umfiel, denn der ›Amor‹ schlingerte heftig, »aber sagen Sie einmal, verehrter Herzog, haben Sie denn eigentlich mit Ihren Stiefeln den Ozean ausschöpfen wollen? Das sprudelt ja heraus, wie bei einem Wasserfall. Sind sie nicht wasserdicht?«

»Das schon, aber stehen Sie einmal zwei Stunden auf dem Ausguck, da fließt ja das Wasser immer von oben herein. Und wären die Stiefel auch noch so hoch wie die Peterskirche zu Rom, voll werden sie doch.«

In diesem Augenblicke kam Hannes vorüber und hatte die Bemerkung des Herzogs gehört. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

»Dagegen gibt es aber ein sehr einfaches Mittel, Chaushilm,« sagte er – er nannte niemanden bei seinem Titel. »Kennen Sie das nicht?«

»Nein, was denn?«

»Sie schneiden einfach die Seestiefel unten an beiden Seiten auf.«

»Dann läuft aber doch noch mehr Wasser hinein!«

»Durchaus nicht. Auf der einen Seite läuft es hinein und zur anderen wieder hinaus, so hat man nie Wasser im Stiefel, und der Fuß bleibt immer trocken.«

»Das ist ein sehr fauler Witz. Meinetwegen können Sie das tun, ich mach's nicht. Hendricks, halten Sie den Wassereimer fest, er fällt.«

Aber es war geschehen, das Schiff hatte einigermaßen heftig übergeholt, der Eimer war umgefallen, und das Wasser rauschte im Zwischendeck hin und her und ergoß sich über die Strümpfe des Marquis.

»Na, das macht nun auch weiter nichts,« meinte dieser, »es plätschert so schon durch die Luken wie ein Platzregen herab, und naß bin ich nun einmal. Nun will ich mich aber auch noch inwendig anfeuchten. Hendricks, leisten Sie und Williams mir nachher Gesellschaft bei einem Glas Grog?« »Tut mir leid, wir beide und Lord Stevenson haben schon Harrlington versprochen, nach der Ablösung noch für eine Stunde mit ihm im Kartenhaus zu plaudern.«

»Harrlington ist verrückt, die ganzen Nächte da oben auf dem Sofa zu liegen. Die Knochen müssen ihm ja lahm werden. Gute Nacht denn, ich gehe in meine Kabine.«

Er ging, während sich einige der jungen Leute zur fröhlichen Unterhaltung im Kartenhaus zusammenfanden. Der Morgen versprach, schön zu werden, und so konnte man hoffen, daß die Wache um vier Uhr nicht wieder vollzählig abgelöst zu werden brauchte.

Eine Stunde später trennten sich auch die Herren, um sich, wie die übrigen schon getan hatten, zur Ruhe zu begeben.

Als Charles die Tür seiner Kabine öffnete, blieb er, erstaunt über den Anblick, der sich ihm bot, stehen.

Vor dem großen Toilettenspiegel stand sein Diener Hannes, an den Füßen noch immer die Seestiefel, den Oberkörper in Williams schwarzen Frack gezwängt, bemühte er sich eben, auf seine großen Hände weiße Glacéhandschuhe zu streifen, natürlich ebenfalls die seines Herrn. Als ihm dies endlich nach ungeheurer Anstrengung gelungen war, setzte er seines Herrn besten Zylinderhut auf den Kopf und betrachtete sich nun mit unendlichem Wohlgefallen im Spiegel, sich hin- und herbewegend, so daß der Frack in allen Nähten krachte.

Williams hatte er noch nicht bemerkt.

Dann räusperte er sich wiederholt, nahm mit einer zierlichen Verbeugung den Zylinder vom Kopfe, schwenkte ihn graziös hin und her, kratzte mit dem Fuß nach hinten aus, räusperte sich wieder und begann zu deklamieren:

Süße Betty, holdes Wesen,
Bin schon längst dir gut gewesen.
Aber mündlich dir's zu sagen,
Dies zu tun, konnt ich nie wagen.
Deiner Augen, nächtig dunkel,
Sinnverwirrend Prachtgefunkel
Hat es so mir angetan, Daß ich ...

»Wo haben Sie dieses Lied gelesen, Sie Unglücksmensch,« wurde er plötzlich von einer heftigen Stimme unterbrochen und dabei am Arme gepackt.

Ruhig wandte Hannes den Kopf zur Seite, blickte in das gerötete Gesicht seines Herrn, deutete mit dem Daumen über die Schulter nach dem Schreibtisch und sagte gelassen:

»Dort in dem Buche.«

»In meinem Tagebuche? Wie können Sie sich unterstehen, darin zu lesen?«

»Warum denn nicht? Da ist doch weiter nichts dabei.«

»War das Buch nicht in der Schublade?«

»Allerdings, ich hätte es auch nachher wieder hineingetan,« war die unverzagte Antwort.

»Aber wie in aller Welt können Sie nur wagen, meinen Schreibtisch ohne weiteres zu öffnen?«

»Schließen Sie ihn doch ein andermal zu.«

»Wissen Sie nicht, daß man in einem Tagebuch die größten Geheimnisse niederschreibt, die für das Auge keines anderen Menschen bestimmt sind?« »Nein,« sagte Hannes im Tone der vollsten Aufrichtigkeit.

»So merken Sie sich das für ein andermal! Versuchen Sie niemals wieder, in meinem Tagebuche zu lesen, ich könnte einmal sehr böse darüber werden!«

»Bah, Tagebuch,« sagte aber Hannes in wegwerfendem Tone, »das ist etwas für kleine Mädchen. Kein Matrose führt ein Tagebuch. Das Gedicht ist übrigens gar nicht so schlecht, es muß nur hübsch vorgetragen werden, so etwa, wie Sie es vorhin von mir gehört haben.«

Jetzt mußte Williams doch lachen.

»So! Und ist es unbedingt nötig, daß man beim Vortrag Frack und Handschuh von jemandem anders anzieht?«

»Wollen Sie damit etwa eine Anspielung machen?« entgegnete der unverwüstliche Hannes. »Ich will es ja gar nicht behalten, da haben Sie Ihr Gelumpe wieder.«

Damit zog er die weißen Handschuhe von den teerigen Fingern, streifte den Frack ab und warf alles auf das Sofa.

»Das muß ich Ihnen aber sagen,« fuhr er fort, »die Thomson wird sich riesig freuen, wenn Sie ihr die Verse vordeklamieren, ich glaube, die fällt vor Lachen auf den Rücken.«

»Still nun,« sagte Williams und setzte sich vor seinen Schreibtisch, »mit Ihnen ist doch nichts anzufangen. Nun seien Sie aber wenigstens so freundlich und packen Sie die Sachen wieder dahin, woher Sie sie genommen haben.«

»Natürlich, das ist meine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, wie der Bootsmann von der ›Kalliope‹ immer sagte.«

Williams wollte lesen, aber nicht lange dauerte es, so wurde an der Wand der Nebenkabine gepocht. Dort war Marquis Chaushilm einquartiert.

»Williams, der Chaushilm drüben klopft,« meldete schon der dienstbeflissene Hannes an.

»Ich höre es,« entgegnete Charles und stand auf, »aber lassen Sie es sich nun endlich gesagt sein, es heißt Marquis Chaushilm und nicht bloß Chaushilm. Bei mir können Sie meinetwegen das Sir weglassen, ich mache mir nicht viel daraus, aber andere können es übelnehmen, wenn sie nicht mit ihrem Titel angeredet werden.«

»Ach was,« war die Antwort, »mich nennt auch niemand Herr Vogel, und das ist auch ganz richtig, denn auf dem Schiffe sagt man nicht einmal Herr Kapitän. Werde ich so einen Matrosen mit Marquis oder Herzog anreden, weiter fehlte nichts.«

»Was machen Sie eigentlich mit meinem Hute?«

Hannes hatte einen Zylinder in der Hand, aus dem Stahlfedern hervorsahen, und wickelte eben Segelleinwand darum.

»Ich repariere Ihren Chapeau klapp,« entgegnete er.

»Der ist nicht mehr zu reparieren, die Federn sind gebrochen. Außerdem heißt es nicht Chapeau klapp, sondern Chapeau claque.«

»Das habe ich auch gesagt, Chapeau klapp. Und der ginge nicht mehr zu reparieren? Da sind Sie aber schief gefahren. Jetzt wickle ich das Stück Segeltuch darum, nähe es hübsch sauber mit kleinen Stichen zusammen und pinsele es morgen früh mit Teer schwarz an. Dann setze ich ihn in die Sonne, und ist er getrocknet, so können Sie mich mit ihm in die feinste Gesellschaft begleiten.«

»Na, na,« lachte Williams, »so sehr fein wird die Gesellschaft wohl nicht sein dürfen.«

»Machen Sie nur, daß Sie hinauskommen, sonst pocht Chaushilm noch die Wand ein, der hat wieder einmal zu viel Grog getrunken.«

Gehorsam folgte Charles der Aufforderung.

Wie gewöhnlich lag Chaushilm, neben sich ein Tischchen mit dem dampfenden Grogglas, auf dem Sofa und streckte dem Eintretenden die Hand entgegen.

»Nun lieber Herzog, was haben Sie für Schmerzen?« begann Charles, seinem Freunde gegenüber Platz nehmend.

»Sie haben recht, wenn Sie von Schmerzen sprechen, mein lieber Williams,« seufzte Chaushilm, »eine schier unerträgliche Pein wütet in meinem Innern.«

»O, o,« bedauerte Charles, »Leibschneiden? Warten Sie, ich hole Magentropfen, die werden Ihnen ausgezeichnet bekommen, das heißt, wenn sie Hannes nicht schon alle ausgetrunken hat.«

»Seien Sie nicht so unausstehlich,« war die unwillige Antwort. »Unterlassen Sie wenigstens dies eine Mal Ihre mutwilligen Scherze! Sie wissen recht gut, daß man die Schmerzen des Herzens ebensowenig durch Scherze, wie durch Magentropfen kurieren kann.«

»Schmerz, Herz, Scherz; Herzog, Sie sind zum Dichter geboren, die Reime sprudeln Ihnen nur so über die Lippen. Aber was ist es denn, was Sie noch nach Mitternacht, nach harter Arbeit, munter hält? Haben Sie keine trockenen Strümpfe angezogen? Unter Umständen kann sich ein heftiger Schnupfen den Weg bis zum Herzen bahnen und sich dort festsetzen.«

»Wenn Sie mich ärgern wollen, so lassen Sie mich lieber allein, Williams, ich bin heute nicht zu Späßen aufgelegt,« rief Chaushilm ärgerlich.

Aber Charles wußte, daß ihn der Herzog nicht gehen ließ, wenn er auch noch ganz anders mit ihm umgesprungen wäre, bevor er ihm nicht das neueste, süße Geheimnis seines Herzens mitgeteilt hatte. Nach einer kleinen Pause begann Chaushilm von selbst damit.

»Wissen Sie nicht, haben Sie nicht erraten, welche Empfindungen mich bewegen, welche Träume mich im Wachen umschweben, was mich bald in Klagen, bald in Jauchzen ausbrechen läßt? Charles, mein bester Freund, Sie wissen doch alles, haben Sie es noch nicht erraten?«

Williams schmunzelte.

»Doch jetzt kann ich es mit Bestimmtheit sagen.«

»Sprechen Sie es aus,« rief der Herzog enthusiastisch, »lassen Sie mich mein Glück von den Lippen eines anderen hören! Es ist so schön, einen Mitwisser eines süßen Geheimnisses zu haben, um welches man beneidet wird.«

»Dazu aber muß ich zwanzigmal raten dürfen?«

»Zwanzigmal? Ich verstehe nicht, warum gerade zwanzigmal?

»Das ist ein sehr einfaches Rechenexempel, lieber Herzog. Sehen Sie, 25 Damen sind auf der ›Vesta‹, in fünf waren teils Sie, teils waren diese in Sie verliebt, also bleiben gerade noch zwanzig, denen dieses Glück ebenfalls zu teil werden kann.«

»O, spotten Sie nicht,« rief Chaushilm, »die eine, nur die eine ist es, deren teuren Namen Sie mir nennen sollen. Aber ich will Ihnen auf die Spur helfen. Haben Sie damals, am letzten Tage in Townville, den wir alle zusammen gesellig in einem Kaffeegarten verbrachten, nicht gemerkt, wie mich Miß Nikkerson immer anlächelte, während ich mich mit ihr unterhielt? Ach, sie lächelte so unendlich liebevoll.«

»Allerdings,« entgegnete Charles, »aber ich weiß auch, warum sie so unendlich liebevoll lächelte. Während sie sich mit Ihnen unterhielt, war Miß Staunton so liebevoll, Ihren Rockzipfel in das Klavier einzuklemmen, an das Sie sich gerade lehnten, und dann abzuschließen. Sie bezeichneten den Hannes als den Uebeltäter, und dieser war auch dumm genug, die Schuld auf seinen Rücken zu nehmen. Darum mußte Miß Nikkerson immer so lächeln, und nun, Herzog, sehen Sie mich nicht so entsetzt an.«

»Das Geisterschiff,« hallte plötzlich der Ruf an Deck und überhob Williams der Aufgabe, Chaushilms Verteidigungsrede anhören zu müssen.

Wer noch nicht in der Koje lag, stürzte durch die Luke nach oben, und wer sich recht dazu hielt, konnte den grauen Schatten vorbeihuschen sehen. In der nächsten Minute war er den Blicken aller entschwunden.

»Hagel und Haubitzen, der hat's eilig,« meinte Charles, als er wieder in seine Kabine zurückkehrte, in der er noch Hannes vorfand, auf dem Sopha sitzend, an dem Zylinder seines Herrn nähend.

»Wollen Sie noch nicht schlafen gehen?« fragte Charles.

»Nein, noch nicht, aber wenn Sie schlafen gehen wollen, meinetwegen brauchen Sie sich nicht zu genieren.«

»Danke sehr, Sie sind außerordentlich freundlich. Warum waren Sie jetzt nicht mit oben und haben sich das Geisterschiff angesehen?«

»Das interessiert mich nicht. Ueberhaupt eine dumme Bezeichnung, Geisterschiff! Was ist denn da so besonders Merkwürdiges daran. Haben Sie noch niemals eine Lokomotive gesehen, die ohne Dampf fährt? In jeder großen Stadt gibt es jetzt solche.«

»Aber auf diesem Schiffe sind keine Menschen.«

»Zu sehen,« ergänzte Hannes, »das allerdings nicht, aber was ist da weiter dabei? Wenn man um solch' eine Lokomotive einen Blechmantel legt, dann kann man niemanden darauf sehen.«

Nach einer kleinen Pause fragte Williams wieder:

»Was macht Ihr neuer Kollege?«

»Der schläft in meiner Koje wie ein Murmeltier, der arme Kerl hat's aber auch nötig. So gejagt und gehetzt, wie der worden ist! Da soll man wohl nicht ein paar Tage ohne Unterbrechung schlafen können?«

»Wir werden noch manche Unannehmlichkeit seinetwegen erdulden müssen.«

»Macht weiter nichts! Das Fest bei Pollacks, welches wir für ihn bekommen haben, wiegt alles andere auf. Schade, daß Sie nicht dabei waren, Williams, Sie hätten sich köstlich dort amüsiert. Bier und Wein die schwere Menge, und Mädchen in Hülle und Fülle, ich habe mir die Stiefelhacken schiefgetanzt.«

»Tanzen Sie denn auf den Hacken?«

»Denken Sie vielleicht auf den Händen?«

»Das nicht, aber ich dachte, man drehe sich beim Tanzen auf den Zehenspitzen.«

»Das tun nur die Landratten, die wissen eben nicht, was manierlich ist. Seeleute drehen sich nur auf den Hacken herum.«

»Hat sich Miß Staunton auch auf den Hacken herumgedreht?« fragte Charles ganz unbefangen.

Hannes ließ vor Schrecken den Zylinder fallen und starrte den Sprecher an.

»Wa–as?« brachte er endlich gedehnt hervor. »Woher haben Sie denn das erfahren? Weiß davon noch jemand anders?«

Charles drohte ihm lächelnd mit dem Finger.

»Bis jetzt noch nicht, wenn Sie selbst nicht davon plaudern,« sagte er dann, »aber machen Sie solche Streiche nicht wieder! Miß Staunton ist sehr übermütig und geht auf den tollsten Vorschlag ein.«

»Gott sei Dank,« rief Hannes, »wenn die anderen Mädels nichts davon erfahren haben, so geht nichts schief; sie hatte eine Höllenangst davor. Mir selbst war etwas wie Furcht in den Kopf gestiegen.«

»Wenn es nur nicht das viele Bier gewesen ist, was Ihnen in den Kopf gestiegen ist. Sie kamen schwankender an Bord, als ein Seemann sonst geht.«

»Oho, ich habe doch erst die Staunton an Bord geschmuggelt, und das war eine verdammt harte Arbeit.«

»So, wie haben Sie das unbemerkt zustande gebracht?«

»Durch die Ankerklüse hindurch!«

Kopfschüttelnd zog Charles den Schreibtisch auf, um Papier vom Tisch hineinzulegen. Als er darin kramte, fiel ihm plötzlich eine kleine Photographie in die Hand. Verwundert betrachtete er sie, stand auf, um sie beim Licht zu besehen, wischte mit dem Aermel darüber, warf dann einen mißtrauischen Blick auf Hannes, der seinem Gebühren neugierig zusah, und blickte dann wieder auf die Photographie.

»Hannes« sagte er dann, »kommen Sie einmal her. Wer ist dies hier?«

Damit zeigte er auf eine Person des Gruppenbildes.

»Der das dumme Gesicht zieht und dem die Tränen über die Backen kugeln?« meinte dieser. »Das sind unbedingt Sie.«

Es war kein Zweifel, Hannes hatte recht.

Da standen Williams, Harrlington, Hastings, zwischen ihnen Miß Petersen, Lind und Thomson, alle an Bäume gebunden; vor ihnen schwang ein Australneger drohend den Speer, Balkuriri, und er selbst, Williams, bog den Kopf eben nach der neben ihm stehenden Miß Thomson, zog ein ungemein klägliches, oder wie Hannes sagte, dummes Gesicht, und die kleine Photographie war so scharf getroffen, daß man selbst noch die Tropfen erkennen konnte, die ihm über die Wangen flossen.

»Schändlich.« sagte er endlich, »wer hat mir den Streich gespielt? Miß Murray, die Tochter des Häuptlings? Aber sie kann doch nicht photographieren. Und wie kommt das Bild in meinen Schreibtisch? Hannes, wissen Sie etwas davon?«

Der Leichtmatrose war augenblicklich selbst verblüfft, wie die Photographie jener Situation, von der ihm Williams ausführlich erzählt hatte, entstanden sein könnte, plötzlich aber stand er auf und rief:

»Ich hab's. Wissen Sie noch, als ich einige Tage vor der Abreise von Townville dort hinten im Gange den Spektakel machte, Sie immer beim Namen rief und, als Sie wirklich aus der Kabine kamen, schnell davonlief?«

»Ja, ich entsinne mich. Was aber hat dies hiermit zu tun?«

»Damals hatte der Kapitän Besuch an Bord.«

»Auch das weiß ich, es war der Detektiv Nick Sharp.«

»Sehen Sie wohl. Kaum waren Sie aus der Kabine, so schlüpfte er hinein, kam aber gleich wieder heraus. Der hat dies Bild in den Schreibtisch gelegt und kein anderer, so wahr ich Hannes Vogel heiße.«

Williams schlug sich vor die Stirn.

»Nun fange ich an zu begreifen. Ja, das stimmt! Harrlington hat mir schon erzählt, daß jener Schlingel, der Anführer der schwarzen Polizei, der uns durch Wasser und Feuer jagte, Sharp war. Er hat uns auch photographiert und mir das Bild in den Schreibtisch gesteckt. So ein infamer Kerl, nun bleibt aber doch die Weltgeschichte stehen.«

Charles war über diese neue Entdeckung so aufgeregt, daß er sich nach oben begab, um sich noch etwas an Deck zu ergehen. Als er nach einer halben Stunde wieder in seine Kabine kam, fand er Hannes auf dem Sofa liegend, die Beine, an denen er noch immer die Wasserstiefeln trug, über die Lehne hängend, die Hände über der Brust zusammengefaltet – er schlief.

Die Mütze war ihm vom Kopf geglitten, so daß die blonden Locken ihm frei über die hohe Stirn fielen, welche noch die eigentliche, weiße Hautfarbe zeigte, während das übrige Gesicht von Wind und Sonne tief gebräunt war, doch nicht genug, um nicht noch die rötliche Färbung der Gesundheit durchschimmern zu lassen. Die Flügel der feingeschnittenen Nase zitterten unter dem kräftigen Atemzuge des Schläfers, der etwas geschwungene Mund, dessen Oberlippe der erste Flaum schmückte, war fest geschlossen. Ueber der sich hoch hebenden und tief senkenden Brust lagen gefaltet die sonst nimmer müden, muskulösen Hände, – sie waren jetzt kraftlos, der Hut war ihnen entglitten.

Lange betrachtete Williams den Schläfer, es war als könnte er die sinnenden Blicke nicht von den kühngeschnittenen Zügen des Jünglings wenden.

»Wie ein schlafender Engel,« sagte er endlich, als er Vorbereitungen zur Nachtruhe traf, »nur, daß er Seestiefeln an den Beinen hat.«

13.

Eine Pantherjagd in den Wogen.

Wieder waren einige Tage verstrichen; die ›Vesta‹ hatte bereits einen direkt westlichen Kurs eingeschlagen. Das jenen Breiten eigentümliche Seegras zeigte an, daß man sich bereits den kleineren Inseln des malayischen Archipels näherte, und Miß Petersen hoffte, in kurzer Zeit ihr nächstes Ziel, Java, erreicht zu haben.

In den letzten Tagen hatten heftige Stürme gewütet, nur von Regengüssen unterbrochen, aber sie hatten den Lauf des Vollschiffes nicht beeinträchtigt, im Gegenteil, sie waren immer aus einer günstigen Richtung gekommen, und stets war die ›Vesta‹ mit gerefften Segeln mit der Schnelligkeit einer Möve vor dem Sturm dahingeflogen, so daß der ›Amor‹ keine Kohlen sparen durfte, wollte er im Kielwasser des voraussegelnden Schiffes bleiben.

Heute war endlich wieder ein schöner Tag angebrochen, das Meer war während der Nacht von einem starken Platzregen beruhigt worden, und nun wurde die Oberfläche nur von leichten Wellen gekräuselt. Schon konnte man die Sonne sich im Wasser spiegeln sehen, und der Wind war so schwach, daß er kaum die leichtesten, obersten Segel zu schwellen vermochte.

Ein flauer Wind wird auf einem Segelschiff niemals ersehnt; haben aber vorher tagelang Stürme gehaust, so ist er doch willkommen, denn dann können die Matrosen mit Muße die entstandenen Schäden in der Takelage ausbessern, die Wanten, deren Stricke durch das häufige Auf- und Abentern durchgetreten sind, werden wieder vollzählig gemacht, die Brassen, zum Richten der Raaen dienend, werden stramm geholt, und ist endlich nichts mehr m der Takelage zu tun, so setzt sich der Matrose im Sonnenschein an Deck, flickt die zerrissenen Segel, dabei gemütlich seine Pfeife rauchend, oder er legt sich im Schatten eines Sonnensegels hin, liest, macht Schnitzarbeiten und verträumt so seine Wache.

Ist völlige Windstille eingetreten, so wird auch viel geangelt, während der Fahrt ein undankbares Geschäft, sofern es nicht den Fang von Haifischen gilt, und zeigt sich in der Nähe des Schiffes ein Trupp von Schweinsfischen, eine Art von Delphinen, so holt der Kapitän die Harpunen aus der Kajüte, und die Matrosen treffen unterdessen Vorbereitungen, um den getroffenen Fisch mit einer Schlinge fangen und an Bord hiven zu können.

Vorher aber wird die Richtung besprochen, welche die Fischherde nimmt.

Die Schweinsfische, zwei bis drei Meter große Tiere, schwimmen auf eine ganz eigentümliche Weise, fast so wie eine Seeschlange, und zwar immer dicht an der Oberfläche. Einmal hebt sich der Kopf aus dem Wasser, dann der Schwanz, und daran kann man diese Art von Fischen schon auf weite Entfernung hin erkennen. Das Merkwürdigste aber ist, daß sie sich immer nach der Richtung hin bewegen, aus der in den nächsten Tagen der Wind kommen wird, und gar während einer Windstille kann man fast genau sagen, woher der nächste Wind strömen wird.

Der Seemann, dessen Aufmerksamkeit Tag und Nacht hauptsächlich auf den Wind gerichtet ist, hat zahllose Erkennungszeichen, um dessen spätere Richtung beurteilen zu können, nicht nur Instrumente und Berechnungen, sondern er liest auch in den Wolken, und der Flug der Seevögel, das Verhalten der Fische geben ihm viele Anhaltspunkte. Aber die Gewohnheit der Schweinsfische, immer gegen den später auftretenden Wind zu schwimmen, ist das sicherste Zeichen.

Auf der ›Vesta‹ herrschte eine sonntägliche Ruhe.

Unter den über das Deck gespannten Sonnensegeln saßen die Mädchen, lasen, plauderten, angelten und waren herzlich froh, nach den letzten schweren Tagen freie Zeit zu haben, sich dem Genusse des Müßigganges hingeben zu können, den man nur empfindet, wenn die Kräfte bis zum Uebermaße in Anspruch genommen worden sind.

Lange schon hielt Miß Petersen auf der Kommandobrücke das Fernrohr in der Hand und spähte fortwährend nach dem Horizont, dann wieder die Sonne aufnehmend und auf der äußerst genauen Seekarte messend. Ihr Benehmen war den anderen Mädchen schon aufgefallen, auch sie hatten mit dem Fernglas den Horizont abgesucht, aber weder Land, noch ein Segel oder sonst etwas gefunden.

»Es ist eine Insel, die auf der Seekarte nicht verzeichnet steht,« sagte endlich Ellen zu Miß Nikkerson, welche zu ihr auf die Brücke ging, »sehen Sie durch dieses Glas, es ist das beste.«

Das Mädchen mußte es bestätigen.

»Es gibt noch viele Eilande, welche noch nicht vermessen worden sind und daher nicht in den Karten stehen,« sagte sie.

»Aber nicht hier,« entgegnete Ellen, »wir befinden uns gerade in einer Gegend, welche genau durchforscht ist. Nicht nur jedes kleinste Felsenriff ist hier angegeben, sondern auch die Meerestiefe. Fast alle hundert Meter könnte ich hier sagen, wie tief der Ankergrund ist. Wie sollte also eine solche Insel der Messung entgangen sein? Sie ist nicht so klein!«

Den übrigen Mädchen war es jetzt auch gelungen, die auftauchende Insel zu entdecken, und allerlei Vermutungen wurden laut.

Vorläufig konnte man durch das Fernrohr nur einen dunklen Punkt wahrnehmen, da aber die ›Vesta‹ direkt daraufzu hielt, so mußte mau sich ihm in einer Stunde so weit genähert haben, daß man ihn mit den bloßen Augen erkannte. Es wurde lebhaft bedauert, daß das Schiff so äußerst langsam segelte.

Aber es verging Stunde auf Stunde, und doch schien sich der Punkt nicht zu vergrößern, nur das Fernrohr bewies, daß es wirklich eine Insel war, und zwar eine bewaldete.

»Was in aller Welt mag das nur sein?« rief Ellen. »Es ist Land, und dennoch können wir es nicht erreichen. Die ›Vesta‹ fährt vier Knoten in der Stunde, daran ist kein Zweifel, also müßten wir in zwei Stunden dort sein, und dennoch nähern wir uns ihm nur fast unmerklich.«

»Vielleicht ist es der berühmte Riesenfisch aus Tausend und eine Nacht, auf dessen Rücken Wälder wachsen können, während er schläft,« scherzte Hope Staunton.

»Fast scheint es so. Aber was sollen wir tun? Weiß eine der Damen einen Rat, um dieses Rätsel zu ergründen?«

Alle überlegten.

»Ich wüßte etwas, was uns schnell dorthin bringen würde,« begann endlich Johanna, »wir wollen dem ›Amor‹ signalisieren, zu uns zu dampfen. Dann nimmt er uns in Schlepptau, und in einer Stunde sind wir auf der Insel.«

Der Vorschlag fand allgemeinen Beifall, die Flaggen gingen hoch, und zehn Minuten später lag der ›Amor‹ unter vollem Dampf vor die ›Vesta‹ gespannt.

Auch die Herren konnten sich die Erscheinung nicht erklären, sie kamen auf allerlei Vermutungen, aber eine bestimmte Meinung wagte niemand auszusprechen.

Warum kam man dieser Insel nur so langsam näher? Es war doch keine Strömung vorhanden, welche die Schiffe in der Fahrt gehemmt hatte.

»Gibt es ein Geisterschiff, dann kann auch eine Geisterinsel existieren,« meinte Williams, »aber einen Besuch wollen wir ihr doch abstatten.«

Seit der ›Amor‹ schleppte, näherte man sich der rätselhaften Insel sehr schnell, und eine Stunde später konnte man sie vollkommen erkennen.

Es war allerdings eine Insel, nicht gerade bewaldet, aber doch mit einer üppigen Vegetation bedeckt, hauptsächlich mit hohem Graswuchs und Büschen. Im ganzen mochte sie wohl einen halben Quadratkilometer groß sein.

Jetzt wurde man zweifelhaft, ob es nur vorhin eine Täuschung gewesen war, daß sie sich bewegt hatte; die meisten meinten, die Schiffe wären durch irgend etwas im Laufe gehemmt worden.

Aber die Lösung sollte bald von anderer Seite erfolgen.

Die Schiffsglocke schlug acht Glasen, Mittag, und mit dem letzten Schlag kam Hannes an Deck, der bis jetzt geschlafen hatte und nun zur Wache an Deck gehen wollte; kaum hatte er einen Blick auf das Eiland am Horizont geworfen, als er ausrief:

»Eine schwimmende Insel!«

»Eine schwimmende Insel?« klang es überall erstaunt zurück.

»Was ist denn weiter dabei?« erklärte Hannes. »Solche sind in dieser Gegend nichts Seltenes, wenn längere Zeit Sturm gewesen ist. Hier herum gibt es überall größere und kleinere Inseln, und wenn dann die Wälder ordentlich vom Sturm zerzaust sind, dann bilden sich immer solche Dinger.«

Jetzt blitzte es auch bei den anderen verständnisvoll auf.

Sie fanden sich vor einer ebensolchen Naturerscheinung, vor einer schwimmenden Insel, von welcher schon Kolumbus während seiner Reise nach Westindien überrascht wurde, aber natürlich hatte damals seine Erzählung keinen Glauben gefunden. Er hatte damals eine meilengroße, schwimmende Insel angetroffen, doch konnte er sie nicht betreten, weil die Ufer zu sehr mit morastigem Boden, auf dem nur Schilf wuchs, eingefaßt waren.

Schwimmende Inseln sind in tropischen Breiten tatsächlich keine seltene Erscheinung.

Der Sturm entwurzelt auf dem Festlande und auf Inseln Bäume und Sträucher und schleudert sie ins Meer. Die treibenden Stämme vereinigen sich, an ihren Aesten hängen Schlingpflanzen, diese verflechten sich mit einander, immer mehr Bäume und Büsche treiben zusammen, an den Wurzeln hängt noch Erde, die Rinde ist mit dichtem Moos belegt, auf dem andere Pflanzen vegetieren können. Und wenn man bedenkt, daß ein Tag in den Tropen dieselbe Produktionskraft besitzt, wie eine Maienwoche in Deutschland, so erklärt es sich, daß ein Samenkorn, welches sich auf diese künstliche Insel niederläßt, bald zur Pflanze geworden ist.

Aber so schnell, wie diese Insel entstanden ist, kann sie auch wieder zerstört werden. Ein einziger Sturm genügt, um sie vollkommen verschwinden zu lassen, und die losgerissenen Bäume treiben dann so lange auf dem Meere umher, bis sie sich wieder mit anderen vereinigt haben.

Eine solche Insel hatten jetzt unsere Freunde vor sich, und nun konnten sie sich erklären, warum das Segelschiff sich ihr so langsam genähert hatte. Die Insel war ebenfalls mit dem Winde getrieben, nur etwas langsamer als das Schiff, in dessen Segeln sich der Wind besser fangen konnte.

Jetzt waren sie nur etwa noch eine Seemeile von ihr entfernt.

»Los die Stahltrosse!« kommandierte Ellen.

Klatschend fiel das stählerne Tau ins Wasser und wurde von den Vestalinnen an Bord geholt. Der ›Amor‹ stoppte im Laufe und hielt sich neben der ›Vesta‹.

»Wollen Sie an der Insel anlegen?« fragte Harrlington hinüber.

»Gewiß,« entgegnete Ellen, »wir legen an und statten ihr einen Besuch ab.«

»Aber Sie werden Schwierigkeiten haben, wieder von ihr freizukommen.«

Ellen wurde nachdenklich.

Es war in der Tat leicht an die Insel heranzufahren, aber sehr schwer, so ein großes Schiff wie die ›Vesta‹ wieder abzusetzen. Schon bei zwei Segelschiffen, welche doch zu steuern sind, bereitet das Schwierigkeit, vielmehr aber noch bei einem Gegenstand, welcher schwimmt, aber nicht zu lenken ist.

»Ich versuche es doch,« entgegnete die Kapitänin schließlich, »es wird uns schon gelingen. Im Notfall können Sie uns ja freischleppen.«

»Einverstanden,« rief Harrlington, »fahren Sie in Gottes Namen hin! Wir bleiben dicht neben der ›Vesta‹.«

Aber von ganz unerwarteter Seite wurde gegen dieses Manöver Einspruch erhoben.

Schon gab Ellen die Kommandos, die ›Vesta‹ nach der Insel zu steuern, schon ordnete Harrlington an, daß der ›Amor‹ neben ihr bleiben sollte, als Hannes vor den Kapitän trat und energisch rief:

»Sie wissen ja gar nicht, was Sie tun. Glauben Sie, Sie könnten von einer schwimmenden Insel je wieder freikommen? Nie wieder, so lange sie nicht zerstört wird und wenn Sie jahrelang daran kleben bleiben.«

Harrlington sowohl, wie Ellen, welche an die Bordwand getreten war, hatten diesen Worten erstaunt zugehört.

»Aber warum denn nicht?« fragte Ellen.

»Die ganze Insel ist rings von Schlingpflanzen umgeben, und sobald sich das Schiff ihnen nähert, legen sie sich um den Kiel und hauptsächlich um das Steuer herum. An ein Lenken des Schiffes ist dann gar nicht mehr zu denken.«

»Der ›Amor‹ kann uns ja wieder wegschleppen,« entgegnete Ellen auf diese eifrige Rede.

»So dumm werden wir wohl nicht sein und Ihnen nachfahren,« war die selbstbewußte Antwort. »Kommt der ›Amor‹ in die Schlingpflanzen hinein, so ist er noch hilfloser als die ›Vesta‹, denn die Schraube verwickelt sich und ohne Taucher kommt er im ganzen Leben nicht wieder frei.«

Daran hatte allerdings noch niemand gedacht, aber man mußte dem jungen Matrosen recht geben, der doch bei weitem mehr Erfahrung in derartigen Angelegenheiten hatte.

»Dann schlage ich vor, wir fahren in Booten an die Insel,« sagte Ellen wieder, »und wenn die Herren damit einverstanden sind, so können wir zu gleicher Zeit probieren, welches Schiff das schnellste Boot und die besten Ruderer besitzt.«

Einen besseren Vorschlag hätte Miß Petersen nicht machen können, sofort war das englische Blut erwacht, das auch in den Adern der Amerikaner fließt. Wenn es bei den Engländern um eine Wette geht, so hat alles andere zu schweigen, da gibt es keine Schonung, keine Rücksicht, kein Erbarmen mehr, und wenn es das Leben gilt und direkt in die Hölle geht.

Hätte vorhin Ellen gesagt: Ich wette, daß ich von der Insel freikomme, so würde der besonnenste Widerspruch nichts dagegen geholfen haben, aber sie war zu vernünftig, um solch einen Versuch zu machen, und begnügte sich damit, auf andere Weise die Insel betreten zu können.

Kaum aber war der Vorschlag aus ihrem Munde, die Kräfte im Rudern gegenseitig zu messen, so scholl auch schon vom ›Amor‹ sowohl, als von der ›Vesta‹ der Ruf:

»Es gilt! Um was geht die Wette?«

Um Geld konnte sie nicht gut gehen, daraus machten sich beide Teile nichts, dessen Verlust hätte sie nicht im mindesten geschmerzt; es mußte also etwas anderes sein.

Während die Boote in stand gesetzt wurden und die Herren und Damen sich zum Wettrudern rüsteten, wurden verschiedene Meinungen laut, aber keine fand den Beifall aller, und die von Sir Hendricks, daß die Verlierer an Bord der Gewinner acht Tage lang als Sklaven dienen sollten, wurde von den Vestalinnen mit Abscheu zurückgewiesen.

»Dann muß ich wieder einmal mit meiner Weisheit glänzen,« begann endlich Williams. »Meine Damen und Herren, was sagen Sie zu diesem Vorschlag? Auf Sumatra und Java wütet der Kampf zwischen Atchinesen und Holländern schlimmer denn je, fast alle Soldaten der letzteren sind Ausländer, keine Holländer, und nur in fremde Dienste getreten, weil sie durch hohen Lohn verlockt wurden. Aber es sind nicht nur Abenteurer, welche freiwillig die Waffen für ein fremdes Volk ergriffen haben, gar viele haben es nur darum getan, um ihre Angehörigen in der Heimat ernähren zu können, eben wieder darum, weil der Verdienst für sie ein sehr großer ist. Als sie sich zur Fremdenlegion einschreiben ließen, dachten sie nicht, daß einige Monate später der heftigste, grimmigste Krieg entbrennen würde. Unter den vergifteten, absolut tödlichen Pfeilen fallen sie nun zu Tausenden – dadurch sparen die Holländer das Invalidengeld – und ihre Angehörigen in der Heimat warten vergebens auf die monatliche Sendung. In Batavia, wohin wir vielleicht auch noch kommen, gibt es viele reiche Holländer, Engländer und so weiter ...«

»Aber was wollen Sie denn eigentlich?« unterbrach Thomson den Sprecher lachend, »Sie sehen, die Boote warten schon auf ihre Bemannung, und wenn Sie so weiterreden, so schwimmt uns schließlich die Insel noch davon.«

»Wäre schon längst fertig gewesen, wenn Sie mich nicht unterbrochen hätten,« sagte Charles gelassen, »und alle diese können einmal ihren Geldbeutel auftun ...«

»Eine Kollekte?« unterbrach ihn wieder jemand.

»Nein. Derjenige Teil, welcher verliert, Engländer oder Amerikanerinnen, ist verpflichtet, in Batavia eine Spezialitäten-Vorstellung zu geben, woran jeder einzelne teilnehmen muß.«

Ein lautes Bravorufen unterbrach den Redner.

»Aber wer nun nichts zeigen kann?« sagte Harrlington. »Der muß wenigstens eine Grimasse ziehen. Wir Männer können übrigens ganz unbesorgt sein, denn wir gewinnen doch.«

»Oho,« riefen die Damen, »das wollen wir doch erst sehen.«

»Gut, es gilt,« sagte Ellen lachend, »der verlierende Teil ist verpflichtet, in Batavia eine Vorstellung zu geben, zu Gunsten der Hinterbliebenen der gegen die Atchinesen Gefallenen. Sir Williams, als was treten Sie auf?«

»Als Clown,« entgegnete Miß Thomson für ihn.

»Erst abwarten, jetzt in die Boote!«

Auf der Insel war am äußersten Saum ein Baum zu erkennen, dessen Zweige weit über das Wasser ragten. Wessen Boot zuerst diese Zweige berührte, oder wer im Falle, daß ein völliges Einfahren nicht möglich war, am weitesten und zuerst dahin vordrang, der hatte gewonnen. Nur die ersten zwei Boote kamen natürlich in Betracht.

Ein jedes Schiff stellte zwei Boote, und in diese begaben sich jetzt die besten Ruderer, in jedes acht, und als die Schiffsglocke das Zeichen gab, fuhren sie zur gleichen Zeit ab.

Anfangs hielten sich alle vier Boote dicht nebeneinander, aber bald bemerkten die Vestalinnen, daß sie doch ihre Kräfte überschätzt hatten, wenn sie glaubten, mit den Engländern gleiche Fahrt halten zu können. Sie hatten sich allerdings in letzter Zeit fortwährend im Rudern geübt, die Engländer dagegen gar nicht, und hätte die Wettfahrt in leichten Rennbooten stattgefunden, wie sie auf Flüssen und Seen zur Anwendung gelangen, und in denen es fast nur noch auf Geschicklichkeit ankommt, so wäre der Sieg ihnen allerdings nicht entgangen, aber Seeboote sind keine Rennboote. Wohl sind sie auf guten Schiffen auch scharf und schlank gebaut, aber sie dürfen doch bei weitem nicht jene dünnen Planken besitzen, wie sie die Wettboote aufweisen, in ihnen entscheidet mehr die Kraft, und darin waren die englischen Sportsleute den Vestalinnen natürlich überlegen.

Es dauerte nicht lange, so kamen die beiden englischen Boote langsam, aber doch sicher vor, und so sehr sich die Mädchen auch in die Riemen legten, wie sie auch vor Anstrengung glühten, den einmal gewonnen Vorsprung konnten sie nicht wieder einholen.

Das erste Boot war das von Lord Harrlington gesteuerte, im zweiten saß John David am Steuer, denn Lord Hastings, welcher sich im zweiten Boot befand, hatte man einen Riemen gegeben, und das war zum Nachteil. Sie waren nicht mehr weit von der Insel entfernt, als plötzlich Hastings Riemen mit einem Knacks abbrach, und er nur die Hälfte in der Hand behielt. Natürlich war das Boot in der Fahrt gehemmt.

»Noch ein Boot,« rief Ellen, vor Erregung glühend, »noch können wir gewinnen!«

Sie schoß an Hastings vorbei und bekam zum Gruß einen Fluch von den wütenden Engländern nachgeschickt.

Aber nur zehn Meter war Harrlington von dem Ziele entfernt, und immer größer wurde der Abstand der beiden Rivalen. Da geschah etwas, was den Vestalinnen den Sieg zu sichern schien.

Plötzlich geriet der Riemen eines Engländers unter Schlingpflanzen, das Boot wurde in der Fahrt gestoppt, es drehte sich, und an ihm vorüber schoß das Boot Ellens.

»Gewonnen!« rief diese. »Ganz flach die Riemen, damit sie sich nicht auch verwickeln! Noch drei Schläge, dann sind wir da!«

Aber dasselbe Unglück geschah auch bei ihnen, ein Riemen verwickelte sich in den Schlingpflanzen, und auch ihr Boot drehte zur Seite – und das zu ihrem Glücke.

Fast hatte es schon die Zweige des Baumes erreicht gehabt, da sauste ein schwarzer Körper aus den Aesten hervor, gerade auf das Boot zu, und hätte dasselbe sich nicht in demselben Augenblick zufällig gedreht, so wäre er mitten unter die Mädchen gestürzt, so aber verfehlte er sein Ziel, und nur Ellens Schulter streifend, stürzte er in die See.

Der schwarze Sundapanther – denn ein solcher war es – vielleicht schon tagelang ohne Nahrung auf dieser schwimmenden Insel, hatte in seiner Gier den Sprung mit so furchtbarer Gewalt gewagt, daß Ellen, obgleich nur leicht von der Hintertatze gestreift, sofort hintenüber ins Wasser geschleudert worden war.

Unterdes war Harrlingtons Boot herangekommen, und gerade vor diesem tauchte der Panther wieder auf, legte die Pranken auf die Bordwand und suchte sich ins Boot zu schwingen, furchtbar mit den Zähnen nach Harrlington fletschend. Dieser sprang auf, riß aus seinem Gürtel das Schiffsmesser und stieß es der Bestie mit aller Gewalt in den Kopf. Doch der Stoß verfehlte seine Wirkung. Die Klinge brach an dem harten Knochen ab, der Panther ließ mit einem Schmerzgeheul das Boot fahren, fiel wieder ins Wasser und schwamm der Insel zu, wobei er an dem ersten Boot der Mädchen vorbei mußte.

Harrlington hatte gesehen, wie Ellen über Bord geschleudert worden war, und jetzt, obgleich nur wenige Augenblicke vergangen waren, sah er sie immer noch nicht wieder an der Oberfläche.

»Wo ist Ellen?« rief er entsetzt, und fast schien es, als wollte er selbst ins Wasser, um nach der Vermißten zu suchen.

Aber er hatte es nicht nötig.

In diesem Augenblicke tauchten zwei Köpfe über der Oberfläche auf, der von Ellen und der von Johanna, welche die erstere, anscheinend bewußtlos, im Arme hielt und dem Boote zustrebte.

Auch Johanna hatte, ohne sich weiter um den Panther zu kümmern, vergebens gewartet, daß ihre Freundin wieder auftauchte. Und als dies nicht geschah, spähte sie in das wieder beruhigte Wasser. Da sah sie, was dem Mädchen das Emporkommen unmöglich machte.

Ellen hatte sich in den Schlingpflanzen verwickelt und versuchte mit der Kraft, welche man in dem Todeskampfe besitzt, sich freizumachen, aber all ihr Ringen und Wenden hatte nur den Erfolg, daß sie immer fester in das Gewinde geriet.

Johanna stand mit dem Messer in der Hand bereit, zu Hilfe zu springen; aber sie zögerte noch und hielt auch die anderen Mädchen davon ab, und das mit gutem Grunde; denn diejenigen, welche dem Tode des Ertrinkens geweiht sind, klammern sich in ihrer Verzweiflung an jeden Gegenstand, den sie fassen können, und so würde Ellen auch getan haben.

Kaum aber ließen ihre Bewegungen an Heftigkeit nach, so glitt Johanna über den Bootrand, einige Schnitte mit dem Messer und sie tauchte wieder an die Oberfläche, die bewußtlose Ellen im Arm.

Aber eine neue Gefahr drohte beiden.

Eben als sie auftauchten, schwamm der Panther dem Boote der Mädchen zu, welche nach ihren Revolvern griffen. Als aber die vom wütenden Hunger gepeinigte Bestie die Köpfe sich im Wasser bewegen sah, änderte sie sofort ihre Richtung und strebte diesen zu.

Ein Schrei des Entsetzens erscholl ringsum. Nur ein Meter Zwischenraum trennte die beiden Mädchen von dem Raubtier, und an einen sicheren Schuß im schwankenden Boot war nicht zu denken, ohne eine neue Gefahr für die Freundinnen herbeizuführen.

Da, im letzten Augenblick, kam in voller Fahrt das von Davids gesteuerte Boot angeschossen, vorn im Bug Lord Hastings stehend, den halben Riemen wie eine Keule schwingend, und ehe der Panther sein Opfer erreicht hatte, sauste der Hieb herab. Mit zerschmettertem Schädel wollte das Tier untersinken; aber schon hatte Hastings es beim Genick gepackt und mit einem Ruck ins Boot geworfen.

Im nächsten Augenblick waren auch Ellen und Johanna geborgen.

Dies alles hatte sich bedeutend schneller zugetragen, als man erzählen kann, und nun richtete sich die Besorgnis auf die ohnmächtige Ellen. Doch deren kräftige Natur hatte sich bald erholt, sie war ja nur eben so lange unter Wasser gewesen, als sie es ohne Luft hatte aushalten können, und bald war sie so weit wiederhergestellt, um ihr Boot unter eigener Führung nach der ›Vesta‹ steuern zu können.

Nicht lange dauerte es, so war die anfangs erregte, dann gedrückte Stimmung wieder von einer allgemeinen Fröhlichkeit verdrängt. Während der langsamen Rückfahrt nach den Schiffen wurde jedes Detail des eben Erlebten nochmals besprochen. Viele hatten nicht einmal alles gesehen, verschiedene Meinungen wurden laut, wie der Panther auf die schwimmende Insel gekommen war, an deren Besichtigung gar niemand mehr gedacht hatte, und schließlich kam man auch darauf zu sprechen, wer eigentlich das Wettrudern gewonnen hatte.

Niemand war so unbescheiden, sich den Sieg zusprechen zu wollen.

»Aber soll das Erträgnis der Wette,« rief Williams aus seinem Boote, »den armen Soldaten verloren gehen?«

Auch das wollte niemand; und nach langem Disputieren kam man dahin überein, daß, da weder die Herren, noch die Vestalinnen gewonnen hatten, beide Teile als Verlierer gelten, das heißt, sich in Batavia an der Vorstellung beteiligen sollten, und zwar so, daß sowohl der ›Amor‹ wie die ›Vesta‹ eine gleiche Anzahl von Mitgliedern auswählte, welche sich am besten eigneten oder sich freiwillig meldeten.

Lachend wurde dieser Vorschlag angenommen.

14.

Sechs Jahre zurück.

Der Gedanke bindet sich weder an Zeit, noch Raum, er kann in einem Augenblicke Jahrtausende durchfliegen, er legt den Weg nach dem entferntesten Stern schneller als der Blitz zurück, wie er auch ein ganzes Leben lang bei einer Minute verweilen kann.

Deshalb ist auch der liebe Leser im stande, mit mir im Geiste über den Großen Ozean zu fliegen. Wir verlassen die Gegend, an welcher sich die letzten Vorgänge abgespielt haben und eilen östlich, immer weiter, über das Wasser hinweg, bis wir die Westküste Nordamerikas hinter uns haben. Aber noch lassen wir uns nicht nieder, wir schweben über das Felsengebirge und sausen durch die Lüfte, daß die schnelle Pacificbahn im Vergleich mit uns wie eine Schnecke zu kriechen scheint.

Riesige Wälder, unendliche Prärien, bebaute Landschaften huschen wie Schatten vorbei, aber sie hemmen unseren Flug nicht, bis wir uns von selbst in einer blühenden Gegend wieder zur Erde begeben.

So weit das Auge reicht, erblickt es Zuckerrohr-, Mais-, Baumwollen- und Tabaksfelder; im Norden schließt sich ein Urwald an, durch den man tagelang reisen kann, ohne sein Ende zu erreichen, und da, wo der Boden nicht von fleißigen Händen nutzbar gemacht worden ist, trägt er den Charakter der ursprünglichen Beschaffenheit der Prärie.

Wir sind in Louisiana, und die Plantage, auf welcher wir uns von der langen Reise erholen wollen, gehört Mister Jones Flexan, dem reichsten Pflanzer der ganzen Gegend.

Wenn jemand nicht glauben wollte, daß alle diese unabsehbaren Felder, diese Kaffeewälder, die zahllosen Rinder- und Pferdeherden, die sich auf der Prärie tummelten, einem einzigen Manne gehörten, daß alle diese Tausende von Feldarbeitern, Cowboys und Aufsehern dem Winke eines einzigen gehorchten, der brauchte nur in das herrschaftliche Haus, nein, in den Palast zu treten, der sich inmitten eines paradiesischen Parkes erhebt, und er würde überzeugt werden von der Pracht und dem Glanze, der ihm aus den Sälen entgegenstrahlt, von der zahllosen Dienerschaft, welche nicht weiß, wie sie den Tag verbringen soll, weil niemand ihrer Dienste begehrt, bis sich einmal im Monat diese Räume mit eleganten Herren, und schönen glutäugigen Damen füllen, und dann alle ihre aufgesammelte Kraft gebraucht wird.

Und dieser einzige, dem alles gehört und alles gehorcht, ist Jones Flexan, der Stiefvater von Ellen Petersen, der Universalerbin aller dieser Reichtümer, denn der Verbindung zwischen Flexan und der verwitweten Mistreß Petersen waren keine Kinder entsprossen.

Was Jones Flexan früher gewesen? Man wußte es nicht. Dunkle Gerüchte gingen über sein Vorleben um, aber behauptet konnte nichts werden, und dem allmächtigen Gebieter gegenüber verstummte der dreisteste Mund.

Nicht einmal Ellen wußte, wie ihre geistig so tiefbeanlagte, schwärmerische und poesievolle Mutter, welche nach dem Tode ihres Gemahls nur noch dem Andenken desselben zu leben gewillt schien, ihr Herz zum zweiten Male an einen Mann verlieren konnte; er mußte auf sie eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausgeübt haben, denn die südländische Schönheit des damals etwa vierzigjährigen Mannes konnte sie allein unmöglich berückt haben, eher die bestechenden Eigenschaften des Kavaliers.

Auch Ellen besaß den phantastischen Sinn, das zur Schwärmerei beanlagte Herz ihrer Mutter, aber sie hatte zur gleichen Zeit die Energie und das scharfe Auge ihres Vaters geerbt, eines Kanadiers, der sich hier unten mit eisernem Fleiße und nimmer zu beugender Tatkraft vom armen Bauer zum reichsten Pflanzer emporgearbeitet hatte, und das Erbteil des letzteren, der kalte Blick, war es, welcher dem jungen Mädchen, damals fünfzehn Jahre alt, lehrte, daß sie den Vater nicht lieben durfte, sich sogar vor ihm hüten mußte.

Er war stets freundlich, zuvorkommend gegen sie, wie er sich überhaupt gegen jede Dame mit einer chevaleresken Höflichkeit benahm, und bei keiner verfehlte der stattliche Mann mit den schönen Zügen, dem schwarzen Lockenkopf und dem prächtigen Bart à la Henri quatre den gewünschten Eindruck, den er hervorzubringen beabsichtigt hatte; nur Ellen wurde gerade von dieser Zuvorkommenheit abgestoßen.

Warum nur hatte dieser Mann graue Augen, während zu seinem Typus doch schwarze gehörten –, doch dafür konnte er nicht – aber warum ließ er den stechenden Blick immer, wenn er sich unbeobachtet glaubte, mit so seltsamem Ausdrucke auf Ellen haften? O, das junge Mädchen war schlau, oft genug hatte es ihn im Spiegel beobachtet. Und vor allen Dingen, warum ließ er, trotzdem Ellen ihm ihre Abneigung auf jede Weise zu erkennen gab, nicht in seinen höflichen Bemühungen um sie nach, die sich gar nicht für einen Stiefvater schickten?

Ein unnennbarer Widerwille stieß sie von dem Manne ab, und nur aus Liebe zu ihrer Mutter gab sie sich den Anschein, als habe sie vor dem neuen Vater Achtung.

Schon ein Jahr nach ihrer zweiten Vermählung starb die Mutter; ein Herzschlag hatte sie dahingerafft, sie aus dem blühendsten Leben herausgerissen, und nie konnte Ellen den furchtbaren Blick vergessen, den Mister Flexan ihr zuwarf, als er die Todesnachricht erhielt.

Sie beide saßen gerade allein am Frühstückstisch, nur das Erscheinen der Mistreß Flexan erwartend, welche noch Morgentoilette machte.

Eben sagte er dem jungen Mädchen einige Schmeicheleien über ihr frisches Aussehen, als ein Kammermädchen schreiend hereinstürzte und die furchtbare Nachricht brachte, die Mistreß sei von einem plötzlichen Unwohlsein befallen worden – sei zu Boden gestürzt – sei tot.

Als Vater und Tochter in das Zimmer eilten, überzeugten sie sich auf den ersten Blick, daß hier keine Rettung mehr möglich war, sie standen vor einer Leiche.

Tränenlos, das Unmögliche noch nicht glauben könnend, kniete Ellen vor dem entseelten Körper ihrer geliebten Mutter, da weckte sie ein furchtbarer Fluch aus ihrem Brüten, und als sie aufblickte, sah sie Flexan vor sich stehen, die Fäuste wie im Krampf geballt, die Züge wutverzerrt, die Lippen blau, die Augen aus den Höhlen getreten und mit einem Blick auf das knieende Mädchen gerichtet, der ihr das Blut erstarren machte. Nicht Schmerz konnte es sein, der ihn zu diesem Aussehen brachte, denn ein Fluch entfuhr dem verzerrten Munde, ein Fluch, wie ihn so schrecklich Ellen noch nicht von dem rohesten Cowboy gehört hatte.

Kurz drehte er sich auf den Hacken herum und begab sich in sein Zimmer, in das er sich einschloß und aus dem er die Bestattung der Leiche leitete, ohne sich selbst sehen zu lassen. Erst bei dem letzten Gange zeigte er sich wieder den Augen Ellens und verstand es vortrefflich, seinem Benehmen den Ausdruck des höchsten Schmerzes zu verleihen.

Alle täuschte er so, nur Ellen nicht.

Die ärztliche Untersuchung der Leiche hatte ergeben, daß Mistreß Flexan die beste Hoffnung gehabt hatte, Mutter zu werden.

Kaum war das Leichenbegängnis vorüber, als Mister Flexan, der dem Mädchen schon wieder die alte Höflichkeit entgegenbrachte, ihr die Mitteilung machte, daß er seinen Neffen, den Sohn eines verstorbenen Bruders, nach der Plantage kommen lassen würde.

Ellen hörte gar nicht darauf, was der Stiefvater ihr vom glücklichen Zusammenleben und von der Freundschaft erzählte, die sie bald an seinen Neffen fesseln würde, wie er ihr den liebenswürdigen Charakter des Erwarteten in den glühendsten Worten schilderte – das ließ sie alles gleichgültig, ihr Herz war noch todeswund, und mehr denn je schweifte sie zu Pferd und zu Fuß durch die Wälder und Prärien, um ihren Schmerz heilen zu lassen.

Nach einigen Wochen kam denn auch der Neffe, Eduard Flexan, dessen der Stiefvater bei jeder Gelegenheit Erwähnung getan hatte, aber wie war Ellen erstaunt, als sie in dem zwanzig Jahre alten Manne das völlige Ebenbild ihres Stiefvaters sah.

Dieselbe Gestalt, dieselben Haare, Züge und vor allen Dingen dieselben grauen Augen, Bewegungen und überaus höflichen Manieren.

»Und das soll nur sein Neffe sein?« sagte sich Ellen immer und immer wieder, als sie nach der ersten Begrüßung sich wieder allein überlassen war. »Nimmermehr! Eine solche Ähnlichkeit kann nur zwischen Vater und Sohn existieren. Doch wie es auch sein mag, er sagt ja selbst, er wäre nicht verheiratet gewesen. Mir kann es völlig gleichgültig sein, der Besuch soll mir als sein Neffe gelten.«

Natürlich wurde Eduard Flexan völlig als Familienmitglied betrachtet und nahm dieselben Rechte in Anspruch, wie sie dem Sohne des Hauses zugekommen wären. Ellen hätte sich über ihn nicht zu beklagen brauchen, ja, sie hätte ihn sogar gern um sich geduldet, denn noch nie hatte sie Gelegenheit gehabt, mit einem Manne zu verkehren, der alle Vorzüge besaß, welche das Herz eines Mädchens bestechen: Jugend, Schönheit, Geist und Fertigkeit in ritterlichen Hebungen. In der Tat, Eduard Flexan war kein gewöhnlicher Mann. Ellen hatte oft Gelegenheit, seinen Scharfsinn zu bewundern, oft wurde sie von seiner Unterhaltung hingerissen, mußte über seine geistvollen Witze lachen, und ebenso mußte sie zugeben, daß er in allen Eigenschaften, wie sie einem Kavalier zukommen, so weit es Kraft und Gewandtheit anbetrifft, nichts zu wünschen übrig ließ.

Nur das eine stieß auch ihn von ihr zurück: die Aehnlichkeit mit ihrem Stiefvater, besonders der Blick des grauen Auges, mit dem auch er sie oft, wenn sie sich abwendete, verfolgte, aber nicht höhnisch lächelnd oder drohend, sondern heiß, glühend, verlangend, und dann bemerkte sie wieder, wie sich die Augen der beiden Männer suchten und verständnisvoll begegneten.

Ellen war kein Kind mehr; im Süden reifen die Menschen schnell, auch wenn sie nordisches Blut in den Adern haben, und so bemerkte das sechzehnjährige Mädchen auch bald, daß sich hinter dem höflichen Benehmen Eduards noch etwas anderes verbarg als Artigkeit, welche ihn zwang, sich immer in der Nähe seiner schönen Cousine aufzuhalten.

Seit dem ersten Augenblicke, da sie an seinem heißen Blicke erkannte, daß er sie liebe, zog sich eine Scheidewand zwischen beide, unsichtbar, aber auch unübersteiglich.

Sie wußte nicht warum, aber seitdem begann sie ihn ebenso zu hassen, wie ihren Stiefvater, und als sie einst zufällig erfuhr, daß sie ihre Ahnung nicht betrogen hatte, daß der Stiefvater den vorgeblichen Neffen nur nach der Plantage hatte kommen lassen, um eine Verbindung mit der reichen Erbin herbeizuführen, da verwandelte sich der Haß in Verachtung.

Ellen forderte ihn nicht mehr auf, an ihren Spazierritten teilzunehmen, sie duldete seine Begleitung nur noch ungern, und als er die ihm entgegengebrachte Kälte gar nicht zu bemerken schien, schlug sie ihm sogar seine Bitte, sie begleiten zu dürfen, einfach ab. Als auch dies nichts nutzte, ihn von ihr zu entfernen, sagte sie ihm schließlich einmal mit dürren Worten, er möchte sich nicht mehr um sie bemühen, seine Gesellschaft wäre ihr lästig.

Aber der junge Mann wußte es trotzdem so einzurichten, daß er das Mädchen traf, natürlich wie zufällig, und er belästigte es mit Zudringlichkeiten. Diese Rücksichtslosigkeit, dieses Wegleugnen jeden Ehrgefühles brachte das Mädchen so auf, daß es allen Ernstes darauf sann, sich dieses Menschen zu entledigen.

Entweder er oder sie, eines von beiden mußte die Plantage verlassen, weil dieselbe noch viel zu klein war, um beider Wege sich nicht kreuzen zu lassen.

Monat nach Monat verging, des Neffen Betragen wurde immer zudringlicher, sein Blick immer dreister, der des Stiefvaters immer aufmunternder, da traf Eduard sie einst im Walde. Beide waren zu Pferd.

Ellen wollte umkehren und den Weg zurückreiten, aber schon war der Cousin an ihrer Seite und begrüßte sie, ohne darauf zu achten, daß sie den Kopf abwandte.

Seine Worte, erst ganz einfach angefangen, nahmen nach und nach eine andere Wendung und, sei es, daß er selbst den Entschluß gefaßt hatte, sei es, daß sein Onkel ihn dazu angetrieben, er sagte zum ersten Male frei heraus, daß er Ellen liebe, daß er sie zum Weibe begehre.

»Lassen Sie mich allein reiten!« entgegnete diese kalt. »Ich habe nichts weiter zu sagen als nur, daß ich mich über Ihre Keckheit, wenn man Ihr Benehmen noch so nennen kann, wundere, da ich Ihnen doch stets gezeigt habe, daß ich Ihnen auf jede nur mögliche Weise aus dem Wege gehe.«

Sie lenkte ihr Pferd und ritt zurück, er blieb an ihrer Seite, sie fortwährend belästigend. Ellens Pferd setzte sich in Galopp, er verließ sie nicht, sie trieb es zur Karriere an, er das seinige auch. Da hielt Ellen ihr Pferd, blickte mit blitzenden Augen dem Aufdringling ins Gesicht und sagte:

»Wollen Sie mich nun allein reiten lassen?«

»Und ritten Sie bis ans Ende der Welt, nein, ich bleibe bei Ihnen,« rief der junge Mann, sein Auge wie trunken auf die Züge des Mädchens heftend, das, vom heftigen Reiten erhitzt, noch schöner geworden war.

»So kommen Sie,« sagte Ellen kurz, warf das Pferd herum und galoppierte davon, in den Wald hinein.

Eduard folgte ihr.

Bald standen die Bäume so dicht zusammen, daß ein Nebeneinanderreiten nicht mehr möglich war, Eduard mußte also zurückbleiben. Immer schneller trieb Ellen ihr Pferd an, sie kannte hier ja jeden Baum, jede Wurzel, sie jagte unter den Aesten durch, setzte über die Büsche hinweg, bis sie die Grenze des Waldes erreichte.

Vor ihnen tat sich eine mit Schilf bewachsene Fläche auf, ängstlich wieherte Ellens Roß, es wollte nicht weiter, es bäumte sich, aber seiner Herrin kräftige Hand hatte es bald bemeistert, auch war es ja nicht das erste Mal, daß es diesen Grund betrat, ein alter Cowboy hatte Ellen auf demselben Pferde gelehrt, wie man hier reiten mußte.

Kaum hatte das Pferd den ersten Sprung in das beschilfte Gelände gemacht, so jagte es weiter, leicht und flüchtig, wie ein Reh, mit den Hufen kaum den Boden berührend, der schwankte und ächzte, als klagten Geisterstimmen unter ihm. Jeder Huftritt hinterließ eine Vertiefung, die sich sofort mit schwarzem, stinkigen Wasser ausfüllte.

Erst als Ellen die jenseitige Grenze erreicht hatte, hielt sie das dampfende Pferd an und blickte sich um, ihr Begleiter war ihr ahnungslos gefolgt, das wußte sie, jetzt aber war keine Spur mehr von ihm zu sehen, Roß und Reiter waren verschwunden.

Ellen rief einige Cowboys, welche in der Nähe die Rinderherden bewachten.

»Dort drüben am Rande des Sumpfes ist ein Reiter versunken,« sagte sie, »er versuchte mir zu folgen. Seht zu, daß ihr ihn herausbekommt!«

Lächelnd wickelten die verwegenen Reiter der Prärie ihre Lassos von den Hüften und blickten ihrer jungen Herrin nach, welche in flüchtigem Galopp der Behausung zusprengte.

Einige Stunden später langte in dem Vorhof des herrschaftlichen Gebäudes ein über und über mit Schlamm bedeckter Mann an, auf einem frischen Pferde sitzend, aber das hinter ihm hergeführte Tier hatte dasselbe Aussehen wie er selber.

Als er sich müde aus dem Sattel gleiten ließ, streifte sein Blick die Fenster eines Seitenflügels, und wäre nicht selbst sein Gesicht mit einer dicken Schlammkruste bedeckt gewesen, so hätten die Umstehenden die brennende Röte bemerken können, die plötzlich sein Gesicht überflog.

Drüben im Fenster lehnte Ellen, neben ihr eine junge Frau, und erzählte eine Geschichte, über welche letztere laut auflachte und den Reiter mit noch mehr Neugier zu betrachten schien.

Dieser Streich sollte für Ellen aber noch weitere Folgen haben.

Als sie am Abend desselben Tages beim Nachtessen erschien, fehlte Eduard, wie sie erwartet hatte, dafür aber setzte der Stiefvater ausnahmsweise eine sehr feierliche Miene auf, ließ seine sonstige Höflichkeit ganz weg und hielt dem jungen Mädchen eine lange Strafpredigt, worin er ihm das Unpassende des Betragens vorwarf und ihm überhaupt Vorwürfe machte. Es wäre nun an der Zeit, daß sie ein anderes Leben begänne, die benachbarten Pflanzer hielten sich über sie auf, über ihren steten Umgang mit den Cowboys und so weiter.

Es dauerte nicht lange, so artete das Gespräch in einen heftigen Streit aus, ein Wort gab das andere, Ellen verbat sich jede Bevormundung, und der Schluß war, daß das junge Mädchen erklärte, das väterliche Besitztum verlassen zu wollen, wo ihr der Aufenthalt durch fremde Menschen unerträglich gemacht würde.

Ellen hielt Wort.

Einige Wochen später reiste sie nach New-York zu einer ihrer Mutter befreundeten Familie, ohne von ihrem Stiefvater, noch von dessen Neffen, den sie überhaupt nicht mehr zu sehen bekommen hatte, Abschied genommen zu haben.

Das einzige, was sie noch schwankend gemacht, ob sie ihren Vorsatz ausführen sollte oder nicht, war ein Kind, ein kleines Mädchen, Martha, an der sie mit ihrer ganzen Seele gehangen hatte.

Vor etwa einem Jahre war Mister Flexan von einer Reise nach dem Norden Amerikas zurückgekehrt und hatte zur Verwunderung Ellens und der ganzen Dienerschaft ein einjähriges Kind und eine Wärterin mitgebracht. Er erzählte eine lange Geschichte, es wäre die Tochter einer Verwandten, die er bei dieser Reise in großer Armut aus dem Sterbebette getroffen habe, und sein Herz sei bei dem Anblicke des kleinen Wesens so von Mitleid überwältigt worden – wie er sagte – daß er sich nicht habe entschließen können, das Kind fremden Händen zu übergeben, sondern es gleich mitgenommen hätte.

Unterwegs habe er in einer anderen Stadt eine junge Witwe engagiert, welche für Martha sorgen sollte, und da diese sich nun einmal an das Kind gewöhnt habe, könnte sie gleich auf der Farm bleiben.

Der scharfsichtigen Ellen entging es nicht, wie sich bei dieser Erzählung des Mister Flexan ein höhnischer Zug um den Mund Eduards legte, und ferner nahm sie wahr, daß sich beide längere Zeit in ein Zimmer zurückzogen, wo ein langes Gespräch gehalten wurde, das schließlich in einen heftigen Wortwechsel ausartete. Es war, als wünsche Eduard den Aufenthalt Marthas auf der Plantage nicht.

Aber das Kind blieb doch auf der Farm, mit ihm die junge Frau, und beide gewann Ellen lieb, besonders ersteres, welches sie unter ihre besondere Hut nahm.

Es war das einzige Wesen, von dem sie sich bei ihrer Abreise nach New-York ungern trennte; sie versuchte, Martha nebst deren Wärterin mit sich zu nehmen, aber sie stieß bei der ersten Frage an den Mister Flexan auf einen solchen Widerstand, daß sie dieselbe nicht wiederholte.

Ellen hatte in New-York bald einen Kreis von jungen Mädchen um sich versammelt, welche mit ihr in Charakter und Neigungen übereinstimmten, sie gründete den Ruderklub ›Ellen‹ und bestimmte später ihre Freundinnen dazu, mit ihr auf einem Schiff eine Reise um die Erde anzutreten– als Vestalinnen.

Mit ihrem Stiefvater stand sie fast in gar keinem Verkehr, höchstens korrespondierten sie einmal geschäftlich zusammen, wenn Geldangelegenheiten es erforderten. Der reichen Erbin standen natürlich alle Mittel zur Verfügung. Die einzige, mit welcher sie einen Briefwechsel unterhielt, war die Wärterin Marthas, von dieser ließ sie sich über das Befinden des Kindes benachrichtigen, sowie über die Vorfälle auf der Farm, und erfuhr, daß bald nach ihrer Abreise auch Eduard Flexan die Plantage verlassen habe. Es vergingen Jahre, und er kam nicht wieder dahin zurück, niemand, als vielleicht sein Onkel, wußte, wo er sich aufhielt.

Als Ellen eines Abends aus dem Klubhaus kam und in ihre auf sie wartende Equipage stieg, eilte ein Herr an ihr vorüber, der, als er sie erblickte, hastig den Kopf zur Seite wandte und mit beschleunigten Schritten davonlief, als wolle er vermeiden, erkannt zu werden.

»Das war entweder mein Stiefvater oder Eduard,« dachte Ellen, »die beiden sehen sich so ähnlich, wie ein Ei dem anderen. Wüßte nicht, warum er so ängstlich darauf bedacht sein sollte, von mir nicht erkannt zu werden. Nun, laß ihn laufen, desto besser, wenn er mir aus dem Wege geht!«

Zu Hause angekommen, meldete ihr die Kammerzofe, es habe sie ein Herr zu sprechen begehrt und lange im Vorzimmer gewartet.

»Hatte ich Ihnen nicht gesagt, daß ich heute erst abends nach Hause kommen würde?« sagte Ellen. »Warum lassen Sie da den Herrn warten?«

»Das habe ich ihm auch mitgeteilt,« war die Antwort, »aber er schien sehr genau darüber orientiert zu sein, wo Sie sich gerade befanden. Er sagte, er wüßte bestimmt, daß der Ausflug, den die Damen heute vorhatten, nicht stattfände, und daß Sie also bald wieder nach Hause kommen würden.«

»Wie lange hat er gewartet?«

»Etwa drei Stunden.«

»Seine Karte?«

Ellen las einen ihr vollkommen fremden Namen, ebenso paßte die Beschreibung, welche sie sich geben ließ, auf keinen ihr bekannten Herren.

Als sie ihr Schreibzimmer betreten hatte, öffnete sie den Sekretär, um einen bereits geschriebenen Brief zu adressieren und ihn mit dem Stempel zu versehen, den sie gewöhnlich führte. Sie wunderte sich schon, daß die Schublade, in welcher er lag, nicht wie gewöhnlich verschlossen war.

»Eine Vergeßlichkeit von mir,« murmelte sie.

Sie zog die Lade auf und wunderte sich noch mehr, daß der Stempel nicht wie sonst neben dem Farbenkissen, sondern auf demselben lag, wohin sie ihn nie legte, weil dadurch der Griff mit Farbe beschmutzt wurde.

»Sonderbar,« dachte sie wieder, »bin ich denn bei dem letzten Gebrauch des Stempels ganz konfus gewesen?«

Doch Ellen war zwar eine scharfsinnige, aber offene und arglose Natur, und so grübelte sie nicht weiter darüber, sondern schob diese Unordnung ihrer eigenen Unachtsamkeit zu.

15.

Die Gouvernante.

»Onkel Eduard ist da.«

Mit diesen Worten stürzte ein etwa siebenjähriges Mädchen in das Arbeitszimmer von Jones Flexan und umklammerte die Kniee des noch immer schönen Mannes.

»Eduard?« fragte Mister Flexan erstaunt und hob die Augen von dem Zeitungsblatt, in dem er eben las: »Du irrst wohl, Kind!«

»Nein, nein, eben ist er aus dem Wagen gestiegen und ins Haus gekommen. Er hat einen ganz großen Koffer mit. Ob er mir wohl wieder etwas mitgebracht hat?«

»Gehe zu der Tante, Martha, und laß mich allein,« sagte Flexan kurz aber nicht unfreundlich. »Wenn es wirklich so ist, so kannst du zu Eduard nachher guten Tag sagen.«

»Mister Flexan,« meldete in diesem Augenblick ein Diener.

Der Herr gab ihm einen Wink, das Kind durch eine Seitentür mit hinauszunehmen und erwartete sichtlich unruhig den Eintretenden. Schnell musterte er noch einmal im Spiegel sein Gesicht und fuhr mit dem Taschentuch über die Backen, als könne er damit eine brennende Röte verwischen, die plötzlich darauf entstanden war.

War Eduard schon früher eine interessante Erscheinung gewesen, so hatte er sich nun zur männlichen Schönheit entwickelt, er besaß jetzt dasselbe Aussehen seines Onkels, welches einst das Herz der Mistreß Petersen zu betören vermocht hatte, dem unbekannten Fremdling die Hand zum ewigen Bunde vor dem Altar zu reichen.

Der schwarze Anzug saß wie angegossen an dem schlanken Körper, man hätte es nicht für möglich gehalten, daß eine solche breite Brust zu diesen schmalen Hüften passe, wenn man nicht die ganze Erscheinung vor sich sah, an welcher alles Harmonie zu sein schien. Das edle Gesicht war von der langen Fahrt auf sonnigem Wege etwas gerötet, aber diese Farbe harmonierte umso besser mit dem langen, schwarzen Schnurrbart, der dem jungen Mann einen noch kühneren Ausdruck verlieh.

Erst jetzt nahm er mit einer nachlässigen Bewegung den Hut vom Kopf, wischte sich mit dem Tuch über die Stirn, und nur, wer ihn ganz scharf betrachtete, konnte bemerken, mit welch seltsamem Ausdruck dabei seine grauen Augen den vor ihm Stehenden streiften, welcher noch immer wortlos den Eingetretenen betrachtete.

»Eduard,« begann er endlich und schob ihm einen Stuhl zu, auf welchem sich dieser niederließ, »was führt dich hierher? Ohne Nachricht, ohne Anmeldung? Es sind schon Jahre vergangen, seitdem du mir keinen Brief von dir zukommen ließest, es sei denn, daß dir die bewilligten Wechsel nicht genügten. Wo hältst du dich auf? Was treibst du? Bist du fortwährend auf Reisen?«

»Du stellst viele Fragen mit einem Male, Onkel,« erwiderte der Gefragte lächelnd. »Erlaube mir vor allen Dingen, mich nach deiner Gesundheit zu erkundigen. Steht noch alles beim alten?«

Es erfolgten einige allgemeine Fragen und Antworten, wie sie nach langjähriger Trennung erklärlich sind, hauptsächlich die Plantage betreffend.

»Und nun Onkel,« begann Eduard nach kurzer Pause, »eine Frage, welche mich hauptsächlich hierhergeführt hat.«

Mister Flexans Züge nahmen mit einem Male einen gespannten, unruhigen Ausdruck an, es war, als fürchte er eine bestimmte Frage.

»Nun, welche?«

»Hast du schon von Ellen gehört?«

Wieder warf der ältere Herr seinem Neffen einen unsicheren Blick zu, als er erwiderte:

»Soeben lese ich in der ›Times‹ den neuesten Bericht über das Mädchen, es hat sich vollkommen emanzipiert, Freundinnen gewonnen und verleitet diese nun zu den tollsten Streichen.«

»So weißt du von den Vestalinnen?«

Es entging dem Ohre des Mister Flexan Senior nicht, daß die Frage etwas höhnisch klang.

»Davon erfuhr ich bereits vor etwa einem Monat, jetzt bringen die Zeitungen Berichte über das Abenteuer, welches die Vestalinnen mit dem Mädchenhändler bestanden haben.«

»So, hm, und was sagst du dazu?«

»Ellen wird sich schon noch die Hörner ablaufen und einst als ein vernünftiges Weib zurückkehren.«

»Ich glaube nicht.«

»Warum soll sie nicht? Es hat alles seine Zeit.«

»Warum nicht?« war die spöttische Antwort des Neffen. »Weil Ellen wahrscheinlich überhaupt nicht wieder von dieser Reise zurückkommt.«

Es entging dem Neffen nicht, wie der alte Herr zusammenzuckte.

»Ich verstehe dich nicht,« murmelte er, »allerdings ist eine solche Reise mit vielen Schwierigkeiten verknüpft, manche Gefahren drohen den Mädchen, aber das ist noch kein Grund, für Ellens Leben zu fürchten.«

»Du scheinst ja sehr besorgt um sie zu sein!«

»Bin ich das nicht immer gewesen?« klang es entrüstet zurück.

»Allerdings, so lange du hofftest, daß sie meine Frau werden könnte, aber nun ...«

»Aber nun?«

»Aber nun,« fuhr Eduard fort, ohne sich Mühe zu geben, den Spott der Stimme zu mildern, »aber nun, da du gemerkt hast, daß alle deine Pläne mißglückt sind, scheinst du nicht mehr so sonderlich besorgt um das Leben Ellens zu sein.«

»Wie kannst du so sprechen?« brauste jetzt der Onkel auf. »Lasse ich Ellen etwas abgehen, kann ich dafür, daß wir keine Verbindung miteinander haben?«

»Das ist etwas anderes; du weißt recht gut, daß Ellen hier über alles zu verfügen hat, daß du nur der Verwalter ihres Vermögens bist, und daß ich, sobald du stirbst, fast ein Bettler zu nennen bin. Das Vermögen, das du mir zufallen lassen kannst, reicht nicht einmal aus, meine Schulden zu decken.«

»Kann ich etwas dagegen tun?«

»Ich glaube, du hast schon etwas dagegen getan, lieber Onkel,« klang es ironisch aus dem Munde des Neffen, »ich muß wirklich sagen, daß du sehr bemüht bist, für meine Zukunft zu sorgen.«

»Du weißt recht gut, aus welchem Grunde.«

»Aber du fragst mich nicht erst, ob ich mit deinen Bemühungen einverstanden bin.«

»Ich verstehe dich nicht.«

»Nun denn, so will ich deutlicher sprechen. Wann warst du das letzte Mal in New-York?«

Diesmal gelang es Eduard nicht, trotz aller Aufmerksamkeit irgend eine Aenderung in den Zügen seines Onkels zu entdecken. Entweder war die Frage eine vollkommen unverfängliche, oder jener wußte sich zu beherrschen.

»Das letzte Mal?« klang es gleichgültig. »Etwa vor einem Monat.«

»Stimmt. Gerade während der Abreise der ›Vesta‹. Was hattest du damals in New-York zu tun?«

»Nichts weiter, Geschäfte.«

»Mit dem Seewolf?«

Wäre eine Bombe im Zimmer krepiert, eine andere Wirkung als diese Worte hätte sie auf Mister Flexan auch nicht ausgeübt.

Die gesunde Röte verließ sein Gesicht plötzlich; kreideweiß sprang er vom Stuhl und mußte sich mit beiden Händen an dem Tische festhalten. Starr waren die hervortretenden Augen auf den Sprecher geheftet.

»Nun, nun,« beruhigte dieser, »du brauchst nicht so zu erschrecken, das Geheimnis ist in guten Händen ...«

»Woher hast du das erfahren?« stammelte der alte Mann, »ich bin verloren.«

»Durchaus nicht. Niemand weiß, wer dem Seewolf den Auftrag gegeben hat, als ich allein, ein Zufall hat es mir verraten. In der Tat, es ist recht hübsch von dir, so für mich sorgen zu wollen, indem du die Erbin aus dem Wege räumst, aber du weißt doch, wie ich mit Ellen stehe. Oder hast du keine Ahnung davon gehabt? Hieltst du alles nur für eine Folge deiner kalt berechneten Pläne?«

Mit großen Schritten ging Mister Flexan im Zimmer auf und ab, um das aufgeregte Blut zu beruhigen, und bald war ihm dies gelungen.

Plötzlich blieb er vor seinem Neffen stehen.

»Ich sehe, du bist eingeweiht,« begann er mit heiserer Stimme, »ein Leugnen dir gegenüber würde mir nichts helfen; um Gottes willen, Eduard, sprich, von wem weißt du es?«

»Sei unbesorgt, es weiß niemand anders, als ich; ein wunderbarer Zufall hat mir dein Geheimnis verraten. Aber beantworte meine Frage! Weißt du, wie ich von Ellen denke, was sie mir ist?«

»So liebst du sie noch?«

Jetzt sprang auch der junge Mann auf.

»Ob ich sie liebe?« rief er und streckte beide Arme aus, als wolle er ein Phantom umfangen, »mehr als mich selbst, und,« fuhr er, mit den Zähnen knirschend, fort, »sie muß noch mein werden, und würde sie von allen Engeln bewacht.«

Sein Gesicht hatte einen furchtbar leidenschaftlichen Ausdruck angenommen, jetzt brach erst seine wahre Natur durch, eine unbezähmbare Leidenschaft, welche keine Grenze, kein Gesetz kennt, welche sich auch nicht scheut, zum Verbrechen zu greifen.

Beide Männer standen sich gegenüber, der eine noch bebend vor wildem Entsetzen, der andere bebend vor wilder Aufregung; und in diesem Augenblick konnte man erkennen, wie ähnlich sich die beiden waren, Zug um Zug glichen sie sich.

»Aber wie kann ich die Sache ändern?« begann Mister Flexan wieder. »Der Auftrag ist gegeben, ich weiß nicht, wie ich ihn zurücknehmen soll, und dann, Eduard, bedenke, was auf dem Spiele steht! Du hast vorhin richtig geurteilt, als du sagtest, nach meinem Tode wärst du einem Bettler gleich zu achten. Ich habe mein möglichstes getan, du hast alles versucht, Ellen an dich zu fesseln. Das stolze Mädchen geht seinen eigenen Weg, jetzt ist es noch Zeit, hat es sich aber erst verheiratet, so ist alles verloren.«

»Dazu ist sie auf dem besten Wege,« kam es zischend von den Lippen Eduards.

Erschrocken fuhr der alte Mann zurück.

»Jetzt schon? Nicht möglich! Mit wem?«

»Mit einem jener Engländer, die hinter der ›Vesta‹ herfahren. Ein Narr, der lieber im Freien als im Bett schläft, mit einem Wort, ein spleeniger Engländer, aber schwer reich.«

»Geht das nicht zu vermeiden?«

Eduard zuckte ungeduldig mit den Achseln.

»Ja und nein, aber ich habe keine Macht und kein Geschick, solche Geschichten einzufädeln. Du scheinst dich ja besser dazu zu eignen.«

»Ich?«

»Gewiß, du hast Talent dazu, wie du bewiesen hast,« sagte Eduard spöttisch, die Augen fest auf seinen Onkel geheftet, der sich wieder niedergesetzt hatte und nicht wußte, wie er den Blicken seines Neffen ausweichen sollte.

»Was führt dich eigentlich hierher?« fragte er.

»Der Wunsch, mehr von dir über diese Sachen zu hören. Was gedenkst du zu tun, wenn Ellen wirklich zu den Toten gerechnet werden muß? Glaubst du etwa, das Mädchen wird uns in ihrem Testament bedacht haben, uns, die sie beide haßt?«

»Sie hat keine Verwandte mehr,« murmelte der Onkel.

»Das ist es eben, sie wird alles einer wohltätigen Stiftung vermachen.«

»Nein, sie hat doch jemanden, den sie liebt, dem ihr Vermögen zufallen wird, sollte sie sterben, ehe sie geheiratet hat.«

»Und das wäre?« fragte Eduard erstaunt.

»Die Person, welche ich ihr geschenkt habe.«

»Wer?«

»Martha!«

»Ah, jetzt verstehe ich dich erst.«

Erregt war Eduard aufgesprungen.

»In der Tat, fein eingefädelt,« fuhr er fort, »Onkel, du bist ein Genie. Aber,« setzte er zögernd hinzu, »damit ist uns nicht geholfen.«

»Auch dafür ist gesorgt.«

Nun begann zwischen beiden ein längeres Gespräch, in flüsterndem Tone geführt, nach dessen Schluß sich Eduard erhob und seinem Onkel die Hand schüttelte.

»So wird es gehen, es kann uns nicht mißglücken.«

»Und du triffst zwei Fliegen auf einen Schlag,« lachte Mister Flexan; »nun, ich gönne es dir, Junge.

Also vergiß nicht, mir immer genaue Mitteilung zu machen, natürlich chiffriert, und dann: vorsichtig! Geldmittel brauchst du nicht zu scheuen, sie stehen dir immer zu Gebote, so viel du haben willst. Wie lange bleibst du noch hier?«

»Höchstens zwei Tage. Je eher ich reise, desto besser.«

»Richtig! Nun begrüße Martha und sei recht freundlich gegen sie, ich glaube, du hast schon jetzt einen Stein bei ihr im Brett. Hahaha.«

Onkel und Neffe trennten sich.

Wieder einige Monate später war es.

Unter der Dienerschaft auf Flexans Plantage herrschte große Aufregung; zischelnd steckten die Leute die Köpfe zusammen, und jedesmal, wenn ein Wagen durch die Einfahrt des Hofes kam, blieben die draußen Befindlichen stehen und die Fenster des Geschosses, in dem die Bedienten wohnten, waren stets dicht besetzt mit Köpfen, welche alle neugierig nach dem Fuhrwerk lugten.

Aber immer mußte die Aussteigende nicht die erwartete Person sein, denn mit einem bedauernden Gemurmel verließen die Neugierigen wieder die Fenster und gingen ihrer Arbeit nach.

Die Aufgeregteste aber von allen war Martha.

Bei jedem Wagengerassel schrak sie ängstlich zusammen und horchte, ob ein Schritt die Treppe heraufkam, und jedesmal huschte ein freudiges Lächeln über das hübsche Gesicht des kleinen Mädchens, wenn es nicht der Fall war.

Da, es war schon fast Abend, rollte wieder ein Fuhrwerk in den Vorhof, wieder flogen die Köpfe an die Fenster, und diesmal ging ein befriedigtes Murmeln durch die Reihen, denn in dem Wagen saß die Person, auf deren Erscheinen man auf der sonst von aller Welt abgeschlossenen Plantage schon seit Tagen gewartet hatte, eine Dame, die neue Gouvernante Marthas, denn die alte hatte ihre Stelle aufgegeben.

