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Aus dem Tagebuch des Dr. Sowieso

Nach Hans Carossa

Wieder wird es Abend; ein müder Falter fliegt am Fenster vorüber. Am noch nicht ganz verdunkelten Himmel wird ein Stern sichtbar, eine kreisende Kugel wie auch unsere Erde, angezogen und bewegt von einer Kraft, der sie nie entrinnen kann, bis zu ihrem Untergang. Schwermütige Gedanken steigen auf, Gedanken der Enttäuschung, der Vernichtung. Endlich aber nahen diesseitigere, freundlichere Bilder. Zurückversetzt bin ich in die Zeit meiner Kindheit, und mein alter Physiklehrer spricht mit mir, jener bärtige, von dem ich doch weiß, daß er längst im Sarg liegt.

Ich versuche, die Gedanken zu sammeln, aber mein Wille wird schwächer. Ich schlafe so, am Fenster sitzend, ein und habe einen sonderbaren Traum. Helvetia tritt ins Zimmer, zieht mir das Kissen vom Stuhl und spricht: »Sitz hart, alter Junge, es ist gesünder!« Sie ist streng und unerbittlich wie immer, sie verlangt das äußerste vom Menschen. Plötzlich sehe ich eine Frau, die reglos am Boden liegt. Es ist Elsabe, die mich klagend anblickt. Leblos scheint sie, aber die Zigarette in ihrer Hand glüht. Gott sei Dank versinken dann diese Bilder, und ich befinde mich im Hinterhof der Besinnung, wo Elsabe, jung nun, aus ihrer riesigen Truhe eine Unzahl von holzgeschnitzten Figuren hervorzerrt, ganze Kompagnien, ganze Armeen sind es, die herbeimarschieren und die Hand grüßend vor mir erheben. Auch ich versuche zu winken, aber es gelingt wir nicht, und ich leide maßlos.

Erwachend schmerzen mich alle Glieder. Ich entkleide und wasche mich. Gestärkt kehre ich zurück ins Zimmer. Dort steht nun Helvetia. Ich lächle ein wenig mühselig, sie ist in ein rotes und handgewebtes Gewand gehüllt wie immer des Morgens. Die Augen der Jungfrau sind wieder gerötet, dem Arzt verrät diese Rötung, daß die Gesundung ihres Blutes immer noch keine Fortschritte nehmen will, daß, im Gegenteil, der Verfall eintritt, gegen den es kaum noch Hilfe gibt. Sie aber ahnt nichts, sie neckt mich, die Teufelin, und meint: »Nun, banger Mann, du ziehst den Stuhl dem Bett vor, wie ich bemerke!«

Dann schauen wir auf den Strom, der vorbeifließt, die Landschaft teilend. »Verlang keine Erklärung von mir«, bitten meine Augen.

»Nein«, erwidert sie verstehend, »ein Dichter braucht sich nicht zu erklären. Er sagt es zuletzt in Versen …«

Da nimmt eins das andre bei der Hand.

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