Jeremias Gotthelf
Leiden und Freuden eines Schulmeisters – Zweiter Teil
Jeremias Gotthelf

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Dreiunddreißigstes Kapitel.

Wie alles ein Ende nimmt: jeder Jammer und sogar jedes Buch.

Ich widerredete dem Pfarrer nicht. Aber als er fort war, kam mir allerhand in Sinn, das ich ihm hätte sagen sollen. Nun stiegen mir auch die Bauren selbst auf den Hals und lästerten fürchterlich, daß ich sie vom rechten Glauben abbringen wolle und wahrscheinlich die Bibel nie gelesen hätte. Wenn die Sonne stille stünde, so hätte Josua sie nicht brauchen stille stehen heißen, und dann würden wir sie auch Tag und Nacht sehen, sagten sie. Und wer lehre, die Erde gehe ringsum, dem gehe sein Gring z'ringset-um, aber nicht die Erde. Wenn wir z'ringset-um gingen und nachts unten wären, so würde ja in keinem Brunnentrog mehr Wasser sein am Morgen, und da sei ja das Wasser das gleiche am Morgen und am Abend.

Solche Reden hörte ich verächtlich an und dachte: ihr Tröpfe! aber ich hielt doch inne. Nur fast verstohlen in der Sommerschule, wenn Kinder darnach da waren, berichtete ich solche Dinge, um mir die Zeit zu vertreiben.

Ach Gott, wie war mir doch die Sommerschule zuwider! Früher hatte ich nur vier Wochen gehabt; jetzt hatte unser Schulkommissär, ein grausamer Äti, noch acht Wochen dazu eräkt und erbettelt. Das Erziehungs-Departement hatte freilich befohlen, und streng, daß im ganzen Jahr, ohne besondere Vergünstigungen, nur acht Wochen Ferien sein sollen, und diese Vergünstigungen betrafen zwei, höchstens vier Wochen. Aber auf dem ganzen Lande gehorchte diesem Befehl nur, wer gerne wollte. Man glaubte, wenn auf der Hochschule, wo die Zeit den Studenten so teuer zu stehen komme und den Professoren die Zeit so teuer bezahlt werde, wenigstens ein Vierteljahr Schlumpzeit als nötig erachtet werde, so wüßte man nicht, warum Baurenkinder, die nicht so hoch studieren wollten, aber viel zu arbeiten hätten, mehr in die Schule sollten, als die Studenten in ihre Läfzgen. Übrigens trage die Sommerschule in Gottsname nüt ab, die Kinder seien viel zu faul dazu; albe-n-einist sei man froh, sie zu schicken, daß sie einem nur dänne kamen. Da kamen dann zwei, vier oder ein halbes Dutzend, die einen einmal und viele keinmal im ganzen Sommer, und ob sie einmal oder keinmal kamen, darum bekümmerte sich selten eine Schulkommission. O, wie hatte ich da eine Längizyti auszustehen! Die Kinder kamen so verzatteret und mißmutig hergeschlichen, daß es einem den Mut nahm, mit ihnen in die Stube zu gehen. Man drehte ums Haus herum, so lang man konnte, und scherzte mit den Kindern und ließ sie gürten nach Belieben. Durfte man endlich nicht länger warten, so rief man in die Stube. Dort ging es wieder eine geraume Zeit, bis man sich gesetzt und seine Lehrmittel bei der Hand hatte. Dann sagte der Schulmeister: »Lerit schön, we dr de cheut, so sägit's de.« Ein alter Schulmeister sagte: »Ching, we dr de ufsäge weyt, su weckit mi de.« Dann ging der Schulmeister seiner Wege, hinaus an die liebe Sonne, oder fing etwas für sich zu schreiben an, und wenn ein Kind rief: »Schumeister, i möcht ufsäge, i cha's«, so sagte der Schulmeister: »Du wotsch geng ume ufsäge; ler du's no e Blätz; mi cha's nie z'guet; i chume de.« Endlich konnten die Kinder aufsagen: Fragen, auswendig gelernte oder gelesene, oder buchstabieren.

War dieses endlich gähnend vorbeigegangen, so sah der Schulmeister nach der Uhr und sagte entweder: »Ching, es isch nit meh dr wert, öppis angers a z'fa, göht i Gotts Name hey;« oder aber: »Es isch no nit Zyt hey z'gah; es cha jetz es yders öppe mache, was es gern will.

Darum sagten die Eltern: die Sommerschulen seien nur es D. Zwäng u trage hell nüt ab. Darum stimmten ihnen viele Lehrer bei und klagten: die Kinder hätten in Gottes Namen keinen Appetit zum Lernen; sie möchten lieber draußen sein. Und die Kinder schrieen Zettermordio über die Schule, wo die Sonne nicht hineinschien, keine Vögelnester auszunehmen waren, und klagten bitterlich, sie lernten doch nichts, dr Schumeister syg ja nie by-ne; er syg e ganz e-n-angere im Sommer oder im Winter. Dessenungeachtet hatte doch unser Schulkommissär zwölf Wochen Sommerschule erchäret und erzwängt, und für jede der 8 Extra-Wochen war mir eine Krone von der Gemeinde zugesprochen worden, freilich ungerne genug. Nun meinte er, ich solle gesetzmäßig Schule halten diesen Sommer durch, mit einer allfälligen Ferien-Verlängemng von höchstens vier Wochen, also jetzt noch wenigstens acht Wochen mehr als zwölf. Ich entgegnete, daß ich doch wissen mochte, wer mich dafür bezahle? Das werde sich schon machen, meinte er. Wer dem Gesetz nachfahre, der fahre nie übel. Ja, dachte ich, mit dem Gesetz ist's eine wunderliche Sache, für die einen lautet es so, für die andern anders, und »Herr Schulkommissär,« sagte ich, »es treyt gwüß nüt ab, dSummerschuele z'vrmehre; dChing chöme nit, oder höchstens zwei oder drei, und lere nüt, u für üser eim isch's gar grusam ländwylig. Was soll me doch so mit eine halb Dotze Chinge-n-afa oder gar ume mit zwenne?«

»Ja, Schulmeister, ich weiß wohl, wie es geht« (es war ein räßer Herr, wenn er abkam) »und daß die Sommerschulen nur für so eine Plage angesehen werden. Aber einer gaagget dem andern ein Vorurteil nach dem andern nach, und niemand nimmt die Mühe, vernünftig darüber nachzudenken. So wie man's treibt, so geht es. Gerade ihr Schulmeister seid Schuld am Mißkredit, in welchem die Sommerschulen stehen. Den Winter über klagt ihr immer, ihr hättet zu viel Kinder, um etwas rechts mit ihnen zu machen; im Sommer kommt ihr dann und klagt, ihr hättet zu wenig. Es ist euch nie etwas recht; ihr habt immer zu klagen. Weil ihr die Sommerschulen so über die Achsel anseht, so verlieren sie allerdings den Kredit auch bei Eltern und Kindern. Wenn ich Sommerschulen besuchen will, so geschieht sehr oft von fünf Dingen eins: entweder hat die Schule noch nicht angefangen oder schon aufgehört, oder der Lehrer ist nicht da, oder er arbeitet etwas für sich, oder endlich Lehrer und Kinder gähnen einander an. Ihr klagt immer, ihr kämet mit so vielen Kindern nirgends hin; warum kömmt ihr dann im Sommer mit wenigen nicht umso weiter? Haben doch viele den Glauben, daß ein Lehrer mit zwei Kindern weiter komme als mit zwölfen, und mit zwölfen weiter als mit zwanzig. Je weniger Kinder also, desto größer die Fortschritte. Aber ich will euch sagen, Schulmeister, warum es euch so unbehaglich ist bei wenigen Kindern in der Sommerschule. Bei euern vielen Kindern im Winter herrscht ein gewisser Mechanismus; die Schule ist eine Uhr, die, wenn man sie alle Stunde einmal aufzieht, fast von selbst abschnurret.

Ihr braucht nur zuweilen mit dem Stecken auf den Tisch zu klopfen, zu reden, den Ton anzugeben oder von einer Ecke in die andere zu schießen, und immer sind Kinder da, die euch noch helfen, oder sogenannte Leithammel, welche die Herde führen. Im Sommer da ist es etwas anders; da ist dieser schnurrende Mechanismus zerstört; da müßt ihr die alleinige Triebfeder von allem sein. Da nimmt die Persönlichkeit jedes Kindes eure eigene Persönlichkeit, euer besonder Nachdenken, eure eigene Anstrengung in Anspruch. Da müßt ihr jeden Tag die Schule neu einrichten, nach den wechselnden Anwesenden, und müßt immer neu und geschickt bei einem Kinde da wieder anknüpfen, wo ihr es das letztemal gelassen. Da kann jedes Kind lebendig ergriffen, statt nur wie im Winter mechanisch fortgeschoben werden; darum kann die Sommerschule von unendlichem Nutzen sein. Nicht nur weckt sie die Kinder ganz anders; sie weckt auch den Lehrer, daß er nicht einschläft, sondern vielmehr jeden Winter als ein Neugeborner wieder zur Schule kömmt. Sie gibt ihm Gelegenheit, mit den Kleinen besonders sich abzugeben, ihre Sinne zu üben, ihr Urteil zu bilden, ihre Aufmerksamkeit zu fixieren, ihre Kräfte in Thätigkeit zu bringen. Aber ja eben deswegen ist sie vielen Schulmeistern zuwider, weil sie gar nicht anders schulzuhalten wissen, als nach dem alten Schlendrian. Und andere bessere gaaggen diesen nach und nehmen sich nicht die Mühe, über diese Sommerschulen nachzudenken, das alte Vorurteil anzugreifen; sie halten diese Schulen auch nach dem alten Schlendrian und schimpfen darüber nach altem Brauch. Wenn sie nur eine halbe Stunde darüber vernünftig nachdenken würden, so würden sie mit ganzer Seele und ganzem Gemüte bei den Sommerschulen sein; denn nur diese könnten ihnen gute Schulen machen mit gutem Fundament. Und das rechte Fundament seien gerade die kleinen Kinder, welche gewöhnlich einzig die Sommerschulen besuchen.«

Das Erziehungs-Departement werde das gemeint haben, als es diese Verfügung getroffen, sagte ich.