Es war eine stattliche Erscheinung, welche jetzt aus dem Wagen stieg, groß, schlank, aber wohlproportioniert gebaut. Sie war nicht hübsch zu nennen, hatte aber doch etwas Anziehendes in ihren Zügen, welches oft mehr wirkt, als eigentliche Schönheit, und ebensowenig, wie man etwas Bestimmtes von ihrem Gesicht sagen konnte, war auf ihr Alter zu schließen, es mochte etwa dreißig Jahr betragen.

Sie war sehr elegant gekleidet, vielleicht etwas zu auffallend; der durchbrochene Strohhut mit den wallenden Straußenfedern saß keck auf dem üppigen Haar, wie auch die übrige Toilette bunt genug war, aber das fällt im Süden nicht auf, man liebt dort grelle Farben, wenn ihre Zusammenstellung nur harmonisch ist.

Die Dame wurde von einem Diener nach den ihr zur Verfügung gestellten Zimmern geführt, um sich für die Vorstellung vor dem Hausherrn vorzubereiten, während ihr Gepäck ins Haus geschafft wurde.

Eine halbe Stunde später stand sie vor Mister Flexan.

Mister Jones Flexan war allgemein als ein großer Frauenverehrer bekannt, und man sagte, je besser ihm eine Dame gefiele, desto zuvorkommender sei er gegen sie.

War dies wirklich der Fall, so mußte diese Dame allerdings gleich beim ersten Anblick einen großen Eindruck auf ihn gemacht haben, denn er bewillkommnete sie ungemein höflich und bedauerte, daß sie den weiten Weg von New-Orleans, dem Hafenplatz von Louisiana, nach der Eisenbahnstation und von dieser nach hier allein zurückzulegen gezwungen gewesen wäre, aber er selbst hätte vor Geschäften nicht abkommen können, und so weiter, kurz, die Dame kam vor lauter Höflichkeitsphrasen anfangs gar nicht zum Sprechen.

»Doch nun zur Sache, Miß Kenworth,« sagte er endlich, als er seinen Schatz an Komplimenten erschöpft hatte, »Sie wissen, ich bin Witwer und daher immer in der fatalen Lage, mich nach Gouvernanten für das Kind umsehen zu müssen, welches ich angenommen habe. Sie verstehen, was ich damit meine,« unterbrach er sich, als er sah, daß die Dame flüchtig lächelte, »wenn ich sage, immer in der fatalen Lage. Ich meine nämlich damit, es hält so furchtbar schwer, jemanden zu finden, der länger als einen Monat aushält. Entweder glauben die Damen, einen besseren Platz bekommen zu können, und sie gehen fort, oder sie heiraten und werden fortgeholt.«

Mister Flexan erwartete, durch diese Worte der Dame wiederum ein Lächeln entlocken zu können, aber er hatte sich getäuscht, sie blieb ernst.

»Hoffentlich hat sie noch nicht gehört, warum ihre Vorgängerinnen immer wegliefen,« dachte er, und laut setzte er hinzu:

»Bei Ihnen wird dies nicht der Fall sein,« erwarte ich. »Sie werden sich sehr glücklich bei uns fühlen. Martha ist ein artiges Kind, und ich werde alles tun, um Ihnen den Aufenthalt auf dieser einsamen Plantage so angenehm als möglich zu machen.«

»Mister Flexan,« begann jetzt die neue Gouvernante mit wohltönender Stimme, »erlauben Sie erst, daß ich Ihnen den Brief gebe, welcher mich als diejenige legitimiert, für welche Sie mich halten.«

»Ach, das wäre ja gar nicht nötig, es sind ja schon genügend Empfehlungen eingegangen,« erwiderte Mister Flexan, nahm aber doch den dargebotenen Brief, erbrach ihn und las die wenigen Worte:

»Miß Kenworth ist die Ueberbringerin dieses Briefes. Vertrauen Sie ihr vollkommen, soweit Sie es für gut befinden!

E.«

Es war der Brief, den er mit Schmerzen erwartet hatte, oder vielmehr die Person, die ihn überbringen sollte.

Noch einmal schweiften seine Blicke über die Gestalt der vor ihm sitzenden Dame, welche nicht tat, als bemerke sie die begehrlich auf sie gehefteten Augen. Er war sehr zufrieden mit ihrer Erscheinung, sie hätte selbst weit weniger hübsch sein können.

»Wollen Sie mich nun mit meinen Pflichten bekannt machen?« fragte sie und wandte lächelnd den Blick vom Fenster ab auf ihn.

»Es sind die einer Erzieherin; Sie werden wenig Mühe mit Martha haben, sie ist ein gutes, williges Mädchen, weich wie Wachs ...«

»Das ist kein guter Charakter.«

»Hm, unter Umständen, nein! Sie haben meinen Neffen schon gesprochen?«

»Allerdings, in Baltimore hatte ich das Vergnügen, mit ihm für einige Stunden zusammen zu sein.«

»Haben Sie mit ihm über Martha gesprochen?«

»Unsere ganze Unterhaltung drehte sich nur um sie.«

»So wissen Sie ja also, um was es sich handelt. Sie verkehren natürlich in unserer Familie,« lenkte Mister Flexan ab, »bilden ein Mitglied derselben, und je enger befreundet Sie mit Martha sind, desto besser für uns.«

Das Gespräch drehte sich noch einige Zeit um gleichgültige Dinge, dann ward das Kind gerufen, mit seiner neuen Erzieherin bekannt gemacht, und schließlich ließ Mister Flexan beide allein.

Eine Stunde später wurde Martha von der Pflegemutter zum ersten Male ins Bett gebracht; darauf nahm der Hausherr mit einigen Gästen, welche von benachbarten Farmen auf Besuch gekommen waren, das Nachtessen ein, bei dem auch Miß Kenworth zugegen war, und als schließlich den Herren der Wein zu sehr zu Kopf stieg, entfernte sich letztere mit der Entschuldigung, von der Reise zu sehr ermüdet zu sein, um länger der Gesellschaft beiwohnen zu können.

Als Miß Kenworth in ihr Zimmer kam, riß sie förmlich das Spitzentuch, das ihren Hals verhüllte, ab, schleuderte es in einen Winkel und preßte beide Hände an die Schläfen.

Wie geistesabwesend starrte sie in den Spiegel, der im Scheine der Lichter ihr Bild wiedergab.

»Träume ich, oder wache ich?« flüsterte sie, unverwandt ihr Spiegelbild betrachtend.

»Bin ich denn nur verhext? Bin ich noch dieselbe, die ich früher war? Ich, eine Schauspielerin, eine Gouvernante, eine Spionin?«

Mit einem Male warf sie sich auf den Diwan und brach in ein lautes Lachen aus; es war, als könnte sie sich gar nicht wieder beruhigen.

Da schlug die kleine Stutzuhr auf dem Spiegel zwölf Uhr.

Sofort nahmen ihre Züge wieder einen ernsthaften Ausdruck an, sie erhob sich mechanisch, öffnete einen Koffer und entnahm daraus eine Schreibmappe, die sie auf den Tisch legte.

Sie setzte sich hin und schrieb einen langen Brief an eine Freundin nach New-York, so, wie ihn sich Bekannte zu schreiben pflegen, aber vorher hatte sie einige Worte, scheinbar ohne allen Zusammenhang, aufs Papier geworfen, jedes an einer anderen Stelle, und diese Lücken füllte sie nun aus.

Dann nahm sie ein Blatt Papier, brach es in einer merkwürdigen Weise zusammen, schnitt mit einer Schere an einigen Stellen ein Stückchen heraus und legte dann dieses Papier, nachdem sie es auseinandergefaltet hatte, auf den Briefbogen.

Jetzt war das Schreiben nicht mehr ein harmloser Brief an eine Freundin; setzte man die in den Lücken des Papiers sichtbaren Worte zusammen, so konnte man lesen:

»Bin ohne Argwohn engagiert. Er ist in Aus      tra      lien. Sein nächstes Ziel Ja    va, dann Chi    na.«

Alle Ländernamen waren dabei in weiten Zwischenräumen voneinander getrennt, so daß man sie im eigentlichen Brief nicht erkennen konnte.

Sie adressierte denselben wirklich an eine Dame in New-York und stützte dann den Kopf in beide Hände.

Lange Zeit blieb sie so sitzen, schließlich aber erhob sie sich mit einem tiefen Seufzer.

»Armes Kind,« murmelte sie, »was ich verbrochen haben mag, an dir will ich es wieder gut machen, das soll meine Sühne sein.«

Ein Tag verstrich nach dem anderen.

Miß Kenworth war eine gewissenhafte Erzieherin, sie gab sich mit Martha alle Mühe, und diese hing an ihr wie an einer Mutter. Ebenso war Mister Flexan mit ihr zufrieden; sie war zuvorkommend gegen ihn, soweit es sich für sie als Weib schickte, nie aber duldete sie einen Uebergriff über seine Rechte.

Oftmals neckte er sie wegen ihres immensen Briefwechsels, den sie mit ihrer Freundin in New-York unterhielt; er spottete über diese Liebhaberei der Frauen, wußte aber nicht, wie gut es der Gouvernante bekannt war, daß einige der für sie angekommenen, wie von ihr abgesandten Briefe von ihm geschickt erbrochen und gelesen worden waren, natürlich, ohne daß er irgend etwas Verdächtiges darin gefunden hatte.

Ja, einmal merkte sie an einem geheimen Zeichen, daß ihr Koffer von fremder Hand geöffnet und ihre Briefschaften durchstöbert worden waren, aber mit keiner Miene verriet sie, daß sie irgend etwas davon gewahrt habe.

Mister Flexan wußte nicht, welch eine gefährliche Person er in sein Haus aufgenommen hatte, wie jeder seiner Schritte, jede seiner Handlungen beobachtet wurden, er wußte nicht einmal, daß keiner der Briefe nach New-York ging, sondern daß er schon auf der nächsten Station von einem Postbeamten dechiffriert wurde und dann die Mitteilung als Telegramm nach fernen Erdteilen flog.

Hätte er andererseits ahnen können, wie genau die unschuldige Miß Kenworth in seinen Briefschaften Bescheid wußte, mit welchem Raffinement sie sich Zutritt zu seinem Arbeitszimmer zu verschaffen wußte, wie sie kein Mittel scheute, um sich darüber zu orientieren, wohin, mit wem und über was er korrespondierte und welche Briefe er empfing, er würde nicht mehr solch offenes Vertrauen ihr gegenüber gezeigt haben.

Aber kein Argwohn stieg in ihm auf.

Miß Kenworth war ja eine so ausgezeichnete Erzieherin, eine so liebevolle Mutter für Martha, sie nahm teil an den Gesellschaften, welche der freigebige Mister Flexan auf der Plantage öfters in größerem oder kleinerem Maßstabe gab, sie verschmähte sogar nicht, in den engen Herrenzirkeln zu verkehren und gab manchen Witz zum besten, über den sich die Gäste köstlich amüsierten.

Alle waren darin einig, daß Miß Kenworth eine exzellente Gesellschafterin sei, und Mister Jones Flexan wurde allgemein um eine solche Gouvernante beneidet. Bei derartigen Reden aber konnte der Hausherr gewöhnlich einen leisen Seufzer nicht unterdrücken.

War Miß Kenworth jedoch allein, so trat in ihrer Laune gewöhnlich ein Umschlag ein, sie gebärdete sich wie eine Verzweifelte, jammerte, klagte und sank schließlich in ein dumpfes Brüten, bis sie plötzlich zusammenschrak und sich mechanisch emporraffte, um noch einen Brief zu schreiben.

16.

Unter deutscher Kriegsflagge

Eine stattliche Korvette kreuzte unter vollen Segeln ohne Benutzung der Maschinen durch den indischen Ozean. Wie ein Schwan schwebte der schneeweiße Bau über die Wellen; wie der stolz getragene Kopf dieses Vogels streckte sich der mächtige Klüverbaum weit über das Bugspriet hinaus und bog sich unter der Last der drei Klüversegel, unter denen sich das weitmaschige Netz befand, welches den herabfallenden Matrosen auffangen soll; denn die Arbeit auf dem Klüverbaum ist eine der gefährlichsten auf dem Schiffe; mancher, welcher zum Festmachen der Segel mit keckem Mut wie ein Seiltänzer darauf hinausgelaufen ist, kehrte nicht wieder zurück.

Aber die ›Viktoria‹ konnte auch stolz sein, denn an ihrem Heck wehte die schwarz-weiß-rote Flagge mit dem schwarzen Adler in der einen Ecke; am mittelsten Mast flatterte der lange Kriegswimpel. Auf ihr machten die jüngsten Seekadetten, die Hoffnung Deutschlands, unter denen einige Fürstentitel trugen, die erste Reise um die Erde.

S. M. S. Viktoria, das heißt: Seiner Majestät Schiff Viktoria, war ein Kadettenschulschiff und daher, weil es die zukünftigen Offiziere der deutschen Marine im Segelexerzieren ausbilden sollte, wie eine Bark getakelt. An dem ersten Maste, dem Fockmast, exerzierten die Kadetten, den zweiten, den Großmast, bedienten die Matrosen, ebenso wie den letzten, den Kreuzmast, der aber auf einer Bark Besanmast genannt wird, weil er keine Raaen hat, sondern nur ein einzig großes Segel, das Besansegel, führt.

Das Leben eines Seekadetten ist kein leichtes. Wenn irgendjemand, der zu einem Berufe erzogen wird, über zu große Anforderungen zu klagen hat, so wäre er berechtigt dazu; von keinem jungen Mann wird verlangt, die Kräfte des Geistes und die des Körpers zu gleicher Zeit so anzustrengen, wie vom Seekadetten. Aber der Jüngling, der zu Hause die beste Erziehung genossen und das trauteste Heim bewohnt, hat diesen Beruf aus freiem Antriebe gewählt; man könnte ihn nicht dazu zwingen, er fühlt in seinen Adern die Jugendkraft und den Jugendmut schäumen: er muß hinaus, er will seine Kräfte im Kampf mit den Elementen messen, und dazu bietet sich ihm nirgends eine solche Gelegenheit, wie als Marineoffizier.

Er kommt einige Monate auf die Kadettenschule nach Berlin, dann nach Ablegung einer Prüfung nach Kiel, und erst hier wird er zum Seekadetten ernannt und bekommt das Abzeichen, welches er bisher noch nicht tragen durfte, den lang herabhängenden Dolch mit elfenbeinernem Griff in lederner Scheide.

Sobald ein neues Schiffskommando erfolgt, kommt er an Bord, und ist das Glück ihm günstig, so macht er gleich zuerst auf einem Kadettenschulschiff eine Reise um die Erde.

Der Seekadett steht schon im Range eines Unteroffiziers, nicht aber an Bord eines Schulschiffes – dort ist er nur Matrose und wird während des Dienstes als solcher behandelt. Er muß ebenso, wie jeder andere Matrose, mit Gewehr und am Geschütz exerzieren, die Segel bedienen, die ihm angewiesene Stelle des Schiffes reinhalten, bei jedem Manöver, wie wenden, halsen, (wenden heißt, das Schiff gegen den Wind umdrehen, halsen, mit dem Wind kreuzen), Anker lichten, helfen, und während der Matrose sich dann von der Arbeit erholen kann, muß jener in seiner Freizeit noch die Vorlesungen des instruierenden Offiziers über nautische Wissenschaften anhören und über Büchern schwitzen.

Für die Bemannung eines Kadettenschulschiffes werden die besten Matrosen ausgesucht, und das mit gutem Grunde. Die Kadetten sollen einmal während ihrer ersten Reise nur mit den tüchtigsten Seeleuten zusammenkommen, von denen sie die Praxis der Seemannschaft erlernen können, und dann auch, um ihren Ehrgeiz anzustacheln.

Wenn die Bootsmannspfeife ertönt, das Kommando erschallt, dann fliegen gleichzeitig Kadetten, wie Matrosen die Wanten hinauf und in die Raaen, erstere am Fock-, letztere am Großmast, und jetzt gilt es für die Kadetten, zu beweisen, daß sie den Matrosen an Schnelligkeit nicht nachstehen. Jeder bietet alle seine Kräfte auf, alles arbeitet Hand in Hand; wo ein Arm das Segel nicht allein bändigen kann, da greifen vier andere mit zu, und welcher Teil zuerst an Deck steht, der hat bei der nächsten Musterung (Appell) ein Lob zu erwarten. Aber was für Männer gehen aus diesen Jünglingen auch hervor!

Wenn die furchtbaren Winterstürme der Nordsee nachts um das Schiff brausen und es wie eine Nußschale umherschleudern, wenn das eisige Wasser flutenweise über Deck spült und der Gischt emporspritzt bis an die Mastspitze, so daß selbst der Mann hoch oben auf dem Ausguck wie in einer weißen Nebelwolke erscheint, dann sitzen die Matrosen unter der sicheren Back, rauchen ihre Pfeife und plaudern, nur auf das Kommando horchend, welches sie zu einer geringfügigen Arbeit an Deck ruft, nach deren Vollendung sie schnell wieder in das trockene Versteck kriechen. An Bord von Kriegsschiffen werden die Leute bei Nacht und bei schlechtem Wetter möglichst geschont.

Nicht so aber der Seeoffizier.

Mag das Wetter auch noch so toben, mag das über die Kommandobrücke spritzende Wasser auch sofort zu Eis gefrieren, in ihre langen Oelröcke gehüllt, stehen die jungen Offiziere, denen kaum der erste Flaum auf den Lippen sproßt, auf ihren Posten, in der steifgefrorenen Hand das Glas haltend und damit in die Ferne spähend, bald den Kompaß, bald die Segel betrachtend, gehen auf der schmalen Brücke hin und her, als ob die schwankenden Planken der festeste Boden wären, erzählen sich vom vorigen Kasinoball im Hafen und schütteln sich lachend das Wasser aus den Haaren.

Wenn es noch irgend eine Klasse von Menschen gibt, bei der man Kraft, Mut, Kaltblütigkeit, Treue und ritterlichen Sinn gepaart findet, so ist es die der Seeoffiziere. – –

S. M. S. Viktoria hatte außer den Offizieren vierhundert Mann an Bord, die gewöhnliche Besatzung einer Korvette, darunter auch vierzig Seekadetten, von denen nur einzelne ›befahrene‹ Leute waren, die meisten machten ihre erste Seereise.

Es war nachmittags; Arbeit an Deck gab es nicht weiter, aber die ›Routine‹, das heißt der Plan, welcher an Bord der Kriegsschiffe jeder Stunde des Tages, und zwar von früh sechs bis abends sechs Uhr eine Beschäftigung zudiktiert, schrieb Geschützputzen vor, und so standen denn die Matrosen an den Kanonen, von denen sich sowohl an Deck, wie im Zwischendeck welche befanden, und wischten mit öliger Putzwolle die Eisen- und Messingteile derselben ab.

Auch die Kadetten hatten zwei Geschütze zu bedienen und waren mit derselben Arbeit beschäftigt.

Die Bootsmannsmaate und Steuermannsmaate, wie die Unteroffiziere an Bord genannt werden, je nachdem sie das Schiff selbst zu bedienen oder die Führung desselben zu leiten haben, gingen auf dem vorderen Deck auf und ab und beaufsichtigten die Arbeiten der Matrosen, während ein junger Leutnant hin- und herspazierte.

»Tolsten,« flüsterte ein Kadett, ein junges, zierliches Kerlchen von etwa zwanzig Jahren, dem man nur an dem braunen Gesicht und den schwieligen Händen ansah, daß er kein Neuling war, »Tolsten, hast du schon bemerkt, was Leutnant Wiedenfeld heute nacht im Sinn hat?«

Der Angeredete warf einen Blick nach dem Leutnant, der ihm eben den Rücken zukehrte, und erwiderte:

»Will er wieder nach Fischen schießen?«

»Nein, diesmal nicht. Ich habe gesehen, wie er sich vorhin vom Koch ein Stück Speck geben ließ, und habe gerochen, daß er es über Spiritus gebraten hat.«

»Dann wünsche ich ihm guten Appetit,« lachte Tolsten leise.

»Essen will er es nicht, aber ich bin fest überzeugt, daß er wieder Ratten fangen will.«

»Gibt er seine Versuche noch nicht auf?«

»Jetzt hat er sie seit langer Zeit in Ruhe gelassen, nun aber probiert er es noch einmal, und er fängt diesmal eine.«

Tolsten blickte in das hübsche Gesicht des Kadetten, der ihm am Kanonenrohr gegenüberstand.

»Was willst du machen?«

»Ihm einen Streich spielen.«

»Sieh dich vor, Schwarzburg!« warnte Tolsten ernst. »Der Kapitän ist sowieso nicht gut auf dich zu sprechen. Er hat schon einmal gedroht, dich über den Top schicken zu wollen.«

»Ach was,« entgegnete Schwarzburg leichthin, »dabei ist auch nichts weiter. Uebrigens kann der Kapitän Leutnant Wiedenfeld auch nicht besonders leiden.«

Das ›über den Top schicken‹ ist an Bord deutscher Kriegsschiffe eine kleine Ehrenstrafe. Der Betreffende, welcher sich den Unwillen seines Vorgesetzten zugezogen hat, muß auf der einen Seite die Wanten aufentern bis hinauf an den Top, die höchste Spitze des Mastes, über die oberste Raa wegrutschen und an der anderen Seite wieder abentern, während die versammelte Mannschaft unten zusieht. Je nachdem die Strafe leichter oder härter sein soll, muß er ein- zwei- oder dreimal über den Top.

»Tolsten,« flüsterte wieder Schwarzburg, »paß auf, was ich dir sage. Ich lasse mir nachher ein Bad geben, tue auch so, als ob ich in die Zelle ginge, schleiche mich aber unten in den Kielraum. Du stellst dich an die Badetür und sprichst immer recht laut zu mir, damit sie glauben, ich wäre wirklich darin.«

»Was willst du in dem Kielraum?«

»Eine Ratte fangen.«

»Wozu denn nur?«

»Das wirst du morgen früh sehen, der Spaß wird großartig. Wer hat diese Nacht Wache auf der Kommandobrücke?«

»Von zwölf bis vier Uhr Leutnant Wiedenfeld selbst.«

»O weh, das ist schade! Aber es wird mir schon gelingen.«

Jetzt schlug die Schiffsglocke vier Glasen, sechs Uhr, Leutnant Wiedenfeld gab ein Kommando; der ihm zunächst stehende Bootsmannsmaat steckte die Pfeife in den Mund und trillerte darauf, dann das Kommando wiederholend:

»Ausscheiden mit Geschützputzen – Geschütze festzurren!«

Dasselbe Kommando, welches sich abends um sechs Uhr überall auf der ganzen Erde wiederholt, wo nur die deutsche Kriegsflagge weht.

Da erscholl im ganzen Schiff, oben an Deck, im Zwischendeck, in den verborgensten Winkeln ein Gepfeife und Trillern. Jeder Unteroffizier – und es gibt auf solch einem Schiffe deren nicht wenige – entlockte seiner Pfeife die gellendsten Töne, und jeder wiederholte das Kommando, so schreibt es ihnen die Pflicht vor, damit sich niemand entschuldigen kann, es nicht gehört zu haben.

Die Geschütze wurden eingerannt, mit Ketten und Tauen festgezurrt, das heißt, festgeschnallt, damit sie beim Schlingern des Schiffes sich nicht bewegen können, das Deck von Putzwolle und herumstehenden Oelflaschen gesäubert und des nächsten Kommandos geharrt, des bei allen Matrosen beliebtesten:

›Backen und Banken.‹

Im Zwischendeck sind die Backen, das heißt, Tische, wie auch die Bänke an der Decke befestigt, denn auf einem Schiffe, wo vierhundert Personen zusammengedrängt sind, gibt es keinen freien Platz, die kleinste Stelle muß ausgenutzt werden.

Auf das Kommando ›Backen und Banken‹ werden die Tische und Bänke heruntergeschlagen; die ganze Mannschaft ist in Backschaften, das heißt, in Gruppen eingeteilt, von denen je eine einen Tisch einnimmt, und wiederum einer von jeder Backschaft hat eine Woche hindurch für die Bedienung seiner Kameraden zu sorgen, ihnen das Essen zu bringen, abzuräumen und das Blechgeschirr auszuwaschen.

Dichtgedrängt standen vor der Kombüse die blaumützigen Jungen und ließen sich vom Koch die Kessel voll Tee schenken, eilten ins Zwischendeck zurück, füllten die Blechtassen und holten dann vom Bottelier Brot und Butter, und, wenn solches die Schiffskasse gestattete, auch noch die Zukost.

Der Bottelier ist ein Unteroffizier, welcher die Nahrungsmittel unter sich hat und diese an Koch und Mannschaft ausgibt.

Nachdem das Abendbrot vorüber ist, hat die Mannschaft bis um acht Uhr Freiheit, und dann beginnt wieder der Dienst, wenigstens für diejenigen, welche gerade auf Wache sind.

Punkt acht Uhr erschallen wieder die Pfeifen, und die Kommandos ertönen:

»Wache zur Musterung – Hängematten empfangen!«

Hat zum Beispiel die Backbordwache Dienst, so stellt sie sich an Backbord auf und wird vom diensttuenden Leutnant gemustert, während die andere Wache, welche jetzt für vier Stunden schlafen gehen kann, ihre Hängematten empfängt.

Die Hängematten liegen in Kästen, welche längs der Bordwand angebracht sind, und sind mit Nummern versehen, sodaß jeder Matrose seine eigene hat. Sie bestehen aus starker Segelleinwand und enthalten eine dünne Seegrasmatratze und eine Decke. Im Kriege werden die fest zusammengerollten Hängematten auch noch so benutzt, daß man sie auf die Bordwand legt und zwischen den entstandenen Scharten herausschießt.

Wer noch niemals das Zwischendeck eines Kriegsschiffes bei Nacht betreten hat, hält es einfach nicht für möglich, daß so viele Leute in einem Raume zusammen schlafen können, dicht nebeneinander, dreifach übereinander, wo nur ein Bändsel zu befestigen geht, da hängt der Matrose sein schwebendes Bett hin, und lustig ist es dann, wenn das Schiff anfängt zu schlingern.

Fortwährend schlagen die Hängematten aneinander, die geschaukelten Schläfer stoßen mit den Köpfen zusammen, ein Bändsel hat sich durch die heftige Bewegung gelöst, und polternd stürzten Mann und Bett an Deck oder erst auf jemanden, und ist der Seegang hoch, so kann man durch ein Ventilationsloch auch noch eine kalte Dusche bekommen.

Aber das hat alles nichts zu bedeuten, dafür ist man auf See und nicht, wie der Matrose spöttisch sagt, ›bei Muttern.‹

Zehn Minuten vor zwölf Uhr! Die Schläfer werden von ihren Kameraden geweckt, schlaftrunken fahren sie hoch, und regelmäßig ist die erste Frage, die sie stellen:

»Was ist für Wetter?«

Darnach richtet sich die Bekleidung.

Diese Nacht war schönes Wetter; herrlicher konnte es gar nicht sein. Vom Himmel blitzten Myriaden Sterne herab, das Meer erglühte im Phosphorschein, und die Luft war mild und weich. Es war eine Nacht, wie man sie nur in den Tropen erleben kann.

Ebenso, wie die Matrosen, wurde auch die Hälfte der Kadetten, welche ebenfalls in Hängematten schlafen, nicht wie die Offiziere in wirklichen Betten, von ihren Kameraden zehn Minuten vor zwölf Uhr geweckt, um mit dem Glockenschlage an Deck erscheinen zu können.

Als der junge Kadett, dessen Bekanntschaft wir schon gemacht haben, in den Gang trat, von welchem sich die Kabinen abzweigten, eilte ein Offizier an ihm vorüber.

»Freiherr von Schwarzburg,« redete ihn dieser an und blieb stehen, »wollen Sie mir einen Gefallen tun?«

So lange der Kadett nicht in Dienst ist, wird er auch von den Offizieren mit seinem Titel angeredet, sobald er sich aber im Dienste befindet, einfach nur mit ›Kadett.‹

»Mit dem größten Vergnügen,« entgegnete der Kadett, »befehlen Sie über mich!«

»Sie sind der älteste Ihrer Kameraden, deshalb wende ich mich an Sie,« sagte Leutnant Wiedenfeld, »ich habe jetzt Wache auf der Kommandobrücke, fühle mich aber äußerst unwohl. Die Nacht ist ja klar und ruhig, also nichts zu fürchten, und außerdem ist ja noch Leutnant Gebhard oben. Würden Sie mich vertreten?«

»Gewiß, wenn der Kapitänleutnant damit einverstanden ist.«

»Ich habe schon mit ihm gesprochen, er ist es. Ich danke Ihnen vielmals für Ihre Freundlichkeit, Sie dürfen auf einen Gegendienst rechnen. Jetzt gehe ich nach oben, löse den wachthabenden Offizier vorschriftsmäßig ab, bleibe einige Zeit auf der Brücke, bis der Kapitänleutnant Kompaß und Segel revidiert hat und gehe dann wieder in meine Kabine, während Sie meine Stelle einnehmen.«

»Aber seien Sie pünktlich um vier Uhr wieder zurück, wenn Sie abgelöst werden sollen,« bemerkte der Kadett vorsichtig, als Leutnant Wiedenfeld die Treppe emporstieg, welche nach oben führte.

»Seien Sie unbesorgt!« klang es noch einmal zurück.

»Famos,« sagte Schwarzburg zu sich und rieb sich schmunzelnd die Hände, »besser hätte ich es gar nicht treffen können.«

Er hatte bemerkt, daß der Leutnant einen in ein Tuch gewickelten Gegenstand in der Hand trug, und er wußte recht gut, was für einer es war.

Unterdessen traf oben Leutnant Wiedenfeld mit seinen Kameraden zusammen und löste Schlag zwölf Uhr die beiden wachthabenden Offiziere auf der Kommandobrücke ab.

Die Wache auf einem größeren Kriegsschiffe gehen stets zwei Leutnants, welche sich auf der Kommandobrücke befinden müssen. Der Kapitänleutnant, im Range eines Hauptmanns, geht nur ab und zu hinauf und läßt sich von den Offizieren Bericht erstatten, und der Kapitän, im Range eines Majors oder Obersten, je nachdem er Korvetten-Kapitän oder Kapitän zur See ist, befindet sich nur während des Tages an Deck oder höchstens, wenn die Leitung des Schiffes eine sehr verantwortliche ist, auch in der Nacht.

»Was machen Sie denn da?« fragte Leutnant von Gebhardt seinen Kameraden, als dieser in dem geräumigen Kartenhaus in einer Ecke auf die Kniee gesunken war und an der Erde herumsuchte, »beten Sie um Vergebung Ihrer Sünden, oder sind Sie dort, Schätze zu suchen?«

»Beinahe getroffen,« entgegnete Wiedenfeld, »die Ratten nehmen wieder überhand, daß es kaum noch auszuhalten ist. Wie ich gestern meinen Waschtisch aufmache, springt eine riesige Ratte heraus, und wie ich meine Bartpomade suche, ist sie verschwunden – die Bestie hat sie gefressen.«

»Kann ich ihr gar nicht verdenken,« lachte der Leutnant, »Bartpomade ist ein delikates Gericht.«

»Und nun stelle ich eine Falle auf,« fuhr Wiedenfeld fort, immer noch am Boden wühlend, »hier im Kartenhaus haben sie sich auch häuslich eingerichtet. Ich habe schon einige Male welche ganz ungeniert über die Kommandobrücke laufen und im Kartenhause verschwinden sehen.«

»Sie sind doch ein passionierter Jäger, Wiedenfeld, Sie hätten Förster werden sollen. Entweder sie angeln, schießen oder stellen Fallen.«

Jetzt war Wiedenfeld mit Aufstellen der Falle fertig, und bald darauf kam der junge Seekadett, um den Leutnant für diese Wache zu vertreten.

Schwarzburg machte seine letzte Reise als Seekadett, er bereitete sich schon auf die Offiziersprüfung vor und war also vollkommen befähigt, den Leutnant zu vertreten, wenn es auch nicht gerade erlaubt war.

Man darf wiederum die Stellung eines Seekadetten nicht verwechseln mit der Stellung eines Kadetten der Armee. Erstere bekommen oft die verantwortlichsten Kommandos, bei denen es sich um Leben und Tod handelt. So zum Beispiel sind sie die Bootssteurer, das heißt, sie befehligen die Bootsmannschaft und sitzen am Steuer, und wenn der Ruf erschallt: Mann über Bord, und der Seegang ist hoch, so wartet ihrer eine schwere Aufgabe, denn ein Boot im Sturme vom Schiffe abzusetzen und es dann wieder sicher heranzubringen, dazu gehört eine feste Hand und ein sicherer Blick; nur das kleinste falsche Kommando, und das Boot zerschellt am Schiff.

Ueberdies tun auf jedem anderen Schiffe die älteren Seekadetten Offiziersdienste, nur auf den Schulschiffen nicht.

Die beiden jungen Leute schritten plaudernd auf der Kommandobrücke auf und ab und brachten nur, wenn der Matrose, der oben auf einem noch über der Brücke befindlichen, eisernen Aufbau stand, ein Feuer, das heißt, ein Licht meldete, das Fernrohr ans Auge und musterten es – meistenteils waren es die Seitenlichter von Schiffen. Würden sie ein Feuer eher entdeckt haben, als es der Matrose vom Ausguck meldete, so würde dieser eine Rüge bekommen, aber das kam nicht vor.

Ebenso wie am Tage, kann man auch bei Nacht einen Dampfer von einem Segelschiff unterscheiden. Ein Segler führt am Backbord die rote, am Steuerbord die grüne Laterne, ebenso der Dampfer, aber dieser hat noch am vordersten Mast ganz oben die Toplaterne hängen mit einem weißen Licht, die Fischerfahrzeuge fahren nur mit der Toplaterne, wenigstens die kleineren.

»Großes, weißes Feuer, vier Strich Backbord,« sang der Matrose oben.

Beide Wachthabende musterten das Licht durch das Fernrohr.

»Ein Fischerfahrzeug kann es nicht sein,« meinte Gebhardt, »auch kein Leuchtturmfeuer, wir befinden uns nicht in der Nähe von Land.«

»Aber der Mond kann es sein,« ergänzte Schwarzburg, und nach einigen Minuten stand auch schon die Sichel des Erdtrabanten über der Meeresfläche.

Sofort eilte Schwarzburg ins Kartenhaus, um nach der Uhr zu sehen, denn mit Hilfe der Zeit und nach dem Aufgange des Mondes konnte er ungefähr berechnen, wo sich das Schiff befand.

Nach einigen Minuten kam er wieder heraus und las von einem Zettelchen das Resultat seiner Rechnung dem Leutnant vor.

»Dann können wir,« sagte dieser, »wenn der Wind so bleibt, in etwa achtundvierzig Stunden Java in Sicht bekommen. Ich sehne mich wieder nach frischem Fleische. Das präservierte Zeug bekommt man doch einmal über.«

»Was sollen dann erst die Matrosen sagen,« lachte Schwarzburg, »die bekommen nun schon seit vier Wochen nichts weiter als Salzfleisch, Erbsen und Bohnen. Die Kartoffeln für sie sind alle, das Hartbrot wird rar, und das Waschwasser wird ihnen zugemessen, als ob es Goldsand enthielte. Gestern wuschen je zwanzig Mann ihre Sachen in ebensoviel Litern Wasser, und dann muckte der Kapitän bei der Musterung noch auf, daß die Arbeitsanzüge nicht weiß genug wären.«

»Pscht,« flüsterte der Leutnant, »der Kapitän kommt aus seiner Kajüte. Das kann eine schöne Geschichte werden.«

»O weh,« seufzte der Kadett, »wenn der heraufkommt, dann adieu, Urlaub. Wiedenfeld und ich können Batavia von weitem bewundern.«

Er rief mit leiser Stimme einen wachthabenden Matrosen, der gerade unter der Brücke stand, und trug ihm auf, schnell Leutnant Wiedenfeld heraufzuschicken.

Kapitän Graf von Hanisch war unterdessen auf dem Hinterteil des Schiffes auf- und abspaziert und hatte mit den Kadetten, welche teils an Deck gelegen oder auf der Bordwand gesessen hatten und bei seinem Anblick aufgesprungen waren, einige freundliche Worte gewechselt, sie zum Sitzenbleiben nötigend.

Kapitän zur See, Graf von Hanisch, war überhaupt ein sehr freundlicher Mann, und bei Offizieren, wie bei der Mannschaft äußerst beliebt. Daß er im Dienst sehr streng war und nichts durchgehen ließ, war kein Fehler, sondern trug nur dazu bei, daß alle vor ihrem Vorgesetzten Respekt hatten. Im übrigen ließ er seinen Leuten viele Freiheit und gestattete an Land den ausgiebigsten Urlaub; kamen aber Ungehörigkeiten vor, so wurde dieser von ihm dem Schuldigen rundweg abgeschlagen, ohne andere darunter leiden zu lassen.

»Wo ist von Schwarzburg?« fragte er einen der Kadetten.

Sie alle wußten, daß dieser für Leutnant Wiedenfeld Wache ging, und ohne ihm eine Unwahrheit zu sagen, meldete einer:

»Auf der Kommandobrücke.«

Hätte der Offizier jetzt gefragt, was jener dort mache, so mußte ihm die Wahrheit gesagt werden, und ihr Kamerad, wie auch der Leutnant wären verraten gewesen, aber er tat dies nicht, sondern meinte nur:

»Sagen Sie ihm, ich möchte ihn nach Ablösung von der Wache in meinem Arbeitszimmer sprechen.«

Er unterhielt sich wieder mit einigen der Kadetten, welche ja meistens Söhne von Seeoffizieren waren, und alle atmeten erleichtert auf, als hinter seinem Rücken Leutnant Wiedenfeld die Kajüte verließ und unbemerkt die Kommandobrücke betrat.

Es war unterdes heller geworden, die Nacht kämpfte schon mit der Morgendämmerung, und jeden Augenblick mußte es acht Glasen schlagen.

Der Kapitän begab sich auf die Kommandobrücke, wo er mit dem Kapitänleutnant zusammentraf, welcher ebenfalls der Ablösung der beiden wachthabenden Offiziere beiwohnen wollte, welche sich jedesmal das Schiff- und Logbuch, in welches alle außergewöhnlichen Vorfälle eingetragen werden, übergeben.

Schwarzburg hatte die Brücke verlassen.

Als die Zeit herannahte, erschienen die neuen Offiziere, und mit dem Glockenschlag übernahm die neue Wache, Mannschaften, wie Offiziere, das Schiff.

Leutnant Wiedenfeld begab sich in das Kartenhaus, in dem noch halbe Dunkelheit herrschte, und ein Freudenschrei entfuhr seinen Lippen, als er die Drahtfalle zugeschlagen und darin einen dunklen Gegenstand liegen sah.

»Endlich,« rief er seinem Kollegen zu, »endlich ist einmal eine in die Falle gegangen, die soll aber schwimmen.«

Er trat hinaus, und da er jetzt außer Dienst war, so konnte er mit seinen Vorgesetzten so intim verkehren, als diese es zuließen – und Graf von Hanisch war gewöhnt, mit den Offizieren sehr zwanglos zu plaudern.

»Was haben Sie denn da?« fragte der Kapitän und musterte erstaunt den Gegenstand, den der Leutnant vorsichtig in der ausgestreckten Hand hielt.

»Eine Ratte, Herr Graf,« antwortete dieser und blickte dem Kapitän ins Gesicht, »ich habe schon lange auf diesen Burschen gelauert. Das Tier wurde immer unverschämter, neulich lief mir sogar eine in der Nacht übers Gesicht.«

Die umstehenden Offiziere brachen in ein Gelächter aus.

»Faktisch wahr,« beteuerte Wiedenfeld, »fragen Sie nur meinen Burschen, der weiß es auch, wie sie in meiner Kammer hausen.«

»Aber sagen Sie, um Gottes willen,« lachte der Kapitän, »hat sich denn die Ratte aus Lebensüberdruß selbst getötet?«

Jetzt erst lenkte der Leutnant den Blick auf die Falle, und was er da sah, veranlaßte ihn, ein äußerst verblüfftes Gesicht zu ziehen.

Allerdings war eine Ratte darin, aber sie lag lang ausgestreckt da und war tot, und was das Merkwürdigste war, um ihren Hals schlang sich ein feuerrotes Band, das oben in einer prächtigen Schleife endete.

Leutnant Wiedenfeld warf unter dem Gelächter der Offiziere seinem Kollegen, der noch auf der Brücke stand, einen wütenden Blick zu.

»Ich bin es nicht gewesen,« sagte dieser beteuernd, »ich würde mir einen solchen Scherz mit Ihnen niemals erlauben.«

»Das war Schwarzburg,« murmelte Wiedenfeld, der nicht wußte, ob er sich ärgern oder auch mitlachen sollte.

»Immer Schwarzburg und immer Schwarzburg,« meinte der Kapitän, sein Lachen noch nicht unterdrücken könnend; dann aber ernst werdend, fuhr er fort, »der Kadett wird zu übermütig, ich werde einmal strengere Saiten bei ihm aufziehen müssen, sonst wirkt er noch ansteckend auf seine Kameraden.«

»Das tut er nicht, Herr Graf,« verteidigte aber der Kapitänleutnant den Kadetten, »Schwarzburg ist allerdings etwas übermütig, aber er versäumt nie seine Pflicht und geht seinen Kameraden während des Dienstes stets mit gutem Beispiel voran. Er hätte nur nicht auf ein Schulschiff kommandiert werden sollen, er übertrifft die anderen Kadetten in jeder Hinsicht.«

Der Kapitän zuckte mit den Achseln und begab sich in sein Gemach, wo ihn der eben besprochene Kadett nach Befehl bereits erwartete und ihn mit militärischer Haltung begrüßte.

Graf von Hanisch setzte sich und betrachtete den vor ihm stehenden jungen Mann.

»Freiherr von Schwarzburg,« begann er, »es tut mir leid, daß ich Sie kommen lassen muß, um mich ungünstig über Sie auszusprechen. Ich bin mit Ihrem Betragen nicht zufrieden.«

»Der Kapitän hat nicht gut geschlafen,« dachte der Kadett.

»Ich meine mit Ihrem Betragen außer Dienst,« fuhr der Kapitän fort, »aber ich habe Ihnen und den anderen schon öfters wiederholt, daß ein Schiff, so lange es unter Seiner Majestät Flagge steht, immer in Dienst ist, und daß die Besatzung sich dessen bewußt sein soll. Sie dagegen halten sich in Ihrer sogenannten Freizeit, sogar immer, für berechtigt, Streiche zu spielen, und das ist eines zukünftigen Offiziers nicht würdig. Erst gestern erfuhr ich zufällig einen Ihrer Streiche, den Sie einem Matrosen gespielt haben, und vorhin wieder den mit Leutnant Wiedenfeld.«

»O weh,« dachte der Kadett, »es ist alles verraten, der Urlaub ist hin.«

»Waren Sie es, der die Ratte in die Falle gesteckt hat?«

»Zu Befehl, Herr Graf.«

»Machen Sie derartige Sachen nicht wieder,« fuhr der Kapitän fort, »dafür aber, daß Sie gestern dem Matrosen seine Exerzierpatronen aus der Patronentasche genommen und dafür Zigarren hineingetan haben, werde ich Sie bestrafen, hingegen dem Matrosen die Strafe erlassen. Sie werden nachher einmal über den Top spazieren.«

Keine Muskel zuckte in dem Gesicht des Kadetten, es war die erste Strafe, die er bekam, aber er machte sich nicht viel daraus. Einige seiner Kollegen waren schon öfter zur Strafe über den Top gegangen, und sie hatten ihm schon Vorwürfe gemacht, daß er dieses Vergnügen noch nicht gekostet.

»Ich danke Ihnen,« sagte der Kapitän.

Schwarzburg trat ab.

Um sechs Uhr wurde zur Musterung in Divisionen gepfiffen, die Matrosen und Heizer stellten sich zu beiden Seiten in Reih' und Glied auf, der Kapitänleutnant schritt schnell zwischen den Gliedern hindurch und musterte flüchtig den Arbeitsanzug.

Dann trat der Wachtmeister, welcher an Bord eines Kriegsschiffes den Feldwebel vertritt, hervor, zog sein dickleibiges Notizbuch aus der Tasche, las erst die ihm gestern abend diktierte Arbeitseinteilung vor und dann den neuesten Straferlaß des Kapitäns:

»Seekadett Freiherr von Schwarzburg geht einmal über den Top, weil er in seiner Freizeit Unfug getrieben hat.«

»Seekadett von Schwarzburg über den Top,« kommandierte der die Wache habende Leutnant.

Der Kadett trat aus den Reihen seiner Kameraden die nur mit Mühe ein Lächeln unterdrücken konnten machte kehrt, schwang sich auf die Bordwand und enterte im Laufschritt die Wanten hinauf, ohne dabei die Hände zu benutzen. Dann kletterte er durch das Loch im Mars, der die Stelle des früheren Mastkorbes einnimmt, und setzte seinen Weg nach oben weiter fort.

Als er die oberste Raa erreicht hatte, über die er wegrutschen mußte, um die anderen Wanten wieder hinabzusteigen, blieb er plötzlich rittlings auf der Raa sitzen und spähte in die Ferne, ohne sich um den Pfiff des Wachtmeisters zu kümmern.

»Seekadett von Schwarzburg, weiter!« brüllte dieser hinauf, denn schon zog sich das Gesicht des Kapitäns in finstere Falten.

Gehorsam rutschte der Kadett weiter und meldete sich eine halbe Minute später an Deck dem Grafen zur Stelle.

»Warum haben Sie oben gezögert?« fragte dieser streng.

»Ich sah ein Segel,« war die Antwort.

Mit einem Segel bezeichnet der Seemann in diesem Sinne ein Schiff.

»Was kümmert Sie das?«

»Es ist die ›Vesta‹.«

Sofort wandten sich die Augen aller Offiziere dem Schiff zu, welches in der Ferne sichtbar wurde, und die Leute benutzten den unbewachten Augenblick dazu, die Köpfe unmerklich zur Seite zu drehen.

Die Nennung dieses Namens brachte eine elektrisierende Wirkung hervor. Alle hatten schon von dem Damenschiff gehört, täglich wurde von ihm gesprochen, und die unglaublichsten Gerüchte liefen sowohl in der Offiziersmesse, (Kasino) als auch im Zwischendeck von Mund zu Mund, man besaß Zeitungsbilder und Photographien von der ›Vesta‹, und daher hatte Schwarzburg das Schiff sofort erkannt, denn der Seemann findet an jedem Fahrzeug irgend etwas heraus, wodurch es sich von anderen unterscheidet.

»Lassen Sie die Leute wegtreten,« sagte der Kapitän zum diensttuenden Offizier, »und erst nach dem Passieren des Schiffes die Arbeiten beginnen, sonst sind sie doch nur mit halbem Kopf dabei.«

»Dort fährt auch der ›Amor‹,« meinte einer der Offiziere, welche sich alle vollzählig an Deck mit ihren Ferngläsern versammelt hatten, und deutete auf eine Brigg, die sich abseits hielt. »Herr Graf, lassen Sie die Farben zeigen?«

»Gewiß,« antwortete dieser und gab Befehl, die deutsche Flagge zu hissen.

Jedes Kriegsschiff, auch ein außereuropäisches, hat das Recht, sich Nationalität und Namen des ihm begegnenden Fahrzeuges signalisieren zu lassen, während es selbst dieses nicht nötig hat; es braucht nur die Kriegsflagge seines Landes zu zeigen, nicht seinen Namen zu nennen. Kommen die Wimpel innerhalb drei Minuten nicht hoch, so nimmt der Kapitän des Kriegsschiffes an, man hat seine Aufforderung, das Hissen der Kriegsflagge, nicht gesehen, und läßt einen Kanonenschuß lösen. Zeigt sich auch dann noch nicht der Name, so fährt es an das betreffende Schiff heran, überzeugt sich von Namen und Nationalität und meldet den Kapitän dem Seegericht seines Landes zur Bestrafung; oder aber, wenn Verdachtsgründe vorliegen, läßt er das Schiff von seinen Leuten nehmen, besetzen und in den nächsten Kriegshafen schleppen.

Doch natürlich kommt dieser Fall höchst selten vor.

Kaum flatterte an der Fahnenstange der ›Viktoria‹ die schwarz-weiß-rote Flagge, so gingen auf der Brigg die englische Flagge und der Name ›Amor‹ hoch.

Das Kriegsschiff dankte, das heißt, die Flagge wurde dreimal auf- und abgezogen und mittels Anwendung der Maschine auf die ›Vesta‹ zugehalten.

Bald hatte man sie erreicht, Kopf an Kopf standen die Matrosen der ›Viktoria‹ an Steuerbordseite und musterten die weiblichen Seeleute, die oben in der Takelage arbeiteten, um jetzt bei dem stärker werdenden Winde mehr Segel zu setzen. Die Offiziere befanden sich alle auf der Kommandobrücke, die Kadetten auf der Back. Das ganze Gespräch drehte sich natürlich um die ›Vesta‹ und um die Damen, und daß es unter den Matrosen an Witzen nicht fehlte, ist selbstverständlich.

»Was täten Sie, wenn diese den Namen nicht zeigen würden?« fragte einer der Offiziere den Kapitän.

»Ich würde sie durch einen Schuß dazu auffordern,« antwortete er.

»Und wenn sie der Aufforderung nicht nachkämen?«

»Dann müßte ich das Schiff besuchen, so leid es mir auch täte.«

»Ich glaube fest, sie werden unserem Befehle nicht nachkommen,« meinte Wiedenfeld lachend. »Was ich bis jetzt von den Damen gehört habe, läßt mich dies vermuten.«

Auch der Graf war nachdenklich geworden, und vergebens hofften Offiziere und Leute, daß die Kriegsflagge gehißt werden sollte – der Kapitän unterließ es vorsichtshalber.

»Sehen Sie nur da unseren Schwarzburg, er hat schon die Bekanntschaft einer der Damen gemacht,« lachte der Leutnant Gebhardt, »wahrhaftig, er unterhält sich schon ganz vertraut mit ihr.«

Die Kriegsmarinen aller Nationen haben ein Mittel, um sich auf große Entfernung hin, wenigstens soweit das Fernrohr reicht, unterhalten zu können. Es sind dies zwei Bretter, welche an eine Stange angebracht sind und sich um eine Achse drehen, der sogenannte Semaphor, deren sich auf jedem Schiffe mehrere befinden. Durch verschiedene Stellung der Flügel nun kann man alle fünfundzwanzig Buchstaben des Alphabets wiedergeben, und wer darin Uebung besitzt, spricht mit ihnen ebensoschnell, wie man schreibt. Um dieses System auch in der Handelsmarine einzuführen, muß jeder Matrose, der in der Kriegsmarine dient, die Zeichen erlernen.

Hat man keinen Semaphor-Apparat, so verrichten auch schon die Arme denselben Dienst, und auf diese Weise hatte Schwarzburg eins der Mädchen, welches hinten am Heck stand, angeredet und auch sofort auf dieselbe Weise eine Antwort erhalten, zur Freude aller, denn natürlich kann eine solche Unterredung von allen Zuschauern abgelesen werden.

Es war eine sehr lustige Unterhaltung, welche beide führten, und fast schien es, als ob das junge Mädchen öfter von ihren Gefährtinnen aufgefordert würde, mit dem Semaphorieren einzuhalten, aber einmal im Schwatzen, wenn auch nur mit Armbewegungen, ließ sie nicht sobald wieder nach.

»Was ist das für ein Schiff?« signalisierte der Kadett.

»Die ›Vesta‹, kam es zurück. »Nationalität?«

»Vereinigte Staaten.«

»Sind nur Amerikaner an Bord?«

»Alles Yankees.«

Ein lautes Bravorufen der Matrosen erscholl, das Mädchen hatte sich mit dem Spitznamen der Nordamerikaner genannt, welcher aber so populär geworden ist, daß sie auf diese Bezeichnung stolz geworden sind.

»Yankee doodle went to town
On a little pony
»Stick a feather in his cap
And call him Maccaroni!"

erklang es von den Lippen eines Matrosen, und nach der ersten Strophe fielen jubelnd die übrigen mit in die Melodie der Nationalhymne der Yankees ein, als Text allerdings eine Parodie des eigentlichen Liedes benutzend, der aber bei weitem bekannter ist, als der eigentliche Wortlaut.

Die weiblichen Matrosen auf den Raaen hielten erstaunt in ihrer Arbeit inne und blickten auf das Kriegsschiff, auf dem aus vierhundert Kehlen ihre Nationalhymne erscholl.

»Und woher kommt Ihr?« signalisierte der Kadett weiter.

»Vom Norden.«

»Wohin geht die Fahrt?«

»Mit dem Winde.«

»Was ist Euer nächster Hafen?«

»Wo wir ankern.«

Wieder erscholl ein lautes Gelächter aus dem Munde der Matrosen über die Antworten des Mädchens.

»Jetzt werde ich einmal anders fragen,« sagte der Kadett zu seinem Kameraden, und wieder flogen die Arme wie die Flügel einer Windmühle durch die Luft.

»Haben Sie sich heute morgen schon die Locken gewickelt?«

Einige Sekunden blieb die Antwort aus, dann aber kam es zurück:

»Haben Sie sich heute schon den Schnurrbart gewichst?«

Schwarzburg kratzte sich unter dem Gelächter der Matrosen hinter den Ohren, das Mädchen hatte eine schwache Seite getroffen; es war bekannt, daß er seiner Oberlippe eine sorgsame Pflege angedeihen ließ und gern da drehte, wo sein zukünftiger Schnurrbart entstehen sollte.

»Wie heißen Sie?« signalisierte er jetzt.

Das Mädchen blieb die Antwort schuldig, es wurde von einem anderen gerufen und kam der Aufforderung nach, doch noch im Abgehen konnte sie lesen, daß ihr der Kadett zusignalisierte:

»Auf Wiedersehen in Batavia.«

»Wie kommen Sie darauf, daß die ›Vesta‹ nach Batavia fährt?« wurde Schwarzburg von einem anderen Kameraden gefragt.

»Ich habe es nur geraten,« antwortete er, »die ›Vesta‹ steuert ungefähr diesen Kurs, und es ist anzunehmen, daß die Mädchen an diesem Platze nicht vorbeisegeln werden. Hoffentlich treffen wir übermorgen dort mit ihnen zusammen.«

Jetzt erscholl die Pfeife des Bootsmannes und rief die Leute zur Arbeit, es wurde mehr Dampf aufgemacht, und bald hatte S. M. S. ›Viktoria‹ die beiden unzertrennlichen Schiffe hinter sich und außer Sicht.

17.

Eine holländische Familie.

Mynheer van Kuiper lag ausgestreckt auf einer Chaiselongue und stöhnte über die unerträgliche Hitze, welche ihm den Schweiß in großen Tropfen über das fleischige Gesicht rinnen ließ. Es nützte nichts, daß er seinen Aufenthalt in der schattigen Veranda der Villa gewählt hatte, daß ihm ein malayischer Diener fortwährend Kühlung zufächelte – sein durch langes Nichtstun bis zum Uebermaß fett gewordener Körper war nicht geschaffen für ein Klima, wo 50 Grad Celsius im Schatten als eine noch erträgliche Temperatur gelten, und dennoch konnte er sich nicht von diesem Lande, von Java, trennen, in dem er seine Reichtümer erworben hatte, und noch weniger seine Frau, eine Eingeborene, die in dem kalten Klima seiner Heimat gestorben wäre.

Beiden schien übrigens die Hitze ganz gut zu bekommen, denn sein Gesicht glänzte vor Gesundheit, und war er schon sehr dick zu nennen, so war seine Frau, deren einheimischen Namen er in Fatja umgewandelt hatte – er wußte selbst nicht mehr, wie eigentlich ihr richtiger war, er klang nur ähnlich – ein wahres Monstrum von Körperfülle.

Es kommt häufig vor, daß die sich auf Java ansiedelnden Europäer Malayinnen heiraten, einmal von ihrer Schönheit angezogen, und dann auch, weil sie gewöhnlich dabei gute Partieen machen, denn unter den vornehmen Eingeborenen gibt es sehr reiche, sogar Nabobs, deren einzige Arbeit in der Besichtigung und Sortierung ihrer ererbten Diamanten besteht. Die Malayinnen haben aber den Fehler, daß sie mit dem Alter sehr an Körperumfang zunehmen; ihre völlig beschäftigungslose Lebensweise bringt dies mit sich, und da die Holländer, die Herren von Java, dieselbe Neigung besitzen, so trifft man dort häufig solche Ehepaare, bei welchen der Mann mit seiner Frau an Dicke wetteifert.

Auch die Gemahlin des Mynheer van Kuiper sah sich vollkommen außer stand gesetzt, eine Bewegung zu machen, sie brachte es nicht einmal so weit, die Hand nach dem Glase mit der kühlen Limonade auszustrecken, welches neben ihr auf einem Rohrtischchen stand, sondern ließ es sich durch eine eingeborene Dienerin an den Mund führen, während ihr Mann doch noch so viel Tatkraft besaß, ab und zu die Manillazigarre aus dem Munde zu nehmen, wenn ihn der Rauch zu sehr belästigte.

Bis jetzt war kein Wort zwischen beiden gewechselt worden, denn es war ja Siesta, und war das Ehepaar sowieso nicht gerade schwatzhaft, so unterließ es besonders, während dieser zwei Stunden des Nachmittags, in welchen es sich von den Anstrengungen des Mittagessens erholen mußte, vollkommen, sich in ein Gespräch einzulassen. Außerdem gab Mynheer van Kuiper heute abend in seinem Hause eine Gesellschaft, und sie bedurften doppelt der Ruhe, um den kommenden Aufregungen gewachsen zu sein. Daher kam es auch, daß heute nicht wie sonst das Zimmer mit herumlungernden Dienern besetzt war, weil alle sich an Hausarbeiten beteiligen mußten.

Jedes herrschaftliche Haus verfügt, wie in ganz Indien, so vor allen Dingen auf Java über eine enorme Anzahl von eingeborenen Dienern, von denen jeder einzelne nur irgend eine bestimmte Arbeit, oft nur eine ganz geringe Kleinigkeit, wie zum Beispiel das Anbrennen der Pfeifen zu besorgen hat.

Trotzdem schien es, als mache die dicke Frau Fatja ab und zu den Versuch, an ihren Gemahl eine Frage zu richten, aber immer schloß sie mit einem Blick auf Mynheer wieder den schon halb geöffneten Mund – es wäre ja unverantwortlich gewesen, den von Hitze und Fliegen Gequälten auch noch mit Reden belästigen zu wollen.

»Eine Zigarre,« flüsterte Mynheer van Kuiper mit matter Stimme und ließ den Rest der Manilla aus der Hand fallen.

Jetzt war der Bann, der bisher ihre Zunge in rücksichtsloses Schweigen gehalten hatte, gebrochen, Mynheer war zum Sprechen fähig.

»Hast du heute Briefe bekommen?«

Mynheer van Kuiper nickte – lange Pause.

»Auch von Singapore?«

Er nickte nur.

Frau Fatja hatte ganz vergessen, daß es so heiß und sie so dick war, daß eine heftige Bewegung ihr den Tod bringen konnte, sie richtete sich mit einem gewaltsamen Ruck auf ihrer Chaiselongue zu einer sitzenden Stellung auf und sagte laut, was bei ihr sonst als Schreien galt, wenigstens zu dieser Stunde:

»Und das sagst du mir erst jetzt? Ist etwas gefunden worden?«

Mynheer schüttelte den Kopf.

Seufzend fiel die Frau wieder zurück und hielt sich das Battisttuch vor die Augen.

Dieser Seufzer und diese Bewegung veranlaßten Mynheer van Kuiper doch, seine Manilla aus dem Munde zu nehmen und mit so zärtlicher Stimme, als es seine Kehle erlaubte, zu sagen:

»Hätte ich es dir nicht sofort gesagt, Fatja, wenn ich günstige Nachrichten bekommen hätte? Nichts ist dort bekannt, rein gar nichts, und jeden Buchstaben wollen die Halunken dabei mit Gold aufgewogen haben.«

Erschöpft von seiner langen Rede schwieg er, und auch er wischte sich mit dem Tuch über die Augen – wahrscheinlich um die Schweißtropfen zu entfernen.

Da schallten schnelle Schritte auf dem Kiesweg, welcher durch den mit herrlichen Blumenbeeten und Gewürzsträuchern bepflanzten Garten führte – Java ist das Land der Blumen und Gewürze – und Mynheer van Kuiper erblickte durch die Jalousien einen jungen Mann, der gerade auf den Eingang der Veranda zukam.

»Fünf Uhr, Wilhelm kommt schon aus dem Kontor zurück,« seufzte er, »Fatja, unsere Siesta ist vorbei, wir müssen Toilette machen.«

Dennoch erhob sich keins von ihnen, sondern sie erwarteten erst das Kommen ihres Sohnes, welcher in der unteren Stadt von Java, dem Viertel der Eingeborenen, aber zugleich auch dem der Kontors, das Geschäft seines Vaters, eines Gewürzhändlers, leitete.

Man hätte den Sohn, einen Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren, eher für den Sprößling einer unvermischten Malayenfamilie halten können, so sehr prägte sich in seinen Zügen der Typus der Eingeborenen aus, besonders das mandelförmige, blitzende Auge war völlig das eines Malayen. Nur die etwas hellere Hautfarbe verriet, daß in seinen Adern europäisches Blut floß. Dagegen unterschied er sich in seiner Kleidung durch nichts von einem Europäer, ebensowenig in seinem Benehmen, und hätte man ihn beim Sprechen nicht angesehen, so hätte man ihn für einen solchen gehalten.

Er nahm bei seinem Eintritt den breitrandigen Strohhut von dem schwarzen, glänzenden Haar, küßte erst seiner Mutter ehrfurchtsvoll die Hand und ließ sich dann auf einen Strohsessel zwischen beiden nieder. Seine bis jetzt gezeigten Bewegungen verrieten, daß er im Gegensatz zu seinen Eltern äußerst lebhaft war, und dies geschah noch mehr durch seine Sprache, als er jetzt begann:

»Verzeiht, daß ich euch so unversehens überfalle und in der Siesta störe, aber ihr seht, ich bin noch ganz atemlos von dem Wege, den ich von der Pferdestation bis hierher fast im Laufschritt zurückgelegt habe.«

»Doch nichts Unangenehmes passiert?« fragte Mynheer ängstlich. »Ist die Ladung für Philadelphia ohne Unfall verstaut worden?«

»Alles richtig unter meiner persönlichen Aufsicht besorgt! Eben die Vollendung dieses Geschäftes führte mich nach dem amerikanischen Konsulat, um mir dort die Papiere quittieren zu lassen. Ich wurde versehentlich von dem Diener, welcher mich gut kennt und mich bevorzugen zu müssen glaubt, sofort vor den Konsul gelassen, während eben eine Dame Zutritt zum Sprechzimmer erhalten hatte. Ich wollte mich schon wieder in den Wartesaal begeben, aber der Sekretär nötigte mich zum Sitzen, und ich habe wahrhaftig nicht bereut, eine Viertelstunde gewartet zu haben. Wie gesagt, die Dame war auch eben erst eingetreten und stellte sich dem Konsul vor, der mit einem Male sein sonst etwas anmaßendes Wesen völlig aufgab und die ihm gereichten Papiere mit Verbeugungen in Empfang nahm. Und was meint ihr, wer die Dame war?«

»Die Königin von England,« sagte gähnend Mynheer van Kuiper, dem die Mitteilung seines Sohnes bisher kein sonderliches Interesse abgewonnen hatte.

»Die hätte ja nichts auf dem amerikanischen Konsulat zu suchen« erklärte der junge Mann lächelnd, »nein, es war Miß Petersen, die Kapitänin der ›Vesta‹, welche die Ankunft ihres Schiffes meldete.«

Jetzt wurde das Ehepaar doch erregt, denn auch sie hatten in den Zeitungen schon verschiedenes von dem Damenschiff und dem ›Amor‹ gelesen.

»Nachdem die zeremonielle Anmeldung vorüber war,« fuhr Wilhelm fort, »war Miß Petersens erste Frage, stellt euch mein Erstaunen vor, nach Mynheer van Kuiper, ob er in Batavia wohne und wo?«

»Nach mir?« fragte Mynheer erstaunt. »Was habe ich mit der ›Vesta‹ zu schaffen? Will die Dame mit mir Geschäfte machen?«

»Ich weiß nicht, jedenfalls war es so. Der Konsul sagte sofort, daß ich der richtige Mann wäre, an den sie sich wenden müsse, und Miß Petersen schien erst etwas verlegen, dann aber sehr erfreut, als ich mich ihr als einen van Kuiper vorstellte. Ich brachte sie an Bord ihres Schiffes zurück, und unterwegs erfuhr ich den Grund, warum sie sich so genau nach unserer Wohnung erkundigt hatte.«

Der junge Mann schwieg, es schien fast, als ob er vor Erregung kein Wort herausbringen könnte.

Verwundert betrachtete ihn das Ehepaar.

»Nun?« fragte endlich Mynheer.

»Sie soll dir von einem Geschäftsfreund in Amerika Grüße bringen.«

»Das ist alles?« sagte Frau Fatja. »Du schraubst uns mit deiner Erzählung auf eine Spannung, daß ich fast das Atemholen vergessen hätte, und nun ist es nur eine solche Kleinigkeit.«

»Ja, das ist alles,« rief der Sohn, und schlug sich mit der flachen Hand aufs Knie, als könne er sich vor Freude nicht beherrschen.

»Aber noch mehr,« fuhr er dann fort, wieder ruhiger werdend, »ich brachte also Miß Petersen nach dem Quai, und unterwegs stießen einige Herren zu uns, einige jener Engländer vom ›Amor‹, wir wurden bald bekannt und, liebe Eltern, hoffentlich seid ihr damit einverstanden, schließlich lud ich sowohl alle amerikanischen Damen, wie auch alle englischen Herren ein, den morgenden Abend bei uns zu verbringen.«

»Alle?« rief die Mutter entsetzt aus.

»Nun, nicht alle von Batavia,« lächelte der Sohn, »das wäre etwas zuviel. Nur die von der ›Vesta‹ und dem ›Amor‹.«

»Aber wir haben ja heute abend Gesellschaft,« klagte der Vater, »wir kommen ja gar nicht aus der Aufregung heraus.«

»Wenn du sie eingeladen hast, so sind sie uns natürlich willkommen,« sagte aber Frau Fatja, aus ihren mandelförmigen Augen ihrer Ehehälfte einen mißbilligenden Blick zuwerfend, »unser Haus ist groß genug, um auch die doppelte Anzahl von Gästen aufnehmen zu können.«

»Das ist sehr gut, daß du mir so entgegenkommst,« meinte Wilhelm, wieder lächelnd, »meine Geschichte ist nämlich noch nicht zu Ende. Nachdem Miß Petersen sicher an Bord war, gingen wir, die englischen Herrn und ich, in ein Hotel und wurden dort mit einigen Offizieren bekannt, welche heute mit dem deutschen Kriegsschiff gekommen sind. Einer der Herren kannte einen Engländer vom ›Amor‹, wir stellten uns vor, und der Schluß war, daß auch sie versprachen, morgen abend uns zu besuchen und für einige Stunden bei uns zu bleiben.«

»Wieviel waren es denn?« fragte Mynheer vorsichtig.

»Fünfzig werden es wohl sein.«

»Alle zusammen?«

»Nein, auf hundert können wir uns ruhig einrichten.«

»O, die Aufregung,« seufzte Frau Fatja, »ein Glück ist es wenigstens, daß wir sie nicht unterzubringen brauchen, denn für morgen früh haben wir schon einen zahlreichen Besuch angesagt bekommen, der einige Tage bei uns wohnen wird.«

»Wen denn?« fragte Wilhelm neugierig.

Der Mynheer und seine Frau schienen etwas verlegen zu werden, doch schließlich sagte letztere zögernd.

»Sardal mit seinen Dienern.«

Da plötzlich sprang der junge Mann auf und rief, die Fäuste geballt, mit blitzenden Augen:

»Wie, dieser Schurke wagt, unser Haus zu betreten und begehrt auch noch, darin zu übernachten?«

Mehr erstaunt, als erschrocken betrachteten die beiden den aufgeregten jungen Mann; noch nie hatten sie ihn so leidenschaftlich erregt gesehen.

»Aber, Wilhelm,« sagte endlich die Mutter, »was fällt dir denn ein, so über Sardal zu sprechen? Hat er nicht schon öfters in unserem Hause verkehrt, und hast du ihn nicht auch immer freundlich behandelt, seit – seit ..«

»Sprich es nur ruhig aus,« stieß der junge Mann mit bitterem Lachen hervor, »seit Santa ihm ihre Hand verweigert hat.«

Bei Nennung dieses Namens bedeckte die Frau die Augen, und Mynheer warf seinem Sohne einen bedeutsamen Blick zu.

»Aber besser so!« fuhr Wilhelm unbeirrt fort. »Laßt ihn kommen, gut, so können wir miteinander abrechnen.«

»Was willst du tun, Wilhelm?« fragte der ängstliche van Kuiper. »Um Gottes willen, sieh dich vor, du hast schon schlimme Andeutungen über Sardal gemacht, ich war oft in Sorge, du könntest dir einmal den Mund verbrennen, und riet dir immer, freundlich gegen diesen Mann zu sein. Bedenke, Sardal ist ein mächtiger Fürst, die holländische Regierung bemüht sich um seine Gunst.«

»So?« klang es spöttisch zurück. »Warum führt denn Sardal seine Leute nicht gegen die Atchinesen in den Kampf?«

»Ich weiß nicht, was für Gründe ihn abhalten, es schon jetzt zu tun, aber er wird jedenfalls noch vorgehen, und dann haben die Atchinesen einen furchtbaren Feind. Die Regierung zählt auf ihn. Sardal ist treu wie Gold.«

»Treu wie Gold,« tönte es zurück. »Ein Verräter ist er, ein Heuchler, der nur vorläufig zusieht und sich dann auf die Seite dessen schlägt, dem der Sieg zuzufallen scheint.«

»Nimm dich in acht,« bat Mynheer, »die Diener hören es.«

»Mögen sie es hören; er selbst soll es zu hören bekommen. Ha, wie gut, daß dieser Schurke mir gerade jetzt in den Weg läuft!«

»Wilhelm,« jammerte die Mutter, »mache dich und uns nicht unglücklich, wir sind es ja so schon genug!«

Der junge Mann hatte sich beruhigt; er streichelte die Hand seiner Mutter und sagte:

»Seid unbesorgt, ich weiß, was ich tue! Habe ich bisher in Sardals Treue Argwohn gesetzt, so habe ich es doch gegen niemanden, als gegen euch laut werden lassen, da ich aber nun Beweise von seinem verbrecherischen Treiben habe, soll es alle Welt erfahren, und ich will mit meinem Kopfe für die Wahrheit einstehen. Laßt nur erst morgen abend kommen.«

»Nur keinen Skandal in unserem Hause,« flehte Mynheer, »denke an unsere Gäste.«

»Eben die brauche ich dazu.« Wilhelm sah nach der Uhr. »Es wird Zeit, daß wir uns fertigmachen.«

Er entfernte sich, und Mynheer van Kuiper und Gemahlin waren jetzt endlich gezwungen, ihre bequeme Lage aufzugeben und sich von den Chaiselongues zu erheben.

»Ein unglückliches Verhängnis,« sagte Mynheer, als er glücklich auf seinen Beinen stand. »Ich weiß nicht, was Wilhelm mit diesem Sardal vorhat. Wenn er nur wenigstens in Anwesenheit der Gäste keinen Skandal herbeiführt.«

»Das tut Wilhelm nicht,« erwiderte Fatja, »er hat das heiße Blut Javas in den Adern und läßt sich leicht zu heftigen Worten hinreißen, aber im Augenblick des Handelns hat er deinen kalten Kopf. Es freut mich aber doch, morgen abend jene Herren und Damen kennen zu lernen, von denen alle Welt spricht. Ihre Gesellschaft ist jedenfalls eine andere, als die gewöhnliche, wie auch heute abend eine zusammenkommt. Offengestanden, mir sind diese holländischen Gesellschaften schrecklich langweilig, bei denen die Männer rauchen und die Damen ihnen zusehen, ohne ein Wort zu sprechen.«

»Danke,« sagte Mynheer und führte seine Gemahlin aus der Veranda in die inneren Räumlichkeiten des Hauses.

18.

Einige Gespräche.

Die Tafel war aufgehoben worden, die zahlreichen Gäste hatten den festlichen Saal verlassen und ergingen sich in dem parkähnlichen Garten, der von Tausenden von buntfarbigen Lampions – eine Spezialität Javas – erleuchtet wurde.

Wunderbar duftete der blühende Mandelbaum, die Gewürzbäume Indiens durchzogen mit ihrem sinnberauschenden Geruch die Luft, die Insekten schwirrten und surrten, stießen mit dem Kopf gegen die Papierlaternen, und war ein stilles Boskett, eine heimliche Laube, die nicht im Scheine der Wachslichter erstrahlte, so schwirrten die Leuchtkäfer wie glühende Kohlen im Laube.

Eine fröhliche Gesellschaft war es, die sich hier versammelt hatte; lange hatten die Bäume des Gartens nicht solch herzliches Lachen von hellen Mädchen- und sonoren Männerstimmen gehört; es war das erste Mal, daß hier auch in deutscher Zunge geredet wurde, und besonders die in dieser Sprache gesprochenen Worte mußten aus einem sehr lachenden Munde kommen, so hell, so frisch klangen sie, als gehörten sie Kindern, oder doch kaum dem Kindesalter entwachsenen Jünglingen an.

O Jugendzeit, o Jugendlust! Alles scherzte und lachte. Die Kadetten radebrechten mit den Damen auf englisch, sie erzählten ihnen ihre Abenteuer, ihre Geniestreiche, und waren sogar so ungezogen, auf einer Bank nachzuahmen, wie der Herr Seeoffizier im Kasernenhof des Heimatshafens seine ersten Reitstudien machte, wie er auf der anderen Seite wieder herunterrutschte, weil seine Seebeine sich durchaus nicht dem Rücken des Pferdes anpassen wollten.

Der tollste von allen Kadetten war Schwarzburg. Sein Uebermut fand keine Grenzen, und nicht lange dauerte es, so hatte er einen Gesellschafter gefunden oder vielmehr eine Gesellschafterin, nämlich in Hope Staunton, nach dem alten Sprichwort: Gleich und gleich gesellt sich gern.

Schon beim ersten Anblick hatte der Kadett in Hope Staunton jene erkannt, mit welcher er vor zwei Tagen von Schiff zu Schiff semaphoriert hatte. Damals konnte ihr Gespräch unterbrochen werden, hier aber war niemand, der dies wagen durfte.

»Sie stellten damals eine sehr ungezogene Frage,« sagte Hope, während sie in den Gängen auf- und abwandelten, welche von zahlreichen Gruppen belebt waren.

»Ungezogen?« entgegnete der Kadett und tat ganz erstaunt. »Ich wüßte nicht, wieso. Weil ich fragte, wohin die ›Vesta‹ führe?«

»Ach, gehen Sie, Sie wissen ganz gut, was ich meine, wegen des Lockenwickelns.«

»Ah so, nun das haben Sie mir ja tüchtig zurückgegeben.«

»Was würde denn Ihre nächste Frage gewesen sein?«

»Nun etwa, wie es Ihnen an Bord der ›Vesta‹ gefällt.«

»Da würde ich semaphoriert haben: Herzlich schlecht.«

»Wie?« rief Schwarzburg, dieses Mal wirklich erstaunt. »Es gefällt Ihnen nicht, das Seeleben? Aber warum bleiben Sie denn auf der ›Vesta‹? Es ist ja Ihr eigener Wille. Sie brauchen doch nur wieder von Bord zu gehen. In jedem Hafen finden Sie Passagierdampfer, welche Sie in einigen Wochen nach Hause bringen.«

»Nach Hause, das Seeleben nicht gefallen?« entgegnete Hope entrüstet. »Mein ganzes Leben lang gehe ich nicht mehr vom Meere herunter, ich kann schon nicht mehr schlafen, wenn ich nicht geschaukelt werde.«

»Dann schaffen Sie sich doch eine Wiege an,« sagte hinter ihnen eine Stimme, und ehe sie sich umblicken konnten, eilte mit großen Schritten ein Mann vorüber, ohne die beiden weiter zu beachten.

»Wer war das?« fragte der Kadett unwillig. »Artigkeit scheint seine Sache auch nicht gerade zu sein. Wenn er mit uns sprechen will, gehört es sich wenigstens, bei uns zu bleiben.«

»Ich weiß nicht, wer es ist, die englischen Herren haben ihn mitgebracht. Vorhin sah ich ihn lange mit Hannes sprechen.«

»Wer ist das, Hannes?«

»O, den müssen Sie kennen lernen, das ist ein Seemann durch und durch, der kann mehr, als die Kadetten alle zusammen.«

»Das ist ein bißchen viel behauptet,« meinte Schwarzburg lächelnd. »Was ist er denn?«

»Früher war er Leichtmatrose auf einem Segelschiff, jetzt ist er Diener bei einem Engländer auf dem ›Amor‹.«

»Na, dann wird es wohl auch nicht so schlimm sein mit seiner Seemannschaft,« sagte Schwarzburg etwas verächtlich. »Was meinen Sie wohl, was unsereins alles im Kopfe und in der Hand haben muß. Jetzt machen wir ein Segel fest, und eine halbe Stunde später berechnen wir mit der größten Genauigkeit, wie weit in demselben Augenblick der Mond von der Sonne entfernt ist.«

»Das kann nun Hannes allerdings nicht,« gab Hope zu, »aber das hat auch gar nichts zu sagen, solche Sachen lernt man eben in der Schulstube, und wenn man seine Exempel nicht richtig gerechnet hat, dann muß man nachsitzen. Das kenne ich, dafür gebe ich keinen Pfifferling. Aber Sie sollten einmal Hannes sehen, der segelt Ihnen über die Nase weg.«

Der Kadett sah das Mädchen von der Seite an.

»Sie scheinen für diesen Hannes ein tiefes Interesse zu hegen,« sagte er dann nach einer Weile und hoffte, dadurch dem Gespräch eine interessante Wendung zu geben.

»Natürlich, warum sollte ich auch nicht!« antwortete Hope einfach.

Wieder schielte der Kadett zur Seite.

»Ist er wirklich Diener auf dem ›Amor‹?«

»Allerdings, aber eigentlich ist er die zweite Hand vom Kapitän, ehe der ein Kommando gibt, fragt er gewöhnlich erst Hannes,« log Hope.

»Das muß ja ein Universalgenie sein!«

»Das ist er auch. Ach, es ist so sehr, sehr schade –«

Und das junge Mädchen seufzte tief auf.

»Aha,« dachte der Kadett und drehte an der Oberlippe, »jetzt kommt's.«

»Was ist so sehr schade, mein Fräulein,« sagte er in schmeichelndem Tone, »sprechen Sie sich aus, ein mir anvertrautes Geheimnis ruht sicher in meiner Brust. Ich habe Teilnahme für fremdes Leid. Was ist so sehr schade?«

»Es ist so sehr schade, daß gerade von unserem besten Boote der Steven abgebrochen ist und hier repariert werden muß. Die anderen Dinger segeln alle nicht so gut, wie gerade dieses.«

»Würden Sie nicht einmal mit mir eine Segelfahrt unternehmen?« sagte der enttäuschte Kadett nach einer kleinen Weile. »Ich glaube, Sie würden mit meiner Segelkunst auch zufrieden sein. Ich habe abends immer frei, und Boote können wir genug bekommen.«

»Sie?« sagte das Mädchen und blieb stehen. »Das glaube ich denn doch nicht, daß Sie sich so besonders aufs Segeln verstehen. Wo sollen Sie's denn her haben, wenn Sie die ganze Freizeit über Büchern schwitzen müssen?«

»Oho,« entgegnete Schwarzburg etwas verletzt, »so sehr dürfen Sie meine Kunst doch nicht unterschätzen, wir Kadetten üben uns fleißig im Bedienen des Segelbootes.«

»So? Können Sie mit dem Wind wenden?«

»Wenn's weiter nichts ist.«

»Auch ohne Klüversegel?«

»Das geht nicht, da kippt man um,« sagte Schwarzburg etwas spöttisch.

»Da haben wir's ja,« lachte Hope, »sehen Sie, das habe ich von Hannes gelernt. Geben Sie acht, morgen, wenn der Wind einigermaßen gut ist, segele ich zehnmal um Ihr Schiff herum und wende immer dabei mit dem Winde.«

»Wollen Sie mich da nicht mitnehmen?«

»Ballast kann ich nicht gebrauchen,« lachte Hope.

»Teufel,« sagte der Kadett zu sich, »ist das ein sonderbares Mädchen.«

Nach einer kurzen Pause begann er wieder:

»Tanzen Sie gern? Ich hoffe, daß später noch ein Tanz arrangiert wird.«

»O ja, ich tanze sehr gern.«

»Darf ich Sie da gleich jetzt um den ersten Walzer bitten?«

»Bah, Walzer, solche Kindereien mache ich nicht mehr mit,« sagte Hope, wenn es auch nicht wahr war, aber sie wollte sich etwas dem Kadetten gegenüber als Seemann zeigen. »Ich tanze nur noch Step und Hornpipe.«

Schwarzburg blieb vor Erstaunen stehen.

»Das sind aber keine anständigen Tänze,« brachte er endlich hervor. Auch Hope war stehen geblieben.

»Und ich finde es nicht anständig, mir so etwas zu sagen,« fuhr sie ihn an. »Was geht es Sie an, ob ich Walzer oder sonst etwas tanze?«

Der Kadett war jetzt vollkommen verblüfft, wortlos ging er neben dem Mädchen her, so etwas war ihm doch noch niemals vorgekommen.

»Das muß ja ein lustiges Leben an Bord der ›Vesta‹ sein,« dachte er. »Gott im Himmel, das Mädchen ist erst siebzehn Jahre alt, wie mögen da erst die anderen sein? Ich glaube, da gibt es manchmal Mord und Totschlag.«

Diesmal war es Hope, welche das Gespräch wieder anfing:

»Können Sie boxen?«

»Ich? Ja, nein, nicht viel,« war die zögernde Antwort.

Schwarzburg griff sich in den Halskragen, es wurde ihm plötzlich recht schwül. Würde ihn das Mädchen neben ihm vielleicht jetzt zu einer Tour herausfordern? Hölle und Teufel, anstandshalber mußte er sich ja dann grün und blau schlagen lassen, und der Kadett war sonst als ein guter Boxer bekannt. Aber gegen das schwache Geschlecht muß man höflich sein.

»Ein Seemann muß gut boxen können,« erklärte Hope entschieden, »sonst ist er nur ein halber Mensch. Da sollen Sie einmal den Hannes sehen, der schlägt Ihnen die Knochen kurz und klein.«

»Wird auf der ›Vesta‹ viel geboxt?« fragte der Kadett kleinlaut, um wenigstens etwas zu sagen.

»Sie sind wohl nicht recht gescheit!« lachte das übermütige Mädchen. »Denken Sie etwa, wir prügeln uns auf der ›Vesta‹? Gottvoll, das muß ich meinen Freundinnen erzählen.«

Nun aber war es mit des Kadetten Fassung aus, es wurde ihm unbehaglich an der Seite dieser jungen Dame. Er hoffte nur, daß etwas geschehe, was das Gespräch auf ein anderes Thema brachte, und das sollte auch bald eintreten.

Plötzlich erschollen schnelle Schritte hinter den beiden.

»Hannes, endlich!« rief Hope. »Wo hast du denn so lange gesteckt? Ich langweile mich schon den ganzen Abend.«

»Ich habe meinem Herrn ein Paar andere Stiefel geholt,« sagte Hannes und gab dem Mädchen die Hand. »Die Hühneraugen haben ihm so weh getan, und das tat mir so leid, daß ich ihm den Gefallen getan habe.«

»Dumm genug von dir, er konnte ja barfuß gehen, warm genug ist es hier. Freiherr von Schwarzburg – Hannes Vogel,« stellte Hope vor.

Dem Kadetten war nun alles gleichgültig geworden, er wunderte sich über nichts mehr. Er nahm die Hacken zusammen und legte die Hand an die Mütze.

»Lassen Sie nur den Unsinn!« meinte Hannes gutmütig und streckte ihm die Hand entgegen. »Vor mir brauchen Sie nicht stramm zu stehen. Herrgott, da heißen Sie ja gerade so wie ich, ich heiße nämlich auch Schwarzburg. Na, brauchen deshalb nicht gleich rot zu werden, ich kann ja nichts dafür, daß ich zwei Namen habe!«

»Gott im Himmel,« dachte der Kadett, »jetzt befreie mich aus dieser Gesellschaft, oder ich nehme meinen Dolch in die Hand und reiße aus.«

Aber daraus wurde nichts; er wurde von beiden in die Mitte genommen und bekam ein Gespräch anzuhören, daß es ihm bald im Kopfe zu surren begann. Links wurde von Tauen, rechts von Knoten gesprochen, dann wurden die schwierigsten Splisse erklärt, wie oft man die einzelnen Tauenden durchsteckt, wie jetzt die neuesten Anker beschaffen sind, wo man im Segelboot am besten sitzt, Gitaue, Brassen, Persenings, Wanten, Raaen, Masten, Schiffe, alles das flog nur so um die Ohren des stumm zuhorchenden Kadetten herum, und wenn der eine Atem schöpfte, so fiel der andere mit doppelter Kraft ein.

»Samiel hilf!« seufzte der arme Kadett. »Ich kann nicht mehr.«

Endlich schlug ihm die Stunde der Erlösung.

»Hannes, dort steht Miß Petersen,« rief Hope, »die wollen wir fragen, ob es nicht wahr ist, daß die ›Vesta‹ besser nach steuerbord, als nach backbord steuert.«

Fort waren sie alle beide, den Kadetten stehen lassend. Dieser seufzte tief auf.

»Den Tag streiche ich mir rot an,« sagte er, als er den Rückweg einschlug, um seine Kameraden aufzusuchen. »Gegen die beiden sind ja unsere über Schiffskunde instruierenden Offiziere die reinen Waisenknaben.«

Zu derselben Zeit schritten in dem dunkelsten Gange zwei Männer im Gespräche auf und ab, einer davon war Charles Williams, der andere Nick Sharp, der sich hier unter verändertem Aussehen und dem Namen eines Mister Wood aufhielt.

Sie hatten sich eben darüber unterhalten, was der Grund ihres Besuches auf Mynheer von Kuipers Grundbesitz wäre, beide hatten einunddenselben Schluß gefunden und kamen nun auf den bei der Festlichkeit anwesenden Fürsten Sardal zu sprechen, welcher mit seinem Gefolge in Mynheers geräumigem Hause wohnte.

»Ich habe mich genau über ihn erkundigt,« sagte Mister Wood, welcher sich aber seinem Freunde gegenüber schon in seiner wirklichen Gestalt zu erkennen gegeben hatte. »Sardal ist ein mächtiger, malayischer Fürst, ein Maharajah, das heißt, der Oberste von verschiedenen Rayahs, welche alle, ebenso wie ihre Stämme, ihm unbedingt gehorchen, und hat seine Residenz im nördlichsten Java. Im Kampfe zwischen den Atchinesen und den Holländern hat er sich bis jetzt vollkommen neutral gehalten, aber der holländischen Regierung immer seine Unterstützung zugesagt, wenn Hilfe not täte, und die Regierung sucht auf alle mögliche Weise, ihn für sich zu gewinnen und ihn zum Kampfe gegen Atchin zu bewegen. Seine Macht ist nicht zu verachten, er kann ein paar tausend waffengeübte Malayen ins Feld rücken lassen und verfügt außerdem über eine kleine Segelflotte, auf der er im Seekampf geübte Matrosen hat.«

»Können sich denn die Holländer die elenden Prauen der Atchinesen nicht vom Leibe halten?« fragte Charles.

