Jeremias Gotthelf
Leiden und Freuden eines Schulmeisters – Zweiter Teil
Jeremias Gotthelf

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Zehntes Kapitel.

Der Maienmorgen des Lebens.

Mancher hätte dieses Kapitel vielleicht die Flitterwochen geheißen; aber ich hasse das Wort, so passend es bei mancher Ehe sein mag. Wo man sich mit allerlei Flitter geschmückt hat, teils um zu gefallen, teils um Mangel zu verbergen; wo man sich künstlich übertüncht hat aus Instinkt oder Berechnung; wo man alles Gute an sich prunkend ausgehängt, das Böse nicht bekämpft, sondern nur verborgen hat, da paßt das Wort. All diesen künstlichen unhaltbaren Flitter nimmt man noch mit in die Ehe hinein, wie den Hochzeitmaien; aber wie der verwelket, eine Blume nach der andern sich entblättert, so zerstiebt dieser Flitter; einer nach dem andern flattert in alle Winde; die Tünche fällt ab, die nackte Wahrheit trittet alle Tage greller ans Licht. Man merkt es nur nach und nach, daß es anders wird, bis endlich ein versagter Wunsch, ein hartes Wort, eine hervortretende Gemeinheit oder Bösartigkeit die Enttäuschung aufdringt. Dieser Wochen sind selten viele. Ein starker Reif beendet sie; dann folgt gewöhnlich Regenwetter oder starker Wind, beides oft sehr anhaltend, ja manchmal durch die ganze Ehe.

Besonders geschieht dieses, wo keines mit dem Wunsche, das andere zu beglücken, in die Ehe tritt, sondern mit dem Wunsche, durch das andere glücklich zu werden, jedes sein Glück und nicht das des andern im Auge hat und zu diesem Ende die Meisterschaft sucht, um alles Wasser auf seine Mühle zu leiten; wo beide diese Wünsche und dieses Streben verborgen haben klüglich und nun nach und nach es hervortreten lassen. Der Stoff zu solch unseligem Kampfe wird nur zu gerne durch ältere Leute in jungendliche Herzen gelegt. Wenn z. B. die Mutter die Tochter mahnt: nie nachzugeben, auch wenn sie Unrecht hätte; und der Vater den Sohn oder Schwiegersohn ebenfalls mahnt: von frühe an Meister sein zu wollen und der Frau den Daumen aufs Auge zu halten; oder wenn zur Ehe ein Teil beredet wird durch Vorspiegelung eines sinnlich behaglichen Lebens: da ist etwas Fluchwürdiges geschehen, es ist eine Ehe vergiftet worden. Da findet man Flitterwochen, und von ihrem Flitter bald keine Spur mehr.

Den Maienmorgen des Lebens nenne ich in einer rechten Ehe ihr erstes Jahr. Da knospet und blüht auf, was später seine Früchte bringen soll. Wie jeder Maienmorgen neu erfreut nnd neues bringt, so trittet beim echten Manne und dem echten Weibe alle Tage neue Liebeswürdigkeit hervor und es entfalten sich Keime süßer Früchte in ihnen, die sie früher selbst nicht geahnet; denn die Echtheit des Mannes und des Weibes, der wahre bleibende Wert, bewährt sich im Hause und nicht außer demselben, alle Tage und nicht nur des Sonntags. Der Maien ist der Hauptmonat des Jahres; nicht nur kann er der schönste sein, sondern von seinem Verlauf hängt der Reichtum des Jahres, die Ernte des Sommers, die Fülle des Herbstes ab. Kühle Tage schaden nichts; aber Reife zerstören Blüten und Pflanzen. Auch in der besten Ehe gibt es kühle Tage, wo verdrießliches das Gemüt erkältet. Wo man diese Kälte im Herzen nährt und mehrt und sie dem warm und liebend entgegenkommenden Herzen des andern schneidend entgegentreten läßt, da wird auch ihm die Wärme der Liebe entzogen; es entsteht der Reif, und Pflanzen und Blüten der Liebe sterben, wie wenn die erkältete Luft der Erde Wärme entzieht, daß an ihrem erkälteten Busen ihre Frühlingskinder erfrieren. Darum ist so thorrecht das sogenannte Zanken der Liebe, das man notwendig meint. Es sind Gewitter im Frühjahr; sie schaden vielleicht nicht sogleich; allein sie sind's, die die Wärme verzehren und so den Reif erzeugen. Im Sommer, wo die Wärme festen Fuß gefaßt, da vermögen sie das nicht mehr.