»Allerdings,« sagte der Schulkommissär, »liegt in der Verfügung des Departements eine tiefe Weisheit; nur hatte es sich nicht verdrießen lassen sollen, diese Weisheit etwas besser in Bezug auf den gegenwärtigen Zustand der Sommerschulen, ihren Zusammenhang mit den Winterschulen, zu erklären. Man muß dem Nachdenken von Oben herab zuweilen zu Hülfe kommen. Aber das Departement ist so viel mit Lumpereien überladen, daß es den innern Zustand der Schulen und den Gang ihrer Entwicklung zuweilen aus den Augen zu verlieren scheint. Es ist sich auch nicht zu verwundern, wenn man über dem verdammten Zanken, womit man fort und fort das Departement belästigt, die Hauptsache aus den Augen verliert, nämlich die Kinder.«

So hielt ich in Gottesnamen Sommerschule auf Leib und Leben allemal, wenn ein Kind kam. Ich muß bekennen, es kam mich schwer an; allein nach einiger Überwindung fühlt ich doch, daß Kinder in derselben den Knopf aufthaten, von denen ich es nie erwartet hätte. Ja, je mehr Schule ich hielt, desto mehr Kinder kamen, hatten einen ordentlichen Trieb dazu und die Eltern sagten nur: es düeche se, die Ching heige nie so glert.

Da kam mitten in das wieder recht munter werdende Schulleben die Taxation jedes einzelnen Schulmeisters heraus, gestützt auf das im Februar erlassene Gesetz. Das wirkte fast auf das gesamte Schulleben wie ein Schlagfluß, wenigstens in den untern Landen; es war wie ein Reif, der über tausend schöne Blüten ging; es war wie ein Kübel kaltes Wasser in aufglimmendes Feuer.

Es zuckte in den Schulmeister-Seelen, wie feuriges Eisen in kranknen Hüften (Moxa). Es riß die Decke von einem Abgrunde, den die Hoffnung mit blütenreicher Decke verkleidet hatte. Eine Masse von Lehrern war nicht fähig erklärt, das Minimum, sage 150 L., zu beziehen, eine andere Masse war bildungsunfähig erklärt unbarmherzig. Das ging tiefer als kalter Stahl in die Herzen, besonders in Väter- und Mütterherzen, die fünf hungrige Kinder kleiderlos und bildungsbedürftig um sich sahen, die Schulden auf den Schultern hatten und am Abzahlen sich umsonst abgequält, im Gegenteil die Schuld täglich größer gemacht hatten. Das Resultat des Examens war eine gränzenlose Demütigung für unsern ganzen Stand. Da konnte man uns mit Recht singen: Üsi Tante Dorothee mit ihren längen Füßen, ist siebe Jahr im Himmel gsi, het wieder abe müeße. Das Resultat des Examens war im Ganzen kein ungerechtes; es war ein Spiegel, der uns zur Besinnung bringen sollte. Das Departement hätte kein trefflicheres Mittel wählen können, um sich uns gegenüber glänzend zu rechtfertigen und uns ein zentneriges Schloß an den Mnnd zu hängen, Aber die Anwendung dieses Resultats auf unsere Besoldung, die war hart und mußte eine große Anzahl von uns in den Augen unserer Gemeinden furchtbar herabwürdigen. Übrigens war auch die schlechte Besoldung Schuld, daß mancher nicht geschickter war, und so lange er nicht ungesorgter das tägliche Brot bekam, konnte er nicht geschickter werden. Aber eben so furchtbar, als die Sache selbst, war die Gleichgültigkeit, mit welcher das Volk dieses Gesetz aufnahm; niemand schien sich für uns zu rühren. Es war ein furchtbar Zeugnis, daß den Boden unter unsern Füßen wir uns selbst untergraben durch unser Aufbegehren, zu dem man uns aber verleitet hatte. Nun mußten wir die Suppe ausessen und man bedachte in der Strenge gegen uns nicht, wie leicht es ist, Menschen, die bis dahin nicht beachtet waren, durch Schmeicheleien über das Kübli zu büren.

Wehrdi hatte mir schon lange sein Mißfallen über das Treiben der Schulmeister und über ihr Hochdreinreden zu erkennen gegeben. Er gab zu, daß wir bis dahin stiefmütterlich gehalten und zu schlecht bezahlt worden, obgleich er noch vielerlei zu sagen wußte, wie man an manchem Ort besser hausen und weniger den Musjö machen könnte, und wie man nicht gleich alles anzuschaffen brauche, wonach es einem gelüste; und wenn man in der ledigen Zeit verständiger wäre, so hätte man es auch im Ehestand besser. Aber auf diese Weise kämen wir gar nicht dazu, sondern erleideten den Leuten wie kaltes Kraut, und wie groß man uns mit Worten gemacht, so klein mache man uns mit der That, Wenn wir die Behörden erbitterten, auf wen wir uns denn eigentlich verließen? Etwa auf das Volk, das jeder Großratsheld im Munde führe? Wie wir mit dem Volk stünden, sollten wir doch afe wissen; das hätte uns ja schon lange mehr geben können, wenn es gewollt; reich genug sei es und niemand hätte es gehindert. Aber gerade das Volk in seiner Mehrzahl (Verständige nehme er aus allenthalben) wolle nicht, daß wir uns erhüben. Es hätte uns schon lange erheben können, wenn es gewollt, und wenn ein Schulmeister sich selbst erhebe, so solle man nur sehen, wie das Volk ihn niederzudrücken suche, ihm auf die Nase gebe. Die Behörden hätten also, wenn sie uns auch den Brotkorb hoch hielten, das Volk für sich, und gegen sich, wenn sie durch Geld den Stand zu heben suchten. Denn man solle nur sehen, wie Neid und Ärger das Volk durchzucken würden, wenn man jedem Schulmeister 100 oder 200 L. mehr als bis dahin geben würde.

Ich wollte dieses anfangs gar nicht glauben und verließ mich lange auf das Volk, bis ich verlassen genug war.

Am Morgen, nachdem ich die Hiobspost empfangen und mir das Herz von der halb schlaflosen, halb schwer durchträumten Nacht so recht krank war, daß ich nichts z'Morgen essen mochte, sagte mir Mädeli: »Lauf e wenig da ume, du vrgissisch's öppe, oder gang zum Wehrdi, er weiß dr o öppe-n-e Trost oder e Rat.« Mädeli traf meinen Wunsch auf das Haar, als ob es mir im Herzen hätte lesen können; ich hatte ihn nur nicht aussprechen mögen, um Mädeli nicht alleine zu lassen; denn ich war überzeugt, es hatte den Jammer so gut im Herzen als ich. Da es mir aber so freundlich entgegenkam, mir versicherte, daß es heute recht gerne alleine sei, es hätte auch vieles in sich zu verwerchen, und Gott helfe ihm dazu am besten, wenn es in der Stille für sich sein könne, so machte ich mich auf den Weg.

Es war ein heller, warmer Sommermorgen und lustig johlten die Schnitter auf den Feldern. Und eilenden Schrittes sah man schlanke Mädchengestalten durch den wallenden Roggen schlüpfen die Fußwege entlang. Auf ihren kecken Nacken trugen sie unbeschwerlich schwer gefüllte Körbe, aus geschälten Weiden zierlich geflochten. Wenn nun ein Mädchen und sein Korb einem Haufen Schnuter heraneilend erschien übers hohe Korn hinaus, dann erhob sich ein gewaltig fröhlich Jauchzen, das auf hundert Ackern widerklang. Da eilte das Mädchen noch eiliger, und röter wurden seine Backen; unter den hundert Stimmen hatte es die erkannt, die so oft leise flüsterte unter seinem Gadenfenster. Unter den großen Apfelbaum eilte es, der als lebendiges, blühendes Zelt gepflanzt war am Ende des Ackers. Schon hatte ein vierschrötiger Bursche die Sense fallen lassen; das Steinfaß haltend mit dem lärmenden Wetzstein, sprang er über die Zatten weg und half dem Mädchen mit kosendem Blick den Korb niedersetzen ins feuchte Gras. Und während diese die weiße Zwächele abhoben und auspackten den nährenden Brei oder die duftenden Schnitze, die Milch z'wäg stellten, das mächtige Brot zur Hand, und Gabeln und Löffel darlegten, kam das Schnitterheer daher hungerig und schächerend, lagerte sich rings um die Kübel und Kacheln. Und munter griffen sie in die derbe Kost, und munter würzten sie jeden Löffel mit einem derben Witz, daß das Gelächter weit hinschallte durch das Feld und es auf dem Felde klang, als wenn jeder Acker lebendig geworden wäre und lustig dazu und nun lachte aus mächtiger Kehle. Und beschwerten Gemütes und gesenkten Hauptes schlich ich durch die Fröhlichen hin, und mir ward, als wäre heute die ganze Welt mir zu Spott und Hohn so lustig erwacht. Da gedachte ich, wie ich vor vielen Jahren auch so durch ein Feld voll Leute gegangen, aber wie ganz andern Sinnes, wie aufgeregt damals und übermütig die arbeitenden bedaurend; und wie ich damals ein frevelnd Lied gesungen und ich von lauter Voressen geträumet und Pasteten und Datern, während die andern Erdäpfel aßen. Daran dachte ich und wie es nun anders geworden im Laufe der Jahre, ich ein gebeugter Mann, mutlos wie ein Greis, meine Umstände notvoll, meine Aussicht eine immer sich verdichtende Finsternis bis zu des Grabes Nacht. Und nun noch das Spotten und Lachen rings um mich, das mir klang, als gelte es mir, füllte mein Herz noch mehr mit Gram und Groll. Auslachen wollte ich mich wenigstens nicht mehr lassen, wollte fort aus dieser Gegend, wo die Leute kein Gefühl, kein Mitleid, keine Dankbarkeit hätten, wollte in eine andere Gegend ziehen, wo vielleicht bessere Menschen seien und besserer Lohn. Ach Gott! ich kann nicht sagen, wie bitter ich ward über die Leute. Und von diesen fröhlichen Leuten allen hatte keiner mich beachtet; Benz hatte Trini gesehen und Bäbi Hanse, und über Benz und Trini, Bäbi und Hans war gelacht worden, aber nicht über den armen Schulmeister. Aber der Mensch bezieht gewöhnlich alles auf sich, und der Unglückliche alles unglücklich. Könnte er es umgekehrt, so wäre auch sein Unglück umgekehrt.

Bitter und durstig kam ich endlich zu Wehrdi, der in weißen Hosen und weißem Hemde und seinem schwarzen Gesicht sich wunderlich ausnahm unter einem grünen üppig jungen Baume voll prächtigrot sich streifender Äpfel, den er sorgsam unterstützte und einzelne Äste aufband mit Strohbändern. Mein Herz war so voll, daß ich dem über meine Ankunft Verwunderten, noch während er das letzte Strohband anzog, mein Schicksal erzählte und meinen Vorsatz, weiter zu gehen und eine bessere Schule und bessere Menschen zu suchen.

