Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Paddelanweisung für eine Lady

Nach Hans Leip

»Ahoi, mein Süßen«, sagte der zweite Steuermann, denn Ahoi ist immer gut. »Siehst du, mein Abendstern und Nachtgebet«, fuhr er fort, wobei er seine Pfeife von Luv nach Lee, das Steuerrad hingegen von Steuerbord nach Backbord schob, »siehst du, bei Blankenese, da ist der Süllberg und da riecht es nach fremden Häfen und nach dem Meer, obwohl der Süllberg, wenn man ihn mit dem Tschimborasso vergleicht, ein Mutthügel ist und nicht der Rede wert. Aber da wohnen doch die Leute, in Blankenese, mein ich, die zur See gefahren sind und nicht ersoffen – und dann alle die, die einmal auf der Elbe gepaddelt haben und nun über Seefahrt schreiben, immerzu, ohn Unterlaß, weil sie für einen richtigen Beruf zu faul sind. Ja, und die gebrauchen dann viele Fachausdrücke, und die Landratten, die das lesen, wundern sich, daß die Dichter sich mit den Fachausdrücken nicht vertütern, und das ist dann die Bewunderung von der Kunst. Aber nun ist die Elbe zu Ende und die Nordsee kommt und die Elbe mündet in sie hinein wie in einen großen Schoß, ob sie nun will oder nicht. Wir alle münden einmal in irgendeinen großen Schoß, du in den und ich in den – deshalb brauchst du nicht weiter rot werden, mein Deern, wenn du auch jung bist, das ist alles menschlich und außerdem symbolisch, falls du dir da was unter vorstellen kannst.«

Das kleine, feine Fräulein stand in ihrem hellgelben, durchsichtigen Ölmantel neben dem ruppigen zweiten Steuermann, der aussah wie Godekes Großknecht. Sie war vornehm und zierlich und alle nannten sie die Lady, wer es zuerst aufgebracht hat, weiß man nicht genau, wahrscheinlich war es der Admiral selbst, vielleicht aber auch Jan Himp … Ihr bürgerlicher Name war: Fräulein Lind.

»Siehst du dort hinten, mein Lady?« fuhr der zweite Steuermann fort, »da liegt Scharhörn. Da hat sich mal ein kleiner Neger rumgetrieben, der kam von wer weiß wo her. Er war splitternackt, brauchst dich aber nicht zu schämen, ist ja alles schwarz gewesen.«

»Sie erzählen so wundervoll!« Die Lady warf ihm einen Blick zu, einen Blick zwischen Angst und Zuneigung, und dem Steuermann wurde wunderlich zumut. Schließlich tat er, was nie schaden kann: er nahm seine Rechte vom Steuerrad, steuerte mit der Linken weiter und legte die Rechte um die Taille der mit Öl, aber durchsichtig bekleideten Jungfrau. Der Kuß, der dieser Handlung folgte, schmeckte nach Salzwasser und Priem, aber die Lady befand sich in einem Zustand, in dem ihr diese Mischung behagte, sie sog sich an seinen Lippen fest, und der Steuermann nahm die letzte Hand vom Steuer und verankerte sie sinngemäß am Körper der Lady.

Das war für die ersten fünf Minuten ganz schön, aber dann machte das Schiff rumms und bumms und lief gegen ein Riff, wobei es zerbarst. »Kannst du paddeln, Johanna?« fragte der zweite Steuermann, im Wasser schwimmend. »Nein, wozu auch«, erwiderte sie, »wo doch alle Rettungsboote leck sind!« »Ich habe hier eine Paddelanweisung für dich«, sagte der zweite Steuermann und ertrank. »Danke«, erwiderte die Lady, denn sie war aus guter Familie – und tat desgleichen.

Wo auf der Welt fanden je zwei Menschenkinder einen schöneren Tod als der zweite Steuermann und seine Lady hier in der Nordsee, nordnordwest von Scharhörn, zwei Seemeilen von Trischen?

.


 << zurück weiter >>