»Natürlich können sie es, aber es ist dies ein eigentümliches Verhältnis, wie ich mir habe erzählen lassen. Der Malaye ist ein geborener Seeräuber; seine flachen Prauen kann er überallhin steuern, wo ihm der kleinste europäische Dampfer nicht nachfolgen kann. Nun hält er sich mit seinen Fahrzeugen in den Schlupfwinkeln der Küste von Sumatra versteckt, bricht mit Uebermacht hervor, sobald er ein Schiff allein sieht, und wenn er auch damit in diesem Kampfe nicht viel ausrichten kann, so kann er doch stets Truppen aus- und einschiffen und dahin werfen, wohin er sie haben will. Träte Sardal definitiv auf Seite der Holländer, so wäre es ihm ein leichtes, mit seiner Flotille diesem Unwesen ein Ende zu machen, das heißt, die Prauen zu vernichten; und damit hätten die Atchinesen den größten Verlust erlitten, der größte Teil ihrer Macht wäre verloren.«

»Warum geht Sardal nicht auf Seite der Holländer?«

»Weil er ein Fuchs ist. Noch hofft er, als Malaye blind vor Ehrsucht, die Atchinesen könnten in dem Kampfe Sieger bleiben, und zeigt sich dazu nur die geringste Aussicht, dann sollen Sie einmal sehen, wie schnell er seine Leute gegen die Holländer hetzt und sich schon im voraus den besten Bissen sichert. Sehen Sie nur dem Manne ins Auge, alles darin ist Geld – und Ehrsucht, vermischt mit sinnlicher Leidenschaft.«

»Er ist ein Freund von Kuiper?«

»Er nennt sich wenigstens einen solchen, stolz wird der Mynheer wohl auf diesen Freund nicht besonders sein, aber er muß ihn dulden, weil er eben ein mächtiger Fürst ist und die holländische Regierung sich um seine Gunst bewirbt.«

Der Detektiv verstummte plötzlich.

»Wann sollen denn die Mädchen abgeladen werden, wie Sie immer sagen?« begann Charles wieder nach einer Pause.

»Weiß nicht.«

»Miß Petersen hat eine seltsame Art und Weise, ihre Schützlinge wieder anzubringen, nur immer alles recht geheimnisvoll.«

»Frauenmanier.«

»Wieviel sind es?«

»Das wissen Sie doch ebensogut, wie ich.«

»Nun ja, Sie mürrischer Mensch, ich wollte Sie nur wieder zum Sprechen bringen.«

»Ich wette aber,« sagte Sharp und blickte auf, »Sie wissen nicht, wieviel Mädchen die ›Vesta‹ verlassen.«

»Das wäre doch sonderbar,« rief Charles, »es sind drei!«

»Nein, vier.«

»Drei sage ich Ihnen, ich weiß es bestimmt.«

»Aber ich weiß noch bestimmter, daß es vier sind. Hätten Sie vorhin nicht so viel geschwatzt, so hätten Sie etwas Interessantes sehen können, Sie mußten allerdings scharfe Augen dazu haben.«

»Und das wäre?«

»Auch eine der Vestalinnen wird das Schiff verlassen.«

Charles blieb überrascht stehen, mußte aber schnell einige große Schritte machen, denn der Detektiv war unbekümmert weitergelaufen.

»Das wäre?« rief Charles. »Wissen Sie es bestimmt?«

»Ganz sicher. Eines der Mädchen bleibt hier oder verläßt wenigstens die ›Vesta‹.«

»Ist Zank, Streit, oder sonst etwas vorgefallen?«

»Liebe.«

»Ich verstehe Sie noch nicht recht. Wird Miß Petersen sie gehen lassen?«

»Erst recht, die haut ihr ja sonst den Buckel voll, wie es die Gesetze der ›Vesta‹ vorschreiben. Ja, sehen Sie mich nicht so verblüfft an. Dort vorn in der Laube, da hat endlich Wilhelm van Kuiper einem der Mädchen nach langem Seufzen und Schmachten gestanden, daß er ohne es nicht leben möchte, und es biß natürlich an, wie der Aal an den Regenwurm.«

»Das ist aber höllisch schnell gegangen.«

»Daraus macht sich eine Amerikanerin ebensowenig, wie ein Malaye. Kurz und gut, die beiden sind einig.«

»Und Miß Petersen?«

»Die wurde fuchsteufelswild, aber es half alles nichts, das Mädchen mußte von Bord.«

»Nun fehlt aber eine Dame, die ›Vesta‹ hat fünfzig Hände nötig.«

»Die fehlenden zwei wird Miß Petersen bald genug wiederbekommen, kalkuliere ich.«

»Hat Miß Petersen schon eine Dame in Aussicht?«

»Nein, es wird sich von selbst eine melden.«

»Sharp,« sagte Charles, »machen Sie keinen Unsinn etwa.«

»Warum, was?«

»Und gehen als Mädchen auf die ›Vesta‹. Ihnen ist alles zuzutrauen, und Ihnen wäre es auch möglich.«

Es war das erste Mal, daß Williams den Detektiven laut auflachen hörte.

»Nein,« sagte er, »eher hänge ich mich auf.«

»Und Sie wissen bestimmt, daß für das abgehende Mädchen schon Ersatz da ist?«

»Ja, vielleicht schon hier in Batavia wird sich eine andere melden und jedenfalls auch aufgenommen werden, ob es allerdings zum Vorteil für die Vestalinnen ist, das ist sehr die Frage, mir soll es aber gleichgültig sein.«

»So kennen Sie die Person?«

»Ja, sehr gut.«

»Woher wissen Sie nur das alles so genau?« sagte Charles mit unverhohlenem Erstaunen, »Oft kommt es mir vor, als wären Sie allwissend.«

»Meine Ohren und Augen sind nur etwas schärfer als die anderer Leute,« entgegnete der Detektiv einfach.

»Und dann noch eins! Haben Sie das Liebespärchen auch in Miniatur photographiert?«

Der Detektiv warf Williams einen spöttischen Blick zu.

»Weiter hätte ich nichts zu tun,« sagte er. »Wenn ich alle mir begegnenden Liebespaare aufnehmen wollte, dann könnte ich den ganzen Tag auf den Knopf drücken und die ganze Nacht retuschieren. Wie kommen Sie auf diese Frage?«

Charles erzählte von dem Bilde, welches er in seinem Schreibtisch gefunden, und Sharp gestand, daß er sich diesen Scherz erlaubt habe.

»Sehen Sie dort Hannes und Miß Staunton,« sagte Charles und deutete auf einen Gang, »die beiden stecken fortwährend zusammen, sie sind unzertrennlich. Sobald wir an Land kommen, ist Hannes für mich nicht zu sprechen, er kümmert sich fast gar nicht mehr um mich. Ich möchte nur wissen, was Miß Petersen dazu sagt oder davon denkt.«

»Mag sie denken, was sie will,« entgegnete der Detektiv fast unwillig, »ich kenne Hannes durch und durch. Wäre Miß Staunton ein altes Weib und spräche sie mit ihm gern über seemännische Angelegenheiten, so hielt er ganz genau so zu ihr. Der Junge ist in derartige Gespräche ganz vernarrt, ebenso wie Miß Staunton. Sie hätten vorhin hören sollen, wie das Mädchen den Kadetten vorhatte. Es war eine Freude zuhören zu können.«

»Entschuldigen Sie, Mister Wood,« sagte da plötzlich Charles, »wenn ich Sie allein lasse, aber –«

»Ich brauche keine Entschuldigungen,« sagte der Detektiv mürrisch, »ich habe schon längst gesehen, daß Miß Thomson da auf der Bank sitzt.«

»Wo kann ich Sie wieder treffen?«

»Da, wo der Arrak ausgegeben wird. Viel Vergnügen!«

Und verschwunden war der Detektiv.

»Haben Sie schon lange auf mich gewartet?« fragte Charles und ließ sich neben Miß Thomson nieder.

Das Mädchen brach in ein helles Lachen aus.

»Sie sind köstlich,« sagte sie. »Woher wollen Sie denn wissen, daß ich überhaupt auf Sie gewartet habe? Oder glauben Sie etwa, ich setze mich einige Stunden hierher und lauere, bis Sie zufällig einmal hier vorbeigehen?«

»Na, seien Sie nur nicht gleich so böse!« bat Charles mit flehender Stimme. »Heute abend sehen wir uns fast zum ersten Male, und da schnauzen Sie mich gleich an, daß mir Hören und Sehen vergeht.«

»Und Sie armer Mensch nehmen es sich auch gleich so zu Herzen,« scherzte Betty. »Wenn ich Sie nur einmal ernst sehen könnte, dann würde es mir vielleicht auch gelingen, ernsthaft mit Ihnen zu sprechen.«

»Können Sie sich keiner Gelegenheit erinnern, mich ernst, furchtbar ernst gesehen zu haben?«

»Doch, das war damals in Australien, als wir an den Marterpfahl gebunden standen und jeden Augenblick den Tod erwarteten. Da waren Sie aber auch gleich wieder so ernst, daß Sie zu weinen begannen.«

»Spotten Sie nicht,« bat Charles mit weicher Stimme, »wenn ich geweint habe, so war es nur aus Seligkeit.«

»Wieso, daß Sie sterben sollten?«

»Weil Sie mir im Angesicht des Todes Ihre Gefühle zu verstehen gaben.«

Betty schwieg, sie wußte, daß jetzt wieder ein Moment kam, dem sie gern entflohen wäre, und den sie doch wieder herbeisehnte.

»Betty,« begann Charles wieder, »tun Sie mir den Gefallen, hängen Sie die ›Vesta‹ an den Nagel.«

»Das ist ein schweres Stück Arbeit.«

Sie versuchte einen scherzhaften Ton anzuschlagen, aber Charles ließ sich nicht täuschen, er hörte das Zittern ihrer Stimme, er fühlte, wie die zarte Gestalt neben ihm erbebte.

Leise legte er seine Hand auf die ihrigen, welche sie auf ihrem Schoß gefaltet hielt.

»Betty, verlaß die ›Vesta‹, ich bitte dich, folge mir, sei mein liebes Weib,« flüsterte er eindringlich.

Lange Zeit schwieg sie.

»Ich kann nicht, jetzt noch nicht,« sagte sie dann mit bebender Stimme, »ich habe Miß Petersen und allen meinen Freundinnen versprochen, bei ihnen auszuhalten in Freude und Gefahr; so lange die ›Vesta‹ unter Ellen fährt, bindet mich mein Versprechen. Noch diese Reise, sie dauert ja nicht lange, was ist ein Jahr, dann will ich dir folgen, Charles, wohin du willst.«

»Was ist dir Ellen, was sind dir deine Freundinnen? Glaubst du nicht, daß meine Liebe zu dir tausendmal stärker ist, als die von allen zusammen? Ihr habt euch in New-York zusammengefunden, abenteuerlustige, junge Mädchen, Ihr steht fast alle einsam da, habt niemanden gehabt, der euch wirklich liebte, und das war es, was euch dazu antrieb, das wilde Meer aufzusuchen, um auf ihm Gefahren zu bestehen. Nun ist es etwas anderes, du liebst jemanden, der dich mehr liebt, als sich selbst, der über dein Leben wacht, wie über seinen Augapfel, und den es sehr schmerzt, wenn er dir ein Leid geschehen sieht. Betty, sei nicht so grausam. Willst du jetzt noch nicht mein Weib werden, so gehe wenigstens in deine Heimat. Komm zu meinen Angehörigen, du findest warme Herzen, und die Arme strecken sie schon jetzt nach dir aus, aber verlaß das Schiff, wo ich dich jeden Augenblick in Gefahr weiß, verlaß diese Mädchen, glaube mir sicher, sie passen nicht zu dir. Ich kenne dich besser, du bist nicht das starke, kaltherzige Mädchen, welches du gern sein möchtest, weil du deinen Gefährten nicht nachstehen willst, du hast einen weichen, kindlichen Sinn.«

Er brach kurz ab, es wurden Schritte hörbar. Der Mond hatte sich hinter einer Wolke verborgen, und es war völlig dunkel unter den Zweigen des Baumes, wo die beiden auf der Bank saßen. Charles legte den Arm um Bettys Taille und zog sie an sich, was sie willenlos duldete. Dann lauschten beide auf das Gespräch, welches von den Ankommenden geführt wurde, so eifrig, daß die Liebenden gar nicht zu fürchten brauchten, von ihnen bemerkt zu werden.

»Donner und Doria,« hörten sie Hannes' Stimme, »ja, Hope, das machen wir. Zum Teufel mit der ›Vesta‹ und dem ›Amor‹, da ist nichts Ganzes und nichts Halbes darauf. Die Engländer sind doch nur alles grüne Jungen, und die Mädels, na, das sind auch alles solche dumme Dinger. Hast du viel Geld bei dir?«

»Viel ist es nicht, ein paar hundert Dollar, mehr nicht,« hörten sie Hopes Stimme, »langt das?«

»Nein, das ist viel zu wenig. Fünftausend brauchen wir wenigstens. Kannst du die auftreiben? Ich habe nur einen halben Dollar und eine goldene Uhr, das ist mein ganzes Vermögen.«

»Ich werde sie schon bekommen, ich muß meinem Vormund irgend etwas vorschwindeln, daß er sie schickt. Aber Ellen? Was wird die dazu sagen?«

»Laß die Ellen zum Henker fahren, wir reißen einfach aus. Ein Schiff will ich schon bald gefunden haben, so schlank, wie es nur je auf dem Wasser geschwommen ist, darin habe ich einen Scharfblick, und eine Besatzung will ich zusammenbringen, sage ich dir, die sich gewaschen hat. Von jedem Schiff hole ich mir die fixesten Kerle herunter, nicht solche sauertöpfische Gestalten, wie die Engländer, nein, Jungens, die sich weder vor Gott, noch dem Teufel fürchten.«

»Die englischen Herren haben sich bis jetzt auch immer tüchtig bewiesen,« nahm Hope die Besatzung des ›Amor‹ in Schutz.

»Nun ja, das muß man ihnen ja lassen,« gab Hannes zu, »von einigen ist es jammerschade, daß sie sich von den Mädels an der Nase herumziehen lassen, so zum Beispiel Harrlington, Davids, Hastings und vor allen Dingen Williams, aber das Richtige ist es doch noch nicht, der ist auch schon in eine vernarrt. Herrgott, Hope, du sollst einmal an Bord eines richtigen Segelschiffes kommen! Und ich will eins zusammenbringen, wie es die Welt noch nicht gesehen hat.«

»Und was machen wir dann?«

»Hm,« meinte Hannes überlegend. »Handel treiben ist auch nichts. Nein, weißt du was, da wir nun einmal hier sind, bleiben wir hier, wir gehen in die chinesischen Gewässer und führen Krieg gegen alles, was Seeräuber heißt, oder, was sagst du dazu, wir jagen hier die Prauen der Atchinesen davon, schießen, hauen, bohren alles in den Grund. Waffen müssen wir natürlich auch haben, ich nehme gleich Williams Gewehr mit. Und dann suchen wir uns eine paradiesische Insel aus, wo wir eine Kolonie gründen, legen einen hübschen Hafen an und bauen noch mehr Schiffe, das ist nichts weiter, kurz und gut, wir lassen einen Seestaat entstehen, der bald so mächtig sein wird, wie das alte Venedig, eine ganze Republik, und wir beide sind darin König.«

»Eine Republik hat ja keinen König,« meinte Hope.

»Na, dann sind wir etwas anderes. Hope, wollen wir, oder wollen wir nicht?«

»Natürlich wollen wir. Wann reißen wir aus?«

»Sobald wir das Geld haben. Kannst du es nicht bekommen, dann stehle ich ein Schiff –«

Die Stimmen verloren sich in der Ferne.

»Betty,« flüsterte Charles, »da gehen wir auch mit, wenn Hannes erst König in der Republik ist, läßt er uns wenigstens Herzöge werden. Du siehst, Eure ›Vesta‹ scheint sich langsam aufzulösen. Hope reißt einfach aus, und erst vorhin hat hier eine andere Dame ihr Herz auf ewig verloren – sie bleibt hier.«

»Ich weiß es. Miß Finchlay,« entgegnete Betty, »und eben, weil du mich daran erinnerst, wird es mir unmöglich sein, schon jetzt die ›Vesta‹ zu verlassen. Ebenso wie Miß Petersen, sind wir alle entrüstet, daß sie ihr Versprechen plötzlich bricht und ihre Freundinnen vergessen hat. Nein, Charles, noch nicht! Lass' uns diese Reise noch zusammen machen, und dann will ich dir folgen. Und was Hope anbetrifft, das Mädchen hat ein phantastisches Gemüt, der starke Wein wird es aufgeregt haben. Ich bin fest überzeugt, daß sie uns niemals heimlich verlassen würde, sie liebt uns alle, wie wir sie lieben. Da ertönen die Klänge eines Beckens, es ist das Zeichen, zusammenzukommen, es wird noch einmal im Garten serviert. Sir Williams, darf ich Sie bitten, mich dahin zu begleiten?«

19.

Santa.

Auf einem geräumigen Wiesenplatz, umgeben von Büschen und Bosketts, waren Tische in Hufeisenform aufgestellt und an ihnen die Damen und Herren plaziert.

Immer wieder wurden die mächtigen Glasterrinen mit würziger Ananasbowle gefüllt, die Gläser erklangen, muntere Scherzreden flogen hin und her, und die Stimmung war allgemein eine fröhliche.

Neben Wilhelm van Kuiper saß Miß Finchlay, das Mädchen, dessen Herz er heute abend erobert, und welches versprochen hatte, von ihren Gefährtinnen zu lassen, um ihm anzugehören. Es war nichts, was sie nach der Heimat gelockt hätte; wie die meisten Vestalinnen stand auch sie allein, und so war sie entschlossen, in Batavia zu bleiben und von hier aus ihre Angelegenheiten zu ordnen.

Um diese beiden hatten sich alle die geschart, welche enger befreundet waren, vom ›Amor‹ sowohl, als von der ›Vesta‹, Lord Harrlington, Hastings, Williams, Davids, Chaushilm und Hendricks, von den Damen Miß Petersen, Murray, Thomson, Nikkerson und Lind. Erstere, anfangs erzürnt über den Entschluß ihrer Gefährtin, die ›Vesta‹ zu verlassen, hatte bald ihren Unwillen fahren lassen, sie wollte ja dem Glücke ihrer Freundin nicht hinderlich sein.

Aber auch noch eine andere, ihnen fremde Person, hatte in ihrer Mitte Platz gefunden, Sardal, der malayische Fürst. Kurz vor Anordnung der Tafel hatte der Sohn des Hauses ihn gebeten, sich an ihrem Tische niederzulassen, und der Fürst konnte seinem Gastfreunde dies nicht abschlagen, obgleich es fast schien, als ob er nur widerwillig dieser Einladung gefolgt wäre; er saß Wilhelm gegenüber.

Sardal war ein Mann von etwa dreißig Jahren, eine mittelgroße, schlanke Gestalt, mit ausgeprägtestem Typus des Malayen, das heißt, mit einer breiten, niedrigen Stirn, unter der die mandelförmigen, schiefstehenden, schwarzen Augen hervorblitzten, über dem etwas großen Mund mit aufgeworfenen Lippen den spärlichen, lang herabhängenden, schwarzen Schnurrbart, prachtvollen Zähnen und wunderbar kleinen Händen und Füßen, welche einem Kinde anzugehören schienen.

Nach der hier entworfenen Beschreibung würden die Malayen kein Menschenschlag von besonders anziehendem Aeußeren sein, und doch ist dies der Fall, alles an ihnen ist harmonisch gebaut, und die Kühnheit oder vielmehr Wildheit, welche in ihren Zügen liegt, übt einen anziehenden Reiz auf den Beschauer aus.

Der malayische Fürst war in seinem Nationalkostüm erschienen; ein weites, mit Gold- und Silberstickereien reich besetztes Gewand, von einem Gürtel zusammengehalten, der mit Edelsteinen übersät war, schlang sich mit graziösem Faltenwurf um seinen Körper, und auf dem schlichten, glänzend-schwarzen Haar saß der weiße Turban, wie überhaupt die Malayen, fast alle Bekenner des Islam, das heißt Mohammedaner sind, und in Sitte und Tracht viel Aehnlichkeit mit den Arabern haben. Seine Waffen, die sonst unzertrennlichen Gefährten des malayischen Großen, der sich fast nie ohne Säbel, Dolch und Pistolen sehen läßt, hatte er diesmal zurückgelassen; wahrscheinlich darum, weil er bemerkt hatte, daß die deutschen Offiziere ihre Säbel im Vorzimmer abgeschnallt hatten.

Nur ein Paar wurde bei der Gesellschaft seit einiger Zeit vermißt, Mynheer van Kuiper und Gemahlin; sie hatten sich vor etwa einer Stunde durch ihren Sohn unter irgend einem Vorwande für einige Zeit entschuldigen lassen.

Eben darüber unterhielt sich die kleine Gesellschaft, die sich der englischen Sprache bediente, deren auch Sardal mächtig war; letzterer bedauerte sehr, daß gerade die Wirte, um derentwillen er hauptsächlich die weite Reise gemacht habe, in ihrer Mitte fehlten.

Nachdenklich hatte Wilhelm mit einigen Orangenschalen gespielt, welche neben seinem Weinglase lagen; er hatte sich überhaupt bis jetzt ziemlich schweigsam verhalten, nur höchstens einige zärtliche Worte mit dem Mädchen neben ihm gewechselt; auf diese Rede Sardals aber hob er, als hätten sie ein Stichwort enthalten, plötzlich den Kopf und blickte sein Gegenüber mit festen Augen an.

»Es wundert mich, daß Sie sich gerade darüber aufhalten, Rajah,« sagte er, »Ihnen sollte doch noch bekannt sein, daß heute der Jahrestag ist, an dem Santa zum letzten Male Abschied von ihren Eltern nahm.«

Der Fürst stutzte, legte nachdenklich die Hand auf die Stirn und sagte dann langsam:

»Wirklich, ich hatte es vergessen. Mich beschäftigen in letzter Zeit so ernste Gedanken, daß ich nicht daran gedacht hatte. Verzeihen Sie meine Unachtsamkeit!«

Ellen hatte bei Nennung des Namens hoch aufgehorcht.

»Santa?« fragte sie verwundert. »Es ist mir doch, als hätte ich diesen Namen schon einmal gehört.«

»Wohl möglich,« sagte Sir Hendricks leichthin, »Santa ist ein häufig vorkommender, holländischer Name!«

»Die Santa, an welche ich eben dachte,« entgegnete Ellen, »hatte ihre Heimat auch in Java und, wenn ich nicht irre, in Batavia.«

»Hier heißt jedes dritte holländische Mädchen Santa.«

»Ist Ihnen ein solches Mädchen im Leben begegnet?« fragte Wilhelm.

»Das nicht, eine Geschichte handelt von ihr, und ich fand sie auffallend, weil auch ihr Hauptteil in Java spielt.«

»Erzählen Sie uns die Geschichte!« meinte Wilhelm. »Es interessiert mich, zu erfahren, wie wohl in fremden Ländern über uns Holländer in Java geurteilt wird, denn ich nehme an, daß der Schriftsteller ein Engländer oder Amerikaner gewesen ist und die Geschichte erdichtet hat. Jedenfalls wimmelt sie von Romantik und phantastischen Begebenheiten, welche man bei Nennung des Namens Java zu glauben geneigt ist.«

»Sie nennen sich Holländer?« fragte Sardal, und ein leiser Spott klang aus seinen Worten.

»Allerdings,« entgegnete Wilhelm ernst, »bin ich auch nicht von rein holländischem Blute, so bin ich doch als Holländer erzogen worden und nenne mich einen solchen.«

»Die Geschichte ist an sich schon kurz,« begann Ellen nach wiederholter Aufforderung zu erzählen, »und ich will nur den Hauptinhalt wiedergeben. Santa war die Tochter eines auf Java ansässigen Holländers, welcher eine Malayin aus angesehener Familie geheiratet hatte. Das erwachsene, schöne Mädchen wurde von Freiern umschwärmt, nicht nur von Holländern, sondern auch, besonders da sie zur Hälfte von malayischer Abstammung war, von Malayen, welche deshalb den größeren Anspruch auf ihre Hand zu haben glaubten. Unter diesen Freiern befand sich auch ein eingeborener Fürst von Java, welcher sich ganz besonders um die Gunst des Mädchens bewarb. Warum sie die Hand des Fürsten ausschlug, weiß ich nicht mehr genau, ich glaube der Grund war, weil er Mohammedaner war und schon zwei Frauen hatte, und Santa als Christin nicht in einen Harem eingeschlossen werden wollte, auch nicht als Lieblingsfrau, denn dem malayischen Fürsten gestattete seine Religion auch noch eine vierte Frau, und es war vorauszusehen, daß er sich in Kürze auch noch eine solche anschaffen würde.

»Trotzdem der Fürst von der schönen Santa einen Korb erhalten hatte, verkehrte er nach wie vor im Hause ihres Vaters, Geschäfte vorgebend, dem Anschein nach sich in sein Schicksal fügend, in Wahrheit aber innerlich vor Wut kochend, daß ihn, einen mächtigen Fürsten, ein Weib verschmäht hatte.

»Der Holländer, ich weiß nicht mehr, wie er hieß, besaß in Singapore Verwandte, und nach längerem Hin- und Herschreiben beschlossen Santa und ihr Bruder – sie besaß einen um wenige Jahre älteren Bruder, dessen Namen ich ebenfalls vergessen habe – dieselben einmal zu besuchen, es war ja nur eine kleine Reise.

»Der Dampfer, welcher beide aufnehmen sollte, fuhr des Nachts ab. Die Billets waren gelöst, Bruder und Schwester begaben sich durch die spärlich oder damals fast gar nicht erleuchteten Straßen des unteren Batavia nach der Quaibrücke, als plötzlich aus den Winkeln der Gasse eine Bande vermummter Männer, wahrscheinlich Eingeborene, hervorbrach, und ehe der Bruder noch einen Argwohn gefaßt hatte, empfing er einen Stich in die Brust, welcher das Herz treffen sollte.

»Er wäre jedenfalls nicht mit dem Leben davongekommen, aber die Straßenräuber wurden vertrieben und mußten die Flucht ergreifen, sie schleppten jedoch Santa mit sich. Der junge Mann –«

»Fürst, was ist Ihnen?« unterbrach sich Ellen und blickte auf Sardal, der sich plötzlich mit aschfarbenem Gesicht erhob, den Stuhl zurückschob und sich entfernen wollte.

Er blieb die Antwort schuldig.

Wilhelm hatte während der Erzählung Ellens den Fürsten scharf beobachtet, er hatte gemerkt, wie schon nach den ersten Worten sich die gelbliche Hautfarbe des Malayen veränderte, wie sie eine graue Schattierung annahm, wie die schiefstehenden Augen unruhig hin- und herzurollen begannen, und wie er dem festen Blicke des Wirtes auszuweichen suchte, aber trotzdem ihm immer wieder, wie von magischer Gewalt angezogen, begegnete.

Die Erzählung Ellens war keine Dichtung gewesen; sie hatte alles aus Santas eigenem Munde erfahren, wie auch deren Mutmaßung, daß Sardal wahrscheinlich ihr Entführer gewesen war, aber sie konnte es nicht behaupten. Hätte Sardal die ganze Geschichte Santas mit ruhigem Aeußeren anhören können, wäre er noch immer nicht als Schuldiger zu verurteilen gewesen, er hätte alles ableugnen dürfen, ohne des Verbrechens überführt werden zu können.

Aber er konnte weder die Erzählung Ellens, noch den Blick Wilhelms aushalten, er fühlte sich verraten und suchte sich durch Flucht der Rache zu entziehen.

Wie der Sohn des Hauses, so waren auch die umsitzenden Herren bereits von Ellen eingeweiht, und in dem Augenblicke, da Sardal aufstand und den Stuhl zurückstieß, sprangen auch Lord Harrlington und Hastings auf und streckten die Arme aus, um den Malayen zu ergreifen.

In der hoch erhobenen Hand Sardals funkelte der Kris, jener, wie eine Flamme geformter Dolch der Malayen, den er blitzschnell aus dem Gewand gerissen hatte.

»Er ist vergiftet,« rief Wilhelm und fuhr mit den Armen erschrocken zurück.

Aber die Warnung kam zu spät, Lord Hastings stand gerade vor dem Malayen, welcher den Weg zur Flucht durch die riesige Gestalt des Engländers gesperrt sah, und ehe dieser die Hand zurückziehen konnte, zuckte, wie eine blaue Flamme, der Kris herab und traf den Oberarm des Lords.

Trotzdem wich derselbe nicht zurück; er warf sich auf den Malayen, dieser aber bückte sich und entglitt wie ein Aal den drohenden Fäusten; ein Sprung, und er war im Gebüsch verschwunden.

Sardal brauchte keine Verfolgung zu fürchten. Alle, welche bis jetzt noch gesessen, waren entsetzt aufgesprungen und drängten sich um den Engländer, der matt auf einen Stuhl gesunken war und den getroffenen Arm schlaff herabhängen ließ. Sofort hatte Lord Harrlington sein Messer gezogen und den Rockärmel seines Freundes aufgeschlitzt, um die Wunde zu untersuchen.

Der Dolch hatte gerade den Muskel durchbohrt. Atemlos sahen alle auf Kuiper, welcher sich herabbog und die Wunde betrachtete; aller Augen hingen an seinem Munde, jeder fürchtete seinen Ausspruch, denn es war ihnen bekannt, daß die Malayen ihren Kris oftmals mit dem Safte einer Pflanze bestreichen, einem furchtbaren Gifte, das nach wenigen Minuten den unabwendbaren Tod herbeiführt.

»Gott sei Dank,« sagte Wilhelm und richtete sich auf, »der Kris war nicht vergiftet, sonst wären die Ränder der Wunde bereits blau angelaufen.«

Ein Ruf der Freude ging durch die Reihen der Umstehenden, denen sich andere beigesellt hatten, die noch gar nicht wußten, um was es sich handelte, und ebenso schnell hatte sich Lord Hastings von seinem plötzlichen Unwohlsein, welches man nach einer größeren Verletzung gewöhnlich empfindet, erholt und wurde ganz unwirsch, als er sich zum Mittelpunkte allgemeiner Teilnahme gemacht sah.

»Es ist ja gar nicht nötig, daß man so viele Umstände macht,« wehrte er ab, als ihm Harrlington mit einigen Taschentüchern einen Notverband anlegte.

»Goddamm, ich bin doch kein altes Weib, das an einem Nadelstiche gleich stirbt.« Es half ihm aber nichts, er mußte sich ruhig gefallen lassen, daß ein sofort geholter Arzt ihm in einem Zimmer des Hauses einen regelrechten Verband anlegte, und er mußte sich, auch trotz alles Sträubens der Anordnung des Arztes fügen, in einem Wagen nach dem ›Amor‹ zu fahren, wobei ihn zwei andere Engländer begleiteten, welche sich an Bord zu begeben wünschten.

Mit einem schmerzlichen Blicke nach der noch halbgefüllten Bowle nahm er Abschied von der Gesellschaft und schwur hoch und heilig, wenn seinetwegen eine Unterbrechung stattfände, wenn sich Harrlington oder sonst jemand etwa einfallen ließe, seinetwegen eher an Bord zu gehen, als es sonst geschehen wäre, so wolle er trotz aller Verbote doch wieder zurückkehren.

Man brauchte um ihn auch wirklich keine Sorge zu haben; keiner der Herren hätte sich übrigens aus solch einem Stiche in den Arm viel gemacht, und seiner kräftigen Natur konnte es nicht einmal so viel anhaben, daß er Wundfieber bekam.

Bald hatte sich unter der Gesellschaft verbreitet, was geschehen war; ein jeder wollte darüber genauer orientiert sein, wollte erfahren, wer diese Santa eigentlich sei, und da alle Vestalinnen und auch einige der Herren ihr Schicksal kannten, so entstanden bald Gruppen von Zuhörern, welche sich um einen Erzähler sammelten.

»Schade, daß wir den Burschen nicht bekommen haben,« meinte Harrlington zu Wilhelm. »Wohin mag er sich nur gewendet haben?«

»Er ist geflohen, ohne noch einmal in seine ihm zur Verfügung gestellten Zimmer zurückzukehren,« antwortete van Kuiper, »er hinterläßt Diener, Waffen und Gepäck. Jedenfalls befindet er sich jetzt bei einem seiner Freunde und begibt sich so bald als möglich in sein Land zurück.«

Des jungen Mannes Züge nahmen einen etwas sorgenvollen Ausdruck an.

»Hegen Sie Befürchtungen, daß er Rache ausüben wird, weil sein Vergehen entdeckt worden ist?« fragte wieder Harrlington.

»Ich glaube das. Er hat jetzt eingesehen, daß er erkannt worden ist und mich sollte es nicht wundern, wenn er sich jetzt auf die Seite der Atchinesen schlägt und gegen die Holländer kämpft, die er, wie ich bestimmt weiß, als Unterdrücker Javas glühend haßt. Aber besser, die Holländer kämpfen gegen einen offenen Feind, als gegen einen verborgenen, der ihnen viel mehr schaden kann. Was ich getan habe, kann ich verantworten, ich will beweisen, daß der Regierung nur ein Dienst getan worden ist, indem ich ihn entlarvte.«

»Fürchten Sie keine persönliche Rache?«

»Vor der sind wir nie sicher, wir müssen aber die Augen offen halten. Unsere eingeborene Polizei ist gut, sie wird, wenn sie damit beauftragt ist, dafür sorgen, daß wir unbelästigt bleiben.«

Während sich diese Szene im Garten abspielte, saßen in einem Zimmer des Hauses Mynheer van Kuiper und Gemahlin und schienen gar nicht, wie gewöhnlich, daran zu denken, daß Aufregung dicken Menschen gefährlich werden kann. Bald lachten sie, bald weinten sie und herzten dazwischen das schöne Mädchen, ihre Tochter Santa, welche vor ihnen auf einem niedrigen Schemel saß und ihnen ihre Geschichte erzählte.

Eben schilderte sie, wie sie durch Männer von der Seite ihres Bruders gerissen worden war, und fuhr fort:

»Ich, wurde sofort nach einem entlegenen Teile des Hafens geschleppt, und wollte ich schreien, so drückte mir der Malaye, welcher mich auf dem Arme trug, mit der Hand den Mund zu. Schließlich verlor ich vor Angst die Besinnung, und als ich erwachte, lag ich auf einem weichen Bette, doch war es vollkommen dunkel um mich herum, sodaß ich nichts erkennen konnte.

»Aber ich merkte, daß wir schon auf dem Meere waren, ich wurde leise hin- und hergeschaukelt, und außerdem hörte ich an der Wand, an welche mein Ruhebett stieß, ein leises Rauschen von Meereswogen.

»Jedenfalls war es noch Nacht; es vergingen einige Stunden, dann wurde oben eine Luke geöffnet, durch welche der Morgen hereindämmerte, und ein Mann stieg die Leiter herab. Er brachte mir Datteln und Kaffee.

»Ich fragte ihn, zitternd vor Angst, was sie mit mir vorhätten, wo mein Bruder wäre, wohin ich gebracht werden sollte, aber soviel ich auch bat und flehte, der Mann gab entweder gar keine oder eine ausweichende Antwort, sodaß ich nichts Genaues über mein Schicksal erfuhr.

»Den Raum, in dem ich mich befand, erkannte ich als einen Teil des Zwischendecks einer malayischen Prau, also hatten mich Malayen geraubt, und mein ferneres Los war mir nun bewußt. Ich war eben von Mädchenhändlern entführt worden und sollte als Sklavin verkauft werden.

»Ich weinte und klagte den ganzen Tag, verschmähte alle Nahrung, und ich glaube, ich hätte mich bald zu Tode gehärmt, wenn nicht wieder ein anderer Umstand eingetreten wäre, der mich in Aufregung hielt.

»Es mochte Nachmittag sein, das Fahrzeug schwankte sehr stark, weil wir uns wahrscheinlich im offenen Meer und nicht mehr an der Küste befanden, als ich an Deck ein eiliges Laufen und Stampfen vernahm, die Matrosen schwatzten lebhaft zusammen, ich hörte Verwünschungen und Flüche, dann wieder angstvolle Ausrufe, und an der immer wechselnden Beleuchtung, welche durch die Luke zu mir hereinfiel, mußte ich annehmen, daß das Schiff bald vorwärts-, bald wieder zurückfuhr, und zwar änderte es alle paar Minuten seine Richtung. Das Geschrei der Matrosen ward immer ängstlicher, aber ich konnte nicht verstehen, was sie riefen, nur einige Male war es mir, als hörte ich ›Atchinesen‹ aussprechen.

»Nicht lange dauerte es, so bekam unser Schiff einen Stoß, der mich fast vom Lager geschleudert hatte, und sofort erhob sich oben ein wüstes Geschrei, Eisenhaken rasselten, Schüsse ertönten, ich hörte furchtbare Schmerzensschreie, und dazwischen erscholl das gellende Kriegsgeheul der Malayen.

»Jetzt wußte ich, was dies zu bedeuten hatte.

»Unsere Prau gehörte, wenigstens meiner damaligen Meinung nach, einem Mädchenhändler, der von einem Seeräuber entdeckt und verfolgt wurde, und jetzt fand oben an Deck ein Kampf zwischen beiden statt.

»Mich erfaßte plötzlich eine unsägliche Verzweiflung bei dem Gedanken, ein Spielzeug in den Händen dieser wilden Männer zu sein; schon beschloß ich, die Leiter emporzusteigen und mich ins Meer zu werfen, als es oben stiller wurde; nur ab und zu erscholl noch der röchelnde Todesschrei eines Sterbenden, dann verfinsterte sich die Luke, und ein Mann kam herab.

»Ich erkannte ihn an seiner Kleidung sofort als Atchinesen.

»Als er mich sah, flog ein freudiges Erstaunen über sein wildes, mit Narben und einer offenen Wunde bedecktes Gesicht, und grinsend rief er:

»›Sieh da, was für ein guter Fang! Also solche Ladung führt Sardal in seinen Prauen.‹

»Es war das erste Mal, daß ich hier den Namen Sardal hörte, und sofort dämmerte mir eine Ahnung auf, wodurch ich in diese Lage gekommen war. Wie dieser Mann sagte, gehörte die Prau dem Sardal, also war er es gewesen, welcher mich hatte entführen lassen. Weil ich mich geweigert hatte, dem Manne, der bereits zwei Weiber besaß, die Hand zu reichen, so wollte er mich mit Gewalt in seinen Harem schleppen.

»Dieser Gefahr war ich nun zwar entronnen, die Seeräuber hatten meine Entführer, um die Prau in ihren Besitz zu bekommen, angegriffen und ermordet, aber gebessert hatte sich meine Lage auch nicht, denn ich glaubte, sie würden mich nun nach ihrem Schlupfwinkel schleppen. »Aber es kam anders.

»Ich blieb auf derselben Prau; sie wurde von den Atchinesen besetzt, und nach einer stürmischen Nacht, während welcher ich unsäglich zu leiden hatte, hörte ich, wie es unter mir leise knirschte, als ob der Kiel des Fahrzeuges auf Sand stieße, dann rasselten Ketten, die Matrosen eilten hin und her, und wir blieben still liegen.

»Nach einiger Zeit wurde ich an Deck gerufen; ich war so bedrückt, daß ich der Aufforderung nicht Folge leisten wollte, als aber zwei Matrosen Miene machten, mich mit Gewalt an Deck zu schleppen, stieg ich der Leiter hinauf.

»Wir lagen an einer Küste, und aus den Reden der Matrosen hörte ich, daß es die von Sumatra, der Heimat der Atchinesen war.

»Obgleich es kein Hafen war, wo wir uns befanden, lag doch nicht weit von uns ein großes, europäisches Segelschiff, und an Deck unserer Prau stand ein Mann, ein Europäer, zu dem ich geführt wurde.

»Dieser Mensch besah mich von allen Seiten, betastete mich, und ich sah dann, wie er dem Atchinesen Geld gab, worauf ich in ein Boot steigen mußte und an Bord des großen Schiffes gebracht wurde.

»Auf diesem traf ich noch mit vielen anderen Mädchen zusammen, welche der Kapitän nach und nach, teils in Sumatra, teils in Java, aufgekauft hatte, also meistens Malayinnen, und einige davon waren sogar, wie ich, aus Batavia.

»Wir wurden nach Konstantinopel gebracht und hatten unterwegs über nichts zu klagen, wir wurden sogar überaus sorgfältig behandelt, was wir uns nicht erklären konnten, da wir uns doch als Sklavinnen fühlten, bis uns eine, die schon einmal verkauft und wieder losgekauft worden war, sagte, dies geschähe nur, um uns gesund und schön zu erhalten, damit der Händler einen möglichst hohen Preis für uns bezahlt bekäme. »In Konstantinopel wurden wir getrennt, nur zwei Malayinnen und ich kamen zuerst vom Schiff, und merkwürdig ist, daß auch die beiden anderen aus Batavia stammten. Es war, als ob das Schicksal uns nicht trennen wollte. In dem Hause, in welches wir gebracht wurden, waren noch viele andere Mädchen, wir waren mit die letzten, die zu einem Transport gehörten, welcher nach Smyrna bestimmt war, wo wir an türkische Fürsten verkauft werden sollten.

»Aber Gott hatte es anders beschlossen.

»Noch an demselben Tage, an welchem wir Konstantinopel mit einem Segelschiffe verlassen hatten, wurden wir von den Damen, welche bei Euch als Gäste weilen, durch eine List befreit. Ihr wißt dies schon, denn als ich es Euch erzählen wollte, merkte ich an Euren Unterbrechungen, daß Ihr davon schon erfahren habt. Das sind kurz meine Erlebnisse. Wären die Damen nicht dazwischengekommen, so befände ich mich jetzt an irgend einem Teile der Erde als Sklavin im Harem.«

Schluchzend hatte ihr Frau Fatja zugehört.

»Mein Gott,« sagte sie, »wer hätte das denken können, daß auch du mit unter den Mädchen warst, welche die Vestalinnen befreit haben? Wir haben es wohl gelesen, aber es war so weit, weit von hier.«

»Ich hatte immer Hoffnung,« brummte Mynheer, »und erst als die ›Vesta‹ hier ankam und wir nichts weiter erfuhren, verlor ich den Mut.«

»Durch einen Zufall traf Miß Petersen gleich am ersten Tage mit Wilhelm zusammen,« erklärte Santa, »er hörte, wie sie sich nach deiner Wohnung erkundigte, und dachte sofort an mich, als er erfuhr, daß dies die Kapitänin der ›Vesta‹ wäre.«

»Mir ging es ebenso,« sagte die Mutter, »aber Wilhelm hat uns ja etwas ganz anderes erzählt, von dir gar nichts, und so gab ich die Hoffnung auf.«

»Ich sprach meinen Bruder, er bat mich, sofort nach Hause zu kommen, aber gab dann Miß Petersen nach, welche das Wiedersehen für heute aufgehoben hatte. Also Sardal, dieser Elende ist auch da?«

»Er ist hier,« entgegnete Mynheer. »Aber weißt du auch bestimmt, daß er derjenige ist, welcher an deiner Entführung die Schuld trägt?«

»Ich habe Wilhelm meine Vermutung mitgeteilt, und er stimmte mir bei. Nur Sardal ist der Anstifter des Planes gewesen. Weil ich mich weigerte, sein Weib zu werden, wollte er mich mit Gewalt dazu zwingen.«

In diesem Augenblick hörten sie draußen im Garten einen Tumult; sie sahen im Scheine der Papierlaternen, wie ein Mann auf den Stuhl niedersank und sich die anderen um ihn drängten.

»Dort läuft Sardal,« rief plötzlich Mynheer und deutete nach einem Gange des Gartens, in den sie vom Fenster aus gerade hineinsehen konnten.

Sie bemerkten den Malayen, wie er, das lange Gewand zusammengerafft, in weiten Sprüngen durch den Gang floh und sich am Ende desselben über ein Staket schwang, dann verlor er sich in der Dunkelheit.

»Ein neues Unglück!« rief Mynheer. »Dachte ich mir doch, daß etwas passieren würde. Wilhelm wird ihn herausgefordert und der heißblütige Malaye wird sich gerächt haben. Wenn es nur nichts weiter ist!«

Er eilte hinaus, so schnell es ihm seine Körperfülle erlaubte, Mutter und Tochter allein zurücklassend, die keine Lust fühlten, sich in die lärmende Gesellschaft zu mischen.

20.

Eine Phantasia.

»Mister Wood!« rief Charles einem auf der anderen Seite der Straße gehenden Herrn zu. Der Angerufene blieb stehen, zögerte einen Augenblick und ging dann hinüber zu der Gruppe von drei Herren, welche am Abende in der unteren Stadt von Batavia spazieren gingen. Es waren Williams, Hendricks und Chaushilm.

»Sie wollen sich wohl durchaus das Fieber holen?« fragte der Detektiv ernst. »Ist Ihnen noch nicht gesagt worden, meine Herren, daß jeder Europäer, der nur eine Nacht im unteren Batavia zubringt, das Fieber bekommt? Gehen Sie lieber an Bord; auf dem Wasser ist es gesünder.«

»Dann rechnen Sie sich wohl zu den Nichteuropäern?« lachte Charles.

»Seien Sie unbesorgt, lieber Wood, wir können alle drei schon eine gute Dosis von Fiebermiasmen hinunterschlucken, ehe sie bei uns anschlagen.«

»Des Menschen Wille ist sein Himmelreich,« entgegnete Wood, welcher den beiden anderen nur unter diesem Namen bekannt war. »Meinetwegen tun Sie, was Sie wollen. Wohin gehen Sie?«

»Wir suchen Abenteuer,« sagte Chaushilm. »Können Sie uns nicht zu einem solchen verhelfen?«

Der Detektiv warf einen zweifelhaften Blick auf die drei elegant gekleideten Herren, dann sagte er:

»Das könnte ich wohl. Wollen Sie mit mir gehen, gut, kommen Sie, aber die Verantwortung nehme ich nicht auf mich!«

»Ist es so gefährlich?«

»Wie man's nimmt; das Leben kostet es nicht, aber Geld destomehr. Sind die Herren mit Waffen versehen?«

»Wir haben Revolver bei uns.«

»Ach was, Revolver! Goldstücke meine ich.«

»Auch das! Nun sind wir aber gespannt, wohin Sie uns führen; doch nicht in eine Spielhölle?«

»Kommen Sie nur!« sagte der Detektiv kurz und ging voraus. »Paßt es Ihnen nicht, einzutreten, so können Sie immer noch draußen bleiben.« »Wohin führen Sie uns eigentlich?« fragte Charles den Detektiven leise, als er sich an dessen Seite befand.

Das Trottoir war so schmal, daß nur zwei Personen nebeneinander gehen konnten. Voraus schritten der Detektiv und Williams, hinter ihnen Chaushilm und Hendricks, beide in eifrigem Gespräch begriffen.

»Haben Sie schon von einer Phantasia gehört?« fragte Sharp.

»Allerdings, das Wort ist mir schon oft in die Ohren geklungen, besonders bei unserem Aufenthalt in Egypten.«

»Nun, wir werden uns jetzt einmal eine Phantasia ansehen.«

In kurzen Worten setzte der Detektiv seinem Begleiter die Bedeutung des Wortes auseinander.

Mit Phantasia wird, wenigstens überall, wo die mohammedanische Religion herrscht, eine Festlichkeit, die mit Aufregung verknüpft ist, oder auch schon eine Aufregung allein, bezeichnet. Begeben sich einige Muselmänner in eine Opiumhöhle, um sich in dem süßen Rausch zu betäuben, so sagt man, sie gehen zu einer Phantasia. Eine Phantasia ist ein Trinkgelage – die Mohammedaner trinken Branntwein und Bier, das verbietet ihnen zwar der Koran, aber sie tun es doch – ein Theaterstück, eine Vorstellung im Zirkus und so weiter. Im engeren Sinne versteht man aber unter Phantasia das Auftreten von Bajaderen, indischen Tänzerinnen, und schließlich alle ausschweifenden und sinnlichen Genüsse, mit einem Worte einen Sinnesrausch.

»Sie wollen uns doch nicht etwa verleiten, in ein öffentliches Haus zu gehen?« fragte Charles mißtrauisch.

»Verleiten will ich Sie nicht dazu. Wollen Sie nicht mit hinein, so können Sie ja draußen sitzen bleiben. Aber kommen Sie nur mit, lassen Sie einmal Ihre kleinlichen Ansichten fahren! Wo wir hinkommen, da ist es immer anständig.«

»So ist es wirklich ein öffentliches Haus?« »So sehr öffentlich ist es nicht; nur wer mit Gold zahlen kann, hat Zutritt. Mädchen gibt es allerdings darin, aber sie tanzen uns nur etwas vor, das ist alles. Williams, Sie sind doch auf der Weltreise, Teufel noch einmal, da müssen Sie doch auch so etwas kennen lernen!«

»Ich hätte nie geglaubt,« sagte Williams auf diese Ermunterung, »daß auch Sie auf solchen Abwegen gingen. Sie sind doch sonst ein so nüchterner Mensch und absoluter Weiberverächter?«

»Glauben Sie vielleicht, ich gehe zum Vergnügen dahin? Keinen Heller würde ich für solchen Unsinn ausgeben.«

»Also geschäftlich?«

Der Detektiv nickte.

»Im allerhöchsten Auftrage,« sagte er dann.

»Was heißt das?«

»Im Auftrag der Miß Petersen.«

»Nanu,« rief Charles erstaunt, »das ist doch nicht gut möglich, daß Miß Petersen Sie in ein solches Lokal schickt.«

»Gewiß tut Sie das, sie gibt mir sogar noch das Geld dazu, damit ich hineingehen kann. Aber ich will Ihnen sagen, wie es kommt,« sagte der Detektiv lächelnd, als er Williams' verblüffte Miene sah. »Miß Petersen fragte ihren Minister zur Linken, Lord Harrlington, ob er nicht jemanden wüßte, einen intelligenten Mann, der Batavia kennt. Lord Harrlington fragte mich dasselbe, und nur, um der Fragerei ein Ende zu machen, bin ich als Mister Wood zu der Kapitänin gegangen und habe mich als einen Mann vorgestellt, der in Batavia geboren und groß geworden ist.«

»So kennen Sie die Stadt schon?«

»Es ist das erste Mal, daß ich hier bin.«

»Und Sie laufen hier kreuz und quer durch Straßen, Gassen und Durchgänge ohne zu fragen?« meinte Charles verwundert.

»Ich habe den Plan von Batavia im Kopfe und verlaufe mich nicht; seien Sie unbesorgt, gleich sind wir da!«

Nach einigen Minuten bog der Detektiv in ein schmales Sackgäßchen ein; die wenigen Eingeborenen, welche im spärlichen Scheine der Gaslaterne sichtbar wurden, wichen scheu vor den vornehmen Herren zurück, drehten die Köpfe nach ihnen um und zischelten einander Bemerkungen zu.

»Was für einen Auftrag haben Sie auszuführen?« fragte Charles.

»Später werden Sie es erfahren; jetzt habe ich keine Zeit mehr dazu,« entgegnete der Detektiv kurz und schritt nachdenklich durch die enge Gasse.

Es war den Herren, als ob sie Musik vernähmen; wenigstens konnten sie die dumpfen Töne von Trommeln hören, und ab und zu klang auch das Gerassel von Tamburins hindurch.

»Schade,« meinte der Detektiv, »wir finden schon Gesellschaft vor! Das hilft aber nun weiter nichts.«

Die Klänge der Musik wurden immer deutlicher; sie schienen aus dem letzten Hause der Sackgasse zu kommen, und vor diesem blieb der Führer der kleinen Gesellschaft auch stehen und zog die Glocke.

Nach einigen Minuten Wartens vernahmen die Außenstehenden, wie in der Tür ein Brettchen zurückgeschoben wurde. Jedenfalls mußte die betreffende Person mit dem Aussehen der Herren zufrieden sein, denn die Tür wurde sofort geöffnet, und auf einen Wink des Detektiven, der hier zu Hause zu sein schien, traten seine Gefährten schnell in den niedrigen, nur von einer Oellampe erhellten Vorraum, welcher völlig kahl war und mit seinen schmutzigen Wänden den Eindruck großer Aermlichkeit machte.

Ein altes, häßliches Weib, von dem man nicht sagen konnte, ob sie eine Malayin, Negerin, oder Chinesin war, hatte die Tür geöffnet.

»Gott segne Sie, Mylord,« sagte sie auf englisch und knixte, als der Detektiv ein Goldstück in ihre Hand fallen ließ und von den anderen Herren andere nachfolgten.

Sie hatte sofort die Engländer erkannt, aber ebenso Sharp an ihrer Aussprache des Englischen, daß sie eine Südfranzösin sei.

»Ist Gesellschaft darin?« fragte er.

»Nur zwei Herren, aber schöne Mädchen, die schönsten von ganz Indien, Gott segne Sie,« krächzte das alte Weib.

»Zum Teufel mit Eurem Segen,« brummte Sharp. »Gebt uns ein besonderes Zimmer!«

»Für alle vier Herren? Das geht nicht, es ist keins davon groß genug. Sie müssen schon in den Salon gehen.«

Dabei hielt sie die Goldstücke mit ihren Spinnenfingern krampfhaft umklammert, als würde sie dieselben nur bei Anwendung von Gewalt herausgeben, sollten die Gäste ihren Entschluß ändern und nicht eintreten.

»Gut denn, so führt uns hinein!«

Eiligst humpelte das alte Weib nach dem Hintergrunde des Vorsaales und öffnete eine Tür. Ein gedämpftes Licht strahlte den Eintretenden entgegen.

»Alle Wetter,« flüsterte Charles seinen Freunden zu, »das ist gerade wie in Tausend und Eine Nacht, das habe ich in dem alten Gerümpel nicht gesucht.«

Der ganze ziemlich große Raum, in dessen Mitte eine Säule stand, war mit Teppichen belegt, der Fußboden, wie auch die Wände, an denen sich Diwans mit rotem Sammetbezug hinzogen. Von der Decke hingen zwei Ampeln herab, alles mit einem rosenroten, angenehmen Dämmerlicht übergießend.

Ringsum auf den Ruhebetten saßen oder hockten junge Mädchen, in leichte, fast durchsichtige Gazekleider gehüllt, welche die Körper zwar völlig bedeckten, aber sie doch durchschimmern ließen. Die meisten von ihnen waren Malayinnen, kleine, schmiegsame Gestalten mit wunderbar kleinen Händen und Füßen; aber auch das weibliche Geschlecht von China, Japan, Indien und Arabien war vertreten, ebenso einige Negerinnen von den schwärzesten Schattierungen.

Neben der einen Indierin saß ein Herr von vornehmem Aeußeren, an der Seite einer Malayin ein anderer, zwar ebenfalls sehr elegant gekleidet, aber mit einem rohen Gesichtsausdruck, der besser in den Pferdestall, als in eine Gesellschaft gepaßt hätte.

Es war sehr leer; die Besitzerin des Etablissements machte gerade jetzt schlechte Geschäfte, weil die holländischen Truppen alle nach Sumatra eingeschifft worden waren, um gegen die Atchinesen zu kämpfen, und überhaupt in Batavia, wie überall auf Java, eine gedrückte Stimmung durch den Krieg hervorgerufen, herrschte.

Die beiden schon anwesenden Gäste hatten jetzt keine Zeit, ihren Nachbarinnen Aufmerksamkeit zu schenken, sie sahen einer arabischen Tänzerin zu, welche eben zu tanzen begonnen hatte.

Es war ein wunderschönes Mädchen; langes, schwarzes Haar wallte um den kleinen Kopf, die großen, schwärmerischen Augen, sonst gewöhnt, träumerisch zu blicken, waren jedenfalls durch ein sinnentflammendes Mittel, wie sie in der dortigen Gegend so gern angewendet werden, zu einer feurigen Glut entfacht, die seine Nase, der kleine Mund mit den schwellenden Lippen, zwischen denen die weißen Zähne hervorschimmerten, die zierlichen Ohren und die lieblichen Gesichtszüge, welche sich nicht beschreiben lassen, alles machte das Mädchen zu einer der entzückendsten Erscheinungen.

Sie war die einzige, welche nicht wie die anderen nur in durchsichtige Gazekleider gehüllt war, sondern um ihre schlanke Gestalt wand sich noch ein Tuch aus buntem Gewebe, den Oberkörper bedeckte ein bis oben geschlossenes silber- und goldgesticktes Jäckchen, welches unten auseinander ging, so daß man noch eine Art von Mieder sehen konnte.

Sie hatte eben zu tanzen begonnen.

Sharp war ohne weiteres durch den Saal geschritten und hatte sich neben einer dicken Chinesin niedergelassen, und durch das Beispiel ermuntert, waren die anderen Herren ebenfalls bald plaziert. Williams hatte es so eingerichtet, daß er neben den Detektiven zu sitzen kam. Hendricks suchte sich eine Malayin aus, und der nach allem Absonderlichen haschende Chaushilm fand Geschmack an einer Schönen aus Nubien. Jetzt sahen sie dem Gebaren der Tänzerin zu und konnten lange nicht herausfinden, was die Bewegungen, welche jedenfalls eine symbolische Bedeutung hatten, vorstellen sollten.

Unter den Klängen eines Tamburins und eines einsaitigen Instrumentes bewegte sich das Mädchen langsam aber mit unsagbarer Grazie hin und her, dabei ein Tamburin hoch über dem Kopfe haltend und die Bewegungen rhythmisch begleitend. Sie blieb fast immer auf einer Stelle stehen, trat höchstens einmal mit einer Neigung des Oberkörpers einen Schritt nach vorn und beim Ausrichten wieder zurück, dann sich etwas drehend.

Aber die Musik ward nach und nach schneller, und ebenso die Bewegungen der Tänzerin, sie ging nicht mehr, sie sprang, hüpfte und tanzte, und als die Instrumente eine rasche Tonart anschlugen, warf sie das Tamburin fort und begann in dem Gemach auf- und abzuspringen, streckte abwehrend beide Hände aus, zog ein ängstliches, flehendes Gesicht, verzog es wie im Schmerz und begann wie rasend umherzuspringen.

Immer wilder, immer abgerissener klangen die disharmonischen Töne, und plötzlich riß die Tänzerin, mit einem wahrhaft furchtbaren Schmerzensausdruck in den Zügen, die Jacke vom Oberkörper, dann das Mieder, schließlich den Rock, dabei immer gewisse Zwischenpausen innehaltend und wild umherspringend.

Williams hatte seine Aufmerksamkeit halb der Tänzerin, halb dem neben ihm sitzenden Sharp zugewendet, der sich fortgesetzt mit seiner Chinesin beschäftigte. Williams konnte bei dem Lärm der Musik nicht verstehen, was er sagte, aber jedenfalls mußte er der schönen Chinesin nichts sehr Schmeichelhaftes ins Ohr flüstern, denn ihre kleine, weiße Stirn zog sich in drohende Falten, und als er immer und immer wieder ihre nach Sitte des Landes verkrüppelten Füße betrachtete und darüber lachte, stand sie endlich auf und ging wackelnd zu einer Tür hinaus, wahrscheinlich, um ihren Aerger mit einem Glas Arrak oder einer Tasse Kaffee und Opium hinunterzuspülen.

Jetzt erst wendete der Detektiv seine Augen der Tänzerin zu und zwar mit einem so starren Blick, daß ihn das Mädchen trotz ihres leidenschaftlichen Tanzes bemerkte und beobachtete.

»Was soll dieser Tanz nur bedeuten?« fragte Williams den Detektiven. »Hat das Mädchen Schmerzen, oder stellt es sich nur so? Es zieht ja manchmal ein ganz verzweifeltes Gesicht.«

»Das kann ich Ihnen erklären,« sagte Sharp, »das Mädchen tanzt die Schimma, den Bienentanz. Sie stellt sich anfangs, als würde sie von Bienen verfolgt. Diese kriechen in ihre Kleider, und deshalb reißt sie sich einzeln das Zeug vom Leibe, bis sie so dasteht, wie die anderen auch gekleidet sind. Die Kerls da müssen ordentlich Geld haben, daß sie sich so einen Tanz vormachen lassen.«

»Ah so, nun entsinne ich mich,« meinte Charles, »schon Hannes hat mir von einem solchen Tanze erzählt, der besonders im Orient gebräuchlich ist. Er nannte ihn aber den Flohtanz.«

»Auch ein passender Ausdruck.«

In diesem Augenblick hörte Williams neben sich zweimal ein seltsames Knacken, und wie er scheu zur Seite blickte, sah er eben noch, wie Sharp einen Gegenstand in die Tasche steckte.

»Haben Sie die Tänzerin photographiert?« fragte er.

»Nein,« sagte der Detektiv fast grob. »Kümmern Sie sich nicht darum!«

Jetzt hatte die Dirne auch noch den dichten Rock abgestreift und stand nun, nur in das leichte Gazekleid gehüllt, zitternd vor Erregung da. Sie stürzte mehr, als sie ging, nach dem Platz, der durch das Fortgehen der Chinesin neben Sharp frei geworden war, und sank erschöpft auf das Polster, ihren Kopf auf des Detektiven Kniee legend.

»So ist's recht,« meinte dieser, »mache dir's nur bequem, Schätzchen.«

Das Mädchen schlug matt die Augen auf und blickte in das hübsche, gutmütig aussehende Gesicht, welches sich über das ihrige bog.

»Liebst du mich?« flüsterte sie leise.

»Furchtbar.«

»So folge mir!«

Sie stand auf und ging durch eine Seitentür in ein ganz kleines Gemach, dessen Fußboden nur mit einem dicken Teppich bedeckt war, auf dem außerdem noch Kissen und Polster verstreut lagen. Sharp war ihr gefolgt. Die Tänzerin ließ sich auf ein Kissen gleiten und schlang, als der Detektiv neben ihr saß, beide Arme um seinen Hals, ihm dabei zärtlich in die Augen schauend.

»Willst du etwas trinken?« fragte sie und streichelte dabei seine Wangen. »Du meinst, ob du etwas trinken kannst,« verbesserte der Detektiv, »meinetwegen, bestelle etwas.«

»Was ich will?«

»Auch das; meinetwegen ein ganzes Faß Opium.«

Das Mädchen klopfte an die Wand, ein Schieber ward zurückgeschoben, und die Tänzerin flüsterte einige Worte. Nach ein paar Minuten streckte eine knochige Hand eine dickbauchige Flasche und zwei Gläser durch die Oeffnung, welche von dem Mädchen in Empfang genommen wurden.

»Sapperlot,« murmelte der Detektiv, »Champagner. Es ist doch völlig gleich, ob man in Europa, Amerika, oder selbst im Zululande ist, der Geschmack dieser Mädchen ist überall gleich entwickelt. Na, Miß Petersen, das wird eine kostspielige Rechnung. Prosit, schöne Wydjaja.«

Das Mädchen ließ die schon erhobene Hand mit dem Champagnerkelch sinken und sah den Mann erstaunt an.

»Woher kennst du meinen Namen?« fragte sie nach langer Pause. Sie hatte erst gar keine Worte finden können. »Ich heiße Kalila.«

»Du warst aber doch früher in Konstantinopel unter diesem Namen bekannt. Ganz Europa spricht noch von deiner Schönheit und deinen wunderbaren Tänzen. Ist das nicht so?«

Das Mädchen hatte sich aus seiner liegenden Stellung halb aufgerichtet und blitzte den Sprecher mit den Augen an.

»O,« rief sie dann enthusiastisch, »das war eine schöne Zeit! Ach, Konstantinopel, könnte ich wieder dahin zurückkehren!«

»Dort wurde wohl mehr Champagner bezahlt?«

»Hast du mich dort gesehen?« fragte sie, ohne auf die Frage des Detektiven zu achten, dessen Spott sie überhaupt gar nicht verstand.

»Leider nicht, aber ich habe viel von der Wydjaja erzählen hören und auch eine Photographie von ihr gesehen. Daran habe ich dich erkannt. Aber sag', Schatz, wie lange bist du schon hier?«

»Schon über zwei Jahre muß ich hier meine Tänze ausführen, vor kaltherzigen Holländern und Engländern. Ach, wie schön war es da in Konstantinopel, wenn Griechen, Italiener, Spanier, Malteser zu meinen Füßen lagen und mich bewunderten, wenn dann ihr Händeklatschen erscholl und sie sich um mich stritten.«

»Man sieht dir wirklich nicht an, daß du schon so lange dieses Gewerbe betreibst,« sagte der Detektiv mit einem aufrichtig bewundernden Blick in das schöne Gesicht seiner Nachbarin, die noch immer dicht an ihn geschmiegt dasaß, »die Liebe scheint dir gut zu bekommen. Ich hielt dich für etwa zwanzig Jahre alt, wieviel zählst du aber in Wirklichkeit?«

Das Mädchen brach in ein helles Lachen aus.

»Ich bin auch erst neunzehn Jahre alt. Mit meinem vierzehnten Jahre schon hat mich mein Vater, ein egyptischer Fellah, an einen Händler verkauft, weil er sich für das erworbene Geld ein paar Kamele anschaffen konnte.«

»Ein liebevoller Vater,« meinte der Detektiv trocken. »Aber sag', Kalila, kennst du vielleicht eine Nardhi und eine Sula?«

Erstaunt richtete das Mädchen ihre Augen auf den neben ihr Sitzenden, dann aber zog sie ihre niedrige Stirn in Falten. Dem Detektiv entging es nicht, wie ihr Blick plötzlich einen schlauen Ausdruck annahm, und jetzt war es ihm ganz gleich, was sie auf seine Frage geantwortet hätte – er wußte, daß sie beide Namen kannte.

»Frage die alte Frau, Mademoiselle Bertrand!« sagte sie ausweichend. »Sie wird dir darüber Auskunft geben können. Wir Tänzerinnen dürfen nicht darüber plaudern, wer diese Räume besucht, oder was in ihnen vorgeht.«

»Also du kennst sie,« erwiderte Sharp, griff in die Tasche und brachte ein Goldstück zum Vorschein, das er nachdenkend in der Hand wog. »Willst du mir nicht sagen, ob sie in diesem Hause gewesen und wie sie hereingekommen sind? Ich gebe dir das Goldstück lieber zu verdienen, als der alten Hexe.«

Des Mädchens Augen funkelten bei dem Anblick des gelben Metalls. Ebenso, wie die übrigen Tänzerinnen, war sie von der Frau als Sklavin gekauft worden; sie kannten den Begriff Freiheit gar nicht mehr, sie wurden von ihr unterhalten und erhielten Kleidung, aber was sie sonst zum Bestreiten ihrer Bedürfnisse nötig hatten, das mußten sie aus den Männern herauszupressen versuchen, welche sich um ihre Liebe bewarben, von der Besitzerin des Hauses erhielten sie niemals Geld.

Hier wurde ihr ein Geschenk geboten, wie sie es so reich noch niemals gesehen hatte.

»Sie waren beide nur einige Tage in diesem Hause,« sagte sie jetzt ohne Zögern, »und Mademoiselle Bertrand hat sie immer versteckt gehalten, überhaupt ihr möglichstes getan, um uns ihre Anwesenheit zu verheimlichen. Aber natürlich erfuhren wir bald davon und ebenso durch Zufall die Namen der Gefangenen.«

»Recht so, Schatz, hier hast du deinen Lohn! Weißt du, wie die Mädchen hierhergekommen und wo sie früher gewesen sind?«

»Ihr Schicksal wird dasselbe, wie das meinige, gewesen sein,« sagte Kalila in traurigem Ton und ließ das Goldstück in ihrem Busen verschwinden, »auch sie werden von ihren eigenen Angehörigen verkauft worden sein. Ich habe sie einmal sprechen hören, sie bedienten sich des Dialektes, der hier in Batavia gesprochen wird. Jedenfalls sind sie ein Opfer der Opiumsucht ihrer Väter geworden, die sie für eine Handvoll Silbergeld an die Bertrand verkauft haben; weil die Malayinnen aber aus dieser Stadt waren, so hat die Frau sie nicht hier behalten wollen, sondern sie hat sie weiter verkauft und dabei ein gutes Geschäft gemacht.«

Der Detektiv nickte. Ellen war von den beiden Mädchen, die sich mit auf dem Schiffe des Sklavenhändlers befunden hatten, nicht belogen worden. Wie Kalila richtig geraten, waren sie von ihren eigenen Eltern verkauft worden, damit diese wieder Geld zum Opiumrauchen, oder, wie die Malayen ebenso wie die Indier sagen, zum Opiumessen erhielten. Ellen wollte dafür sorgen, daß beide Malayinnen in eine sichere Stellung kämen, und daß dem Treiben der Mädchenhälterin ein Ende gemacht würde, indem man sie zur Bestrafung zog.

Wieder schmiegte sich Kalila an ihn und schlang die Arme um den Hals des Detektiven, als diesen ein lautes Gespräch im Saal aufhorchen ließ. Auch das Mädchen unterbrach seine Gunstbezeugungen und lauschte.

Der Detektiv konnte deutlich vernehmen, wie seine Begleiter aufgeregt sprachen und gegen irgend etwas protestierten. Es mußten noch andere Leute in den Saal gekommen sein, denn er hörte erst ernste, drohende Stimmen sprechen, und schließlich schien es ihm, als wollte das Wortgefecht in einen tätlichen Streit ausarten; schon hörte er, wie Hendricks sagte, lebend würde er sich nicht von hier fortbringen lassen.

Sharp stieß das Mädchen unsanft zurück und war mit einem Sprunge im Saal, und was er geahnt hatte, fand er wirklich bestätigt.

Einige holländische Konstabler waren in den Saal getreten, während wenigstens zehn Eingeborene, im Dienste der Polizei stehend, alle drei Türen des Saales besetzt hielten, und es war zu erwarten, daß die Fenster von außen ebenso bewacht wurden, damit sich niemand der Verhaftung, welche hier wahrscheinlich vorgenommen werden sollte, entziehen könne.

Die Beamten waren unbewaffnet, zeigten wenigstens keine offenen Waffen, die Malayen dagegen trugen in ihren Händen jene eigentümlichen Fänger, wie sie auf Java von der Polizei verwendet werden, um sich eines Flüchtenden wieder zu bemächtigen. Es ist ein langes Bambusrohr, welches oben so dünn endigt, daß es sich wie ein Tau biegen läßt. An der Spitze nun ist es zu einer Schleife geknüpft, dadurch eine Schlinge bildend. Dem Flüchtigen wird diese gleich einem Lasso über den Kopf und um den Hals geworfen, die Schlinge zieht sich zu, und will der Gefangene nicht ersticken, so muß er stehen bleiben.

Die drei Engländer, die Gefährten Sharps, standen erregt vor den Beamten und erklärten im entschiedensten Tone, sie würden niemals der Aufforderung, sie nach der Polizeiwache zu begleiten, Folge leisten, aber es half ihnen nichts, daß sie sich legitimierten, der Polizei-Leutnant wollte ihre Papiere gar nicht sehen, sondern bestand auf seinem Befehl, da er nur seiner Instruktion gemäß zu handeln, das heißt, alle in diesem Hause Befindlichen zu verhaften habe.

Anders war das Verhalten der beiden Herren, welche sich schon vorher im Saale befunden hatten.

Sie waren ruhig sitzen geblieben, als brächte der Verhaftungsbefehl nicht die geringste Wirkung bei ihnen hervor, als erstrecke er sich überhaupt nicht auf sie, und besonders der vornehm Aussehende zeigte keine Spur von Unbehaglichkeit; er scherzte mit dem Mädchen an seiner Seite weiter, während sich die übrigen Tänzerinnen scheu in eine Ecke gedrückt hatten.

Aber dem beispiellos scharfen Auge des eintretenden Detektiven entging es doch nicht, wie seine Blicke umherspähten, als suche er einen Ausweg zur Flucht, und noch mehr die des roh aussehenden Gefährten, dessen Benehmen, so ruhig er sich auch zu stellen suchte, auch den Beamten aufgefallen wäre, wenn diese nicht eben mit den englischen Herren beschäftigt gewesen waren.

»Folgen Sie mir nicht freiwillig, so sehe ich mich genötigt, Sie dazu zu zwingen,« sagte der Polizei-Leutnant ernst.

»Nimmermehr,« rief Charles außer sich. »Ich habe Ihnen erklärt, wer wir sind. Gehen Sie an Bord des ›Amor‹ und erkundigen Sie sich nach uns, aber verlangen Sie nicht, daß wir uns in diesem Hause verhaften lassen Ich wüßte überhaupt keinen Grund dazu, Sie werden sich in uns getäuscht haben, und ich versichere Sie, daß Sie Ihre Handlungsweise bitter bereuen werden.«

»Wen man in diesen Räumen antrifft,« meinte der Leutnant spöttisch, »von dem kann man nicht viel erwarten. Mitgefangen, mitgehangen, folgen Sie uns!«

»Unterlassen Sie alle Anspielungen,« fuhr Chaushilm auf, »Sie wissen nicht, was uns hierhergeführt hat.«

Da erblickte Charles den Detektiven, und er jubelte auf – dieser Mann wußte sicher einen Ausweg aus dieser Lage, denn er ahnte, daß eine Verhaftung in diesem Hause, selbst wenn sie sogleich wieder freigelassen würden, doch bekannt werden würde, es hätte eine Skandalgeschichte gegeben, und Charles glaubte schon jetzt vor Scham in den Boden versinken zu müssen, dachte er nur daran, daß Miß Thomson und die anderen Damen davon erführen.

Er verwünschte des Detektiven Vorschlag, ihn hierherzubegleiten, und seine eigene Unbedachtsamkeit, aber jetzt hoffte er, daß ihn derselbe Mann auch wieder aus der Klemme befreien könne.

»Sharp,« jubelte er unbedachtsam auf, »helfen Sie uns, Sie Goldmensch, oder wir sind für alle Ewigkeit blamiert.«

»Was ist denn weiter dabei?« entgegnete der Detektiv gleichmütig. »Sie oder wir, denn ich muß auch mit, schlafen einfach diese Nacht einmal in einer Zelle oder auf einem hübschen weichen Bett, werden morgen früh verhört und können dann wieder laufen. Sehen Sie dort die beiden Herren, mit welcher Fassung die ihr Schicksal ertragen.«

Er deutete dabei auf die zwei noch sitzenden Männer, die dem Detektiven nur einen flüchtigen Blick zugeworfen hatten.

»Machen Sie uns nicht unglücklich,« rief wieder Charles, »Ihnen wird es möglich sein, uns herauszureißen.«

Der Leutnant war schon auf Sharp zugeeilt und wollte eben auch ihm den Verhaftungsbefehl vorlesen, als dieser ruhig sagte:

»Sie sind auf eine falsche Spur geleitet worden. Sie suchen Leute, welche gar nicht hier sind, aber hiermit stelle ich Ihnen Haddock und Mister Tischkoff vor, welche in Rangun aus Versehen die ihnen anvertraute Kasse ihres Prinzipals auf die Reise nach Batavia mitgenommen haben.«

Der Leutnant zog ein verblüfftes Gesicht, er sah, wie die beiden sitzenden Männer, auf welche der Detektiv bei seiner Rede deutete, bleich wie der Tod wurden, wie schon ihre Hände in die Taschen fuhren, und er hatte in ihnen die Leute erkannt, welche schon lange von der Polizei vergeblich wegen Unterschlagung verfolgt wurden.

Auch die anderen Beamten hatten sofort begriffen, um was es sich handelte, und ehe die beiden Verbrecher Gebrauch von ihren Waffen hatten machen können, waren sie überwältigt und in dem Gewahrsam der malayischen Hilfsbeamten.

»Und nun erlauben Sie mir, mich Ihnen vorzustellen,« sagte der Detektiv, als der Tumult, das Wüten der Gebundenen, das Kreischen der Weiber vorüber war, zog eine zerrissene, schmierige Brieftasche hervor, die aussah, als hätte sie sich vom Urgroßvater auf die späteren Geschlechter vererbt, und reichte dem Leutnant ein Papier.

Dieser las das Schreiben, zog ein überraschtes Gesicht und gab es dem Detektiven zurück.

»Entschuldigen Sie,« sagte er höflich, »das konnte ich nicht wissen. Sie sind natürlich frei, und ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Mitteilung. Sie werden noch von mir hören.«

»Nehmen Sie den Verhaftungsbefehl gegen diese drei Herren zurück, für welche ich bürge?«

»Ich nehme ihn zurück, es war ein Irrtum,« erklärte der Polizeileutnant.

Beide schüttelten sich die Hände, die Malayen nahmen die beiden Verbrecher, welche hier in Batavia von ihrem Verhängnis ereilt worden waren, in die Mitte und verließen den Saal, und gleich darauf folgte ihnen Sharp mit den drei Herren, welche herzlich froh waren, aus dieser Spelunke glücklich entkommen zu sein.

»Schon so alt und noch dumm genug, solche Streiche zu machen,« seufzte Charles, als sie sich auf der Straße befanden, und klopfte mit den Fingern gegen seine Stirn.

»Alter schützt vor Torheit nicht,« meinte der Detektiv.

»So übel war die Geschichte gar nicht,« sagte Chaushilm, »wenn nur die verdammte Polizei nicht dazwischen gekommen wäre und den ganzen Spaß verdorben hätte. Es ist das erste Mal gewesen, daß ich so Seite an Seite neben einer Nubierin gesessen habe und wirklich, das Mädchen war nicht übel.«

»Ach gehen Sie weg!« sagte Hendricks geringschätzend, »die Mädchen waren ja alle geschminkt, gepudert und angemalt wie eine Kirchenwand. Meine Malayin roch wie ein Farbentopf.«

Als sie den Hafen erreicht hatten, deutete Charles nach der ›Vesta‹ aus deren Bulleyes – so heißen die runden Fensterchen im Schiffsrumpf – helles Licht strahlte.

»So spät in der Nacht und alles erleuchtet!« sagte er. »Wie mag das kommen?«

»Die Aufnahme der neuen Vestalin wird jedenfalls gefeiert werden,« meinte der Detektiv, der auch nachdenkend das im hellen Licht strahlende Schiff betrachtet hatte.

»So hat Miß Morgan also doch ihre Absicht durchgesetzt,« sagte Charles verwundert. »Ich hätte es nicht geglaubt. Es ist etwas an dem Mädchen, das mir nicht sympathisch ist, trotz aller Schönheit und Liebenswürdigkeit, und ich hatte geglaubt, sogar gehofft, die Vestalinnen würden die gleiche Abneigung gegen sie empfinden. Nun ist sie also doch aufgenommen.«

»Sie hat eine warme Fürsprecherin gehabt,« meinte der Detektiv und blieb stehen, denn schon befanden sie sich dicht vor dem ›Amor‹, und er wohnte im oberen Batavia.

»Und wer ist das gewesen?«

»Miß Johanna Lind,« entgegnete Sharp und verabschiedete sich kurz.

21.

Die Sirene.

Einige Tage waren wieder vergangen und von Ellen und ihren Freundinnen gut ausgenutzt worden. Sie hatten die beiden befreiten Mädchen, Nardhi und Sula, zwei junge Malayinnen, ihren Eltern zuführen wollen, diesen aber vorher selbst einen Besuch abgestattet, und was sie in den erbärmlichen Lehmhütten fanden, veranlaßte Ellen, ihre Schützlinge nicht in die alten Verhältnisse zurückkehren zu lassen.

Der Malaye, hoch oder niedrig, ist nur zu gern bereit, sich das Opiumrauchen anzugewöhnen, und hat er erst einmal die erste Pfeife gekostet, so verfällt er diesem Laster mit Leib und Seele; all sein Dichten und Trachten geht nur darauf hinaus, wie er sich möglichst schnell in jenen Zustand versetzen kann, in welchem er schon hier auf Erden der Genüsse des siebenten Himmels teilhaftig werden kann, wo ihn die schönsten Huris und die undenkbarsten Schwelgereien erwarten.

Es gibt nichts, was dem Malayen, der dem Opiumrauchen huldigt, zu heilig wäre, um es nicht verkaufen zu können, wenn ihm das Geld zum Besuche der Opiumhöhle fehlt. Er verkauft sein Haus, wenn die elende Lehmhütte überhaupt noch als ein begehrenswerter Gegenstand gilt, seine Frau, seine Kinder und schließlich, wenn alles dahin ist, sich selbst als Sklaven für Lebenszeit, nur um sich noch einmal in dem süßen Dampf betäuben zu können.

Beim ersten Anblick der beiden Väter ihrer Schützlinge, die schon wie Greise aussahen, obgleich sie noch gar nicht so alt waren, ausgemergelter, skelettartiger Gestalten mit glanzlosen Augen, gab Ellen ihren ersten Vorsatz auf, denn diese Opiumraucher hätten ihre Töchter doch sofort wieder verkauft, und es gelang ihr, die beiden Mädchen im Hause des Mynheer van Kuiper unterzubringen.

Derselbe floß vor Dankbarkeit über, ebenso wie seine Frau; Ellen hätte alles fordern können, nichts wäre ihr abgeschlagen worden, und außerdem hatte ja Santa mit Nardhi und Sula schon zusammen eine schwere Leidenszeit durchgemacht, und so war ein doppelter Grund vorhanden, die beiden Mädchen freundlich aufzunehmen und sie mehr als Freundinnen Santas, denn als Dienerinnen derselben zu betrachten.

Dann waren Ausflüge ins Innere der Insel unternommen worden.

Auf den leichten zweisitzigen Karrenwagen, welche nur auf zwei Rädern laufen, fuhren die Vestalinnen, wie auch die englischen Herren, oftmals begleitet von den deutschen Seeoffizieren und Kadetten, durch die Reis- und Zuckerfelder, und die heißblütigen, malayischen Ponys, gewöhnt, immer im schnellsten Tempo durch dick und dünn zu rennen, als wären sie blind, gerade so wie ihre Herren, brachten manchen Karren zum Sturz, da es aber immer glücklich ablief, so wurde dies mehr als eine heitere Unterbrechung, denn als ein Unfall betrachtet. In der Zwischenzeit bereiteten sich die Besatzungen des ›Amor‹ und der ›Vesta‹ ernstlich auf eine Vorstellung vor, in der jeder seine Kunst in irgend einem Fache zeigen sollte, denn in einigen Tagen sollte die ›Viktoria‹ die Anker lichten, und die deutschen Offiziere wollten diese Gelegenheit nicht vorbeigehen lassen. Versprach diese Vorstellung doch eine ungemein interessante zu werden.

An Bord der beiden unzertrennlichen Schiffe herrschte immer ein reges Leben. Alles war Frohsinn, man freute sich auf den Tag, an welchem ein großer Saal Batavias in festlichem Licht erstrahlen sollte und man gegenseitig das Auftreten der Herren und Damen, welche schon durch mehr als bloß durch Bande der Freundschaft gefesselt waren, bewundern konnte; aber einer machte doch eine Ausnahme, sein Gesicht wurde immer ernster, seine Züge immer düsterer, er suchte seit einiger Zeit die Gesellschaft zu meiden, und war er dann allein, so ließ er seinem Trübsinn freien Lauf, ging mit großen Schritten in seiner Kabine auf und ab oder konnte stundenlang am Tisch sitzen und den Kopf in beide Hände stützen.

Und dieser eine war der, wenn auch nicht gerade übermütige, aber sonst doch immer heitere Lord Harrlington.

Wenn seine Freunde des Abends ausgingen, meistenteils, um im oberen Batavia Besuche bei holländischen Kaufleuten zu machen, in deren gastfreundliche Häuser sie durch Mynheer van Kuiper eingeführt worden waren, dann saß Lord Harrlington einsam an Deck und verwandte die Augen nicht von dem in einiger Entfernung ankernden Damenschiff, auf dem seit einiger Zeit jeden Abend Lieder erschollen, stets von derselben vollen und doch lieblichen Altstimme gesungen, von den Klängen einer Gitarre begleitet.

Oftmals geschah es, daß, wenn eine Melodie ertönte, der Lord plötzlich die Hände vor die Augen schlug und bewegungslos auf dem einsamen Böller sitzen blieb, bis er dann wieder mit einem unverständlichen Gemurmel sich emporraffte und wie von Furien gepeitscht in seine Kabine stürzte, wo er sich einschloß.

Aber meist hielt er es nicht lange darin aus; nach einer halben Stunde saß er schon wieder auf seinem alten Platz und lauschte der Altstimme, welche oft die halbe Nacht erklang, bald vor Wehmut zerschmelzend, bald vor Lust aufjauchzend.

Auch die Damen mußten von den Klängen dieser Stimme bezaubert sein, denn Harrlington konnte im Scheine des Vollmondes deutlich erkennen, wie sie sich um die Sängerin geschart hatten und sie immer wieder zum Singen aufforderten.

Eines Abends saß der Lord auf seinem alten Platz am Heck, er glaubte sich völlig allein an Bord, alle Herren hatten seiner Meinung nach das Schiff verlassen, denen sich auch die meisten Vestalinnen angeschlossen hatten, um einer Einladung zu folgen.

Aber die Sängerin war nicht unter diesen, denn wie jeden Abend, so schwangen sich auch an dem heutigen die weichen Molltöne zu ihm herüber.

Eben intonierten die Saiten der Gitarre ein Vorspiel, schon bei den ersten Klängen ließ der Lord den Kopf schwer in die Hände fallen, er wußte, welches Lied jetzt kommen würde, es war eine alte, irische Volksmelodie, welche mit den Worten beginnt:

Oh! had we some bright little isle!

Als die ersten Töne des Liedes erschollen, hob er den Kopf wieder, um keine Note zu verlieren und den nur undeutlich vernehmbaren Text summte er leise mit.

O hätten ein Eiland wir, schimmernd hehr,
Verlassen und einsam im bläulichen Meer,
Wo nie auf dem Baum welkt das blühende Laub,
Wo die Blumen nicht fallen dem Winter zum Raub.

Wo die Sonne nur fällt
Zur heiligen Feier,
Um die Nacht auf die Welt
Zu decken als Schleier,
Wo das Fühlen, das Atmen aus innigster Brust,
Ist die herrlichste Freud' und die seligste Lust!

Da würden wir lieben auf sonniger Flur
Mit Seelen, so rein, wie die holde Natur,
Die Strahlen der Sonne, die Ruhe der Luft,
Sie würden das Herz uns füllen mit Duft.

Von den Lippen so weich
Würde Liebe ich trinken,
Den Bienen gleich,
Die in Blumen versinken;
Dann glich' unser Sein einem Tage voll Pracht,
Und der Tod käme still wie die heilige Nacht.

Leise war der letzte Ton verklungen, Harrlington saß wieder mit in den Händen vergrabenem Gesicht da.

»Von den Lippen so weich
Würde Liebe ich trinken,«

flüsterte er noch einmal träumerisch.

Ein Geräusch ließ ihn hastig emporfahren, und wie er den Kopf zur Seite wendete, schrak er zusammen.

Neben ihm, auf dem anderen Böller, saß Williams, die Arme gekreuzt und die Augen mit einem so finsteren Ausdruck auf den Lord geheftet und die Stirn so drohend gerunzelt, wie Harrlington es noch niemals an seinem Freunde gesehen hatte, obgleich er auf dem ›Amor‹ der einzige war, welcher in Williams nicht nur den ewig heiteren Menschen sah, sondern der dessen eigentliche Natur kannte.

Im nächsten Moment hatte er sich wieder gesammelt. »Ich glaubte, du wärest nicht an Bord,« sagte er und versuchte, einen möglichst unbefangenen Ton anzuschlagen.

Williams antwortete nicht, noch immer ließ er das finstere Auge unverwandt auf dem Gesicht seines Freundes haften.

Harrlington wurde unruhig.

»Was hast du, Charles?« begann er wieder. »Du trägst ja ein gar seltsames Benehmen zur Schau.«

»Kennst du die Sage des Odysseus?« klang es ernst aus Williams Munde.

Der Lord blickte auf, er wußte sich die Frage seines Freundes nicht zu deuten, aber es wurde ihm unbehaglich zu Mute, er ahnte, daß jetzt etwas für ihn Unbequemes kommen würde – sein Gewissen war nicht rein.