»Was meint ihr, Schulmeister,« fragte Wehrdi, der bis dahin nichts gesagt hatte, als er fertig war mit seiner Arbeit, »wie alt ist dieser Baum?«

Ich erriet fünfzehn Jahre, da er wirklich prächtig gewachsen war.

»Nein, Schulmeister, der ist erst zwölf Jahre alt,« sagte Wehrdi.

»Da muß es wohl für ihn sein auf diesem Platze,« entgegnete ich.

»Es mag sein, aber im Herbst oder im Frühjahr werde ich ihn doch versetzen,« antwortete er.

»Aber warum doch?« fuhr ich lebhaft drein, »er trägt so schön! Wollt ihr ihn versetzen, dann müßt ihr ihm stumpen Äste und Wurzeln; dann wißt ihr nicht, ob er nicht verdorret auf seiner neuen Stelle, wißt nicht, wie lange er serben muß, bis er z'weg kommt. Im günstigsten Fall kriegt ihr drei Jahre lang keine oder wenig Frucht von ihm und fünf oder sechs Jahre geht es, bis er so viel trägt wie jetzt. Und was auch noch zu bedenken ist: auf der Stelle, wo dieser Baum steht, kömmt vielleicht nicht so bald ein neuer Baum fort, oder sie behagt ihm wenigstens nicht recht, oder er dem Boden nicht.«

»So, Schulmeister,« antwortete Wehrdi, »kennt ihr das auch? das hätte ich euch nicht zugetraut, ihr redet ja recht gescheut darüber.«

»Glaubt ihr denn, ein Schulmeister sei nicht auch vernünftig und kenne nichts von dem, was ja jedes Kind weiß?« grollte ich ihn an. »Aber so hat man's mit uns. Man gibt uns nichts, man gönnt uns nichts, man glaubt uns nichts und wenn mir am Ende etwas gescheutes sagen, so thut man aus Bosheit, als ob man darob vor Verwunderung auf den Kopf stehen wolle.«

Da lachte Wehrdi wie ein Kobold und rief endlich, als er den Atem dazu erhielt: »O Schuelmeisterli, Schuelmeisterli, berst doch nit vor lauter Kyb. Du gute Seele! ich weiß wohl, daß ihr Schulmeister Gelehrte seid und Köpfe habt wie Kasernen, und daß ihr alles wisset und alles erklären könnt vom Turmbau zu Babel weg bis zur Errichtung des neuen Jerusalems. Aber daß ihr in aller Gelehrsamkeit keine gesunde Anwendung machen könnt, daß ihr nur das Tote begreift und nicht das Lebendige, und daß ihr keine der Erscheinungen rund um euch, die Christus durch seine Gleichnisreden geheiliget hat, als lebendige, nie ruhende Offenbarungen Gottes auf euch beziehen, seine Stimme nie hören könnt, die Nacht und Tag ausgeht in alle Lande, das ist's was einen bald lachen, bald weinen macht. Aber eben habt ihr in all dem gegenwärtig verbreiteten Gifte den harmlosen, einfältigen Sinn nicht mehr, der zu dieser Auffassung nötig ist.«

Ganz verblüfft stund ich ihm gegenüber und sagte: da müßte ich doch keine andere Anwendung zu machen, als daß er das Baumgärtnerm nicht verstehe, wenn er seine Bäume im schönsten Wachstum versetzen wolle.

»Könnt ihr dann das nicht auf euch beziehen? habt ihr auch nur Augen um zu sehen, was auf andere geht, und das nicht zu sehen, was euch beschlägt? Schulmeister, ihr seid Baum und Gärtner in einer Person. Ihr seid jetzt noch länger im Boden zu Gntiwyl eingewurzelt, als dieser Baum auf dieser Stelle. Ihr seid gut eingewurzelt, in die Eigentümlichkeit der Leute habt ihr euch eingewohnt, sie achten euch mehr oder weniger. Ihr plaget sie nicht, seid im Ganzen nicht so aufbegehrisch wie andere. Eurer Frau thut jedermann gerne etwas zu gefallen. Die Kinder, die ihr erzogen habt, lieben euch. Es ist manches in ihnen geweckt worden, sie wissen wohl, sie haben es euch zu verdanken und haben Respekt vor euch. Fast in jedem Hause habt ihr ein solches Kind als Fürsprech, habt also Wurzeln gefaßt überall, habt mehr oder weniger Einfluß auf alt und jung; und wenn ihr und der Pfarrer zusammenspannet und unvermerkt und ohne Posaunenstöße an euren Gytiwylern arbeitet, so seid überzeugt, es kann aus Gytiwyl etwas werden. Aber wie es dort schwerer Boden ist und die Arbeit schwer in demselben, so sind auch die Gytiwyler zäch und bedürfen harter Arbeit, ehe sie urbar sind. Aber es ist kaum ein Boden, der nicht urbar zu machen wäre, und je härter die Arbeit war, desto schöner sind meist auch die Früchte. In eurer Schule kennt ihr alle Kinder, sie kennen euch, und manchen guten Faden habt ihr da angesponnen.

»Das ist's eben nun, was die, welche des Volkes Gärtner sein sollen, nicht fassen und nicht nachhaltig sind in der Arbeit, und herumfahren im Lande wie die Wespen in einem Birenbaum. Alle Augenblicke reißt sich ein Lehrer aus dem Boden, auf dem er steht, stumpet, entwurzelt sich, zerreißt alle Faden, alle Verhältnisse, zerstört damit die Hälfte seiner Arbeit wieder, läuft einer andern Arbeit zu; und wie lange geht's da, bis er wieder angewachsen, bis er nur weiß, wo und was er anfassen soll? Und warum laufen sie so im Lande herum? Einige Kronen Lohn, ein Webkeller, ein größerer Garten, eine Stube mehr, oder nur Mißmut, Leichtsinn oder eine böse Rachbäurin treiben zu diesen heillosen, selbstgemachten Verpflanzungen. Hiervon sind auch die Pfarrer nicht frei; auch ihrer viele fassen die große Wahrheit nicht auf, daß das Versetzen für ältere Bäume sehr gefährlich sei, für wenige heilsam und allemal auf lange das Tragen der Früchte hemmt. Wie würde es wohl in dem Baumgarten aussehen, in welchem man alle Bäume alle zehn oder fünfzehn Jahre versetzen würde? Wäre wohl in einem solchen Garten ein gewaltiger Baum, mächtig in den Ästen, weithin Verbreitend seine Wurzeln und kühn den Stürmen trotzend? In einem solchen Garten wären lauter Bäume, die kaum ihr Leben zu fristen vermöchten mit ihren verstümmelten Asten und Wurzeln. Ihre Früchte würden sparsam sein, ihr Aussehen ein trauriges, und jeder Winter würde toddrohend sein dem armen Baume, der in dem ungewohnten Boden nicht zu frischen, frohen Säften kommen kann.

»So sieht es aber mehr oder weniger aus unter den Lehreren. Da ist selten ein mächtiger Stamm, stark, schön und alt, gepflegt und bewundert; denn selten einer hat sich nicht selbst verstümmelt, selten einer ist da geblieben, wo er zuerst anwuchs mit seinem jungen, raschern Blute, und reiches Leben spendete und in sich sog. Er riß sich los, verblutete zuletzt, und der Rest des alten, trägen Blutes will nicht mehr rechtes Leben fassen, wie es auch nicht gerne mehr alte, gebrochene Glieder zusammenleimt. Das ist dann ein Serben und Kränkeln; der Boden klagt den Baum an, der Baum den Boden, bis der arme Baum tot in sich selbst zusammenfällt, unbeweint und uuvermißt; denn auf feine Stelle hat man schon lange gepaßt für einen jungen Baum, der auch Früchte trage. Und weil es so ist, Schulmeister, so kömmt man nicht vorwärts, und dann sollen die Leute daran schuld sein; unverbesserlich schiltet man sie, leichtsinnig. Es ist wahr, mich machen die Bauren alle Tage wild, aber auch die Lehrer, eben weil sie nicht nachhaltig genug, unvermerkt und still an den Bauren arbeiten; weil auch sie selbstsüchtig sind und nach ihrem Gelüsten, oder weil an einem andern Orte die Frau den Brunnen näher hat, herumlaufen; und dazu noch eifersüchtig auf einander, daß keiner da anfangen will, wo der andere es gelassen, sondern jeder für sich etwas Apartigs anfangen, allein weise sein will. Was soll da herauskommen, wo keiner des Vorgängers Arbeit fortsetzt, sie vielleicht frevelnd zerstört, seinen Ruhm suchend und nicht bedenkend, daß der nie welkende Ruhm nur der sei: ein treuer Knecht des großen Meisters zu sein, der auch nicht seinen Ruhm suchte, sondern nur den des Vaters?

»Nein, Schulmeister, laufet mir nicht von Gytiwyl fort,« schloß er, »sonst halte ich gar nichts mehr auf euch. Fasset mein Gleichnis zu Herzen; es trifft wohl, wie noch tausend Bilder, die Gott in der Natur aufgestellt hat, treffen würden, wenn der Mensch Augen dafür hätte.«

Damit führte er mich an den Schatten hinter seinem Häuschen und nahm mich genauer auseinander über meine Umstände und meinen Gemütszustand. Er fand diesen mutlos, fand, daß besonders die Liebe zu den Meinen mich mutlos mache. Ich hätte meine Frau so lieb und sie hätte so bös, und ich vermöchte ihr so selten eine Halbe Wein oder ein Paar Strümpfe zu kramen. Denn in Schulden stecke ich; die Orgel sei noch immer nicht bezahlt, und die Wiederholungskurse hätten mich auch zurückgebracht. Meine Kinder wüchsen auf; der Bube sei ein heiterer Kopf, wolle aber nicht mehr gehorchen; wir wüßten nicht, wie das käme. Mädeli sage immer, das komme daher, weil ich ihn zu viel brauche und Meister lasse in der Schule; so meine er auch Meister sein zu können im Hause; Zeit wäre es, ihn etwas lernen zu lassen, doch Geld hätte ich keines dazu.