Darum nenne, wer sich wahren Wertes und wahrer Liebe bewußt ist, wer im andern nicht blos das erste Haustier sieht, der Ehe Anfang ihren Maienmorgen, und nicht Flitterwochen. Namen thun mehr zur Sache als man glaubt.

Bang und verlegen mag für manches Weib, das keine Hausfrau ist, am ersten Morgen das Erwachen und Aufstehen in ihrem Hause sein. Was soll sie da anfangen? Sie weiß es nicht; sie weiß nicht was anrühren und wie, und nicht wornach fragen, und in gar bittere Verlegenheit käme manche, wenn sie der Magd befehlen sollte, was sie für den Mittag zu bereiten hätte. Und in welche wohl, wenn sie es erst selbst machen sollte, sie, die nicht einmal weiß, wie das Rindfleisch aussieht, und ob man zu einem Kalbsbratis Schaffleisch nimmt und für eine Erdäpfelröste Birenschnitz? Um einem Weibe diese Verlegenheit zu ersparen, oder sie doch wenigstens zu verlängern (die Leute schieben selbst das unvermeidliche gerne auf die lange Bank), führt man diese Weiber auf Reisen. Und da ein Bräutigam nicht immer weiß, von welcher Sorte sein Weib ist, ob eine Hausfrau oder keine, so fängt man an, alle Weiber auf Reisen zu führen, vierspännig, auf Bernerwägelein und nun bereits auch auf ihren zehen Zehen.

Abgesehen davon, daß auf solchen Reisen meist schlecht Wetter ist, daß auf Reisen gar manche Laune unnötig ans Tageslicht kömmt, gar manche Ermüdung langweilig macht, gar selten innerer Gehalt genug da ist, um Tage oder Wochen lang ohne gewohnte Beschäftigung kurzweilig zu bleiben; abgesehen davon, daß bei der Rückkehr eine Abspannung herrscht, welche das eigene Haus und das Zusammenwohnen unendlich öde und leer erscheinen und gerne eine äußerst unglückliche Stimmung gegen das eigene Haus und das Wohnen darin zurückläßt; abgesehen von diesem allem entbehrt man unendlich viel, wenn man das Walten einer sinnigen und liebenden Hausfrau am ersten Morgen und an den ersten Tagen in seinem Hause nicht sieht, nicht mit ihr die Haussorgen teilt, mit ihr an seinem Tische und von ihren Speisen ißt.

Wie fröhlich waltete Mädeli und suchte seine besten Künste hervor, um mich zu befriedigen! feuerte mit dem wenigst möglichen Holz, ordnete in der Küche und kehrte mit schalkhaften Blicken aus mancher vergessenen Ecke hervor! Dann musterte es mein Eigentum, untersuchte die Hemder und das übrige Zeug, wollte wissen, wo ich die Plätzen hätte; denn meine Sachen mangilten das Plätzen gar sehr, und es wolle das fortan selbst machen. Geld sollten wir keines mehr brauchen für solche Dinge. Zwischendrein bekam ich ein Müntschi, und als wir alles durchgekramt, die gestrigen Kleider ausgebürstet und weggehängt hatten, trugen wir unsere Barschaft zusammen. Mädeli war ganz erstant, als es bei mir 7 Kronen bares Geld vorfand, aller der Ausgaben ungeachtet. Verschämt suchte es seinen Schatz hervor, den es mir einkehrte. Er bestund aus sechs ganzen und einem halben Batzen. Die Thränen, die ihm dabei in die Augen traten, küßte ich weg, und mein süßes Mädeli war mir mit 6½ Batzen viel lieber, als ein Galläpfel hunderttausend Pfund schwer. Es läutete Mittag, wir wußten nicht, wohin die Zeit war. Mädeli hatte viel gethan, ich nur getändelt und mich erlabet am Zusehen. Nachmittags zügelte Mädeli, und wir suchten dem Vater Platz zu machen zum Schlafen im Gaden, zum Arbeiten in der Stube, wo bereits mein Webstuhl, mein Bett und unser Tisch war; aber wir fanden für alles Platz.