»Des Odysseus, des trojanischen Helden, der auf der Reise nach seiner Heimat von unzähligen Gefahren heimgesucht ward, weil er sich den Zorn Poseidons, des Meeresgottes, zugezogen hatte?« fragte er. »Gewiß kenne ich diese Sage. Wie kommst du darauf?«

»Kennst du auch die Gefahr, welche ihm drohte, nachdem er Kirke verlassen hatte?«

Wieder wurde Harrlington unruhig.

»Ich weiß nicht mehr, welche die erste war. Aber nochmals, was veranlaßt dich, solch' seltsame Fragen zu stellen? Willst du mich examinieren?« »Ich will es dir sagen,« fuhr Williams fort, ohne der Frage Gehör zu schenken. »Odysseus fuhr an einer Insel vorüber, welche von Sirenen, von wunderschönen Weibern bewohnt wurde.«

»Richtig, es waren die Sirenen, welche mit ihren bezaubernden Gesängen die vorbeifahrenden Schiffer anlockten, dann aber die schlechte Angewohnheit hatten, ihre bewundernden Zuhörer mit Haut und Haaren aufzufressen,« suchte Harrlington zu scherzen, aber seine Stimme war unsicher.

Williams nickte.

»Und wie entgingen Odysseus und seine Mannschaft diesem Schicksale,« forschte er weiter.

»Sie stopften sich Wachs in die Ohren, Herr Professor.«

»Du scheinst dir kein Wachs in die Ohren gestopft zu haben,« sagte sein Freund ernst.

»Auch Odysseus tat es nicht.«

»Aber er ließ sich am Mast festbinden und gab seinen Leuten noch den besonderen Befehl, würde er sie um Befreiung anflehen, um zu jenen Sirenen hinüberzuschwimmen, so sollten sie ihn noch mit doppelten Stricken anbinden. Du dagegen, James, flatterst wie eine törichte Fliege in das Netz, welches dir die Sirenen gesponnen haben.«

»Mich werden sie wohl nicht gleich auffressen,« versuchte Harrlington noch immer zu scherzen, »ich werde selbst für ihre Zähne wohl etwas zu zäh sein.«

»Laß das Scherzen!« sagte Williams unwillig. »Du weißt recht gut, was ich meine. Allerdings wirst auch du von den Sirenen verzehrt werden, du bist auf dem besten Wege dazu, denn weder hast du dir die Ohren mit Wachs verstopft, noch dich an den Mast binden lassen. Aber ich werde dies noch tun.«

Harrlington war aufgesprungen und maß den Sprecher, der ruhig sitzen geblieben war, mit großen Augen.

»Mit welchem Recht sprichst du so zu mir?« rief er.

»Mit dem Rechte des Freundes,« entgegnete Charles, stand auf und ergriff des Lords Hand.

»James, James, ich kenne dich nicht mehr!« fuhr er ernst fort. »Was ist seit einiger Zeit mit dir vorgegangen? Du bist ein Träumer geworden, ein wankelmütiger Mensch, und, was noch schlimmer ist, du bist schon dabei, eine ehrlose Handlung zu begehen. Glaubst du etwa, ich weiß nicht, was in deinem Innern vorgeht? Du selbst hast mir ja alles einst erzählt, mir allein, hast mir gestanden, was du einst gelitten hast, wie du wieder gesund geworden bist, und nun kommt dieses verfluchte Weib dir wieder in die Quere, und alles soll hin sein? James,« Williams rüttelte seinen Freund, der wieder auf den Böller gesunken war und teilnahmslos vor sich hinblickte, heftig an der Schulter, »James, sei ein Mann, und kein schwachherziger Jüngling, oder bei Gott, du treibst es so weit, daß ich dich verachten muß!«

Als Harrlington noch immer nicht seine Stellung veränderte, fuhr er in eindringlichem Tone fort:

»Jenes Weib, welches dich vor fünf Jahren in England berückte, ist nicht wert, daß du auch nur an dasselbe denkst. Du selbst hast mir dies gesagt, als du herausfandest, daß sie nur ein herzloses Spiel mit dir getrieben hatte, um an deiner Seite zu einer Ehrenstellung zu kommen, nach welcher ihr ganzes Streben ging, und ich war es, der dir damals die Augen öffnete, ebenso wie ich sie auch zu zwingen wußte, von dir abzulassen, weil ich sie deiner unwert erachtete. Du sahest ein, daß ich recht gehabt hatte, du versprachst mir, dich nie mehr um sie zu bemühen, ich sorgte, daß sie von dir fern blieb, und mit Freuden sah ich, daß dein Herz bald wieder geheilt war, eben darum, weil deine Liebe nicht die richtige, nur eine heiße, rasch aufflackernde und daher eine ebenso rasch wieder in sich zusammensinkende gewesen. Dann lerntest du Ellen kennen, du fühltest dich zu ihr hingezogen, du liebtest sie, aber nicht mit jener glühenden, alles verzehrenden Liebe, sondern deine Neigung zu ihr war eine andere, eine reinere. Du wärest schon zufrieden gewesen, wenn dir das kalte Mädchen erlaubt hätte, den Saum ihres Gewandes zu küssen. Und warum? Weil du vor ihr Achtung besaßest; es war nur dein heißester Wunsch, daß sie dich einst lieben möchte.«

Williams hielt inne; Harrlington hatte bei der Nennung von Ellens Namen tief aufgeseufzt.

»Sprich, James, warum verschmähst du, seit Sarah Morgan hier ist, an Land zu gehen, und bleibst wie ein alter Seebär immer an Bord, der seinen Fuß nicht mehr mit der Erde in Berührung bringen will?«

»Ich will nicht mit ihr zusammentreffen, ich scheue mich vor einer Begegnung,« kam es dumpf hervor.

»Ich wußte es, und das eben ist es, was mich so empört,« sagte Charles streng. »So handelt ein törichter Knabe, aber nicht ein Mann, und so darf vor allen Dingen nicht der Kapitän des ›Amor‹ handeln. Glaubst du etwa, Ellen würde nicht einen Vergleich mit Sarah Morgan aushalten?«

Harrlington zuckte zusammen.

»Geh, du bist ein feiger Mensch!« fuhr Charles unerbittlich fort, »du scheust dich, mit diesem Weibe zusammenzukommen, denn, redest du dir wenigstens ein, du fürchtest, sie könnte Erinnerungen in dir wachrufen, welche deine Liebe zu Ellen schädigen. Und was tust du jetzt? Du sitzest jeden Abend an Deck, seufzst den Mond an, lauschest dem Gesange dieser Sirene und denkst an jene Zeiten zurück, da sie dich mit ihrer Liebe zu umstricken suchte.«

»Höre, James!« fuhr Charles fort und stampfte mit dem Fuße das Deck. »Hüte dich vor diesem verfluchten Weibe! Sie ist nur Berechnung, ich kenne sie vielleicht besser, als du. Würdest du sie auch zu treffen suchen, sie würde dir doch ausweichen, sie kennt die Mittel, um jemanden einer anderen abspenstig zu machen, und sie hat das Gefährlichste davon angewendet. Sie weiß ganz genau, wie du jetzt sehnst und schmachtest, sie kann dich ja hier sitzen sehen, und ein raffinierteres Weib, als sie, hat es nie gegeben. Mit ihren Liedern, mit denen sie dich bezaubert hat, fängt sie erst an, hat sie deine Sinne genügend erregt, so geht sie weiter –«

»Bist du der einzige, der darum weiß?« unterbrach ihn Harrlington dumpf.

»Der einzige, nicht einmal Lord Hastings, sonst dein bester Freund, hat eine Ahnung davon, und ich werde dafür sorgen, daß das Geheimnis unter uns bleibt. Auf der ›Vesta‹ ist natürlich davon gar nichts bekannt. James,« fuhr Charles plötzlich wieder auf und schüttelte seinen Freund abermals an der Schulter, »denke an Ellen!«

Ein Stöhnen war die Antwort.

»Ich muß jetzt gehen,« sagte Charles, nach der Uhr sehend, »ich werde erwartet. Nur um dich einmal überraschen und in dieser Situation sprechen zu können, habe ich mich verzögert. Kommst du mit, James?«

Der Lord schüttelte den Kopf, der Gesang drüben war schon längst verstummt.

»Willst du meiner Bitte Folge leisten, willst du dich losreißen von diesen Gedanken, welche eines Mannes unwürdig sind?«

Es erfolgte keine Antwort. Harrlington hatte den Kopf in die Hände gestützt und blickte starr nach dem Schiff, auf welchem ein Licht nach dem anderen erlosch.

»Versprichst du es mir?«

Noch immer keine Antwort. Harrlington schien seinen Freund nicht mehr zu hören.

»Gut, tue, was du willst!« sagte Charles und wandte sich zum Gehen, »du bist alt genug, um selbst Rechenschaft über deine Handlungen zu geben. Aber höre mich, James, und vergiß nicht, was ich dir hiermit schwöre, so lange ich an Bord des ›Amor‹ mit dir zusammen bin, werde ich alles verhindern, was dich mit diesem Weibe zusammenbringen könnte, und ginge es über meinen Leichnam weg. Und in dem Augenblick, da ich erfahre, daß du Ellen dieses Weibes wegen vergessen hast, zählst du einen Freund weniger. Lebe wohl!«

Mit traurigen Augen sah Harrlington dem Davongehenden nach. Dann ging er selbst in seine Kabine und schloß sich ein.

22

Die Vorstellung und ihr Nachspiel

Der große Saal, von dessen Decke und Wänden herab Kronenleuchter und Ampeln hingen, war gedrängt voll; nicht nur die Honoratioren, das heißt, die ganze reiche Kaufmannswelt Batavias hatte sich versammelt, sondern auch von den umliegenden Plantagen und Faktoreien waren die Kolonisten hier zusammengekommen, um der Vorstellung beizuwohnen, welche die Besatzungen des ›Amor‹ und der ›Vesta‹ zu geben gewillt waren.

Ein tiefer Griff in die Tasche war dazu nötig gewesen, es gab Logen, für deren Preis man die Fahrt nach Europa hätte bezahlen können, um dort einmal ins Theater zu gehen, aber das galt der Geldaristokratie Batavias gleich, ihre Mittel waren unerschöpflich, der Boden des Landes ließ die ausgegebenen Goldstücke bald wieder nachwachsen, und außerdem war es ja keine Verschwendung.

Die riesengroßen Plakate machten bekannt, daß die Einnahme zum besten der Hinterbliebenen von im Kampfe gegen die Atchinesen Gefallenen und Verwundeten verwendet würde. Die englischen und holländischen Zeitungen brachten in diesen Tagen gerade schauderhafte Berichte über die Gefechte, welche zwischen der Fremdenlegion und den wilden Fanatikern geliefert worden waren – die Atchinesen wurden von ihrem herrschsüchtigen Fürsten in dem Glauben erhalten, daß es sich um einen Religionskrieg handle – und gerade ein paar Tage zuvor langte ein Schiff an, welches die Leichen einiger hoher, holländischer Offiziere mitbrachte und im übrigen mit Verwundeten angefüllt war, denen das flammenähnliche Schwert der Atchinesen die Glieder vom Leibe getrennt und zolltiefe Hiebe beigebracht hatte.

Aber hätte es sich auch um keinen so guten Zweck gehandelt, schon die Aussicht, alle jene Damen und Herren einmal zusammen zu sehen, welche das Alltagsleben mit einer kühnen Idee durchbrochen hatten, und an deren Spuren sich romantische Sagen hefteten, schon diese Aussicht hätte vermocht, die gepolsterten Sessel und die Logen mit eleganten Herren und Damen zu füllen, welche nun, die Lorgnetten vor den Augen, das Aufziehen des Bühnenvorhanges erwarteten.

Dem Programme nach versprach die Vorstellung schon an sich eine interessante zu werden.

Da gab es Herren, den Zuschauern schon aus den Zeitungen längst bekannt, welche als Turner auftraten, andere als Sänger, Komiker, Sir Williams zum Beispiel produzierte sich mit einem wunderbar dressierten Elefanten, dem er die Peitsche ordentlich zu fühlen gab, so daß sich dann später Marquis Chaushilm und Sir Hendricks, welche in den Beinen des Elefanten gesteckt hatten, bitter über die ihnen zugefügten Schwielen beklagten, und selbst unter den Damen gab es einige, welche nicht nur auf dem Gebiete des Gesanges und Vortrages ihr Talent zeigten, sondern ebenfalls als Gymnastinnen auftraten.

Das blaue Blut, die Aristokratie Englands ist diejenige von Europa, welche in ihren Kreisen noch am meisten darauf hält, die körperliche Kraft und Gewandtheit zu vervollkommnen, wenn sie auch nicht mehr so eifrig darin ist, wie die französische unter jenem Könige kurz vor der Revolution, welcher selbst, so lächerlich es auch klingen mag, den Großen Frankreichs dadurch mit gutem Beispiel voranging, daß er sich während einer Stunde jeden Tages im Schlagen von einfachen und doppelten Salto mortales übte. Der Engländer ist aber bekanntlich der größte Sportsmann der Welt, und es gibt noch immer Klubs, welche darauf halten, daß man unter einem Sportsmann nicht einen Menschen versteht, der auf die Leistungen von Professionisten wettet, sondern der mit seiner eigenen Kraft und Gewandtheit den Siegerkranz zu erringen strebt.

Dasselbe gilt auch von den Nordamerikanern, den Abkömmlingen von Engländern, und der Geist der Freiheit, welcher in diesem Volke herrscht, hat auch dem weiblichen Geschlecht eingegeben, sich den Männern ebenbürtig zur Seite zu stellen. In England, wie in Amerika gibt es weibliche Turn-, Ruder-, Fechtvereine und so weiter, und namentlich eine Kunst wird von den Damen sehr gepflegt, weniger von den Herren, die Kunst des Bogenschießens.

In England zum Beispiel senden einmal im Jahre alle Klubs, welche diesen Sport pflegen, die besten Schützen nach London, und es ist wirklich staunenswert, wenn man sieht, mit welcher Kraft die graziösen Damen den zwei Meter großen Bogen zu spannen und den befiederten Pfeil in das hundert Meter entfernte Ziel zu senden wissen. –

Nicht alle der Gesellschaft traten auf, einige besaßen wirklich kein Talent; andere nicht die Unbefangenheit, sich von einem großen Publikum bewundern zu lassen, aber alle mußten sie mitwirken bei einem Theaterstück, einer zwischen Seeleuten spielenden Posse, welche von den dazu veranlagten Mitgliedern zusammengestellt und arrangiert worden war.

Der Inhalt des Stückes war kurz folgender.

In einem kleinen Fischerhafen ist ein Segelschiff angelaufen, welches vorgeblich die Hälfte seiner Mannschaft in einem heftigen Sturm verloren hat und in diesem Hafen nun neue Matrosen sucht, aber keine bekommen kann, weil die Fischer nicht gewillt sind, sich für viele Jahre von Weib und Kind zu trennen.

Da kommen eines Tages zwei Boote mit völlig erschöpfter Bemannung an.

Sie erzählen, daß sie bei einer Segelfahrt im Boot von ihrem Schiff verschlagen worden wären und hier auf eine Gelegenheit warten wollten, die sie nach ihrem Heimatshafen zurückbrächte, auch sie schlagen daher das Angebot des Kapitäns, auf seinem Schiffe Dienste zu nehmen, rundweg ab.

Aber der Kapitän will nicht länger Zeit verschwenden, er hat jetzt die Aussicht, ordentliche Seeleute an Bord zu bekommen, und so läßt er die fremden Matrosen einfach von seinen Leuten ›pressen‹, das heißt, sie mit Gewalt an Bord schleppen und dort arbeiten – ein Zwangsmittel, welches früher in England häufig angewendet wurde, sogar erlaubt war.

Der zweite Akt spielt an Deck des Seglers. In der Mitte der Bühne war ein Mast errichtet, an dem Wanten hinaufliefen, und die Zuschauer konnten die Matrosen bei ihrer Arbeit erblicken.

Durch einen Zufall kommt es heraus, daß die fremden Matrosen verkleidete Mädchen sind, sie gestehen, daß sie die ›Vesta‹ verlassen haben, weil auf ihr Streit ausgebrochen sei. Die Zurückgebliebenen seien bei ihrem erst gefaßten Entschlusse geblieben, ihr emanzipiertes, männerfeindliches Leben fortzusetzen, sie dagegen, welche von Bord der ›Vesta‹ gegangen, wären wankelmütig geworden, sie hätten beschlossen, nach ihrer Heimat zurückzukehren, dort wieder ein vernünftiges Leben anzufangen und womöglich zu heiraten.

Da gestanden auch die Matrosen, daß sie eigentlich englische Lords seien und nur ein Schiff ausgerüstet hätten, um auf diesem als Junggesellen ihr Leben zu beschließen, doch die eine Hälfte der Mannschaft habe bald Reue verspürt, auch sie hätten das Schiff in Booten verlassen, ihr jetziger Aufenthalt wäre ihnen unbekannt, aber sie, die eben auf der Bühne anwesenden Männer, wollten ihr Versprechen halten.

Doch es dauerte nicht lange, so hatten sich die Herzen der Mädchen und die der Herren gefunden, und sie wurden alle dahin einig, nach England zurückzukehren und sich vor dem Altar die Hand zum ewige Bunde zu reichen.

Der dritte Akt spielt in London.

Die gefundenen Paare bewegen sich nach der Kirche, um sich trauen zu lassen, fröhliche Scherze werden laut, vermischt mit bedauernden Worten über die Freunde und Freundinnen, welche nun einsam draußen auf dem kalten Meere umhersegeln, meinend, daß sie darin ihr Glück gesucht hätten, und alle Paare sind darüber einig, daß jene einen verkehrten Weg eingeschlagen haben, denn das wahre Glück auf Erden läge doch nur in der Liebe.

Vor der Kirche wird der Zug durch einen Kirchendiener gehemmt, er erklärt, der Raum würde schon von einer anderen Gesellschaft zur Hochzeit benutzt; wie groß ist das Erstaunen der Wartenden, als die Tore sich öffnen, und ihre Freunde und Freundinnen, welche sie noch in fernen Gewässern glauben, als Neuvermählte heraustreten!

Auch die zurückgebliebenen Vestalinnen hatten bald eingesehen, daß dieses Leben ein freudenloses war; schon waren sie entschlossen, die Segel nach der Heimat zu richten, als die Boote mit den nach Liebe dürstenden Herren an ihrem Schiff angelegt hatten, und im Nu waren die Herzen der Mädchen von ihnen erobert worden.

Das Publikum war über das Stück entzückt; es applaudierte und rief die Hauptdarsteller immer wieder heraus, aber viele konnten nicht begreifen, wie sich der Inhalt dieses Stückes mit dem eigentlichen Charakter der Vestalinnen, welche sich doch öffentlich als Männerfeindinnen ausgaben, zusammenreimte.

Doch Miß Petersen ließ die Erklärung folgen.

Noch einmal rollte der Vorhang auf, und Ellen ließ eine in Verse gesetzte Ansprache folgen, in welcher sie das Verhalten der Vestalinnen wie auch der Herren lächerlich zu machen suchte, sie schilderte mit beißender Ironie ihr schwankendes Betragen und erklärte stolz, daß so etwas, wie eben dem Publikum vorgeführt worden wäre, bei den Vestalinnen überhaupt nicht eintreten könnte.

»Na, na,« ließ sich da eine sonore Stimme aus dem Publikum vernehmen, »wer den Teufel an die Wand malt, den holt er sicher.«

Aller Augen wandten sich der Loge zu, aus welcher der Ruf erschollen war, und man sah auf der mit Samt überzogenen Brüstung mit gekreuzten Armen einen Mann liegen, der mit höhnischem Grinsen die Sprecherin betrachtete.

Ellen biß sich vor Zorn in die Lippen, sie hatte in dem Herrn den Mann erkannt, dem sie Vertrauen geschenkt, Mister Wood; aber es war nichts mehr daran zu ändern, er hatte das lachende Publikum auf seiner Seite, und leider, leider mußte Ellen hören, wie nicht nur die Lords, sondern auch ihre Freundinnen, die Vestalinnen, in das Lachen mit einstimmten.

Nur mit Mühe konnte sie ihre Ansprache zu Ende bringen, welcher ein Hoch auf die ›Vesta‹, von einem Holländer ausgebracht, folgte. –

Die Vorstellung war vorüber, der Saal von den Stühlen geräumt, und die Kapelle, welche die vorgetragenen Lieder begleitet hatte, nahm Platz auf der Bühne, um für den nachfolgenden Tanz aufzuspielen, denn ein solcher beschloß programmmäßig die Festlichkeit.

Die Vestalinnen befanden sich noch in der leichten, weißen Toilette, welche sie bei der Traufeierlichkeit auf der Bühne getragen, ebenso die Herren im schwarzen Frack und weißem Schlips, also vollkommen ballfähig, und unter ihnen auch Hannes, welcher als Bräutigam hatte figurieren müssen, weil einige der Herren mit anderen Rollen betraut worden waren.

Der arme Hannes war schrecklich verlegen geworden, als Charles ihn in einen schwarzen Anzug gezwängt und ihm auch noch einen hohen Stehkragen um den Hals gebunden hatte; sein Herr kam gar nicht aus dem Lachen heraus, wenn er Hannes beobachtete, wie dieser die Arme weit von sich gestreckt und die mit weißen Glacéhandschuhen bekleideten Hände gespreizt, den Kopf zurückgebogen, weil ihn der Stehkragen entsetzlich schnitt, und den Zylinder tief im Nacken, als trüge er eine Schiffermütze, mit seinen Seebeinen in wiegendem Gange über die Bühne spazierte, an seinem Arme Miß Staunton, die sich über ihren Begleiter mehr amüsierte, als über die ganze Vorstellung.

Beide gehörten zu dem Teile, welcher als bereits getraut aus der Kirche kam. Hätte Hannes als Matrose auf der Bühne etwas singen oder tanzen sollen, so würde er sich nichts daraus gemacht haben, und wenn auch das Publikum aus Kaisern und Königen bestanden hätte, aber so, in dem schwarzen Anzüge und Zylinder, aller Augen auf sich gerichtet zu sehen – denn natürlich glaubte er, alle sähen nur auf ihn – nein, das war für seine Natur zuviel.

»Hannes,« flüsterte Hope an seiner Seite, »mach' nicht ein so dummes Gesicht! Du siehst gerade aus, als gingst du in einem Leichenzuge. Du mußt lachen, dich freuen, wir sind ja nun verheiratet.«

Dabei zwickte ihn das mutwillige Mädchen in den Arm, um ihn zum Lachen zu bringen, aber ein Blick in das weinerliche Gesicht ihres Brautführers ließ sie schnell sich auf die Lippen beißen, um nicht selbst in Lachen ausbrechen zu müssen.

Endlich hatte es Hannes fertig gebracht, sich hinter einer Gruppe von Neuvermählten unsichtbar zu machen.

»Hope,« seufzte er mit kläglicher Stimme, »ich kann nicht mehr, ich schäme mich zu Tode.«

»Aber warum denn, Hannes? Du bist doch sonst nicht so schüchtern; sieh mich an, ich tue gerade, als wäre ich eine Schauspielerin. Was geht mich das dumme Publikum an; wenn ich ihnen nicht gefalle, dann brauchen sie mich nicht anzusehen.«

»Wenn mich meine Schiffskameraden jetzt sehen würden, meine ganze Seemannskarriere wäre futsch!« jammerte Hannes weiter und würgte an seinem Stehkragen herum. »Gott im Himmel, was ist aus mir geworden; ich komme mir wie ein angeputzter Affe vor!«

»Unsinn, Hannes, du siehst ganz reizend aus, nur die Hände mußt du aus den Hosentaschen nehmen.«

»Der Teufel hole den verdammten Anzug, hinein bekomme ich die Hände, aber nicht wieder heraus.«

»Du darfst nicht fluchen, Hannes, wir sind ja eben getraut worden,« scherzte Hope.

»Hol' der Henker die ganze Hochzeit! Ich möchte, es wäre erst alles vorüber.«

»Es ist auch gleich vorüber,« tröstete Hope, »sieh, die Männer da, die wollen schon den Vorhang herunterlassen.«

Der arme Hannes wurde auch bald aus seiner peinlichen Lage erlöst; der Vorhang fiel, und noch hatte derselbe kaum die Köpfe der Spieler verdeckt, so sahen schon die Zuschauer einen der Herren, wie von Furien gepeitscht über die Bühne rennen und hinter den Kulissen verschwinden – es war Hannes.

Die Damen und Herren begaben sich in den Saal, auch Miß Staunton. Die Musik fing an zu spielen, die Tänzer ordneten sich, aber das junge Mädchen wartete vergebens, daß der von ihr begünstigte Matrose sie zur Polonaise auffordern würde – Hannes befand sich nicht im Saale, er hatte das Weite gesucht.

Aergerlich nahm sie das Engagement eines alten, dicken Holländers an, der sie in gebrochenem Englisch anredete; mit einer schnippischen Bewegung, wie sie nur junge Mädchen zu machen verstehen, stand sie auf und schob ihren Arm unter den seinen, und der arme Mann schwitzte während der Polonaise dicke Angsttropfen, so wußte Hope die an sie gerichteten Fragen zu beantworten. Es war gar kein Zweifel, die junge Amerikanerin an seiner Seite suchte ihn, den reichen, würdigen Großkaufherrn mit ihren Antworten nicht nur gutmütig zu verspotten, sondern richtig zu veralbern, und er war ordentlich froh, als Hope an einer Tür plötzlich seinen Arm fahren ließ und hinausschlüpfte, als brenne ihr der Boden unter den Füßen.

»Gott sei Dank, daß sie fort ist,« seufzte der dicke Holländer erleichtert auf und wischte sich die Schweißtropfen von der Stirn. »Ich verbrenne mir aber nicht wieder die Finger an einer Amerikanerin. Ehe ich so eine heirate, will ich lieber Junggeselle bleiben, und würde ich so alt wie Methusalem. Hübsch und niedlich sehen sie ja alle aus, aber von Anstand – keine Spur. Und das nennt nun die Welt zivilisierte Menschen.«

Erschöpft ließ er seinen dicken Körper auf einen Stuhl fallen und sich Arrak und Eiswaffel bringen.

Unterdessen war Hope in den Garten geeilt, der zu dem gemieteten Lokale gehörte und mit Lampions erleuchtet war. Jetzt war er noch völlig leer; der Tanz hatte ja eben erst begonnen, und die Gesellschaft hatte es also noch nicht nötig, die erhitzte Stirn in der Abendluft zu kühlen.

Das junge Mädchen hatte richtig geraten, wenn sie Hannes im Garten zu finden gehofft; in einer der letzten Lauben, an deren Eingang eine rote Papierlaterne hing, bemerkte sie eine Gestalt – das konnte nur der Gesuchte sein.

Sie spähte durch das dichte Blätterwerk, welches die Laube umhüllte, fuhr aber sofort entsetzt zurück und stand mit einem Sprunge unter dem Laubdache.

»Hannes, was machst du?« rief sie mit vor Aufregung zitternder Stimme und riß dem Matrosen das Messer aus der Hand, mit dem er sich am Hals herumfuhr.

Hannes war selbst bestürzt über die Heftigkeit, mit welcher das Mädchen auf ihn zugesprungen war, wie sie ihm das große Schiffsmesser aus der Hand genommen, welches er in den Schoß seines Frackes gesteckt hatte. »Was hast du vor, Hannes?« rief wieder Hope, durch sein erschrockenes Gesicht noch ängstlicher gemacht. »Ich glaube, du willst dir die Kehle durchschneiden!«

Jetzt brach Hannes in ein lautes Lachen aus.

»Die Kehle? Nein, aber den Halskragen. Ich versuche nun schon eine halbe Stunde, das Ding abzuknöpfen, aber es geht nicht. In meinem ganzen Leben bringe ich so einen steifen Leinwandlappen nicht wieder an meinen Körper.«

Nun mußte auch Hope lachen.

»Ihr Männer seid doch zu ungeschickt,« murmelte sie und drückte den Matrosen auf die Bank, »wenigstens in solchen Sachen. Komm her, der Kragen ist ja schon halb zerschnitten, ich will dich von ihm befreien.«

Sie knöpfte ihn ab. »Aber du kannst doch nicht ohne Kragen tanzen?« sagte sie während ihrer Beschäftigung.

»Ich will auch nicht tanzen,« entgegnete er unwirsch.

»Auch nicht mit mir?«

Hannes schwieg, er fühlte, wie die warmen Fingerchen des Mädchens an seinem Halse nestelten.

»Sag', Hannes, auch nicht mit mir?«

»Nein,« war die kurze Antwort.

Der Kragen war ab; Hope ließ erstaunt die geschäftigen Hände sinken und blickte dem Matrosen ins Gesicht.

»Nicht mit mir? Warum nicht, Hannes? Ich würde mit dir auch ohne Kragen tanzen, selbst, wenn du in Hemdsärmeln wärst. Mich genieren solche Kleinigkeiten nicht.«

Wieder blieb Hannes die Antwort schuldig; verlegen senkte er die Augen auf den Kragen, welchen das Mädchen noch in den Händen hielt, und plötzlich bemerkte er auf der weißen Leinwand Blutflecke.

»Mein Gott,« rief er erschrocken aus, »du blutest Hope, du hast – Sie haben vorhin ins Messer gegriffen.«

Jetzt wurde Hope gewahr, daß Hannes recht hatte; sie hatte noch gar nicht bemerkt, daß sie in der rechten Handfläche einen Schnitt bekommen. Ein leiser Aufschrei entfuhr ihren Lippen, als sie denselben sah.

»Es ist nichts weiter,« tröstete Hannes nach Besichtigung der Wunde, »ich will dir – Ihnen einen Verband anlegen. Wozu hat mir denn Williams sein Taschentuch mitgegeben.«

Er zerschnitt das feine Gewebe und legte dem jungen Mädchen einen kunstgerechten, zierlichen Verband an, sich dabei mit dem Kopfe tief auf die Hand des neben ihm sitzenden Mädchens beugend, das ihn längere Zeit während seiner Beschäftigung verwundert betrachtete, ohne zu sprechen.

»Was fällt dir denn ein, Hannes?« begann sie endlich. Warum nennst du mich denn auf einmal ›Sie‹?«

Hannes antwortete nicht, er beschäftigte sich angelegentlich mit dem Verbande.

»Antworte mir doch, Hannes!« bat das junge Mädchen. »Bist du mir wegen irgend etwas böse?«

Er band ihr jetzt eben auf dem Rücken der Hand einen kleinen Knoten, aber die Enden erwiesen sich zu kurz, er mußte dabei die Zähne zu Hilfe nehmen. Dabei berührten seine Lippen ihre Hand.

»Es ist fertig,« sagte er, ließ sie los und wollte aufstehen. »Adieu, Hope!«

Das Mädchen war so erstaunt über dieses Betragen, daß sie erst keine Worte fand, aber als der Matrose wirklich die Laube verlassen wollte, war sie im Nu an seiner Seite und hatte ihn wieder auf die Bank gezogen.

»Ich verstehe dich nicht,« sagte sie mit weicher Stimme. »Was ist zwischen uns vorgefallen, Hannes, daß du mit einem Male so kurz bist und nicht bei mir bleiben willst?«

Der junge Mann hatte sein Betragen wirklich plötzlich geändert; er war still und scheu geworden; seine gewöhnliche Fröhlichkeit und Gesprächigkeit schienen ihn verlassen zu haben.

Auf die wiederholte Frage des Mädchens wendete er den Kopf und blickte ihr ins Gesicht, senkte aber die Augen sofort wieder zu Boden.

Da wurde plötzlich auch Hope ernst und stellte das Fragen ein. Nun saßen beide nebeneinander auf der Bank. Aus dem Saale schallten noch die Klänge der Polonaise zu ihnen hinüber, dann gingen sie in einen Walzer über; eine Pause trat ein, bis wieder eine andere Tanzmelodie erscholl.

Hannes hatte stumm dagesessen, die Hände auf die Bank gestützt, ebenso Hope.

Ein Seufzer neben ihr ließ plötzlich das junge Mädchen zusammenschrecken, er kam aus dem Munde ihres Nachbars.

»Du bist kein guter Seemann,« sagte sie in scherzhaftem Tone und betrachtete ihren Verband. »Sieh her, der Knoten hat sich schon wieder gelöst.«

Dabei streckte sie ihm die Hand hin.

»Die Bänder sind zu kurz,« murmelte Hannes und band ihr abermals mit Hilfe der Zähne den Knoten, wobei wieder seine Lippen ihre Hand berührten.

»Wie habe ich dir denn gefallen, als ich auf der Bühne tanzte?« suchte Hope das Gespräch wieder einzuleiten.

»Sehr gut,« murmelte Hannes und gab sich vergebliche Mühe, die Enden des Bandes mit den Zähnen zu fassen – es gelang ihm nicht, denn er öffnete seinen Mund nicht mehr.

»Schade, daß ich nicht mehr vortragen konnte,« fuhr Hope fort, »die Zeit erlaubte es nicht. Aber ich hatte wenigstens ein Dutzend von Liedern vorrätig. Wie gefiel dir denn mein neues Kostüm?«

»Sie sahen reizend aus.«

»Sie? Warum redest du mich denn mit einem Male so förmlich an?«

Der Matrose hob den Kopf, aber der Knoten war noch nicht geschlossen.

»Das schickt sich besser für mich,« antwortete er und blickte scheu in das Gesicht des Mädchens.

»Schickt sich besser?« lachte Hope. »Dummheit, Hannes, wenn ich dir erlaube, du zu mir zu sagen, so geht das niemanden etwas an. Ich bin frei, mir hat niemand etwas zu verbieten. Wir sind Freunde, wir sagen ›du‹ zueinander, und damit ist es gut!«

Hannes blickte noch immer in ihre Augen und hielt ihre Hand in der seinen.

»Ich weiß nicht, ob es recht ist,« sagte er zögernd.

»Warum nicht recht?« lachte wieder Hope. »Sind wir doch erst vor einer Stunde getraut worden, wer sollte da etwas dabei finden? Was sagst du übrigens zu dem Ausruf des Mister Wood? Das war doch kostbar.«

»Ob sich seine Vermutung wohl bestätigt?« begann jetzt auch Hannes wieder zu sprechen.

»Welche Vermutung?«

»Nun, er meinte doch mit seinem Ausrufe, daß sich das Theaterstück verwirklichen könnte, daß die englischen Herren doch noch die Vestalinnen heiraten.«

»Na, weißt du, die Sache ist jetzt schon brenzlig, wie du immer sagst. Wir wollen uns einmal nach einem Jahre wiedersprechen. Viele alte Jungfern werden wohl nicht übrig bleiben.«

Hannes hatte wenigstens etwas seinen Frohsinn wiedergefunden, er mußte über die Bemerkung Hopes lachen.

»Wir Mädchen sind doch schlimm daran,« meinte sie nach einer Pause, »wir müssen ruhig warten, bis ein Mann so freundlich ist und fragt, ob wir ihn heiraten wollen.«

»Ach Gott, wir armen Mädchen,
Wie sind wir schlimm daran!
Ich wollt', ich wär' kein Mädchen,
Ich wollt, ich wär' ein Mann!«

trällerte Hannes leise auf deutsch vor sich hin.

Hope konnte etwas Deutsch sprechen, wenn auch nicht vollständig, sie hatte den Vers verstanden.

»Weißt du, woher das Lied ist?« fragte sie.

»Nein, ich war einmal an Bord mit einem Schiffsjungen zusammen, der war von einem Gymnasium weggelaufen, und dieser sang es öfters.«

»Das Lied ist aus einer deutschen Oper,« erklärte Hope, »von Lortzing, welche der ›Waffenschmied‹ heißt. Ich habe sie einmal in New-York in einem deutschen Theater gehört. Kennst du die Oper ›der Waffenschmied‹ auch?«

Hannes schüttelte lächelnd den Kopf. Er lachte nicht darüber, daß er sie nicht kannte – was wußte er als einfacher Matrose von Opern – sondern darüber, wie seltsam die Amerikanerin das Wort ›Waffenschmied‹ aussprach. Sie sprach es in englischer Manier aus, das ›sch‹ wie ›sk‹ und ›w‹ wie ›uo‹ also Uoaffenskmied.

»Neugierig bin ich aber doch,« fuhr das Mädchen im Plaudern fort, »wie sich alle die Herren und Mädchen eigentlich zusammenfinden werden. Daß Sir Williams die Thompson heiratet, ist so klar, wie zweimal zwei vier ist, und ebenso Lord Harrlington die Ellen, na, und Lord Hastings nimmt die Hände auch schon aus den Hosentaschen, wenn er Miß Murray sieht. Aber wen Herzog Chaushilm noch einmal beglücken wird, das weiß ich wirklich nicht; denn sein Herz ist groß wie ein Dudelsack. Was meinst du, Hannes, auf wen hat er denn jetzt sein holdes Auge geworfen?«

Aber Hannes hatte schon wieder die Sprache verloren, stumm saß er da und gab leise, nach und nach, die bis jetzt noch immer festgehaltene Hand des Mädchens frei.

»Was meinst du, Hannes?« Hope legte ihre Hand wieder in die seinige. »Chaushilm ist zwar aus einer der ältesten Adelsfamilien Englands, aber wir Amerikanerinnen, bei denen es keinen Adel gibt, können uns mit jedem Könige vermählen. Schon mancher Fürst hat sich eine Amerikanerin geholt, besonders, wenn ihm das Geld ausging.«

Hannes zog seine Hand zurück, er blickte finster vor sich auf den Boden.

»Mach' doch kein so böses Gesicht!« bat das junge Mädchen und legte vertraulich ihre Hand auf seine Schulter. »Sprich doch wenigstens etwas mit mir! Wenn dir nun die Wahl freigestellt würde, wen würdest du dir als deine Frau aussuchen? Die reichste? Das ist Miß Petersen, aber die ist schon vergeben. Vielleicht Miß Rikkerson?«

Plötzlich sprang der Matrose von der Bank auf und stand mit geballten Fäusten und drohenden Augen vor dem Mädchen, das erschrocken zusammengefahren war.

»Willst du Spott mit mir treiben?« stieß er hastig, mit vor Erregung zitternder Stimme hervor. »Eben erzählst du – erzählen Sie mir von Kaisern, Königen, Fürsten und Adeligen, sagen, daß die amerikanischen Damen ihnen gleich stünden, sprechen von Ihrem Reichtum und stellen dann eine solche Frage an mich! Bin ich auch nur ein Matrose, der nichts weiter kann, als ein Schiff bedienen, und nichts weiter besitzt, als seine Sachen in der Kleiderkiste, der nicht einmal seine Eltern kennt und nicht weiß, wie sein eigentlicher Name ist – solchen Spott kann ich nicht vertragen. Und von Ihnen hätte ich am allerwenigsten geglaubt, daß Sie mich armen Teufel mit solcher Prahlerei kränken würden. Leben Sie wohl!«

Hannes drehte sich kurz um – das Mädchen hatte ihn während der mit bebender Stimme gesprochenen Worte angstvoll angesehen – und schritt schnell dem Ausgange der Laube zu, aber noch ehe er ihn erreicht hatte, fühlte er sich von weichen Armen umschlungen und wieder nach der Bank zurückgezogen.

Nur schwach widerstrebend folgte er.

»Aber Hannes,« flehte das Mädchen weinerlich und schlang beide Arme um seinen Hals, »wie kannst du gleich so aufgebracht sein? Kannst du wirklich glauben, ich wollte dir absichtlich wehe tun?« Der Matrose antwortete nicht; wie vorhin, stützte er den Kopf auf beide Hände und blickte finster zu Boden.

»Sag' mir doch, was fehlt dir, mein lieber Hannes?« fuhr Hope fort und strich dem jungen Manne über die Stirn. »Was stecken dahinter für böse Gedanken?«

»Laß mich, Hope!« sagte Hannes dumpf. »Schon einmal ist mir zum Bewußtsein gekommen, daß wir keine Kinder mehr sind, das jetzige Gespräch hat es mir wieder in Erinnerung zurückgerufen. Laß mich,« fuhr er heftiger fort, als das Mädchen seinen Arm ihm fester um den Hals legte, »wir wollen unseren Verkehr lieber abbrechen. Nie so deutlich, wie jetzt, fühlte ich, daß wir keine Kinder mehr sind, die zusammen spielen dürfen.«

»Warum nicht?« flüsterte Hope.

»Eben darum, weil wir keine Kinder mehr sind.«

»Aber Freunde dürfen wir doch sein.«

»Auch das nicht, wir können keine Freunde mehr sein, wir passen nicht mehr zusammen. Ich werde den ›Amor‹ verlassen und auf ein anderes Schiff mustern, noch hier in Batavia.«

Des Matrosen Stimme zitterte heftig bei den letzten Worten; sie drohte ihm fast zu versagen.

»Warum sollen wir nicht zusammenpassen?« flüsterte Hope wieder leise.

»Du selbst hast es vorhin angedeutet,« entgegnete Hannes, und seine Worte klangen traurig, »du bist reich, du bist befähigt, jedem Manne die Hand zu reichen, kein Fürst braucht sich deiner zu schämen. Und ich,« seine Rede ward wieder heftiger, »ich besitze nichts weiter, als den Stolz, mich ohne fremde Hilfe durch die Welt schlagen zu können, keinen Menschen um Beistand ansprechen zu müssen. Aber als Spielzeug eines Mädchens zu dienen, dafür halte ich mich zu gut.«

»Hat dir der weggelaufene Gymnasiast noch mehr aus dem ›Waffenschmied‹ vorgesungen?« fragte Hope, ohne die Heftigkeit des Matrosen zu beachten und ohne den Arm von seinem Halse zu lösen.

»Nein.«

Hannes wußte nicht, wie das Mädchen zu dieser plötzlichen Frage kam.

»So will ich dir etwas anderes daraus vorsingen, nur zwei Verse.«

Hope zog den Kopf Hannes' zu sich herab, bis ihre Lippen sein Ohr berührten, und sang leise:

»Gern geb' ich Glanz und Reichtum hin
Für dich, für deine Liebe.«

Kein Wort ward in der Laube hörbar; stumm saßen die beiden jungen Leute nebeneinander auf der Bank, Kopf an Kopf, die Lippen des Mädchens an das Ohr des Matrosen gepreßt und ihre Arme fest um seinen Hals geschlungen.

Die Musik im Saale war verstummt, eine kurze Pause war eingetreten, als aber die ersten Klänge einer neuen Tanzmelodie ertönten, kam mit einem Male Leben in die bewegungslose Gruppe.

Plötzlich sprang Hannes auf, faßte das Mädchen um die Taille, riß es empor, und im nächsten Augenblicke walzten die beiden, Brust an Brust durch den von Papierlaternen erleuchteten Gartengang.

Sie würden gar nicht bemerkt haben, daß sie beim Herausstürzen aus der Laube fast einen Mann zu Boden geworfen hätten, wenn dieser nicht vor Schmerz über den Tritt, den er von Hannes auf seinen Fuß erhielt, aufgeschrieen hätte.

»Seid ihr denn ganz und gar verrückt geworden?« rief er ärgerlich. »Tanzen die hier, wie die Maikäfer, im Freien herum! Hannes, verfluchter Schlingel, ich suche Sie schon eine ganze Stunde, wo haben Sie denn meinen Zylinder hingesteckt?«

»Suchen Sie sich ihn selber!« klang eine helle Mädchenstimme, und das Paar drehte sich unbekümmert weiter.

»Die haben alle beide das Delirium,« brummte Williams und ging wieder dem Hause zu.

Am Ende des Ganges blieben beide Tänzer atemlos stehen.

»Noch einmal?« fragte Hannes.

Und wieder ging es tanzend den Gang zurück, bis die Laube erreicht war und beide abermals auf der Bank nebeneinander saßen.

Kaum hatte Hannes etwas Atem geschöpft, so brach er in eine Reihe von unartikulierten Lauten aus und wollte gar nicht wieder damit aufhören.

»Hannes, Hannes,« lachte Hope und hielt ihm mit der Hand den Mund zu. »Was sprichst du denn für eine Sprache, ist das spanisch oder chinesisch?«

»Beinahe, so machte es immer mein seliger Affe, wenn er sich recht freute.«

»Sei nicht närrisch! Hier, der Knoten ist mir wieder aufgegangen, mach mir den erst zu!«

Langst schon war der Knoten mit den Zähnen zugegangen, aber Hannes brachte seine Lippen nicht von der Hand des Mädchens weg, und als dieses endlich lächelnd sagte:

»Geht denn der Knoten nur so furchtbar schwer zu?«

Da hob Hannes den Kopf, und plötzlich fühlte Hope seine Lippen auf den ihrigen.

»Laß mich,« rief sie, »ich ersticke, du läßt mich ja gar keine Luft mehr holen.«

»Ich muß dir doch den Verband anlegen,« entgegnete Hannes und küßte wieder und wieder die frischen Lippen.

»Nun aber laß mich,« sagte Hope endlich und machte sich frei, »sei einmal ernsthaft! Wir dürfen uns auch nicht gleich sehen lassen, sonst bekomme ich von Ellen die Peitsche.«

»Ach was,« jubelte Hannes, »was schert uns Ellen! Du bleibst jetzt bei mir!«

»So soll ich nicht mehr auf der ›Vesta‹ bleiben?« fragte das Mädchen scherzhaft. Sie hatte es soweit gebracht, daß Hannes artig neben ihr auf der Bank saß.

»Noch auf der ›Vesta‹ bleiben?« wiederholte er erstaunt. »Natürlich nicht. Wir heiraten uns, morgen schon; ich kann allemal so viel arbeiten, daß ich dich ernähren kann.«

»Halt, halt,« lachte Hope, »so schnell geht das nicht. Wo bleibt denn unser Schiff, das wir beide mit Mannschaft besetzen wollen?«

»Ach ja, das ist wahr! Aber jetzt wird es erst recht schön. Wir gehen beide fort. Läßt dich Ellen nicht gehen, so reißt du einfach aus – wir heiraten uns, besorgen das Schiff und fahren dann als Mann und Frau in die Welt hinein. Willst du?«

»Nein,« lachte Hope und legte dem Sprecher, dem die Worte rasch aus dem Munde sprudelten, die Hand auf die Lippen, »so schnell geht das nicht. Du magst sonst erfahrener sein, als ich, aber was das Heiraten anbetrifft, da sind wir Mädchen gescheiter. Komm' jetzt, Hannes, der Tanz ist aus, die Paare gehen jetzt spazieren, und wir wollen nicht gleich allen merken lassen, was zwischen uns vorgefallen ist. Aber Arm in Arm darfst du mit mir promenieren, nur schade, daß du keinen Kragen umhast.«

»Ach, was brauche ich einen Kragen, wenn ich nur dich habe,« meinte Hannes, bot dem Mädchen den Arm, steckte die andere Hand in die Hosentasche und schritt pfeifend zur Laube hinaus.

23.

Der Kampf gegen die Prauen.

»Eine sonnige Gegend,« sagte die Kapitänin der ›Vesta‹ zu einem neben ihr auf der Kommandobrücke stehenden Mädchen, »das blaue Meer so spiegelglatt, als wäre Windstille, obgleich wir eine ganz günstige Brise haben und über uns das lachende Himmelsgestirn – wer könnte glauben, daß einige Stunden genügen, um den frischen Wind in einen furchtbaren Taifun und die glatte See in ein brausendes Ungetüm zu verwandeln?«

»Wir sind im Lande der Gegensätze,« erwiderte das Mädchen, »wie die Natur bald friedlich schlummert, dann wieder entsetzlich wüten kann, wie man es nie in den gemäßigten Breiten beobachtet, so find auch hier die Menschen, Wer sucht wohl in dem faulen Malayen, der stundenlang phlegmatisch auf einem Platze hocken kann, ohne eine Hand zu regen, ja, selbst ohne etwas zu denken, einen Menschen, der durch eine Kleinigkeit, durch ein mißverstandenes Wort plötzlich zur furchtbarsten, wildesten Wut gereizt wird? Ohne die Folgen zu berechnen, mordet er alles, was ihm in den Weg kommt, und ist sein Zorn verraucht, so sinkt er wieder in seine alte Apathie zurück und weiß nicht einmal recht, was er eigentlich alles angerichtet hat. Zwischen Süd und Nord ist ein ebenso großer Unterschied, wie die Entfernung.«

Die Sprecherin blickte träumerisch auf das blaue Meer hinaus; auch sie mußte eine Südländerin sein; das rabenschwarze Haar und der brünette Teint verrieten es, auch das feuchtglänzende Auge, welches von langen seidenweichen Wimpern beschattet wurde. Alles an dieser Gestalt war üppig, ohne unharmonisch zu sein, der Wuchs, die Haare, die vollen Lippen, alles stempelte sie zum Kinde des Südens, und was sie vorhin von der Natur und den Menschen in diesen Gegenden gesagt, das hätte man wohl auch auf sie beziehen können; dieses jetzt so träumerisch blickende Auge war wohl befähigt, in wilder Leidenschaft heiß aufzublitzen, und unter dem vollen Busen schlug, wenn er sich stürmisch hob und senkte, sicher ein Herz, welches entweder in glühendem Haß oder heißer Liebe bebte.

Es war Miß Sarah Morgan, die neue Vestalin, welche in Batavia aufgenommen worden war.

Sie hatte sich auf einer Vergnügungsreise gerade in Batavia befunden, als auch die ›Vesta‹ dort ankerte, und kaum war zu ihren Ohren gekommen, daß eine der Damen das Schiff verlassen wollte, also ein Platz frei sei, so bemühte sie sich mit allem Eifer darum, die freigewordene Stelle einzunehmen.

Sie gab sich für eine Nordamerikanerin aus, allerdings in Mexiko geboren, und nannte einen nördlichen Teil der Vereinigten Staaten ihre Heimat. Niemand kannte sie, mit Ausnahme von Johanna Lind, und zwar hatte sich beim Begegnen mit dieser in den Zügen der Miß Morgan ein unangenehmes Erstaunen abgespiegelt, jedoch so unmerklich, daß es niemand wahrgenommen hatte, als Johanna selbst.

Hatte Miß Morgan übrigens erwartet, Johanna würde ihr bei der Abstimmung zur Aufnahme Schwierigkeiten bereiten, so war sie im Irrtum gewesen. Gerade Johanna war es, welche mit all ihrer Beredsamkeit die übrigen Damen zu bestimmen gewußt hatte, das Mädchen als eine Gefährtin aufzunehmen, denn, sagte sie, sie kenne Miß Morgan von früher her und wisse nur Gutes über sie zu berichten.

Es hatte viele Schwierigkeiten gekostet, die Vestalinnen zur Aufnahme der Miß Morgan zu bewegen. Alle hegten gegen den Charakter des so sonderbar schwärmerisch blickenden Mädchens mit der schmeichelnden Stimme ein gewisses Mißtrauen, es war ihnen allen, als ob diese Person nicht in ihre Gesellschaft, nicht zwischen junge Mädchen passe, der seine weibliche Instinkt verriet in ihr einen unbändigen sinnlichen Charakter, aber, wie gewöhnlich, trug Johannas Beredsamkeit und noch mehr ihr ruhiges, sicheres Auftreten den Sieg davon. – Miß Morgan wurde als Vestalin aufgenommen.

Man konnte noch nicht viel über sie sagen; acht Tage waren sie in Batavia und jetzt einen Tag auf See mit ihr zusammen gewesen, aber die Vestalinnen hatten bisher noch keinen Grund gehabt, mit ihrer neuen Gefährtin unzufrieden zu sein. Sie war immer liebenswürdig und zuvorkommend, tat ihr möglichstes, um sowohl den praktischen Schiffsdienst zu erlernen, als auch Kenntnisse in der Nautik zu erwerben, und kam, wenn die Sonne golden am Horizonte untertauchte und die Stunde herannahte, in der das Gemüt des Menschen am meisten empfänglich gestimmt ist, immer gern der Aufforderung nach, durch den Zauber ihrer wunderbar schönen Altstimme die Herzen der Zuhörer in träumerisches Nachdenken zu wiegen.

Der Argwohn, den man anfangs gegen sie hegte, war bald geschwunden, sie wurde als Freundin behandelt und ihr Tun und Treiben nicht mehr beobachtet. Wie schon gesagt, gab sich Miß Morgan völlig dem Erlernen der neuen Arbeit hin, und keine der Vestalinnen hatte auch nur eine Ahnung, wie scharf sie von ihr beobachtet wurden, am allermeisten Johanna; nur schade, daß ihr diese weit in der Kunst überlegen war und wohl merkte, wie Miß Morgan auf jede ihrer Bewegungen achtete, ohne nur im geringsten selbst zu verraten, daß sie wiederum die neue Vestalin nicht aus den Augen ließ.

»Werden wir noch andere Häfen anlaufen, ehe wir direkten Kurs nach Hongkong nehmen?« fragte Miß Morgan die Kapitänin. »Haben wir günstigen Wind, so werden wir noch Singapur, vielleicht auch Saigun in Cochinchina einen kurzen Besuch abstatten.«

»Und wohin geht dann die Fahrt?«

»Ich weiß noch nicht,« antwortete Ellen zerstreut und richtete das Fernrohr nach Nordosten, wo sie eine Menge kleiner Segel wahrgenommen hatte.

»Wo befinden wir uns jetzt, daß wir hier mit einem Male einer so großen Anzahl von Fahrzeugen begegnen?« fragte Miß Morgan.

Ellen wandte sich erst zurück, so daß sie im Süden die eben auftauchende Mastspitze des ›Amor‹ erkennen konnte, dann antwortete sie:

»Gerade zwischen Biliton und Banka«, zwei Inseln östlich von Sumatra.«

Ellen ward unruhig, sie beachtete die Fragen des Mädchens, welches auf die Kommandobrücke gekommen war, gar nicht mehr, sondern richtete das Fernrohr fortgesetzt auf die schnell näherkommenden Segel.

Die ›Vesta‹ fuhr mit dem Südwind, die sich nähernden Fahrzeuge hatten ihn in der Seite, und es war bestimmt zu erwarten, daß sie noch an dem Vollschiff vorbeisegeln würden.

Ein Ruf Ellens brachte die beiden Mädchen, welche zur Zeit die Dienste der Steuerleute versahen, auf die Kommandobrücke, ebenso wie ihre näheren Freundinnen, auf deren Rat sie hörte. Dann erging an Miß Morgan die Bitte, die Brücke zu verlassen, aber das Mädchen schien keine Lust zu haben, der Aufforderung Folge zu leisten – sie tat, als hätte sie nichts gehört.

»Miß Morgan, ich bitte Sie, die Brücke zu verlassen,« sagte Ellen noch einmal höflich.

»Aber warum denn?« entgegnete das Mädchen lächelnd. »Darf ich nicht dabei sein, wenn zwischen den Vestalinnen eine Beratung abgehalten wird?«

Unter den Mädchen entstand eine allgemeine Verlegenheit; es war das erste Mal, daß ein von der Kapitänin in Form einer Bitte gegebener Befehl nicht sogleich befolgt wurde. Entweder mußte jetzt Ellen nachgeben, und das wäre zu ihrem Nachteil gewesen, oder sie mußte ernstlich befehlen, und ein solcher Befehl unter Freundinnen hätte wie eine Beleidigung geklungen.

Alle auf der Kommandobrücke Stehenden waren bestürzt, sie kannten Ellens energisches Wesen und fürchteten, daß sie jetzt die ihr zuerkannte Autorität zur Geltung bringen würde.

Glücklicherweise hatte aber Miß Morgan sofort aus den Gesichtern erkannt, wie es stand, und so sagte sie lächelnd, ehe noch Ellen die Aufforderung wiederholen konnte:

»Wenn Sie es aber wünschen, gewiß; verzeihen Sie meine neugierige Frage!«

Alle waren froh, als Miß Morgan, immer noch lächelnd, die Treppe hinabstieg, sie hielten ihre Frage nur für eine gewohnheitsmäßige Entgegnung und die Sache für beigelegt – nur Johanna nicht. Diese hatte wohl, so unmerklich es auch geschehen war, das plötzliche, heiße Aufzucken der schwarzen Augen und in dem Lächeln der Abgehenden etwas Erzwungenes bemerkt.

Die Fahrzeuge hatten sich unterdessen bedeutend genähert, und jetzt erst konnte man erkennen, welch eine große Zahl sie ausmachten. Es mochten wohl über hundert sein.

»Ich habe Sie gerufen, um mit Ihnen über jene Fahrzeuge zu sprechen,« begann Ellen, »es sind malayische Prauen, eine ganze Flotte, und ich fürchte, alle sind als Kriegsfahrzeuge ausgerüstet.«

»Glauben Sie, daß sie uns bedrohen können?« fragte Miß Murray.

»Sie nehmen den Kurs auf Sumatra zu,« entgegnete Ellen, »also gehören Sie unbedingt zur Flotte der Atchinesen, denn die Holländer haben keine Malayen im Solde, welche gegen jene den Seekampf aufnehmen. Ich fürchte, wir werden mit ihnen eine unangenehme Begegnung haben.«

»Warum sollten sie aber mit einem friedfertigen

Schiff anbinden? Die ›Vesta‹ macht doch den Eindruck eines Handelsschiffes.«

»Die Malayen treiben immer Seeräuberei, wenn sie können, schon das Schiff an sich hat Wert genug für sie.«

»Können wir nicht an ihnen vorbei?«

»Das ist unmöglich,« erklärte Ellen bestimmt, »wir fahren schon mit allen Segeln, sie sperren uns aber dennoch den Weg. Zurück können wir nicht, nach links oder rechts auch nicht, denn dort liegen große Inseln.«

Den Mädchen bebte doch etwas das Herz, wie sie die große Flotte immer näher kommen sahen und keinen Ausweg wußten, um eine Begegnung mit ihr zu vermeiden.

Es wurde hin- und hergeraten, und schließlich ward man darüber einig, alle Segel einzuziehen und still liegen zu bleiben. Dadurch wurde einmal das Zusammentreffen mit den malayischen Prauen verzögert, und dann war unterdes der ›Amor‹ nähergekommen, wenigstens so weit, daß man ihn durch Signale auffordern konnte, seine Schnelligkeit mit Hilfe der Maschine zu vermehren.

Einige Minuten später waren alle Segel der ›Vesta‹ an den Raaen festgemacht, das Schiff wurde nur noch ganz wenig von dem schwachen Winde vorwärtsgetrieben.

Aller Augen waren auf die ansegelnden Fahrzeuge gerichtet, jetzt mußte es sich entscheiden, mit wem man es zu tun hatte. Behielten sie ihren Kurs, so kamen sie noch weit vor der ›Vesta‹ vorbei, hielten sie auf diese zu, so hatten sie eine böse Absicht.

Eine große Aufregung hatte sich der Mädchen bemächtigt, es war keine Kleinigkeit, wenn sie etwa den Kampf mit all diesen Prauen aufnehmen sollten, die sie durch ihre Anzahl erdrückt hätten, und die aufgeregteste von allen war Ellen.

Ihr Gesicht war dunkelrot geworden, das Fernrohr, mit dem sie das nächste zu erwartende Segelmanöver beobachtete, zitterte heftig in ihrer Hand, plötzlich aber wich die Röte einer Blässe, der noch eben zitternde Arm ward mit einem Male so fest, als wäre er aus Marmor gemeißelt, und als sie ihr Gesicht den Freundinnen zuwandte, blickten diese in ein paar entschlossene Augen.

»Sie haben ihren Kurs geändert und halten auf uns zu. In einer halben Stunde werden wir sie mit Granaten begrüßen können,« sagte sie völlig ruhig, »denn ich bin nicht gewillt, sie so weit herankommen zu lassen, daß wir Zielpunkte für ihre Gewehre abgeben.«

Hell und deutlich erschollen ihre Kommandos von der Brücke, und auf dem Schiffe, wo eben das heitere Lachen der Mädchen erklungen war, herrschte plötzlich eine fieberhafte Tätigkeit.

Das Deck der ›Vesta‹ war zwar nur mit einem kupfernen Geländer umgeben, welches natürlich gegen Kugeln keinen Schutz gewährte, jetzt aber zeigte sich, daß Ellen nicht so leichtsinnig gewesen war, nicht auch für den Fall der Gefahr einen Kugelschutz zu schaffen.

Die Winde hob eine Menge starker Planken aus dem Zwischendeck heraus, welche an der Außenseite noch mit dicken Sandpolstern versehen waren, und die ein sehr gutes Mittel bildeten, das Durchschlagen einer Kugel zu verhindern – denn bekanntlich dringt eine Gewehrkugel weit tiefer in Holz, als in einen Sandhaufen – die geschäftigen Hände der Vestalinnen befestigten die Planken in Vertiefungen an der Bordwand, die sechs Revolverkanonen wurden in Bereitschaft gesetzt, zwei an jeder Seite, je eine vorn und hinten, die schweren Büchsen herbeigeholt und nachgesehen, die Munition an verschiedenen sicheren Orten aufgespeichert, das Steuerrad festgebunden, damit sich alle Mädchen vor den feindlichen Kugeln decken konnten, kurz, alles wurde vorbereitet und nichts unterlassen, um den Prauen, sollten sie eine feindliche Absicht haben, einen warmen Empfang bereiten zu können, ohne sich selbst zu sehr einer Gefahr auszusetzen.

Ellen war überall, sie leitete alles, nichts entging ihrer Aufmerksamkeit an Bord der ›Vesta‹, und dabei ließ sie auch den ›Amor‹ nicht aus den Augen, dessen Masten jetzt schnell aus dem Wasser wuchsen.

Als sie aus der Berechnung fand, daß er in Hörweite war, ließ sie schnell hintereinander einige Schüsse aus den Revolverkanonen abfeuern, und bald merkte das Mädchen zu ihrer unaussprechlichen Freude, wie aus dem Schornstein des ›Amor‹ eine dunkle Wolke emporstieg – er begann zu dampfen, jedenfalls hatten die englischen Herren die Anzahl von Prauen bemerkt, denn die Rauchwolke ward immer stärker, trotz des hellen Tageslichts konnte man die Funken sehen, welche aus dem Schlot geschleudert wurden. Der ›Amor‹ dampfte mit voller Kraft, er mußte jetzt wie ein Pfeil durchs Wasser schießen.

»Vielleicht erreicht er uns noch eher, als die Prauen,« rief Ellen freudig, »dann kann er sich uns zur Seite legen, und wir geben den Malayen gleichzeitig vier Granaten auf einmal zu kosten. Aber hoffentlich werden die Piraten durch den Anblick des Dampfers eingeschüchtert.«

Man brauchte jetzt nicht mehr das Fernrohr zur Hand zu nehmen, um das Treiben der Besatzung auf den Prauen erkennen zu können; schon mit den bloßen Augen sah man, daß die Malayen sich wirklich zu einem Kampfe rüsteten, natürlich nach Art dieser südlichen Völkerschaften.

Alle Prauen waren dicht mit Menschen besetzt, die jedenfalls einen Truppentransport der Atchinesen bildeten, und auf ihnen herrschte ein buntes Durcheinanderlaufen und Gewühle, ein wüstes Schnattern und Schreien, jeder wollte sprechen, alles zeigte nach der ›Vesta‹ und dem ankommenden Dampfer, und Ellen konnte schon deutlich sehen, wie die Männer ihre langen Flinten alten Systems untersuchten, Kugeln in den Lauf stießen, Pulver auf die Pfanne schütteten, und wie andere große, eiserne Haken an der Bordwand bereitlegten.

»Sie wollen die ›Vesta‹ entern,« rief Ellen, »jetzt ist kein Zweifel mehr möglich. Nun, laßt sie kommen, wir werden sie wenigstens abzuhalten wissen, bis der ›Amor‹ bei uns ist. Ihre alten Büchsen brauchen wir nicht sehr zu fürchten.«

Ellen sprach diese Worte weniger aus Ueberzeugung, als um ihre Freundinnen nicht mutlos zu machen, sie selbst sah ein, daß sie sich in einer großen Gefahr befanden.

Die Kapitäne der Prauen hatten sich jedenfalls vorher besprochen. Das ganze Unternehmen mußte von einem einzigen geleitet werden, denn die Prauen manövrierten regelrecht.

Ein Teil von ihnen zog plötzlich die Segel ein und blieb liegen, während die anderen etwas gegen den Wind kreuzten, bis sie sich hinter der ›Vesta‹ befanden, worauf abermals ein Teil liegen blieb und nur der andere weiterfuhr, bis die letzteren Prauen plötzlich alle wendeten – die ›Vesta‹ war umzingelt, aber noch hielten sich die Fahrzeuge außer Schußweite der Gewehre, und Ellen zögerte doch, ihre Revolverkanonen schon jetzt spielen zu lassen, deren Granaten Tod und Verderben zwischen die Malayen gespieen hätten.

Unterdessen war aber auch der ›Amor‹ angekommen und lag dicht an Backbord der ›Vesta‹.

»Wollen Sie uns den Kampf überlassen und sich zurückziehen?« fragte Harrlington nach der ›Vesta‹ hinüber, ohne eine Dame direkt anzusprechen.

»Ich dächte doch, Sie sollten uns nun besser kennen, um solch eine Frage an uns stellen zu können,« entgegnete Ellen.

»Ich bin nur der Pflicht der Höflichkeit gefolgt,« antwortete Harrlington und wandte sich den Herren zu, welche ebenfalls ihr Schiff zu einem Verteidigungskampf ausrüsteten.

»Aber wir können die ›Vesta‹ doch schleppen,« rief Williams, »dann sind wir ihnen bald entschlüpft.«

Wirklich, daran hatte noch niemand gedacht, aber es war schon zu spät, um es auszuführen, denn die ›Vesta‹ mittelst Tauen an den ›Amor‹ zu befestigen, kostete Arbeit, welche die Betreffenden an unbeschützte Stellen des Schiffes brachte, und Menschenleben mußten geschont werden, und es war besser, alle fielen im Kampfe gegen die Piraten als daß sie nach gelungener Flucht den Verlust einiger Freunde zu beklagen gehabt hätten.

Kaum hatte Williams den Vorschlag gemacht, als aus dem Munde Ellens, welche die jetzt von allen Seiten ansegelnden Prauen nicht außer acht gelassen hatte, der laute Ruf erscholl:

»Deckt euch!«

Und es war die höchste Zeit gewesen, daß alle sich hinter der Brüstung gedeckt hatten, denn in demselben Moment knallten zahlreiche Schüsse, aber die Kugeln schlugen in die Planken, in die Masten oder verfehlten sogar ganz das Zielobjekt, Schaden richtete keine an.

»An die Geschütze!« rief Ellen. »Wir wollen ihnen die erste Lektion geben. Halten Sie dicht über die Wasserlinie, sodaß die Prauen durch die Schußlöcher Wasser schöpfen und langsam sinken müssen. Schonen Sie vorläufig die Menschen – Feuer!«

Die nachträglich hergestellte Brustwehr der ›Vesta‹ war so hoch, daß nur die Köpfe der Damen darüber sichtbar wurden, in den Planken befanden sich Schießscharten zum Durchstecken der Gewehre, und nur, wo die Revolverkanonen aufgestellt waren, hatten diese Löcher größere Dimensionen, somit wäre die Position der Vestalinnen eine völlig gesicherte gewesen bis auf diejenigen, welche die Kanonen zu bedienen hatten. Durch die großen Oeffnungen konnte sich leicht eine Kugel verirren und den Mädchen an den Kanonen verderblich werden.

Sobald der ›Amor‹ angelegt hatte, also somit die eine Seite des Schiffes einer Verteidigung nicht bedurfte, wurden auch noch die beiden anderen Geschütze nach Steuerbord geschafft, so daß nun die vier Mündungen die Prauen bedrohten.

»Feuer!« erscholl Ellens Kommando; vier feurige Strahlen fuhren aus den Löchern der Verschanzung, und andere folgten ihnen. Die Schüsse waren nicht vergeblich, jede Granate schlug dicht über der Wasserlinie in eine Prau ein, krepierte und riß ein großes Loch, durch welches das Wasser ins Innere strömte und das Fahrzeug langsam zum Sinken brachte.

Ein hundertstimmiges Wutgeschrei erhob sich, als eine Prau nach der anderen versank, als das Meer bald mit schwimmenden Menschen, Fässern und Brettern bedeckt war, aber das konnte die übrigen Prauen nicht abschrecken, den Kampf fortzusetzen, die Malayen hatten nicht geahnt, daß an Bord dieses einfach aussehenden Schiffes Geschütze vorhanden waren, und als sie bemerkten, welche furchtbare Wirkung die kleinen Granaten hervorbrachten, stieg ihre Wut ins Grenzenlose.

Die schon halbgesunkenen Prauen wurden von den nachfolgenden vorwärtsgedrängt, und nur diesem Umstände hatten sie es zu verdanken, daß sie nicht mehr in den Grund geschossen wurden, denn dadurch boten die versteckten Prauen kein günstiges Zielobjekt.

Ellen wurde bestürzt, als sie sah, wie die feindlichen Schiffe immer näher und näher rückten, als das Geschrei der Malayen immer deutlicher an ihre Ohren schlug. Sie gab den Befehl, zunächst nur darauf bedacht zu sein, die noch nicht ganz versunkenen Prauen in den Grund zu schießen, um dann auf die nachrückenden halten zu können – das geschah doch nicht schnell genug.

Jetzt knallten auch auf dem ›Amor‹ die ersten Schüsse – die Prauen griffen von der anderen Seite an, und ebenso näherten sie sich rasch von hinten, wo sie nur von einer Kanone bedroht wurden.

Ein unbestimmtes Gefühl hielt Ellen zurück, auf die an Bord befindlichen Menschen feuern zu lassen, die Wirkung der krepierenden Granaten mußte eine furchtbare sein. Noch war es ja Zeit; kamen die Prauen so nahe heran, daß eine Enterung zu befürchten war, dann konnte man immer noch zu diesem Mittel greifen.

Die Malayen machten eifrigen Gebrauch von ihren Flinten, sie versuchten hauptsächlich in die größeren Oeffnungen zu schießen, wo sie undeutlich die Gestalten der Mädchen an den Revolvergeschützen, hauptsächlich deren Köpfe, sehen konnten, aber glücklicherweise waren die Flinten sehr schlechte, und die Malayen in ihrer Wut fast blind, so daß sich selten einmal eine Kugel durch die Schießscharte verirrte, ohne Schaden dabei anzurichten.

Ellen ging von Scharte zu Scharte und beobachtete den Erfolg ihrer Geschütze. Vor ihren Augen entwickelte sich eine richtige Seeschlacht. Die Luft wurde erschüttert von dem Geheul der Seeräuber, von dem donnernden Krachen der alten Vorderlader und dem scharfen Knall der Revolverkanonen; Pulverdampf verdunkelte die Atmosphäre; die Meeresoberfläche wimmelte von den Trümmern der zerschossenen Prauen, zwischen denen sich die Malayen, die sich auf diesen befanden, nach anderen Fahrzeugen durcharbeiteten und dort wieder an Bord genommen wurden.

Jetzt begann auch die Revolverkanone am Heck zu spielen, die von hinten mit dem Winde ansegelnden Prauen waren in Schußweite.

Ellen wandte ihre Aufmerksamkeit den Erfolgen des ›Amor‹ zu. Die englischen Herren kannten keine Schonung, ihre Granaten fegten die Decks der feindlichen Schiffe leer; Jammergeheul erscholl, vermischt mit Wutgeschrei; das Meer hatte auf dieser Seite eine rötliche Färbung vom Blute der Verwundeten angenommen, aber dennoch ließen die Malayen nicht nach; immer näher rückten die Prauen; nicht lange mehr, und auch hier fielen die Enterhaken über die Brüstung des ›Amor‹, wilde Gestalten, den Dolch zwischen den Zähnen, schwangen sich an Bord und badeten sich im Blute der Engländer – die Zeit war nicht mehr fern.

Eben stand Ellen an einem Revolvergeschütz und spähte durch die Oeffnung hinaus, als eine Kugel an ihren Ohren vorbeipfiff. Gleichzeitig ertönte neben ihr ein lauter Schrei – das Mädchen am Geschütz, Miß Nikkerson war zu Boden gestürzt – aus dem Kopf strömendes Blut färbte das Deck.

Im nächsten Moment stand Ellen an der Kanone, augenblicklich drehte sie das Rad, Schuß krachte auf Schuß, aber die Granaten brachten keine Prau mehr zum Sinken; ein entsetzliches Wehgeheul erscholl, die zerfetzten Leichen der Malayen jener Prau, auf welcher der Schuß gefallen war, lagen auf dem Deck zerstreut oder stürzten ins Wasser.

»Keine Schonung mehr!« überschrie Ellen den Tumult; noch einen Blick warf sie auf die Freundin, die von einigen Mädchen nach der Kajüte getragen wurde, dann ließ sie ihre Kanone den Tod in die dichtgedrängte Besatzung der Prau tragen, und die übrigen folgten ihrem Beispiel. Wer nicht ein Geschütz zu bedienen hatte, der handhabte die Büchse.

Da stieß die erste Prau an die ›Vesta‹; sie konnte nicht mehr zum Sinken gebracht werden, denn das niedrige Fahrzeug wurde nicht mehr von den Granaten erreicht und auf die Besatzung zu schießen, hätte auch keinen Zweck gehabt, denn die Prauen waren alle so dicht zusammengeschoben, daß die Malayen von Deck zu Deck springen und wie auf einer Brücke nach der›Vesta‹ gehen konnten.

Die Enterhaken schlugen in die Bordwand ein – sie wären gar nicht nötig gewesen – und die Malayen schritten zum Sturm, das Schicksal der Vestalinnen schien besiegelt zu sein.

Die Mädchen hatten sich auf den Ruf Ellens nach der anderen Seite begeben und erwarteten, das Gewehr im Anschlag, die ersten sich über die Bordwand schwingenden Piraten, um sie mit ihren Kugeln begrüßen zu können.

Hastig ordnete Ellen an, daß jedes Mädchen nur eine bestimmte Stelle der Brüstung im Auge behalten sollte, damit keiner die ›Vesta‹ beträte, sie hörte noch, wie sich die englischen Herren zuriefen, welche Gefahr den Mädchen drohe, wie sie sich fertig machten, ihnen beizustehen, denn die Prauen auf ihrer Seite waren nicht so weit vorgedrungen, dann knallte ein Schuß aus ihrem Gewehr, und der erste über die Bordwand erscheinende Kopf sank mit einem Loch in der Stirn wieder zurück.

Auch die anderen Mädchen begannen das Feuern, und sie mußten alle ihre Gewandtheit aufbieten, um die Malayen nicht über die Bordwand kommen zu lassen; heulend vor Wut sahen die Nachrückenden, wie Mann nach Mann mit durchschossenem Kopf zurückfiel, aber sie ließen in ihren Bemühungen nicht nach, die Unzahl von Menschen mußte sich ja schließlich den Zutritt erzwingen, und wenn es auch so lange gedauert hätte, bis sie über die aufgetürmten Leichen, wie über einen Hügel, stürmen konnten.

Schon gelang es ab und zu einem der Malayen, das Deck zu erreichen; er wurde zwar immer sofort von einer Kugel niedergestreckt, aber die Zahl dieser Eindringlinge mehrte sich, und nun waren auch noch auf der anderen Seite die Prauen an den ›Amor‹ gestoßen, so daß die Engländer selbst genug zu tun hatten, sich die Piraten vom Leibe zu halten.

Verzweiflung bemächtigte sich der Herzen aller, sie sahen keine Rettung mehr, nur mechanisch handhabten sie noch die Büchsen – sie gaben sich verloren.

Da plötzlich verstummte das Geschrei der Malayen, wie auf Kommando, mit einem Mal, im nächsten Augenblick aber erhob sich ein Geschnatter auf den Prauen, Angstrufe wurden hörbar, und ehe sich die Mädchen noch erklären konnten, was die Ursache hierzu war, warum die Malayen den Sturm nicht fortsetzten, ertönte plötzlich wie aus einem Munde ein entsetzliches Angstgeschrei, und im nächsten Augenblick sahen die Mädchen, welche nicht über die Brüstung blicken konnten, weil sie auf der anderen Seite standen, die Masten eines mächtigen Vollschiffes blitzschnell und dicht an ihnen vorbeifahren.

»Das Geisterschiff!« rief ein Mädchen, da erhielt schon die ›Vesta‹ einen Ruck, daß alle fast zu Boden geschleudert wurden, und als sie an die Schießscharten sprangen, bemerkten sie, daß die ›Vesta‹ mit großer Schnelligkeit durch das Wasser schoß, hinter sich die Trümmer der Prauen zurücklassend, durch welche das Geisterschiff gefahren war. Was war das? Teilte ihnen das Schiff seine Zauberkraft mit, daß auch sie ohne Segel beliebig fahren konnten?

Doch nein, vor ihnen her glitt das graue Fahrzeug, ohne ein Segel beigesetzt zu haben; aus einer Oeffnung an dem runden Heck lief ein Stahltau, und als Ellen die Back betrat, überzeugte sie sich zu ihrem grenzenlosen Erstaunen, daß die in einer Schlinge endende Stahltrosse sich um einen Voller schlang, daß die ›Vesta‹ von dem rätselhaften Schiff geschleppt wurde.

Wie das Tau plötzlich dorthin kam, auf welche Weise es um den Voller geschlungen war, niemand konnte es erklären. Dieses seltsame Schiff mußte auch über unsichtbare Hände verfügen.

Kaum einige Minuten waren vergangen, so sahen sich die vor Staunen noch ganz starr dastehenden Mädchen schon außer Schußweite der Prauen, aus dem Schlote des ›Amor‹ stieg Rauch auf, er begann zu dampfen und war also in Sicherheit, aber die Piraten machten auch keinen Versuch mehr, das Schiff zu stürmen, die meisten lagen an Deck und verhüllten sich die Gesichter, andere schrieen Allah und seinen Propheten an – niemand dachte mehr an den ›Amor‹, und als der erste Schrecken vor dem gespenstischen Schiff überwunden, da winkten ihnen die Engländer ein Lebewohl zu.

Nur einmal noch ließ sich Lord Hastings Büchse hören.

Einige der Prauen waren vom Winde vorausgetrieben worden, und als der ›Amor‹ an einer derselben vorüberdampfte und der Lord das Deck musterte, da funkelten plötzlich seine Augen auf, er hatte ein bekanntes Gesicht gefunden.

»Sardal,« rief seine mächtige Stimme einem reich gekleideten Malayen zu, der ebenso, wie die übrigen, den beiden Schiffen, sprachlos vor Staunen, nachsah.

Der Angerufene fuhr zusammen, er sah, wie der Lord den Kolben an die Wange legte, es war, als wolle er sich mit einem Sprunge in ein sicheres Versteck stürzen, da aber krachte schon der Schuß, Sardal griff mit der Hand nach dem Herzen und fiel leblos nieder.

Dieser letzte Schuß fand keine Erwiderung, die sonst so verwegenen Malayen hatten den Kopf verloren, mit Menschen wollten sie jeden Kampf aufnehmen, aber nicht mit Geistern; – zähneknirschend gaben die Anführer den Befehl, die Segel westwärts zu richten.

»Es ist nicht anders,« rief Harrlington, »die ›Vesta‹ wird von dem Geisterschiff geschleppt. Wer mag nur dieser unbekannte Helfer sein?«

»Das Geisterschiff fährt allein weiter,« sagte einige Zeit später ein anderer Engländer, »die ›Vesta‹ bleibt jetzt bedeutend zurück! Da, die Damen setzen schon wieder Segel, bald werden wir sie eingeholt haben.«

Ellen stand noch immer auf der Back und betrachtete das Stahltau, welches an Bord ihres Schiffes lag. Es war abgeschnitten worden, nur noch ein kleines Stück davon und die Schlinge war um den Poller geblieben.

Plötzlich warf sie das Tau weg und sprang die Treppe hinunter, welche von der Back auf Deck führte.

»Wo ist Miß Nikkerson?« rief sie, es überkam sie eine schreckliche Angst, sie hatte über dem seltsamen Schiff das Schicksal ihrer Freundin ganz vergessen.

»In ihrer Kabine,« antwortete ein Mädchen. »Seien Sie unbesorgt, Miß Petersen, Sie hat nur einen leichten Streifschuß am Kopf davongetragen.«

Ein Seufzer der Erleichterung stieg aus Ellens tiefstem Inneren zum Himmel empor.

24.

Ein Reporter der ›Times‹

Wie jede größere, außereuropäische Stadt ein Viertel aufzuweisen hat, in dem die dem betreffenden Volke eigentümlichen Wohngebäude durch Villen, nach europäischem Stil gebaut, verdrängt worden sind, so auch Hongkong, der größte Hafen Chinas, in den sich die unersättlichen Engländer fest einzunisten gewußt haben.

Die Villen, Kontors und Geschäftshäuser derselben bilden hier eine ganze Stadt für sich; man glaubt sich beim Durchschreiten der schönen, breiten Straßen wahrlich nicht im Reiche der Mitte, wenn sich nicht auch noch hier die langbezopften Söhne des Himmels zeigten, wenn nicht Mandarinen in Sänften hindurchgetragen würden, und wenn sich nicht der englische Kaufmann im zweirädrigen Karren, der von einem halbnackten, nur mit einem Schurze bekleideten Kuli, einem Eingeborenen, gezogen wird, nach seinem Hause fahren ließe.

Eben jetzt trabte ein solcher Kuli mit breitrandigem Strohhut durch eine der Hauptstraßen, hinter sich einen

Karren ziehend, in dem ein schöner, älterer Herr saß, in der einen Hand einen großen Sonnenschirm haltend und mit der anderen die Bartkoteletten streichend, welche die fleischigen Wangen schmückten.

Der gelbhäutige Kuli hielt vor einem kleinen, hübschen Häuschen, an dessen Tür ein Messingschild mit der Inschrift ›Expedition der Times‹ angebracht war, der Herr stieg aus, gab dem Eingeborenen eine kleine Silbermünze und trat in das im Parterre gelegene Kontor, wo er von zwei bereits arbeitenden Herren mit einem ›guten Morgen‹ begrüßt wurde. Die ›Times‹ sind die verbreitetste Zeitung Englands oder überhaupt der Welt; wo sich die Engländer niedergelassen haben – und wo sind sie nicht vertreten? – da sind auch die ›Times‹ zu finden; fehlen sie, dann fühlt sich der Sohn Albions unglücklich, ohne sie schmeckt ihm morgens sein Tee nicht.

Aber die in London stationierte Redaktion der ›Times‹ sorgt dafür, daß ihr Blatt durch die ganze Welt fliegt, in jeder größeren Stadt hat sie Expeditionen errichtet, welche die Verbreitung besorgen, und nun gar in dem britischen Hongkong, welches von Engländern wimmelt.

Mister Haddon, der jetzt in das Kontor eintretende Herr, war Chef dieser Expedition, er sorgte dafür, daß das Blatt nach Ankunft des Postdampfers sofort an die Abonnenten ausgetragen wurde, und benachrichtigte zugleich die Redaktion in London, wie viele und was für Schiffe in Hongkong einliefen, ob es in China Regen gebe oder die Sonne scheine, wie hoch der Reis im Preise stände, ob der Kaiser von China in den letzten Nächten gut geschlafen, wie viele Tassen Tee seine Frau Gemahlin täglich schlürfe, und so weiter, alles Sachen, über welche Mister Haddon so genau Auskunft geben konnte, als hätte er sie selbst gesehen, obgleich sich sein einziger Weg nur von der Wohnung zum Kontor, von diesem zum Hotel und wieder zur Wohnung erstreckte. Aber die ›Times‹ scheuen keine Kosten, sie müssen alles erfahren, und wenn auch noch die Schlüssellöcher der verschlossenen Türen zugestopft wären; sie erhalten eine ganze Legion von Reportern, welche gleich Spürhunden sich in allen Erdteilen herumtreiben.

»Etwas Neues für mich?« fragte Mister Haddon und trat an das Schreibpult des jungen Mannes, welcher die eingegangenen Briefe erledigte. Der Chef führte die Leitung des Ganzen, er kam nur auf eine Stunde des Tages, um eine eventuelle Anweisung zu geben oder Fragen zu beantworten; den Geschäftsgang selbst überließ er vollkommen diesem Herrn, der schon lange Jahre hier tätig war.

»Für Sie persönlich nichts,« erwiderte der Schreiber, »aber vielleicht interessiert Sie dies.«

Damit reichte er dem Chef einen Brief.

»Schon wieder ein neuer Reporter?« sagte Mister Haddon nach Lesen der ersten Zeilen, und dann: »Ach, als Spezialkorrespondent? Soll sich nur hier vorstellen und Rat holen. – Bitte, ihm mit Rat und Tat behilflich zu sein – hm, der Mann wird sehr empfohlen, scheint eine tüchtige Kraft zu sein, empfangen Sie ihn höflich! Aber was für mich besonders Interessante soll dies enthalten?«

»Haben Sie seinen Namen übersehen?« fragte lächelnd der Schreiber.

»Sein Name? Er ist Absalom Youngpig – in der Tat, ein seltener Name; wie reimt sich Absalom und Ferkel zusammen?«

Youngpig heißt auf deutsch Ferkel.

»Aber wie ist mir denn?« fuhr der Chef nachdenkend fort. »Ist Mister Youngpig nicht jener Mann, der erst vor einem Jahr von den ›Times‹ engagiert worden ist und seit jener Zeit nur dazu verwendet wurde, Luftballonfahrten mitzumachen, dem Ausgang verrückter Wetten beizuwohnen, und so weiter?«

»Es ist derselbe,« lachte der Schreiber, »er war erst bei dem ›New-York-Herald‹ tätig, verließ diesen dann und ging als Reporter zu den ›Times‹, wo er bald eine Art Berühmtheit wurde. Fragen Sie Mister Planter, der kennt ihn persönlich.«

Der andere Schreiber, welcher erst vor einiger Zeit aus London gekommen war, bestätigte es.

»Viele halten ihn für etwas verrückt,« setzte er hinzu, »aber es ist nicht so, er steckt nur voller Schrullen, hat seltsame Angewohnheiten und gefällt sich in allen Extremen. Im übrigen ist er ein gemütlicher, harmloser Mensch. Als Reporter hatte er immer eine ganz eigenartige Beschäftigung. Wollte ein Luftschiffer im Ballon eine noch nie dagewesene Höhe erreichen, so mußte Youngpig mit, schloß sich ein Hungerkünstler sechs Wochen lang ein, Youngpig wachte Tag und Nacht bei ihm und notierte jeden Seufzer, photographierte jede Miene des Dulders, und machte jemand die Wette, von London nach Liverpool zu rennen, so lief Youngpig nebenher, immer den unvermeidlichen Photographenapparat, das Notizbuch und die Uhr in der Hand. Wir nannten ihn gewöhnlich Mister Nevermind, weil er die Angewohnheit hatte, fast hinter jedem Satz never mind zu sagen.«

Never mind, von den Engländern sehr häufig gebraucht, bedeutet ungefähr soviel wie ›schadet nichts‹.

»Wann soll er denn hier eintreffen?« sagte Mister Haddon und nahm wieder den Brief zur Hand. »Am achtzehnten, das wäre ja heute! Ich hätte wirklich Lust, auf ihn zu warten, um diesen sonderbaren Kauz kennenzulernen. Eine Stunde werde ich noch hier bleiben.«

In diesem Augenblicke wurden draußen auf dem Korridor schwere Schritte hörbar, die Tür öffnete sich, und der Erwartete trat herein.

Mister Absalom Youngpig war ein noch sehr junger, bartloser Mann, er mochte erst etwa zwanzig Jahre zählen, eine mittelgroße, schlanke Gestalt mit rotem, gutmütig aussehendem Gesicht, aus dem die blauen Augen freundlich, aber auch zugleich unternehmungslustig hervorblitzten.

Sein Anzug bestand aus einer grauen Joppe, einer grau und braun gewürfelten Hose, welche aber nur bis an die Kniee reichte, sodaß man die von braunen Strümpfen bedeckten, kräftigen Waden sehen konnte – eine von den Engländern bevorzugte Reisekleidung – an den Füßen trug er derbe Schuhe, die sogar mit Nägeln beschlagen waren, und auf dem kurzgeschorenen Haar saß eine bunte, schottische Mütze.