»Macht eine Bittschrift an den Großen Rat,« warf Wehrdi ein, »Ihr wollet Euren Buben zu einem Stenographen oder Geschwindschreiber bilden, der alles Grobgesagte feile und alle unbedeutenden Äußerungen als Weisheiten niederschreibe, damit alles repetierlich vor die Welt komme, was unrevetierlich im Großen Rat ausgepackt wurde, so geben sie Euch einen Lehrlohn so groß Ihr wollt, und später kriegt er einen Lohn größer als ein Professor an der Hochschule, deren einige die Radikalen zum Teil nur halten wie die Patricier die Bären im Bärengraben, um sie brummen zu hören und füttern zu können, und weil es in die Annalen von Bern käme, daß Bären oder Professoren, die man freilich zu nichts gebraucht hätte, aus schnödem Eigennutz der traurigen Richtung unseres Zeitalters abgeschafft worden.«

Ach Gott! Mir war nicht um zu spaßen, und was gingen mich die Bären und die Profesforen an? Ich fuhr daher in meinen Klagen fort und bekannte zwar, daß ich das Gleichnis wegen dem Baumversetzen begreife, aber daß man doch für sich sehen müsse, es sehe sonst niemand zu einem, und daß ich nicht glaube, daß mein Weggehen zu Gytiwyl so fühlbar wäre. Einmal mir hätte niemand gar Freundschaft gezeigt und dergleichen gethan, als ob ihm gar viel an mir gelegen sei.

Da meinte Wehrdi: ob ich denn meine, daß die Gytiwyler gegen mich anders sein sollten, als gegen andere Leute? Die hätten ihr Lebtag noch gegen niemand zärtlich gethan. Und wenn ich gehen wollte, so würde mir sicher auch kein Mensch anhalten, sondern sie würden sagen: »Mira, we d' nit blybe witt, so ghey di; mr wen di nit zwänge; es git öppe Schumeister gnue.« Es würde also auch hier, wie an manchem andern Ort, ein Schulmeister übel ankommen, wenn er den Bündel vor die Thüre werfen wollte unbesonnen. »Aber sie würden euch doch vermissen und sich untereinander sagen: »Es isch doch lätz, daß er gange-n-isch, mr überchöme nit grad e fertige; es isch mit de Schumeistere-n-o, nüt z'säme zellt, wie mit de Chüehne, es git dere gnue, aber es isch nit eini wie die angeri, es git gueti u bösi. Und manches Kind würde weinen, und manches würde in tiefem Instinkt es euch grollend nie vergessen, daß ihr etwas in ihm angeregt und jetzt es verlasset mutwillig, wie ein thorrechter Ackersmann ein Feld, durch das er Furchen gezogen, aber davongelaufen ist, ohne zu säen und des Samens zu warten.«

»Aber um Gotteswillen, Wehrdi, was soll ich anfangen? So kann ich nicht bleiben. Ich und meine Frau und meine Kinder gehen zu Grunde, und kein Mensch nimmt sich unser an; es ist gerade, als wenn noch alle Leute Freude hätten an unserm Elend. Wie soll ich mit bald fünf Kindern auskommen mit meinem Lohn? Rechnet man die Kleidung : Hemde, Strümpfe, Schuhe x. per Kind nur zu 6 L. und unsere Kleidung zu 6 L., so macht das zusammen schon 42 L. Wer will um dieses Geld einen Menschen kleiden? Und doch nimmt es mir schon fast die Hälfte des Einkommens weg. Dann haben wir noch nichts in die Haushaltung angeschafft, haben nicht gegessen; und rechne man doch, was sieben Personen im Jahr für Milch und Brot brauchen. Wenn man nur zwei Pfund Brot und eine Maß Milch täglich für alle rechnet, so macht das wieder über 100 L., also mehr als mein Einkommen, und doch haben wir damit noch bei weitem nicht alles, weder Schmutziges, noch Mehl, noch Kaffee, und dieses käme leicht auch auf 40 L. per Jahr.« Er solle nur rechnen. Und nun noch immer mehr Schule, immer weniger Zeit, etwas nebenbei zu verdienen; ich hätte weiß Gott wie lang an einem Wubb; »wenn man nur so dazu und davon kann, so geht es gar nicht von der Hand. So gerne möchte ich allen Fleiß anwenden in der Schule, möchte darüber nachdenken, wie es am besten zu machen sei, möchte Geschichten und Beispiele ersinnen, um den kleinen Kindern die Liebe Gottes und sein weises Walten recht anschaulich und eindringlich zu machen. Ach Gott! Und wenn ich sinnen will, so steht der leere Milchhafen vor meinen Augen; mich plagt die Angst, wer ihn mir füllen will. Ich sehe durch die dünnen Höschen die blauen Beine meiner Kinder und den Krämer, der für sie noch das Geld will. Wenn mein Frauchen das Mehl röstet für die gewohnte Wassersuppe, so höre ich durch sieben Thüren durch seine stillen Seufzer und sehe es mit dem Finger über die Augen fahren, als ob der Rauch es brenne. Wenn das einem beständig vor Augen schwebt, wer will da Schule halten von ganzer Seele, ganzem Gemüte und mit allen Kräften? O Wehrdi, ihr könnt euch, weiß Gott, nicht vorstellen, wie es einem Vater ist, wenn er seine gesunden, munteren Kinder mit gesundem Hunger am Tische essen sieht wie junge Wölfe, wenn er ihnen alles so von ganzem Herzen gönnt und doch die Angst sein Herz zerreißt, daß sie mehr essen, als er ihnen zu geben vermag. Ihr könnt nicht glauben, wie es mir manchmal ist, wenn sie alle um die Mutter stehen und so glustig aufsehen auf sie und das Brot, das sie in der Hand hat, um jedem ein klein Stücklein zuzuschneiden; wenn ich sehen muß, wie es in der Mutter ringt, das Messer ein klein wenig tiefer gehen zu lassen, und wie sie sich Gewalt anthun muß, den Schnitt zu verkürzen, wie sie mit immer wehmütigerem Blick die kleinen Stücke herumreicht und mit lieben Worten die Kinder vergessen machen will die kleinen Stücke. Und wie die Kinder im Hui fertig sind damit und traurig die Mutter ansehen, und die Mutter dann mit freundlichem Gesichte ein lustig Liedlein zu singen versucht, während ihr Herz weint; weiß Gott, Wehrdi, das will mir manchmal das Herz zerreißen, und ich muß aus der Stube fort und an verborgenem Orte weinen wie ein Kind. Kein Mensch will unsere Lage recht begreifen; wenn mir davon reden, so redet man mit fühllosem Sinn von fleischlichen Gelüsten, und wenn andere zu unserm Besten reden, so dünkt es mich immer, sie hätten Harz im Munde und brächten es deswegen gar nicht in Gang. O, wenn ich doch nur einmal dazu käme, denen, die etwas zu befehlen haben, das alles so recht sagen, unsere ganze Lage ihnen vor Augen führen zu können, ihnen zeigen zu können, wie tiefes Elend, wie tiefer Herzenkummer verborgen liegt hinter dem sogenannten Schulmeister-Mütli, das man wohl in seiner jungen, dummen, ledigen Zeit hatte, von dem spater aber nur der unglückliche Schein geblieben. Wenn ich ihnen handgreiflich zeigen könnte, daß wir in dieser Lage nie werden könnten, was wir sein sollen; daß in diesem Elend durch schlechte Speise die körperliche Kraft, durch den Kummer die Unbefangenheil der Seele verzehrt, gestört wird; daß man dem Volk die Verbesserung unserer Lage nicht überlassen kann, denn an den meisten Orten hat es keinen Sinn für uns; daß man uns doch billigermaßen nicht einzig und allein in unserem Vaterlande zumuten könne, Märtyrer der guten Sache zu sein, während so gar niemand uns dazu das Beispiel giebt, und dafür gesorgt worden, daß alle andern, die dem Vaterland dienen wollen, so bezahlt werden, daß weder Hunger noch Durst ihrer Vaterlandsliebe zu Leibe kommen kann; daß es doch wahrhaftig nicht billig sei, daß Professoren, die nicht zwei oder drei Studenten zusammenbringen können, 2 bis 3000 L. Einkommen haben, während Schulmeister, die bei 200 und mehr Kindern schwitzen, mit 100 und weniger L. abgespiesen werden –!«

»Ja, Käser,« sagte Wehrdi, »Ihr könnet mich in der That dauren, und Euer Fraueli ebensoviel, und wenn alle so wären wie Ihr, so wäre es billig, Euch zu helfen; aber so allen miteinander, das möchte ich wahrhaftig nicht. Ich muß bekennen, ich kann gar viele Schulmeister nit schmücke; das ist mir ein widerlich Volk. Und wenn die mehr Geld bekämen, so liefen die vor Hochmut auf den Köpfen, um nicht zu laufen wie andere Leute.«

»Ach, Wehrdi,« fagte ich, »seid Ihr auch so unvernünftig und haltet uns immer den Hochmut vor? Der Schulmeister wollte doch auch etwas haben, hatte aber kein Geld, etwas zu kaufen; er mußte also vorlieb nehmen mit dem, was nichts kostet, und was ist wohlfeiler und kostet weniger als der Hochmut? Gebet ihm Geld, so wird er sicher sich etwas Besseres, Solideres dafür anschaffen. Zudem sind die meisten Leute hochmütig; je mehr aber einer hat, desto weniger fallt es auf; je weniger aber einer hat, desto mehr stößt man sich an seinem Hochmut. Helft ihr den Schulmeistern zu etwas, so wird euch ihr Hochmut schon viel weniger ärgern. Hat man nicht immer gesagt, wenn man gute Regenten wolle, so müsse man sie gut bezahlen? Und wenn man dann sagte: deswegen würden die, die wir jetzt haben könnten, doch nicht besser, wenn man ihnen schon 3000 L. statt 2000 gebe, so antwortete man: eben deswegen müsse man die Einkommen so hoch bestimmen, daß es jungen, begabten Männern den Mut mache, dem Staatsdienst sich zu widmen und zu Staatsmännern sich zu bilden. Und wenn man dann sagte: das Volk könnte es dann doch mit diesen Staatsmännern haben wie jener Müller, der lieber einen alten, lahmen Esel wollte für seine Säcke zu schleppen, als ein munter, tüchtig Roß, und so wäre es dann schade, wenn der Esel den Haber bekäme, Disteln waren für ihn gut genug, so antwortete man: das Volk werde so dumm nie sein wie jener Müller; es kenne zu gut den Unterschied zwischen einem alten lahmen Esel und einem tüchtigen Roß, und wenn man es in Stand setze, zu wählen zwischen beiden, so werde es schon zu wählen wissen. So sprach man bei den Regenten und stiftete durch dieses Gerede noch die Hochschule. Warum sagt man das Umgekehrte bei den Schulmeistern? Warum sagt man, man wolle die erst besser werden lassen, ehe man sie besser bezahle? Werden junge tüchtige Leute Schulmeister werden wollen ferner bei dieser Hundemühe und dem Hundelohn? Wird das Volk je tüchtige Schulmeister zur Wahl erhalten? Werden die, welche bereits Schulmeister sind, aber nicht ganz eingerostet, noch Zeit und Mut haben, an ihrer Fortbildung zu arbeiten? Sollen dann alle sich entgelten, daß einige aufgeblasen sind wie Frösche auf den Dünkeln, andere aufbegehrisch wie die Nachtwächter; einige schläferiger Natur und noch einige mit durstiger Leber behaftet? Sollte der ganze Stand um dieser willen im Kot und verpfuyet bleiben in alle Ewigkeit? Der liebe Gott wollte um fünf willen Sodom stehen lassen und die Menschen wollen vielleicht um hundert willen tausend zu Grunde gehen lassen?!«

