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Zurück zum Fahrstuhl

Nach Paul Fechter

Frau Ilse Ewers, geschiedene Abegg und Behrendt, geborene Lewaldt lag in anmutiger Untätigkeit auf dem Sofa jenes Zimmers, das sie zu dieser Tageszeit als ihr Wohnzimmer zu bezeichnen pflegte, obwohl sie es mit der gleichen Berechtigung ihr Schlaf- oder ihr Rauchzimmer oder auch ihre Küche hätte nennen können. Der Raum nämlich, in dem diese schöne Geschichte nicht nur beginnt, sondern auch zu ihrem größeren Teil spielen wird, stellte das einzige Zimmer dar, das dem jungen Ehepaar Ewers augenblicklich zur Verfügung stand.

Auch war es eigentlich eine Übertreibung, wenn Frau Ilse ihre Liegestatt als Sofa bezeichnete. Objektiv betrachtet handelte es sich um eines jener Ungetüme von Betten, die ebenso lang wie breit sind und teils als zweischläfrige, teils als Lotterbetten bezeichnet zu werden pflegen. Nun waren es keineswegs moralische Erwägungen, die in dem jungen Ehepaar eine Abneigung gegen dies Gebrauchsmöbel hervorriefen, sondern eine weit simplere Tatsache: das Bett nahm unverschämt viel Platz weg. Aber man mußte versuchen, sich damit abzufinden. Man mußte schließlich gar noch froh sein, dies für eine bürgerliche Ehe immerhin wichtige Ausstattungsstück überhaupt zu besitzen, denn es hatte dem Schicksal gefallen, das Ehepaar Ewers auf einer ziemlich niedrigen Stufe der sozialen Leiter abzusetzen. »Unser Zimmer ist eng wie ein Fahrstuhl«, pflegte Eduard Ewers zu sagen.

Indessen, wir sprachen vom Bett und wir sind gezwungen, unsere Aufmerksamkeit noch einmal diesem genierlichen Gegenstand zu widmen. Frau Ilse pflegte allmorgendlich die Weichteile dieses Betts – Decken und Kissen also – mit kühnem Schwung unter ihm (dem Bett) zu verstauen, so daß sie nunmehr für die Augen etwaiger Besucher unsichtbar waren. Sie bewies damit, daß sie jene rührende Unbekümmertheit in haustechnischen Dingen, die wir bereits aus früheren Büchern an ihr kannten, beibehalten hat.

Nun war es abends, und Frau Ilse lag, wie bereits bemerkt wurde, lang ausgestreckt auf dem Sofa, eine Zigarette rauchend. Hier könnte der aufmerksame Leser einwenden: Halt, so geht das nicht! In jedem neuen Roman wird Frau Ilse auf dem Sofa liegend und Zigaretten rauchend vorgestellt – außerdem hat sie jedesmal einen neuen Mann …

Der Berichter, ein guter Streiter und Fechter, schüttelt bedauernd den Kopf: er kann nichts dafür. Frau Ilse liegt nun einmal gern auf Sofa's und ihr Verbrauch an Männern und Zigaretten ist zugestandenerweise für gutbürgerliche Verhältnisse ein wenig reichlich. Im übrigen gebietet die Ökonomie dieses Kapitels, daß jetzt der erwähnte neue Ehemann, namens Eduard Ewers, das eheliche Zimmer betrat. »Nun, Ilsulein«, sagte er (Er sagte tatsächlich Ilsulein, alle Männer sagten und werden zu Ilse Ilsulein sagen …) …

Da das Ehepaar, wie bereits angedeutet, ein junges Ehepaar war, so ergab sich auf diese liebenswürdige Anrede eine Begrüßung, die ebenso lang wie zärtlich wurde, weshalb wir uns aus Gründen des Taktes zurückziehen wollen.


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