An einem Riemen hingen ihm zur einen Seite ein Holzkästchen, zur anderen eine Ledermappe herab.

»Good morning« rief er schon im Türrahmen und brachte sofort aus einer Innentasche der Joppe eine riesige Taschenuhr zum Vorschein, »fünf Minuten über elf, also doch fünf Minuten Verspätung, never mind. Habe ich die Ehre mit Mister Haddon, Chef ...«

»Bin ich, bitte nehmen Sie Platz!« unterbrach ihn Mister Haddon und rückte ihm einen Stuhl hin, »Freut mich, daß ich Sie persönlich sprechen kann, Sie sind mir warm empfohlen worden. Haben Sie gute Reise gehabt?«

»... der Timesexpedition in Hongkong zu sprechen?« fuhr der junge Mann in seiner ersten Ansprache ruhig fort, als Mister Haddon ausgeredet hatte.

»Haben Sie gute Reise gehabt?« fragte Mister Haddon nochmals, der nicht merkte, wie beide Schreiber zu lächeln begannen.

»Danke, eine ausgezeichnete,« und Absalom Youngpig brachte aus einer Seitentasche ein Notizbuch hervor, welches an Umfang einer Bibel glich, und schlug es auf, »am zweiten vorigen Monats London bei schönem Wetter verlassen, am dritten starken Seegang gehabt, Wind, Süd, Süd-West, dreiviertel Süd, Temperatur durchschnittlich 21 Grad Celsius, hielt einige Tage an, am achten sprang der Wind nach ...«

»Haben Sie vor Ihrer Abreise noch einmal Mister Scott, meinen speziellen Freund, gesprochen?« unterbrach der Chef den Vorlesenden abermals.

»... Norden um, Temperatur sank plötzlich auf 17 Grad herab,« fuhr der Reporter unbeirrt weiter fort und hielt nicht eher inne, als bis er den ganzen Reisebericht vorgelesen hatte.

Die Schreiber kämpften mühsam mit dem Lachen, und soviel hatte der Chef jetzt schon heraus, daß sich Mister Absalom Youngpig wohl ruhig unterbrechen ließ, aber dann stets wieder da fortfuhr, wo er gerade stehen geblieben war.

Als er zu Ende war, klappte er das Notizbuch zu, steckte es ein und beantwortete erst jetzt die an ihn gestellte Frage – Mister Haddon wagte nicht mehr, ihn zu unterbrechen.

»Never mind, ich habe Mister Scott gesprochen, soll Ihnen viele Grüße bestellen, bittet, daß Sie ihm doch privatim schreiben möchten.«

»Ich bin leider sehr in Anspruch genommen,« log Mister Haddon, »meine Zeit erlaubt mir nicht, eine große Korrespondenz zu führen.«

»Never mind.«

»Kann ich erfahren, was Sie nach Hongkong führt? Sollten Sie in irgend etwas Rat gebrauchen, ein besseres Auskunftsbureau als die Expedition der Times gibt es hier nicht.«

»Können Sie mir sagen,« nahm der Reporter das Wort, »wo sich zur Zeit die ›Vesta‹ befindet, und ob sie bei einem Besuche in China auch nach hier kommt? Es wäre eine –«

»Ah,« rief Mister Haddon überrascht, und auch die beiden anderen Schreiber horchten hoch auf, »nun verstehe ich Ihre Mission. Also Sie sollen über diese verwegenen Abenteurerinnen Bericht erstatten; nun, Sie werden eine schwere Nuß zu knacken bekommen, diese amerikanischen Damen halten ihre Handlungen sehr geheim.«

»In Hafenstädten können Sie wohl über sie reportieren,« meinte ein Schreiber, »aber da ist ja nichts Neues mitzuteilen. Am Lande laufen ihnen doch die Reporter auf Schritt und Tritt nach.«

»Das ist es eben,« stimmte ihm der Chef bei. »Ueber ihr eigentliches Matrosenleben an Bord der ›Vesta‹ herrscht noch vollkommenes Dunkel, das muß endlich einmal gelüftet werden. Erwarten Sie die ›Vesta‹ hier, Mister Youngpig?«

»Dummheit, wenn ich warten wollte, bis die ›Vesta‹ zufällig nach Hongkong käme,« setzte der Reporter sein erst angefangenes Gespräch fort, wodurch diesmal ein etwas seltsamer Sinn entstand, weil es als eine Antwort auf die Frage des Chefs hatte gelten können. »Wenn ich hier den Hafenplatz erfahren kann, wo sie ankert, so fahre ich unverzüglich dorthin.«

»Gegenwärtig liegt sie in Singapur, aber wohin sie dann fährt, und wie lange sie in Singapur bleibt, das hat keine unserer Spürnasen herausbekommen. Bleiben Sie lieber hier, Mister Youngpig, es steht zu erwarten, daß die Damen Hongkong besuchen werden.«

»Never mind, ich werde mir die Sache überlegen, habe ja noch Zeit.«

»Wie gedenken Sie sich über die Verhältnisse der ›Vesta‹ zu orientieren?« fragte Mister Haddon lächelnd. »Keines Mannes Fuß darf das Damenschiff betreten. Ich wüßte nicht, wie Sie auf dasselbe kommen wollen.«

»Never mind, werde schon einen Plan finden. Wo ist hier das Hotel d'Europe, Mister Haddon?«

»Das beste ist, Sie engagieren einen Kulikarren und lassen sich dorthin fahren – Sie brauchen nur den Namen des Hotels zu nennen – es ist ein sehr weiter Weg von hier nach dem Platze, wo es liegt, der Weg führt durch das chinesische Viertel, und Sie könnten sich leicht verlaufen. Haben Sie Ihr Gepäck nach dort bringen lassen?«

»Mein Gepäck? Nein, ich führe auf Reisen nie Gepäck bei mir, das macht nur Umstände.«

»So haben Sie Ihre Reisetasche noch an Bord?«

»Reisetasche? Nein, ich habe keine Reisetasche.«

»Aber Sie müssen doch irgend etwas bei sich haben,« sagte der Chef erstaunt. »Sie können doch nicht die weite Reise von London nach Hongkong ohne alles Gepäck zurückgelegt haben?«

»Warum denn nicht?« klang es ruhig zurück.

»Never mind, Kamm und Seife habe ich immer bei mir.«

Förmlich erschrocken blickten alle drei Herren auf den Reporter.

»Sie hätten zum Beispiel keine – keine – Hemden weiter bei sich?« klang es unsicher aus dem Munde Mister Haddons. Dieser Gentleman schämte sich fast, eine solche Unglaublichkeit auszusprechen.

»Gewiß habe ich ein Hemd an, sogar zwei. Ist das eine schmutzig, so wird es gewaschen und über das andere gezogen, das ist never mind; alles, was ich sonst brauche, bekomme ich ja überall zu kaufen.«

Diese Erklärung war ohne jedes Zögern gegeben worden, Mister Youngpig schämte sich dieser Tatsache durchaus nicht.

Jetzt zog er wieder die kartoffelähnliche Uhr aus der Tasche und warf einen Blick darauf.

»Ein halb zwölf Uhr,« sagte er und stand auf. »Good bye, meine Herren, meine Zeit ist abgelaufen. Sollte ich noch über etwas zu fragen haben, so werde ich Sie wieder belästigen müssen. Good bye

»Good bye, Mister Youngpig.«

»Never mind.«

Und der Reporter war schon zur Tür hinaus.

Die drei zurückgebliebenen Herren sahen sich mit förmlich bestürzten Mienen an.

»Das ist ja ein merkwürdiger Kauz, dieser Mister Youngpig,« sagte endlich der Chef lachend, »reist fast um die halbe Erde und hat nur zwei Hemden mit.«

»Als er sagte, daß er Seife und Kamm bei sich führe, wurde er ordentlich stolz,« lachte ein Schreiber.

»Dieser Mister Youngpig macht seinem Namen alle Ehre, das ist ein richtiges Ferkelchen,« schloß der Chef die Betrachtungen über den hinausgegangenen Reporter.

Dieser war unterdessen auf die Straße geeilt und rannte mit großen Schritten davon, nach einem Karren spähend, der ihn nach dem Hotel d'Europe bringen sollte. Als er in seinem heftigen Laufe um eine Ecke bog, rannte er mit einem dicken Chinesen zusammen, welcher ebenfalls um die Ecke ging, und der Stoß, den der himmlische Sohn vor seinen ansehnlichen Bauch empfing, war so heftig, daß er sein gelbes Gesicht in schmerzliche Falten zog und beide Hände auf die getroffene Stelle legte und somit ein sehr lächerliches Bild abgab, woran sich der Reporter ergötzte.

Im Nu hatte er den Kasten von der Seite gerissen, hielt ihn vor den noch immer dastehenden Chinesen, ein Druck auf den Knopf, ein leises Knacken, und das Bild war in seinem Besitz.

»Danke, never mind,« sagte Absalom Youngpig höflich, legte einen Finger an die schottische Mütze und rannte weiter, den Chinesen stehen lassend, der ihm mit angstvollen Blicken nachsah.

Kaum war der Reporter einige Schritte weiter gelaufen, als er einen kräftigen Schlag auf die Schulter bekam, der ihn bald in die Kniee sinken ließ, und wie er sich umblickte, sah er in das Gesicht eines ihm völlig fremden, elegant gekleideten jungen Mannes.

»Na, Kleiner, du kennst mich wohl nicht mehr?« redete ihn dieser freundlich an, »was hat denn mein Ferkelchen in Hongkong zu suchen?«

»Nick,« jubelte jetzt der Reporter auf und fiel ohne alle Umstände dem vor ihm Stehenden um den Hals und küßte ihn auf die Backe, »ist das ein Glück, daß ich dich hier treffe! Ich glaubte, du wärst mit bei den Vestalinnen in Singapur. Wie geht es Johanna?«

»Johanna ist munter wie ein Fisch im Wasser,« entgegnete Nick Sharp, denn dieser war es. »Wird die sich aber freuen, wenn sie ihr Ferkelchen wiedersieht! Komm, jetzt wollen wir erst ein paar Flaschen Wein ausstechen, dieser Tag muß gefeiert werden.«

Der Detektiv, der immer deutsch gesprochen hatte, schob seinen Arm unter den des Reporters und geleitete ihn nach einem Hotel, wo beide bald in einem netten Zimmerchen bei einer Flasche Wein saßen.

»Vor allen Dingen, hast du Nachricht von den Eltern bekommen?« begann Sharp das Gespräch. »Ich habe lange nichts von ihnen gehört.«

»Ja, es geht ihnen gut, Gott sei Dank. Und dir, Nick, wie geht es dir?«

»Ich habe einen guten Verdienst, bin mit ihm zufrieden; aber nun sag', Absalom, was führt dich hierher nach Hongkong?«

»Weißt du schon, daß ich seit einem Jahre nicht mehr bei dem ›New-York-Herald‹ sondern bei der ›Times‹ tätig bin?«

»Nein, ich hatte keine Ahnung.«

»Never mind, es ist so. Jetzt fängt mein Weizen zu blühen an,« sagte Mister Youngpig freudestrahlend, »endlich habe ich einen Auftrag bekommen, bei dem ich einmal etwas Ordentliches verdienen kann. Mit der Zeilenschreiberei ist es vorbei, ich bin von den ›Times‹ mit monatlich zwanzig Pfund Sterling festem Gehalt engagiert und bekomme alle Reisespesen vergütet.«

»Na das freut mich, daß aus dir noch etwas geworden ist,« sagte der Detektiv wirklich erfreut, »ich hatte immer eine höllische Sorge um dich, denn ich glaubte dich ganz aus der Art geschlagen, viel zu schüchtern und ängstlich, um durch die Welt zu kommen. Prosit, Ferkelchen, auf deine Gesundheit!«

»Aber nun zu deinem eigentlichen Auftrage,« begann der Detektiv wieder. »Was hast du hier in Hongkong zu suchen? Ich kann dir vielleicht in vielen Sachen nützlich sein.«

»Mein Auftrag ist der, auf irgend eine Weise mich vollständig über die Einrichtung der ›Vesta‹ und über das Treiben, über die Gesetze, Lebensweise, Schicksale, Kleider, Frisuren, Toiletten der amerikanischen Mädchen zu orientieren, wie sie kochen, waschen, scheuern, ob sie sich gegenseitig vertragen oder zanken, streiten, prügeln; wann sie geboren, getauft, konfirmiert sind, kurz und gut, eben über alles, was die Vestalinnen und die ›Vesta‹ betrifft.«

»Hm,« meinte der Detektiv nachdenkend, »so sehr schlimm ist der Auftrag eigentlich nicht, er erfordert nur Geduld. Wie gedenkst du, ihn auf die beste Weise zu lösen?«

»Ich muß unbedingt an Bord der ›Vesta‹.«

»Das wird nicht gehen, mein Junge,« entgegnete der Detektiv kopfschüttelnd. »Sie passen höllisch auf, daß keine Mannsperson den Fuß auf die ›Vesta‹ setzt.«

»Johanna ist doch als Vestalin darauf, sollte die mich nicht an Bord schmuggeln können?«

»Mit dem Verstecken ist dir nicht gedient. Die Mädchen schmeißen dich einfach über Bord, wenn sie dich finden, und Johanna kann darin gar nichts tun. Du würdest vielleicht als Johanna gehen können, aber deine dicke Nase kann ich nicht dünn machen, du bist überhaupt kein Schauspieler, und außerdem ist Johanna auch nicht von der ›Vesta‹ abkömmlich, sie muß darauf bleiben. Nein, so geht es nicht.«

»Wie wäre es denn, wenn ich mich in den Koffer einer Dame packen ließe, wenn sie hier im Hotel wohnt? Ich würde so an Bord getragen und käme heraus, wenn das Schiff auf hoher See ist?«

»Sie schmeißen dich sofort über Bord, sage ich dir.«

»Never mind, dann schmuggele ich mich wieder auf eine andere Weise darauf, und zwar so lange, bis ich alles habe, was ich wissen will.«

»Energie hast du, Absalom, das muß man dir lassen,« sagte Sharp und klopfte dem Reporter freundlich auf die Schulter. »Na, ich werde vielleicht noch etwas finden, wie du am besten zum Ziele kommst; überlaß das nur mir, ich werde schon für mein Ferkelchen sorgen. Im schlimmsten Falle kannst du dir alles von Johanna erzählen lassen, ich werde sie schon zum Sprechen bringen.«

»Das geht nicht, ich muß alle Räume und Kabinen der ›Vesta‹ photographieren,« unterbrach ihn der Reporter.

»Kann Johanna auch besorgen.«

»Nein, nein,« wehrte der junge Mann aber energisch ab, »ich selbst muß mich von allem persönlich überzeugen. Uebrigens habe ich schon schwerere Sachen als das gemacht, und es wird mir schon gelingen, an Bord der ›Vesta‹ zu kommen, ich hoffte nur, du könntest mir dabei behilflich sein.«

»Kann ich auch! Aber jetzt laß deine Sorgen fahren, du hast ja noch eine Woche Zeit, ehe die ›Vesta‹ nach dieser Gegend kommt, und bis dahin wird mir schon etwas einfallen.«

»Wo ist die ›Vesta‹ jetzt?«

Der Reporter bekam dasselbe zu hören, wie in der Expedition der ›Times‹, aber Nick Sharp war noch besser unterrichtet, als jene Herren.

»Von Singapur fahren die Mädchen nach einem Hafen von Cochinchina, wahrscheinlich nach Saigun, und von dort nicht nach Hongkong, wie erst beschlossen war, sondern nach Scha-tou, einem etwas westlicher gelegenen großen Hafen, den du mit der Bahn in einigen Stunden erreichen kannst. Hongkong ist den Mädchen schon zu sehr zivilisiert, Scha-tou dagegen trägt noch einen völlig ursprünglichen, chinesischen Charakter und das ist es, was sie sehen wollen.«

Der Detektiv klingelte dem Kellner und füllte aus der neu herbeigebrachten Flasche die Gläser wieder.

»Nick,« begann der Reporter nach einer Weile, während welcher er mit dem danebengeflossenen Weine Ringe auf den Tisch gemalt hatte, und seine Stimme klang sehr verlegen, »ich möchte dir etwas mitteilen, ich möchte – never mind

»Sprich dich nur ruhig aus, mein Junge,« sagte der Detektiv und klopfte den jungen Mann väterlich auf die Wangen. »Brauchst du Geld? Hast du Schulden gemacht? Ich weiß, du hast früher nicht viel gehabt und etwas lustig gelebt. Sage es mir nur offen!«

»Heiraten möchte ich,« platzte der Reporter jetzt heraus, »ja, heiraten! Never mind

Da aber zog der Detektiv die Stirn in krause Falten, betrachtete den vor ihm Sitzenden mit mißbilligendem Kopfschütteln und sagte dann, spöttisch lächelnd:

»Heiraten? Nein, mein Junge, das erlaube ich dir nicht. Du bist ja kaum trocken geworden hinter den Ohren. Absalom, Absalom! Kaum bekommst du etwas Geld zwischen die Finger, und gleich denkst du an solchen Unsinn. Wir passen beide nicht zum Heiraten, ich sowenig, wie du. Hast du etwa eine Frau gefunden, die gewillt ist, mit dir sich in einen Koffer oder in ein Faß packen und als Frachtgut verschicken zu lassen? Hast du eine solche, gut, dann gebe ich dir meinen Segen, sonst nicht.«

»Never mind, Nick,« entgegnete der junge Mann lachend, »ich will doch nicht immer ein solches Leben wie jetzt führen. Das soll das letzte, derartige Unternehmen sein, es bringt mir etwas Hübsches ein, und dann gebe ich die Reporterlaufbahn auf, ich etabliere mich selbst.«

»Willst du eine Zeitung gründen?«

»Nein, ich werde ein statistisches Bureau einrichten, wo jede Nachfrage über irgendwelche Zahlenverhältnisse beantwortet werden kann. Um den Ruf des Bureaus zu befestigen, werde ich erst ein Buch erscheinen lassen, gegen welches alle bisher herausgegebenen Statistiken wahre Kindereien sind.«

Der Reporter hatte sich in Eifer geredet, und kopfschüttelnd hörte ihm Sharp zu.

»Ich kann noch nicht begreifen, wie sich ein solches Bureau rentieren kann. Statistiker existieren jetzt doch massenhaft, wieviele Menschen, wieviele Christen, Mohammedaner, Juden und Teufelsanbeter es auf der Welt gibt, wieviele Ochsen jährlich geschlachtet werden, und wieviele Hühner nach einem Jahre in der Welt herumlaufen würden, wenn keine Eier mehr gegessen würden, ist schon festgestellt. Das ist nichts, Absalom, die Branche ist ausgeleiert.«

»Durchaus nicht,« rief der Reporter erregt und sprang von seinem Stuhle auf. »Die Sache muß nur einmal ganz anders angefangen werden, wie es noch nie gewesen ist. In meinem Buche berechne ich ganz genau, wie hoch die einen Meter im Durchmesser habende Säule wäre, wenn alle in England innerhalb eines Jahres gegessenen Butterbrote übereinander gesetzt würden, ich berechne, wie dick das Buch sein würde, wenn man alle Bücher der Welt in eins binden läßt, wie lang ungefähr der Faden ist, wenn man alle menschlichen Kopfhaare zusammenknüpfte, wie lange die Schnecke braucht, um den Weg von der Erde nach der Sonne zurückzulegen, wie lange ein normaler Mann braucht, um alles auf der Erde zur Zeit existierende Rindfleisch aufzuessen. Was sagst du zu dieser Idee?«

»Sehr normal wird dieser Mann wohl nicht sein,« lachte der Detektiv, »aber wirklich, einen findigen Kopf hast du. Wird sich ein Bureau, wo solche Sachen ausgerechnet werden, aber auch rentieren?«

»Natürlich, du kennst doch die Engländer! Ist mein Auskunftsbureau erst einmal bekannt, dann werde ich Anfragen in Hülle und Fülle bekommen. Zwei Engländer streiten zum Beispiel darüber, wieviel Bier täglich in England konsumiert wird, ihre Meinungen sind verschieden, sie schreiben an mein Bureau, ich erkundige mich, wer der besser Zahlende von beiden ist, teile diesem mit, ich würde die Berechnung sofort beginnen, schicke ihm die Rechnung, mit dem Bemerken, aller Wahrscheinlichkeit nach würde seine angegebene Zahl die richtigere sein, das heißt, er würde die Wette gewinnen, und habe ich das Geld erhalten, so gebe ich ihm das verbrauchte Quantum an, auf ein paar tausend Hektoliter mehr oder weniger kommt es dabei nicht an, der Durst richtet sich eben nach der Temperatur.«

»Junge, laß dich umarmen,« rief der Detektiv, »du hast ja fast einen findigeren Kopf als ich. Wahrhaftig, der Gedanke ist nicht so übel! Und du willst ein ganzes Kontor einrichten?«

»Natürlich, nur immer alles recht großartig. Ich miete mir in einer der feinsten Straßen Londons ein großes Lokal, stelle zehn Schreibpulte auf und hinter jedes einen Mann, dann sagen die Vorübergehenden: Donnerwetter, hat der aber eine Masse Nachfragen zu beantworten, da müssen wir doch einmal hingehen und fragen, wieviele Frauen alle türkischen Sultane bis jetzt zusammen gehabt haben. Ich empfange die Herren mit einer tiefen Verbeugung, und sage: Innerhalb eines Tages können Sie die Antwort bekommen, meine Herren, ich werde sofort an meinen Reporter in Konstantinopel telegraphieren, daß er in den Chroniken nachschlägt. Bitte, hier ist die Rechnung. Ich fertige ein Telegramm aus, gebe es einem meiner Kommis, und dieser eilt sofort nicht nach der Post, aber nach der nächsten Restauration und bestellt dort mein Frühstück. Unterdessen mache ich eine kleine Berechnung, das ist kinderleicht und gebe am anderen Tage die Zahl an.«

»Aber wirst du gleich anfangs so viel verdienen, daß du sofort zehn Leute beschäftigen und bezahlen kannst?«

»Unsinn, ich mache überhaupt alles allein, die Kommis sind nur zur Reklame da. Nebenbei lege ich mir nämlich auch noch eine Zigarrettenfabrik an, und zwar auf folgende Weise: Die Stehpulte sind alle mit dicken Büchern und Stößen von Schreibpapier bepackt, so daß man von der Straße nur die Köpfe meiner Leute sehen kann, und natürlich glauben alle, besonders da sie ab und zu ein Buch hernehmen und aufschlagen müssen, sie schreiben und rechnen, in Wirklichkeit aber drehen sie hinter den Aktenstößen Zigarretten. Kommt jemand herein, so klappen sie einen Deckel herum, auf welchem Papier angeklebt ist, und beginnen mit der Feder zu kratzen, murmeln Logarithmen, seufzen, stöhnen, rufen einander die ungeheuerlichsten Zahlen zu, einer kommt auf mich zu und spricht: Entschuldigen Sie, wieviele Maikäfer sind voriges Jahr in England gefangen worden? Ich sinne einen Augenblick nach, lege die Hand an die Stirn und antworte: Achtundsiebzig Millionen, viermalhunderttausend, sechshundertzweiundsechzig, und ist der Besuch hinaus, dann werden die Deckel wieder aufgeschlagen und weiter Zigarretten gewickelt.«

Jetzt lachte der Detektiv aus vollem Halse.

»Du bist ein Prachtkerl,« rief er aus, »ich hätte gar nicht geglaubt, daß das kleine Ferkel, welches sich früher nie waschen lassen wollte, noch so ein Mann werden würde. Prosit denn, auf gutes Gelingen deiner Pläne!«

»Und wie ist es mit der Heirat, hast du noch etwas dagegen?« fragte der Reporter vorsichtig.

»In Gottes Namen denn, ich gebe dir meinen Segen, meinetwegen kannst du eine Chinesin heiraten. Aber erst mußt du natürlich deinen jetzigen Auftrag ausführen.«

»Gewiß, das werde ich tun, und hoffentlich wird es nicht lange dauern.«

»Es ist keine Kleinigkeit, an Bord der ›Vesta‹ zu kommen.«

»Never mind.«

25.

Die Hexenprobe.

Tief im Innern der Halbinsel Malakka leben Völkerstämme, welche weder zu den Indiern, noch zu den Malayen gerechnet werden können, so zum Beispiel die Indrargarris, deren Gesichtsbildung die der Eingeborenen Indiens ist. Sie sind Heiden und haben ihre eigenen Götter, und eben daraus schließt man, daß sich in ihnen das Blut der Ureinwohner Malakkas am reinsten erhalten hat, und daß sich durch den Verkehr mit den Malayen nur ihre Sprache verändert hat.

Sie stehen auf einer sehr niedrigen Stufe. Ihre Kleidung besteht bei den Männern, wie bei den Frauen nur aus einem Schurz. Ihre Waffen sind Bogen und Pfeile, Lanze und Wurfspeer, und mit diesen verschaffen sie sich ihre Nahrung; sie erlegen die Tiere, welche der dichte Urwald beherbergt, und begnügen sich mit den Früchten, an denen Malakka das reichste Land der Welt ist.

Gleich primitiv sind ihre Wohnungen; einfache Hütten, aus Bambusrohr zusammengesetzt, in denen die ganze Familie auf Fellen erbeuteter Tiere schläft, wohlgeschützt gegen Wind und Tau, nicht aber gegen die Wassergüsse, welche zur Regenzeit vom Himmel herabstürzen und die ganze Gegend in Morast und Sumpf verwandeln, sodaß nur die hochgelegenen Stellen, auf denen die Hüttendörfer stehen, bewohnbar sind.

Die Ureinwohner Malakkas sind nicht immer ohne jede Kultur gewesen. Wie die alten Bauwerke, Waffen, Goldarbeiten und so weiter, welche man besonders in Südamerika noch heute findet, beweisen, daß Amerika einst von Völkern bewohnt wurde, denen die jetzigen faulen, unwissenden Indianer nicht im entferntesten mehr ähneln, wie in alten Denkmälern vorgefundene Pergamentrollen zeigen, daß unter jenen Völkern vor vielen Tausenden von Jahren die Wissenschaften geblüht haben und Kenntnisse verbreitet waren, mit denen sich unsere Gelehrten noch gar nicht so lange beschäftigen, so zum Beispiel die Berechnung des Laufes der Gestirne, ihre Entfernung von der Erde, ebenso verhielt es sich auch mit den Urbewohnern Malakkas.

Ueber die breiten Ströme führen mächtige Brücken, man wundert sich, wie diese großen Steine übereinander gesetzt worden sind, durch menschliche Kraft allein ist es gar nicht möglich gewesen. Die Steine sind nur lose zusammengepaßt, ohne Anwendung von Kalk, und doch ist der Bau so solid, daß er auch jetzt noch nicht sein harmonisch schönes Aussehen verloren hat. Niemand weiß, wie alt diese Brücken sind, am allerwenigsten der jetzige Eingeborene von Malakka, der diese Bauten als etwas Selbstverständliches betrachtet, als etwas ihm von Gott Geschenktes, ebensowenig, wie er sich wundert, mitten im Urwald auf die Ruinen von großen Gebäuden zu stoßen, deren Wände durch die Kraft der treibenden Schlingpflanzen zerstört worden sind. – – –

An einer hochgelegenen Stelle waren die Bäume ausgerottet worden, die Indrargarris mochten mit ihren Messern Jahre dazu gebraucht haben – die auf hohen Pfählen stehenden Bambushütten, zu denen Leitern hinaufführten, standen im Halbkreis auf der Lichtung, und im Zentrum derselben saßen die alten Frauen des Dorfes um eine Bahre herum, schlugen sich mit Fäusten vor die nackte Brust und stießen ein entsetzliches Wehegeheul aus, hoben dann die Arme gen Himmel, riefen einen Gott an und schlugen sich abermals an die Brust, ritzten sich mit Messern die Arme, daß das Blut hervorsprang, und heulten dazu.

Aber der gerufene Gott mußte faul oder zornig über seine Kinder sein, er kam nicht, um den auf der Bahre liegenden jungen Krieger zum Leben zu erwecken.

Mit steifen Gliedern lag er da, die gläsernen Augen starr, die Fäuste geballt und den Mund halb geöffnet.

Scheu betrachteten die umstehenden Männer des Dorfes das Gebaren der Weiber, die Kinder lugten ängstlich aus den Löchern, welche in den Hütten die Türen vertreten; alle erwarteten, daß der Tote plötzlich aufstehen und die Glieder dehnen würde, aber es geschah nichts desgleichen. Aus dem heiteren Himmel fuhr kein Blitzstrahl, um den kalten Leichnam wieder zu erwärmen.

Noch nie war in diesem Dorfe etwas Aehnliches passiert.

Heute morgen hatten die Männer gesehen, wie der junge Indrargarri die Leiter seiner Hütte herabgestiegen war, mit Bogen und Pfeilköcher ausgerüstet, als wolle er zur Jagd gehen, wie er über die Lichtung schritt, plötzlich stehen blieb, sich auf den hohen Bogen stemmte und dann zu Boden fiel, lautlos, ohne einen Schrei auszustoßen.

Man fand ihn in derselben Lage, die er jetzt auf der Bahre einnahm, kalt, starr – als Leichnam.

Der junge Indrargarri mußte die Götter schwer beleidigt haben, sicher hatte er einmal vergessen, ihnen die fetten Eingeweide des erlegten Wildschweines als Geschenk anzubieten, daß sie ihn so plötzlich aus dem Leben abriefen, ihn von der Seite seiner jungen Frau rissen, oder aber, er war von irgend jemand des Stammes durch Zauberei getötet worden.

Stunde auf Stunde verging; die Sonne hatte schon ihren höchsten Stand am Horizont erreicht, und noch immer hörten die alten Weiber nicht auf, den Gott um Erbarmen anzuflehen.

Da trat aus der Reihe der Männer eine hohe Gestalt hervor, an den kunstvoll geschnitzten Waffen und an den Perlenschnüren und Kupfergeschmeide, welches sich ihm um Hals und um Stirn schlang, als Häuptling erkenntlich, und gab den Weibern ein Zeichen, ihre Bemühungen einzustellen.

An ihre Stelle traten jetzt die Männer, um den Worten des Häuptlings zu lauschen.

»Krieger der Indrargarri,« redete er sie an, »ein Gott ist zornig auf uns; noch sind keine zwei Tage verstrichen, seit ein Tiger zwei Männer aus unserer Mitte holte, ihre Weiber jammern, sie haben niemanden mehr, der ihnen Fleisch bringt und die Kinder lehrt, wie sie den Bogen zu spannen und den Speer nach dem flüchtigen Hirsch zu schleudern haben.

»Und wieder hat uns ein Mann verlassen, der beste Jäger dieses Dorfes. Er ist nicht im Kampfe gefallen, der Tiger hat ihn nicht zerrissen, der Kaiman hat ihn nicht zermalmt, und auch die bösen Geister haben ihn nicht mit Krankheit gequält; und dennoch ist er tot. Was hat er verbrochen? Warum ist er plötzlich getötet worden, und warum weint sein Weib in der Hütte, daß es den Ernährer verloren hat?«

Alles schwieg, niemand konnte die Frage beantworten, da aber scholl eine Stimme aus der hintersten Reihe:

»Es ist Zauberei!«

Die Augen richteten sich nach dem Sprecher, und unaufgefordert trat der junge Indrargarri hervor und stellte sich vor den Häuptling.

»Du, Pelanbang?« fragte dieser. »Wenn der Tote, sein Leben durch Zauberei verloren hat, auf wen willst du die Schuld werfen?«

»Buwenna ist es gewesen,« sagte der Mann mit tiefer Stimme und blickte dem Häuptling fest ins Auge.

Ein Murmeln des Erstaunens ging durch die Reihe der Umstehenden, und des Häuptlings Stirn runzelte sich finster.

»Buwenna, sein eigenes Weib?« fragte er. »Bedenke, was du sprichst!«

»Ist nicht ihre Mutter auch eine Zauberin gewesen? Wurde sie nicht von den Kaimans gefressen?«

»Wohl ist das wahr, aber deshalb kann ihre Tochter unschuldig sein. Wodurch willst du beweisen, daß auch Buwenna eine Zauberin ist und mit bösen Geistern verkehrt?«

»Ich kehrte erst diese Nacht von der Jagd zurück,« begann der Kläger zu erzählen, »tagelang war ich in den Wäldern umhergestreift, ohne mehr erlegen zu können, als ich eben zu meiner Nahrung bedurfte, da lockte mich gestern abend das Geschrei eines Fasans nach einer Waldblöße hin, sie liegt nicht weit von hier, und als ich die vom Mond hell beschienene Fläche betrat, um nach dem im Schlafe aufgeschreckten Vogel zu spähen und ihn zu schießen, sah ich plötzlich etwas, was mich veranlaßte, mich auf den Boden zu werfen und zu verstecken.

»Mitten auf der Lichtung kauerte eine Gestalt und wühlte im Boden, ich wußte erst nicht, was sie tat, dann aber merkte ich, daß sie mit einem Messer die Erde aufgrub und Wurzeln auszog, die sie in einen Binsenkorb warf. Als sie aufstand, erkannte ich im hellen Mondenschein an dem Kopfschmuck, daß sie zu den Indrargarris gehörte, daß es ein Weib war – Buwenna.

»Dann stand sie auf und ging suchend hin und her, bückte sich wieder und grub abermals Wurzeln aus, ebenso, wie es einst ihre Mutter, die Zauberin, getan hat, die dafür von den Kaimans gefressen wurde. Wer zweifelt nun noch daran, daß Buwenna ebenfalls eine Zauberin ist? Wie ist es anders möglich, daß heute morgen ihr Mann plötzlich tot umfiel, ohne vorher eine Krankheit gehabt zu haben? Buwenna hat Umgang mit bösen Geistern gehabt, aus den Wurzeln braute sie sich den Trank, daß sie mit ihnen verkehren konnte, und dann hat sie verlangt, ihren Mann zu töten.«

Triumphierend blickte sich der junge Krieger um, überall begegnete er angstvollen, aber gläubigen Mienen.

»Aber warum soll Buwenna den Tod ihres Mannes gewollt haben?« suchte der Häuptling die Partei der Angeschuldigten zu ergreifen.

»Wer mit bösen Geistern umgeht, der verfällt ihnen. Sie flüstern ihm unheilvolle Dinge zu, und, ob er will oder nicht, der ihnen Dienende muß sie ausführen.«

»So ruft Buwenna, sie mag sich verantworten!« befahl der Häuptling, und bald stand das junge Weib des so früh Dahingeschiedenen vor ihnen.

Die junge Frau, an deren Wangen noch die Tränen hingen, warf einen verzweifelten Blick auf den Toten und stellte sich dann mit gesenkten Augen vor den Häuptling. Sie wußte noch nicht, daß sie der Zauberei beschuldigt worden war, daß sie selbst den Tod ihres Mannes herbeigeführt haben sollte, aber das barsche Benehmen der Männer, welche sie gerufen, hatte sie ängstlich gemacht.

»Buwenna,« begann der Häuptling in ernstem Ton, »du bist angeklagt worden, mit bösen Geistern zu verkehren.«

Das Weib fuhr auf.

»Wer wagte das?« rief sie erregt aus.

»Pelanbang.«

Die Augen des Indrargarri senkten sich verlegen zu Boden, mit solch entsetztem Ausdruck begegneten ihnen die des Weibes.

»Du?« hauchte sie. »War es nicht genug, daß dein Vater meine Mutter eine Zauberin genannt hatte?«

»Und ist sie es nicht gewesen?« fragte Pelanbang, der sich wieder gesammelt hatte, trotzig.

»O, ich weiß wohl, warum du mich hassest,« rief das Weib bitter, »wenn dieser noch lebte, würdest du nicht gewagt haben, so etwas zu sagen.«

»Sprich, Buwenna,« unterbrach der Häuptling das Zwiegespräch der beiden, »hast du Umgang mit bösen Geistern?«

»Nein,« sagte sie fest, »ebensowenig wie meine Mutter, wenn Ihr es auch nicht geglaubt habt.«

»Hast du in voriger Nacht im Walde Kräuter und Pflanzen gesucht?« forschte der Häuptling weiter.

»Ich tat es.«

»Sagte ich es nicht?« frohlockte Pelanbang. »Ist sie eine Zauberin oder nicht?«

Der Häuptling machte eine Bewegung, daß er schweigen solle.

»Wozu grubst du die Wurzeln aus?«

»Um für Sigadung einen Trank aus ihnen zu kochen.«

Jetzt brachen die Umstehenden in Rufe der Entrüstung aus, also war sie doch eine Zauberin, schuld an dem Tode ihres Mannes – sie hatte sich selbst das Todesurteil gesprochen.

»So hast du also den bösen Geistern befohlen, deinen Mann zu töten? Warum tatest du das?«

Dem Häuptling wurde es selbst angst vor dem Weibe, das mit bösen Mächten in Verbindung zu stehen schien. Es mußte schleunigst aus ihrer Mitte entfernt werden, des Feuertodes sterben.

»Ich Sigadung getötet?« rief die Frau verzweiflungsvoll aus. »Was sollte mich dazu getrieben haben?«

»Die Geister haben es dir befohlen!«

»Ich bin keine Zauberin, aber ich will Euch sagen, wozu ich die Wurzeln in der Nacht gesammelt habe. Gestern abend wurde Sigadung plötzlich krank, es wurde ihm heiß in dem Kopf, als hätte er Fieber bekommen, aber dieses war es nicht; es flimmerte ihm vor den Augen, und er war so schwach, daß er sich nicht vom Lager erheben konnte. Ich wartete, bis er eingeschlafen war, und ging dann in den Wald, um Kräuter und Wurzeln zu suchen, aus denen ich einen Trank kochen kann, der gegen jede Krankheit gut ist –«

»Wie deine Mutter!« rief der Häuptling unwillig dazwischen. »Deshalb mußte sie als Zauberin sterben.«

»Meine Mutter war keine Zauberin,« rief die Frau hastig aus, »sie hatte nur dort, wo das salzige Wasser ist, von einem alten Malayen gelernt, wie man aus einigen Pflanzen den Saft gewinnen und damit Krankheiten heilen kann. Von ihr habe ich es gelernt.«

»Sie war eine Zauberin,« beharrte der Richter, »sonst wäre der Häuptling nicht gestorben.«

»Aber mein Trank gestern abend hat geholfen. Als Sigadung ihn getrunken hatte, war er gesund und fühlte sich heute morgen so kräftig, daß er auf die Jagd gehen wollte.«

»Woran ist er denn gestorben?«

»Ich weiß es nicht,« entgegnete sie niedergeschlagen, »nicht an dem Tranke.«

»Die bösen Geister haben ihn geholt; verzaubert hast du ihn,« fuhr Pelanbang sie an, »in das Feuer mit der Zauberin.«

Angstvoll irrten die Augen Buwennas von Gesicht zu Gesicht, überall erblickte sie nur grimmige Mienen. Aufschreiend warf sie sich dem Häuptling zu Füßen.

»Erbarmen,« flehte sie, »ich bin keine Zauberin! Warum sollte ich Sigadung, meinen Mann, den ich liebte, der mich ernährte, getötet haben?«

Sie wollte die Kniee des Häuptlings umfassen, aber er wich scheu der Berührung mit der Zauberin aus.

»Was der böse Geist dir befiehlt, das mußt du tun,« sagte er finster.

»Habt Mitleid mit mir!« flehte sie weiter. »Ist es denn nicht genug, daß ich Sigadung verloren habe? Habt Ihr nicht gesehen, welcher Schmerz mich durchwühlte, als ich vor seiner Leiche stand. Ich bin keine Zauberin, ich bin unschuldig!«

Unter den zuhörenden Indrargarris war eine Bewegung entstanden; einige waren durch die mit verzweifelter Stimme ausgestoßenen Beteuerungen der Frau gerührt worden und wollten, wenn sie auch nicht gerade Partei für sie nahmen, doch nicht zugeben, daß sie ohne weiteres auf dem Scheiterhaufen sterben sollte. Daß sie ihren Mann, ohne den sie nun von den Unterstützungen anderer, gegen Arbeitsleistungen, leben mußte, selbst getötet haben sollte, kam doch verschiedenen etwas seltsam vor.

Aber man konnte ja leicht sehen, ob sie eine Zauberin war oder nicht.

Ein alter Mann trat an den Häuptling heran und sagte:

»Laßt sie die Probe machen; sie hat noch nie getäuscht. Ist sie schuldig, so wird sie sterben, wie einst ihre Mutter; ist sie unschuldig, so wird den Kaimans der Rachen geschlossen werden.«

Auch der Häuptling fühlte etwas wie Mitleid mit dem jungen Weibe, das noch immer vor ihm auf den Knieen lag und die Augen angstvoll auf ihn gerichtet hielt. Als dem alten Manne von vielen Seiten beigestimmt wurde, gab er dem Verlangen nach; Pelanbang war der einzige, welcher die Probe direkt verweigerte, aber seiner Stimme wurde kein Gehör geschenkt.

»Nach der Brücke,« rief der Häuptling, »dort wollen wir uns von ihrer Schuld überzeugen.«

Die Menge drängte sich durch den Urwald, zwischen sich Buwenna führend, aber doch in genügender Entfernung, um nicht mit der Zauberin in Berührung zu kommen und sich selbst unglücklich zu machen. Die arme Frau ging mit schwankenden Knieen vorwärts, sie kannte ihr Schicksal; nur ein Wunder konnte sie vor dem sicheren Tode retten, aber das Wunder konnte doch zur Möglichkeit werden.

Nicht weit vom Dorfe wälzte ein breiter Fluß sein schlammiges Wasser träge dem Westen zu. Gerade da, wo die Indrargarris aus dem Walde traten, wurde er von einem hohen Steinbogen überspannt, dem Reste einer von den Ureinwohnern zusammengesetzten Brücke.

Der Bogen ruhte auf zwei Säulen, die mitten im Wasser standen, aber er konnte nicht mehr als Brücke dienen, denn die Zugänge waren zerstört, die Steine zerstreut worden, und die Eingeborenen gaben sich nicht die Mühe, sie wieder zusammenzusetzen und somit einen bequemen Uebergang über den Fluß zu haben. Lieber ruderten sie auf ihren schmalen Nachen hinüber.

Jetzt standen die Männer am Ufer des Flusses, und das Weib starrte mit angstvollen Augen in die Fluten, aus denen eine Unzahl von scheußlichen Köpfen hervorsahen.

Die Flüsse Indiens sind alle sehr fischreich; aber auch die Kaimans sind in großer Anzahl in ihnen zu finden, und besonders die Flüsse der Halbinsel Malakka wimmeln förmlich von ihnen. Da, wo die Säulen im Wasser standen, war eine Sandbank angeschwemmt worden, und auf dieser lagen die riesigen Ungeheuer und wärmten sich in den Strahlen der Sonne, andere wieder trieben mit geschlossenen Augen im Wasser selbst herum.

Bei Annäherung der Menschen kam Leben in die trägen Tiere, sie zogen sich zwar nicht zurück, als hätten sie Furcht, im Gegenteil, als wüßten sie, daß ihrer ein Mittagsmahl wartete. Die auf der Sandbank liegenden Tiere verließen diese und legten sich ins Wasser, schnappten mit den furchtbaren Rachen und starrten die Menge mit den glitzernden Augen an, und nur die dem Ufer zunächst liegenden Kaimans schwammen nach der Mitte zu, drehten sich um und lauerten auf ihre Opfer.

An dieser Stelle mußte Buwenna zweimal durch den Fluß schwimmen, hin und wieder zurück; war sie keine Zauberin, dann würden die Götter den Kaimans die Rachen zuhalten, war sie aber schuldig, dann würde sie von ihnen aufgezehrt. Diese armen Menschen waren fest davon überzeugt, daß diese Art von Gottesgericht niemals täuschte.

Die Augen aller Indrargarris richteten sich auf die junge Frau, die verzweifelnd am Ufer des Flusses stand und entsetzt die riesigen Ungeheuer betrachtete. Kaum konnte sie sich noch aufrecht halten, die Kniee versagten ihr fast den Dienst.

Aber es half nichts, der Tod drohte ihr doch, entweder auf dem Scheiterhaufen oder hier, aber hier war doch wenigstens die Möglichkeit vorhanden, ihm zu entgehen. Außerdem fühlte das junge Weib sich selbst unschuldig. Also vorwärts!

Mutig schritt sie ins Wasser; schon reichte es ihr bis an die Hüften, da entstand eine Bewegung unter den Kaimans. Sie schlugen rasselnd mit den beschuppten Schwänzen aneinander; wieder klappten sie mit den Rachen und schwammen, die Augen starr auf ihr Opfer gerichtet, langsam auf dieses zu.

Da verließ die junge Frau die Fassung, sie konnte diesen Anblick nicht ertragen.

Laut aufschreiend flüchtete sie zurück und warf sich dem Häuptling zu Füßen.

»Ich kann nicht,« wimmerte sie, »und wenn ich auch noch so unschuldig bin, sie fressen mich doch.«

Weiter kam sie nicht, schon war sie von einigen gepackt und wieder dem Wasser zugeschleppt worden, und als sie dennoch nicht schwimmen wollte, sondern immer wieder dem sicheren Ufer zustrebte, da stießen die Männer, allen voran Pelanbang, die Unglückliche mit langen Bambusstangen unbarmherzig in das tiefere Wasser, bis sie den Boden unter den Füßen verlor. – – – –

Auf eben demselben Gewässer, dessen unheimliche Bewohner jetzt vor gefräßiger Gier zitterten, fuhren vier Boote unter kräftigen Ruderschlägen stromaufwärts.

Zwei der Boote waren mit in Jagdkostümen gekleideten Herren, die anderen beiden mit Mädchen besetzt – der Besatzung unserer beiden Schiffe. Nur die eine Hälfte ruderte, die andere tauschten Bemerkungen über den wundervollen, tropischen Urwald aus, wie sie ihn in solcher Fülle noch nie gesehen hatten, und ließen sich dann von den mitgenommenen Malayen, welche alle professionelle Führer waren und daher englisch sprachen, die aus dem Walde hallenden Tierstimmen deuten.

In den Booten lagen noch Waffen und Teile von Zelten, welche bei einer eventuellen Jagdpartie von den Malayen getragen werden sollten, so daß man bequem im Walde kampieren konnte. Das Klima an der Küste, besonders an der Westküste von Malakka ist zwar sehr schädlich, dagegen ist das Innere der Insel frei von Fiebermiasmen, man kann straflos die Nächte im Freien verbringen.

Die Reisenden hatten von einer großen Brücke erzählen hören, welche über diesen Fluß führe und noch von den Ureinwohnern herstammen sollte, und um diese sich anzusehen, bewegten sie schon seit der frühesten Morgenstunde taktmäßig die Ruder.

Die Lords hatten den Vorschlag gemacht, sich hinrudern zu lassen, aber die Vestalinnen waren damit nicht einverstanden gewesen, und so hatten sich schließlich auch die englischen Herren dazu bequemen müssen, im Schweiße ihres Angesichts den Wasserweg zurückzulegen.

Mächtige Bäume beschatteten den Fluß, auf dem Wasser war es doch etwas kühler, und so war die Fahrt gerade keine unangenehme, wenn auch mancher Schweißtropfen über die braune Stirn perlte.

»Wie weit ist es noch bis zur Brücke?« fragte Ellen den Malayen, der den anderen Führern befahl.

Der bis jetzt phlegmatisch dahockende Malaye hatte seit einiger Zeit scharf nach den Seiten und nach vorn gespäht, als suche er nach einem Merkmal, und daraus schloß Ellen, daß sie nicht mehr weit von dem Ziele entfernt seien.

»In einer Viertelstunde müssen wir sie erreichen, Herrin,« antwortete der Mann. »Biegen wir dort um die Ecke, so liegt sie dicht vor uns.«

Er deutete nach vorn, wo der Fluß mit einem Male aufzuhören schien, weil er eine scharfe Krümmung machte.

»Werden wir in der Nähe der Brücke übernachten?« wurde Ellen von Miß Nikkerson gefragt, welche einen Verband um den Kopf trug. Der Streifschuß hatte nur eine leichte Verletzung erzeugt, in den letzten Tagen hatte sie etwas Wundfieber gehabt, aber sich jetzt schon so weit erholt, daß sie den Ausflug mitmachen konnte, ohne von ihren Freundinnen daran gehindert zu werden.

»Ist dort ein günstiger Platz, ja, wenn nicht, müssen wir uns einen anderen suchen,« war die Antwort. »Am liebsten wäre es mir, könnten wir in der Nähe eines Dorfes von Eingeborenen lagern, damit wir mit deren Sitten bekannt würden.«

»Nicht weit von der Brücke, an der rechten Seite des Flusses, liegt ein solches,« bemerkte der Führer, »es gehört einem Stamme, welcher zu den Indrargarris zählt.«

»Sind diese friedliebend?«

»Sie sind es. Ich kenne ihren Häuptling gut; sie werden Euch freundlich aufnehmen und Euch, wenn Ihr gewillt seid, morgen oder auch heute noch zu einer Jagd verhelfen.«

»Diese Eingeborenen hier leben doch nur von den Erträgnissen der Jagd,« meinte Ellen zweifelnd. »Sehen Sie es denn auch gern, wenn wir mit unseren sicheren Büchsen ihnen das Wild wegschießen?«

Der Malaye lächelte schlau.

»Ihr schießt das Wild nicht weg, Ihr schießt es für sie, denn das Fleisch gehört doch ihnen, Ihr könnt es nicht aufessen. Die Indrargarris haben keine Feuerwaffen. Mit ihren Pfeilen können sie nur notdürftig ihr Leben fristen. Die größeren Raubtiere, wie die Tiger, deren Fell zu besitzen ihr Stolz ist, sind für sie unerreichbar, und selbst der Hirsch muß erst mit ihren Pfeilen gespickt werden, ehe er verendet. Sie werden sich freuen, wenn ihr ihnen Fleisch verschafft, daß sie sich einmal den Magen bis zum Platzen füllen können.«

»Also Egoismus kennen diese Wilden auch!« lachte Miß Thomson. »Nun das Vergnügen sollen sie einmal haben. Wenn sie sich den Magen verderben, ist es nicht unsere Schuld.«

Jetzt bog das erste Boot, in dem sich Ellen befand, um die vorhin bezeichnete Ecke, und wirklich bot sich ganz in der Nähe der steinerne Brückenbogen den Blicken der Damen dar.

»Was ist denn das?« rief das Mädchen. »Warum haben sich dort am Ufer die Eingeborenen versammelt?«

»Sie werden fischen,« entgegnete der Malaye und richtete seine Aufmerksamkeit der Menge zu, sprang dann aber plötzlich auf, legte die Hände über die Augen und spähte scharf hinüber.

»Nein,« rief er, »sie fischen nicht.«

Er wechselte mit den Malayen in den anderen Booten einige Worte in seiner Sprache und wandte sich wieder zu Ellen:

»Ihr werdet gleich ein seltenes Schauspiel zu sehen bekommen. Jemand von den Eingeborenen muß die Probe ablegen, ob er eines Vergehens schuldig ist.«

»Wieso?«

»Er muß durch den Fluß schwimmen. Wird er dabei von den Kaimans gefressen, so ist er schuldig und stirbt den verdienten Tod, ist er aber unschuldig, so tun ihm die Bestien nichts.«

Alle, welche diese Worte gehört hatten, brachen in Ruft der Entrüstung aus; schaudernd betrachteten sie die Köpfe der Kaimans, welche überall an dem Flußrande auftauchten.

»In die Riemen gelegt,« rief Ellen, »vielleicht kommen wir noch nicht zu spät, um solch eine barbarische Justiz verhindern zu können.«

Auch die Insassen der anderen Boote waren von den Malayen über die Handlung aufgeklärt worden, welche die Eingeborenen vornahmen, und alle bewegten die Riemen kräftig, um womöglich hinzugelangen, bevor die Kaimans ihr Opfer verschlungen hatten.

»Seht Euch vor,« warnte der erste Führer, »die Indrargarris sind friedliebend, aber sie wollen von Fremden nicht in der Ausübung ihrer Sitten gestört sein.«

Sein Ausspruch blieb unbeachtet, schnell schossen die Boote durchs Wasser.

»Entsetzlich!« rief Ellen und sprang auf. »Sie versuchen, ein Mädchen mit Bambusstangen ins Wasser zu stoßen, es wehrt sich, aber es nützt nichts, immer weiter wird es in die Mitte gedrängt – ich kann schon die Kaimans sehen –«

Einige Schüsse unterbrachen die kurz hervorgestoßenen Worte Ellens, denen die Ruderer, welcher der Szene den Rücken wandten, gelauscht hatten – das Mädchen selbst hatte eine Büchse in die Luft abgefeuert, um die Aufmerksamkeit der Eingeborenen, welche die Boote noch gar nicht gesehen hatten, auf sich zu lenken.

Erschrocken drehten die Indrargarris die Köpfe nach der Richtung, wo die Schüsse gefallen waren, und mit Freude sah Ellen, wie das Mädchen die Ueberraschung der Männer dazu benutzte, das Ufer wiederzugewinnen, woran nur einer es hindern wollte, den es aber mit aller Kraft der Verzweiflung von sich stieß.

Eine Minute später lagen die Boote an der Brücke, und die Ruderer sprangen ans Ufer.

Schnell hatten sich die Malayen erkundigt, um was es sich handle, und als die Herren und Damen davon erfuhren, entstand eine allgemeine Entrüstung.

»Wir nehmen die Frau unter unseren Schutz,« rief Ellen, »sag' das dem Häuptling! Es darf ihr kein Haar mehr gekrümmt werden.«

»Mischt Euch nicht in die Angelegenheiten dieser Leute!« meinte der Malaye finster, »Ihr habt kein Recht dazu.«

»So nehmen wir es uns, geh' hin und sage es ihnen! So lange wir hier sind, ist das Leben der Frau gesichert und wird uns nicht gehorcht, geben sie ihr Vorhaben nicht auf, dann –« und Ellen schlug mit der Hand auf den Lauf der Büchse, auf die sie sich stützte.

Die Eingeborenen dachten vorläufig nicht mehr daran, die Zauberin ins Wasser zu stoßen, selbst Pelanbang unterließ es. Mehr ängstlich, als zornig, betrachteten sie die 54 Weißen, welche an sie den Befehl ergehen ließen, in ihrem Tun einzuhalten. Umsonst trugen sie wahrscheinlich die großen Büchsen und Revolver nicht bei sich.

Die Indrargarris hatten schon oft Gelegenheit gehabt, die furchtbare Wirkung der Feuerwaffen, wenn auch noch nicht an sich selbst, kennen zu lernen.

Buwenna hatte gehört, daß die ankommenden Fremdlinge für sie eintreten, sie beschützen wollten, ein Hoffnungsstrahl leuchtete in ihrem Herzen auf, sie blickte um sich, ob sie jemand hindern würde, wenn sie sich mit einigen Sprüngen zu der Gesellschaft flüchten würde, in deren Mitte sie sich sicher wußte.

Alle umstanden den dolmetschenden Malayen, nur Pelanbang nicht, der eine Ahnung von dem haben mochte, was in der Seele der von ihm Angeschuldigten vorging, die er haßte, weil sie ihn verschmäht und einen anderen, seinen Feind, zum Manne genommen hatte, und der sie deshalb unausgesetzt beobachtete und auf dem Sprunge stand, einen Fluchtversuch zu vereiteln.

Nur diesem mußte Buwenna zu entkommen suchen, dann war sie gerettet.

Plötzlich duckte sie sich zusammen und floh mit großen Sprüngen der etwa zwanzig Meter entfernten Gesellschaft zu, aber so schnell sie auch rannte, Pelanbang war schneller als sie – auf der Hälfte des Weges hatte er sie erreicht, umfaßte sie von hinten, und im nächsten Moment blitzte ein Messer in seiner Hand, um es der Verhaßten in den Rücken zu stoßen.

Da aber geschah etwas, was niemand erwartet hatte und was der ganzen Szene eine furchtbare Wendung gab.

Wie schon früher mitgeteilt wurde, nahm Jamyhla, die Dahomeh, bei den Vestalinnen nicht die Stelle einer befreiten Sklavin ein, sondern wurde von ihnen wie eine befreite Gefährtin betrachtet und schloß sich öfters bei Ausflügen den Mädchen an. Sie war still und zurückhaltend, aber schon hatte sie den Vestalinnen große Dienste geleistet, und alle liebten diese Genossin, welche stets bereit war, ihr Leben für das ihrer Retterinnen aufs Spiel zu setzen.

Die Mädchen stießen einen Ruf des Entsetzens aus, als sie den unvermeidlichen Tod des Weibes vor Augen sahen, die Männer rissen die Büchsen hoch, aber es wäre doch zu spät gewesen, den zum Stoß erhobenen Arm des Eingeborenen unschädlich zu machen, wenn nicht in demselben Augenblicke, da Pelanbang der Flüchtigen nachsetzte, Jamyhla gleich einem vom Bogen geschnellten Pfeil vorgestürzt wäre und die beiden eben erreicht hätte, als Pelanbang den Arm senkte.

Die Finger, welche sich um sein Handgelenk und um seinen Hals legten, ließen die Knochen knacken; gegen dieses muskulöse Weib, welches von Jugend auf zum Kampf erzogen war, war der schmächtige Indrargarri wie ein Kind, stöhnend schloß er die Augen, ließ das Messer fallen und wäre, schon jetzt fast erdrosselt, zu Boden gesunken, wenn ihn Jamyhla nicht gehalten hätte.

Die Kampfeswut, welche schon lange in der Dahomeh geschlummert, war plötzlich wieder erwacht, sie konnte sich nicht damit begnügen, das junge Weib befreit zu haben, sie fühlte, wie ihre Muskeln schwollen, wie ihre wilde Kraft ungebändigt wieder hervorbrach, und plötzlich hob sie den gepackten Eingeborenen wie ein Spielzeug empor und schleuderte ihn mit mächtigem Schwunge mitten in den Fluß, daß das Wasser aufspritzte.

In demselben entstand ein Rasseln und Plätschern, ein Knacken und Schnappen; ein entsetzlicher Weheschrei gellte noch einmal durch die Luft, dann schwammen die Kaimans durch das von Blut gerötete Wasser und verschlangen auf der Sandbank die erbeuteten Stücke des zerrissenen Körpers.

»Das war ein Gottesurteil,« sagte Ellen leise, als sich die Aufregung, die sich beim Anschauen dieser Szene aller bemächtigt, gelegt hatte. »Dieser Mann ist es gewesen, der das Weib der Zauberei beschuldigt und sie zur Beute der Kaimans bestimmt hatte.«

Die Indrargarris selbst waren vor Schrecken stumm, eine furchtbare Angst hatte sich ihrer bemächtigt, auch sie glaubten jetzt, daß Buwenna, welche sich schon in der Mitte der Mädchen befand, unschuldig war. Wenn es nicht so gewesen, dann wären die Fremdlinge nicht gekommen und hätten das Gericht nicht gestört – sie waren von den Göttern geschickt worden.

Ellen ließ sich von dem Dolmetscher ausführlich erzählen, warum Buwenna der Zauberei angeschuldigt wurden war, und sie fühlte eher Mitleid, als Zorn mit diesen unwissenden Eingeborenen.

»Es wird ein Schlaganfall gewesen sein, der den Indrargarri so plötzlich getötet hat,« meinte sie.

»Wir wollen fragen, ob wir das Dorf besichtigen können,« meinte einer der Herren, »dann bekommen wir vielleicht auch den Toten zu sehen, und uns ist es doch leichter möglich, als den Eingeborenen, zu beurteilen, ob der Mann eines natürlichen Todes gestorben ist oder ob sein Weib ihn vergiftet hat.«

»Was brauchen wir da erst zu fragen?« entgegnete Ellen, und auch die übrigen stimmten ihr bei. »Wir wenden uns direkt dem Dorfe zu. Die Wilden scheinen einen ungeheuren Respekt vor uns bekommen zu haben.«

Sie ließen die Boote unter Aufsicht einiger Malayen zurück und machten sich auf den Weg nach dem Dorfe, wobei sie von den Eingeborenen begleitet wurden. Die Herren suchten sich freundlich mit diesen zu beschäftigen, und wirklich gelang es ihnen auch, besonders durch einige Hände voll Tabak, deren Furcht und Zurückhaltung nach und nach zu beseitigen.

Als sie nach einem kleinen Marsche das Dorf erreicht hatten, zeigten die Indrargarris keine Spur von Mißtrauen mehr gegen die weißen Männer und Frauen.

Die alten Weiber, welche die Bahre umstanden, auf der noch immer der Tote in seiner alten Stellung lag, flüchteten schreiend die Leitern hinauf, als sich der große Zug ins Dorf hineinbewegte; sie glaubten nicht anders, als daß die bewaffneten Fremdlinge in der bösen Absicht kämen, ihnen das Wenige, was sie besaßen, auch noch zu nehmen.

Alle scharten sich um den Toten und ließen sich noch einmal von dem Malayen verdolmetschen, auf welch seltsame Weise er plötzlich dahingeschieden war.

»Er ist ohne allen Zweifel an einem Schlagfluß gestorben,« meinte Ellen, »den Leuten hier ist das wahrscheinlich etwas Neues, und so glauben sie nun gleich an Hexerei.«

»Aber der Trank kann ihn auch vergiftet haben,« warf ein anderer zweifelnd ein.

Als Buwenna erfuhr, daß selbst ihre Retter nicht frei von Zweifel waren, ihr Trank hätte ihrem Manne das Leben genommen, brach sie in Tränen aus und versicherte wieder und wieder, daß der Saft der von ihr gesammelten Wurzeln ganz schadlos sei, vielmehr gegen jede Krankheit helfe.

Der einzige, welcher mit seiner Meinung völlig zurückhielt, war John Davids. Ernst, wie immer, stand er dicht vor der Bahre und betrachtete unausgesetzt den Toten, legte die Hand auf dessen Brust, bewegte die steifen Glieder, fand aber nichts, was ihm etwas anderes als den eingetretenen Tod anzeigte.

»Hast du noch solche Wurzeln?« fragte er das Mädchen.

Buwenna bejahte und wurde aufgefordert, sie zu holen, ebenso den übriggebliebenen Trank.

»Die Wurzeln enthalten kein Gift,« erklärte Davids nach Besichtigung derselben, »ich kenne sie. Der Saft ist allerdings eine Art von Medizin, er übt auf die Nerven eine erfrischende Wirkung aus, zu reichlich genossen regt er sie aber so auf, daß dann eine große Erschlaffung eintritt.«

»Sind Sie Arzt?« fragte eine der Damen lächelnd.

Davids beachtete die Frage nicht, sondern ließ sich von Buwenna noch einmal ganz genau erzählen, wie sich ihr Mann gestern abend verhalten hatte, wieviele Wurzeln sie ausgekocht und wieviel er von dem Safte getrunken habe, wie er sich heute morgen befunden und so weiter.

Dann untersuchte er nochmals den Toten, legte das Ohr auf dessen Brust, suchte den Mund zu schließen, was ihm nicht gelang, brachte dann ein Brennglas zum Vorschein und konzentrierte damit die Sonnenstrahlen auf die Fußsohle, bis die Haut versengte, ohne daß etwas Auffälliges geschah.

»Glauben Sie denn nicht, daß er tot ist?« fragte Ellen, die ebenso, wie alle anderen, über das sonderbare Benehmen Davids erstaunt war.

Dieser zuckte mit den Achseln.

»Er scheint allerdings tot zu sein,« sagte er ausweichend, »doch wir werden uns gleich davon überzeugen.«

Er zog ein Besteck hervor, in dem sich Scheren und Messer befanden, und nahm eins davon.

»Was wollen Sie machen?« fragte Harrlington.

»Sehen, ob er wirklich tot ist, ob sich das Blut zersetzt hat,« entgegnete Davids und fuhr mit dem haarscharfen Messerchen über das Handgelenk des Toten.

Sofort quoll ein dicker, dunkelroter, fast schwarz aussehender Blutstrom hervor.

»Er ist nicht tot,« rief Davids, »er lebt.«

Sofort ließ er die Bahre aus der Sonne in den Schatten tragen, und da die Eingeborenen, denen es immer unheimlicher wurde, nicht dazu zu bewegen waren, Hand an den Toten zu legen, so bat Davids einzelne der Engländer, ihm Hilfe zu leisten.

Der Indrargarri wurde mit Wasser begossen, geknetet, gerieben und seine Glieder hin- und herbewegt, ohne daß Davids den Versuch machte, das noch immer fließende Blut zu stillen. Dieses wurde nach und nach immer heller, es begann immer schneller zu fließen, und im gleichen Verhältnis ließen sich auch alle Glieder leichter bewegen, ja, es schien sogar manchmal, als mache der Tote einige Bewegungen.

»Der Herzschlag kehrt wieder,« sagte Davids, hob den Kopf, den er fast immer auf der Brust des Mannes liegen gehabt hatte, und machte mit Hilfe einiger Taschentücher einen Verband, legte diesen an den Oberarm des Eingeborenen an, zog sie fest, und das Blut, welches schon eine ganz natürliche Farbe angenommen hatte, hörte auf zu fließen.

Jetzt war kein Zweifel mehr, der Tote wurde wieder lebendig. Er schloß den Mund von selbst, ebenso die Augen, machte die Fäuste auf, und schon konnte man ein leises Heben und Senken des Brustkastens wahrnehmen.

Davids ordnete noch an, daß man mit dem Kneten fortfahren sollte und sagte dann:

»Hätten die alten Weiber, statt sich selbst zu zerfleischen, den Mann mit den Messern geritzt, so wäre er bald wieder aus dem Scheintode erwacht.«

26.

Der Amokläufer.

Das Dorf der Indrargarris hatte sich vergrößert, noch acht Leinewandzelte erhoben sich auf der Lichtung, in die sich unsere Gesellschaft zum Schlafen für die Nacht verteilt hatte.

Die Sonne neigte sich noch nicht zum Untergange, aber schon waren die Herren und Mädchen von einem Jagdausflug zurückgekehrt, den sie unter Führung und in Begleitung der Eingeborenen unternommen hatten. Letztere hatten noch mehr Ehrfurcht vor den weißen Fremdlingen bekommen, deren energisches Eintreten für Buwenna, welche ihr Glück im Innern der Hütte verbarg, das Wiedererwecken des toten Kriegers schon hatte ihnen gesagt, wie mächtig diese Fremdlinge sein mußten, und nun gar auf der Jagd hatte sich die Bewunderung für sie bis ins Grenzenlose gesteigert.

Die Umgebung des Dorfes war reichlich mit Wild gesegnet, aber es war doch nicht so leicht, den schnellen Hirsch mitten im Laufe mit dem Pfeile zu treffen, daß er nicht erst weiterfloh, der Kampf mit dem Spieße um das Wildschein blieb immer sehr gefährlich, und den größeren Raubtieren gingen die Eingeborenen stets lieber aus dem Wege; diese Fremden dagegen schienen den Tod in den Rohren ihrer Büchsen zu führen. Was ihnen vor die Augen kam, das fiel, von der sicheren Kugel getroffen, der Hirsch sowohl, wie der Tiger.

Die Tiere waren abgehäutet, die Weißen hatten die besten Stücke Fleisch und die Felle für sich behalten, und alles übrige den Eingeborenen überlassen, welche die saftigen Hirschkeulen an mächtigen Feuern brieten, und auch die Gäste bereiteten sich aus dem erlegten Wilde ihre Abend- und Hauptmahlzeit, nicht viel anders, als die Indrargarris, nur daß sie das Fleisch nicht aus Gier noch halb roh verschlangen.

»Es ist ganz idyllisch, so im Freien am Boden zu sitzen, das Fleisch am Spieße zu braten, anstatt von Porzellantellern von Baumrinden zu speisen, und als Eßgerät das Jagdmesser und die Hand zu gebrauchen,« meinte Charles zu seiner Nachbarin, »es erinnert mich an die Picknicks, welche Lord Hastings und ich immer in Richmond arrangierten, nur daß es dabei an Bier nicht fehlte. Es ist jammerschade, daß wir dieses mitzunehmen unterlassen haben. Das Flußwasser hier schmeckt mir nicht.«

»Nicht?« fragte Hendricks erstaunt. »Mir schmeckt es sehr gut, es hat einen so lieblichen Beigeschmack nach Kaimans und Fröschen.«

»Kräftig ist es jedenfalls,« versicherte Charles, »vorhin bekam ich beim Trinken etwas zwischen die Zähne, und was war das? Eine eben aus dem Ei gekrochene Schildkröte.«

»Seien Sie still,« lachte Miß Thomson, »Sie verderben mir den ganzen Appetit. Es schmeckt mir schon nicht mehr, wenn ich dort die gefräßigen Indrargarris ansehe, wie sie in das halbrohe Fleisch beißen, daß ihnen das Blut an der Seite herunterläuft. Brrr!«

»Ländlich, sittlich,« entgegnete Chaushilm, »meine Leibspeise sind zum Beispiel Austern und Schnecken, und wir schlucken diese Tiere doch auch noch lebend hinunter.«

»Und der Käse ist verfaulter Quark,« stimmte Lord Hastings bei, der an einem großen Knochen herumarbeitete.

»Kennen Sie die Geschichte von den Austern, denen es nirgends gefiel?« fragte Charles Miß Thomson.

»Ich will sie gar nicht hören,« lachte diese, »ihre Geschichten sind immer ganz gräßlicher Art. Aber sagen Sie, was macht denn Lord Harrlington für ein verstimmtes Gesicht?«

Derselbe saß an einem anderen Feuer, an dem sich auch Miß Petersen und Miß Morgan niedergelassen hatten, und zog eine sehr ernste Miene. Er schien seine ganze Aufmerksamkeit auf den vor ihm stehenden Rindenteller mit Fleischstücken zu konzentrieren.

»Lord Harrlington geniert sich,« meinte Charles. »Er ist ein Gentleman durch und durch und vergeht fast vor Scham, in Damengesellschaft mit den Fingern essen zu müssen. Ich bin da anders, ich liebe überhaupt die mohammedanischen Sitten sehr.«

»Lassen Sie die Späße! Mir ist es wirklich aufgefallen, daß Lord Harrlington sich seit einiger Zeit geändert hat. Er war zwar immer ernster, als Sie, Sir Williams, konnte aber doch auch heiter sein. Jetzt dagegen ist er so still und zurückhaltend, als hätte er etwas auf dem Herzen. Ich fühle wirklich Mitleid mit ihm.«

»Der glückliche Harrlington!« seufzte Charles. »Ich werde niemals bedauert, und auch dann nicht, wenn ich statt dieses Hirschrückens am Spieße gedreht würde.«

Die Mahlzeit wurde sobald als möglich aufgehoben; die Herren und Damen standen auf, gingen auf der Lichtung spazieren und besichtigten die Hütten und elenden Gerätschaften der Eingeborenen, die noch lange an den Feuern sitzen blieben und sich der Völlerei hingaben. Die Malayen hatten sich ebenfalls versammelt, hockten am Boden nieder und begannen ein Spiel mit kleinen Steinchen, welches unter ihnen sehr beliebt ist.

Die als Führer mitgenommenen Malayen waren Eingeborene von der Westküste, zu dem Stamme der Orang-Maluja gehörend.

Die Orang-Maluja, was auf deutsch etwa soviel als Herumschwärmer bedeutet, und als welche früher einmal alle Malayen, jetzt aber nur noch ein Stamm auf Malakka bezeichnet wird, sind die heißblütigsten Malayen.

Nur wer selbst Gelegenheit gehabt hat, mit solchen zusammenzukommen, hat einen Begriff davon, welcher Wildheit, welcher Wut diese Menschen fähig sind. Schon die kleinste Beleidigung, ein mißverstandenes Wort, veranlaßt sie, zum Dolche zu greifen, und sie geben nicht eher nach, als bis sie die Waffe dem Beleidiger ins Herz gestoßen haben oder selbst getötet worden sind.

Und die Orang-Maluja übertreffen alle ihre Stammesgefährten an Jähzorn.

Mehrere der Herren und Damen hatten sich um die Gruppe der Spieler geschart, von denen je zwei sich gegenüber saßen und ihr gewöhnliches Spiel abwechselnd trieben.

Es ist dasselbe, welches auch bei uns die Kinder spielen: Der eine nimmt einen Stein, legt die Hände auf den Rücken, bringt in eine derselben den Stein, zieht die Hände wieder vor und fragt nun: Rechts oder links?

Ratet der andere die Hand, in welcher der Stein ist, so hat er gewonnen, im anderen Falle verloren.

Zwei der Spieler erregten die besondere Aufmerksamkeit der Zuschauer, es waren der Anführer und ein großer, starker Malaye, welche beide mit einer ganz besonderen Leidenschaft spielten.

Jeder hatte vor sich einen Haufen Silber- und Kupfermünzen liegen, ihr ganzes Vermögen, das sie immer bei sich in dem um den Leib gewickelten Tuche trugen. Der Anführer hatte ein pfiffiges Gesicht, welches sich immer vollkommen gleich blieb, während der Große, obgleich er offenere Züge besaß, mit der größten Leidenschaft spielte. Bei jedem Gewinn strahlte er vor Vergnügen, bei jedem Verluste wurde er finster, und seine Augen blitzten unheimlich auf.

Der Anführer verlor mehr, als er gewann, sein Geldhaufen schmolz immer mehr zusammen, dennoch aber behielt er sein schlaues Lächeln bei; der andere dagegen war so gierig, daß er, wenn er doch einmal falsch riet und einige Kupfermünzen bezahlen mußte oder gar ein schon gewonnenes Silberstück wieder wechseln ließ, in Verwünschungen und Klagen über sein Unglück ausbrach.

»Links,« sagte der Große wieder.

Des Anführers letzte Kupfermünze ging in des anderen Besitz über, sein Geld schien erschöpft.

»Hast du nichts mehr?« fragte der Große.

»Nein. Wollen wir um die Kleider spielen?«

Die spielenden Malayen hören nicht eher auf, als bis sie das Letzte, ja, bis sie ihre Frau, Kinder und schließlich sich selbst verloren haben.

»Hast du wirklich nichts mehr?« fragte der Große und blickte seinen Gefährten mißtrauisch an, der doch von den Fremden mit Goldstücken bezahlt worden war.

Der Malaye mit den schlauen Augen zog ein Goldstück hervor und wog es nachdenkend in der Hand.

»Ein Goldstück habe ich noch,« sagte er, »aber darum spiele ich nicht, ich könnte es verlieren.«

»Ich will es dir wechseln, wenn du verlierst,« sagte der andere schnell, die Augen gierig auf das Goldstück geheftet.

»Das kannst du nicht, deine Münzen langen nicht zum Wechseln. Zähle sie!«

Er hatte recht, es fehlten noch einige Silbermünzen an dem Geldhaufen des Großen, um den Wert des Goldstückes zu erreichen.

Nachdenklich blickte der Große vor sich hin, dann griff er zögernd an seine Brust, drehte sich mit dem Oberkörper um und brachte ein Beutelchen zum Vorschein, dem er ein Goldstück entnahm.

Da er dem Anführer den Rücken wandte, um seinen eigentlichen Schatz nicht sehen zu lassen, so bemerkte er nicht, wie dessen Augen heiß aufflammten.

»Hier ist ein Goldstück,« sagte der Große, »es ist ebensoviel wert wie dies. Links oder rechts?«

»Rechts!« antwortete der Anführer sofort und hatte verloren.

Aber wieder griff er in den Leibgurt und brachte diesmal zwei Goldmünzen hervor.

»Zwei gegen zwei, willst du?« fragte er.

»Ich will,« entgegnete der Große, vor Aufregung zitternd, »links!«

Der Stein war rechts gewesen, er hatte beide Goldstücke verloren, darunter auch sein eigenes, den Verdienst von einigen Wochen. !

Schnell aber wandte er sich wieder um, und als er sich zurückdrehte, hatte er vier Goldstücke in der Hand.

»Noch einmal,« rief er mit heiserer Stimme, »alle vier.«

Jetzt kam der Anführer dran, er hatte bis jetzt immer schlecht geraten, aber absichtlich. Er war ein besserer Spieler, weil er ruhiger als sein Genosse blieb, denn zu diesem Spiel gehört auch eine gewisse Aufmerksamkeit, es ist nicht nur ein bloßes Raten, sondern aus der Gewohnheit, ob der andere den Stein immer wechselt oder immer in einer Hand behält, aus seinem Mienenspiel, aus dem Zittern der betreffenden Hand kann der geschickte und geübte Spieler erraten, wo er sich befindet.

Der Anführer wollte seinen Gefährten nur erst in Aufregung bringen, ihn gewinnen lassen, um ihn immer gieriger zu machen, und dann erst beginnen, ihm ein Goldstück nach dem anderen abzunehmen.

»Links oder rechts?«

Der Anführer blieb lange die Antwort schuldig, er blickte dem Gegenüber starr in die Augen, musterte dessen Züge und betrachtete sorgfältig die vorgehaltenen, krampfhaft geballten Hände.

»Rechts.«

Ein Wutschrei entrang sich den Lippen des Verlierers, heftig warf er dem Gewinner die vier Goldstücke vor die Füße, hatte aber sofort wieder fünf Goldstücke in der Hand, und jetzt scheute er sich nicht mehr, das Beutelchen zu zeigen.

Es war leer. Der Malaye gab das letzte Geld in der Hoffnung hin, mit diesem Einsatz nach und nach alles zurückzugewinnen, sonst war er ein armer Mann.

Der Anführer hielt seine Hände lange auf dem Rücken, ohne von dem anderen aus dem Auge gelassen zu werden, dann streckte er die Fäuste schnell vor und fragte:

»Links oder rechts?«

Lange war der Große unschlüssig, er sah kein Zeichen, das ihm die betreffende Hand verriet. Die Züge des Malayen waren, wie immer, pfiffig, aber bewegungslos, und die Fäuste ganz gleichmäßig geschlossen.

»Links,« stieß endlich der Große hervor, vor Aufregung an allen Gliedern zitternd.

Der Malaye öffnete nicht die linke Hand, sondern die rechte – die andere ließ er geschlossen zu Boden sinken – und zeigte triumphierend die rechte Hand, in welcher der Stein lag.

»Verloren!« rief er, »her mit dem Geld! Um was spielen wir jetzt, oder willst du nicht mehr?«

Der Gefragte antwortete keine Silbe, stier blickte er auf des anderen linke Hand, die noch immer geschlossen am Boden lag.

»Zeige mir diese Hand her,« flüsterte er heiser.

»Warum?« fragte der Anführer kalt.

»Zeige sie her!« schrie der Malaye jetzt wild auf.

Der Anführer ließ mit einer geschickten Bewegung einen Stein aus der Hand gleiten und zeigte sie so jetzt dem anderen.

Aber so unmerklich dieses Manöver auch ausgeführt worden war, dem scharfen Auge des Großen war es doch nicht entgangen.

»Sohn einer Hündin,« brüllte er auf und griff nach dem Dolch, »du hast falsch gespielt!«

Alle anderen Malayen waren erschrocken emporgesprungen und eilten auf den Wütenden zu, welcher sich allem Anschein nach im nächsten Augenblick auf den Falschspieler stürzen mußte, um ihn für seine Gaunerei mit dem Dolch zu bestrafen; plötzlich nahmen aber die Züge des Wütenden einen seltsamen Ausdruck an, die Augen wurden starr, die Lippen preßten sich fest zusammen, und ehe die umstehenden Herren und Damen eine Ahnung davon hatten, was vorging, schnellte er vom Boden auf, den blitzenden Dolch in der erhobenen Hand, Schaum vor dem Munde, und – stürzte sich nicht auf sein Opfer, sondern eilte in rasendem Lauf zur Seite, über die Lichtung, gerade nach den Zelten zu.

»Amok!« schrieen die Malayen und sprangen mit allen Zeichen des Entsetzens auf. »Schießt ihn nieder!«

Niemand von der Gesellschaft wußte, was dieser Ausruf zu bedeuten hatte, sie hörten ihn zum ersten Male. Sprachlos vor Staunen blickten sie dem Manne nach, der in großen Sätzen an ihnen vorübergeflogen war und jetzt die Zelte erreicht hatte, immer noch den Dolch hoch erhoben.

Amok ist ein malayisches Wort und bedeutet eine Krankheit, welche unter den Malayen, aber nur unter diesem Volk, auftritt und so eigentümlich ist, daß sie selbst von den Gelehrten als eine ganz besondere Art des Wahnsinns aufgefaßt worden ist.

Es ist eine Tollwut, sie tritt ein, wenn das Gemüt des Malayen ungeheuer erregt wird; nicht eine wilde Leidenschaft selbst ist es, sondern nur die Folge einer solchen. Der Malaye kann, wie schon gesagt wurde, sehr leicht erregt werden, und je nachdem er leidenschaftlicher oder ruhiger angelegt ist, desto mehr oder weniger ist er zu dieser Krankheit, dem Amok, disponiert.

Bei dem einen genügt schon ein beleidigendes Wort, um ihn zum Amok zu reizen, der andere muß sich erst stundenlang in Aufregung befunden haben, ehe sich seine Gedanken verdunkeln, ehe er nichts mehr von sich und seiner Umgebung weiß, dann aber erwacht in ihm eine furchtbare Art von Mordlust, die sich aber nicht gerade auf denjenigen erstreckt, der die Veranlassung dazu gegeben hat.

Er springt auf, faßt seinen Dolch und beginnt zu laufen, alles ihm Begegnende mordend, ohne in seinem Rennen einzuhalten und ohne selbst auf seine Sicherheit bedacht zu sein. Der Amokläufer ist vollständig blind, er rennt ebenso in die ihm vorgehaltenen Bajonette hinein, wie er auch seinen Fuß nicht vor einem Abgrund hemmt, und infolgedessen geht der, welcher vom Amok befallen wird, regelmäßig zu Grunde. Entweder zerschmettert er seinen Kopf an irgend etwas, oder er zerschellt in der Tiefe, oder aber er läuft auf freiem Felde so lange, bis er zusammenbricht und an den Folgen der furchtbaren Aufregung, an einem Gehirnschlag stirbt.

Die Holländer haben wegen dieser Amokläufer auf Java förmliche Gesetze aufgestellt, sie sind nicht nur vogelfrei, das heißt, ein jeder ist nicht nur berechtigt, den Amokläufer zu töten, sondern ist sogar verpflichtet, auf den an ihm vorüberrennenden Amokläufer zu schießen. Das Merkwürdigste ist, daß der Amokläufer nicht auf eine Person zurennt und sie tötet, sondern seinen Weg immer geradeaus nimmt und nur den mordet, mit dem er zusammenstößt.

Was für Unheil ein solcher Malaye anrichten kann, ist beispiellos. Den Dolch in der erhobenen Hand, die Augen stier geradeaus gerichtet, Schaum vor dem Munde, so fliegt er durch die Straßen und teilt links und rechts Stiche aus und hält nicht eher ein, als bis er erschöpft zusammenbricht oder seinem Leben gewaltsam ein Ende gemacht worden ist.

Interessant ist es vielleicht auch, zu wissen, daß nach deutschen Seegesetzen alle Vertreter der Völker auf Erden an Bord eines deutschen Schiffes als Matrosen fahren dürfen, seien es Neger, Eingeborene von Australien, Indier oder Chinesen, nur der Malaye ist davon ausgeschlossen, und zwar eben wegen dieser Tobsucht. Es ist schon vorgekommen, daß ein Malaye, der als Matrose fuhr, wegen eines kleinen Streites plötzlich vom Amok befallen wurde, und ehe nur jemand an Abwehr denken konnte, die ganze, ahnungslose Schiffsbesatzung abgeschlachtet hat. –

Zwischen den Zelten standen die englischen Lords und die Damen in Gruppen umher und plauderten.

Die Nacht begann anzubrechen, der Mond war aufgegangen und warf einen gelben Schein auf die Landschaft, der Wald rauschte eine leise Melodie, und süßer Duft drang aus den dichten Büschen hervor, fast zu berauschend für die Sinne der weißen Fremdlinge, welche die würzige Luft kaum einzuatmen wagten. Die Eingeborenen waren an den Zauber dieser Abende gewöhnt, sie lagen vor ihren Hütten und rauchten den geschenkten Tabak; sonst würden sie sich sicher schon zurückgezogen haben, um wenigstens einigermaßen vor dem hungernden Tiger sicher zu sein, aber in der Gegenwart solcher Gäste, deren Treffsicherheit sie heute kennen gelernt hatten, fühlten sie sich vollkommen sicher.

Lord Harrlington stand etwas abseits von den Zelten unter einem Baume, dessen dichtbelaubte Zweige so weit herabhingen, daß sie eine Art von Laube bildeten, lehnte mit dem Rücken an dem Stamm und lauschte dem Zirpen einer Grille, die oben in den Aesten ihr Nachtliedchen sang.

»Eine wunderschöne Nacht, Lord,« sagte plötzlich hinter ihm eine weiche Stimme, »ist es hier nicht gerade wie im Paradies?« Harrlington hatte sich hastig umgewandt, er blickte in die träumerischen Augen von Miß Sarah Morgan, die, unbemerkt von ihm, ebenfalls unter den Baum getreten war.

Er hatte bis jetzt vermieden, mit ihr zu sprechen; nur die nötigsten Worte, welche der Anstand erforderte, waren zwischen ihnen gewechselt worden, und Harrlington hatte immer versucht, der neuen Vestalin aus dem Wege zu gehen, ohne daß sich Miß Morgan bemüht hätte, ihn aufzusuchen.

Das war das erste Mal, daß beide sich allein gegenüberstanden.

Als Harrlington schwieg, fuhr sie mit weicher, schmelzender Stimme fort:

»Warum sind doch die Gaben der Natur auf der Erde so ungleich verteilt? Hier atmet alles Wärme, Duft, Liebe und Schönheit, was bietet dagegen unser kalter Norden?«

»Er ist mir in vieler Beziehung lieber,« sagte Lord Harrlington ruhig, »und vor allen Dingen, an Schönheiten ist er reicher. Diese üppigen Bilder bekommt man, glaube ich wenigstens für meinen Teil, leicht überdrüssig, und tritt hier erst die Regenzeit ein, hat sich alles in Sumpf und Morast verwandelt, so würden auch Sie anders denken. Bei uns dagegen hat der Sommer, wie auch der Winter seine Schönheiten, und was ist lieblicher, als der Uebergang zwischen beiden? Der Frühling, wenn das neue Leben überall an den Bäumen und Büschen hervorbricht, und der Herbst, wenn der Wald sein buntes Kleid anzieht, welches an Farbenpracht es mit jeder tropischen Flora aufnehmen kann.«

Beide schwiegen längere Zeit. Miß Morgan hatte gar nicht beabsichtigt, ein Gespräch über dieses Thema anzufangen, ihre Frage sollte nur die Einleitung zu einem Gespräch werden, und sie war über die Antwort des Lords unwillig, welche sie ganz anders erwartet hatte.

»So lieben Sie den Norden mehr, als den Süden?« begann sie wieder und stellte sich so dicht neben Harrlington, daß ihr Gewand diesen streifte.

»Allerdings,« entgegnete er, »ich liebe sogar den Winter und die Kälte, sie gibt mir mehr Lebensmut als die Wärme, welche den Menschen nur zu leicht entnervt und energielos macht.«

»Aber warum haben Sie denn diese Reise unternommen, welche Sie doch fast nur in tropische Gegenden führt? Warum sind Sie denn nicht in Ihrem kalten England geblieben?«

Harrlington sah sinnend vor sich nieder, ihm wurde mit einem Male klar, wohinaus die Fragerin wollte.