»Ei, Schulmeister, Ihr werdet ja ganz beredt, und wenn das geschrieben stünde in eines glatten Herrn plattem Buche, so würde er hinter jeden Satz geschrieben haben: Gelächter!«

»Aber, Wehrdi, das hätte ich nicht von Euch gedacht, daß Ihr mich noch auslachen würdet in meinem Jammer, sonst würde ich nicht um Trost zu euch gekommen sein. Und was wird meine Frau von euch denken, wenn ich ihr sage, daß Ihr gesagt hättet, man sollte hinter jedes meiner Worte: Gelächter! setzen, und ich ihr erzähle alles, was ich Euch erzählt habe?«

»Aber um Gotteswillen, Schulmeister, versteht mich doch und verdreht mir meine Worte nicht! Spaß appart, Eure Sache ist mir zu Herzen gegangen, und wenn ich mir Euer gutes, sinniges Weibchen denke in seiner Not, so gramselt es mir ums Herz und ich muß fast meinen Verstand gefangen nehmen unter den Glauben, daß Euch geholfen werden müsse, um solcher Weibchen, einiger guter Schulmeister und der Hunderte oder Tausende von Schulmeisterskindern, die mit hungerigen Augen an den Tischdrucken hangen, mit wehmütigen Augen an jedem vierschrötigen Bauernjungen, der eine Tasche voll frisches Brot hat und die andere voll Broträufte und Brosmen. Ich will wetten, das ginge auch noch manchem so, wenn er Euch erzählen hörte von Eurer Not, Euch rechnen hörte Euer Ausgeben und Einnehmen und die Folgen, welche Kummer und Sorgen auf Eure Thätigkeit haben; und er änderte vielleicht seine Meinung, wie halb und halb auch ich, und meinte, daß man Euch erst stärken sollte, ehe man Euch zur verstärkten Arbeit anhält; daß daß man erst den Stand erheben solle, ehe man fordert, daß jeder einzelne sich erhebe. An Eurem Platz würde ich nun dem Erziehungs-Departement, dem Regierungsrat nachlaufen Mann für Mann, und würde ihnen das alles ins Herz schreien so recht lebendig.«

»Treibt doch nicht Mutwillen mit mir,« sagte ich. »Wie sollte ich armer Mann zu solchen Leuten kommen? und wenn ich schon zu ihnen kommen könnte, wie sollte ich es ihnen sagen dürfen? Da wäre mir, als ob ich ein Bauernhaus im Halse hätte. Ich könnte kein Sterbenswort hervorbringen, als öppe: Helfet is, dr tusig Gottswille! Darauf würden sie wenige hören in Bern; es geht dort wenig mehr dr Gottswille.«

»Ei nun,« sagte Wehrdi, »so schreibet es auf, wie es Euch ums Herz ist, in welchem Zustande Ihr seid, aber nicht aufbegehrisch und großhansend. Gebt Euch demütig dar und nicht für mehr als Ihr seid; aber zeiget, daß Ihr bei dem, was bis dahin für die Schulmeister gethan worden, nicht anders hättet werden können, und daß Ihr auch in Zukunft nicht besser werden könnet, wenn man nicht ganz anders für euch sorge. Thut nebenbei etwas Buße und bekennet, daß Ihr Euch ungeziemend betragen, allein mißleitet. Schreibet das alles recht rührend auf, daß es auch die Weiber lesen mögen und Erbarmen bekommen; dann müssen Euch die Männer helfen, sie mögen wollen oder nicht.«

Das Ding leuchtete mir gar nicht übel ein. Ich dachte, der Traum habe mir nicht umsonst auf eine Schrift hingedeutet; aber mir fehlte der Mut zur Ausführung, und eine Menge Bedenklichkeiten schmollen in mir auf. Ich war früh aufgestanden nach der unruhigen Nacht, hatte keinen Bissen herunterbringen können beim Frühstück, war in der heißen Morgenstunde gewandert, und Ärger und Kummer waren schwer auf der Seele gelegen. Was Wunder, daß Leib und Seele schwach und mutlos waren? Bedenklich war ich daher im Anfang und mutlos zur Ausführung, aber wie bald war das anders!

Endlich hatte Wehrdi sich erinnert, daß er einen Gast habe, daß der hungrig und durstig sein könnte; hatte eine Flasche Wein, ganz duukelroten, hervorgeholt, Brot und Käse aufgestellt, und fleißig den Wirt gemacht. Da kam mir nach und nach die Welt auch nicht mehr so blaß und jämmerlich vor. Ein Schimmer von Morgenrot überstrahlte sie und mich dünkte, es könne alles noch gut kommen. Mich dünkte das Z'weglegen und Aufsetzen einer solchen Schrift immer leichter und es juckte mich ordentlich, alsobald ans Werk zu gehen. Die Hauptsache, das Aufweichen der Herzen, das Entsprechen mit Geld, das schien mir nicht fehlen zu können; denn im Setzen, sagte ich, hätte ich nie einen gefürchtet und die Leute hätten sich schon vielfach verwundert, wie ich einen Brief oder eine Quittung so enanderna aufs Papier bringen könne, ohne die Sache erst aufsetzen zu müssen zum Abschreiben. Aber ehe ich daran hingehe, sollte ich doch wissen: ob die Gschrift auf Stempelpapier sein müsse oder auf gewöhnlichem. Ob ich für Stempelpapier Geld genug hätte, das wüßte ich nicht einmal; mit einem vierbatzigen Bogen werde ich es kaum machen können.

Da lachte der Wehrdi schelmisch und riet mir, einstweilen nur ganz ordinäri Papier zu nehmen; auf diesem werde es wohl gehen, denke er, und Stempelpapier möchte es wohl zu viel brauchen. Das müsse nicht so eine Bettelschrift sein wie manche andere, wo man winsele um ein Stücklein Brot. Die. Schrift müsse den ganzen Zustand eines Schulmeisters und seiner Familie darstellen, wie sie am Hungertuch gnagen, wie sie zu viel hätten um zu sterben, zu wenig zum Leben; wie diese Armut den ganzen Stand lähme und drücke, und Weiber und Kinder noch mehr.

Er müsse bekennen, er sei früher auch der Meinung gewesen, die Schulmeister hätten im Ganzen mehr als sie verdienten und eine allgemeine Erhöhung der Einkommen wäre ungerecht und verderblich. Seit er nun aber in einer Schulmeisterhaushaltung so recht auf den Boden gesehen, sei er anderer Meinung geworden und er denke, andern Leuten könne es auch so gehen. Darum müsse man ihnen eine solche Familie darstellen so recht inniglich; das sei hier die wahre Bittschrift. Freilich werde es wunderlich gehen, wenn auf einmal alle mehr Geld bekämen. Es seien jetzt schon viele, die nicht wüßten, wie sie gehen oder stehen sollten vor Narrochtigi; die würden sich sicher gibeligelbe Röcke und rote Hosen machen lassen.

Nun schenkte mir Wehrdi immer fleißiger ein und begeisterte mich für den Versuch immer mehr. Je leichter ich die Sache nahm, desto mehr hielt er nieder und deutete immer deutlicher darauf hin, daß ich mich und mein Leben gründlich und aufrichtig zu schildern hätte Punkt für Punkt, daß ich bei meiner Kindheit anzufangen und zu zeigen hätte, wie ich bis Hierher gekommen. »Man kennt das Leben anderer Stände nicht,« sagte er, »darum fühlt man kein Mitleid miteinander, höchstens Neid. So fühlt der Mensch nur seine eigene Bürde und macht sich gar keine Vorstellung, wie schwer die Bürden anderer sind, wie drückend sie lasten. Wer weiß, wie manches vergessene Mädchen, das alles hat, nur keinen Mann und keine Kinder, eine Frau Schulmeisterin beneidet mit stillen Seufzern, die gar nichts hat als eben einen Mann und Kinder! Zudem herrscht ganz besonders in der Stadt das Vorurteil, auf dem Lande könnten die Leute leben ohne Geld, wie die Hasen von Kabis, der von selbst wachse, von Wasser, das umsonst fließe.«

Er solle nur nicht Kummer haben, meinte ich; ich wolle das schon machen, daß er zufrieden sei damit; mit dem Setzen möge mich, wie gesagt, nicht bald einer.

Und der Wehrdi verzog sein Gesicht wieder, daß sein Schnauz sich ausdehnte bis an die Ohren, und schenkte mir wieder ein und rühmte mich endlich auch: er wisse, ich sei ein ganzer Kerli und werde schon etwas Rechtes und Merkwürdiges machen.

Jetzt war mir erst recht angeholfen und ich ließ mich auf wie ein weltscher Hahn, bis ich zu fühlen anfing, daß mir die Zunge schwerer und schwerer wurde und manche Wörter gar nicht mehr herausbringen wollte. Dieses Zeichen kannte ich zu gut, um nicht zu merken, daß es Zeit sei, mit dem Trinken aufzuhören und den Weg nach Hause zu suchen. Wehrdi, der mich begleitete, sagte: er wolle in acht Tagen kommen und nachsehen, was ich gemacht hätte. Er solle nur kommen, antwortete ich, da wolle ich schon weit nache sein mit der Gschrift. Er lachte wieder und ermahnte mich noch: daß ich nur z'vorderist anfangen solle; ob es acht Tage länger gehe oder nicht, darauf komme es nicht an. Potz tausend, wie ganz anders durchschritt ich heimwärts die Felder! Guraschiert sah ich allen Leuten ins Gesicht und vor meinen Augen tanzten eine ganze Menge zu beschreibende Dinge; aber keines wollte sich mir recht voran schicken; es trohlete mir alles hoggis boggis übereinander. Aber soviel trohlete mir vor den Augen herum, daß ich wohl einsah, bis über acht Tage nicht fertig zu werden. Gar holdselig kam ich heim und that gar geheimnisvoll dazu; ließ Worte fallen, wie es bald besser kommen werde; dem Elend sei leicht abzuhelfen u.s.w. Mädeli hatte mir ein freundlich Gesicht entgegengetragen und, meinen Zustand merkend, fragte nicht sehr nach, wie geholfen werden könne.

