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Mosaik der Woche

Nach Peter Bamm

Die Zeitungen berichten von einem Mann aus Kanada, der es zu einem Rekord im Frühaufstehen gebracht hat. Er hat seine Schlafenszeit genau nach dem Kalender eingeteilt. Er steigt ins Bett, wenn die Sonne untergeht, er steht auf, wenn die Sonne aufgeht. Man hat diesen konsequenten Mann gefeiert und einige Reporter sind natürlich auch zugegen gewesen. Die Reporter haben viel gefragt, aber leider haben sie das Interessanteste versäumt: sie haben vergessen, sich danach zu erkundigen, ob der Mann aus Kanada bei jedem Sonnenaufgang von selbst aufwacht, und wenn ja, a) aus Naturverbundenheit oder b) aus Training oder c) aus Sympathie – oder ob der Mann einen Wecker stellt.

Der Chronist denkt es sich sehr lustig, wenn der Kanadier abends, drei Minuten vor sechs Uhr, seinen Wecker genau nach dem Kalender stellt. Noch lustiger aber denkt er sich etwas andres. Angenommen, jener Mann erführe eines Tages, was die Astronomen bereits seit ein paar Jahrhunderten wissen, nämlich daß die Sonne überhaupt nicht aufgeht. Würde er dann weiter an seinem Prinzip festhalten? Oder würde er nun, vielleicht sogar mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung, sich dem Genuß des ausgedehnten Morgenschlafes hingeben?

Wie gesagt, die amerikanischen Reporter haben es unterlassen, sich danach zu erkundigen, und unsere Frage ist als rhetorische anzusehen. Wir müssen uns die Antwort selbst geben. Aber Antworten, die man sich selbst gibt, sind meist unbefriedigend und überraschungslos.

Immerhin rührt dieser bemerkenswerte Zeitgenosse vom anderen Kontinent an eine Frage, die so alt ist, wie es bürgerliche Behaglichkeit gibt. Frühaufsteher oder Langschläfer? Es gibt ja eine Menge Frühaufsteher. Die kann man in zwei Gruppen teilen. Die, denen es leicht fällt, und die, denen es schwer fällt. Die erstgenannten sind in der Minderheit. Sie schlafen ihr Pensum und stehen dann auf. Ihnen fällt in den Schoß, was andere sich erst unter großem Aufwand von Energie abtrotzen müssen.

Ach, diese andern spüren in der Stunde zwischen Noch-Liegen und Schon-Hochsein die Scheidung von Geist und Körper so deutlich. Der Körper liegt da und will – Trägheitsgesetz! – liegenbleiben. Der Verstand aber beginnt zu bohren. Steh auf, sagt er, es ist schon 6 Uhr vorbei; wenn du den Vorhang aufziehst, kannst du die Sonne sehen. Mag ich gar nicht sehen, grunzt der Körper. Aber der Verstand läßt nicht locker. Er bohrt so lange, bis der Körper mit unwilligem Ruck die Decke hochschleudert und sich als geschlagen bekennt.

Die Leute, bei denen der Geist siegt, sind die Frühaufsteher. Die Leute, bei denen der Körper siegt, sind die Langschläfer.


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