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Die Schale

Nach Ernst Wiechert

Er führte die Schale zum Munde, und er empfand sehr deutlich, daß sie aus Holz war, ein Baum einst, der lebte, und der nun zum Gebrauchsgegenstand erniedrigt ward. Langsam goß er in das ausgehöhlte Holz die Milch, die sich harmonisch in der Rundung verteilte. Mit den beiden Händen, die weit geöffnet die Schale umfingen, hob er sie an die Lippen, stellte sie schräg und wollte trinken.

Es war ihm bewußt, daß es gut sein müßte, den ausgetrockneten Gaumen anzufeuchten, daß es wohltun würde, den dürstenden Körper zu laben, und er zögerte dennoch. Er konnte nicht trinken heute früh. So stand er nun da, klein, gebeugt, aber sehr zäh, und er bedachte, daß auch er wohl aus irgendeinem Holze geschnitzt sei, von einem Wesen, das ihn zu unsichtbaren Zwecken benötigte.

Er stellte die Schale zurück und rief Wotan, den Hund, herbei, der ohne Bedenken die köstliche Milch trank. Er selbst ging unerquickt und schmachtend, aber dafür um so befreiter und erneuerter in den Wald. Sicher würde ihm bald ein Quell sprudeln, dessen Wasser er mit der gleichen Hand, die die Schale gehalten hatte, und die dann nur ein wenig hohler gestellt sein wollte, zum Munde führen würde.


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