So verfloß der erste Tag, und einen glücklichern hatte ich nicht gehabt. So verflossen noch viele Tage, wahre Maientage voll neuer Freuden und neuer Lust. Mädeli pflanzte nun auch draußen gar emsig und wollte alles alleine machen, damit ich am Webstuhl verdienen könne und es vorwärts gehe mit uns. Mädeli glaubte in der Woche nicht mehr zu brauchen zu Haushaltungskosten für uns drei, als zwei Franken, da wir ja Holz und Kartoffeln besaßen: alle Tage für einen Batzen Milch, einen Batzen Brot, für 2 Batzen Kaffee in der Woche, und das übrige für Mehl, Anken und Salz; also für Mehl, Anken und Salz nur 4 Batzen in der Woche, und doch brachte das schon 104 L. im Jahr, Freilich meinte mein Weibchen, es müsse noch manches angeschafft werden, nicht zur Hoffahrt, sondern zur Notdurft; meine Hemder besonders, die sehen aus wie ein Hühnergatter; aber wenn es brav spinne und brav pflanze, so möge das auch viel bringen. Aber daß mein Weibchen so alleine pflanze, wollte mir nicht behagen. Daß es am Morgen gegen sieben fortgehen, und mittags von halb ein bis sechs Uhr fortbleiben sollte, kam mir gar zu lang vor. Mein Weberschifflein wollte nicht laufen; ich mußte alle Augenblicke nach der Turmuhr sehen, ob der halbe Tag nicht vorbei sei? Mein Weibchen mußte mit mir kapitulieren und mich mitnehmen auf die Pflanzplätze; denn ich bewies klar und bündig, daß zwei zusammen mehr als doppelt so viel arbeiteten als eins alleine. Mädeli mußte mich gewähren lassen, und so verschwanden die Tage wie Minuten. Über unserm Arbeiten wurden wir recht reich. Wir rechneten alle Tage Ausgaben gegen Einnahmen ab und fanden der erstern immer weniger, der letztern immer mehr. Wir hatten unerwartet manches Geschenk bekommen, und manche Hand hatte sich für uns aufgethan, die wir verschlossen wähnten.

Unsere Pflanzungen stunden ganz prächtig, so daß wir aus Flachs und Hanf für das aus, was Mädeli zu spinnen glaubte, noch ein ordentliches zu verkaufen hofften. Jungen Eheleuten, und besonders einer jungen, saubern, emsigen Frau scheint unter ihren Händen alles doppelt zu gedeihen. Es ist, als wenn die freundlichen verschollenen Erdmännchen eine besondere Lust an ihrem Treiben hätten, ihre Arbeiten pflegten und hüteten, nachts den Tau ihnen zutrügen, tags die Sonnenstrahlen ihnen milderten. Es ist übrigens merkwürdig, daß jungen Leuten das Pflanzen besser gedeiht als alten, daß namentlich Zweier behaupten wollen, mit zunehmendem Alter verderben ihnen immer mehr Schosse an den gezweiten Bäumen, bis ihnen zuletzt gar keines mehr wachse. Hat das wohl nicht der Schöpfer besonders geordnet, um die in der Natur lebenden Menschen durch eine handgreifliche Lehre aufmerksam zu machen auf den Wert der jungen vollkräftigen Jahre, die so gerne verschwendet oder verträumt oder ganz verschlafen werden?

Eines Sonntags waren wir nach der Predigt bei unserem Flachs vorbeigegangen und fanden ihn so schön, daß wir noch einige Pfund in unsere Rechnung bringen zu dürfen glaubten. Ganz fröhlich gingen wir heim und ich überschlug insgeheim, ob ich nicht diesen Abend mein Weibchen einmal ins Wirtshaus führen oder wenigstens eine Halbe Wein holen lassen dürfe. Da saß vor dem Hause neben dem Vater, der heute die Köchin machte, ein Mann, der mir sehr bekannt vorkam. O Himmel! Es fiel mir wie Berge aufs Herz. Es war der Mann, dem ich meine Orgel schuldete. Von dieser Schuld hatte ich meinem Weibchen nichts gesagt, in meinem Glück sie so viel als vergessen und, wenn sie mir schon einfiel, schnell wieder aus dem Sinn geschlagen, nie den Augenblick gefunden, sie zu bekennen. Nun kam die Eröffnung unerwartet, unvorbereitet, und durch alle schönen Träume meines lieben Weibes ein fünfzig Kronen breiter Strich.