»Warum?« erwiderte er. »Es dürfte Ihnen als Vestalin doch nicht unbekannt sein, aus welchem Grunde wir diese Reise angetreten haben. Unser Entschluß damals beim Antritt der Fahrt war, den Mädchen, welche sich übermütig auf das Meer hinausbegaben, in Gefahren beizustehen. Sie waren uns ja alle nicht fremd, wir hatten schon Gelegenheit gehabt, sie kennen zu lernen, und als die erste Nachricht von ihrem Unternehmen zu uns drang, da waren wir uns sofort darüber einig, sie zu begleiten. Wir haben bis jetzt alles getan, was in unseren Kräften stand, und werden es auch noch fernerhin zu tun suchen.«

Es klang etwas spöttisch, als Miß Morgan zu dem Lord sagte:

»So wären Sie alle nur einem ritterlichen Gefühl gefolgt, als Sie sich zu Beschützern der ›Vesta‹ aufschwangen? Ich glaube, Lord, Sie sprechen doch nicht ganz offen.«

»Wohinaus will sie?« dachte Harrlington. »Weiß sie nicht, wie es zwischen Ellen und mir steht? Warum stellt sie solche Fragen, welche mir unangenehm sind, und die sie selbst am besten beantworten könnte?«

Und laut sagte er:

»Warum soll ich es Ihnen verhehlen, Miß Morgan? Ja, es gibt einige unter uns, welche nicht nur aus bloßem Zeitvertreib oder nur aus Galanterie dem Damenschiff folgen. Eine tiefere Neigung zwingt uns, über das Leben der Damen zu wachen.«

»Ich wußte es,« lächelte das Mädchen, »ich wollte es nur aus Ihrem eigenen Munde hören. Wem soll es auch nicht auffallen, wie seltsam das Betragen einiger der Herren und Damen ist, wie sie einander suchen, wie sich ihr Benehmen ändert, wenn sie sich gefunden haben, und sie plötzlich still oder gesprächig werden, das ganze Gegenteil von dem, was sie sonst zur Schau tragen.«

Harrlington hatte gefürchtet, dieses Weib, welches einst seine Sinne zu umstricken gewußt und das er wirklich geliebt hatte, bis er aus dem Taumel erwachte, würde ihn abermals zu verführen suchen, und er war fest entschlossen, beim ersten Versuch mit kalten Worten zu erklären, zwischen ihnen könne keine Freundschaft mehr existieren, ihr Umgang müsse sich immer nur in den Grenzen der Höflichkeit bewegen. Miß Morgan zeigte nicht, daß sie einen solchen Versuch zu machen gewillt war, sie sprach leicht, ohne Erregung, und das Thema, welches sie anschlug, war gewiß kein verfängliches.

»Haben Sie das wirklich gefunden?« sagte Harrlington etwas spöttisch, weil er sich getroffen fühlte und dies nicht merken lassen wollte. »Ich dächte doch, unter den Herren des ›Amor‹ gäbe es keine sentimentalen Liebhaber, welche seufzen und schmachten und sich nach der Gegenwart ihrer Geliebten sehnen, der frische Seewind treibt derartige Schwärmerei bald aus. Und noch weniger finde ich Ihre Behauptung an den Damen bestätigt, ein lustigeres Korps kann es doch wirklich nicht geben.«

»Da bin ich doch anderer Meinung, und es wundert mich, Lord, daß Sie Ihre Augen so fest geschlossen haben,« meinte Miß Morgan. »Sollte es Ihnen zum Beispiel entgangen sein, wie still und ernst Mister Davids ist? Glauben Sie etwa, dieser Mann mit den sinnenden, tiefen Augen stände umsonst stundenlang auf der Back Ihres Schiffes und wende den Blick nicht ab von der ›Vesta‹? Er dreht sich dann plötzlich um und geht ins Zwischendeck, ohne sich wieder oben sehen zu lassen. O, ich habe es wohl öfters durch das Fernrohr beobachtet, und merkwürdige Gedanken sind mir dabei aufgestiegen.«

»John Davids?« wiederholte Harrlington erstaunt. »Nimmermehr! Er ist immer so gewesen, ich kenne ihn schon seit jener Zeit, da wir die erste Regatta in New-York mitmachten. Ich weiß nicht, was ihn so still und nachdenkend gemacht hat, aber, daß dies mit einer der Vestalinnen zusammenhängen soll, glaube ich nicht.«

»Wer weiß? Ich für meinen Teil habe anders davon sprechen hören.«

»Kennen Sie jemanden, um dessen Gunst er sich vergebens bewirbt?«

»Ich glaube, ja. Wir können ja offen miteinander sprechen, Lord. Er ist ein Mann, welcher keine Leidenschaft kennt; alles in ihm ist Ruhe, Kälte und Ueberlegung, und so liebt er auch das Mädchen, welches die gleichen Eigenschaften besitzt. Er beobachtet nur; hat er aber gefunden, daß das Mädchen seiner Wahl für ihn geeignet ist, so geht er direkt auf sein Ziel los, besiegt alle Schwierigkeiten, alle Hemmnisse, und ruht nicht eher, als bis er es erreicht hat. So unschuldig Mister Davids auch scheinen mag, er ist ein für Frauen ganz gefährlicher Charakter.«

»So sprechen Sie doch,« sagte Lord Harrlington ungeduldig, »wer ist es, der er seine Aufmerksamkeit schenkt?«

»Wer anders als Miß Petersen,« rief Miß Morgan. »Tun Sie doch nicht so, als hätten Sie dies nicht auch schon gefunden.«

»Miß Petersen?« wiederholte Harrlington.

»Das ist nicht wahr!« brauste er dann plötzlich auf. »Sie dichten ihm etwas an, woran er gar nicht denkt.«

»Beobachten Sie ihn und – vor allen Dingen – beobachten Sie Miß Petersen selbst, und Sie werden bald anders urteilen. Wurde nicht mein Name gerufen?« unterbrach sich Miß Morgan. »Entschuldigen Sie meine Schwätzerei; auf Wiedersehen!«

Damit schlüpfte sie durch die Zweige des Baumes und war den Blicken Harrlingtons entschwunden.

Dieser stand halbbetäubt da; er wußte nicht, ob er wache oder träume.

»Beobachten Sie Miß Petersen, und Sie werden bald anders urteilen.«

Diese Worte klangen ununterbrochen wie Posaunenschall in seinen Ohren, sie schmetterten ihn fast zu Boden.

Wußte dieses Weib, Miß Morgan, nicht, daß er Ellen liebte, daß sie ihn wieder liebte? Hatte er dies nicht aus ihrem eigenen Munde gehört, als damals die Wurfspeere der Australneger sie bedrohten? Nein, dieses Weib suchte nur Zwietracht zu säen, es wollte, nachdem es durch seinen Gesang Erinnerungen an seine einstige Liebe wachgerufen hatte, noch völlig das Bild Ellens aus seinem Herzen drängen.

Aber es sollte ihr nicht gelingen, seit dem ersten Begegnen mit Miß Morgan war ihm zum Bewußtsein gekommen, wie teuer ihm Ellen war, wie sehr ihr gegenüber dieses Weib zurückstand – es konnte keinen Vergleich mit Ellen aushalten. Sein ganzes Herz hatte sich dem Mädchen wieder zugewandt, und er war nur darum noch manchmal so niedergeschlagen, besonders in der Gegenwart Ellens, weil er sich schämte, sie auch nur einen Augenblick wegen einer anderen vergessen zu haben. Ein Trost war es ihm, daß niemand außer Williams von diesem Seelenkampf wußte.

»Und doch, John Davids? War es möglich?«

Sollte dessen scheues, zurückgezogenes Wesen wirklich der Liebe entspringen?

In der Tat, das konnte sein; erst jetzt fiel es Harrlington ein, daß dies nicht unmöglich wäre. Seltsam, daß er noch nie zuvor daran gedacht hatte. Natürlich, was war es denn sonst anders, was hätte denn sonst den jungen, schönen, reichen Mann in der vollsten Blüte seiner Kraft, der keine Sorgen kannte, veranlaßt, ein solches Benehmen zur Schau zu tragen?

Aber wen liebte er? Hatte Miß Morgan wirklich recht, als sie Ellen als die Betreffende bezeichnete? Dann tat Davids ihm leid, Ellen liebte ihn, Harrlington, darüber war er nicht im Zweifel, wenn auch das stolze Mädchen seine Liebe nicht öffentlich bekennen wollte.

»Beobachten Sie Miß Petersen, und Sie werden bald anders urteilen,« dachte der Einsame abermals, und sein Gesicht ward plötzlich dunkelrot, er griff mit der Hand nach dem Herzen.

Davids war ein schöner Mann, er war der ernsteste auf dem ›Amor‹, er sprach kein Wort, welches nicht Sinn und Verstand hatte, nie kam ein unpassender Scherz über seine Lippen, nie tat er etwas, was nicht wohl überlegt gewesen wäre. Sollte er wirklich Eindruck auf Ellen gemacht haben? Harrlington hatte schon einige Erfahrung in Betreff des weiblichen Herzens, er wußte, wie schnell es einem anderen Manne zufliegen konnte, wenn dieser verstand, Bewunderung für sich zu erregen.

»Er ist ein ganz gefährlicher Charakter für Frauen, er kennt keine Hemmnisse, er beobachtet und geht dann direkt auf sein Ziel zu.

»Ellen,« stöhnte Harrlington auf, »wenn es möglich wäre!«

Dieser Ausruf war ihm fast unmittelbar entschlüpft, nachdem Miß Morgan den Platz verlassen hatte, so schnell waren alle diese Gedanken ihm durch den Kopf gejagt.

Da erscholl plötzlich in einiger Entfernung heftiges Schreien, Harrlington vernahm mehrmals das Wort ›Amok‹, und gleich darauf ertönte dicht neben ihm ein gellender Hilferuf, von einem Weibe ausgestoßen.

Der Lord hatte sofort die Situation erkannt. Ein Malaye war gereizt worden und rief Amok; in demselben Moment, da der Hilferuf sein Ohr erreichte, stand er draußen, den Revolver in der Hand.

In rasendem Lauf kam der Mensch gerannt, den gezückten Dolch hoch emporgehoben, und hatte fast schon das Mädchen erreicht, welches vor Schreck wie gelähmt in die Kniee gesunken war, entsetzt dem Wütenden die Hände entgegenstreckend.

Mit einem Sprunge stand Harrlington neben ihr; ein Blitz, ein Knall, und mit der Kugel im Herzen sank der Amokläufer zu Boden, während sich der Retter zu dem Mädchen hinabbeugte, es mit den Armen umschlang und aufrichtete – es war Miß Morgan.

In diesem Augenblicke begegnete sein Auge dem der Miß Petersen, welche eben an der Seite John Davids aus dem Walde trat.

27.

Der allwissende Götze.

Tschung-kue, Reich der Mitte; Thai-tsching-kue, Reich der großen Reinen; Tschung-Hua, Blume der Mitte; Thien-Hin, Himmelsunterlage – fürwahr, bescheiden ist der Chinese bei der Wahl des Namens für sein Vaterland nicht gewesen, und wenn sich ihr Kaiser als Sohn des Himmels bezeichnet, so kann man dies auch nicht von ihm behaupten.

Was für eine Stellung könnten diese geistig hochbegabten, tatkräftigen, unermüdlich fleißigen, mäßigen, in jeder Art von Kunst und Handwerk geschickten Chinesen, das einzige Volk, welches jedes Klima verträgt, im politischen Leben auf der Erde einnehmen, wenn sie keinen Zopf im Nacken hängen hätten?

Wirklich, nur der Zopf ist daran schuld, daß dieses Volk noch auf derselben Stufe steht, wie vor Tausenden von Jahren; der Zopf, den sie noch immer tragen, charakterisiert sie vollkommen, und so lange sie den nicht abschneiden, dürfen sie nicht hoffen – wenn sie es auch glauben – in der heutigen Weltgeschichte eine wichtige Rolle zu spielen; hätten sie keinen Zopf getragen, dann wäre es kaum dem kleinen Japan gelungen, seine Truppen im Sturmschritt siegreich gegen China zu führen; schon allein die ungeheure Ueberzahl hätte die wenigen Soldaten erdrücken müssen – aber sie trugen den Zopf, und der hinderte sie überall und immer.

Der liebe Leser versteht wohl, daß hier nicht der aus Haaren geflochtene Zopf gemeint ist, der Stolz der Chinesen, aber dieser charakterisiert auch schon den, welcher hier zu verstehen ist, den unermeßlichen Eigendünkel des Chinesen, und sein zähes Festhalten am Ueberlieferten, welches er nicht aufgibt, und sollte auch das ganze Reich darüber zu Grunde gehen.

Was nützt es dem Chinesen, daß schon sechshundert Jahre vor Christi Geburt in seinem Lande die Buchdruckerkunst erfunden wurde – das System, dessen er sich jetzt bedient, ist fast noch dasselbe wie damals; was nützt es ihm, daß seine Vorfahren sogar schon vierhundert Jahre vor unserer Zeitrechnung das Schießpulver gekannt haben, als unsere Vorväter noch in den Urwäldern den Bären und den Auerochsen mit dem Spieß jagten – der Chinese zieht noch heute Bogen und Pfeil dem Schnellfeuergewehr vor, der letzte Krieg mit Deutschland hat es bewiesen. Mit derselben Kriegstaktik, die sie vor tausend Jahren gegen die wilden Tartaren und andere asiatische Völkerschaften angewandt haben, wollten sie gegen die beste europäische Armee vorgehen.

Und so ist es mit allem und überall in China. Wie es sich mit aller Macht gesträubt hat, den Handelsschiffen seine Häfen zu öffnen, so ist es auch im Kleinen, es verschmäht jeden ihm gebotenen Vorteil, der aus anderen Ländern kommt, es will überhaupt nichts mit fremden Völkern zu tun haben, sondern sich völlig abschließen, und durch nichts geben dies die Chinesen deutlicher zu verstehen als durch die große Mauer, welche sich rings um ihr Reich zieht.

Wie vor Tausenden von Jahren, so sieht es auch noch jetzt in einer chinesischen Stadt aus, in der die Europäer sich noch nicht festgesetzt haben. Dieselbe weite, bunte Kleidung mit langen Aermeln, in denen die Hände verschwinden, die spitzen, breitrandigen Strohhüte, die gelben, vorn aufgebogenen Schuhe, dieselben Karren mit Kulis davor, und schließlich die Stadt selbst noch von demselben spielzeugartigen Aussehen, mit den hölzernen Häuschen, welche bei einer Feuersbrunst wie Papier in Flammen aufgehen, mit den Türmchen, sogar solchen aus Porzellan, an deren aufgebogenen Dachecken Glöckchen hängen, und mit den allerdings großen und schönen öffentlichen Gebäuden, an denen aber der bizarre Geschmack der Urvorfahren Drachen und Fratzen angebracht hat, und welche daher auch jetzt noch beim Bau eines Hauses angebracht werden, wenn sie das Gebäude auch noch so sehr verunzieren oder vielmehr lächerlich machen.

Das Alter wird oft kindisch, sagt man, und wer beim Alten verharrt, ohne das Neue anzunehmen, der ist kindisch, und daher ist es auch der Chinese, so lange er sich nicht entschließen kann, seinen Zopf abzuschneiden, mit dem Alten zu brechen und der Zivilisation und Kultur den Eingang in sein Reich zu gestatten. –

Auch Scha-tou oder britisch Swatow, ist eine solche Stadt, welche, wenn man sie von einem Luftballon in den Wolken aus betrachtet, den Eindruck machen müßte, als Ware der Inhalt einer Spielzeugschachtel von Kinderhänden aufgebaut worden.

Die Glöckchen an den Türmen erklangen, vom Winde bewegt, die dicken, reichen Kaufleute wackelten durch die Straßen ihrem Geschäfte nach, die Handwerker saßen in der geöffneten Haustür und hämmerten, klopften, stichelten und schnitzten, und in den von zwei Kulis getragenen Sänften hockten die Mädchen, deren verkrüppelte Füße das Gehen nicht erlaubten, und machten einen Teebesuch.

Das Einschnüren des Fußes, damit er klein bleibt, ist übrigens nicht, wie man oft annimmt, allgemein in China gebräuchlich, sondern nur adelige und reiche Leute pflegen diese Sitte, und – wie man es überall auf der Erde, also auch bei uns findet, daß eine gewisse Sorte von Frauen es gern äußerlich der besseren Klasse gleichtun will, so auch in China – nämlich auch die zu der Kaste der Mon, auf deutsch, der Herumtreiber, gehörigen Mädchen bemühen sich, ihren Kindern der Liebe die Füße möglichst klein zu erhalten, damit sie später einmal viele Bewunderer haben möchten.

Es war den eingetroffenen Engländern und Amerikanerinnen nicht schwer geworden, sich den Eintritt in einen Tempel zu verschaffen; der Chinese ist ungeheuer geldgierig, und so war der Liang, der Priester des Tempels, für einige in die Hand gedrückte Goldstücke sofort bereit, den Fremden das ihm anvertraute Heiligtum zu zeigen.

Diesmal hatte man nicht nötig gehabt, sich unter den Eingeborenen nach einem Dolmetscher umzusehen, Chinesen sind über die ganze Welt verstreut, und Hannibal, der weitgereiste Diener Lord Harrlingtons, war oft genug mit ihnen zusammengetroffen, um ihre Sprache vollständig zu verstehen.

Mit äußerst wichtiger Miene übernahm der kleine, weißhaarige Neger die Aufgabe, die Worte des erklärenden Priesters zu verdolmetschen.

Man ging von Postament zu Postament, überall saßen die aus Porzellan oder Erz gefertigten Götzen mit untergeschlagenen Beinen da, ihre Gesichter waren zu einem heiteren Lachen verzogen – es war, als ob sie sich mit den Händen, wie man sagt, vor Lachen den dicken Bauch halten müßten. Beides, das Lachen und der dicke Bauch, sind eine Eigentümlichkeit vieler chinesischer Götzen.

Diese Gestalten, welche aus allen Ecken und von allen Postamenten herab die fremden Gäste anlachten, übten bald eine ansteckende Wirkung auf diese aus, es dauerte nicht lange, so kamen ihre Heiterkeit und ihr Uebermut zum Vorschein, und schließlich, als die Ermahnungen einiger Besonnenen, in diesem Tempel ernst zu bleiben, unbeachtet vorübergingen, brachen sie unaufhaltsam hervor.

»Weiß Gott, dieses Lachen steckt an,« meinte Chaushilm zu seinem Freunde Hendricks, »ich könnte hier nicht Priester sein und beten, die Götzen ziehen zu komische Gesichter.«

»Die müssen natürlich lachen, wenn sie die dummen Chinesen sehen,« entgegnete Hendricks, »setzen Sie sich einmal auf so ein Postament und bleiben Sie ernst, wenn Ihnen der Priester Weihrauch vor der Nase anzündet und auf dem Bauche Ihnen zu Füßen liegt.«

»Warum sind sie nur alle so dick?« fragte Miß Staunton.

»Das will ich Ihnen erklären, liebe Miß,« antwortete Charles. »Sehen Sie, wer reich ist, muß auch dick sein, sagt der Chinese. Der Arme dagegen ist mager. Wäre nun solch ein Götze knochendürr, so müßte er ja arm sein und könnte also den ihn um Reichtum Bittenden nichts schenken. Nur immer recht dick, sagt also der Götze, und ißt alles ihm geopferte Fleisch, Früchte und so weiter, wenn es manchmal auch nicht genießbar ist, und je dicker er dadurch wird, desto angesehener wird er, bekommt immer mehr zu essen, und schließlich nimmt er eben einen solchen Körperumfang an, wie Sie ihn hier bewundern können. Und soll er da vielleicht ein trauriges Gesicht ziehen, wenn er ein so behagliches Leben hat? Nein, er strahlt natürlich vor Entzücken und freut sich schon auf die Mahlzeit, wenn wir erst fort sind.«

»Daß er sich nur nicht einmal Magenbeschwerden oder eine Verdauungsstörung holt,« lachte Hope.

»Dafür hat der allmächtige Götze natürlich gesorgt,« versicherte Charles lebhaft, »es ist nämlich so eingerichtet, daß der Priester um so weniger essen darf, je mehr jener zu sich nimmt, und hat er sich einmal den Magen überladen, so muß der Priester dafür büßen, das heißt, er bekommt Leibschneiden.«

Diejenigen, welche die Worte gehört hatten, blickten lachend nach dem Priester, der in der Tat äußerst mager war, und somit die Behauptung Williams' zu bestätigen schien. Sie bemerkten dabei in ihrem Frohsinn gar nicht, mit welch finsteren Blicken der Priester die lachende Gesellschaft ab und zu betrachtete, ohne aber im Erklären aufzuhören.

»Waren Sie selbst schon einmal ein chinesischer Götze, daß Sie so genau über das tiefe Seelenleben dieser Geister orientiert sind?« fragte Miß Thomson Sir Williams.

»Das nicht, aber beinahe,« antwortete der Gefragte, »ich schloß in England einmal Bekanntschaft mit einem äußerst gebildeten Chinesen, der den Leierkasten auf der Straße spielte und dabei großes, musikalisches Talent entwickelte. Der Vater dieses Chinesen besaß in China einen Freund, dessen Bruder eine Schwester hatte, die sich einmal beinahe mit einem Priester verlobt hätte, und dieser chinesische Leierkastenmann hat mich tief in die religiösen Mysterien seines Vaterlandes eingeweiht.«

»Um Gottes willen,« lachte Miß Thomson laut auf, »diesen Ausführungen kann ich nicht folgen.«

»Hannes, treiben Sie den Spaß nicht zu weit,« rief Charles dem Matrosen zu, welcher neben Hope Staunton vor einem Götzen stand. Hannes erzählte seiner Begleiterin etwas, klopfte dem dicken Götzen freundlich auf die Schulter, und beide wollten sich bald totlachen.

Auch der Priester hatte das Treiben des Matrosen bemerkt, und ihn traf ein so finsterer Blick, daß selbst Charles, der ihn aufgefangen hatte, plötzlich stutzte und seinem Diener die Bemerkung zurief.

»Ach was,« rief Hendricks, »wir sind Engländer und wollen den Chinesen zeigen, mit was für Albernheiten sie sich abgeben. Wir haben nichts zu fürchten, sie müssen doch auf unseren Pfiff tanzen.«

»Aber wir sind in ihrem Lande und müssen ihre Sitten respektieren und am meisten das, was ihnen heilig ist. Wir dürfen uns nicht wundern, wenn sie unser Lachen beleidigend finden,« sagte Harrlington ernst.

»Gegen die Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens,« entgegnete Chaushilm für seinen Freund. »Wir wollen den Kampf aufnehmen und werden ihn doch schließlich einmal zu Ende führen. Nur immer tüchtig drauf, Zartgefühl hilft hier nichts, sie müssen sehen, daß ihre Götzen ganz ohnmächtige Kreaturen aus Porzellan und Erz sind.«

Die Ermahnung Harrlingtons vermochte nichts, die Heiterkeit wurde immer größer, die Augen des Priesters, der im Erklären fortfuhr, wurden immer drohender, aber schließlich war man mit der Besichtigung des Tempels zu Ende. Nur noch ein kleines Gemach war zu betreten, dann wollte man den Tempel wieder verlassen.

Vor der von einem Vorhang verhüllten Tür zu diesem Gemach blieb der Priester plötzlich zögernd stehen, überlegte und wandte sich dann um.

»Will er uns den Eingang verwehren?« fragte Harrlington seinen Diener.

Dieser sprach mit dem Chinesen und teilte der Gesellschaft mit, daß der Priester allerdings nicht gewillt sei, den in diesem Gemach aufgestellten Götzen, einen sehr heiligen, den frivolen Augen der Fremden und deren Gelächter auszusetzen. Dies reizte gerade die Neugierde der Gesellschaft.

»Da müssen wir uns den Eingang mit Gewalt erzwingen,« sagte Charles, als der Priester durchaus nicht den Vorhang lüften wollte, sprach mit seinen Freunden und drückte dem Priester etwas in die Hand, was dieser in seinen Aermel verschwinden ließ.

Jetzt zögerte er nicht mehr, er gestattete den Fremden den Eintritt, sagte zu Hannibal einige Worte und blieb dann im Innern des Gemaches an dem Vorhang stehen, argwöhnisch die Fremden betrachtend.

Diese waren sehr enttäuscht. Aus dem Zögern des Priesters hatten sie geschlossen, in dieser Abteilung etwas Außergewöhnliches zu finden, es war aber nichts dergleichen vorhanden. In diesem Gemache war nur ein einziger Götze aufgestellt, aber von riesigen Verhältnissen, er war ungeheuer dick und lachte so unbändig, daß man alle Zähne in seinem weitgeöffneten Mund sah.

Leider kam gerade in diesem Raume, welchen der Priester nur ungern den Augen Ungläubiger zeigte, die Lachlust der Herren und Damen zum vollsten Durchbruch und zwar durch einen Witz, den Hannes, wie unbeabsichtigt, gleich am Anfang machte.

Der Priester hatte dem Neger nur gesagt, wie der Götze hieß, und so nannte auch Hannibal, dabei eine theatralische Handbewegung nach der Figur machend, seinen Namen;

»Lao-Tssy.«

»Sehr angenehm; Hannes Vogel,« erwiderte sofort trocken der Matrose und grüßte mit der Mütze.

Diese Vorstellung war in einer solchen Weise geschehen, daß alle in ein schallendes Gelächter ausbrachen, das gar nicht enden wollte. Selbst die Ernsteren konnten sich nicht davon ausschließen, die Worte, die Verbeugungen und das Mützeabnehmen waren von Hannes in einer zu komischen Weise karrikiert worden.

Als sich die Heiterkeit etwas gelegt hatte, fragte eines der Mädchen den Neger:

»Hat dir der Priester sonst nichts über diesen Götzen mitgeteilt?«

»Nein.«

»So will ich etwas von ihm erzählen,« sagte das Mädchen, welches mit den Sitten und Verhältnissen der Chinesen bewandert war. »Lao-Tssy ist ein Mensch gewesen, und gerade er hat den Menschen eine neue Religion zugebracht oder doch die ältere wesentlich verändert. Die meisten dieser Götzen sind ja früher nur Menschen gewesen, die auf Erden gewandelt, große Taten vollführt oder sich dem Vaterlande nützlich gemacht haben und daher später vom Volke zu Göttern erhoben und als solche verehrt werden. Dieser Lao-Tssy nun ist der erste aller Götzen, und ihm wird eine besondere Verehrung gezollt.«

»Daher ist er auch so groß und dick,« sagte ein Herr.

»Und lacht so schrecklich,« ergänzte ein Mädchen.

»Ist Lao-Tssy nicht der sogenannte allwissende Götze?« fragte Charles die erklärende Dame, und ein sehr scharfer Beobachter hätte merken können, wie seine Mundwinkel zuckten.

»Er ist nicht allwissender, als die anderen Götter, so genau kann ich Ihnen darüber keine Auskunft geben,« war die Antwort.

»Ich habe von Lao-Tssy schon öfters erzählen hören,« fuhr Charles fort, »er soll doch sogar sprechen können.«

»Daß ich nicht wüßte,« sagte das Mädchen, »möglich, daß er Selbstgespräche führt.«

»Oder vielleicht unterhält er sich unter vier Augen mit dem Priester über die Neuigkeiten von Scha-tou,« meinte Hope.

»Nein, nein,« entgegnete Charles, immer ernsthaft, »dieser Mister Lao-Tssy soll wirklich sehr gewandt im Sprechen und nebenbei allwissend sein. Hannibal, frage einmal den Priester, ob es sich wirklich so verhält.«

Der Chinese war am Vorhang stehen geblieben, die Gesellschaft nicht aus den Augen lassend, und als gleich zuerst das Gelächter erscholl, zog sich seine Stirn in drohende Falten zusammen. Ein Glück war es, daß seine Hände in den langen Aermeln verschwanden, sonst hätte man sehen können, wie sie sich krampfhaft ballten.

Auf die Frage Hannibals, ob dieser Götze wirklich sprechen könnte, fürchtete er eine neue Beleidigung des Heiligen, er trat wie schützend vor ihn hin und erklärte, daß dies nicht der Fall wäre.

»Und ich glaube es doch,« rief Charles, »er soll sogar alle Zungen reden können. Nun, wir werden es ja erfahren.«

Die Herren und Damen standen um das Postament herum, Charles ließ von ihnen, die von seinem Vorhaben noch keine Ahnung hatten, einen Halbkreis schließen, in den er trat, daß er dem Götzen das Gesicht zuwendete.

Alle waren gespannt auf das, was der immer humoristische Williams jetzt wieder vorhatte.

»Eigentlich ist es notwendig, daß ich vorher die Stiefeln ausziehe,« sagte er, »denn der Götze will mit Ehrfurcht behandelt sein, und das mit Recht, da aber Damen zugegen sind und ich ungeheuer schamhaft bin, so werde ich das unterlassen, und der Götze wird meine Ungezogenheit entschuldigen.«

Nach diesen einleitenden Worten wandte sich Charles wieder der Statue zu, nahm den Hut vom Kopfe und fragte laut und deutlich:

»Wie heißt du?«

Es erfolgte natürlich keine Antwort, die Herren und Damen sahen sich an, sie konnten sich das Benehmen Williams' nicht erklären.

Charles blickte sich im Kreise um.

»Haben Sie etwas gehört?« fragte er.

Alle schüttelten lächelnd den Kopf.

»Dann muß ich ihn auf andere Weise zum Sprechen bringen. Passen Sie auf, wenn er antwortet.«

»Lao-Tssy,« rief er abermals laut.

Ein paar Sekunden verstrichen, dann aber erklang eine dumpfe Grabesstimme, die direkt aus dem Munde des Götzen zu kommen schien.

»Was willst du von mir, Erdenwurm?«

Im ersten Moment waren alle erschrocken zurückgefahren, so deutlich kamen die Worte aus dem lachenden Munde der Statue hervor, man glaubte ordentlich, seine Lippen bewegten sich, und am allermeisten entsetzt war der chinesische Priester. Er prallte förmlich zurück, bis er mit dem Rücken an die Wand stieß, wo er, an allen Gliedern zitternd, auf die Kniee sank.

Der einzige, der seine Ruhe behielt, war Charles.

»Sagte ich es nicht,« frohlockte er, »Lao-Tssy spricht ganz perfekt englisch! Nun will ich dem alten Burschen aber einmal auf den Zahn fühlen. Wenn er allwissend ist, dann werden wir manches Interessante zu hören bekommen.

»Ich habe Sie doch nicht in der Arbeit oder im Schlaf gestört, Mister Lao-Tssy?« fragte Charles zum Götzen gewendet.

»Ich habe immer Zeit für Sir Williams, deine Unterhaltung ist mir stets angenehm,« klang es wieder deutlich mit dumpfer Stimme aus dem Munde des Götzen.

Jetzt hatten sich alle, mit Ausnahme des Priesters, von ihrem ersten Schrecken erholt, sie wußten nun, daß Williams einen Scherz machte, daß er den Götzen durch irgend etwas zum Sprechen brachte, auf welche Weise, war allerdings völlig unbekannt, den Damen wenigstens.

»Sagte ich nicht, daß er allwissend ist?« triumphierte Charles. »Und kennen tut er mich auch, da muß ich ja ordentlich stolz werden.

»Kennen Sie mich, Mister Lao-Tssy?« fragte er.

»Wer sollte dich nicht kennen, Sir Charles Williams, deinen berühmten Namen führen wir Götter täglich in unserem heiligen Munde.«

Die Umstehenden brachen in Lachen aus.

»Was haben Sie eben gemacht, als ich Sie rief, Mister Lao-Tssy?«

»Ich habe Wolken geschoben.«

»Und da habe ich Sie gewiß gestört, Mister Lao-Tssy. Das sollte mir wirklich sehr leid tun.«

»Durchaus nicht, ich schiebe nachher etwas schneller. Aber sage einfach lieber Lao-Tssy zu mir, du bist mein Freund, du darfst später auch mit Wolken schieben helfen.«

Ein unauslöschliches Gelächter folgte, die Situation war zu komisch. Williams nahm sich vor der riesigen Statue wie ein Zwerg aus, und dazu glaubte man wirklich, der Götze rede, man sah förmlich Lippen und Zunge sich bewegen, so deutlich erklangen die Worte aus seinem Munde. Williams, den Hut in der Hand, der lachende Götze und diese komischen Fragen und Antworten – den Umstehenden taten die Kinnbacken vor Lachen weh.

»Jetzt muß ich ihm eine Frage vorlegen, über deren Beantwortung ich oft gegrübelt habe,« sagte Charles, und laut fragte er:

»Wer ist die Schönste unter allen diesen Damen?«

Er machte dabei eine kreisförmige Bewegung mit der Hand.

Die Antwort ließ lange auf sich warten.

»Verstecken Sie jetzt nicht so Ihr Antlitz, meine Damen,« flüsterte Charles, »Lao-Tssy unterwirft Sie erst einer gründlichen Besichtigung, ehe er sein Urteil abgiebt.«

Die Mädchen kicherten.

»Sie sind alle gleich schön,« klang es dann.

»Aha, mein lieber Lao-Tssy ist ein Schlaumeier, er will es mit keiner der Damen verderben. Nun aber eine andere, auch sehr wichtige Frage.«

»Wer ist der schönste unter den Herren?«

Diesmal ließ die Antwort nicht so lange auf sich warten, sondern sofort ertönte es:

»Unbedingt du, Sir Williams, Baronet von England.«

Wieder brach ein allgemeines Halloh aus.

»Danke, mein lieber Lao-Tssy,« sagte Charles und machte eine Verbeugung, »ich war allerdings immer davon überzeugt.

»Nun aber eine sehr kitzelige Frage, meine Herren und Damen, aber ich muß sie stellen, weil ich mich bis jetzt noch nicht richtig von der Allwissenheit dieses Götzens überzeugt habe. Jetzt werde ich es tun.

»Wer ist die jüngste der Damen?«

»Miß Hope Staunton.«

»Richtig. Und wer ist die älteste?«

»Miß Sarah Morgan,« war abermals die prompte Antwort.

»Ja, ja, meine Damen,« lachte Charles, »hier hilft es Ihnen nichts, ein falsches Alter anzugeben; mein lieber Lao-Tssy weiß alles und kennt keine Rücksichten. Doch diese Antworten genügen mir noch nicht als Beweis seiner Allwissenheit, Lao-Tssy kann ein großer Frauenkenner sein. Wie soll ich ihn einmal prüfen?« und Charles blickte nachdenkend vor sich hin, »ja, so geht es:

»Was hat Sir Hendricks heute morgen zuerst gemacht, als er aufstand?«

»Er hat seine Backen mit Bartwuchstinktur eingerieben,« erklang es sofort.

Aller Augen wandten sich auf Sir Hendricks, der ärgerlich wurde, aber doch lachen mußte. Es war bekannt, daß er seit Antritt der Reise bemüht war, sich einen Backenbart großzuziehen, nur hatte leider der Anfang des Bartes ein sehr kümmerliches Aussehen.

»Und was hat er dann getan?«

»Dann hat er sich Sporen angeschnallt und ist auf einem Stuhle in der Kabine herumgeritten.«

Das war natürlich nicht wahr, aber wie schon früher mitgeteilt wurde, war Sir Hendricks ein passionierter Pferdeliebhaber.

»Hören Sie endlich mit Ihrem Unsinn auf,« rief der Ausgelachte, »die Sache wird langweilig.«

»Einen Moment,« entgegnete Charles, »noch eine Frage muß ich an meinen Freund stellen. Kann er diese beantworten, so ist er allwissend, und ich selber, so wahr ich hier stehe, will ihn anbeten.

»Also, mein lieber Lao-Tssy, kannst du mir sagen, welche Dame gerade jetzt zur Zeit von Marquis Chaushilm geliebt wird?«

Die Antwort blieb lange aus.

»Da muß ich erst einmal die anderen Götter fragen,« klang es zurück, »die Frage ist für mich allein zu schwierig.«

»Nein, das können wir alle nicht sagen,« kam einige Sekunden später die Antwort, »das geht selbst über unsere Allwissenheit; er liebt alle.«

Jetzt wurde aber Marquis Chaushilm durch das Gelächter der Menge aufgebracht, er verbat sich ernstlich derartige Witze, und da es nun genug des Spiels schien, so gab Charles seine Rolle auf.

Schon wollte er sich unter die Gesellschaft mischen, als der Götze plötzlich von selbst, ohne gefragt zu werden, zu reden anfing:

»Mein lieber Williams!«

Der einzige, der diesmal die Fassung verlor, war Williams selbst. Er blickte verdutzt den Götzen an, hatte sich aber schnell wieder gesammelt.

»Was willst du von mir, mein lieber Lao-Tssy?«

»Ist vielleicht das Gedicht von dir?«

»Holde Betty, süßes Wesen,
Bin schon längst dir gut gewesen,
Aber mündlich dir's zu sagen,
Dies zu tun konnt' ich nie wagen ...«

»Hör' auf, hör' auf,« schrie Charles und streckte abwehrend die Hände nach dem Götzen aus, als dieser aber unbeirrt die sämtlichen Verse des von Charles auf Miß Betty Thomson gedichteten Huldigungsliedes deklamierte, wandte er sich unter dem Gelächter der anderen plötzlich um und hielt dem hinter ihm stehenden Neger, der bekanntlich ein Bauchredner war, die Hand vor den Mund.

»Spitzbube, infamer,« schrie Charles und holte mit der freien Hand zum Schlagen aus, »steht das etwa in meiner Instruktion? Und Sie, Hannes,« drohte er dem sich vor Lachen fast wälzenden Matrosen mit der Faust, »mit Ihnen spreche ich heute abend noch ein Wörtchen.«

Charles war anfangs wirklich erzürnt, daß sein Diener die Geheimnisse seines Tagebuches öffentlich zum besten gab, da er aber ebenso willig einsteckte, wie er gern austeilte, so hatte sich sein Zorn schnell wieder gelegt, und er lachte über die Neckereien, welche er zu erdulden hatte.

»Wir haben uns wie die Kinder betragen,« sagte Ellen, als sie wieder vor dem Tore des Tempels standen, »es ist wirklich sehr ungezogen von uns gewesen, über das Heiligste dieses Volkes zu lachen und zu spotten. Der Priester zog immer ein Gesicht, als wünsche er, die Götzen möchten von ihren Postamenten heruntersteigen und uns samt und sonders totschlagen und verschlingen. Wenn unser Betragen nur keine nachteiligen Folgen hat!«

»Ach wo,« entgegnete einer der Herren sorglos, »der Priester hat sich natürlich über uns geärgert, aber das hat nichts zu bedeuten. Er hat Geld bekommen, soviel, wie er in seinem ganzen Leben nicht ersparen kann, und das ist bei den Chinesen die Hauptsache. Wir hätten mit dem Götzen herumtanzen können, und er hätte auch nichts dazu gesagt, sondern höchstens noch ein paar Goldstücke mehr als Tanzgeld gefordert.«

Der chinesische Priester, der Hüter des Tempels, von dem derart gesprochen wurde, befand sich noch immer in dem Raume vor der Statue des Lao-Tssy.

Er hatte den Kopf gesenkt, die Fäuste geballt, und zwischen den Zähnen hervor murmelte er unverständliche Worte.

Nicht lange hatte es gedauert, so merkte er, welches Spiel die Fremden mit seinem Allerheiligsten getrieben hatten. Er erhob sich bald aus seiner knieenden Stellung und wartete mit knirschenden Zähnen, bis die Gesellschaft den Tempel verlassen hatte.

»Verspottet, verhöhnt!« knirschte er, sank dann in die Kniee und streckte die Hände nach dem lachenden Gotte aus. »Du, allmächtiger Lao-Tssy, verspottet, verhöhnt! Wohl hast du es dir gefallen lassen, was kümmerten dich diese verfluchten Fremdlinge? Du konntest sie ja mit einem Worte in den Staub sinken lassen, aber du lachtest ihrer, sie sind nicht wert, daß du sie beachtest. Ueberlaß es mir, die dir zugefügte Schmach zu rächen, so furchtbar, wie es in meinen Kräften steht. Lao-Tssy, du großer Reiner, sieh gnädig herab auf deinen Diener, der zu deinen Füßen liegt, erhöre ihn, gib ihm die Macht, daß er für dich handeln kann!«

Lange noch blieb der Priester im Gebet auf den Knieen vor dem Götzen liegen, der lachend auf ihn herunterblickte. Endlich erhob er sich.

Er zog die empfangenen Goldstücke hervor – es waren sieben Stück – und betrachtete sie lange, dann plötzlich schien es, als hätten sich diese gleißenden Münzen in glühende Kohlen verwandelt, mit solcher Heftigkeit schleuderte sie der Priester in eine Ecke des Gemachs. »Verfluchtes Gold,« knirschte er, »mich sollst du nicht verführen! Hat mein Herz auch erst gejubelt, als es dich sah, jetzt ekelt mich vor dir. Nein, keinem Priester des heiligen Lao-Tssy soll man nachsagen, daß er sich von deinem roten Glanze hat bestechen lassen, die Roheiten dieser verdammten Fremdlinge zu dulden. Doch halt,« fuhr er nachdenkend fort, und sah nach der Ecke, wo die Goldstücke zerstreut umherlagen, »vielleicht kann ich sie noch gebrauchen gegen die, die sie mir gaben.«

Ein furchtbares Lächeln entstellte seine Züge, er sammelte die Münzen wieder auf und betrachtete sie lange; immer höhnischer und immer drohender wurde dabei sein Gesichtsausdruck.

»Hm,« murmelte er, »sie könnten reichen, um mich, nein, nicht mich, um Lao-Tssy rächen zu können. Sieben Goldstücke sind es, das waren vier für den vornehmen Fremden, der mit Lao-Tssy frevelte und drei für den Kleinen. Auch er ist nicht mehr wert, daß ihn die Sonne beleuchtet. Der beste und geschickteste der Mons, so wie ich ihn brauche, ist Tsin-Hai, er hat sich mir schon oft angeboten. Wehe euch, ihr verfluchten Kinder des Teufels, ihr von den Göttern Gehaßten, euer Urteil ist gefällt, Tsin-Hai wird seinen Dolch nicht eher in den Gürtel stecken, als bis eure Leichname von den Hunden in der Straße gefressen werden und er sich das Gold verdient hat.«

Der Priester wartete noch, bis die Dunkelheit angebrochen war, dann verließ er den Tempel so vorsichtig, daß die ihm unterstellten Tempeldiener gar nichts von seinem Weggange merkten, und wandte sich jenem Viertel zu, wo die Kaste der Mons, der Herumtreiber, hauste.

Zur Kaste der Mons gehören in China die Gaukler, die Diebe, die Bettler, die Tänzer und Tänzerinnen, die öffentlichen Mädchen und deren Zuhälter, also der Auswurf des Volkes und, um nichts zu übergehen, auch die sich als Diener vermietenden Chinesen, welch letztere unter allen Mons immer noch als die ehrlichsten zu bezeichnen sind.

Die Mons haben ihr Stadtviertel für sich und bewohnen kleine, elende Holzhütten; auf der entsetzlich schmutzigen Straße treiben sich vor den offenen Türen magere Hunde umher, die vor Hunger die ganze Nacht heulen, und in den Hütten selbst herrscht die größte Armut und Unsittlichkeit.

Hierher lenkte der Priester seine Schritte; er hatte sich ein einfaches Gewand umgehängt, welches ihn nicht als Diener des Tempels verriet, und richtete es so ein, daß er erst bei Nacht das Viertel erreichte.

Vorsichtig schlich er durch die vor Schmutz starrenden Gassen, stieg über die Kadaver von Hunden und Katzen, scheuchte mit einem Zischen die kläffenden Köter zurück und blieb endlich vor einem Häuschen stehen, dessen Fenster anstatt des Glases mit durchsichtigem Papier überspannt waren, wie überall in China in den Wohnungen der armen Klasse.

Er spähte einen Moment hinein und klopfte dann mit der Fingerspitze einige Male eigentümlich an das Papier, worauf sofort ein großer, herkulisch gebauter Chinese mit widerwärtig schlauem Gesicht und zudringlichem Blick im Türrahmen erschien und den Klopfer musterte.

»Was willst du?« fragte kurz der Inhaber dieser Hütte.

»Tsin-Hai,« antwortete der Priester, »kennst du mich?«

Die Nacht war sehr dunkel, sodaß der fast nur in Lumpen gekleidete Mann sich vergebens bemühte, die Gesichtszüge des ihn Anredenden zu erforschen.

»Nein, wer bist du?«

»Tsin-Hai,« sagte der Priester abermals mit dumpfer Stimme, »ist dein Dolch scharf genug, den von Fremdlingen an Lao-Tssy verübten Frevel zu rächen?«

Da trat der Chinese plötzlich aus der Tür zurück, verneigte sich tief, so daß der überfallende Zopf den Boden berührte und machte eine Handbewegung, den Priester zum Eintreten nötigend – jetzt hatte er ihn erkannt.

»Tritt ein in meine arme Hütte,« murmelte er, »sie ist nicht wert, daß sie einen Diener des mächtigen Lao-Tssy aufnimmt. Entschuldige meine Armut, ich kann dir nichts bieten, als einen Schemel.«

»Es liegt allein an dir, ob sich deine Verhältnisse bessern,« deutete der Priester vielsagend an, als er in das einzige Zimmer der Hütte trat.

Es war völlig schmucklos, ohne jedes Möbel, nur in einer Ecke war ein Ofen angebracht, und um diesen herum stand einiges Kochgeschirr. Ein einziger Schemel aus Rohrgeflecht deutete an, daß man sich hier noch anders als auf die Strohmatte am Fußboden setzen konnte.

Um eine große Tonschüssel in der Mitte der Stube hockten ein Weib und ein Mädchen von sechzehn Jahren, und leicht konnte man an ihrem Aussehen erkennen, welcher Beschäftigung sie nachgingen.

»Geht hinaus!« herrschte der Besitzer der Hütte die Frauen an.

Gehorsam standen diese auf, setzten die Schüssel mit Reis beiseite und verließen das Zimmer.

Die Frau des Chinesen ist dem Manne zu unbedingtem Gehorsam verpflichtet, aber nicht seine Sklavin, wie bei den Mohammedanern, wo das Weib jedes Schutzes entbehrt. Bei den Chinesen steht das Weib unter dem Schutze des Gesetzes, dieses hört auf ihre Klagen und untersucht eine eventuelle Beschwerde. Außerdem herrscht in China die Monogamie, das heißt, jeder darf nur eine Frau nehmen, eine Ausnahme ist nur zulässig, wenn diese ihm keine Kinder schenkt. Aber die weiteren Frauen nehmen eine ganz untergeordnete Stellung ein und stehen unter der Herrschaft der gesetzlichen Gattin.

Der Priester nahm auf dem Rohrstuhl Platz und betrachtete das schlaue Gesicht des herkulischen Chinesen, der vor ihm mit untergeschlagenen Beinen Platz genommen hatte und geduldig auf die Anrede wartete.

Der Besucher kam ohne weiteres auf das, was ihn hierhergeführt hatte.

»Wo gibst du jetzt deine Vorstellungen?« fragte er.

»Am Hafen und auf den Schiffen.«

»So kennst du die beiden neuen Schiffe, welche gestern hier eingelaufen sind, den ›Amor‹ und die ›Vesta‹?«

»Ich kenne sie.«

»Warst du schon dort an Bord?«

»Nein, sie lassen keinen Gaukler ihr Schiff betreten. Ich habe es versucht, wurde aber von ihnen zurückgewiesen.

»Es sind keine Matrosen an Bord.«

»Ich weiß es, es müssen reiche und mächtige Engländer sein, welche zum Vergnügen die Arbeiten von Matrosen verrichten, und auf dem großen Schiffe mit den drei Masten sind sogar Frauen.«

»So ist es,« rief der Priester, »ich sehe, daß du sie kennst. Haben sie schon deinen Vorstellungen am Lande beigewohnt?«

»Herr, ich bin arm,« sagte der Chinese in demütigem Tone, durch welchen aber Bitterkeit drang, »meine Mittel langen nicht zu, um mir Geräte anschaffen zu können. Ich mache weiter nichts, als ich verschlucke das Schwert und lasse Kugeln in der Luft tanzen und bin froh, wenn ich einige Kupfermünzen einsammeln kann. Diese Fremden beachten einen solchen Gaukler nicht, sie gehen stolz an ihm vorüber.

Der Priester blickte sinnend vor sich hin.

»Du botest mir einmal deine Dienste an, weißt du noch?« fragte er nach einer kleinen Weile.

Des Chinesen Augen wurden lebhafter; jetzt begriff er, was den Priester in seine Hütte geführt hatte.

»Ich tat es, ich glaubte damals, du bedürftest eines scharfen Dolches,« grinste er, »ich kann von meinen Vorstellungen nicht leben, ich muß noch anderen Verdienst suchen, und was bleibt einem Angehörigen der Mons anderes übrig, als nach dem Dolch zu greifen? Arbeit bekommen wir nicht.«

»Ich weiß es,« antwortete der Priester kurz, »und ich will dir behilflich sein, Geld zu verdienen. Es ist nicht mein Interesse, das ich erstrebe, nein, es gilt, unser Allerheiligstes, was von diesen verfluchten Fremdlingen furchtbar verspottet worden ist, blutig zu rächen. – Nur der Tod kann solche Schmach sühnen.«

Er bog sich zu dem Gaukler hinüber und flüsterte dem atemlos Zuhörenden, der immer beistimmend mit dem Kopfe nickte, lange zu. Seine Augen begannen zu funkeln, wie die eines Tigers, der Beute wittert.

»Und was bekomme ich dafür?« fragte er, als der Priester endlich schwieg.

»Sieh her, für den großen bekommst du vier solche Goldstücke, für den kleinen drei.«

Gierig wollte der Chinese nach dem gelben Metall greifen, aber schnell zog der Priester die Hand mit dem Golde zurück.

»Noch nicht,« sagte er langsam, »du erhältst vorläufig drei, die anderen vier erst dann, wenn du deinen Auftrag zu meiner Zufriedenheit ausgeführt hast. Traust du mir?«

»Ich traue dir,« antwortete der Gaukler nach kurzem Besinnen, der erst unmutig darüber geworden war, daß ihm das Geld vorenthalten wurde, »einen Priester des Lao-Tssy halte ich keiner Lüge für fähig.«

»Gut, du wirst die vier Münzen sicher erhalten, wenn du sie verdient hast. Weißt du aber die zwei beschriebenen Männer unter den anderen herauszufinden? Gerade die, welche am meisten gefrevelt haben? Die Götter haben ihren Tod beschlossen.«

»So sicher werde ich sie finden, wie ich mein Weib unter Tausenden erkennen kann,« lächelte der Gaukler, »unsere Augen sind daran gewöhnt, die unmerklichsten Erkennungszeichen zu erfassen.«

Der Priester stand auf und schritt wortlos an dem sich abermals tief verneigenden Chinesen vorüber und zur Hütte hinaus.

28.

Bei der Arbeit.

»Es ist faktisch nicht mehr mit dir auszuhalten,« sagte die kleine, hübsche Mistreß Miller zu ihrem Manne, während sie Chinesen beim Decken eines riesig langen Teetisches anleitete, »wenn du nichts zu mäkeln hast, dann jammerst du, und wenn dir nichts mehr einfällt, dann mischt du dich gar in meine Angelegenheiten, und das kann ich nicht vertragen, das weißt du, denn dann bist du faktisch ein unausstehlicher Mensch.«

Der Blick, den sie bei diesen Worten dem großen, schlanken Mann mit dem blonden Backenbart zuwarf, strafte aber ihren bösen Ton Lügen, denn er war ein sehr freundlicher und liebevoller.

Mister Miller war Vertreter einer großen Teefirma in England und leitete in dem Hafen von Scha-tou das Befrachten der Schiffe und die sonstigen Kontorarbeiten. Seine Wohnung hatte er außerhalb der Stadt auf einem reizenden Landsitze, er hatte eine niedliche Villa und daneben einen großen Garten, alles nach chinesischem Stil eingerichtet, das heißt, das Haus sah wie ein geschnitztes Puppenhäuschen aus, und in dem Garten waren Quellen und Teiche angebracht, auf denen Enten und Schwäne schwammen, die Ufer waren zierlich mit Muscheln eingefaßt, auf dem Rasenplatze mit dem weichen, feinen Gras, stolzierten zahllose Goldfasanen, die Spezialität Chinas, umher, und hier und da erhob sich ein von hölzernen Säulen getragener Pavillon, an dessen Dache die klingenden Glöckchen nicht fehlten.

Zwei entgegengesetztere Charakter als Mister und Mistreß Miller, hatten sich selten zusammengefunden, aber bekanntlich ziehen sich verschiedengeartete Naturen an, und so war es auch mit diesen beiden geschehen.

Eine lustigere, übermütigere junge Frau, als Mistreß Miller, gab es nicht. Von morgens früh, bis abends spät hallten die Räume der Villa von den Klängen der heiteren Liedchen wieder, die sie unermüdlich trillerte. Die Spitzbübereien des frechsten, chinesischen Dieners vermochten nicht ein Wölkchen auf ihrer weißen Stirn hervorzubringen; brannte die Sonne mit sengender Glut herab, seufzte alles über die unerträgliche Hitze, so freute sie sich auf das kommende, abkühlende Gewitter, und regnete es vom Himmel in Strömen herab, so teilte sie ihrem Manne entzückt mit, daß die ausgetrockneten Teiche des Gartens bald wieder voll wären.

Das ganze Gegenteil von ihr war Mister Miller.

Er war wirklich ein Kauz, dem nichts recht war, und der alles bemäkelte, kritisierte und besser wußte. Die Sonne war ihm zu heiß, der Regen zu naß, das Essen wollte er am liebsten auf kaltem Feuer gekocht haben, und keiner der Diener tat etwas richtig, alle waren Faulenzer, die nicht einmal das tägliche Brot verdienten. Aber, im Grunde genommen, war er der gutherzigste Mensch, der zum Beispiel erst jemanden tüchtig ausschalt und dann über sich selbst zürnte, den armen Kerl so angefahren zu haben, was gewöhnlich zu einem Geschenk Veranlassung gab. Außerdem hatte Mister Miller noch eine sehr gute Eigenschaft, so sehr sein Zorn auch manchmal wachsen konnte, er selbst regte sich nicht dabei auf, er blieb immer ruhig und sagte die scheltenden Worte mit der größten Gelassenheit, immer mit einer weinerlichen Stimme, wegen welcher er von seiner Frau oft geneckt wurde.

»Was soll ich denn nur eigentlich tun?« sagte er auch jetzt in weinerlichem Tone zu den Vorwürfen seiner kleinen Frau, »ich will dir gern helfen, aber überall stößt du mich fort, nimmst mir den Teelöffel aus der Hand und läßt mich wie einen dummen Jungen stehen.«

»Geh' nur in dein Zimmer und lies die ›Times‹, zu etwas anderem bist du doch jetzt nicht zu gebrauchen. Die Gesellschaft wird sich sehr freuen, wenn sie einen so sauertöpfischen Menschen als Wirt bekommt, der nichts weiter als räsonnieren kann. Nimm dich einmal zusammen, setze dein freundliches Gesicht auf und spiele den Galanten, wie du es früher tatest, ehe du mich geheiratet hast. Geh' nur in dein Zimmer, du bist mir im Wege, stelle dich vor den Spiegel und übe dich, ein liebenswürdiges Gesicht zu machen!«

Sie faßte ihren Mann ohne weiteres an Arm und Rücken und schob ihn durch die Tür in ein anderes Zimmer.

Aber Mistreß Miller blieb nicht lange mit den Kulis allein in dem Salon, um das Ordnen des Teetisches zu Ende zu bringen. Bald öffnete sich die Tür wieder, und des Hausherrn flachsblonder Kopf erschien in der Spalte.

»Der Spiegel ist ja heute wieder nicht abgewischt worden,« sagte seine gedehnte, weinerliche Stimme, »wenigstens tausend Fliegen haben ihre Spuren darauf zurückgelassen.«

»So wisch' ihn ab,« entgegnete seine Frau und warf ihm ein Tuch zu. »Aber jetzt laß uns ungestört.«

Brummend zog sich Mister Miller zurück, aber diesmal war es seine Gattin selbst, welche ihn wieder zu sich ins Zimmer brachte.

»Emil, Emil,« rief sie mit einem Male laut auf, als sie gerade an einem Fenster stand, das nach dem Garten hinausführte, und als Emil bei ihr war, fuhr sie im Tone der höchsten Entrüstung fort:

»Da hört denn doch alles auf, läuft dieser Kerl mir nichts, dir nichts über unsere schönsten Blumenbeete weg. Schnell, Emil, geh und bringe ihn zur Vernunft.«

»Fällt mir gar nicht ein,« meinte ihr Gatte, »wozu haben wir denn die Diener? Ich soll aber auch alles hier im Hause besorgen, schließlich sogar noch solche zudringliche Gäste hinauswerfen.«

Durch die Gartentür war ein Fremder getreten und schritt den Kiesweg entlang, der nach dem Hause führte, aber eine Krümmung machte. Diese nun hatte der junge Mann in Pumphosen, der über die Schultern ein Kästchen und eine Ledermappe trug, nicht bemerkt und war gemütlich über den Rasen und die Blumenbeete geschritten, immer die Augen auf die Villa gerichtet, wo er am Fenster Mistreß Miller gesehen hatte. Als er endlich durch eine Quelle watete und die Kälte an den Füßen spürte, wurde er seines Irrtums gewahr, mußte aber nun weiter durch die Blumenbeete marschieren, ehe er den Weg wieder erreichte.

»Sie denken wohl, die Blumen wachsen hier wild?« sagte da plötzlich eine traurige Stimme ihm zur Seite, und als der Verirrte den Kopf wendete, sah er den Hausbesitzer vor sich stehen.

Der junge Mann, der sich eben zwischen einigen Rosenbüschen befand, stand still.

»Habe ich das Vergnügen, Mister Miller zu sprechen?« fragte er höflich.

»Das ist mein Name.«

»Absalom Youngpig, never mind,« stellte sich der Reporter vor und legte einen Finger an die schottische Mütze, »soll Ihnen Grüße von Mister Ward aus London bringen.«

»Mister Ward? Denn kenne ich gar nicht,« entgegnete der Hausherr, »wer ist denn das?«

»Kennen Sie nicht? Never mind, dann habe ich mich geirrt,« entgegnete der Reporter und trat auf den Weg.

»Sie haben sich wohl verlaufen?« fragte Mister Miller, der fast zu glauben anfing, daß er es mit einem nicht ganz Geistesnormalen zu tun habe.

»Nein, ich wollte zu Mister Miller,« behauptete der Reporter, »Sie geben doch heute abend den Tee für die Herren und Damen, welche vorgestern hier mit dem ›Amor‹ und der ›Vesta‹ angekommen sind?«

»Natürlich gebe ich den, aber was wollen Sie denn eigentlich? Oder sind sie vielleicht einer von den Herren?« setzte er höflich hinzu.

»Eigentlich noch nicht, aber es wird nicht lange mehr dauern. Aber ich gehöre mehr zu den Damen, ich gehe an Bord der ›Vesta‹.«

Jetzt war es klar, dieser Mensch war etwas verrückt, solchen Unsinn konnte kein Vernünftiger sprechen.

Mister Miller überlegte, was er tun sollte. Durch einen Diener ihn hinauswerfen lassen konnte er nicht. Der Fremde war ein Engländer, sein Landsmann, und dazu befanden sie sich in einem fremden Lande. Aber auf irgend eine Weise mußte er sich seiner entledigen.

»Gefällt Ihnen mein Garten?« fragte er.

»Wunderschön.«

»Nun, gehen Sie aber einmal auf die andere Seite des Hauses, dort ist es noch viel schöner. Kommen Sie!«

Auf der anderen Seite der Villa war nämlich die Einfahrt in den Hof, und durch diese wollte er den fremden Eindringling sich empfehlen lassen.

Er schritt voraus, an dem Eingang der Villa vorüber und sagte, ohne sich dabei umzudrehen:

»Sind Sie schon lange in China, haben Sie ein Geschäft hier?«

Er mußte die Frage wiederholen, und als keine Antwort erfolgte, drehte er sich um und blieb sofort verdutzt stehen – Mister Youngpig war ihm gar nicht gefolgt, sondern war, als er an dem Eingang der Villa vorbeikam, ohne weiteres in diese eingetreten.

»Jetzt schmeiße ich den Kerl hinaus; so eine Unverschämtheit ist mir doch noch nicht vorgekommen,« jammerte Mister Miller, stürmte in das Haus und fand den Reporter schon in einem Gespräch mit seiner Frau, die sich über ihn sehr zu amüsieren schien.

Mister Miller hatte keine Zeit mehr, seinem Unmut freien Lauf zu lassen, denn schon fuhren zahlreiche kleine, zweirädrige Wagen mit Pferdchen davor in den Hof, die Gesellschaft mit sich bringend. Er eilte hinaus, um zu empfangen, und außerdem kam ihm dann auch der Gedanke, dieser seltsame Kauz könnte doch mit zu den Gästen gehören, von denen er nur sehr wenige persönlich kannte.

Mistreß Miller hatte erfahren, daß der ›Amor‹ und die ›Vesta‹ in Scha-tou verankert lagen, und sie ließ ihrem Mann keine Ruhe, bis dieser fest versprach, sein möglichstes zu tun, um diese berühmten Weltumsegler zu einem Besuche in ihrem Hause zu bewegen.

Es war dem Gemahl nicht schwer gefallen, dieses zu stande zu bringen. Er kannte einige der Herren von England aus, erneuerte die Bekanntschaft mit diesen, und bald hatten alle zugesagt, einen Nachmittag auf der Besitzung des englischen Kaufmanns zu verbringen.

Die Vorstellung war vorüber, die Mädchen waren sofort mit der lustigen Hausfrau vertraut geworden, die Herren waren zeremoniell begrüßt worden, als auch die Person des Mister Youngpig entdeckt wurde, der bisher hinter einem Fenstervorhang gestanden hatte und so unbemerkt geblieben war.

»Um Gottes willen,« flüsterte Ellen der Mistreß Miller zu, »haben Sie diesen Herrn dort auch eingeladen?«

»Nein,« antwortete die Hausfrau erstaunt, »er ist von selbst gekommen, und ich glaubte, er wäre ein Herr vom ›Amor‹. Ist seine Gesellschaft Ihnen unangenehm?«

»Das gerade nicht,« lachte Miß Thomson leise, »manchmal kann man sich recht über ihn amüsieren. Er ist ein Reporter der ›Times‹ und verfolgt uns hier auf Schritt und Tritt, hat immer sein Notizbuch in der Hand, will uns über alles ausfragen und arbeitet ununterbrochen mit seinem Photographenapparat. Ich glaube, es ist keine mehr unter uns, deren Bild er nicht schon in der Ledermappe trägt.«

»Gestern fragte er mich ganz ernsthaft, ob er nicht an Bord der ›Vesta‹ kommen könnte,« meinte Ellen.

»Zum Ansehen?« fragte Mistreß Miller.

»Nein, ob er mit uns darauf fahren könne.«

Das Gespräch war von Mister Miller aufgefangen worden, und sofort wendete er sich an Youngpig.

»Ach was, Sie sind der Reporter der ›Times‹?«

Er hatte plötzlich seine weinerliche Stimme und sein Phlegma verloren, er interessierte sich nämlich ganz ungeheuer für die ›Times‹, sie waren seine einzige Lektüre, und als er gar einst von der Redaktion mit überschwenglich höflichen Worten ersucht worden war, einen Artikel über die Teefabrikation in China zu schreiben und nach Lieferung desselben einen ebenso von Dankesphrasen strotzenden Brief erhalten hatte, schwärmte er für alles, was mit dieser Zeitung in Verbindung stand. Er selbst fühlte sich als Mitarbeiter dieses Weltblattes, ohne dessen Hilfe damals der Redaktion ein empfindlicher Schaden zugefügt worden wäre, und immer wieder konnte er davon erzählen.

»Spezial-Korrespondent der ›Times‹, zu dienen,« erwiderte Youngpig.

Jetzt hatte Mister Miller seinen Mann gefunden.

»Seien Sie mir willkommen, mein lieber Herr,« rief er, »das freut mich ungemein, Sie sozusagen als Kollegen begrüßen zu können. Auch ich bin nämlich ein eifriger Mitarbeiter der ›Times‹, der Chefredakteur ist mein spezieller Freund und quält mich immerfort, Beiträge zu liefern. Haben Sie zum Beispiel meinen Artikel vor zwei Jahren über die chinesische Teerösterei gelesen?«

»Natürlich, der hat Sensation gemacht, andere Blätter haben hunderte von Pfund geboten, um ihn abdrucken zu dürfen. Das läßt sich aber bei uns nicht machen, wir bringen nur Originale und verkaufen nichts und wenn uns eine Million Pfund Sterling geboten würde.«

Der Reporter hatte den Aufsatz gar nicht gelesen, aber er hatte Mister Miller sofort richtig beurteilt.

Die Gesellschaft hatte unterdes an der mit Teetassen und Backwerk bedeckten Tafel Platz genommen, aber noch im letzten Moment wußte es der Hausherr so einzurichten, daß der Reporter an seine Seite zu sitzen kam, und während die chinesischen Diener die gefüllten Tassen und Kuchenteller präsentierten, die übrigen sich in Gespräche verwickelten, welche sich natürlich hauptsächlich um die erlebten Abenteuer drehten, vertieften sich Miller und Youngpig darin, wie heiß die kupfernen Platten sein müßten, um den Teeblättern die nötige Kouleur zu geben, ohne sie zu verbrennen und wie er darüber auch noch einiges an die ›Times‹ einsenden wolle.

»O weh,« seufzte seine Gattin in komischer Verzweiflung, »Mister Miller reitet auf seinem Steckenpferde, und ehe das nicht tot zu Boden sinkt, steigt er nicht ab.«

Der Hausherr merkte gar nicht, wie der Reporter auf dem Stuhle hin- und herrutschte, wie er dem Sprecher nie ins Gesicht sah, sondern seine Augen fortwährend von einer Dame zur anderen schweifen ließ und jede ihrer Handlungen und Bewegungen beobachtete. Kaum aber wurde Mister Miller einmal von seiner Dame zur Linken gefragt, ob er dem Geschmack des grünen oder des schwarzen Tees den Vorzug gäbe, so wendete sich der Reporter mit einem Ruck zur Seite, zog schnell das Notizbuch aus der Tasche und fragte seine Nachbarin:

»Trinken Sie immer Tee auf der Vesta?«

»Es ist verschieden, manchmal Tee und dann wieder Kaffee,« antwortete das Mädchen.

»Was trinken Sie früh?«

»Tee.«

»Nachmittags?«

»Kaffee.«

»Und abends?«

»Wieder Tee.«

Das Mädchen hatte nicht bemerkt, daß Mister Youngpig auf seinen Knieen ihre Antworten notierte, als sie es aber sah, mußte sie lachen.

»Interessiert das die ›Times‹ wirklich so, ob wir Tee oder Kaffee trinken?« fragte sie lächelnd.

»Ganz ungeheuer, und es ist von der größten Wichtigkeit, über derartige Sachen genauen Bescheid zu wissen. Der kleinste Fehler kann große Folgen nach sich ziehen.«

»Aber bedenken Sie nicht, daß wir vielleicht gar nicht gewillt sind, solche wichtigen Fragen, wie Sie an uns stellen, zu beantworten, oder vielleicht ganz anders, als es sich wirklich verhält?«

Der Reporter zog eine verblüffte Miene.

»Ich hoffe doch nicht von Ihnen, daß Sie mir etwas vorlügen?« sagte er bestürzt.

»Ich lüge nicht, aber ich erkläre Ihnen hiermit, wie schon andere Damen getan haben, daß ich Ihre Fragen betreffs der ›Vesta‹ nicht mehr beantworten werde. Schon unsere Gesetze verbieten uns, darüber zu sprechen, und wenn Sie auch nur die Tee- und Kaffeeverhältnisse berühren.«

»Ich bin unglücklich,« seufzte der Reporter und steckte sein Notizbuch ein, »ich hätte nicht geglaubt, auf einen solch hartnäckigen Widerstand zu stoßen.«

»Sie tun mir leid,« bedauerte ihn das Mädchen, »aber ich kann Sie in Ihrem Berufe wirklich nicht unterstützen; mein Pflichtbewußtsein verbietet es mir. Doch warten Sie, Mister Youngpig, ich will Ihnen wenigstens einen Rat geben, wo Sie sich am besten Auskunft holen können.«

Das Mädchen blickte sich in der Gesellschaft um, und bald hatte sie die gesuchte Person gefunden. Sie saß zwischen Sir Williams und Mister Wood, mit dem Sie hier wieder zusammengetroffen waren. Er hatte gesagt, er befände sich geschäftlich in Scha-tou.

»Sehen Sie die junge Dame dort, in der blauen Blouse mit den gelben Spitzen?« fragte sie.

Der Reporter bejahte.

»Das ist eben die, welche ich noch nicht photographiert habe. Immer, wenn ich ihr den Kasten vors Gesicht halte, dreht sie sich um, hält sich das Taschentuch vor die Nase, riecht an eine Blume, niest, oder macht sonst etwas, was mir das Bild zerstört. Wie heißt sie?«

»Miß Staunton. Mit der müssen Sie nachher Bekanntschaft zu machen suchen. Sie ist die jüngste unter uns und daher die offenherzigste, die wird Ihnen alles ausplaudern, was Sie von ihr wissen wollen. Ob es Miß Staunton mit ihrem Gewissen ausmachen kann, wenn Sie verrät, wieviel Zucker sie in ihren Tee tut, ist nicht meine Sache.«

Mister Youngpig konnte kaum erwarten, daß der Teetisch aufgehoben wurde. Es war am Abend, und die Gesellschaft begab sich in den Garten, um die kühle Luft zu genießen. Sofort war der Reporter an Miß Stauntons Seite, welche neben dem mitgenommenen oder vielmehr mitgefahrenen Hannes ging, denn der Leichtmatrose ließ sich von seinem Herrn durchaus nicht befehlen, an Bord zu bleiben. Wurde er nicht aufgefordert, an einem Ausflug teilzunehmen, so ging er unaufgefordert mit, aber meist versäumte Williams nie, die Einladung erfolgen zu lassen, denn er hatte wohl erkannt, wie Hope und Hannes zusammen standen, und er war viel zu großherzig, um in dem Verkehr des Matrosen mit der reichen und gebildeten Amerikanerin etwas Anstößiges zu finden.

Mister Youngpig fand die beiden in ein leises Gespräch vertieft an einem Weiher stehen, und der Blick, den er von Hannes zugeschleudert bekam, schüchterte ihn zwar nicht gerade ein, ließ ihn aber doch jetzt schon ahnen, daß sich die beiden bald eines ungewünschten Zuhörers entledigen würden.

Doch der Reporter hatte Glück.

Noch ehe er seinen Mund zu einer Anrede öffnete, rief der in einiger Entfernung mit Sir Williams zusammenstehende Mister Wood des Matrosen Namen, und Hannes, welcher wußte, daß Wood der Detektiv war, vor dem er einen gewaltigen Respekt hatte, folgte nach einem mit Hope gewechselten Händedruck eiligst der Aufforderung.

»Habe ich das Vergnügen mit Miß Staunton zu sprechen?« fragte der Reporter, diesmal die ganze Hand an die Mütze legend, ein Zeichen seiner größten Ehrerbietung.

»Es freut mich, Ihre nähere Bekanntschaft zu machen, Mister Youngpig,« erwiderte Hope freundlich, »ich habe schon so viel von Ihnen erzählen hören, über Ihre kecken Unternehmungen zum Beispiel, und auch die anderen Damen, meine Freundinnen, haben mich auf Sie aufmerksam gemacht; daher ist mir Ihr Name bereits ohne Vorstellung bekannt.«

Der Reporter war überglücklich. Endlich hatte er einmal ein Mädchen gefunden, welches, nicht wie die anderen Vestalinnen, die er seit vierundzwanzig Stunden auf Schritt und Tritt verfolgte, ihm bei jeder Frage den Rücken kehrte, sondern sich mit ihm in ein freundliches Gespräch einzulassen geneigt schien.

Das mußte ausgenutzt werden, so eine Gelegenheit bot sich nicht gleich wieder. – Youngpig hatte schon die eine Hand an dem noch in der Tasche steckenden Notizbuch, und die andere war bereit, nach dem hinter einem Ohre steckenden Bleistift zu greifen.

»Teufel,« dachte er, »warum bin ich nicht gleich an die geraten! Lasse ich mich von den anderen kurz abfertigen oder gar hart anfahren, und dieses Mädchen ist die Liebenswürdigkeit selber. Jetzt aber aufgepaßt und geschickt gefragt, die Goldgrube muß ausgebeutet werden.

»Ich schätze mich glücklich,« sagte er laut, »daß Sie an meiner Wenigkeit solches Interesse nehmen, und so bin ich auch zu der Hoffnung berechtigt, daß Sie meine neugierigen Fragen –«

»O bitte.«

»– nicht als solche auffassen, sondern, da Sie wissen, daß ich Reporter der »Times«–«

»Gewiß, ich weiß, es ist mir erzählt worden.«

»– bin, mich unterstützen werden. So erlauben Sie mir vor allen Dingen –«

»Herzlich gern erlaube ich es.«

»– die Frage, welche ich schon an verschiedene der Damen immer vergebens gestellt habe. Waschen Sie sich des Morgens zusammen an Deck, wie es auf anderen Schiffen gebräuchlich ist, oder wäscht sich jede der Damen einzeln in ihrer Kabine?«

»Das ist sehr verschieden,« antwortete Hope ernsthaft, »es kommt ganz darauf an, wie das Wetter gewesen ist. Aber Sie können ja nicht mehr zum Schreiben sehen.«

Youngpig hatte das Notizbuch schon hervorgezogen und fing an zu kritzeln.

»Ich kann vollständig sehen,« sagte er, »ich brauche gar nicht hinzublicken, wenn ich schreibe. Waschen richtet sich nach dem Wetter – so bitte, wollen Sie fortfahren.«

»Ja. Ist es zum Beispiel schönes Wetter, so waschen wir uns alle Tage, und zwar in der Kabine, oft aber, wenn es stürmisch ist, haben wir uns wochenlang nicht gewaschen, und dann ist es natürlich nötig, daß wir uns später einer gründlichen Reinigung unterziehen.«

»Gründliche Reinigung,« notierte der Reporter und blätterte um. »Auf welche Weise geschieht diese?«

»Diese müssen wir natürlich an Deck vornehmen, und zwar bearbeiten wir uns gegenseitig mit Besen und Scheuerbürste.«

»Besen und Scheuerbürste,« notierte Youngpig, »so, danke, Miß, never mind, darüber wäre ich mir nun also klar. Aber nun gestatten Sie mir noch eine andere Frage, nämlich das Essen betreffend. Darüber herrscht noch eine allgemeine Unkenntnis.«

»Was sagt man, wie wir uns beköstigen?« fragte Hope.

»Die Meinungen sind verschieden; einige Reporter haben behauptet, Ihre Mahlzeiten wären sehr lukullisch, andere wiederum sagen, an Bord der ›Vesta‹ würde sehr einfach gelebt, ja, die Vestalinnen wären sogar Vegetarianer. Wollen Sie mich darüber belehren, bitte!«

»Wir leben in der Tat sehr einfach,« erklärte Hope, »wenn auch nicht gerade vegetarianisch, so kommt doch Fleisch auf unserem Küchenzettel nicht häufig vor, ausgenommen gesalzener Schweinespeck, den wir täglich haben. Unsere Hauptnahrung besteht in Kartoffeln und Hafergrütze, und wenn Sie es wünschen, so will ich Ihnen den wöchentlichen Speisezettel nennen, doch muß ich Sie bitten, nicht zu sagen, von wem Sie ihn erfahren haben.«

»Ich bin verschwiegen,« versicherte der Reporter. »Kehrt dieser Speisezettel denn immer wieder?«

»Jede Woche ist er derselbe. Also passen Sie auf, schreiben Sie alles richtig nach: Montag gibt es Speck, Hafergrütze und Kartoffeln, Dienstag: Hafergrütze, Kartoffeln und Speck, Mittwoch: Kartoffeln, Hafergrütze und Speck, Donnerstag: Speck, Kartoffeln und Hafergrütze, Freitag: Hafergrütze, Speck und Kartoffeln, Sonnabend: Kartoffeln, Speck und Hafergrütze, und am Sonntag werden die übriggebliebenen Reste aller dieser verschiedenen Mahlzeiten aufgewärmt, und dazu gibt es präserviertes Rindfleisch. Haben Sie es notiert?«

»Ja. Ist das Essen denn nicht am Sonntag manchmal verdorben?«

»Durchaus nicht, es riecht etwas, aber schmecken tut es immer delikat.«

»Wieviele Pfund Nahrungsmittel gebrauchen die Damen zusammen ungefähr täglich?«

»Durch den fortwährenden Aufenthalt in der frischen Luft sind wir alle enorm starke Esser geworden, aber wieviel wir verzehren, kann ich nicht genau angeben. Doch halt, durch eine Rechnung wird es mir möglich sein. Die ›Vesta‹ ist ziemlich leicht gebaut, so daß wir als Ballast nur Nahrungsmittel mitnehmen, eben Hafergrütze und Kartoffeln, und da diese immer weniger werden, so müssen wir anderen Ballast einnehmen, und zwar lassen wir Salzwasser in die leeren Behälter laufen, dessen Menge wir am Hydrometer messen können. Täglich müssen wir nun ungefähr zwei Hektoliter Wasser zulaufen lassen, wieviel würde das für jede Person ausmachen? Wir sind 25.«

»200 dividiert durch 25 macht 8,« rechnete der Reporter, »also jede Person täglich 8 Pfund. Sie scheinen guten Appetit zu haben.«

»Das könnte stimmen,« meinte Hope nachdenkend.

»Und wie steht es mit den Trinkverhältnissen? Sie trinken morgens Tee, nachmittags Kaffee und abends Tee, nicht wahr? Aber nehmen Sie auch zuzeiten Bier und Wein zu sich? Was trinken Sie, wenn Sie einmal Durst verspüren?«

»Ich weiß nicht, ob ich Ihnen dies erzählen darf!« sagte Hope zögernd. »Wenn die Damen davon erfahren, wären sie außer sich. Ich glaube, sie würden mich sofort wegjagen.« »Seien Sie unbesorgt, liebes Fräulein,« versicherte der Reporter, »ich plaudere es niemandem wieder aus.«

»Sehen Sie, das ist nämlich eine komische Geschichte. Als wir von New-York weggingen, waren auch wir, wie in Amerika unter den besseren Kreisen üblich ist, Temperenzler, das heißt, wir tranken nur Wasser, Tee und Kaffee. Spirituosen nahmen wir nur als Medizin mit. Nun klagte einmal eine Dame über Magenschmerzen, und sie bekam von Miß Petersen einen Löffel Rum in den Tee, am anderen Tage kam eine zweite, dann eine dritte, und schließlich hatten wir alle Magendrücken.«

»Das kommt von den vielen Kartoffeln.«

»Nichtwahr, das habe ich auch immer gesagt! Aber ein Löffel Rum reichte bald nicht mehr. Der Magen hatte sich schon an die Medizin gewöhnt, die Schmerzen ließen nicht nach, sondern wurden immer heftiger, und so ordnete die Kapitänin, die zugleich die Stelle des Arztes vertritt, an, daß der Tee und Kaffee regelmäßig mit Rum oder Kognak serviert würde. Bald aber tranken wir nicht mehr Tee mit Rum, sondern Rum mit Tee, und jetzt kommt es sogar manchmal vor, daß wir, wenn wir Tee trinken, uns den reinen Rum in die Tassen schenken.«

»Bekommt Ihnen diese Art von Getränk gut?«

»Ausgezeichnet. Jedesmal, wenn wir den Tee eingenommen haben, fühlen wir uns ungeheuer lustig; wir singen, tanzen, lachen und scherzen, und es kommt sogar vor, daß wir unsere Körperkräfte messen.«

»Sie treiben dann Ihre Spiele?«

»Ja, sehr lustige. Haben Sie zum Beispiel die Dame mit dem Verband um den Kopf gesehen?«

»Freilich, sie hat einen Streifschuß in dem Kampfe gegen die malayischen Seeräuber davon getragen!«

»Ach wo,« rief Hope, »das ist ja gar nicht wahr. Da ich Ihnen nun schon vieles von den Geheimnissen der ›Vesta‹ erzählt habe, kann ich Ihnen auch noch das sagen. Miß Nikkerson hatte mit einer Dame ein Spiel arrangiert, welches wir oft spielen, besonders nach dem Tee, wenn wir so gemütlich beieinander sind. Wir stellen uns mit geballten Fäusten einander gegenüber, und jede sucht die andere im Gesicht zu treffen. Welcher dies am meisten gelingt, die hat gewonnen. Manche nehmen auch Knüppel dazu, und von einem solchen ist Miß Nikkerson aus Versehen an der Schläfe geritzt worden.«

Auf diese Weise ging es noch eine halbe Stunde weiter. Der Reporter schrieb die unsinnigsten Antworten Hopes, betreffs der ›Vesta‹ und der Vestalinnen, nieder, und sie war fest davon überzeugt, daß Youngpig ihr alles glaubte, sonst hätte er doch nicht immer eifrig notiert. Er machte nicht einmal ein zweifelndes Gesicht, wenn sie ihm die größten Unmöglichkeiten erzählte, nie erlaubte er sich eine Bemerkung einzuwerfen, und schließlich wurde Hope so kühn, zu behaupten, sie wären schon alle einmal am Mast durchgepeitscht worden, weil sie die Gesetze der ›Vesta‹ übertreten hätten. Aller Rücken zeigten schon die Narben von Peitschenhieben, und sie beschrieb dem immer nachschreibenden Reporter ganz genau, wie eine solche Exekution vorgenommen würde.

Die Gesellschaft schien aufbrechen zu wollen, die im Garten Spazierengehenden wurden gerufen, und so gingen auch sie beide in die Villa, um die abgelegte Garderobe zu holen.

Als sie sich in dem hellerleuchteten Treppenflur befanden, sagte Hope in ängstlichem Tone zu dem Reporter:

»Aber nicht wahr, Sie plaudern doch nichts aus? Ich glaube, die Kapitänin würde mich langsam zu Tode martern lassen.«

»Seien Sie unbesorgt, liebe Miß,« sagte Youngpig, »das Plaudern ist nicht mein Geschäft, sondern nur das Schreiben.«

Hope tat, als wäre sie über den Sinn, der in diesen Worten lag, ganz entsetzt, angstvoll blickte sie den Reporter an.

»Sehen Sie dort den Skorpion an der Wand hinaufkriechen?« rief plötzlich Youngpig, ehe Hope ihn noch um Verschwiegenheit bitten konnte, und deutete nach einem Winkel.

»Nein, wo ist er?« fragte Hope und blickte nach der angedeuteten Richtung.

Knacks! ging es neben ihr.

»Danke, never mind,« sagte der Reporter, hing den Photographenapparat wieder an die Seite, legte die Finger an die Mütze und ging noch einmal in den Garten hinaus – Garderobe hatte er ja nicht anzulegen.

»Jetzt hat er mich doch einmal angeführt,« murmelte Hope ärgerlich, »ich wollte mich ja nicht photographieren lassen. Na, never mind, ich habe ihn doch noch besser veralbert. Das gibt einen Hauptspaß, wenn die »Times« die ganz genaue Beschreibung der ›Vesta‹ und ihrer Besatzung bringen werden.« Und lachend stieg sie die Treppe hinauf.

»Nun, mein lieber Absalom,« redete draußen Nick Sharp den Reporter an, »hast du viele Neuigkeiten über die ›Vesta‹ erfahren, als du so angelegentlich mit der Dame sprachst?«

Der Reporter zog sein Notizbuch hervor.

»Wenigstens zehn Seiten habe ich vollgeschrieben,« sagte er stolz.

Der Detektiv betrachtete ihn mitleidig.

»Armer Kerl,« sagte er dann, »reiß' die Blätter heraus und wirf sie weg, du bist ganz furchtbar angeführt worden. Jenes Mädchen, das du fragtest, ist nämlich ein ganzer Ausbund, ihr Kopf steckt nur voller Dummheiten, und wenn sie jemanden hat, der ihr glaubt, den lügt sie so an, bis er schwarz wird. Versuche noch einmal, ob Johanna dir nichts erzählen will, auch ich werde nochmals mit ihr sprechen.«

»Aber Nick,« sagte der Reporter mit schlauem Lächeln, »denkst du etwa, ich habe dem Mädchen etwas geglaubt? Nein, für so dumm darfst du mich denn doch nicht halten.«

»Wozu hast du dir denn allen jenen Unsinn notiert?«

»Zum Einschicken an die »Times« jedenfalls nicht,« erwiderte Youngpig lachend, »die würden mir eine schöne Antwort zukommen lassen. Aber verwendet sollen diese Notizen doch werden, eine Geschichte wird es geben, wie sie noch gar nicht dagewesen ist,«

»Na, du bist ja von jeher ein Federfuchser gewesen,« brummte der Detektiv, »meinetwegen lüge ein Theaterstück daraus zusammen.«

29.

Die Wagenfahrt.

Während die Damen noch Toilette machten, um sich für die Fahrt nach der Stadt vorzubereiten, hatte der Detektiv Williams aufgesucht, dann auch noch Hannes herbeigeholt, und auf die Bitte Sharps schloß ihnen ein Diener ein Zimmerchen auf, in dem sie so lange verweilten, bis das Stampfen der Pferde verriet, daß angespannt worden war.

»Also es bleibt dabei, Mister Wood!« sagte Charles laut, als er über den Hof nach dem letzten Wagen schritt.

Ehe er ihn erreicht hatte, trat ihm Miß Thomson entgegen.

In den Wagen hatten je vier Platz genommen, und während auf der Herfahrt Miß Thomson zusammen mit Charles gesessen hatte, war der letzte Wagen schon von Hannes, Lord Hastings und Johanna besetzt, also nur noch ein Platz war frei, und den schien eben Charles einnehmen zu wollen.

Miß Thomson beachtete die Blicke nicht, welche die schon Eingestiegenen auf sie warfen, als sie ihrem Geliebten entgegentrat und ihn zurückzuhalten suchte.

»Aber was ist denn das?« flüsterte sie bestürzt. »Warum kommst du nicht zu mir Charles? Die ganze Ordnung ist ja eine andere geworden.«

Es war in der Tat so. Vorhin war der letzte Wagen von anderen Personen besetzt gewesen, aber die drei Genannten hatten diesen sofort bestiegen und ließen nur einen Platz für Williams offen.

»Es dauert ja nur eine halbe Stunde, Betty,« flüsterte Charles, »wir vier haben es so ausgemacht, daß wir zusammenfahren wollen, wir haben etwas miteinander zu besprechen.«

»Was denn?« fragte Betty neugierig. »Hast du Heimlichkeiten vor mir? Das ist nicht schön!«

»Ich erzähle es dir nachher. Geh' nur, Schatz, suche dir einen Platz, da im Wagen vor uns sitzt Mister Wood, ich habe ihm schon gesagt, daß ich ihn dir als Beschützer mitgebe.«

»Aber, Charles,« bat Miß Thomson, »wie sonderbar bist du mit einem Male! Laß doch Mister Wood in den letzten Wagen steigen. Ich habe mich schon so auf die schöne Fahrt gefreut, und nun verdirbst du sie mir mit deinem Eigensinn.«

Williams war schon in den Wagen gestiegen, und Miß Thomson blieb nichts anderes übrig, als im vorletzten Wagen neben Mister Wood Platz zu nehmen, denn die Pferde zogen schon an. Sie war sehr ärgerlich und beachtete die Höflichkeiten ihres Nachbars gar nicht, den sie wegen seiner spöttischen Fragen und Antworten schon in Batavia nicht hatte leiden mögen. Diesmal unterließ er solche zwar, er benahm sich freundlich und zuvorkommend gegen sie, aber ihr Vorurteil gegen diesen Mann ließ sie nicht fallen, sie blieb kalt und einsilbig.

Allein bald änderte sich ihre Stimmung. Mister Wood kam natürlich auf Charles zu sprechen, und da das ihnen gegenübersitzende Paar sich vollständig in ein Gespräch vertieft hatte und kein Ohr für andere hatte, so ging Betty auf die neue Unterhaltung ein, sie hatte für das Mädchen natürlich das größte oder vielmehr das einzige Interesse.

»Sie sind mit Sir Williams eng befreundet, nichts wahr?« sagte sie.