Da wurde ich böse, daß es mir mein Geheimnis nicht abfragen wollte, und fing an zu brummen und zu knurren über seine Teilnahmlosigkeit.

»Los, Peterli, wird nicht bös,« fagte Mädeli und setzte sich neben mich, »aber du machst es gerade wie eine Klapperfrau, die thut auch so heimlich mit Sachen, die sie gerne offenbar machen möchte. Ich dachte nicht daran, daß du es auch so mit mir machest. Aber zürn nit und säg mr fründlich und ordlich, was es gä soll für is z'helfe.«

Da berichtete ich wunderliches und krauses von einer Schrift an die Frau Landammannin und Frau Schultheißin und noch andere Frauen, und daß in dieser Schrift handgreiflich unser ganzer Lebenslauf dargethan sein müsse Punkt für Punkt, damit man recht deutlich es sehen könne, daß man uns helfen müsse, wenn wir nicht verräbeln sollen. Und das müsse an die Frauen gestellt sein; sie begriffen solche Dinge besser, u.s.w.

Mädeli hörte mir zu mit wunderlichem Gesicht und ließ mich reden so lange ich wollte. Und als ich endlich seine Meinung über die Sache wollte, sagte es: es verstehe sich auf solche Sachen nichts; aber es düechi's, i sött müede sy u gern i's Bett welle; i heig ja o die letzt Nacht nüt nutz gschlafe. Sanft und wohl schlief ich und träumte gar nichts. Hell und sonnig war's in der Stube, als ich die Augen aufschlug, und doch noch so still, als wäre es erst Mitternacht; ganz gegen den Gebrauch, da die Kinder sonst mit dem Güggel zu krähen anfingen. Verwundert saß ich aus und sah die ganze Stube leer, alle Vögel ausgeflogen. Das gute Mutterli hatte mir den Schlaf, den ich so selig schlief, gegönnt, die Kinder aufmerksam gemacht auf den Spaß, den Ätti sich einmal verschlafen zu lassen. Und leise wie Mäuschen hatten sich alle weggestohlen und waren an ihre Arbeit gegangen, denn meine Frau hielt die Kinder von früh an zur Arbeit, obgleich es mich oft grausam dünkte und ich oft abwehren wollte. Sie sagte: je früher man arbeiten lerne, desto ringer gehe es einem später, und es grause ihr nichts mehr, als ob den Kindern, die man im Müßiggang laufen lasse, und sie begriffe viele Schulmeister nicht, die auch also thäten. Aber die Kleinen konnten sich nicht enthalten, zum Fenster ein zu guggen, ob der Ätti noch schlafe? Und als sie ihn endlich aus dem Bette springen sagen, stürmte die wilde Schar herein, schabte mir Rübchen und lachte mich gar weidlich aus. Dann kam die Mutter mit der Kaffeekanne und fragte lächelnd: ob ich wohl geschlafen? Sie erhielt den üblichen Vorwurf: warum sie mich nicht geweckt. Ringsum schenkte sie aus der schnablichten Kanne und dem bauchigen Milchtopf ein. Auf so langes Warten hin schmeckte es den Kindern doppelt, und zwischen dem Kauen und Schlucken durch konnten sie nicht satt werden mit freundlichem Ntecken über mein langes Schlafen. Als wir abgegessen hatten, nur die Mutter noch nicht, durch vieles Einschenken gehindert, und die Erdäpfelbitzli all waren und jedes sein Stückchen Brot extra bekommen hatte, jammerte unser jüngstes Kind: »Muetter, i bi no gar grusam hungerig, gib mr doch no es Bitzli Brot.« Und die Mutter warf einen schweren Blick auf das so leicht gewordene Brot und reichte das kleine Stückchen, das sie für sich abgehauen hatte, dem Kleinen dar und fagte: »Sä, du Vielfrätzli, i ha mr nume z'viel abghaue gha; aber jetz schwyg mr u häb gnue.« Das schnitt mir tief ins Herz wieder, daß mein liebes Mutterli nicht einmal ein Stücklein Brot hatte, nachdem wir alle gegessen. Ich erkannte frisch, daß da müsse geholfen werden, wenn die Sorgen mir nicht das Herz abdrücken sollten und die Reue, daß ich in meiner ledigen Zeit so leichtsinnig mein Geld verschleudert und nur Schulden in die Ehe gebracht. Es mußte also ans Werk gegangen werden, um meinem lieben ergebenen Weibe ein Stücklein Brot zu verschaffen zum Morgenbrot. Es ist doch merkwürdig, wie stille, liebe Ergebung tausendmal mehr wirket als laute, begehrliche Ungenügsamkeit. O wenn doch das alle Weiber wüßten!

Entschlossen ging ich in die Schulstube, schnitt zwei neue Federn, legte Papier zurecht, stopfte eine Pfeife, tunkte die Feder ein und wollte nun schreiben. Aber, o je! wie ganz anders kam mir jetzt das Schreiben vor nach zwei Kachelene Kaffee, als früher nach einem halben Dutzend Gläser Wein! Vor allem plagte mich der Titel, den ich auf die Schrift zu setzen hatte; sollte ich sie an die Regenten oder die Regentenfrauen stellen und wie die letzteren betiteln? Ich wußte nicht, konnte man ihnen auch Hochgeachtet und Hochgeehrt sagen oder ob sie sich »tugendsam und ehrbar« lieber nennen hörten? Es ärgerte mich, daß ich den Wehrdi nicht gefragt; ich mußte das nun überspringen. Nun kam es an den Anfang; der wollte sich aber gar nicht anfangen lassen, bis ich beschloß, einstweilen niederzuschreiben, zuschwas mir in Sinn käme, weil ich nun wohl einsah, daß es abgeschrieben werden müsse. Während ich an dieser Arbeit saß, vermißte mich mein Weibchen bei einer andern Arbeit, beim Flachsziehen nämlich, das auf den heutigen Tag abgeredet und von meiner Frau begonnen war. Als ich immer und immer nicht kam, wurde ihr bange, daß ich krank sein möchte; sie kam, streckte den Kopf zur Stubenthür ein und fragte: »Mannli, bisch chrank, daß d'nit chunst?« Als sie mich so da sitzen sah, gebeugt, den Kopf in der Hand, ohne aufzusehen, glaubte sie, es sei so, trat näher und faßte mich an, um zu sehen, wo es mir fehle. Als sie mich schreiben sah und zwar etwas von Vater und Mutter (eine Hexe war sie nicht im Lesen von Geschriebenem) so zupfte sie mir die Feder aus der Hand und sagte: »Peterli, du wirst doch nit öppis Narrs welle mache? Das sy Flause, chum du u hilf mr Flachs zieh.« Ich aber schüttelte den Kopf und sagte: etwas müsse gemacht sein; so könne es nicht mehr gehen und etwas Besseres wüßte ich nicht. Da antwortete mein Weibchen, es wisse noch etwas besseres: Geduld haben und Vertrauen auf Gott, daß es gerade so komme, wie er wolle, und unterdessen munter arbeiten und vergnügt sein mit dem Guten, wo man hätte; und wir hätten ja so viel, was andere nicht hätten: Liebe und Friede, daß wir wohl zufrieden sein könnten. Da übermannte mich die Wehmut über meines Weibes ergebenen Sinn und ich that ihm thränend dar, daß ich es eben seinetwegen nicht mehr so lassen könne; es zerschneide mir das Herz, wenn ich sehe, wie es sich am Munde abbreche, um den Kindern zu geben; wie es dabei von Morgen früh bis abends spät auf den Beinen sei und anfange auszusehen wie die teure Zeit; wie ich ihm während unserer Ehe fast keine Kleider hatte anschaffen können, so daß es schon lange nicht mehr z'Chile dürfte, wenn es sie nicht so gut in Ehren hielte. Man müsse allerdings auf Gott vertrauen, aber auch das Seine thun, arbeiten, und das sei ja gerade eine Arbeit, von der Wehrdi sage, daß sie nötig sei. Wehrdi meine es gut mit uns; er habe mir schon manchen Fünfbätzler gesteckt unter irgend einem Vorwande. Er kenne auch mehr von der Welt als wir; er hätte zwar manchmal gelacht über mich, aber das sei so seine Art und er mache es auf eine Art, daß man es nicht übel nehmen könne. Ich sei willens, in Gottes Namen fortzufahren und Tag und Nacht daran zu arbeiten.

»Aber sag mir doch, Peter,« sagte meine Frau, »was soll denn das für eine Schrift werden? Du fängst da bei Vater und Mutter an und bei einem alten Häuschen u.s.w.; wer soll denn das lesen? Ich habe immer gehört, solche Schriften seien um so besser, je kürzer sie seien.«

Wehrdi habe es mir so angeraten, entgegnete ich; er könne es ihr am besten sagen, was das für eine Gschrift geben solle, und warum sie so sein müsse und nicht anders. Er werde in acht Tagen kommen; dann könne sie ihn fragen, was er eigentlich meine, und bis dahin Geduld mit mir haben; es geschehe ja doch ihr besonders zu Liebe und Huld.

Während den acht Tagen arbeitete ich fleißig fort und füllte allerdings schon so viel Papier, daß mich selbst Wunder zu nehmen anfing, was das für eine Schrift werden sollte. Es tauchte mir beim Nachdenken so viel aus meiner Kindheit auf im Gedächtnis, das ich niederschrieb, weil Wehrdi gesagt hatte, ich sollte z'Bode ha, daß ich viel schrieb und doch nicht weit vorwärts kam.