»Ja, wir sind von Jugend an Freunde gewesen, erst mit dem eintretenden Mannesalter sind wir voneinander getrennt worden, aber die Freundschaft haben wir uns bis jetzt bewahrt. Ich kenne Sir Williams fast ebenso, wie mich selbst.

»Er soll eine etwas wilde Jugend hinter sich haben?« fragte wiederum Betty, ohne einen Grund zu diesem Argwohn zu finden. Aber von Charles konnte sie nie etwas derartiges erfahren, sie wußte nicht, ob er Spaß oder Ernst mache, doch hoffte sie, von Mister Wood, seinem Freunde, etwas Näheres über ihn zu erfahren. Schön ist zwar eine solche Neugierde nicht, sagte Betty sich selbst, aber du lieber Gott, sie ist verzeihlich, und außerdem glaube ich auch nicht, was Mister Wood etwa Ungünstiges über ihn spricht.

»Ein wilder Junge ist er allerdings immer gewesen,« bestätigte Mister Wood, »und ist dann auch etwas flatterhaft geworden. Wie soll es denn anders sein, reich, jung und hübsch und ohne Aufsicht, dafür ist er ja aber jetzt ein braver, solider Mann.«

Das Gespräch versprach ja recht interessant zu werden. Dieser Mister Wood war übrigens ein schlechter Mensch, so etwas von seinem Freunde zu sprechen, und noch dazu zu derjenigen, von der er doch ganz sicher wußte, daß Williams ihr nicht gleichgültig war. Aber Betty war ein Weib, sie konnte das Weiterforschen nicht lassen, doch immer mit dem festen Entschlüsse, etwas Schlechtes nicht zu glauben.

»Flatterhaft,« sagte sie unschuldig. »Wie meinen Sie das?«

»Nun, mein Gott, er soll früher etwas gefährlich gewesen sein, manches zarte Herz soll an seinen Augen Feuer gefangen haben. Doch das ist jetzt vorbei, er hat mir oft erklärt, daß er dies völlig hinter sich habe, und daß er überhaupt der Liebe nicht mehr zugänglich sei, wenigstens soweit sich dies überblicken lasse.«

»Wann hat er ihnen dies gesagt?«

»Erst vorhin, als wir zusammen im Garten spazieren gingen.«

Also wußte Mister Wood noch nicht, daß Charles sie liebe. Natürlich, sie hatte in dem Mann an ihrer Seite schon lange eine ganz nüchterne, prosaische Natur erkannt, die über alles Schöne lachen konnte. Wie sollte dieser Mensch das entdeckt haben, was zwischen ihnen beiden ganz heimlich vorging? Charles verriet ihm sicher nichts, wenn er auch sein Freund war. Jetzt durfte sie schon offener fragen.

»So meinen Sie, daß er für keine der Damen der ›Vesta‹ ein tieferes Interesse hegt?«

»Ein tieferes Interesse? Soviel ich weiß, nein,« sagte Mister Wood langsam, und Betty merkte, daß er sichtlich zögernd sprach.

»Sprechen Sie sich offen aus!« meinte Betty scherzhaft, »Sie wissen, wir Mädchen, sind etwas neugierig und hören solche Geheimnisse gern. Seien Sie versichert, daß ich darüber reinen Mund halten werde. Aber ich bin wirklich neugierig, zu erfahren, für wen dieser Sir Williams, der über alles scherzt, eine Neigung besitzen soll.« »Wie ich Ihnen schon sagte, Charles hat mir selbst erklärt, daß er sich keiner Liebe mehr für fähig hält.«

»Aus Ihrer Antwort vorhin schloß ich das Gegenteil.«

Mister Wood blickte lange sinnend vor sich hin, dann sah er dem Mädchen fest in die Augen und nahm plötzlich dessen Hand in die seine.

»Miß Thomson,« sagte er leise, und es schien dem Mädchen, als ob seine Stimme zitterte, »haben Sie noch nicht gemerkt, daß ich, daß ich –«

Er konnte vor Verlegenheit nicht weiter.

»Was?« fragte Betty, die nicht wußte, wohinaus Wood wollte, von dem folgenden hatte sie keine Ahnung.

»... daß ich Sie liebe.«

Betty saß vor Staunen starr da, sie glaubte zu träumen. Dieser Mister Wood, der sie noch fast gar nicht angesehen hatte, behauptete mit einem Male, er liebe sie.

Hastig zog sie die Hand zurück.

»Seien Sie mir nicht böse,« sagte er mit weicher Stimme, »ich weiß, ich bin Ihrer nicht wert, ich verlange keine Gegenliebe von Ihnen, ich bin schon froh, wenn ich Sie lieben darf. Aber ich flehe Sie an, hören Sie auf mich, glauben Sie meinen Worten, die ich an Sie richten muß, und wenn es mich den besten Freund kosten sollte. Ich kann nicht mehr mit ansehen, daß Sie das Opfer eines Leichtsinnigen werden, das Herz blutet mir, wenn ich dem Spiele zusehe, das mit Ihnen getrieben wird.«

»Was sagen Sie?« fragte Betty gedehnt.

Sie ward immer bestürzter. Wollte dieser Mann sie etwa ihrem Verlobten abspenstig machen, wollte er ihr überhaupt etwas von ihm erzählen? Nein, das war ja gar nicht möglich.

»Ich sage, daß mit Ihnen einen frevelhaftes Spiel getrieben wird. Eben, weil ich Sie anbete, wenn auch nur aus der Ferne, warne ich Sie vor meinem Freunde, vor Charles. Er selbst hat es mir gesagt, wie er sich aus Uebermut mit Ihnen in eine Liebelei eingelassen habe, um bei der Reise doch etwas Vergnügen zu haben – das waren seine eigenen Worte – aber es ist mir unmöglich, Sie das Opfer eines solchen Betruges ...«

Er konnte nicht weitersprechen, Betty unterbrach ihn.

Sie hatte während dieser Worte die Augen starr auf ihn gerichtet gehabt, als könne sie ihn nicht verstehen, dann fiel ihr Blick auf Charles, den sie trotz der Dunkelheit im letzten Wagen noch erkennen konnte, und plötzlich sprang sie auf, die Hände zusammengeballt.

»Mein Herr,« stieß sie leise, aber in furchtbar aufgeregtem Tone hervor, »ich verbitte mir ein für allemal, in solcher Weise von Sir Williams zu reden. Wenn ich wüßte, daß Sie ihn böswillig zu verleumden suchen, so würde ich, bin ich auch nur ein Mädchen, Ihnen in anderer Weise antworten.«

Eine nähere Erklärung fand nicht statt, auch die beiden anderen Insassen beachteten diese Worte, welche sie gehört hatten, nicht weiter. Aller Augen richteten sich auf den letzten Wagen, auf dem sich eben eine seltsame Szene abspielte.

Betty hatte während ihrer hervorgeschleuderten Worte nach Charles geblickt, und kaum hatte sie geendet, als sie laut aufschrie, sie sah, wie plötzlich Charles, so glaubte sie wenigstens, rücklings über die Lehne vom Wagen herabstürzte, wie Johanna dem die Pferde lenkenden Chinesen in die Zügel fiel, und wie gleichzeitig Lord Hastings und Hannes aus dem Wagen sprangen.

»Charles!« schrie Betty entsetzt auf, und mit einem Satze war sie von dem hohen Sitz herunter und an dem letzten Wagen.

Sie konnte in der Dunkelheit nur erkennen, wie einige Männer in einer aufwirbelnden Staubwolke am Boden rangen. –

Wo Charles Williams war, mußte es immer lustig hergehen, und wenn er auch nur mit solchen Personen zusammen gewesen wäre, wie es der phlegmatische Hastings und die stille, ernste Johanna waren, Charles duldete keine ernsthafte Miene und keine traurigen Gespräche.

Ebenso war Hannes bekanntlich kein Kopfhänger, ihm konnte es nicht so leicht zu toll werden, und so kam es, daß es in dem letzten Wagen ungeheuer heiter zuging, zum geheimen Kummer von Miß Betty, welche wünschte, statt neben Mister Wood im anderen Wagen zu sitzen.

Sonderbarerweise hatten aber auch heute abend Lord Hastings und Johanna ihre sonstigen Naturen abgelegt, auch sie waren ungewöhnlich aufgeräumt und lachten fortwährend über die Gespräche und Witze, mit denen Charles, wie auch Hannes, um sich herumwarfen, taten sogar selbst ihr bestes, die gute Stimmung nicht einschlummern zu lassen.

Hannes und Williams saßen auf dem Hintersitz, das Gesicht also nach den Pferden zu gerichtet und lehnten sich bequem hintenüber, während Johanna und Lord Hastings den Vordersitz einnahmen.

Charles zog ein Etui hervor und steckte sich eine Zigarre an, stand dann auf und klopfte dem chinesischen Kutscher auf die Schulter.

»Willst du eine Zigarre rauchen, mein Bursche?« fragte er ihn. Der Rosselenker wandte den Kopf und zeigte dem Frager grinsend die Zähne, er hatte ihn nicht verstanden.

»Er versteht nicht Englisch,« sagte Charles und setzte sich wieder, »es schadet also nichts, wenn wir Bemerkungen austauschen.«

Hannes begann wieder ein munteres Lied zu singen, und Hastings sagte, sich vorbeugend:

»Es scheint doch, als hätten Sie sich geirrt. Wir haben die Stadt bald erreicht, und noch ist uns nichts Auffälliges begegnet.«

»Ich habe mich nicht geirrt,« versicherte Charles, »außerdem haben wir noch eine gute Viertelstunde zu fahren, und unser Weg führt uns vorher durch ein Orangenwäldchen, in dem die Fahrstraße sehr schmal wird. Es sollte mich sehr wundern, wenn wir dieses ohne Störung passierten.«

»Haben Sie den Mann auch wirklich unter den Dienern des Mister Miller erkannt?« fragte nochmals Lord Hastings zweifelnd.

»Ganz sicher,« erwiderte Charles etwas heftig, »ich sah ihn noch zuletzt, als er uns beim Einsteigen beobachtete, natürlich nur, um sich über unsere Plätze zu orientieren. Dann rannte er uns voraus, und ich glaube sogar, ein höhnisches Lachen gehört zu haben. Der Kerl freute sich, uns im letzten Wagen zu sehen, denn dadurch hat er leichtere Arbeit.«

Charles fiel mit in den englischen Matrosensang ein, den Hannes angestimmt hatte, legte sich bequem an die hölzerne Lehne, beide Arme darauf stützend und führte ab und zu die Zigarre nach dem Mund.

»Das Orangenwäldchen in Sicht,« sagte er in einer Pause des Gesanges schnell.

Sein Blick war dabei auf Johanna gerichtet gewesen, und diese nickte bei diesen Worten leicht mit dem Kopfe, Ihre großen, braunen Augen erweiterten sich noch mehr und beobachteten, ohne daß sie es besonders merken ließ, die zurückgelegte Gegend unausgesetzt.

Das Wäldchen war erreicht, die Bäume rückten eng zusammen, die Straße war hier nur so breit, daß eben zwei sich begegnende Wagen sich hätten ausweichen können, und der Mond stand zu tief, daß er nur den Weg beleuchtete, sein Licht wurde von dem Walde zurückgehalten.

Keiner der Insassen des letzten Wagens verriet, daß sie alle ihre Sinne anstrengten, etwas Ungewöhnliches auf diesem Wege oder zur Seite im Walde zu bemerken, sie waren lustig und plauderten und lachten wie vordem.

Da huschte plötzlich ein dunkler Schatten aus dem Busche heraus und war im Nu hinter dem Wagen, wo er spurlos verschwand, jedenfalls mußte er sich hinter dem Sitzbrett versteckt halten.

Noch immer zeigte niemand Unruhe, nur Johanna brach plötzlich im Satze ab und ließ ein mahnendes, aber fast unmerkliches Zischen hören, und sofort nahm Charles die Zigarre aus dem Munde, legte die Hand auf die Lehne und drehte den Kopf etwas nach Hannes zu, mit diesem sprechend.

Weder Lord Hastings, noch Hannes sahen, wie sich mit einem Male blitzesschnell ein Arm erhob, einen langen Dolch in der Hand haltend, um ihn Charles in den Rücken zu stoßen, nur Johanna drehte sich um und riß dem Rosselenker die Zügel aus der Hand, in demselben Augenblick, da Charles sich mit der Gewandtheit eines Jongleurs über die Rückenlehne schwang, den erhobenen Arm mit der tödlichen Waffe am Handgelenk faßte und durch die Gewalt seines niederfallenden Körpers die Gestalt mit zu Boden riß.

Die sofort nachspringenden anderen beiden Männer sahen zwei Körper sich im Staube wälzen, ohne Besinnen warfen sie sich darauf, nach einigen Sekunden preßte die herkulische Kraft des Lord Hastings den am Boden mit Charles ringenden Chinesen die Arme wie in einem Schraubstock zusammen, und im nu war er von Hannes an Händen und Füßen gebunden.

»Charles!« schrie da eine Stimme, und eine weibliche Gestalt flog auf die Männer zu, welche sich eben aufrichteten.

Sie warf sich Charles an die Brust, seinen Kopf in beide Hände nehmend und ihn angstvoll anblickend, fuhr aber sofort mit einem Schreckensschrei zurück – wohl hatte der vor ihr Stehende die Kleidung und das sonstige Aussehen ihres Geliebten, aber sie sah in ein fremdes Gesicht, der vermeintliche Charles hatte plötzlich seinen blonden Schnurrbart verloren.

»Sir Williams hat sich soeben rasieren lassen,« sagte da neben ihr Mister Wood, der ebenfalls aus dem Wagen gesprungen war und legte vertraulich die Hand um die Taille des Mädchens, »sehen Sie, da liegt noch das Messer, mit dem ihn der Chinese bearbeitet hat.«

Betty wußte nicht, was sie denken sollte, nur soviel wurde ihr mit einem Male klar, daß der Mann im letzten Wagen, den sie bisher für Charles gehalten, gar nicht dieser war. Er kümmerte sich gar nicht um das Mädchen, sondern war nur damit beschäftigt, mit Hilfe von Hastings und Hannes die schwere Gestalt des riesigen Chinesen, der vor Angst am ganzen Körper zitterte, in den Wagen zu heben.

»Komm, Betty,« fuhr der Mann an ihrer Seite fort und zog das Mädchen nach seinem Wagen zurück, »dein Charles hat jetzt keine Zeit, er klopft sich den Puder aus den Sachen, mit dem ihm der Chinese zu sehr bedacht hat, aber nimm mich einstweilen für deinen Charles.«

Da ward es dem Mädchen plötzlich klar, wie sehr sie sich geirrt hatte – ihr Begleiter war niemand anders als ihr Geliebter selbst gewesen, und als sie sich noch immer nicht von ihrem Staunen erholen konnte, erklärte dieser:

»Ich sollte während der Fahrt mit einem Dolchstich bedroht werden, aber Mister Wood war so egoistisch, ihn mir abnehmen zu wollen, er liebt dergleichen Neckereien. Doch, was ist das?« unterbrach sich Charles, der frühere Mister Wood, und spähte nach vorn. »Wird da nicht schon wieder um Hilfe gerufen?«

Die eben geschilderte Szene war natürlich nicht unbemerkt geblieben, der Ruf, daß auf jemanden im letzten Wagen ein Mordversuch gemacht worden sei, pflanzte sich von Wagen zu Wagen fort, die Kutscher mußten halten, alle liefen nach hinten, und wie ein Gerücht immer mehr übertrieben wird, je weiter es dringt, so glaubten die zuletzt Angekommenen schon die Leiche des armen Williams vorzufinden, wunderten sich aber nicht wenig, diesen an der Seite Miß Thomsons von dem hohen Sitz herabschmunzeln zu sehen. Es blieb nicht lange Zeit, allen die Situation aufzuklären, denn plötzlich erschallten in weiter Ferne gellende Hilferufe, aus weiblichen Kehlen kommend, ein Schuß fiel, und sofort wurde konstatiert, daß der Wagen, welcher den Zug eröffnete, nicht gehalten hatte, sondern weitergefahren war.

»Wer war denn drin?« fragte man hastig von verschiedenen Seiten.

Die im zweiten Wagen Sitzenden erklärten noch, daß das erste Gefährt von Marquis Chaushilm, Miß Nikkerson und einer Miß Sargent besetzt gewesen sei, dann sprangen alle wieder auf ihre Sitze und ließen die Kutscher ihre Pferde zum schnellsten Tempo antreiben, allen voran der Wagen, welcher vorhin der letzte gewesen war, mit Mister Wood, dem jetzt Bartlosen, darin, der sofort nach Bergung des gebundenen Chinesen weitergefahren und so an die Spitze gekommen war.

Mister Wood, oder Nick Sharp, beugte sich weit über den Kutscherbock nach vorn, das Wäldchen hatte man hinter sich, und so wurde der Weg wieder vom Monde beleuchtet.

Auf seinen Befehl mußte der Chinese halten, der Detektiv hatte mitten auf der Landstraße einen dunklen Fleck bemerkt, und im nächsten Augenblick stand er wie noch einige andere Herren vor einer großen Blutlache.

»Chaushilm hat geschossen und jemanden verwundet,« erklärte der Detektiv hastig, »der Körper ist zu Boden gesunken – hier die Spur im Staube – von anderen aufgehoben und fortgetragen worden, aller Wahrscheinlichkeit nach liegt er im Wagen. »Fort,« rief er, war mit einem Satz neben dem Kutscher seines Wagens, riß diesem die Zügel aus der Hand und hieb mit der Peitsche auf die kleinen, mageren, aber sehnigen Pferde ein, daß sie in wilder Flucht dahinstoben, die anderen bald hinter sich zurücklassend. – – – – – – –

In der Tat hatten Marquis Chaushilm, Miß Nikkerson und deren Freundin, Miß Sargent sich in dem ersten Wagen befunden. In dem liebebedürftigen Herzen des Herzogs war seit heute morgen eine Neigung für letzteres Mädchen erwacht, es war sicher, daß sie nach seiner Liebe schmachte, hatte er doch ganz deutlich gefühlt, wie sie ihm, als er ihr in den Wagen steigen half, die Hand drückte, und gar zu gern hätte er an ihrer Seite Platz genommen, wenn nur ein solcher frei gewesen wäre.

Im Garten des Mister Miller war es ihm aber auch nicht gelungen, die hübsche Miß Sargent mit den nußbraunen Rehaugen und den schwarzen Locken allein zu sprechen, immer war sie gerade mit einer Dame zusammen, in deren Gegenwart er nicht gut von seinen Gefühlen sprechen konnte, weil er derselben schon Aehnliches zu verstehen gegeben, und so hoffte er nun, bei der Rückfahrt eine günstige Gelegenheit zu erspähen, und wenn er dabei Gewalt anwenden müsse, um mit Miß Sargent allein in einen Wagen zu kommen.

Der Marquis hatte auch wirklich Glück.

Miß Sargent war eine der ersten, welche Platz nahm, sofort sprang ihr Chaushilm nach, gab dem Kutscher ein Zeichen, und fort rollte der Wagen.

»Warten Sie,« rief Miß Sargent lachend, »können Sie es denn gar nicht erwarten, nach Hause zu kommen? Dort winkt mir Miß Nikkerson, sie will mit uns fahren.«

Es half dem Herzog nichts, daß er tat, als habe er das Mädchen nicht verstanden, sie selbst ließ den Kutscher wieder halten, und mit ärgerlich zusammengekniffenen Lippen mußte er sehen, wie Miß Nikkerson zu ihnen einstieg.

»O weh,« seufzte Chaushilm innerlich, »gerade die, jetzt bin ich der Esel zwischen zwei Heubündeln.«

Heute morgen, als ihm Miß Sargent seiner Meinung nach die Hand gedrückt hatte, war ihm plötzlich völlig zum Bewußtsein gekommen, daß die blonde Miß Nikkerson keine passende Partie für ihn war, und so leid sie ihm auch tat, die ihn sicher heiß liebte, sein Glück durfte er deshalb nicht opfern. Nein, die schwarze Miß Sargent war die einzige, welche ihn besitzen durfte, die braunen Augen des Mädchens hatten es ihm angetan.

Aber davon anfangen durfte er unmöglich, Miß Nikkerson hätte es gehört, und der Herzog besaß ein viel zu zartfühlendes Gemüt, als daß er durch ein Bekenntnis das Herz eines Mädchens hätte brechen können. Nein, das konnte er unmöglich, er mußte eine andere, günstigere Gelegenheit abwarten, mit Miß Sargent allein zu sprechen.

So verlief die Fahrt ziemlich schweigsam. Miß Sargent war überhaupt nicht sehr gesprächig, und wenn sie einmal eine Frage an Chaushilm richtete, so war ein Seufzen dessen einzige Antwort. Miß Nikkerson versuchte mehrmals, eine Unterhaltung in Fluß zu bringen, aber es gelang ihr nicht, die Freundin begnügte sich mit einer einfachen Antwort, und der Herzog war so zerstreut, daß er alle Fragen zu überhören schien.

»Welches Gestirn suchen Sie am Himmel, Marquis?« scherzte sie. »Vielleicht die Venus? Ich habe Sie nun schon zweimal gefragt, wie es dem Mister Snatcher geht, aber Sie antworten mir nur immer mit angstvollem Stöhnen und wenden den Blick nicht vom Himmel.«

»Venus, Snatcher,« murmelte der Herzog, die Augen immer noch nach oben gewandt. »Was hat Snatcher mit der Venus zu tun?«

»Das weiß ich auch nicht,« lachte das Mädchen, »so hören Sie doch nur! Ich frage, ob Mister Snatcher sich auf dem Wege der Besserung befindet. Er war doch lange Zeit krank, die Ueberanstrengungen hatten seine Kräfte aufgerieben.«

»Ich bin noch nie krank gewesen,« meinte Chaushilm kopfschüttelnd, »Sie irren sich wohl. Meinen Sie vielleicht Lord Hastings? Der sitzt hinten mit Miß Sargent – Pardon, mit Miß Johanna im letzten Wagen.«

»So träumen Sie weiter,« sagte das Mädchen ärgerlich, »mit Ihnen ist heute nichts anzufangen.«

Auch sie ahmte das Beispiel ihres Gefährten nach, das heißt, sie öffnete den Mund nicht mehr und blickte träumend in die vom Mond beschienene Landschaft.

Plötzlich schreckte sie auf.

»Die Pferde gehen durch,« rief sie erschrocken.

Wirklich waren die Pferde aus dem bis jetzt beibehaltenen Trab mit einem Male in Karriere gefallen, aber Miß Nikkerson überzeugte sich sofort, daß sie es nicht freiwillig getan hatten, der Chinese im Vorderteil des Wagens hieb mit der Peitsche auf sie ein.

Jetzt erwachte auch Chaushilm aus seinem Brüten.

»Zum Teufel, Mann,« schrie er und packte den Kutscher beim Kragen, »wollen Sie uns umwerfen?«

Der Chinese antwortete nicht, Chaushilm mußte ihn loslassen, um sich festzuhalten, denn eben wurden die Pferde von der geschickten Hand des Kutschers, trotz ihres rasenden Laufes, so scharf um die Ecke gelenkt, daß sich der Wagen auf die Seite legte und die Insassen fast herausgefallen wären, hätten sie sich nicht an die Lehne geklammert.

Aber der Wagen fiel nicht um, gleich hatte er sich wieder aufgerichtet, und jetzt bemerkte Chaushilm, daß sie einen Seitenweg eingeschlagen hatten, den sie vorher nicht gefahren waren.

Wieder wollte er den Kutscher an der Schulter schütteln und ihn zur Rechenschaft über seine eigenmächtige Handlung ziehen, als plötzlich sich von allen Seiten dunkle Gestalten in den Wagen schwangen und sich auf die drei Personen stürzten.

Marquis Chaushilm war durchaus kein verzagter, energieloser Mensch, aber wie es in jeder Gesellschaft jemanden gibt, welcher den anderen zur Zielscheibe ihres Witzes dient, so hatte er auch diese Rolle übernehmen müssen, und er war gutmütig genug, sich die Neckereien seiner Freunde ruhig gefallen zu lassen. Aber er hatte auch schon oft bewiesen, daß im Falle der Gefahr auf ihn zu zählen war, und daß er seinen Mann stellen konnte.

Die Mädchen stießen gellende Hilferufe aus, als sie von den starken Armen der Unbekannten umschlungen wurden; Chaushilm gelang es, sich von dem würgenden Griff eines Chinesen wieder freizumachen, im nächsten Moment hatte er den Revolver in der Hand, ein Knall, und der vor ihm Stehende griff nach dem Herzen und fiel vom Wagen herab, der in seiner Fahrt anhielt.

Chaushilm kam nicht dazu, zum zweiten Male abzudrücken, seine Hände wurden von hinten gepackt, er sah noch, wie etwa sechs Chinesen die Mädchen überwältigten, und der Kutscher die Pferde zügelte, dann erhielt er mit einem harten Gegenstand einen Schlag über den Kopf, der ihn sofort bewußtlos auf den Boden des Wagens warf.

30.

Ein Feind der Engländer.

Wenn unter Seeleuten von Piraten gesprochen wird, so fühlt sich jeder unwillkürlich in die chinesischen Gewässer versetzt, die Heimat des Seeräubers.

In mit dem Seewesen unbekannten Kreisen herrscht vielfach die Meinung, die Zeiten, da die Schiffe der Gefahr ausgesetzt waren, von Seeräubern angegriffen und geentert zu werden, seien vorüber, und Piraten existierten nur noch in der Phantasie von Romanschreibern. Aber man gehe in Hamburg nur nach dem Freihafen und frage, wo die ›Teeschiffe‹ liegen, und bei Besichtigung eines solchen, meist sehr großen, viermastigen Fahrzeuges wird man bald bemerken, daß an Deck Vorrichtungen getroffen sind, um Kanonen aufstellen zu können, und die von Nordamerika nach China fahrenden Teeschiffe, riesige, oft sogar fünfmastige Segler, an deren Masten noch die siebente Raa, mit dem Skysail, dem Himmelssegel, schwebt, machen vollkommen den Eindruck von Kriegsschiffen. Drohend lugen überall die Geschützmündungen über die Bordwand, und neben der Kajüte des Kapitäns befindet sich eine Kammer, in welcher Waffen für die ganze Mannschaft aufbewahrt werden.

Fragt man verwundert, wozu das Schiff eine solche kriegerische Ausrüstung erhielt, so bekommt man die einfache Antwort:

»Wir fahren nach den chinesischen Gewässern.«

Der chinesische Seemann ist, ebenso wie der Malaye ein geborener Seeräuber, er hält diesen Beruf für erlaubt, und jeder chinesische Kapitän glaubt sich berechtigt, ein ihm begegnendes Schiff, das nicht mehr segel- oder manövrierfähig ist, auszuplündern und der Mannschaft die Köpfe abzuschneiden. Die Fahrzeuge der Chinesen heißen »Dschunken« und sind bedeutend größer, als die malayischen Prauen, außerdem sind sie noch mit sehr langen Riemen zum Rudern versehen, so daß sie auch bei Windstille fortbewegt werden können, und eben dadurch können sie selbst unseren großen Segelschiffen gefährlich werden.

Ein Dampfer hat sie gar nicht zu fürchten, ebensowenig ein Segelschiff bei gutem Wind, herrscht aber eine vollkommene Stille, liegt der Segler, wie ein totes Ungetüm, bewegungslos auf dem Wasser, dann sucht der Kapitän in unsicheren Gewässern unablässig den Horizont ab, und bemerkt er in der Ferne eine Flotille von Dschunken auftauchen und auf sich zurudern, dann weiß er, was es geschlagen hat, läßt die Geschütze an Deck aufstellen und verteilt Büchsen, Revolver und Entersäbel unter die Matrosen.

Die Seeraub treibenden Dschunken sind nicht etwa nur Handelsschiffe, welche so nebenbei einmal ein hilfloses Schiff ausnehmen, verbrennen und dann weiterfahren, nein, noch immer gibt es dort ganze Flotten, deren Kapitäne alle von diesem Berufe leben. Die zahllosen Inseln des chinesischen, gelben und japanesischen Meeres bieten mit ihren zerklüfteten Küsten zahllose Schlupfwinkel, in denen sich die räuberischen Dschunken so sicher verstecken können, wie der Fuchs in seinem Bau.

Noch im Jahre 1800 existierte eine Flotte von 800 Dschunken und von über 1000 Booten, deren Bemannung, gegen 70000 Chinesen, allein von Seeraub lebte, und diese stattliche Anzahl von Fahrzeugen stand unter dem Oberbefehl eines einzigen Mannes, dessen Macht so groß war, daß ihm der Kaiser von China einen jährlichen Tribut bezahlte, um wenigstens seine Handelsschiffe vor Räubereien zu schützen.

Die chinesische Kriegsmarine erwies sich dieser Piratenflotte gegenüber als vollkommen machtlos, sie wurde mehrmals so empfindlich geschlagen, daß sie dem Treiben der Piraten nur noch aus der Ferne zusah, und erst einige Jahre später fingen die Engländer an, unter diesem Gesindel tüchtig aufzuräumen. Alte Seeleute können noch erzählen, daß man einst in jedem chinesischen Hafen, wohin man auch kam, sehen konnte, wie die Engländer die gefangenen Seeräuber aufknüpften; jeder Kapitän hatte das Recht dazu, und auch jetzt noch kann man ab und zu einer solchen Exekution beiwohnen.

Werden Chinesen bei dem Betreiben ihres räuberischen Handwerks gefaßt, so sucht man stets, der Piraten lebend habhaft zu werden, hängt sie aber nicht schon an Bord des Schiffes an den Raaen auf, sondern bringt sie nach dem nächsten Hafen und führt die Hinrichtung recht langsam und öffentlich aus, damit alle Chinesen merken, wie ernst man mit solchem Gesindel umzuspringen gewillt ist, und um ihnen so wenigstens Furcht einzujagen, denn von der Meinung, daß der Seeraub erlaubt sei, wenn man sich nicht dabei erwischen läßt, kann man den chinesischen Seemann nicht abbringen.

Trotzalledem treibt sich noch immer eine stattliche Anzahl von Dschunken auf dem Meere herum, deren Besatzung allein vom Plündern anderer Schiffe lebt, und wie schon gesagt, jede Dschunke ist bereit, ein Fahrzeug anzugreifen, wenn dieses durch irgend ein Unglück oder wegen Windstille nicht mehr manövrieren kann. –

In den Hafenstädten Chinas gibt es natürlich Zwischenhändler, welche den Piraten die geraubten Waren abnehmen und weiterverkaufen, und die, wie es gewöhnlich ist, den größten Profit dabei machen. Es sind gewöhnlich Besitzer von kleinen Schankwirtschaften, denen man nicht ansieht, daß bei ihnen Tausende von Goldstücken immer bar daliegen, im Keller oder sonst irgendwo versteckt, damit sofort jedes Geschäft abgeschlossen werden kann.

Nach der Schenke selbst kommen die Waren selbstverständlich nicht, hier versammeln sich nur, gewöhnlich des Nachts, in einem besonderen Zimmer die Kapitäne der chinesischen Dschunken, welche unrechtes Gut an Bord haben. Ein Handeln und Feilschen beginnt, der Wirt hat die Ware schon selbst oder durch seinen Agenten besichtigen lassen, der Kauf wird abgeschlossen, die Goldstücke wandern in den Gürtel oder in die weiten Aermel der Räuber, und womöglich noch in derselben Nacht werden die geraubten Sachen nach einem anderen Hafen gebracht, der von dem Wirt bestimmt wurde, und als gekaufte Ware nach allen Gegenden verschickt, meistenteils aber in das Innere des Landes.

Ein solcher Diebeshehler hielt auch dicht am Quai von Scha-tou eine Wirtsstube für Seeleute offen, für solche scheinbar von europäischen Nationen eingerichtet, aber oft genug schlüpften auch die schlitzäugigen Söhne des himmlischen Reiches durch eine Hintertür in das Haus und schlürften oben in einem besonderen Zimmerchen ein Glas Wein oder süße, nach Blumen duftende Liköre, und man munkelte, daß wieder in einem anderen Zimmerchen Klänge ertönten, als würden Goldstücke auf Echtheit probiert.

Die Polizei war arg hinter dem Schankwirt her, aber der kleine, alte Chinese mit den listig zwinkernden Augen und dem pfiffigen Lächeln war schlauer, als alle die Spürnasen zusammen, nie konnten sie ihm etwas am Zeuge flicken, nie etwas beweisen, und sie durften nicht einmal behaupten, das Lan-Kong-Ching seine Hände zu etwas Unrechtem aus den Aermeln streckte.

Er bediente ruhig und freundlich die englischen und deutschen Seeleute, sowie die anderer Nationen, die bei ihm regelmäßig einkehrten, wenn ihre Schiffe in Scha-tou vor Anker lagen, trug auf einem kleinen, bemalten Holzbrettchen dampfende Teetassen und süße Liköre in das obere Zimmer, und wenn den Matrosen einmal die Spirituosen zu sehr in den Kopf gestiegen waren und sie sich den Ermahnungen des fließend englisch sprechenden Wirtes nicht fügen wollten, so sah er sich zur Wahrung seines Ansehens selbst verpflichtet, die Polizei um Hilfe zu bitten.

Nachsagen durfte man Lan-Kong-Ching also nichts, ohne sich der Gefahr auszusetzen, sich selbst die Polizei auf den Hals zu bringen, und doch war er einer der größten Hehler und Stehler in Scha-tou.

Die Nacht war schon angebrochen. In den Straßen der Hafenstadt war es still geworden, als an der Hintertür dieses Schankhauses ein großer Mann klopfte und Einlaß begehrte.

Er war in einfache, chinesische Gewänder gehüllt; in dem seidenen Tuche, das sich um die Hüften wand, steckten Dolch und Pistolen, und auf dem Kopfe trug er eine weiße Mütze aus Fell, wie sie bei chinesischen Seeleuten gebräuchlich ist.

Vorsichtig wurde die Tür aufgemacht; der Wirt musterte den draußen stehenden Mann und fuhr dann erschrocken zurück, sperrte den Mund auf und benahm sich überhaupt, als wäre er vor Staunen über den späten Besuch außer sich.

»Du? Du wagst es, dich hier sehen zu lassen,« brachte er endlich stammelnd hervor, »ohne Verkleidung?«

Der Fremde ließ ein verächtliches Lachen hören und trat schnell in das Haus, ohne von dem Wirte daran gehindert zu werden, der die Tür sorgfältig wieder schloß und sich dann hastig an den Ankömmling wandte.

»Schnell hinauf, du darfst hier nicht gesehen werden, sonst bin ich ein geschlagener Mann.«

Er ging eiligst die wackelige Treppe hinauf und öffnete eine Tür, welche in ein Zimmer führte, das sonst nur benutzt wurde, wenn der Wirt einmal ganz geheimen Besuch hatte.

Der Fremde war ihm gefolgt, er setzte sich, ohne bisher ein Wort gesprochen zu haben, auf einen Rohrstuhl, zog den langen, krummen Dolch, der ihn beim Sitzen hinderte, aus dem Gürtel und legte ihn vor sich auf den Tisch.

Unterdessen hatte der Wirt eine von der Decke herabhängende Oellampe angebrannt, welche das fensterlose Zimmerchen erhellte, und bei ihrem Schein konnte man erst bemerken, daß der in chinesische Gewänder gekleidete Ankömmling kein Chinese, sondern ein Europäer war, wenngleich sein Gesicht dieselbe Farbe angenommen hatte, und er auch alle Bewegungen dieses Volkes täuschend nachahmte.

Es war ein noch junger Mann, kaum dreißig Jahre alt, mit großem Kopf, der von kurzem, lockigem Haar umrahmt wurde. Das Gesicht war nicht schön zu nennen, dazu war es zu massig, aber es machte durch sein gutmütiges Aussehen einen günstigen Eindruck auf den Beobachter; noch mehr wurde derselbe durch den milden Blick der blauen Augen verstärkt. Er sprach das Chinesisch völlig fließend und ohne jeden Akzent, der dem Europäer anhaftet, aber jedenfalls war er seinen Gesichtszügen nach ein Sohn Skandinaviens oder Hollands.

»Lan-Kong-Ching,« sagte er in tiefem, wohlklingenden Tone, »hast du mich sofort wiedererkannt?«

»Wer sollte dich nicht wiedererkennen?« antwortete der Chinese unterwürfig. »Das ist es ja, was mich so erschreckt hat. Bist du erkannt worden, und hat man gesehen, daß du in mein Haus gegangen bist, so werden sie dir bald nachstellen, und ich bin ruiniert.«

»Was weißt du, wer ich bin?« antwortete der Gast leichthin, »du hast jeden zu bedienen, der etwas von dir fordert. Sei ruhig, es ist dafür gesorgt, daß man mich nicht gesehen hat.«

»Was veranlaßt dich aber, deinen sicheren Schlupfwinkel zu verlassen und deine Haut zu Markte zu tragen? Erführen sie nur, daß du überhaupt in Scha-tou bist, so umzingelten die Chinesen die Stadt von der Landseite, und die Engländer blockierten den Hafen mit ihren Kriegsschiffen. Und wenn es Jahre dauern sollte, sie werden nicht eher mit Suchen aufhören, als bis sie den Würgengel gefunden haben.«

Des fremden Mannes Stirn zog sich finster zusammen, seine Augen nahmen mit einem Male einen furchtbar drohenden Ausdruck an, wie sich überhaupt sein ganzes Gesicht veränderte. Der erst so gutmütig aussehende Mann war gar nicht mehr zu erkennen, so schrecklich war jetzt der Ausdruck seiner Züge.

»Nenne den Namen nicht wieder!« grollte er dumpf. »Was weißt du, Lan-Kong-Ching, davon, ob das Gerücht, welches über mich umläuft, wahr oder unwahr ist?«

Der Chinese war ängstlich zurückgefahren und murmelte eine Entschuldigung, scheu nach der Tür sehend.

»Alle Welt nennt dich so,« sagte er ängstlich, »der Name ist hier so gebräuchlich, daß man deinen wirklichen fast gar nicht kennt.«

»Ist mein Aussehen selbst bekannt?« fragte der Pirat, denn ein solcher war der Fremde, und sein Gesicht glättete sich wieder.

»Nur wenige behaupten, dich selbst gesehen zu haben, aber ich, der ich dich von Jugend auf kenne, lache über ihre Behauptungen, fast in jeder Hafenstadt sind die Vorstellungen von dir anderer Art. Hier zum Beispiel herrscht die Meinung, der Fürst der Piraten sei ein kleiner, magerer Chinese, dessen Augen im Dunkeln leuchten, und aus dessen Munde in der Nacht ein feuriger Atem kommt, mit dem er Schiffe anzünden kann. Er kennt keinen Schlaf, er flieht ihn, denn überall, wohin er den Fuß setzt, seufzt und stöhnt es unter ihm, als beklagten die Toten ihr frühzeitiges Ende durch seine Hand. Aber,« setzte der Chinese hinzu, »du sorgst ja dafür, daß niemand von dir erzählen kann, und Verräter gibt es unter deinen Leuten nicht.«

»So brauchst du also auch keine Furcht zu haben, daß ich erkannt worden bin,« sagte der Pirat sorglos, »und außerdem bedürfte es nur eines Winkes von mir, und ganz Scha-tou wäre in meiner Hand.«

»Liegen deine Dschunken hier in der Nähe?« fragte der Chinese mit einem listigen Blicke.

»Sie liegen im Hafen,« antwortete der Pirat ruhig, »doch nun zu dem, was mich hierhergeführt hat. Wer sitzt unten in der Wirtsstube?« »Einige Seeleute; ich kenne nicht alle.«

»Hast du einen Mann unter ihnen gesehen, groß, schlank, aber breitschulterig, der den linken Arm in der Binde trägt?«

»Er ist nicht unter ihnen,« antwortete der Chinese bestimmt, »soll er ein Seemann sein?«

»Leicht möglich, daß er sich als solcher angezogen hat und benimmt. Doch du bist schon lange Zeit hier oben, er kann unterdessen gekommen sein. Wer bedient unten?«

»Mein Diener.«

»So gehe jetzt hinunter und sieh nach, ob der eben Geschilderte mit der Binde unten sitzt. Frage ihn auf englisch, ob er dich habe rufen lassen; ist er der Betreffende, so wird er antworten: »Nicht ich habe Sie rufen lassen, sondern ein anderer.« Dann bezahlt er, steht auf und geht hinaus, du aber eilst sofort an die Hintertür, empfängst ihn dort und bringst ihn sofort herauf.«

Nach diesen, in befehlendem Tone gesprochenen Worten nickte der Chinese mehrmals mit dem Kopfe und verließ das Zimmer.

Einige Minuten später trat der Erwartete in Begleitung des Chinesen herein. Er war zwar nach Art der Seeleute gekleidet, machte aber den Eindruck eines solchen nicht vollständig, er hätte ebenfalls für einen Maschinisten gelten können, denn sein Gesicht war nicht sehr von der Sonne gebräunt, und die Hände zeigten keine Spuren von harter Arbeit.

Es war niemand anders als Eduard Flexan, der Neffe des Stiefvaters von Ellen.

Er blieb mitten in der Stube stehen und betrachtete stumm den vor ihm Sitzenden, welcher ihn noch nicht beachtete, sondern dem Chinesen den Auftrag gab, schnell Tee zu bringen, und dann dafür zu sorgen, daß sie unbelästigt blieben.

Als der Chinese hinaus war, begegnete sein Blick dem des Mister Flexan, welcher ebenfalls auf einem Rohrstuhle Platz genommen hatte.

»Klas van Guden,« nahm Mister Flexan zuerst das Wort, sich der englischen Sprache bedienend, »Sie haben meine Bitte erfüllt und sind hier eingetroffen. Ich hatte nicht gedacht, daß Sie es wagen würden, als Ort der Zusammenkunft eine Hafenstadt zu wählen. Mir wäre es lieber gewesen, sie hätte auf dem Meere an einer bestimmten Stelle stattgefunden. Es wäre mir sehr unangenehm, wenn ich erkannt würde und vor allen Dingen in diesem Hause.«

Der Pirat blickte den Sprecher fest an.

»Ich fahre unter keiner falschen Flagge,« sagte er ernst, »ich bin ein Seeräuber, so will ich auch als ein solcher auftreten. Ein Geschäft führte mich nach Scha-tou, und so zog ich es vor, die Unterredung mit Ihnen hier festzusetzen.«

»Es ist gefährlich, offen aufzutreten,« entgegnete Eduard, »man hat viel leichteres Arbeiten, spielt man doppelte Rollen.«

»Arbeiten?« sagte der Pirat höhnisch. »Bezeichnen Sie Ihr unsauberes Gewerbe mit diesem ehrlichen Ausdrucke? Dann sind Sie besser daran, als ich, ich bin mir vollkommen bewußt, welch ein Auswurf der Menschheit ich bin, die mich haßt und fürchtet.«

»Ansichten!« unterbrach ihn Mister Flexan kurz. »Doch ich bin nicht hierhergekommen, um über die Begriffe von Gut und Schlecht zu diskutieren. Lassen Sie uns zur eigentlichen Sache übergehen.«

»Noch nicht. Der Wirt wird noch einmal das Zimmer betreten, wenn er uns Tee bringt. Dann sind wir ungestört. Nur das eine bemerke ich jetzt gleich. Verlangen Sie nicht, daß ich in Ihrem Interesse blutige Handlungen begehe. Als Mörder lasse ich mich für alles Gold der Welt nicht dingen.«

»Daher der Name Würgengel,« lachte Eduard leise, »man sagt von Ihnen, daß Sie sonst nicht so penibel sind. Auf ein paar Tote mehr soll es Ihnen nicht ankommen, und die Haifische in diesen Gewässern sollen immer fetter werden.«

Mister Flexan hatte zu scherzen versucht, er wollte vorläufig das Gespräch in einen humoristischen Ton bringen, aber er hatte sich geirrt. Wieder verzog sich das Gesicht des chinesisch gekleideten Holländers in drohende Falten, und seine Stimme klang herrisch, als er den anderen anfuhr:

»Unterlassen Sie derartige Späße! Wie ich genannt werde, ist mir gleichgültig, ich höre nicht auf das Geschwätz, aber angeredet will ich mit diesem Namen nicht sein. Ich heiße van Guden, und damit genug. Noch nie habe ich ein Schiff geplündert, um mich zu bereichern, und noch nie habe ich jemandem den Stahl zu kosten gegeben, der nicht den Tod verdient hatte.«

»Nun, nun,« beschwichtigte ihn Mister Flexan, »es war nicht bös gemeint. Aber wirklich, ich glaubte nicht, daß Sie so gefühlvoll wären. Tatsache ist es doch, daß die Besatzung Ihrer Dschunken wenig Umstände mit den Mannschaften der englischen Schiffe macht.«

»Hat jemand davon erzählen können?«

»Eben darum nicht, weil niemand dabei lebendig bleibt,« lachte Eduard wieder, »die chinesischen Piraten sind Bluthunde, und da können Sie mir nicht verargen, wenn ich in ihrem Anführer, dessen Befehle sie bedingungslos ausführen, einen nicht gerade zartbesaiteten Menschen zu finden erwartete.«

Eduard konnte es nicht lassen, Spott in seine Rede zu mischen. Daß dieser Mann, von dem er wußte, daß er der Befehlshaber einer ganzen Flotte von Seeraub treibenden Dschunken war, der unter dem Namen Würgengel bekannt, und der schon so manches Schiff, hauptsächlich englische, in Flammen hatte aufgehen und die Besatzung über die Klinge springen lassen, daß dieser Mann ein so friedfertiges, harmloses Wesen zur Schau trug, wunderte ihn schon sehr, aber noch mehr die Weise, in der derselbe sprach.

»Es gibt Chinesen, welche Ursache haben, sich an den Engländern zu rächen,« entgegnete der Pirat finster. »Auch ich habe Grund, diese Nation zu hassen, daß ich aber, ein Holländer, an die Spitze dieser Piratenflotte kam, daß die Kapitäne aller Dschunken einstimmig mich zu ihrem Befehlshaber wählten, ist ein Zufall, über den ich Sie nicht aufklären kann. Genug, ich leite den heimlichen Kampf gegen die Engländer, ich zeige den Chinesen den Weg, wie sie ihnen am meisten schaden und wie sie es möglichst verhindern können, daß dieses egoistische, herzlose und unersättliche Handelsvolk noch weiteren Besitz in ihrem gesegneten Lande erlangt.«

Eduard zweifelte nicht daran, daß der Pirat nur halb die Wahrheit sprach. Er wußte bestimmt, daß van Guden der furchtbarste, unversöhnlichste Feind der Engländer war und alles haßte, was englisch hieß, und wenn es Tatsachen waren, was er von dem Schicksal dieses Mannes hatte erzählen hören, so hatte er eine gewisse Berechtigung dazu.

Das Gespräch wurde durch den Wirt unterbrochen, welcher den Tee hereinbrachte, dann aber sich gleich wieder mit der Versicherung entfernte, für die vollkommene Ruhe der beiden Gäste sorgen zu wollen.

»Nun erklären Sie mir, warum Sie mich hierhergerufen haben,« begann der Pirat wieder nach dem Fortgange des Wirtes, »seien Sie offen, reden Sie ohne Umschweife, so wird sich alles am schnellsten erledigen lassen!«

»Gut. Kennen Sie die beiden Schiffe, die ›Vesta‹ und den ›Amor‹, welche immer zusammen fahren?«

»Nein.«

Mister Flexan war erstaunt, der Pirat schien gar nicht über das orientiert zu sein, was draußen in der Welt passierte.

»Die ›Vesta‹ ist ein Vollschiff, welches allein von amerikanischen Mädchen wie von Matrosen bedient wird. Morgen wird sie hier in Scha-tou ankommen. Wollen Sie mir die Mädchen lebendig ausliefern? Ihnen mit Ihrer Macht wird dies ein leichtes sein.«

»Nein.«

»Warum nicht?« sagte Eduard, etwas bestürzt über den herben, bestimmten Ton, mit dem dieses Nein gerufen worden war. »Ich zahle Ihnen in Gold jede Summe, die Sie haben wollen.«

»Nein,« klang es nochmals fest, »ich habe nichts mit Amerikanern zu tun, und am wenigsten mit Weibern. Sie können mir die ›Vesta‹ mit Golde aufwiegen, nie werde ich meine Leute durch ein Wort veranlassen, dieses Schiff anzugreifen; tun Sie es doch, so ist es nicht meine Schuld, meine Macht ist beschränkt, ich kann sie zu einem Kampf anführen, sie aber nicht von einem solchen zurückhalten.«

»Der erste Fall wäre also erledigt, ich bin's zufrieden,« lächelte Mister Flexan, »nun zum zweiten. Der ›Amor‹ ist eine englische Brigg, deren Bemannung sich nur aus Aristokraten Englands zusammensetzt. Auch dieses Schiff wird morgen früh hier vor Anker liegen.«

Mister Flexan mußte sich vorher über van Guden orientiert haben, er hatte langsam und leise gesprochen, die Wirkung seiner Worte beobachtend, und diese war auch eine wunderbare.

Das Gesicht des Piraten nahm wieder einen furchtbar drohenden Ausdruck an, die Augen glühten plötzlich wie die eines Raubtieres, der ganze Mensch hatte sich mit einem Male aus einem friedlich aussehenden Mann in einen wirklichen Piraten verwandelt.

»Sie fahren ohne Matrosen, sagen Sie?« kam es zischend zwischen den Zähnen hervor. »Nur adlige Herrchen sind an Bord? Können Sie mir einige Namen nennen?«

»Gewiß, der Kapitän ist Lord Harrlington.«

»Ah,« rief van Guden und sprang erregt vom Stuhle auf, die geballten Fäuste ausstreckend. »Ferner Lord Hastings, Lord Stephenson, zweiter Sohn des Herzogs von Davonport, Sir Williams, Sohn des gleichnamigen Baronets, Mister Davids, zweiter Sohn des Lords Montrose, Sir Hendricks, Sohn des Lords Plimsoll ...«

Und Mister Flexan hörte nicht eher auf, als bis er alle Namen der 27 Herren und die ihrer Väter genannt hatte.

Je mehr er aufzählte, desto unheimlicher wurde der Gesichtsausdruck des Piraten; des sonst so ruhigen Mannes bemächtigte sich eine wilde Leidenschaft; längst schon wanderte er mit schweren Schritten durch das kleine Gemach, daß die Wände zitterten, er hielt keine Vorsicht für nötig, er hörte nur auf die Namen, die von den Lippen des Mannes da flossen.

»Kennen Sie alle diese Herren?« fragte Mister Flexan nach Schluß der Aufzählung.

»Ob ich sie kenne?« rief der Pirat mit funkelndem Auge. »Ich habe ihre Väter noch gesehen, wie sie im Oberhause zu Westminster saßen und das Urteil bestätigten, welches meinen Vater vernichtete und den alten Namen van Guden für ewig aus dem Adelsregister Hollands strich, ein Urteil, wie es ungerechter noch nie von bestochenen Richtern gefällt wurde. Aber natürlich,« fuhr er bitter fort, »der Prozeß wurde den Herren im Hause der Lords zu langweilig, man stellte zu große Anforderungen an ihre Zeit, und es war ja so einfach, ihn mit einem Male zum Abschluß zu bringen, es kostete sie nur ein Wort. Wie sie durch ihre Bestätigung meinen Vater gezwungen haben, sich durch Selbstmord das Leben zu nehmen, um der Schande zu entgehen, wie sie alle meine Geschwister, meine Mutter an den Pranger gestellt haben, als es noch in ihrer Hand lag, das Urteil immer wieder hinauszuschieben, bis die Unschuld meines Vaters zu Tage trat, was soll mich hindern, Rache an ihren Kindern zu nehmen?« Der Pirat hatte diese Worte mit leidenschaftlicher Stimme hervorgestoßen.

»Wann wird der ›Amor‹ in Scha-tou einlaufen?« fragte er dann.

»Morgen früh.«

Nachdenkend blickte der Pirat vor sich hin.

»Es ist eine Brigg?« fragte er dann.

»Ja, wie eine Brigg getakelt, besitzt aber eine Hilfsmaschine und zwar eine so starke, daß sie bequem 16 Knoten in der Stunde dampfen kann.«

»Verflucht!« kam es über die Lippen des Holländers.

»Trotzdem wird es Ihnen leicht sein, sie zu vernichten. Sie haben ja die Macht in den Händen.«

»Nicht vernichten will ich diese Engländer,« rief der Pirat wild, »kein Haar soll ihnen gekrümmt werden dürfen. Lebendig will ich sie vor mir stehen haben, um mich an ihrer Angst weiden zu können,«

»Das ist ja mein Fall,« lächelte Mister Flexan, »auch ich will ja die Damen lebend haben. Teilen wir uns also in die beiden Schiffe! Sie nehmen den ›Amor‹ und ich die »Vesta‹«. Haben Sie schon einen Plan, wie Sie sich der Engländer bemächtigen können?«

»Nein. Was führt sie übrigens hierher?«

»Einige von ihnen sind vernarrt in Damen der ›Vesta‹, die übrigen fahren nur aus Abenteuerlust mit. Wohin die ›Vesta‹ nun segelt, dahin folgt auch der ›Amor‹, und es ist gar nicht möglich, eins der beiden Schiffe allein zu sehen.«

»So müssen sie getrennt werden,« sagte der Pirat finster, »mit den Weibern will ich nichts zu tun haben.«

Das war eben, was Mister Flexan gewollt hatte, der Pirat kam ihm in jeder Hinsicht entgegen. Erst galt es, die Schiffe voneinander zu trennen, der Mädchen wollte er sich dann schon bemächtigen und den Seeräuber dafür sorgen lassen, daß der ›Amor‹ unschädlich gemacht würde, damit er keine Verfolgung von den Engländern zu befürchten habe. »Aber wie?«

»In Listen bin ich nicht bewandert,« entgegnete der Pirat, »meine Weise ist, offen anzugreifen und zu siegen oder besiegt zu werden. So werde ich es auch diesmal tun.«

»Der ›Amor‹ hat aber eine Maschine und führt Revolverkanonen an Bord. Die Engländer werden Sie auslachen, wenn Sie Ihre Dschunken auf sie hetzen.«

Der Pirat schwieg und überlegte.

»Es ist wahr,« sagte er dann, »ich muß sie lebend fangen, und ehe ich dies erreicht hätte, wäre die Hälfte meiner Leute getötet. Diesmal muß ich ein anderes Mittel ergreifen, mich des Schiffes zu bemächtigen; haben Sie einen Vorschlag?«

»Allerdings. Wäre ich hier bekannt, so würde ich die Sache selbst arrangieren, aber ich bin's nicht, kann nicht chinesisch sprechen, und wüßte niemanden, dem ich trauen kann, als Sie allein. Fangen Sie eins oder einige der Mädchen weg, womöglich auch einen Engländer und verstecken Sie diese irgendwo. Dann soll es meine Aufgabe sein, ihre Freunde und Freundinnen auf eine falsche Spur zu bringen, darin bin ich bewandert, oder können Sie dies tun, so will ich lieber Ihnen alles überlassen. Locken Sie den ›Amor‹ in einen Hinterhalt, wo Sie sich der Engländer bemächtigen können, ohne viel Menschenleben dabei opfern zu müssen. Sind die Engländer erst dort, dann ist es mir ein leichtes, die Mädchen in meine Gewalt zu bekommen.«

»Das ist mir gleichgültig,« entgegnete der Pirat, »ich habe mit Ihren Plänen nichts zu tun. Aber die Engländer gehören mir,« setzte er wild hinzu, »habe ich den Namen Würgengel bis jetzt noch nicht verdient, so soll es von nun an so sein.«

»Und wollen Sie den Vorschlag befolgen, den ich Ihnen gegeben habe?«

»Es wird das beste sein,« sagte van Guden nachdenkend, »Mit meinen Dschunken den dampfenden ›Amor‹ auf offener See anzugreifen, wäre eine Unmöglichkeit, und außerdem will ich die amerikanischen Damen geschont wissen. Bleibt der ›Amor‹ bei der ›Vesta‹, so ist anzunehmen, daß die letztere die Engländer nicht im Stich läßt, und dann kann ich meine Chinesen nicht davon abhalten, auch Hand an sie zu legen.«

»Es ist so,« stimmte Mister Flexan bei, »das geht nicht. Nein, mit List müssen sie erst getrennt werden. Verfügen Sie über Leute hier an Land?«

»Ja.«

»So könnten Sie also auch einige der Mädchen und Engländer entführen lassen?«

»Ich kann und werde es tun. Lassen Sie die beiden Schiffe nur erst hier sein.«

»Und wohin werden Sie die Geraubten bringen lassen?«

»Auf eine meiner Dschunken.«

»Aber ich will ja die Mädchen haben,« sagte Mister Flexan mißtrauisch. »Sie müssen Sie mir ausliefern.«

»Das werde ich tun. Bestimmen Sie einen Platz, wohin ich sie bringen soll.«

»Nennen Sie lieber eine Insel, wohin Sie die Mädchen schaffen und wohin ihre Freundinnen gelockt werden, nachdem sie von den Engländern getrennt sind.«

»Noch kann ich dies nicht bestimmen,« entgegnete der Pirat. »Jedenfalls werde ich Sie davon benachrichtigen, wahrscheinlich durch einen meiner Leute, der Ihnen dann als Führer dienen wird. Sie bleiben an Bord der ›Möve‹?«

»Ja. Sie kennen doch das Schiff und seinen Kapitän?«

»Es ist dasselbe, auf dem mich Kapitän Fonsera aufsuchte und mir Ihren Wunsch mitteilte. O, ich kenne noch diesen Fonsera, den Seewolf. Wäre er mir nicht als Abgesandter begegnet, ich würde dafür gesorgt haben, daß die Welt von diesem Scheusal, das im Dienste anderer mordet, befreit worden wäre.«

Mister Flexan verstand nicht, wie dieser Pirat so von jemandem sprechen konnte, der doch dasselbe war, wie er. Aber er grübelte nicht darüber nach; es war ihm genug, daß der Holländer auf seinen Vorschlag, einging.

»So hätten wir nichts Weiter zu besprechen,« sagte der Pirat nach einer Pause. »Ich sorge dafür, daß einige der Mädchen und womöglich auch einige Herren in meine Gewalt kommen. Erstere liefere ich entweder Ihnen aus oder bringe sie nach einem Platze, wohin dann die ›Vesta‹ segelt. Die Engländer aber bleiben in meinem Besitz, mit ihnen werde ich den ›Amor‹ in einen Hinterhalt locken, wo ich mich aller ohne viel Blutvergießen bemächtigen kann.«

»Einverstanden,« sagte Mister Flexau, »wann kann ich Sie morgen weiter darüber sprechen, wenn der ›Amor‹ und die ›Vesta‹ erst hier sind?«

»Die Dschunke, auf welcher ich lebe, liegt mit draußen verankert. Morgen früh kommt ein Chinese nach der ›Möve‹ folgen Sie ihm, er führt Sie zu mir.«

Der Pirat stand auf, steckte den Dolch in den Gürtel und klopfte einige Male mit dem Fuße auf die Diele. Sofort kam der Wirt, empfing von jedem der Männer einige Geldstücke und brachte dann beide die Treppe hinunter, ohne zu leuchten.

Heimlich, wie sie gekommen waren, verließen sie das Haus und schritten getrennt, als kennten sie sich nicht, dem Hafen zu.

31.

An Bord der ›Möwe‹.

Die ›Möwe‹ – so war der ›Friedensengel‹ umgetauft worden, seit sein verbrecherisches Treiben in Sydney ans Tageslicht gekommen war – lag weit abseits von den anderen Schiffen am Quai und lud Kisten und Kasten aus. Sie war mit anderer Farbe angestrichen worden, statt des geschnitzten Engels mit der Palme in der Hand, schwebte vorn am Bug, dicht unter dem Bugspriet, und diesen zugleich als Stütze dienend, eine große Möwe mit ausgebreiteten Flügeln, und selbst die Takelage war etwas verändert worden, so daß nicht einmal ein erfahrener Seemann in der ›Möwe‹ das ehemalige Schiff des Kapitän Fonsera erkannt hätte.

Dieser selbst war noch immer als Kapitän an Bord, aber er hatte sich bis jetzt noch gar nicht an Land sehen lassen, sondern unter dem Vorwand, krank zu sein, alle Anmeldungen auf dem Seemannsamt und sonstigen geschäftlichen Angelegenheiten durch seinen ersten Steuermann besorgen lassen.

Es war ihm doch zu riskant, das Schiff zu verlassen. Leicht hätte er von den Engländern oder den Damen oder sonst jemandem, der ihn kannte, gesehen werden und dann unangenehme Folgen haben können. Also blieb er lieber an Bord in der Kajüte und grübelte dort darüber nach, wer eigentlich der Herr sei, der in Batavia an Bord gekommen war, sich immer in seiner Kabine aufhielt und nur des Nachts sich an Land begab.

Rief er den Kapitän zu sich in die Kabine, so hatte er stets eine schwarze Maske vor, und als Fonsera einmal versucht hatte, durch das Schlüsselloch sein Antlitz ohne den schwarzen Lappen zu sehen, da fand er, daß der Maskierte ebenso schlau war, wie er –- er hatte das Schlüsselloch verstopft.

»Entweder ist er der Mann, der mir in New-York zuerst den Auftrag gab,« murmelte der Seewolf vor sich hin, »oder er ist derjenige, welchen ich in Townsville gesprochen habe. Beide sehen sich so ähnlich, wie ein Ei dem andern. Nur daß dem ersten der kleine Finger an der linken Hand fehlte, und dem anderen nicht.

»Ob dieser alle fünf Finger hat oder nicht, mag der Teufel wissen, der Kerl da drinnen gibt mir keine Gelegenheit, mich davon zu überzeugen. Sicher aber ist, daß er in unserer Bande eine hohe Stellung einnimmt, wenn er nicht der Meister selbst ist, vielleicht auch des Teufels Bruder, und ich will mit lebendigem Leibe zur Hölle fahren, wenn jetzt nicht gegen die verdammten Mädchen ein Hauptstreich geführt wird. Mir hängt schon längst die Sache zum Halse heraus.«

Also waren des Seewolfs Gedanken, welche sich immer innerhalb dieser Grenzen bewegten. –

Die Arbeit ruhte, die Nacht war angebrochen. Er hatte die mit dem Ausladen der Kisten beschäftigten Matrosen ins Zwischendeck geschickt, wo sie sich schnell umzogen und dann ans Land eilten, um, wie sie es gewöhnlich taten, sich durch einige Gläser Grog oder Arrak für die Last des Tages zu entschädigen.

Aber merkwürdig war es, daß sie diese Nacht, nicht wie sonst, alle zusammen oder doch in Gruppen an Bord zurückkehrten, sondern alle einzeln, immer in gewissen Zwischenpausen, und manchmal kamen sie fast atemlos an, so schnell waren sie gelaufen.

An der vorderen Winde der ›Möwe‹ lehnte eine hohe Gestalt, die Arme übereinander geschlagen und ließ die grauen Augen durch die Löcher der schwarzen Maske, die er vor dem Gesicht trug, über den Hafendamm schweifen.

Dieser war heute merkwürdig belebt, zwar konnte man wegen der Dunkelheit – der Mond war schon wieder untergegangen – die herumlaufenden Menschen nicht sehen, aber überall irrten Lichter hin und her, nicht nur an Land selbst, sondern auch auf dem Wasser, also in Booten, ab und zu schrillten die Pfeifen der Hafenwächter, einige Male marschierten bewaffnete Patrouillen taktmäßig an der abgelegenen ›Möwe‹ vorbei, und hauptsächlich da, wo die chinesischen Dschunken verankert lagen, war die Bewegung der Lichter am lebhaftesten.

Es war gar kein Zweifel, irgend etwas mußte den ganzen Hafen aufgeregt haben, vielleicht war ein Unglück, oder ein Verbrechen geschehen.

Da kam der erste Matrose an Bord der ›Möwe‹ zurück und eilte direkt auf den Maskierten zu, welcher ihn jedenfalls schon erwartet hatte, denn er drehte sich dem Ankommenden entgegen und ließ seine Augen begierig an dessen Munde hängen.

»Der Teufel ist los!« rief der Matrose noch im Gehen. »Der ganze Hafen ist alarmiert, die Polizei hat alle Wassertreppen gesperrt, kein Boot kann mehr abstoßen, ohne daß es nicht untersucht wird. Jetzt eben revidieren sie die chinesischen Dschunken, keine Kiste lassen die Spürhunde übereinander stehen.«

Nicht lange dauerte es, so kam ein zweiter mit neuer Nachricht:

»Ganz Scha-tou wird auf den Kopf gestellt, alle Schiffe werden von der Mastspitze bis zum Kiel untersucht. Wo ist der Kapitän, Senor?«

»Wozu, Bursche?«

»Wir werden auch bald einen Besuch zu erwarten haben, der Kapitän mag sich vorbereiten.«

Der Seewolf, der bis jetzt im Schatten eines Bootes gestanden, trat zu dem Maskierten.

»Das wäre leicht möglich, und es wäre mir nicht lieb, wenn ich mich zeigen müßte. Könnten Sie sich nicht als Kapitän der »Möwe« ausgeben?«

Der Maskierte zögerte.

»Gut,« sagte er endlich, »da Sie sich krank gemeldet haben, so muß ich mich natürlich auch so stellen. Sollte also eine Patrouille kommen, so werde ich mich rechtzeitig in meine Kabine begeben. Aber Sie? Wie wollen Sie sich unsichtbar machen?«

»Die »Möwe« hat Verstecke genug,« lachte der Seewolf, »um uns alle verschwinden zu lassen.«

»Können Sie nicht gefunden werden?«

»Und wenn sie Tag und Nacht herumschnüffelten, hinter den doppelten Planken können sie mich nicht auswittern. Nein, davor seien Sie unbesorgt.«

Der Unbekannte schenkte seine Aufmerksamkeit schon wieder einem anderen Matrosen, welcher an Bord zurückkam.

»Durch die Straßen laufen Chinesen mit Trommeln und Glocken und machen einen Skandal, als ständen die hölzernen Baracken in Flammen,« sagte er auf spanisch zu dem Maskierten. »Es wird ausgerufen, daß derjenige, welcher auch nur etwas über das Verschwinden der beiden Weiber und des Engländers angeben kann, hundert Pfund Sterling erhält, und wer sie auf die richtige Spur führt, sogar tausend.«

»Verflucht,« knirschte der Seewolf zwischen den Zähnen durch, »die Kerle sind schlau. Sie wissen recht gut, daß die Chinesen für Geld ihren eigenen Vater an den Galgen bringen. Geben Sie acht, Senor, es werden sich bald genug Leute finden, die sich die tausend Pfund verdienen wollen.«

»Eine Torheit wäre es von ihnen,« lachte aber der Unbekannte. »Besser könnte das gar nicht in meinen Plan passen.«

Er sagte nicht, inwiefern, sondern vernahm die Mitteilung eines neuen Ankömmlings, daß ein Chinese von den Engländern gefangen genommen wäre, wie er gerade auf einen im Wagen Sitzenden einen Mordversuch gemacht habe.

Bestürzt hatte der Maskierte diese Mitteilung vernommen. Er konnte sich nicht erklären, was diesen Mann zu einer solchen Tat veranlaßt hatte, nach seinem Befehl war jedenfalls nicht gehandelt worden, aber er atmete erleichtert auf, als ein anderer meldete, was der Chinese in dem sofort vorgenommenen Verhör gestanden hatte.

Er war von dem Priester des Lao-Tssy bestochen worden, zwei Engländer zu ermorden, welche den Gott verspottet hatten, und daß der Mordversuch fast gleichzeitig mit dem Menschenraub zusammenfiel, war ein einfacher Zufall gewesen.

Wirklich wurde auch die ›Möwe‹ von einer Patrouille chinesischer Soldaten untersucht, welche von einem Beamten des englischen Konsulats selbst geführt wurde. Der sich für den Kapitän ausgebende Fremde – Eduard Flexan – empfing den Beamten auf seinem Sofa liegend, natürlich diesmal ohne Maske, und gab an, krank zu sein, so daß er der Durchsuchung des Schiffes nicht selbst beiwohnen könnte.

Aber es wurde nichts gefunden, so sorgsam die Chinesen auch dabei verfuhren. Die Geraubten waren nicht an Bord, und der Seewolf, der Grund genug hatte, nicht erkannt zu werden, hatte sich einen unauffindbaren Schlupfwinkel gewählt.

Als die Patrouille die »Möwe« wieder verlassen, erfuhr Mister Flexan von den unterdes zurückgekehrten Matrosen weitere Neuigkeiten, welche ihn sehr zu befriedigen schienen.

Die englischen Herren, wie die Vestalinnen, hatten alles in Bewegung gesetzt, ihre entführten Gefährten wiederzubekommen, die Konsulate wendeten sich trotz der späten Nachtzeit an die Behörden, ganz Scha-tou wurde alarmiert, die Straßen gesperrt, die Hafentreppen besetzt, kein Haus, kein Boot, kein Schiff undurchsucht gelassen, aber dennoch wurde nichts gefunden, und lange Zeit meldete sich trotz der hohen Belohnung niemand, der über die Vermißten oder über die Urheber des Verbrechens eine Mitteilung gemacht hätte.

Da endlich erschien an Bord der ›Vesta‹ ein Mann und behauptete, er kenne jemanden, der seine Hand mit im Spiele gehabt habe, gegen die versprochene Belohnung würde er ihn angeben, und von diesem könnte man Näheres erfahren. Sie wurde ihm zugesagt, der Chinese ließ sich einige bewaffnete Soldaten mitgeben – Ellen und noch einige andere Damen gingen selbst mit, aber keiner der Herren, welche sich bereits sonderbarerweise mit fieberhafter Hast beeilten, trotz der dunklen Nacht die beschädigte Takelage der Brigg auszubessern – und führte diese nach einem weit außerhalb der Stadt gelegenen Hause.

Wirklich, in diesem Häuschen konnte man wohl den Ort des Verbrechens vermuten – es war eine Opiumhöhle.

Das Haus wurde umzingelt, und sofort bezeichnete der goldsüchtige Chinese einen Mann als den Gesuchten, der sich eben durch das Rauchen einer Opiumpfeife in Träume wiegen wollte.

Es war ein bekanntes Individuum, auf das die Polizei schon lange achtete, weil der Mann nicht arbeitete und doch immer Geld hatte.

Der Angeber sagte aus, der Chinese hätte heute morgen ihm angedeutet, daß er, wenn auch jetzt gerade kein Geld, doch des Abends solches in Hülle und Fülle haben würde, und der Name ›Vesta‹ wäre dem betrunkenen Chinesen ebenfalls dabei entschlüpft.

Der Mann war schon etwas von dem Opium betäubt, aber dies war den ihn ins Verhör Nehmenden nur lieb, denn so gab er willig auf die an ihn gestellten Fragen Antwort.

Waren seine Reden auch nicht ganz klar, widersprach er sich auch manchmal, so viel konnte man doch ganz sicher daraus entnehmen, daß die Mädchen auf eine Dschunke gebracht worden waren – wirklich hatten einige solche kurz nach der Tat Scha-tou verlassen – und daß sie nach einer Insel geschleppt werden sollten, welche als Schlupfwinkel und gelegentlicher Versammlungsort der Piraten bekannt war.

Wahrscheinlich sollten die Mädchen dort auf eine andere Dschunke gebracht werden, oder vielleicht wartete dort auch ihrer schon ein Sklavenhändler; der Mann behauptete wenigstens, von einem solchen für die Hilfe bei dem Raub bezahlt worden zu sein.

Wo der Engländer sei, wollte der Chinese nicht sagen, selbst als ihm eine Bastonade erteilt, das heißt, ihm mit einem Bambusrohr die nackten Fußsohlen bearbeitet wurden – eine in China häufig angewendete Strafe, gleichzeitig ein Mittel, jemanden zum Geständnis zu bringen – der Mann wußte eben nichts, aber jedenfalls, meinte er, würde man seine Leiche schon finden, er müßte sterben, weil er bei dem Raube der Mädchen Widerstand geleistet hätte.

Ein immer schadenfroher werdendes Gesicht verbarg die Maske, als nach und nach alles dies Mister Flexan mitgeteilt wurde und als schließlich ein Matrose die Nachricht brachte, die ›Vesta‹ mache sich mitten in der Nacht segelfertig, brach er in ein höhnisches Lachen aus! die List war gelungen.

Er verstummte plötzlich und fragte den letzten Matrosen:

»Lichten noch andere Schiffe die Anker, um die ›Vesta‹ zu begleiten?«

»Kein einziges, selbst der ›Amor‹ nicht,« war die Antwort des Matrosen. »Soviel ich erfahren habe, haben die Weiber die Engländer gebeten, sie zu begleiten, aber seltsamerweise haben diese die Bitte abgeschlagen, wenigstens fahren sie nicht mit, können jetzt auch noch gar nicht, denn sie haben heute Morgen die Braßtaue abgenommen und müssen neue einscheren, und an der Maschine wird wahrscheinlich auch noch gearbeitet, ich sah chinesische Kesselschmiede an Bord gehen und hörte Pochen und Hämmern.«

»Auch keine anderen Dampfer?«

»Keiner. Die Damen sollen, stolz wie immer, alle Hilfe abgeschlagen haben.«

»Aber die Engländer könnten doch, wenn der ›Amor‹ nicht seetüchtig ist, ein Fahrzeug mieten und jenen folgen. Weißt du nicht, warum sie das nicht tun?«

»Nein, nur so viel, daß unter ihnen große Bestürzung herrscht. Sie laufen alle mit Gesichtern herum, als wäre ihnen die Butter vom Brote gestohlen worden, und arbeiten, als würde jede Minute mit Gold bezahlt. Weiß der Teufel, was sie haben.«

Auch Flexan konnte sich lange nicht erklären, was der Grund dazu sei, daß die Engländer, die sonst unzertrennlichen Gefährten der Damen, diese jetzt nicht begleiten wollten. Aber van Guden hatte ja gesagt, er würde schon dafür Sorge tragen, daß die Mädchen von den Herren getrennt würden, denn mit ersteren wollte er nichts zu tun haben. So war also anzunehmen, daß es ihm wirklich durch eine List gelungen, die Engländer von einer Begleitung der Damen absehen zu lassen. Nun, was es auch sei, ihm, Mister Flexan, war es die Hauptsache, daß er einmal die Mädchen sprechen konnte, ohne die verhaßten Engländer fürchten zu müssen.

Trotz der Dunkelheit konnte man erkennen, wie auf der ›Vesta‹ alles vorbereitet wurde, um in See zu stechen, und als die Flut ihren höchsten Stand erreicht hatte, da entrollte sich auf dem Vollschiff ein Segel nach dem anderen, die Anker wurden gelichtet, und die ›Vesta‹ fuhr bei dem günstigen Winde allein, ohne von einem Dampfer geschleppt zu werden, aus dem Hafen von Scha-tou; ja, Ellen hatte es sogar unterlassen, einen Lotsen an Bord zu nehmen, da sie sich über das Fahrwasser vollständig orientiert hatte.

»Fonsera,« wandte sich der Maskierte an den neben ihm Stehenden, »könnt Ihr bei diesem Wind der ›Vesta‹ folgen?«

Der Kapitän bejahte.

»So tut es und paßt auf, was ich Euch vorschreibe. Jetzt werdet Ihr erfahren, warum ich die Fässer mit Petroleum und die eisernen Pfannen mitgenommen habe, über die Ihr Mund und Nase aufgesperrt habt.«

Und nun begann der Maskierte dem zuhörenden Kapitän in langer Rede einen Plan auseinanderzusetzen, über den sich Fonsera nicht genug wundern konnte, der aber seine vollkommene Billigung fand.

»Diesmal wird es Euch glücken,« schloß der Maskierte, »und noch immer wird Euch der Meister die versprochene Summe zahlen und die Freiheit schenken, wenn ihr die Mädchen abliefert. Wenn auch die »Möwe« selbst Feuer fangen und verbrennen sollte, laßt Euch das nicht anfechten, Ihr werdet ein anderes Schiff bekommen. Aber der Weiber müßt Ihr Euch unbedingt bemächtigen und zwar lebendig, unverletzt, je weniger Ihr abliefert, desto kleiner wird Eure Belohnung sein, und fehlt Miß Petersen unter ihnen, dann hängt Euch und Eure Mannschaft lieber selbst in den höchsten Raaen auf, sonst läßt Euch der Meister eine andere Strafe erteilen.«

»Bei Gottes Tod,« rief der Pirat mit fröhlicher Stimme, »der Plan ist fein ausgesponnen. So oder so, mein müssen sie jetzt werden! Verlassen Sie sich auf mich, ich werde ihn schon auszuführen wissen. Aber Sie selbst, gehen Sie nicht mit?«

»Nein, ich bleibe hier und erwarte Nachricht von Euch, die Ihr mir vom nächsten Hafen chiffriert zukommen laßt. Sorgt dafür, daß alles ohne Aufsehen vor sich geht, hauptsächlich, daß Ihr erst operiert, wenn kein anderes Schiff in Sicht ist, sonst könntet Ihr von diesem aufgenommen werden. Dann schnell die ›Vesta‹ verändert, wie Ihr es so gut versteht, und mit den Mädchen davongesegelt.«

»Seid unbesorgt!« lachte der Seewolf. »Diesmal muß es mir gelingen. Aber wo sind denn eigentlich die drei? Haben Sie sie irgendwo versteckt oder vielmehr die beiden Mädchen? Denn den Engländer läßt van Guden, dieser unversöhnliche Feind der Briten, sicher nicht aus den Fingern.«

»Das geht Euch nichts an,« entgegnete der Maskierte kurz, »jetzt laßt mich an Land rudern und macht Euer Schiff seebereit, die ›Vesta‹ nähert sich schon der Ausfahrt.«

»All right, in einer Viertelstunde bin ich im Kielwasser der ›Vesta‹ rief der Pirat und gab seine Kommandos.

32.

Die Beratung.

Es war das zweite Mal, daß Miß Petersen ihren Fuß auf das Deck des ›Amor‹ setzte.

Das erste Mal war ihr Besuch ein unfreiwilliger gewesen, damals, als Hope Staunton über Bord geschleudert und das Rettungsboot verschlagen worden war. Jetzt aber war sie von selbst auf den ›Amor‹ gegangen, die Verhältnisse verlangten eine schnelle Unterredung mit dem Kapitän.

Sie befand sich furchtbar aufgeregt im Salon der Brigg, mit ihr Lord Harrlington, Hastings und John Davids, die Offiziere des ›Amor‹.

Auch Lord Harrlington konnte nur mit Mühe seine Unruhe bezwingen, selbst Hastings hatte sein gewöhnliches Phlegma abgelegt, sprach heftig und nagte, wenn Ellen redete, mit finstergerunzelter Stirn an der Unterlippe.

John Davids war der einzige, welcher wie immer seine Ruhe bewahrte. Er stand halbabgewendet von der Gruppe an einem Tische, hatte die Arme übereinander geschlagen und hörte stillschweigend den Auseinandersetzungen Ellens zu.

Alle anderen Herren arbeiteten mit emsigem Fleiß an Deck oder halfen den chinesischen Kesselschmieden bei der Maschine, denn der Kapitän wollte das Schiff noch vor Tagesanbruch segelfähig haben.

»So erklären Sie wenigstens, warum Sie meine Bitte abschlagen,« rief Ellen, »sonst muß ich dies als eine Beleidigung auffassen. Es ist dies das erste Mal, daß ich Ihre Hilfe in Anspruch nehme, und Sie bringen Entschuldigungen vor, die nicht Stich halten.«

Harrlington durchmaß mit großen Schritten den Salon, er war in großer Verlegenheit.

»Es geht nicht,« sagte er, »Sie müssen das einsehen, Miß Petersen. Wenn Sie erfahren haben, wo die beiden geraubten Damen zu finden sind, so ist uns auch der Aufenthalt von Marquis Chaushilm bekannt geworden, und sein Leben ist verloren, wenn wir uns nicht unverzüglich dorthin begeben, wo er sich befindet. Weiß denn nur niemand einen Rat, wie wir aus dieser heiklen Sache wieder herauskommen?« Die letzten Worte waren von dem Lord in halber Verzweiflung ausgerufen worden.

»Aber woher wissen Sie denn, wo sich Marquis Chaushilm befindet?« fragte Ellen verwundert. »Sie sagten vorhin doch selbst, es hätte Ihnen niemand, so wie uns, den Aufenthalt des Vermißten verraten. Was ist das für eine geheimnisvolle Sache?«

Keiner der Herren antwortete, alle blickten düster vor sich hin.

»Natürlich,« fuhr Ellen fort, »ist es Ihre Pflicht, die Spur des Herzogs zu verfolgen, wie für uns die der Damen. Wüßte ich bestimmt, daß Sie in keinem Irrtum befangen sind, daß Sie wirklich den Herzog befreien könnten, so würde ich Sie mit keinem Worte auffordern, uns zu begleiten. So aber liegt die Sache anders. Mir will es fast scheinen, als ob es nur darauf angelegt sei, uns voneinander zu trennen, gerade jetzt, da wir zusammenhalten sollten. Glauben Sie, daß die Angabe des Chinesen, der seinem Tode entgegensieht, eine falsche war?«

»Nein, er wird die Wahrheit gesagt haben, wir sind davon überzeugt,« entgegnete Hastings, »aber ebenso sicher ist es, daß wir den Aufenthalt des Marquis Chaushilm kennen, und von uns hängt es ab, ihn zu retten. Verlieren wir nur eine Minute, so ist sein Leben verwirkt, und wir können es nicht ändern, wir müssen ihm zu Hilfe eilen.«

»So sprechen Sie doch, von wem haben Sie es erfahren?« bat wieder Ellen.

»Warum sollen wir es denn verheimlichen,« nahm Davids das Wort, »den Namen des Betreffenden können wir wenigstens nennen.«

»Gut,« sagte Lord Harrlington, »so sollen Sie denn seinen Namen erfahren, Miß Petersen, und Sie werden sehen, in wessen Händen das Schicksal Chaushilms liegt. Klas van Guden ist es gewesen, der sich des Herzogs bemächtigt hat und ihn so lange als Geißel festhält, bis wir seine Bedingungen erfüllt haben.«

Erschrocken war Ellen zusammengefahren.

»Klas van Guden?« rief sie. »Ist das nicht der Holländer, jener unversöhnliche Feind der Engländer, der es geworden, weil sein Vater von einem englischen Tribunal zum Tod am Galgen verurteilt wurde?«

Harrlington nickte stumm.

»Und was verlangt er von Ihnen, dieser schreckliche Mann, der an der Spitze der chinesischen Seeräuber einen unerbittlichen, heimlichen Krieg gegen die Engländer führt?«

»Das können wir Ihnen nicht sagen,« entgegnete Harrlington, »es ist genug, wir glauben, daß wir Chaushilm befreien können, wenn wir dem Willen des Piraten nachgeben. Und wir müssen dies tun. Wir trauen ihm umsomehr, als er uns selbst mitteilte, daß er, wohl den Herzog habe entführen lassen, beim Raube der Damen aber seine Hand nicht im Spiele habe, ja, er schreibt sogar, daß diese wahrscheinlich nach irgend einer Insel gebracht würden, wohin die anderen Vestalinnen alle nachgelockt werden sollten, um sich ihrer zu bemächtigen. Es ist dasselbe, was ich Ihnen schon mitgeteilt habe, wenn ich auch tat, als wäre dies nur eine Vermutung von mir – aber es ist wirklich so, deshalb Miß Petersen, befolgen Sie unseren Rat, fahren Sie nicht allein ab, nehmen Sie ein oder mehrere Schiffe mit, Sie werden sie leicht bekommen.«

»Ich verstehe nicht, wie wir nach dieser Insel gelockt werden sollten, es ist vielmehr anzunehmen, daß die Aussagen des Chinesen absichtlich falsch waren.«

»Nein, durchaus nicht. Dasselbe, was Sie von dem Chinesen schon jetzt erfahren haben, würde Ihnen später auf andere Weise mitgeteilt worden sein, vielleicht wäre nur ein anderer Ort bestimmt worden, wo die ›Vesta‹ leichter zu überwältigen gewesen wäre.«

Ellen sah überlegend vor sich hin.

»Desto besser,« sagte sie dann, »um so größer ist unsere Aussicht, die Damen schnell befreien zu können. Die Räuber sind noch sorglos, wahrscheinlich wissen sie nicht, daß wir schon alles erfahren haben, und es wird uns also leicht sein, ihnen den Raub wieder abzujagen. Nun, nochmals, will der ›Amor‹ uns folgen oder nicht? Ich wiederhole, daß ich fest glaube, Marquis Chaushilm befindet sich eben dort, wo auch die Damen sind.«

»Dies ist nicht der Fall,« versicherte Lord Hastings, »wir glauben den Worten van Gudens vollkommen. So schlimm man auch von ihm sprechen mag, niemand kann ihm nachsagen, daß er jemals sein gegebenes Wort gebrochen oder seine Absichten durch gemeine, verräterische List zu erreichen gesucht habe.«

»Dann gebe ich die Hoffnung auf,« rief Ellen heftig, »glauben Sie nicht, meine Herren, ich sei darum so ärgerlich, weil Sie lieber Ihrem Freunde helfen wollen, als den beiden Mädchen, nein, ich finde das ganz natürlich, es ist sogar Ihre Pflicht, aber es ist doch zu schändlich, daß wir gerade jetzt, da wir einmal zusammenhalten sollten, getrennt werden.«

»Bitte, Miß Petersen,« sagte Lord Harrlington, »nehmen Sie doch wenigstens meinen Rat an und fahren Sie unter Begleitung eines Dampfers, oder überlassen Sie einem solchen überhaupt die Verfolgung, oder auch gehen Sie und alle Damen auf einen Dampfer, nehmen chinesische Soldaten mit und suchen Sie den Piraten zuvorzukommen.«

»Chinesische Soldaten!« wiederholte Ellen ärgerlich. »Was ist mit denen anzufangen?«

»Es sind genug Seeleute in Scha-tou, welche alle gern bereit sind, Ihnen zu folgen und den Piraten den Prozeß zu machen.«

»Nein,« rief Ellen, »ich bereue schon, Sie um Unterstützung gebeten zu haben. In einer halben Stunde ist die ›Vesta‹ zum Segeln bereit, und dann wollen wir doch einmal sehen, ob wir bei diesem Wind die erbärmlichen Dschunken nicht eher erreicht haben, als sie die Insel.

Und wenn sie auch schon in dem Versteck angekommen sind, wir werden nicht eher ruhen, als bis die beiden Mädchen wieder bei uns sind, tot oder lebendig. Steht ihr Leben auf dem Spiele, dann wollen wir auch nicht das unsrige schonen. Leben Sie wohl, meine Herren, wollte Gott, daß wir uns bald wiedersehen möchten! Ich wünsche Ihnen Glück, Ihren verlorenen Freund bald wiederzufinden.«

Sie schritt nach der Tür, Harrlington jedoch, ganz außer sich, trat ihr in den Weg, um sie zurückzuhalten, aber Ellen machte eine Handbewegung, welche den Lord zurückwies.

»Halten Sie mich nicht,« rief sie, »mein Wille ist unumstößlich. Wir segeln in einer halben Stunde ab.«

»Ich werde dafür sorgen, daß Sie begleitet werden,« entgegnete Harrlington. Ellens Gesicht wurde plötzlich finster.

»Tun Sie das nicht,« sagte sie, »ich würde es als eine Beleidigung auffassen. Nichts ist mir verhaßter als eine Bevormundung.«

»Wenn Sie aus Eigensinn auf einem Vorsatz beharren, auch wenn Sie sehen, daß er zu Ihrem Unglück führen kann, so bedürfen Sie allerdings einer Bevormundung, ob Sie wollen oder nicht,« rief Hastings jetzt wirklich entrüstet ihr nach.

»Genug, meine Herren, enden wir dieses unerquickliche Zwiegespräch, besonders, da Sie ausfallend zu werden beginnen! Ich bleibe dabei, noch heute abend segelt die ›Vesta‹ nach Kiu-Liang.«

»Die ›Vesta‹ wird nicht segeln,« rief da dem Mädchen eine befehlende Stimme entgegen, und ein Mann erschien in der Tür, welche eben von Ellen geöffnet worden war.

»Mister Wood,« rief Ellen mehr erstaunt, als ärgerlich über das selbstbewußte Auftreten des Herrn, hinter dem auch Sir Williams sichtbar wurde. »Was in aller Welt veranlaßt Sie, der Sie mir ein völlig Fremder sind, dazu, in solchem Tone meinem Willen entgegenzutreten? Sind Sie auch mit diesen Herren verbündet?«

»Die ›Vesta‹ wird nicht absegeln,« wiederholte der Detektiv, völlig eintretend, »aus dem einfachen Grunde, weil die beiden Damen gar nicht nach Kiu-Liang gebracht worden sind. Die Aussagen des Chinesen waren ihm vorher instruiert, Sie und die ganze Besatzung der ›Vesta‹ sollen in eine Falle gelockt werden.«

Diese Worte waren mit solcher Sicherheit gesprochen, daß sie ihren Eindruck nicht verfehlten. Die Herren blickten sich bestürzt an, und selbst Ellen wurde mit einem Male unschlüssig, dann aber schüttelte sie energisch den Kopf und rief:

»Ich weiß nicht, was Sie dazu treibt, die Angaben des Chinesen zu bezweifeln. Sie sind der einzige, der dies tut, ich, alle meine Freundinnen, diese Herren und jede zuverlässige Person in Scha-tou haben sie für Wahrheit gehalten. Wie wollen Sie beweisen, daß der Chinese wissentlich gelogen hat?«

»Beweisen kann ich nichts, aber so sicher, wie ich hier stehe,« sagte der Detektiv mit Nachdruck, »behaupte ich, die Mädchen sind auf keine Dschunke, wohl aber ins Land hineingeschleppt worden. Ein Zufall hat es mir verraten.«

»Ein Zufall?« wiederholte Ellen spöttisch, »verschonen Sie mich mit solchen Redensarten, oder sagen Sie mir genauer, woher Sie es erfahren haben!«

»Darüber bin ich Ihnen keine Rechenschaft schuldig,« antwortete der Detektiv, sich mühsam beherrschend, »ich kann nur so viel sagen, daß wohl Marquis Chaushilm auf dem Wasser Scha-tou verlassen hat, nicht aber die beiden Damen. Entweder werden sie noch hier versteckt gehalten oder sie sind schon unterwegs.«

Ellen war einen Augenblick unschlüssig, als sie aber sah, daß auch die zuhörenden Herren den Worten des Mister Wood, welcher nur von Williams als Detektiv gekannt wurde, keinen Glauben schenkten, da behielt auch ihre zuvor gefaßte Meinung die Oberhand.

»Mister Wood,« sagte sie ruhig, »Sie sehen, wie wenig Ihre Worte Glauben finden. Wir sind alle, ohne Ausnahme, fest überzeugt, daß meine Freundinnen nach Kiu-Liang geführt worden sind. Nimmermehr glaube ich, daß ein Chinese sich schlagen läßt, um ein Verbrechen auszusagen, das gar nicht begangen wurde. Sie haben sich umsonst bemüht, Mister Wood, ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme an uns. Auf glückliches Wiedersehen, meine Herren!«

Damit schritt Ellen zur Tür hinaus, die Herren in großer Bestürzung zurücklassend.

»So fahren Sie denn mit der ›Vesta‹ meinetwegen zur Hölle,« rief ihr aber der Detektiv nach, durch den Eigensinn des Mädchens zum ersten Male wirklich in Zorn versetzt. »Sie werden sich Ihren Trotzkopf diesmal doch einrennen.«

»Lassen Sie,« beschwichtigte Williams den Erzürnten, »noch haben wir ja Zeit, Maßregeln zum Schutze der Damen ergreifen zu können. Lord Harrlington, wann wird der ›Amor‹ reisefertig sein?«

»In drei bis vier Stunden, hoffe ich.«

»Dann ist es uns auch noch möglich, die ›Vesta‹ einholen zu können,« fuhr Charles fort, »haben Sie sich schon davon überzeugt, wo diese Insel Kiu-Liang zu suchen ist?«

»Ja,« entgegnete der Lord, »in zwölf Stunden würde der ›Amor‹ sie erreicht haben. Aber können wir denn? Sind wir nicht der Sicherheit Chaushilms wegen unabwendbar gezwungen, nach dem uns bestimmten Platz zu fahren? Van Guden hält Wort, sind wir nicht zur rechten Zeit dort, so kühlen die Chinesen ihre Wut an dem unglücklichen Herzog.«

»Was für ein geheimnisvoller Brief ist das eigentlich, den Sie von van Guden bekommen haben?« mengte sich der Detektiv dazwischen? »Zeigen Sie mir ihn, Sie können meiner Verschwiegenheit trauen.«

Lord Harrlington schien anfangs nicht gewillt, Mister Wood den Inhalt des Briefes wissen zu lassen, der vor zwei Stunden von unsichtbaren Händen an Deck des ›Amor‹ geworfen wurde, aber nachdem ihn Williams auf die Seite gezogen und mit ihm geflüstert hatte, händigte er ohne Widerstreben den Brief dem Detektiven ein, den er jetzt erkannt hatte.

Dieser zog aus dem versiegelten Kuvert das Schreiben und überflog das mit festen Schriftzügen bedeckte Papier, ohne eine Miene zu verziehen.

Als er es wieder zurückgab, murmelte er etwas zwischen den Zähnen, was, wenn es die Ohren der Herren erreicht, wie ›Narrenspossen‹ gelautet hätte.

»Sie wollen wirklich dieser Aufforderung Folge leisten?« fragte er dann erstaunt.

»Wir müssen,« riefen die Herren fast gleichzeitig mit Ausnahme von Davids, der noch wie sinnend dastand und durch das runde Fensterchen die ›Vesta‹ betrachtete, »van Guden läßt nicht mit sich spaßen.«

»Es ist alles ein abgekartetes Spiel,« sagte wieder der Detektiv, »wo liegt denn diese Insel Sanan-Yuan wohin Sie bestellt worden sind?«

»Wir wissen es nicht,« sagte Harrlington.

»Was?« rief Mister Wood, »Sie wissen noch gar nicht, wo sie liegt, ja, aber um Gottes willen, wie wollen Sie denn hinkommen?«

Harrlington zog die Uhr.

»Ich konnte den Namen weder auf der Karte, noch in Büchern finden, in einer Viertelstunde aber wird ein auf dem englischen Seemansamt beschäftigter Herr kommen, der in den chinesischen Gewässern zu Hause ist, und uns die genaue Lage der Insel mitteilen – sie ist wahrscheinlich so klein, daß sie selbst auf meiner ganz genauen Karte nicht verzeichnet ist.«

»Seltsam,« murmelte der Detektiv kopfschüttelnd, »so etwas ist mir noch nicht vorgekommen.«

»Alle Herren sind bereit, dieser unsinnigen Aufforderung Folge zu leisten?«

»Alle, wir müssen.«

»Auch dann, wenn ich noch einmal behaupte, daß die ›Vesta‹ in eine Falle gelockt werden soll, daß die Aussagen des Chinesen falsche waren, und daß die Mädchen überhaupt gar nicht auf ein Schiff gebracht worden sind?«

Die Herren fanden keine Worte, niedergedrückt blickten sie vor sich hin, und Sharp sah, daß alle Vorstellungen und Ermahnungen nichts mehr nutzten.

»Meinetwegen,« sagte er, »ich wasche meine Hände in Unschuld. Ich habe mein Möglichstes getan, Sie müssen selbst wissen, was Sie zu tun haben. Good bye, meine Herren.«

Er beachtete nicht mehr den Zuruf Williams, der ihn zur weiteren Besprechung zurückzuhalten suchte, sondern eilte zur Tür hinaus und an Deck.

»Hannes,« rief er oben und sah sich nach dem Leichtmatrosen um, der ebenso, wie die anderen Herren, beim Scheine von Magnesiafackeln in der Takelage arbeitete.

Der Gerufene schoß blitzschnell an einem Tau herunter und stand vor Mister Wood.

»Laß den Plunder liegen,« sagte dieser, »und komm mit mir! Deine Anwesenheit auf dem ›Amor‹ ist jetzt nicht mehr nötig wird vielleicht auch gar nicht gewünscht. Komm, mein Junge, Toilette brauchst du nicht erst zu machen.«

»Wohin soll es denn gehen?« fragte Hannes verdutzt.

»Auf Abenteuer, die du so sehr liebst.«

»Dann bin ich dabei, aber ... aber ...« Hannes zögerte, weiter zu sprechen.

»Ich weiß schon, was du meinst,« unterbrach ihn der Detektiv, »die kommt auch mit.«

»All right,« rief der Matrose, »ich ziehe mich nur um, in fünf Minuten bin ich wieder oben und zu allem bereit.«

»Unsinn,« sagte aber der Detektiv, »so wie du bist, gehst du mit. Hast du auch ein paar Teerflecken im Gesicht und Löcher in den Aermeln, das schadet nichts weiter.«

Da folgte ihm der Leichtmatrose ohne weiteres in das Boot, das sie an Land brachte. –

»Die ›Vesta‹ fährt wirklich ab,« rief unten Lord Harrlington mit verzweifelter Stimme, »mein Gott, mein Gott, was sollen wir nun beginnen?«

Es war in der Tat so, die ›Vesta‹ hatte schon die Segel entrollt, die Anker wurden gelichtet, und bald wurde das Vollschiff von einem frischen Winde der Hafeneinfahrt zugetragen.

»Möge es der Himmel geben, daß des Detektiven Vermutungen falsch waren,« seufzte Williams, »sonst ist es mit uns allen aus. Daß uns van Guden, dieser verdammte Halunke, einen solchen Streich spielen muß! Das werden ein Paar böse Tage für uns, so lange uns das Schicksal der Damen unbekannt ist.«

»Und unser eigenes Schicksal, das uns erwartet,« warf Lord Hastings dazwischen.

»Ach was,« entgegnete Williams sorglos, »auf diese Drohungen gebe ich keinen Pfifferling. Nur Mut, meine Herren, wir haben uns schon öfters aus schlimmen Lagen gewunden, und so werden wir auch jetzt aus der Klemme kommen. Nur die Damen sind es, um welche ich mich sorge, meinetwegen nicht im geringsten.«

»Natürlich,« brummte Lord Hastings, »Unkraut vergeht nicht.«

Die drei hatten gar nicht bemerkt, daß, als die ›Vesta‹ die Segel aufrollte, John Davids den Salon verließ. Sie blickten der davonsegelnden ›Vesta‹ nach und sahen auch noch, wie bald darauf ein weiter draußen liegendes Segelschiff der Ausfahrt des Hafens zustrebte.

»Die Zeit ist da,« meinte Harrlington, nach der Uhr sehend, »der Hafenbeamte könnte kommen. Es ist wirklich seltsam, daß wir den Namen Sanan-Yuan nicht finden konnten.«

Das letzte Wort war noch nicht aus seinem Munde, als der Erwartete hereintrat.

»Haben Sie den Namen gefunden?« rief ihm Lord Harrlington schon entgegen.

Der Beamte zog ein erstauntes Gesicht.

»Natürlich, warum nicht? Ich wußte mir überhaupt nicht zu erklären, wie Sie die Frage an mich stellen konnten. Sehen Sie, ich habe mir ihre Lage aufgeschrieben.«

Er zog sein Notizbuch hervor und blätterte darin.

»Möglich wäre es allerdings,« sagte er dabei, »daß dieser Name nicht in allen Karten steht, Sanan-Yuan ist eine Bezeichnung, die fast nur unter den Chinesen, oder sogar nur in einer gewissen Gegend gebräuchlich ist, aber jeder Chinese, den Sie darüber befragten, hätte Ihnen Auskunft geben können. Hier habe ich es: 23 Grad 14 Minuten 36 Sekunden östlicher Länge, 137 Grad 50 Minuten 3 Sekunden nördlicher Breite, liegt die Insel Sanan-Yuan,« las der Beamte vor.

»Wo?« riefen Lord Harrlington, Lord Hastings und Williams wie aus einem Munde.

Der Beamte wiederholte noch einmal die Zahlen, welche die Lage der besagten Insel angaben.

»Aber das ist ja ganz genau dieselbe Lage wie Kiu-Liang,« sagte Lord Harrlington im Tone des höchsten Erstaunens.

»Allerdings,« entgegnete der Beamte lächelnd, »wie ich schon sagte, Sanan-Yuan und Kiu-Liang ist dasselbe, hat sogar fast die gleiche Bedeutung ›Felsentor‹.«

»An Deck, meine Herren!« rief Harrlington und stürmte hinaus, von den anderen gefolgt.

Der Beamte sah erstaunt, welch wunderbare Wirkung seine Worte auf die Engländer hervorgebracht hatten. Er wußte zwar auch, daß die beiden Mädchen vermutlich nach Kiu-Liang gebracht werden sollten – ganz Scha-tou sprach ja davon – aber er hatte die Bitte um Bezeichnung der Lage von Sanan-Yuan nur für eine Streitfrage zwischen den Herren gehalten, und jetzt sah er mit einem Male, daß alle diese niedergeschlagenen Gesichter erst einen ganz verblüfften Ausdruck annahmen und dann wie vor Entzücken aufstrahlten, als hätte er die froheste Botschaft verkündet.

Auch er begab sich an Deck und ließ sich an Land rudern – Beachtung fand er gar nicht mehr.

War schon vorher auf dem ›Amor‹ tüchtig gearbeitet worden, so begann jetzt eine fieberhafte Tätigkeit. Alles rannte hin und her, kletterte die Wanten auf und ab, schleppte Taue und Stricke oder pochte und half sonst unten an der Maschine, und immer wieder ging die Mitteilung von Mund zu Mund, daß Kiu-Liang und Sanan-Yuan ein und dieselbe Insel in der chinesischen See sei, daß der ›Amor‹ also nach demselben Ziele, wie die ›Vesta‹ zu fahren habe.

Diese Mitteilung vermochte Wunder zu wirken.

Lord Harrlington hatte vier Stunden gerechnet, ehe der ›Amor‹ zur Abfahrt bereit sei, aber noch waren keine zwei Stunden verstrichen, da warteten die englischen Herren schon ungeduldig darauf, daß die chinesischen Schmiede den letzten Schlag an dem undicht gewordenen Kessel täten, und kaum war dieser gefallen, kaum stießen die Handwerker im Boot vom Schiffe ab, so klirrten die Ankerketten, die mächtigen, eisernen Haken wurden emporgewunden, eine glühende Rauchsäule wirbelte aus dem Schornstein, Kommandos erschollen überall, und noch hatte das abgesetzte Boot das Land nicht erreicht, da nahm der ›Amor‹ schon mit voller Kraft die Fahrt auf, aller Vorschrift zum Spott, die das Dampfen im Hafen nur mit Viertelkraft gestattet.

Eine feurige Garbe hinter sich zurücklassend, schoß der ›Amor‹ zur Einfahrt hinaus. Jetzt galt es nur die Augen offen zu halten, um die ›Vesta‹ zu entdecken, und dafür sorgten die Engländer.

Kopf an Kopf standen sie an der Brüstung und suchten mit dem Nachtrohr den Horizont ab, und oft ließ Harrlington einen anderen, als den direkten Kurs einschlagen, wenn er in der Ferne die Lichter eines Seglers erblickte, aber von der ›Vesta‹ selbst hatte man noch nichts gefunden.

Doch das schadete nichts, die Hauptsache war, daß man wenigstens noch gleichzeitig mit ihr vor der Insel zusammentraf, und dies war, wenn dem ›Amor‹ nicht ein Unglück passierte, sicher vorauszusehen.

Eine Stunde mochte so vergangen sein, als unter den Herren Unruhe und Gemurmel entstand.

Williams hatte seinen Diener gesucht und nicht gefunden, und nicht lange dauerte es, so wurde auch John Davids vermißt. Die Bestürzung war groß, als dies bestimmt festgestellt wurde, und jetzt erfuhr Harrlington, daß man letzteren in einem Boote an Land hatte fahren sehen.

Die Sache war jetzt nicht mehr zu ändern, so fatal sie auch allen war. Es hatte die Meinung geherrscht, wie Harrlington immer selbst gesagt, daß der ›Amor‹ erst in vier Stunden abfahren könnte, da dies nun aber eine Stunde früher geschah, so mußte das Fehlen Davids entschuldigt werden, ebenso wie das von Hannes.

In zwei Tagen hofften die Herren wieder nach Scha-tou zurückzukehren, und dann kamen jene einfach wieder an Bord, aber insgeheim hegten sie schlimmere Befürchtungen, mancher sandte den Zurückgebliebenen schon jetzt ein Lebewohl zu.

33.

Im Proviantraum.

Fast gleichzeitig, als an Bord des ›Amor‹ überall nach John Davids und Hannes gesucht wurde, geschah auf der ›Vesta‹ etwas Aehnliches, was alle Damen erst mit der größten Bestürzung und dann mit der größten Betrübnis erfüllte.

Miß Petersen hatte eine günstige Fahrt, die Vestalinnen brauchten nicht durch vieles Kreuzen sich zu ermüden, sondern konnten den Kurs direkt nach Kiu-Liang richten.

So hatten die Mädchen genügend Zeit, sich über das bevorstehende Abenteuer zu unterhalten, und hauptsächlich drehte sich das Gespräch natürlich darum, wie man die beiden Freundinnen aus den Händen der Piraten befreien könne.

Eine Beratung selbst hatte noch nicht stattgefunden, bis jetzt war alles in zu großer Aufregung gewesen. Als die ›Vesta‹ aber erst das offene Meer erreicht und der kühle Seewind die erhitzten Gemüter abgekühlt hatte, da lud Ellen die Damen ein, sich auf dem Achterdeck zu versammeln, so daß auch das am Steuerrad stehende Mädchen seine Stimme mit abgeben könnte.

Es war gerade zwölf Uhr, die Glocke schlug acht Glasen, und das Mädchen am Steuerrad erwartete seine Ablösung. Aber diese kam nicht, keine der Vestalinnen wollte für diese Wache an der Reihe sein, und als die Minuten verstrichen, und sich noch immer niemand zum Posten am Steuerrad meldete, da rechnete Ellen auf der Tabelle nach, an wem die Reihe war.

Miß Staunton war es.

Beim Rufen dieses Namens erst fiel es allen plötzlich ein, daß man das junge Mädchen gar nicht mehr gesehen hatte, seit die ›Vesta‹ in Fahrt war, und nun begann auf dem Damenschiff ein Suchen und Hasten, erst flüchtig und dann, als man Miß Staunton noch nicht gefunden, ganz gründlich. Es war ja möglich, daß Hope krank oder bei der letzten schweren Arbeit durch irgend etwas verletzt worden war und jetzt irgendwo bewußtlos lag.

Aber Hope Staunton blieb verschwunden, und die Bestürzung der Vestalinnen verwandelte sich in furchtbare Angst, denn das junge Mädchen war der Liebling aller.

»Wir werden von stetem Unglück verfolgt,« rief Ellen in Verzweiflung. »Weiß denn keine der Damen, wo sich Hope zuletzt befunden hat, als wir Scha-tou verließen? Sie war doch nicht etwa an Land?«

Niemand konnte diese Frage beantworten, nur dessen erinnerten sich alle, daß man Hope seit Verlassen des Hafens von Scha-tou an Bord der ›Vesta‹ nicht mehr gesehen habe. Entweder mußte sie während der Fahrt verunglückt, vielleicht über Bord gefallen sein, oder sie hatte sich kurz vor dem Ankerlichten unbemerkt an Land begeben.

Aber wozu hätte sie das tun sollen?

In Miß Thomson dämmerte eine Ahnung auf, sie erinnerte sich des Gespräches, welches Hope in Batavia mit Hannes geführt hatte, betreffs einer Flucht von der ›Vesta‹. Sie hielt diese Ideen damals für die Früchte einer von Wein aufgeregten Phantasie, und nun? Sollte Hope wirklich ihre Gefährtinnen verlassen haben?

Schon wollte Miß Thomson ihren Argwohn den anderen mitteilen, da fiel ihr plötzlich etwas ein. Es war ja gar nicht möglich, daß Hope so etwas gerade jetzt hätte tun können, da sie wußte, daß es die Befreiung der geraubten Mädchen galt, und daß die Vestalinnen jede Hand nötig hatten. Nein, Hope besaß ein tapferes, zuverlässiges Herz; nie hätte sie ihre Freundinnen im Falle der Gefahr verlassen.

Miß Thomson teilte daher den Argwohn den anderen nicht mit. Es konnte nicht anders möglich sein, Hope war verunglückt oder aus Versehen in Scha-tou zurückgeblieben.

Da brachte Johanna plötzlich Licht in diese dunkle Sache. Sie war die einzige gewesen, welche die Kabine des jungen Mädchens genau durchforscht hatte, und so hatte sie auch sofort auf dem Schreibtisch einen Brief gefunden, der an Miß Petersen persönlich adressiert war.

Er trug die Handschrift der Miß Staunton.

Mit zitternden Händen erbrach Ellen das Schreiben, und was sie darin fand, setzte sie erst nicht wenig in Schrecken, dann aber in Verzweiflung und Aerger über dieses Mädchen, welches, allen Vorschriften zum Trotz, gerade gegen den Befehl der Kapitänin gehandelt hatte.

Der Brief war ganz kurz abgefaßt und machte den Eindruck einer vorschriftsmäßigen Meldung.

An Miß Ellen Petersen, Kapitänin der ›Vesta‹.

»Da Sie und die anderen Damen nicht auf die Vorstellungen gehört haben, welche Ihnen Mister Wood machte, so sehe ich mich genötigt, die ›Vesta‹ zu verlassen. Auch meine Meinung ist, daß Miß Nikkerson, wie Miß Sargent, nicht nach Kiu-Liang gebracht worden sind, sondern ins Innere des Landes und daß die Aussagen des Chinesen falsch waren. Sie wollten den Ratschlägen des Mister Wood keinen Glauben schenken, ich aber habe es getan und bin jetzt gewillt, die Spur der Geraubten aufzusuchen und weiterzuverfolgen. Auf glückliches Wiedersehen!

Hope Staunton.«

So oft Ellen den Brief auch las und vorlas, der Inhalt wurde kein anderer.

»Ich habe das Mädchen so oft gebeten,« rief Ellen mit Tränen in den Augen, »den Uebermut nicht zu weit zu treiben. Das aber, was es jetzt unternommen hat, kann schon nicht mehr als solcher bezeichnet werden. Nie hätte ich geglaubt, daß uns Hope eine solche Kränkung zufügen würde.«

Unter den Mädchen herrschte eine allgemeine Verstimmung, teils bedauerten sie, daß Hope so eigenmächtig das Schiff verlassen hatte, sogar ohne Abschied, teils ärgerten sie sich über den Eigensinn des jungen, unerfahrenen Mädchens.

Lange aber sollte der Brief das Thema des Gespräches nicht bilden.

Die Nacht war sehr dunkel, nur die Sterne verbreiteten ein unsicheres Licht über das ruhige Meer, welches von einem leichten Wind kaum gekräuselt wurde.

Plötzlich deutete das auf dem Ausguck befindliche Mädchen in die Ferne, wo die dunklen Umrisse eines Schiffes sichtbar wurden, und deutlich konnte man erkennen, das an Deck desselben mehrere Flammen hin- und herzüngelten.

Es war nur daher bis jetzt der allgemeinen Aufmerksamkeit entgangen, weil man sich mit dem Suchen nach Hope beschäftigt hatte.

Kaum hatte Ellen das Schiff, auf das sie gerade lossegelten, durch das Nachtglas betrachtet, als sie schon rief:

»Ein Schiff in Brand.«

Und als ob diese ihre Worte sofort bestätigt werden sollten, so schlug mit einem Male eine hohe Feuergarbe zum dunklen Himmel empor, das Meer in weitem Umkreise mit seinem Lichte übergießend.

Schnell ward beraten, was zu tun sei, aber es gab keine andere Möglichkeit, als die, in die Nähe des brennenden Schiffes zu segeln und die Rettung der Mannschaft zu versuchen. Die Christenpflicht schrieb dies vor, selbst wenn dadurch die Befreiung ihrer Freundinnen unmöglich gemacht würde.

Bald sah man, mit was für einem Schiff man es zu tun hatte. Es war eine Bark. Das Feuer mußte im Zwischendeck oder im Kielraum entstanden, dort erst lange niedergehalten worden und dann gleichzeitig überall durch das Deck hervorgebrochen sein, denn das Vorder-, wie auch das Hinterteil standen schon in Flammen, und diese leckten bereits an der Takelage. Auf dem mittleren Deck lief die Mannschaft angstvoll hin und her und beschäftigte sich mit dem Losmachen des einzigen Bootes, welches von den Flammen noch verschont geblieben war.

»Die übrigen Boote sind schon verbrannt oder müssen angekohlt sein,« rief Ellen, das Schiff durch das Fernglas scharf betrachtend, »es ist merkwürdig, wie das Feuer um sich gegriffen hat. Ein Teil des Schiffes steht vollständig in Flammen, während der andere, der mittelste, noch völlig unversehrt ist, aber doch sind auch die mittleren Boote schon vom Feuer ergriffen.«

Sie dirigierte die ›Vesta‹ nach dem Schiffe, hielt sich natürlich aber in gehöriger Entfernung, um nicht etwa ihr eigenes Schiff zu gefährden. Schon trug der Wind große Funken davon, aber Ellen kam von der Luvseite heran, das heißt, von der Seite, wo der Wind herkam, so daß die Funken für die ›Vesta‹ nicht gefährlich werden konnten.

»Jetzt erkenne ich den Namen des Schiffes,« rief eine andere Dame, »es ist die ›Möwe‹, die in Scha-tou weit draußen gelegen hat, wo gewöhnlich Petroleum geladen wird.«

Allerdings hatte die ›Möwe‹ am Petroleumplatz gelegen, und wenn sie auch kein Brennöl ausgeladen oder eingenommen hatte, so glaubten die Mädchen nun doch, sich die Ursache der Katastrophe erklären zu können. Das Petroleum war eben in Brand geraten, und dieser hatte sich natürlich furchtbar schnell verbreitet, hauptsächlich da, wo die Fässer lagen. Auch bemerkte man jetzt einen Petroleumgeruch.

Da wurde drüben das Boot über Bord gelassen, in wilder Hast stürzten sich die Matrosen hinein und ruderten eilends von dem Schiffe ab, wo ihnen der Feuertod drohte. Sie hatten nichts weiter als das nackte Leben gerettet, kein einziger hatte nicht einmal ein kleines Bündel mitgenommen.

»Was sollen wir tun?« fragte Ellen ratlos; »es ist unsere Pflicht, die Unglücklichen aufzunehmen, und doch ist mir dies und uns allen so furchtbar unangenehm. Der Ruf der ›Vesta‹ ist dahin, ihre Planken sind entweiht.«

»Es hilft nichts, wir müssen sie an Bord kommen lassen,« meinte ein anderes Mädchen.

»Oder wir werfen ihnen ein Tau zu und schleppen sie hinter uns im Boote her,« sagte Ellen.

Aber dieser Vorschlag fand allgemeine Mißbilligung. Das Boot war nur eine Jolle, also nicht groß, und doch waren achtzehn Menschen darin, so daß es dichtgedrängt besetzt war. Die Ruderer hatten kaum so viel Platz, die Riemen gebrauchen zu können, überall stießen sie an Körper, welche über- und nebeneinander lagen. Und außerdem, wären der Wind und der Seegang etwas stärker geworden, dann mußten die Männer doch an Bord der ›Vesta‹ genommen werden, denn bei hochgehender See würde das Boot bald gekentert sein.

»So nehmen wir sie denn an Bord,« entschied die Kapitänin; »tun wir es nicht, so würden wir vom internationalen Seegericht sogar verurteilt werden, die ›Vesta‹ für immer zu verlassen, wir dürften nicht mehr auf einem eigenen Schiffe selbständig fahren – ich kenne das. Sofort wenn die Matrosen das Deck betreten, bringen wir sie in den Proviantraum, nehmen ihnen das Versprechen ab, sich ruhig zu verhalten und sich allen unseren Anordnungen zu fügen, erklären ihnen bestimmt, daß wir jeden Ungehorsam oder gar jede freche Handlung unnachsichtlich mit einer Revolverkugel bestrafen werden, und richten ihnen dann ein Quartier her, vielleicht in der Segelkoje, wo sie sich so lange aufhalten können und von uns mit Essen und Wasser versehen werden, bis wir sie im nächsten Hafen aussetzen.«

»Und sollten wir mit den Chinesen einen Kampf zu bestehen haben,« fügte Miß Murray hinzu, »so werden sie gern bereit sein, uns darin zu unterstützen. Wer weiß, ob wir sie nicht gut gebrauchen können!«

Miß Petersen erwiderte nichts hierauf, sondern leitete das Anlegen des Bootes, es wurden den Matrosen Taue zugeworfen, sie zogen sich heran und wollten eben das heruntergefallene Fallreep betreten und sich an Deck schwingen, als Ellen ihnen plötzlich zurief, noch einen Augenblick zu warten.

Der Wind hatte plötzlich seine Richtung etwas geändert, die Segel klatschten schon gegen die Raaen, und erst mußte daher das Kommando gegeben werden, die Raaen zu richten. Zugleich schickte Ellen einen Teil der Mädchen in die Takelage, noch einige Segel beizusetzen, sodaß nur die eine Hälfte der Besatzung bei dem Boote blieb und nun den Matrosen beim Uebersteigen möglichst behilflich war.

»Spanier,« flüsterte Ellen, als sich der erste, ein gelbhäutiger Bursche mit schwarzem Haar und schielendem Auge über die Bordwand schwang, »wer keinen Revolver bei sich hat, der versehe sich schnell mit einem solchen.«

Ein Mädchen nach dem anderen entfernte sich, und als der letzte der geretteten Matrosen das Deck der ›Vesta‹ betreten, da hatten alle um sie stehenden Mädchen die Waffen in der Tasche, während die andere Hälfte noch an den Brassen oder in der Takelage arbeitete.

»Wer ist der Kapitän?« fragte Ellen kurz und blickte sich unter den Matrosen um, welche von den Damen eingeschlossen wurden.

Einer trat vor, aber nicht der wirkliche Kapitän der ›Möwe‹, Fonsera oder der Seewolf, denn dieser fürchtete, erkannt zu werden, er hatte die Mütze über die, Stirn gezogen und hielt sich im Hintergrunde verborgen.

»Der Kapitän hat sich selbst getötet,« antwortete der Vorgetretene, »weil er an dem schlechten Verladen der Petroleumfässer schuld gewesen ist. Wäre er meiner Anordnung gefolgt, so wäre das Feuer nicht so furchtbar schnell ausgebrochen. Ich bin der erste Steuermann der englischen Bark ›Möwe‹, jetzt der stellvertretende Kapitän.«

Ellen stellte noch einige Fragen, auf die sie befriedigende Antworten erhielt; auch darüber, daß auf dem englischen Schiff fast nur Spanier, Neger und Mulatten waren, wurde sie aufgeklärt. Die ›Möwe‹ war vor kurzem in Südamerika gewesen, dort war unter der Besatzung das Fieber ausgebrochen, die Matrosen waren gestorben, und der Kapitän hatte dort die fremden Seeleute aufgetrieben.

Die Matrosen hatten nichts weiter als das nackte Leben gerettet, nicht einmal die Schiffspapiere hatte der Steuermann aus der schon brennenden Kajüte mitbekommen können.

Im übrigen machten die Leute keinen ungünstigen Eindruck auf die Mädchen. Sie waren alle sehr niedergeschlagen, blickten traurig nach ihrem Schiffe, welches jetzt in lichterlohen Flammen stand und bald verzehrt sein mußte, und verhielten sich sonst still, ohne in Verwünschungen über ihr Schicksal auszubrechen.

»Ihr seid an Bord der ›Vesta‹ gekommen,« nahm Ellen das Wort, »die unter der Flagge der Vereinigten Staaten segelt und, wie ihr wohl seht, sind wir keine Männer, sondern nur als solche gekleidete Damen. Deshalb kann euer Verhältnis hier an Bord kein beliebiges sein, ihr werdet keine volle Freiheit erhalten,« fuhr Ellen fort. »Wir werden euch einen Platz anweisen, wo ihr es euch bequem machen könnt, ihr werdet mit allem versorgt werden, was ihr braucht, ihr dürft eure Bitten getrost aussprechen, aber im übrigen habt ihr euch auf den Raum zu beschränken, den wir euch vorschreiben. Wer dieser Anordnung nicht folgt, oder wer sich sogar untersteht, gegen eine von uns Damen nur die kleinste Uebertretung sich zu schulden kommen zu lassen, der wird unnachsichtlich bestraft werden, und ich kann euch versichern, daß wir uns unserer Haut zu wehren wissen werden. Seid ihr damit einverstanden?«

»Wir sind es,« riefen die Matrosen, anscheinend sehr froh, mit dem Leben davongekommen zu sein.

»Gut denn, so dürft ihr versichert sein, daß wir unser Bestes tun werden, euch das Leben auf der ›Vesta‹ so angenehm wie möglich zu machen. Im nächsten Hafen, den wir anlaufen, liefern wir euch an das englische Konsulat ab und bezeugen, daß ihr die »Möwe« nur in der höchsten Not verlassen habt. Jetzt folgt mir nach dem Proviantraum, wo ihr so lange bleibt, bis wir für euch einen anderen Platz zum Schlafen hergerichtet haben, ihr werdet nach den Anstrengungen müde sein.«

Die auf Wache befindlichen Mädchen waren noch immer entweder an Deck zerstreut oder arbeiteten in der Takelage, nur die, welche eigentlich Freiwache hatten, aber wegen des Ernstes der Situation ebenfalls an Deck geblieben waren, begleiteten die Matrosen nach dem im Zwischendeck gelegenen Proviantraum, wo Fässer mit Salzfleisch, Säcke mit Hülsenfrüchten, Mehl, Salz und so weiter, aufgespeichert standen.

Die Leute wurden nochmals aufgefordert, hier so lange zu warten, bis ihnen ein Schlafplatz in der Segelkoje zurechtgemacht worden sei, dann verließ Ellen den Raum und schloß hinter sich die Tür zu.

»In die Falle gegangen, Carracho,« flüsterte der Seewolf heiser und schleuderte vor Wut seine Mütze an Deck, »wie dumme Ratten in die Falle gegangen! Mich juckte es ordentlich im Finger, dieser albernen Dirne, die mich schon einmal mit einem Faustschlag traktiert hat, eine Kugel in den Leib zu jagen. Was nun?«

»Es ist noch nicht so schlimm, Seewolf,« gab der erste Steuermann ebenso flüsternd zurück, »aufgeschoben ist noch nicht aufgehoben. Es war verdammtes Unglück für uns, daß gerade der Wind umsprang, und daß dieses verfluchte Weib auch gleich ein Kommando geben mußte, das die Mädchen überallhin zerstreuen mußte, als hätte sie nicht eine Minute warten können; hahaha!«

»Lache noch,« grollte der Seewolf, »natürlich war nur dieses Kommando daran schuld. Aber was sollte ich denn anderes tun, als euch zuzuflüstern, euch noch nicht auf die Mädchen zu werfen. Sollten wir etwa auf die Raaen klettern und die Mädchen von dort herunterholen? Ueberall standen sie am Deck herum, und diese Teufelsweiber haben immer Revolver bei sich, die sie einem bei jeder Gelegenheit unter die Nase halten. Ja, wenn wir sie nicht lebendig ausliefern müßten, dann hätte es wohl einen kleinen Tanz gegeben; aber so! Nun ist die »Möwe« verloren, und wir selbst sitzen in der Patsche. Hätte ich nur erst meine Füße wieder von diesem verdammten Schiff herunter.«

»Gräme dich nicht, Seewolf,« lachte der andere, »jetzt kommt es nur darauf an, einen guten Plan zu fassen, denn diese so überklugen Mädels haben noch keine Ahnung, unter welcher Flagge wir fahren; sie behandeln uns ja gerade, als wären wir Gentlemen, und hätten nur darum der ›Vesta‹ einen Besuch abgestattet, um einen Angriff auf ihre jungfräuliche Ehre zu machen.«

»Laß jetzt das Scherzen,« sagte der Seewolf finster, »gib lieber einen Rat, wenn du einen weißt, wie wir doch Herr über diese Weiber werden, ohne ihnen ans Leben zu müssen.«

Unter den achtzehn Räubern entstand ein leises Flüstern, alle hatten einen Plan, der zum Ziele führen sollte, aber immer schüttelte der Seewolf den Kopf, keiner gab ihm die Garantie, daß er die Mädchen alle mit einem Schlage in seine Gewalt brachte.

Der eine schlug vor, schon jetzt die Tür zu erbrechen, leise herauszuschleichen und die ahnungslose Besatzung zu überrumpeln, ein anderer, auf dem Wege von hier nach der Segelkoje das zu tun, wieder ein anderer, ein Matrose solle sich stellen, als hätte er die Krämpfe bekommen, und wenn die Mädchen hereinkämen, dann sollten sie tun, als wollten sie den Verunglückten hinausbringen, die Mädchen würden zusammenlaufen, und dann wären sie wahrscheinlich alle beieinander.

Der Seewolf billigte keinen dieser Anschläge.

Endlich erhob sich ein noch junger Mann, ein Engländer, von dem Fasse, auf dem er bis jetzt gesessen hatte. Es war derselbe, der in Kairo als Offizier die Verhaftung Ellens vorgenommen hatte, und von dem der Seewolf gesagt hatte, er wäre ein verpfuschter Student, der sich auf einem Piratenschiffe wohler, als in dem Hörsaale fühle.

»Es ist doch sicher anzunehmen, daß die Damen den Aussagen des bestochenen Chinesen geglaubt haben und also nach Kiu-Liang segeln,« sagte er.

Alle bestätigten dies.

»Was für eine Insel ist Kiu-Liang?« fragte der Sprecher. »Ist sie bewohnt oder nicht?«

»Es ist eine unbewohnte, öde Insel,« entgegnete der Seewolf, aufmerksam werdend; »soviel ich weiß, hat sie einen Hafen mit sehr enger Einfahrt, und früher wohnten chinesische Fischer dort, die ihre Hütten haben stehen lassen.« »Gut! Die Damen fahren also nach der Insel und werden sie auch betreten. Ist die Insel von allen Seiten zugängig?«

»Nur von dem Hafen aus,« sagte der Seewolf.

»So werden wir dort die beste Gelegenheit haben, die Mädchen zu überrumpeln,« fuhr der ehemalige Student fort. »Beim Ankern müssen unbedingt alle an den Winden arbeiten, sie legen das Laufbrett aus und so weiter, kurz und gut, sie sind alle ohne Ausnahme beschäftigt, und der Kapitän und die Steuerleute stehen bei dieser Gelegenheit auch nicht auf der Kommandobrücke, sondern an Deck.«

»Bravo!« rief der Seewolf, diesmal fast die Vorsicht vergessend, dämpfte seine Stimme aber sofort wieder zum Flüstern herab. »Ja, Bursche, der Vorschlag ist gut! So lange müssen wir eben warten, wir lassen vorläufig mit uns ruhig alles geschehen, was diese feinen Dämchen zu tun belieben, lassen uns in der Segelkoje Bettchen machen, und sind sie dann auf der Insel mit Ankern beschäftigt, so brechen wir hervor und haben sie. Und bietet sich uns vorher doch noch eine gute Gelegenheit, so wird die natürlich auch benützt. So oder so unser müssen sie doch werden.«

»Wann werden wir Kiu-Liang erreicht haben?« fragte der erste Steuermann.

»Jetzt ist es drei Uhr. Bleibt der Wind, wie er vorhin war, so können wir morgen nachmittag dort sein,« war die Antwort, »und nun, Burschen, verhaltet euch ruhig, daß sie nichts wittern. Weg dort, von dem Fäßchen, Kanaille, deine Nase hat wohl schon wieder Spiritus gerochen? Das sage ich euch, wer hier stiehlt oder sich gar an fremdem Branntwein betrinkt, den hänge ich morgen abend auf. Ich will mir nicht nachsagen lassen, daß der Seewolf auf Besuch gekommen ist und dabei gestohlen hat. So ist's recht, Bursche, lacht und seid wieder vergnügt.«

Des Seewolfs gute Laune war wiederhergestellt, er sah sich jetzt endlich vor seinem Ziele.

Die Tür öffnete sich, zwei Vestalinnen traten herein, banden ein Faß los und wälzten es hinaus, wo es mittels einer Winde durch die Luke nach oben befördert wurde.

»Paßt auf, Jungens,« flüsterte der Seewolf, »jetzt wird für uns das Frühstück gekocht. Na, das muß man den Mädels lassen, nobel sind sie, und ich will mich später auch nicht lumpen lassen. Bin ich erst Kapitän auf der ›Vesta‹ und habe die Mädels als Passagiere an Bord, dann sollen sie auch nicht über das Essen zu klagen haben. Das Beste sollen sie immer bekommen.«

Der Seewolf hatte richtig geraten, daß der Inhalt des Fasses oder doch ein Teil desselben zu einer Mahlzeit für die geretteten Matrosen bestimmt war.

Die Vestalinnen hatten in der sogenannten Segelkoje, einem weiten Raume, wo ein großer Vorrat von Segeln aufbewahrt wurde, bequeme Lager hergerichtet, und waren damit gerade fertig geworden, als die Sonne am Horizonte aufstieg.

Um sechs Uhr wird auf den Schiffen allgemein das erste Frühstück eingenommen, und da anzunehmen war, daß die Matrosen seit dem vorigen Abend nichts gegessen hatten, außerdem durch Anstrengung und Aufregung über die Todesgefahr erschöpft waren, so hatte Ellen angeordnet, ein kräftiges Frühstück für die Leute zu bereiten, nachdem sie einige Stunden geschlafen hatten.

Ein Faß gesalzenes Schweinefleisch ward also aus dem Proviantraum geholt; die gerade in der Küche beschäftigten beiden Mädchen setzten Erbsen an, und dann wurden die Matrosen nach ihrer neuen Schlafstelle gebracht, die sich ganz vorn in dem großen Schiffe befand.

Auch diesmal wurde wieder die Tür hinter ihnen abgeschlossen.

Die eine Hälfte der Mädchen war abgelöst worden, sie befand sich in den Kabinen, die andere dagegen war an Deck, hatte aber keine Arbeit, da schönes Wetter war.

Die Mädchen standen in der Nähe der Kombüse (Küche), welche in der Mitte des Schiffes lag, und schauten den beiden Köchinnen zu, die mit Meißel und Hammer den Deckel des Fleischfasses öffneten. Das Gespräch drehte sich jetzt weniger um die zu erwartende Begegnung mit den chinesischen Seeräubern, als vielmehr um die geretteten Matrosen.

»Es muß doch entsetzlich sein, so auf einem Schiffe zu stehen, mitten zwischen zwei Elementen, Feuer und Wasser, die an und für sich selbst den größten Kontrast bilden und doch so furchtbar für den Menschen sind,« sagte eben das eine der jungen Mädchen und steckte den Meißel in die Oeffnung des Deckels, um diesen abzuheben.

»Bitte, Miß Thomson,« sagte sie zu dem neben ihr stehenden Mädchen, als der Deckel ihren Anstrengungen nicht nachgab, »helfen Sie mir, ich kann ihn nicht allein aufbrechen.«

Beide Mädchen vereinten ihre Kräfte, krachend sprang der Deckel empor, aber gleichzeitig flogen auch beide mit einem lauten Aufschrei zurück, und selbst die umstehenden Vestalinnen brachen in einen Schreckensruf aus.

Es gibt Spielzeuge in Form von Kästchen oder Schachteln, welche auf Kinder dieselbe Wirkung ausüben, wie jetzt das Faß bei den Mädchen hervorbrachte. Oeffnet man den Deckel, so wird er einem plötzlich aus der Hand geschleudert und aus dem Kästchen springt ein kleiner Teufel auf, der zuvor von dem Deckel zusammengedrückt gewesen war.

Ebenso geschah es hier.

Kaum war der Deckel abgefallen, so schoß mit halbem Oberkörper ein Mann aus dem Fasse hervor, und noch waren die Schreckensrufe der Mädchen nicht verklungen, als schon eine fröhliche Stimme erscholl:

»Never mind, sollte mir sehr leid tun, wenn ich Sie erschreckt habe, meine Damen. Ein Umstand zwang mich, länger in diesem Fasse zu bleiben, als ich gewünscht hatte, sonst würde ich die Vorstellung nicht auf einem so ungewöhnlichen Wege vorgenommen haben. In der Tat, Miß Petersen,« wandte sich der Reporter an diese, und legte einen Finger an die schottische Mütze, »Youngpig ist mein Name.«

Und gemächlich stieg der Reporter aus dem Fasse, in dem er seit ungefähr sieben Stunden zusammengekrümmt gesessen hatte.

»Aber wie in aller Welt kommen Sie denn in dieses Faß?« fragte Ellen unter dem Gelächter ihrer Gefährtinnen.

»Schon allein mein Name berechtigt mich dazu,« erwiderte der Reporter ernsthaft. »Ich sah, wie die ›Vesta‹ in Scha-tou Fässer mit Schweinefleisch übernahm, ich ließ mich in ein leeres Faß stecken, hinrollen, ein volles wegnehmen, und so kam es, daß Sie mich als gesalzenes Schweinefleisch an Bord übernahmen, worin Sie auch gar keinen so großen Irrtum begingen, denn mein Name ist Youngpig, also Ferkel, und wenn ich an meine bisherige Wohnung Schweinefleisch schreiben ließ, so habe ich meine richtige Adresse angegeben. Niemand kann mich einer Lüge beschuldigen.«

Die Neuigkeit, daß sich Mister Youngpig, der Reporter der ›Times‹, als gesalzenes Schweinefleisch in einem Fasse an Bord der ›Vesta‹ geschmuggelt hatte, blieb nicht nur unter den Vestalinnen an Deck; die Schläferinnen in den Kojen wurden wachgerüttelt, es wurde ihnen alles erzählt, und nach einigen Minuten standen alle Mädchen kichernd um dieses Wunder herum.

»Was beabsichtigten Sie, als Sie sich auf diese Weise an Bord der ›Vesta‹ begaben?« fragte Ellen streng.

»Ich wollte mir dieses Schiff genauer ansehen, möglichst viele Photographien von der inneren Einrichtung aufnehmen,« erwiderte der Reporter. »Nur immer ehrlich, meine Damen, das ist mein Wahlspruch. Bin ich jetzt dabei ertappt worden, so schadet dies nichts. Hauptsache ist, daß ich an Bord bin. Ins Wasser werfen werden Sie mich doch hoffentlich nicht, das wäre ungalant von Ihnen, als gebildete Damen.«

»Das nicht,« sagte Ellen mit finsterem Gesicht, »mir aber, als Kapitänin, als unumschränkten Befehlshaberin dieses Schiffes, steht das Recht zu, Sie für Ihre Unverschämtheit oder meinetwegen auch wegen Ihrer Dreistigkeit, ordentlich auspeitschen zu lassen, dann zu bestimmen, daß Sie sich Ihr Essen und Schlafen durch die niedrigste Arbeit verdienen und Sie im ersten Hafen an Land zu setzen. Sind Sie damit einverstanden?«

»Natürlich, soll mir sogar sehr angenehm sein, wenn ich mich Ihnen nützlich erweisen kann,« war die unverzagte Antwort.

»Auch das Durchpeitschen?«

»Nehme ich auch mit in den Kauf, die Hauptsache ist, daß ich photographieren kann. Wird einen riesigen Effekt geben, wenn ich schildere, wie mich die Damen gehauen haben.«

»An das Photographieren brauchen Sie nicht mehr zu denken. Das erste wird sein, daß ich Ihnen nicht nur den Apparat und alle bisher von uns aufgenommenen Bilder, sondern auch Ihr Buch mit sämtlichen Notizen wegnehmen und über Bord werfen lasse.«

»Bedaure sehr,« schmunzelte der Reporter, »alles bisher über die ›Vesta‹ und ihre Besatzung von mir Gesammelte, dampft jetzt schon auf dem schnellsten Wege nach London.«

»Dann werde ich meine Drohung, denn eine solche war es anfangs nur, wahrmachen, und Sie für Ihre Dreistigkeit bestrafen. Leisten Sie keinen Widerstand, Mister Youngpig, es wäre Ihr Schaden. Haben Sie Stich- oder Schußwaffen bei sich?«

»Hier, meine Stichwaffe,« antwortete der Reporter und händigte Ellen den Bleistift aus, »und hier, meine Pistole.«

Damit gab er ihr auch den Photographenapparat.

»Ich gehorche Ihnen zwar in allen Dingen, aber ich schwöre, hoch und heilig, daß ich alles mir Widerfahrene haarklein in den ›Times‹ erzählen werde, zwei Spalten voll, die Zeile für einen Schilling, macht zusammen einundzwanzig Pfund fünfzehn Schillinge.«

»Und ich versichere, daß wir Ihnen solange die neunschwänzige Katze zu schmecken geben werden, bis Sie uns hoch und heilig geschworen haben, von jetzt ab jeden Versuch aufgeben zu wollen, uns noch fernerhin mit Ihrer Zudringlichkeit zu belästigen,« entgegnete Ellen und gab den Befehl, Mister Youngpig an den Mast zu binden.

Keins der Mädchen glaubte, daß es der Kapitänin mit ihrer Drohung ernst wäre. Sie banden den Reporter an den Mast, und Youngpig ließ sich alles ruhig gefallen. Man wußte nicht, ob er das Ganze nur für Spaß hielt – das ernste Gesicht Ellens machte dies nicht glaubhaft – oder ob er wirklich begierig darauf sei, ein solches Erlebnis später schildern zu können.

»Wollen Sie mich denn auf den Bauch schlagen?« fragte er, als er so mit dem Rücken am Mast stand.

Ellen ärgerte sich darüber, daß die anderen Damen über diese sonderbare Bemerkung lachten, und nahm mit dem Reporter nochmals ein Verhör vor.

»Was hätten Sie nur gemacht, wenn wir dieses Faß nicht zufällig aus dem Proviantraum geholt hätten? Sie hätten ja verhungern müssen!«

»Durchaus nicht, ich habe die ganze Tasche voll Hartbrot, eine Woche hätte ich es schon noch ausgehalten.«

»Aber die Luft fehlte Ihnen doch!«

»Wenn Sie den Deckel genau betrachten, so werden Sie bemerken, daß er wie ein Sieb mit seinen Löchern versehen ist.«

»In dem Fasse konnten Sie aber doch weder schreiben, noch photographieren, überhaupt uns nicht beobachten.«

»O, ich habe Handwerkszeug bei mir, um das Faß von innen zu öffnen.«

»Was hätten Sie dann getan?«

»Ich würde immer, wenn ich mich unbemerkt geglaubt hätte, meistens bei Nacht, aus dem Fasse gekrochen sein und Aufnahmen von der ›Vesta‹ gemacht haben. Essen gab es hier genug, zu trinken auch, und so hätte ich mich in meinem Fasse ganz gut gestanden. Sie sehen, Lügen ist meine Sache nicht.«

»Nun, Sie werden jetzt auch den Lohn für Ihre Offenheit bekommen,« meinte Ellen und besprach sich leise mit den Vestalinnen.

Niemand bemerkte, wie sich die Blicke des Reporters und Johannas begegneten, und wie ersterer nur mit Mühe ein spöttisches Lächeln unterdrücken konnte.

»Wir haben beschlossen,« wandte sich Ellen wieder an den Gebundenen, »Sie wirklich durchzupeitschen, damit Sie endlich einmal merken, daß wir von Ihrer Zudringlichkeit verschont bleiben wollen. Haben Sie erst eine Züchtigung aus unserer Hand empfangen, dann wird es Ihre Ehre als Mann wohl nicht mehr zulassen, noch länger mit uns zu verkehren.«

»Das ist eine offene Frage, darüber kann ich Ihnen noch gar nichts Näheres mitteilen,« war die ruhige Antwort, »aber wollen Sie mich nicht lieber fragen, wie ich mich in den letzten Stunden, als die Matrosen in demselben Raume mit mir zusammen waren, in meinem Fasse amüsiert habe? Sie würden sich wundern.«

»Wieso?«

»Nun ich habe ganz Interessantes zu hören bekommen, die Herren haben sich sehr lebhaft über Sie unterhalten.«

Und nun begann der Reporter die erlauschte Unterhaltung der Piraten wiederzugeben, ihren Plan, wie sie die Mädchen in Kiu-Liang überwältigen wollten und so weiter.

Schon nach der ersten Mitteilung war der Reporter losgebunden und von Ellen in den Salon genötigt worden, nachdem sie befohlen, die zur Segelkoje führende Tür von einigen gutbewaffneten Vestalinnen scharf bewachen zu lassen.

»Also hatte Mister Wood doch recht, als er sagte, die Aussagen des Chinesen wären falsch gewesen; wirklich, nun zweifle auch ich nicht mehr daran!« rief Ellen.

»Miß Staunton war die klügste unter allen Vestalinnen,« meinte der offenherzige Reporter, »sie wenigstens glaubte ihm und schloß sich gleich ohne Aufforderung der Expedition an, welche Mister Wood den geraubten Mädchen nachführt.«

»Aber warum hat sie uns das nicht gesagt?« »Sie hätten ihr es doch noch weniger geglaubt, als Mister Wood, das wußte die junge Dame ganz genau.«

Ellen schwieg verlegen, sie gab zu, daß Mister Youngpig recht hatte.

»Die Sache ist nun nicht mehr zu ändern,« sagte sie dann, »also nach Kiu-Liang zu fahren hat keinen Zweck mehr, aber diese Piraten wollen wir doch dingfest machen.«

»Ich schlage vor, doch nach Kiu-Liang zu fahren,« warf ein anderes Mädchen dazwischen, »natürlich unter Beobachtung aller Vorsicht. Wer weiß, ob wir dort nicht etwas entdecken können, vielleicht ein neues Verbrechen, welches schon vorbereitet wird, und, wenn nicht jetzt, so doch später zur Ausführung gegen uns gelangen wird.«

Diesem Vorschlag wurde von allen Seiten beigestimmt.

Zwar meinten einige, es wäre besser, sofort nach Scha-tou zurückzukehren und die Verfolgung der geraubten Mädchen aufzunehmen, aber ihr Antrag ging nicht durch.

Einmal war nun der Wind der jetzt eingeschlagenen Richtung wohl günstig, nicht aber zur Rückfahrt, und dann behauptete Mister Youngpig auch ganz energisch, Mister Wood hätte, wie immer, sein Vorhaben sofort ins Werk gesetzt, und er wußte die Geschicklichkeit und Tatkraft dieses Herrn in derartigen Unternehmen in solch gutes Licht zu setzen, daß selbst die Freundinnen der unglücklichen Mädchen beruhigt wurden.

Außerdem hatte auch schon Ellen in Batavia gemerkt, daß dieser Mister Wood zwar ein etwas grober Patron war, wie sie sagte, sonst aber in jeder Weise zuverlässig und talentvoll, und so stimmte auch sie dafür, den Weg nach Kiu-Liang fortzusetzen und das Schicksal der beiden Damen in den Händen des Mister Woods zu lassen. Die Vestalinnen waren ja durch Hope Staunton vertreten.

Ihr Wille gab den Ausschlag.

Nun galt es noch zu beraten, wie man am besten die Piraten unschädlich machen könnte, ohne dabei weder Blut vergießen, noch das eigene Leben in Gefahr bringen zu müssen.

Lange wurde darüber debattiert, jede machte einen anderen Vorschlag. Schließlich kam man dahin überein, einen nach dem anderen nach der Kajüte zu rufen, um sie vorgeblich ins Verhör über den Schiffsbrand zu nehmen und ihre Unterschrift über die Aufnahme auf der ›Vesta‹ zu verlangen, und dann einzeln zu überwältigen und schadlos zu machen, etwa jedem bei Eintritt in die Kabine einen Schlag über den Kopf zu geben, der ihn vorläufig betäubte.

»Ich wüßte einen anderen Plan,« meinte der Reporter.

»Nun?«

»Versprechen Sie mir aber, mich nicht mehr prügeln zu wollen.«

»Nein, wir verzeihen Ihnen diesmal noch,« lächelte Ellen.

»Haben Sie eine Apotheke an Bord?«

»Allerdings.«

»In der sich Schlafmittel befinden?«

»Ah,« rief Ellen, »ich verstehe Sie, der Vorschlag ist gut. Wir wollen ihnen ein Frühstück geben, nach dem sie sehr gut schlafen werden.«

34.

Die Favoritin.

Sehen wir uns nun nach dem Schicksale der beiden Mädchen Miß Nikkerson und Miß Sargent und des Marquis Chaushilm um.

Sofort nachdem der Leichnam des vom Herzog durch die Brust geschossenen Angreifers in den Wagen gelegt worden war, trieb der Kutscher seine Pferde wieder zum rasenden Lauf an. Drei Chinesen blieben in den Wagen, ein vierter setzte sich auf den Bock, und während die Fahrt ununterbrochen weiterging, wurde der am Boden liegende, noch immer bewußtlose Marquis von einem Manne an Händen und Füßen gebunden.

Den beiden Mädchen geschah nichts, zwei Chinesen nahmen neben ihnen Platz und bewachten jede ihrer Bewegungen, und zwar so scharf, daß sie nicht die Hand ausstrecken konnten, ohne sofort beim Gelenk gepackt und mit drohender Miene geschüttelt zu werden. Eine klare Aufforderung, ruhig zu sitzen.

Miß Nikkerson versuchte einmal, nach dem in der Tasche steckenden Revolver zu fühlen, aber noch auf halbem Wege wurde sie daran gehindert, und der Chinese begnügte sich nicht einmal damit, sondern, durch die Bewegung argwöhnisch gemacht, visitierte er ihr auch die Taschen. Das Mädchen wollte sich diesem Vorhaben widersetzen, aber der Chinese preßte ihr beide Hände mit eiserner Gewalt zusammen, untersuchte mit der freien Hand die Taschen und nahm den Revolver, ein Messer und überhaupt alles darin Befindliche an sich.

Zu gleicher Zeit war dasselbe mit Miß Sargent geschehen, auch ihr war alles abgenommen worden, und als sie einmal dabei einen kleinen Schrei ausgestoßen, da hatte ihr der Chinese die Faust dicht vor die Augen gehalten.

Die beiden Mädchen verhielten sich jetzt völlig ruhig, sie sahen ein, daß sie selbst zu ihrer Befreiung nichts beitragen konnten, und setzten alle ihre Hoffnung auf ihre Freundinnen und auf die Engländer.

Der Weg beschrieb einen Bogen, sodaß ihnen jetzt klar wurde, daß sie gar nicht nach Scha-tou fuhren, sondern diese Stadt zur Rechten behielten. Ueber ihr Ziel waren sie natürlich völlig im unklaren. Miß Nikkerson hatte einmal versucht, von ihrem Begleiter darüber Auskunft zu erhalten, schüchtern hatte sie ihn auf englisch gefragt, aber ein drohendes Zeichen, zu schweigen, war die einzige Antwort gewesen.

Von den hinteren Wagen hörten sie nichts mehr, der rasende Lauf ihrer Pferde hatte sie bald weit von ihnen entfernt.

Nach etwa einer Stunde stieß der schmale Fahrweg auf eine breite, wohlgepflegte Landstraße, und am Kreuzungspunkt hielt ein mit Planen verdeckter Wagen, vor den vier Pferde gespannt waren.

Die beiden Mädchen wurden aufgefordert, auszusteigen und sich in den anderen Wagen zu begeben, wo sie von zwei Chinesen in Empfang genommen wurden, von denen der eine besser gekleidet war und sich auch höflicher benahm, als die bisherigen Wächter.

Die beiden Mädchen waren fast froh, als sie seine Artigkeit bemerkten, sie fühlten sich zwar als Gefangene, und über ihr späteres Schicksal lag ein dunkler Schleier gebreitet, der vielleicht Fürchterliches barg, aber immerhin atmeten sie doch erleichtert auf, als sie die Zuvorkommenheit des kleinen, dicken Chinesen bemerkten, der sie freundlich auf die weichen Kissen des Wagens drückte und den beiden anderen Chinesen dann in herrischem Tone etwas zurief, worauf diese sich scheu in die entferntesten Ecken zurückzogen, während er selbst mit untergeschlagenen Beinen den Mädchen gegenüber Platz nahm.

Chaushilm war nicht mit in den Wagen gekommen, sondern in dem anderen geblieben, und das war es, was jetzt die Mädchen mit der größten Unruhe erfüllte, sie sollten also getrennt werden.

Ehe sie abfuhren, lüftete der dicke Chinese noch einmal die Planen und besprach sich längere Zeit mit den Entführern im ersten Wagen. Miß Nikkerson hörte nochmals die Worte Scha-tou und Schanghai, dann lachte der dicke Chinese laut auf, ließ die Leinwand fallen und lehnte sich, immer noch vergnügt lachend, in seine Kissen zurück.

Der Wagen fuhr davon, nach Norden zu, und jetzt fiel es Miß Nikkerson ein, daß diese breite Landstraße wahrscheinlich die nach Schanghai führende sei, auch war dieser Name öfter im Gespräch vorgekommen. Dieser Weg kam unverkennbarerweise von Scha-tou her, und ihn nahm der Wagen mit Chaushilm, während der ihrige nach Norden fuhr, also die Richtung nach Schanghai einschlug.

Schanghai liegt von Scha-tou 600–700 Meilen entfernt, das wußte Miß Nikkerson ungefähr, und selbst wenn die Pferde täglich zweimal gewechselt wurden – bei diesem schnellen Lauf mußten sie das – so gebrauchten sie doch sieben Tage, ehe sie Schanghai erreichten. Daß sie nicht die Eisenbahn benutzen durften, war ganz natürlich, denn die zwischen Scha-tou und Schanghai befindliche Bahn lag in den Händen von Engländern, und von solchen durften die Geraubten nicht bemerkt werden.

Lange Zeit saßen beide so in Gedanken versunken da, immer Möglichkeiten erwägend, sich mit Hoffnungen beschäftigend und Befürchtungen verscheuchend.

Die Nacht war dunkel, also herrschte auch in dem mit Planen bedeckten Wagen Finsternis, nur einige Leinwandklappen waren zurückgeschlagen, so daß wenigstens durch die rasche Fahrt immer ein frischer Luftzug entstand, sonst wäre es in dem Wagen vor Hitze nicht auszuhalten gewesen.

Der Aufstieg zum Wagen war hinten angebracht, und an diesem saßen die beiden Wächter einander gegenüber, weit entfernt von den Mädchen, ganz still, aber die Gefangenen merkten wohl, wie die Augen der Männer beständig auf sie gerichtet waren. An Flucht war also vorläufig nicht zu denken, sie hatten ja nicht einmal mehr Waffen bei sich, außer einem Dolch, den jede Vestalin immer auf der Brust bei sich trug. Aber den jetzt schon zu gebrauchen, wäre Torheit gewesen, erst mußten sie abwarten, ob ihr Schicksal sich wirklich so schlimm gestalten würde daß sie auf Menschenleben keine Rücksicht mehr nehmen durften.

Der Chinese ihnen gegenüber verhielt sich schon längere Zeit ganz ruhig – sie konnten in der Dunkelheit nicht einmal seine Gestalt erkennen. Anfangs war er fortwährend um sie bemüht gewesen, er hatte ihnen immer und immer wieder die Kissen zurechtgeschoben, und dabei war es den Mädchen so vorgekommen, wenn sein Kopf in die Nähe ihrer Gesichter kam, als hätte der Mann vorher starke Spirituosen getrunken, und überhaupt glaubten sie öfters zu bemerken, daß er betrunken sei, wenigstens war sein Benehmen ein sehr auffälliges.

Bald lachte er ohne jede Veranlassung laut auf, klopfte sich auf die Beine, klatschte dann wieder in die Hände und wollte vor Lachen bersten, tat überhaupt, als wäre er vor Entzücken außer sich, da er aber die Mädchen unbelästigt ließ, so wurden diese durch sein merkwürdiges Betragen nicht gerade eingeschüchtert.

Dann wurde er mit einem Male still, und bald verriet sein lautes Schnarchen, daß er sich, mit gekreuzten Beinen, dem Schlafgott in die Arme geworfen hatte.

»Mut,« flüsterte Miß Nikkerson ihrer Freundin zu, »unsere Lage ist noch nicht die schlimmste. Wir wollen uns vorläufig fügen, dieser dicke Chinese scheint eine etwas kindische Person zu sein, die uns nichts Böses zufügen will.«

»Er ist betrunken,« gab Miß Sargent zurück.

»Es scheint so, wenigstens angetrunken. Wenn er in nüchternem Zustande ebenso harmlos ist, wie jetzt, dann wird es mir schon gelingen, aus ihm etwas herauszubringen. Es muß schon Mitternacht sein, der Tag ist nicht mehr fern.«

»Ich habe eine furchtbare Ahnung,« sagte das andere Mädchen, da ihr Gespräch von den beiden Wächtern nicht gestört wurde.

»Wir wollen nicht mit Ahnungen rechnen,« ermutigte Miß Nikkerson, »das Schlimmste ist, daß wir als Sklavinnen verkauft werden sollen, und dann kaufen wir uns einfach selbst frei.«

So suchte das Mädchen ihre Freundin zu erheitern, aber ihre Worte verfehlten die Wirkung.

»Ich fürchte, wir sind schon gekauft,« meinte Miß Sargent, »und zwar eben von diesem Chinesen. Ich kenne die chinesischen Verhältnisse etwas. So einfach und genügsam auch der arme Chinese ist, desto unersättlicher und raffinierter in seinen Genüssen ist der reiche. Ich bin jetzt schon fest davon überzeugt, daß uns dieser Mann, wahrscheinlich ein reicher Mandarin, gekauft hat, um uns in seinen Harem zu nehmen.«

Miß Nikkerson erschrak; an eine solche Möglichkeit hatte sie noch gar nicht gedacht.

»Ist es den Chinesen erlaubt, mehrere Frauen zu halten? Ich glaubte, sie lebten in Monogamie.«

»Erlaubt ist die Vielweiberei hier auch nicht,« entgegnete Miß Sargent, »aber in den reichen Kreisen dieses Landes wird sie noch mehr betrieben, als im Orient, und nicht nur die Vielweiberei, sondern auch die größte Unsittlichkeit. Der Chinese ist unerschöpflich im Erfinden der unnatürlichsten, sinnlichen Genüsse, ich habe Schreckliches davon erzählen hören.«

Miß Nikkerson suchte im Finstern die Hand ihrer Freundin und drückte sie fest in der ihren.

»Sollte unser Schicksal ein solches sein, daß wir als Spielzeug eines Chinesen bestimmt sind,« flüsterte sie, »dann wissen wir ja, was wir zu tun haben. Und, meine liebe Sargent, um Gotteswillen dürfen wir uns nicht trennen lassen, nicht mit aller Gewalt der Erde. Ein Tod von eigener Hand ist mir lieber, als mich selbst verabscheuen zu müssen; so lange wir beide aber noch zusammen sind, haben wir Hoffnung, einer Gewalttat zu trotzen und uns wehren zu können.«

Beide versprachen sich fest, sich um keinen Preis zu trennen und lieber sich gegenseitig den Dolch ins Herz zu stoßen, als sich zum Haremsweibe eines Chinesen herabwürdigen zu lassen.

Sie fielen in einen unruhigen Schlummer, und als sie wieder erwachten, schien durch die Oeffnung der Plane das helle Tageslicht in den Wagen.

Ihr erster Blick galt dem Chinesen, der ihnen gegenüber noch immer in seiner alten Stellung verharrte, und was ihnen die Dunkelheit der Nacht verhüllt hatte, das wurde ihnen jetzt zu ihrem Abscheu offenbar.

Dieser kleine, dicke Chinese war von einer entsetzlichen Häßlichkeit, das breite Gesicht war von Pockennarben ganz zerfressen, desgleichen die ungeheure, dicke Nase, die Unterlippe hing weit herab und ließ die langen, gelben Zähne, gleich denen einer Hyäne, sehen. Das ganze Gesicht schon machte auf die jungen Mädchen den Eindruck, als wäre es durch maßlose Leidenschaften so entstellt worden, und ein Kenner würde es auch wirklich für den Spiegel der Seele dieses Mannes gehalten haben.

»Beim Anblick dieses Chinesen bestätigt sich meine Ahnung,« flüsterte Miß Sargent ihrer Freundin zu, »es muß ein Reicher sein, er ist sicher nicht für Geld als Räuber gedungen worden, er hat selbst unsere Entführer bezahlt. Sehen Sie nur die schwerseidenen Kleider, die Diamanten an den gelben Schuhen.«

Dann bemerkten sie, daß der Wagen während der Nacht die Landstraße verlassen hatte und sich jetzt auf einem schmalen, holprigen Wege befand, der immer zwischen Reis- und Teefeldern dahinführte.

Die beiden Wächter am Eingange bedurften entweder keines Schlafes oder hatten in der Nacht ebenfalls geschlafen, sie saßen noch immer stumm da, ohne die Augen von den Mädchen abzuwenden. Sie waren gut bewaffnet; aus der als Gürtel dienenden Schärpe lugten Pistolengriffe hervor, und an ihrer Seite hing das lange, krumme, chinesische Schwert, als wären sie bereit, jeden Kampf aufzunehmen; und wirklich sahen die kräftigen Gestalten mit den herabhängenden Schnurrbärten sehr kriegerisch aus.

Bald erwachte auch der kleine Chinese, und sofort fielen seine grünen, geschlitzten Augen auf die beiden Mädchen und blieben mit Wohlgefallen an den schlanken Gestalten haften.

Jetzt zeigte es sich mit einem Male, daß er ziemlich gut englisch sprach, von dem er sich gestern abend nichts hatte merken lassen, wahrscheinlich hatten die starken Spirituosen die Kenntnis dieser fremden Sprache verwischt.

»Gut geschlafen?« fragte er freundlich, verzog aber die unförmlichen, schwulstigen Lippen zu einem so widerlichen Lächeln, daß sich schon jetzt die beiden Damen vor ihm zu ekeln begannen.

»Wir sind gleich zu Hause,« fuhr er fort, immer mit dem entsetzlichen Grinsen, und legte vertraulich seine Hand auf Miß Nikkersons Knie, welche bei dieser Berührung zusammenschauerte, aber sie vorläufig duldete.

Sie konnten sich ja doch in seinem Charakter täuschen; vielleicht war er nicht der schlechte Mensch, zu dem ihn sein Gesicht stempelte, er hatte ein solches nur von der Natur empfangen, und daß er die Mädchen jetzt entführte, mußte er vielleicht auf Befehl eines Höheren tun.

Aber bald sollten sie erfahren, wie sehr das Gesicht zum Charakter seines Besitzers paßte.

Er ließ es nicht dabei, die Hand wie von ungefähr auf das Knie des jungen Mädchens gelegt zu haben. Miß Nikkerson schleuderte sie endlich mit Entrüstung von sich und rief in drohendem Tone:

»Versuchen Sie nicht noch einmal, in solcher Weise sich zu benehmen! Und überhaupt, wer sind Sie, wohin führen Sie uns? Sind Sie ein Räuber, daß Sie Mädchen auf der Landstraße überfallen und wegschleppen lassen? Es wird Ihnen bald gezeigt werden, daß wir als Amerikanerinnen auch in Ihrem Lande Schutz finden. Augenblicklich lassen Sie den Wagen halten, ich will es!«

Dem Mädchen war plötzlich aller Mut zurückgekehrt, sie war bei dem letzten Worte aufgesprungen und hatte ihre Freundin mit emporgezogen, welche ebenfalls neue Hoffnung schöpfte, denn beide sahen durch eine Oeffnung der Plane nicht weit entfernt eine Villa sich erheben, nach europäischem Stile gebaut, und dort konnten sie Schutz finden.

Aber sie wurden am Verlassen des Wagens gehindert. Sofort waren auch die beiden Wächter aufgesprungen und harrten nur des Winkes ihres Herrn, sich auf die Mädchen zu stürzen, aber diese selbst gingen direkt auf sie zu und suchten sie zur Seite zu schieben und den Ausgang zu gewinnen.

Sie wurden natürlich daran gehindert, aber angesichts dieser Villa suchten beide doch mit Gewalt sich den Ausweg zu erzwingen, ein Ringen entstand, der kleine Chinese schrie und stampfte mit den Füßen, die Mädchen versuchten vergebens, sich aus den Händen der Wächter zu befreien – nach einigen Minuten lagen sie atemlos wieder auf den Polstern.

»Warum willst du denn hinaus, mein schönes Mädchen?« sagte der Chinese zärtlich zu Miß Nikkerson und näherte sein Gesicht ganz dicht dem ihrigen, so daß sie schon seinen heißen Atem spürte, »bleibe nur, Schätzchen! Du sollst es gut bei mir haben, ebenso deine Freundin.«

Damit legte er seinen Arm um ihre Taille, erhielt aber in demselben Augenblick einen solchen Schlag ins Gesicht, daß er der Länge nach auf den Boden des Wagens stürzte.

Diesmal schritten die beiden Chinesen nicht ein, sie konnten sogar ein spöttisches Lächeln nicht unterdrücken, als ihr Gebieter sich jammernd wieder erhob und die getroffene Backe mit beiden Händen festhielt, dabei einen Blick auf das schlagfertige Mädchen werfend, der zwischen Zärtlichkeit und Angst die Mitte hielt.

Aber der Schlag hatte weder seinen Zorn erregt, noch sein Wohlgefallen an Miß Nikkerson gedämpft, nur hielt er sich jetzt etwas entfernt von der kräftigen Hand des Mädchens und unterließ neue Gefühlsäußerungen.

Miß Nikkerson war aufgesprungen, noch konnte sie die Villa sehen.

»Wollen Sie uns augenblicklich herauslassen?« rief sie aufgeregt. »Ich verlange, daß wir aussteigen dürfen! Ihre Schandtat soll Ihnen verziehen sein, ich werde keine weiteren Untersuchungen einleiten, nur geben Sie uns jetzt die Freiheit, daß wir dort nach jener Villa gehen können.«

»Das sollst du ja auch, Schätzchen,« schmunzelte jetzt der dicke Chinese mit freundlichem Gesicht und rutschte wieder etwas näher, »gewiß, wir fahren auch nach jener Villa.«

»Das ist nicht wahr,« rief das Mädchen, »der Wagen fährt ja vorbei.«

»Nein, nein,« unterbrach sie der Chinese mit lebhaftem Kopfschütteln, »paß nur auf, mein Schätzchen, wir fahren dorthin. Und du sollst es dort sehr gut haben, brauchst den ganzen Tag nichts zu machen, kannst immer schlafen, rauchen, essen und trinken, was du willst. O, das soll ein herrliches Leben werden, meinst du nicht?«

Und der alte Chinese klatschte vor Freude in die Hände und berührte vorsichtig einmal mit dem Finger des Mädchens Hand, den Kopf dabei weit zurückbiegend, als fürchte er, auf die andere Backe auch noch einen Denkzettel zu erhalten.

Ueberrascht bemerkten die Mädchen, daß der Chinese die Wahrheit gesprochen hatte, wirklich folgte der Wagen plötzlich einer großen Biegung und fuhr dann auf einem anderen Wege wieder zurück, diesmal gerade auf die Villa zu.

Aber schon im nächsten Augenblick sahen sie ihre Hoffnung schwinden, auf ein von Europäern bewohntes Haus zu stoßen. Wenn es auch ein solches Aussehen besaß, so sah man beim Näherkommen doch auf den ersten Blick, daß es einem Chinesen gehörte.

An den Fenstern waren keine Gardinen, auf der Veranda keine Schaukelstühle, sondern nur Matten und niedrige Strohsessel zu sehen, auf denen einzelne eingeborene Weiber phlegmatisch hockten und den Klängen eines einsaitigen Instrumentes lauschten, das von einem kleinen Knaben bearbeitet wurde.

»Das ist mein Haus,« grinste wieder der Chinese. »Nicht wahr, es ist wunderschön? Seht nur dort die vielen bunten Vögel, sie sind alle Euch, Ihr könnt auch dort den ganzen Tag mit dem Hündchen spielen oder auf den Eseln dort im Hofe herumreiten.«

Der Alte war kindisch, das war jetzt klar, und die Mädchen hätten über seine Narrheit gelacht, wenn die Situation nicht so ernst gewesen wäre. »Was haben Sie mit uns vor?« fragte wieder Miß Nikkerson. »Noch einmal, lassen Sie uns heraus, oder Sie werden es später bitter bereuen, Bürgerinnen der Vereinigten Staaten der Freiheit beraubt zu haben! Hüten Sie sich! Unsere Freunde werden nicht eher ruhen, als bis sie uns gefunden haben, und wenn sie uns auch nicht mehr am Leben finden, sie werden furchtbare Rache nehmen.«

Das Mädchen glühte vor Aufregung, und gierig hingen des Chinesen grüne Augen an der schönen Gestalt, deren Busen auf- und niederwogte und deren Wangen mit Purpurröte übergossen waren.

»Macht nichts,« lächelte er, »Schao-tschin liebt die Engländerinnen sehr, aber er hat bis jetzt noch keine gehabt. Ihr bleibt bei mir, und es wird euch bald sehr gut bei mir gefallen. Schao-tschin ist reich, sehr, sehr reich, er kann euch ganz in goldene Gewänder kleiden, und mit Goldstücken sollt ihr spielen dürfen. Und ihr braucht auch kein Fleisch zu essen, nein, nur die Nieren mit Rosinen dazu und von Fischen nur die Mäuler. Ah, ihr werdet bei mir wie im Paradiese leben, aber ihr müßt mich etwas lieb haben und mir hübsch folgen, wenn ich mit euch spielen will.«

Dabei faßte er einem der Mädchen unter das Kinn, hatte sich diesmal aber vorsichtigerweise Miß Sargent als den Gegenstand seiner Bewunderung ausgesucht, weil diese stiller war und er daher glaubte, sie würde sich seine Liebkosung ruhig gefallen lassen.

Doch da kam er gerade an die falsche.

Allerdings war Miß Sargent äußerlich eine ruhige Natur, aber während sie ein gesetztes Wesen zur Schau trug, kochte es in ihrem Innern nur zu leicht auf, und oft genügte ein kleiner Anstoß, um ihren Unmut hervorsprudeln zu lassen.

So auch jetzt.

Kaum berührten die kurzen, plumpen Finger des Mädchens Kinn, so sprang sie auf, und ehe es sich der Chinese versah, lag er mit dem Rücken auf dem Polster, und die Hiebe fielen hageldicht auf sein breites Gesicht. Es half ihm nichts, es mit beiden Händen zu bedecken, Miß Sargent schien eine Boxerschule durchgemacht zu haben, jeder Schlag fand einen unbedeckten Teil des fleischigen Gesichts, und so sehr der Chinese auch schrie und zeterte, die Wächter machten keine Anstalten, ihren Herrn aus den Händen des aufgebrachten Mädchens zu befreien.

»So, spielen willst du mit uns?« rief Miß Sargent und ließ ununterbrochen einmal den rechten, dann den linken Arm herabsausen. »Gut – da wollen – wir einmal – zusammen spielen. Gefällt dir – dieser Zeitvertreib – warte – du Halunke – ich will dir – deine Kindheit – schon austreiben – wer sein Kind lieb hat – der – züchtigt es!«

Endlich aber konnten die beiden Chinesen es doch nicht mehr mit ansehen, wie ihrem Herrn unter den Fäusten des Mädchens das Blut aus Mund und Nase zu fließen begann, sie bändigten die Aufgebrachte, konnten aber doch nicht verhindern, daß auch sie einige wohlgezielte Hiebe auf die Nase bekamen.

Atemlos ließ sich Miß Sargent auf die Kissen fallen und betrachtete ihr Opfer, das lang ausgestreckt und schreiend auf dem Polster lag und dem nun seine Diener das Blut mit einem Tuche von dem Gesicht trockneten.

Und Miß Nikkerson?

Der war plötzlich aller Mut und Frohsinn zurückgekehrt, sie lehnte sich zurück, stemmte die Hände in die Hüften und lachte, daß ihr die Tränen über die Wangen liefen.

»Recht so, Miß Sargent,« rief sie unter Tränen lachend, »wir wollen einmal diesem Chinesen zeigen, was es heißt, eine Amerikanerin heiraten zu wollen. Ehe der uns zu Frauen bekommt, prügeln wir ihn jeden Tag einmal tüchtig durch, damit er Achtung vor seinen Gemahlinnen bekommt.«

Jetzt mußte auch Miß Sargent lachen.

»Die Geschichte fängt an, mir ordentlich Spaß zu machen,« sagte sie, »ich glaube, wir haben ein Abenteuer erwischt, um das uns später alle beneiden werden. Wir wollen einmal der ›Vesta‹ und dem Sternenbanner Ehre machen; jetzt prügeln wir erst den Hausherrn ordentlich durch, und setzt er dann nicht seine ehrerbietigste Miene auf, so werfen wir ihn zum Hause hinaus; und machen seine Diener saure Gesichter, dann jagen wir alle Chinesen vom Hof. Herrgott, ich fühle auf einmal eine Kraft in mir, als könnte ich alle die langbezopften Kerle an ihren Haaren aufhängen!«

Noch war des geschlagenen Chinesen Blut nicht gestillt, noch jammerte er über den unausstehlichen Schmerz im Gesicht und schalt seine beiden treuen Diener Hunde, Katzen und Schweine, denen der Bauch aufgeschlitzt werden müsse, als der Wagen langsamer fuhr und dann hielt.

Sie befanden sich in einem Hof, ganz nach chinesischer Art eingerichtet. Goldfasanen, Hühner, Truten spazierten darin herum, zierliche Rehe lasen vom Boden vorsichtig Grashalme auf, und überall lagen Katzen und jene haarlosen, fast wie Schweine aussehenden chinesischen Hunde herum und wärmten sich in den Strahlen der frühen Morgensonne.

Die Wächter forderten die Mädchen mit einer kurzen Handbewegung auf, ihnen zu folgen.

»Nur zu,« flüsterte Miß Sargent, »die Geschichte wird köstlich, ich möchte sie gar nicht mehr abkürzen. Seitdem ich weiß, daß Schao-tschin nicht nur Sie, sondern auch mich etwas liebt, fühle ich mich wieder vollständig glücklich. Wirklich, liebste Nikkerson, ich war vorhin etwas eifersüchtig auf Sie.«

Miß Nikkerson wurde angesteckt von dem Humor ihrer Freundin, bei der sie schon öfters bemerkt hatte, daß sie in der Stunde der Gefahr ihr sonstiges stilles Wesen ablegte und übermütig wurde. Ehe sie, Miß Nikkerson, den Wagen verließ, konnte sie es nicht unterlassen, den immer noch daliegenden Chinesen auf die Schulter zu klopfen und freundlich zu sagen:

»Ja, ja, mein lieber Schao-tschin, wer lieben will, muß leiden.«

Lachend sprangen sie beide aus dem Wagen, und Schao-tschin, durch ihre Fröhlichkeit wieder ermutigt, ja sogar wieder heiter geworden, folgte ihnen mit schmunzelndem Lächeln, wodurch das zerschlagene Gesicht zu einer wahren Teufelsfratze verzerrt wurde.

Aufgackernd floh das Geflügel, als die Damen leichtfüßig aus dem Wagen sprangen, die Katzen zogen sich in respektvolle Ferne zurück und die Hunde die Schwänze ein und betrachteten neugierig von weitem diese seltsamen Gäste, ebenso wie es die Chinesen auch taten.

Alle blieben stehen, setzten die Holzeimer oder die Milchschüsseln hin, deuteten mit dem Finger auf den geschlagenen Herrn und seine Gäste, flüsterten dann kichernd untereinander und nahmen schließlich ihre Beschäftigung wieder auf.

»Nun, wollen wir hier stehen bleiben?« fragte Nikkerson den Chinesen. »Ist das unsere zukünftige Wohnung?«

Der Chinese nickte lebhaft mit dem Kopfe, er glaubte, die beiden Mädchen wären anderen Sinnes geworden, der Anblick der hübschen, nach europäischem Muster gebauten Villa hätte ihre erste Meinung geändert, und sie wären gern bereit, ihm als seine Frauen zu folgen. Sein durch die Schläge noch mehr angeschwollenes Gesicht strahlte jetzt vor Entzücken.

»So führen Sie uns in unsere Gemächer, Mister Schao-tschin,« meinte Miß Nikkerson und nahm ohne weiteres den Arm des kleinen Chinesen in den ihren, welchem Beispiele Miß Sargent auf der anderen Seite folgte, »oder wollen Sie uns erst Ihren anderen Gemahlinnen vorstellen?«

»Nein, nein,« rief der überglückliche Chinese, »ihr sollt ganz allein sein, ich kann die Chinesenmädchen gar nicht mehr leiden, seitdem ich euch gesehen habe. Nicht wahr, hier ist es schön? Aber ihr müßt nicht dahin gehen, sondern dorthin,« und da er nach einem kleinen Seitengang deuten wollte, aber seine Hände nicht frei hatte, so hob er das kurze Beinchen mit dem gelben Schuhe hoch und deutete nach der betreffenden Richtung.

Ueber diese Bewegung mußten die Mädchen wieder laut auflachen, zur unendlichen Freude des Chinesen.

Aber ihr Weg nach der bezeichneten Tür wurde noch einmal unterbrochen, zum Schaden des Chinesen, der heute entschieden seinen unglücklichen Tag hatte.

Plötzlich stürzte aus einem Winkel des Hofes ein Weib hervor, in zerlumpte und schmutzige Gewänder gehüllt, und warf sich mit allen Zeichen rasender Wut auf den kleinen Mann.

»Wo ist Lionel, wo ist mein Mann?« kreischte sie in englischer Sprache. »Du hast ihn gemordet, du teuflischer Hund, gib mir ihn wieder, oder ich erwürge dich.«

Wirklich warf sie sich auf den Unglücklichen, der nicht einmal Gebrauch von seinen Armen machen konnte, und als er sie frei hatte, vergebens versuchte, dem würgenden Griffe des Weibes auszuweichen. Aber schnell kamen von allen Seiten Eingeborene herbeigelaufen, und diesen gelang es endlich, ihren Herrn aus den Händen der Rasenden zu befreien.

Das Weib stieß ein wildes Lachen aus, schlug mit den Armen in der Luft herum und sank dann, von Krämpfen befallen, zu Boden.

Ihr zuckender Körper wurde von einigen Chinesen nach einer Wagenremise getragen.

Mit Entsetzen hatten die beiden Mädchen in dem noch ziemlich jungen Weibe, dessen Gesicht aber verstört und leidend aussah, eine Europäerin erkannt, wahrscheinlich war sie sogar eine Engländerin, und daß sie wahnsinnig sei, das bestätigte jetzt auch der kleine Chinese, der sich jammernd den Hals rieb, wo er noch den würgenden Griff der Hände zu spüren schien.

»Sie ist von bösen Geistern besessen,« meinte er, »sie glaubt, ich hätte ihren Mann getötet, und ich habe es doch gar nicht getan. Ich kann nicht einmal ein Huhn totmachen, ich fürchte mich vor Blut, und wie soll ich denn da ihren Mann gemordet haben? Wer von euch hat sie auf den Hof gelassen?« fragte er die umstehenden Chinesen.

»Wer ist es denn?« fragte Miß Nikkerson. »Ist es nicht eine Engländerin?«

»Allerdings,« antwortete er, »als vor einigen Jahren hier ein Aufstand der Chinesen gegen die Engländer ausbrach – ich habe mich aber nicht daran beteiligt, ich habe immer die Engländer geliebt – da verkaufte vorher Mister Congrave sein Haus und floh mit seiner jungen Frau und seinem kleinen Kinde. Nach einigen Wochen kehrte aber die junge Frau ganz allein, auch ohne Kind, wieder hierher zurück, vollständig verrückt, und wollte durchaus in dieses Haus.«

»In dieses Haus?« fragte Miß Sargent.

Der Chinese nickte und setzte im weinerlichen Tone hinzu: »Ja, dieses Ha