Wehrdi kam, als eben meine Frau im Bohnenblätz war. Er durchsah meine Arbeit mit Wohlgefallen und meinte, das werde schon was rechtes werden. Er wolle sie nach Hause nehmen, um noch besser sie zu kosten und einiges nachzubessern. Dann fragte er mich noch so eine Menge Dinge über das bereits Geschriebene und nachher über das Nachkommende, und wie ich beides verbinden wolle, daß ich gar keine Zeit hatte ihn zu fragen: was denn das eigentlich werden solle? Als aber meine Frau heimkam, so wartete die nicht lange, bis sie ihn zur Rede stellte. Sie fragte ihn: »Aber, Wehrdi, meinet Ihr es denn eigentlich gut mit uns oder haltet Ihr uns zum besten, und sind wir Euch nur dazu gut, die Längizyti zu vertreiben?«

»Nein wahrhaftig, Wybli,« sagte Wehrdi, »es müßt einer ja ärger sein als ein Heide, wenn er es mit Euch nicht von ganzem Herzen gut meinen sollte.«

»Aber was macht Ihr dann meinen Mann zu schreiben ein Langes und ein Breites von seinem Vater an, und am Ende wird er auch noch gar von mir schreiben sollen?«

»Das versteht sich, Frau Schulmeisterin, daß anch von Euch geschrieben werden soll, und gerade das wird das schönste von allem werden und die meiste Wirkung thun.«

»Nei nis Bott, i will i kei Schrift; ebe so mähr chönnt me se de gar no lah drucke.«

»Eben das könnte es geben, wenn die Sache darnach ausfällt, und ich kann mich schon freuen wie ein Kind, daß es die Welt erfahren kann, was Ihr für eine Frau Schulmeistern seid.«

Da wurde meine Frau rot bis unten ans Ohrläppchen und sagte: »Wehrdi, es ist nicht schön, mit so armen Leuten nicht nur das Gespött zu treiben, sondern sie auch zum Gespött der ganzen Welt machen zu wollen. Wir sind zwar arme Leute; aber das haben wir nicht verdient und hätten es am wenigsten von Euch erwartet. Es that mir oft wohl zu denken, daß Ihr meines Mannes Freund seiet und Euer Rat ihm manchmal nützlich sein könne, und jetzt ist es so gemeint!« Und es brannten zwei blanke Thränen in meines Weibes Auge und rasch wollte es zur Stube hinaus.

Wehrdi schien mir da zu stehen wie die Butter an der Sonne, als ihm meine Frau so abkapitelte; aber der war nicht lange verblüfft. Als meine Frau abmarschieren wollte, ergriff er rasch ihren Arm, und als sie sich losreißen wollte, fragte er sie: ob sie dann nicht mehr wisse, daß man niemand unverhört und leichtlich verdammen solle? Da stund sie vor ihm still mit unwilligem Gesicht und niedergeschlagenen Augen. »Bitte, bitte, Fraueli! machet mir zuerst ein freundlich Gesicht und thut Eure Äugelein mir auf; dann kann ich Euch's am besten sagen, wie ich es meine, und Ihr begreift mich am besten,« bat der wilde Mann so sanft, daß es mir recht kurios vorkam. Mich hatte er ausgelacht; ich konnte nicht begreifen, warum er es bei meiner Frau nicht auch fo mache. Als meine Frau, die keine freundliche Bitte abschlagen konnte, wieder aufsah, sagte ihr Wehrdi: daß ihm nie jemand so gröblich unrecht thue, als gerade sie. Er möchte alles in der Welt lieber, sogar noch einmal nach Batavia, als sie zum Besten halten; und wenn er schon zuweilen über mich lache, so meine er es doch gut, und er frage sie auf ihr Gewissen: ob sie denn trotz ihrer Liebe zu mir nicht auch zuweilen wenigstens lächle über mich? Hingegen begehre er mit allem Ernst uns zu helfen. Er sei allein in der Welt, stehe in keinen näheren Verhältnissen zur Welt; die Leute flöhen ihn und doch werde der liebe Gott ihn einst fragen: »Wehrdi, was hast du gutes an deinen Brüdern gethan?« Sie könne daraus doch wohl abnehmen, ob er mit den einzigen Leuten, die Vertrauen zu ihm hätten, sein Gespött treiben werde? Er könnte uns freilich auch mit Geld helfen; aber das sei drückend für uns und solche Unterstützung wäre nie ein festes Fundament für eine Haushaltung. Wolle eine Familie fest stehen, so müsse sie selbst mit starken Wurzeln in den Boden greifen; angebrachte Stützen hülfen nur vorübergehend und seien zerbrechlich. Als ich da bei ihm so geweebert und gejammert: wenn man doch nur die Not kennen thäte, so hülfe man gewiß; so sei ihm das aufgefallen und er habe das ziemlich wahr gefunden. Darum habe er mich zum Schreiben aufgemuntert. Seither habe er noch darüber nachgedacht und sei auch zum Pfarrer gegangen, und sie wären beide darüber eins geworden. Sie seien nämlich darüber eins geworden, daß man im Kanton Bern anfange zu glauben, wenn man einander recht wüst sage, sei damit alles abgethan. »Zum Unglück ist nun die ganze Schulmeistergeschichte mitten in diesen wüsten Strudel hineingeraten und die Schulmeister haben sie selbst hineinstoßen helfen, machten selbst einen höllischen Lärm. Das Ende davon war, daß man die Schulmeister, um sich nicht feiner von ihnen den Kopf waschen zu lassen, aufs Trockne setzte, und da sitzen sie nun. Nun aber, meinen der Pfarrer und ich, könnte nichts mehr die Gemüter versöhnen und gegen euch gerecht machen, als eine unbefangene Geschichte eines Schulmeisters und seiner Haushaltung. Und gerade Eure Geschichte, meinte ich, müsse das ganz besonders thun, wenn man aufrichtig sie erzähle. Allerdings werden die Leute hie und da über den Schulmeister etwas lachen müssen; aber weil er dann wieder so kreuzordentlich wird und Ihr beide zuweilen sie auch rührt, so werden sie Euch um so gewogener werden, um so eifriger Euch helfen wollen. Aber Euch können sie nicht helfen, sondern sie müssen zugleich auch den andern helfen. Und nun denket, Mädeli, daß von fast tausend Schulmeisterinnen fünfhundert in ähnlicher und noch tieferer Not sind als ihr; denket, daß ihre Kinder noch mehr entbehren müssen. Und allen diesen könntet Ihr helfen, könntet die Sorge von ihren Stirnen, die Thränen aus ihren Augen, den Jammer aus ihren Herzen treiben; könntet ihnen Brot verschaffen, Kleider, muntern Sinn, freudige, dankbare Gefühle; könntet tausend Kindern eine fröhlichere Jugend Verschaffen, eine bedeutungsvollere Erziehung, – das alles könntet Ihr, Mädeli; könntet machen, daß manche Sohnsfrau ihre Schwieger ohne eigenes Entbehren pflegen, ihrem eigenen Vater ein weißes Brötchen verschaffen kann; das alles, Mädeli, könntet Ihr vollbringen, und womit? Mit etwas Selbstüberwindung, mit Hintansetzung Eurer Schüchternheit und des Vorurteils, nicht gedruckt zu werden und den Leuten so in die Mäuler zu kommen. Das ist doch lange noch nicht das Leben lassen. Es ist ein Dulden, aber doch sicher ein so schweres nicht; es ist fast nur das Dulden des ersten Kusses, den ein Mädchen von seinem Liebhaber erhält. Es sträubt sich so heftig und doch ist er ihm das erste Pfand des ersehnten Glückes, der Vorläufer von tausend nachkommenden. Es ist also eigentlich ein süßes Dulden, und glaubt es mir, Frauchen, wenn Ihr es duldet, so werdet ihr Liebhaber bekommen, wie Sand am Meer. Und wer weiß, ob man nicht ordentlich wallfahrtet zu Euch, nicht nur Schulmeister, um Euch zu danken, sondern ganz andere Leute. Junge schöne Herren z. B., die absolut sehen wollen, wie eine schöne, gescheite, fromme Frau Schulmeisterin aussieht. Darum, Mädeli, sperrt Euch nicht dagegen. Gegen Euern Willen möchten wir natürlich nichts machen, aber, nicht wahr, Ihr habt Euch jetzt eines Bessern bedacht?«

Mädeli fügte ihm, er sei ein Schalk, der es wohl gut meinen möge; aber daß die Sache den gewünschten Austrug nehme, das wisse niemand, und dann habe man, wenn es nicht gelinge, sich für die ganze Welt dargegeben und vor der ganzen Welt lächerlich gemacht für sein Lebenlang. »Weiß denn überhaupt der Mensch,« sagte Wehrdi, »wenn er etwas unternimmt, wie es herauskömmt? Würde nicht jeder alles unterlassen müssen, wenn er vorher des Erfolges sicher sein wollte? Was würde wohl gutes auf Erden geschehen sein, wenn dieser Grundsatz gültig wäre? Wo der Mensch das Gute will, da soll er handeln, den Erfolg aber Gott überlassen, in dessen Hand er steht. Habt Ihr diesen Grundsatz etwa auch aufgestellt, als Euch Euer Mann zur Frau wollte? habt Ihr ihm auch gesagt, wenn Ihr wüßtet, daß es gut käme, so wolltet Ihr ihn nehmen, da Ihr es aber nicht wüßtet, so solle er in Gottes Namen seine Wege gehen?«

Mädeli mußte wider Willen lächeln; dann aber warf sie dem Wehrdi vor, daß er alles ins Lächerliche ziehe und den ernstesten Dingen einen sogenannten Spaß anhänge. Wüßte sie, daß sie fünf Schulmeister aus dem Elend erlösen könnte und fünf Kmdlein, es brauchten nicht fünfhundert zu sein, so wollte sie sich für sich alles gefallen lassen. Und wenn man eigentlich dieses wolle, so werde sie nichts mehr dagegen sagen; aber man solle ihr eben auch nicht davon reden. Hätte der Pfarrer die Sache nicht gebilligt, so würde sie noch jetzt Mühe haben, nicht zu glauben, man treibe das Gespött mit ihr.

Wehrdi sagte ihr, es sei doch nicht recht, daß der Pfarrer mehr gelte bei ihr als er; dieser könne zwar etwas feiner thun, aber Spaß mischen in ernste Dinge, das habe er eigentlich vom Pfarrer gelernt. Der sage, es sei am Himmel so und auf der Erde. Ungeheuer tief und ernst sei alles; aber über die ernste Unergründlichkeit zucke der Sonnenstrahl, blicke der Mond, flimmerten die Sterne, wandle manch ander Lichtlein: so solle es im Leben sein, so solle es im Menschen sein. Was die Menschen bei ihm Spaß nennten, sei doch nur eigentlich ein Strahl, ein Lichtlein, in dessen Schein das Tiefe und Unergründliche erst bemerkbar werde. Wo keine solche Lichtlein sichtbar würden, da lebe man in grenzenloser Öde; die wundervolle volle Tiefe ergriffe einen nicht zur Ehrfucht, sondern sie erscheine einem nur als wüste Leere. So rede der Pfarrer; aber so gut als der Pfarrer meine er es auch mit uns und er könne gar nicht leiden, wenn sie demselben mehr trauen wolle als ihm.

Wehrdi war gar possierlich, wenn er mit seinem sonst so gebietenden Wesen anhalten und bitten wollte. Daher konnte meine Frau am Ende nicht anders, als ihn zu versichern, sie wolle ihm so viel zutrauen, als irgend einem andern, wenn er darnach thue. So nun ward die Fortsetzung der Arbeit beschlossen. Wehrdi kam, fragte und nahm dann die Blätter mit sich nach Hause und brachte sie mir nicht wieder. Auf mein Fragen nach ihnen antwortete er: er müsse alles in ordentlichen Zusammenhang bringen.

Während wir so arbeiteten, verbreitete sich das Gerücht: es werde von einer mächtigen Seite her daran gearbeitet, daß die Taxation aufgehoben und uns eine bestimmte Staatszulage zu dem bisher von den Gemeinden entrichteten Einkommen zugeteilt werde. Der Herr Seminardirektor Rickli, den alle seine Zöglinge bis in den Himmel erheben und ihn rühmen, wie er nicht nur so gelehrt, fondern auch so gut sei, der bewege Himmel und Erde für uns, hieß es. Und wirklich hieß es bald darauf in den Zeitungen: es sei zu unfern gunsten eine Kommission nach Bern einberufen. Bald darauf kam die Nachricht: diefe Kommission wolle jedem Schulmeister in Zukunft 150 L. extra vom Staat aus zulegen.

Diese Nachricht war viel zu schön, als daß mir sie geglaubt hätten. Ach, wer so oft getäuscht wird, wird mißtrauisch! Unsere Herzen zitterten in Wonne, wenn wir gedachten, daß es so werden könnte; aber eben darum glaubten wir es nicht. Ach, dachte ich, wäre deine Arbeit doch schon fertig, könnte die jetzt hervortreten, dann vielleicht würden die erweichten Herzen stimmen für unser Glück. Aber, eben, weil ich noch so weit zurück war, daß die Würfel lange gefallen sein mußten, ehe ich zu Ende kam, verlor ich den Mut zur Fortsetzung und sagte Wehrdi: es werde nun am besten sein, es abzuwarten was komme, ohnehin könne ich jetzt so wenig zum Schreiben kommen und ich vermöge es wahrlich nicht, soviel Zeit zu gebrauchen um nichts und wieder nichts.

»Potz Tausend nein!« sagte Wehrdi, »das thut mir nicht. Es ist noch nicht gewiß, daß man macht, was die Kommisston vorschlägt. Und wenn auch entsprochen wird, so ist das Buch doppelt nötig. Es ist nötig, um eine Menge Leute mit euch zu versöhnen, die böse über euch sind und noch böser werden, wenn es euch besser geht. Es soll machen, daß die Leute den Lehrern ohne Ausnahme die Staatszulage gönnen, weil sie zur Führung einer nicht bettelhaften Haushaltung nötig ist. Es soll zeigen, daß man unter den stattgehabten Umständen euch in diesem Augenblick gar nicht anders verlangen kann, als ihr seid. Aber auch gar nötig ist's den Schulmeistern selbst; sie können gar vieles daraus lernen und besonders die jungen. Diese macht es aufmerksam anf eine Menge Steine im Wege, über die jeder fällt, der nur nach den Sternen guckt, nur nach den Sternen gucken lernt, und wird ihnen hoffentlich später auch durch Mädelis Bild den so frühe regen, heiratslustigen Sinn veredeln. Und der Pfarrer meint, es sollte auch aufs neue aufmerksam machen auf das eigentliche Wesen, das Innere der Schule, das man zu vergessen scheine, das in einem gräulichen Wirrwarr liege und dem nicht aufgeholfen werde bloß mit neuen Häusern und auch nicht allein mit neuen, ganz ihrer Willkür überlassenen Menschen. So weit werden wir aber kaum kommen. Wenn wir nur die Welt mit euch versöhnen und manches Lehrers Augen aufthun, sie lenken auf das Eine, das Not thut, so thun wir viel.«

So sprach Wehrdi zu mir, und der Pfarrer, der bis dahin that, als wisse er nichts davon, sagte mir einst im Vorbeigehen: »Käser, seid nur fleißig und setzet nicht ab, es wäre mir leid.«

So wendete ich denn alle mögliche Zeit dazu an, aber immer mühseliger. Wer 150 Kinder fünf bis sechs Stunden hintereinander unterrichtet hat, der weis, wie es einem im Kopf ist. Zudem mußte ich meiner Frau auch etwas beistehen in der Haushaltung; denn sie wurde ihr immer beschwerlicher und mit dem Spinnen kam sie fast gar nicht mehr fort. Es war ein gar gewaltig kalter Winter und am Morgen um fünfe das Heizen so schaurig, daß ich es ihr für kein Geld überlassen hätte, der Weg zum Brunnen so glatt, daß ich sie denselben nicht mehr gehen ließ, und das Wasser so kalt, daß ich gar zu gerne unser Zeug auswärts hätte waschen lassen, wenn nur Geld dazu vorhanden gewesen wäre. Die Kinder halfen freilich schon; aber man mußte sie dabei immer im Auge haben. Der Knabe konnte sich leider das Regieren und das daraus entstehende Zanken nicht abgewöhnen. Mädeli ward auch so still und weichmütig, wenn es alleine war, daß ich es nicht übers Herz bringen konnte, immer für mich zu sein und für mich zu arbeiten. Kam ich dann in die Stube, so erheiterte sich sein Gesicht; es war, als ob eine Wolke davon wegflöge. Freilich waren unsere Gespräche nicht immer die erheiterendsten; aber sie waren doch ein einiges Besprechen der gemeinsamen Sorgen. Der neue Ankömmling machte den Ankauf einer neuen Bettstelle für die zwei jüngern Kinder nötig. Da hatten wir tief und schwer zu sinnen, wie es sich am wohlfeilsten machen ließe und wie wir Geld auch für das Wohlfeilste aufbringen wollten. Wir rechneten Kreuzer für Kreuzer zusammen, und wie oft, wenn die Kinder im Bette waren, nahm ich das Körbchen aus dem Gänterli und zählte Stück um Stück und so langsam als möglich, aber immer waren eher weniger als mehr. An die Kindbetti und ihre Kosten durfte ich nicht einmal denken. Ich sprach einmal davon, Wehrdi einstweilen um ein Anleihen anzusprechen; aber Mädeli wurde ganz rot im Gesichte und ruhte nicht, bis ich es ihr versprochen, es doch ja nicht zu thun, wenigstens nicht bis in der größten Not und nicht ohne ihr Vorwissen.

Einmal, den 1. März war es 1837, hatte mich jemand lange aufgehalten in der Schulstube und erst losgelassen, als meine Kinder mir zweimal zu sagen kamen: ich solle doch kommen, wir wollten essen.

Mädeli stellte nun eine Mehlsuppe oder, wie andere sagen, eine Wassersuppe auf den Tisch und gewärmte Aepfelschnitze dazu, an die eine Portion Wasser gegossen war, um sie durch die Brühe ergiebiger zu machen. Ich schnitt ein etwas saures Gesicht und fragte: warum wir nicht Kaffee und Erdäpfelbitzli hätten, wie gewohnt? Da traten meinem Weibchen die Thränen in die Augen und es berichtete: es sei heute wieder einmal mit dem Licht im Keller gewesen, um Erdäpfel zu holen, und da sei es fast in den Boden gesunken vor Schrecken; denn es habe gesehen, wie wenig rote Erdäpfel wir noch hätten. Wollten wir deren noch zum Setzen behalten, so müßten wir bald aufhören von ihnen zu essen und an die Korsikaner gehen; aber dann hätten wir auch deren nicht genug, wir würden welche kaufen müssen. Da habe es vor Angst heute sparen wollen und nicht daran gedacht, daß ich der Suppe nichts nachfrage. Ich solle doch recht nicht zürnen; es sei ihm noch in allen Gliedern.

Ich gab meinem Weibchen zur Abbitte die Hand; aber sagen konnte ich nichts. Die Äpfelschnitze, so angefeuchtet sie waren, stachen mir im Halse wie buchene Spane, und mich dünkte, als schlucke mein Weibchen auch etwas hinunter, aber nicht Suppe, nicht Schnitze. So saßen wir da, während die Kinder lustig atzen und an der süßlichten, bläulichten Brühe sich labten, schweigsam Hand in Hand. Keines seufzte um des andern willen; aber jedes dachte in schwerem Harm an das Kinderbettli, an die Kindbetti, die fehlenden Erdäpfel. Diese dreifache Not sauste uns in den Ohren, flimmerte uns vor den Augen. Wir rangen nach Trost, aber wir fanden keinen. Wir sahen das Lämpchen nicht düsterer brennen, wir hörten die Hausthüre nicht girren; aber wir merkten, daß aus der leise geöffneten Stubenthüre eine Gestalt auf uns zuschritt durch den düstern Hintergrund der Stube. Ehe wir sie erkannten, sprach die wohlbekannte Stimme des Pfarrers: »Putzet das Licht und freuet euch. Gestern erkannte der Große Rat euch jährlich 150 L. als Staatsbeitrag zu; eure gegenwärtige Besoldung bleibt. Den Vernünftigen ist nun einstweilen geholfen.«

Wir saßen da, wie eingewurzelt. Wie die Sonne mit dem Nebel ringen muß, ehe sie die Erde erleuchten kann, so mußten diese Worte ringen mit unserm Gram, ehe ihr Sinn zum Bewußtsein kam und aufflammte in unsern Seelen.

Da faltete mein Weib die Hände und die nassen Augen hob es auf und mit bebender Stimme betete es: »Ach Gott! vrgieb is doch, daß mr di vergesse, daß mr wieder so gchummeret hey. Mr wey's nie meh thue. Was du a-n-is thuest, mr wey's nie vrgefse, mr vrdiene's nit. Ach, mir sy bösi, bösi Lüt; mir wen besser werde; aber we mr di noh meh vrgesse sötte, su straf is, aber vrgiß du is nie!«

Und »Amen!« sprach der Pfarrer.

Ende


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