Ich konnte Mädeli nicht antworten auf seine Frage: wer der Mann sei? Der Hals war mir zugeschnürt, wie mit einem Wellenseil. Der Mann war gar nicht versteckt; meinem Schwiegervater hatte er bereits die ganze Geschichte erzählt und fing sogleich damit an, zu sagen: er habe nun wieder lange gewartet und hoffe, daß ich ihn einmal werde bezahlen können. Mädeli erblaßte, sah mich mit bebenden Augen an, in der Hoffnung, daß diese Rede an die unrechte Person gerichtet sei, vielleicht dem vorigen Schulmeister gelte. Als ich aber nicht verneinte, als ich mich entschuldigte mit ängstlichem Gesichte und schlotterender Zunge, da ging Mädeli hinein ins Haus, und drinnen hörte ich es weinen. Ich hatte keine Ruhe mehr bei dem Manne; ich mußte hinein, den Riß ins Herz zu heilen, zu verbinden. Ich umfaßte das weinende Weibchen, das sich an die Stubenthüre gelehnt hatte und den Kopf in die Arme verborgen. Als ich auf mein: »Plär doch nit, plär doch nit« keine Antwort bekam, zog ich den Kopf ihm zurück, küßte die Augen und bat gar dringend und innig: es solle doch nicht so thun; die Sache sei nicht halb so bös; ich sei das Geld für keine schlechte Sache schuldig, sondern für die Orgel, und hätte sonst gar keine andere Schulden mehr als diese.

Wenn Weiber über geheime Schulden ihrer Männer kommen, so klemmt gleich eine doppelte Angst ihr Herz ein und preßt ihm Jammer aus. Sie fürchten erstlich, die geheimen Schulden kommen von geheimen Sünden, und zweitens, daß, was sie vernommen, noch bei weitem nicht alles sei, sondern immer mehr zum Vorschein kommen werde. Mädeli hatte ein gläubig Herz von Natur und den Glauben an mich nicht verloren. Als die doppelte Angst ihm genommen war, erhielt es die Sprache wieder, that die Augen auf und jammerte mir zu: »Aber um Gottswillen, warum senst mr das o nit; warum lascht mi so Freud ha am Fürhuse u am Rechne, wie viel mr z'samebringe? Das isch nit recht vo dir; das duuret mi so schröcklich, daß mr selligs verheimscht.« Ich entschuldigte mich, daß ich es immer hätte sagen wollen, aber es doch nicht über die Zunge gebracht und geglaubt, es vernehme das noch immer früh genug. »Aber hesch de o nit meh Zuetraue zue mr? I säge dr doch alles u du seyst mr nüt!« und das pumpte neue Thränenströme ihm übers Gesicht. Ich bat ab, versprach es nicht mehr zu thun, bat nur, daß es sich zufrieden geben möge; ich wolle mir das nötigste am Munde abbrechen und arbeiten Tag und Nacht, bis alles bezahlt sei, oder die Orgel wieder verkaufen, wenn es wolle. Da faßte sich mein Weibchen. Es hatte so viel Freude gehabt an derselben, wenn wir manchmal des Abends vor dem Schlafengehen noch ein Lied dazu gesungen hatten; daß ich sie verkaufen wollte ihm zu lieb, das freute es. »Nei Peter,« sagte es, »gang jetz zu dem Ma use; was wird er denke! Mach mit ihm so gut du kannst; mr wei luege, wie mr's mache.« Beide Männer draußen machten ebenfalls flämmsche Gesichter, mein Schwiegervater über meine Schulden, mein Gläubiger über mein Unvermögen, zu bezahlen. Er drohte gar sehr mit Übergeben und Betreiben, warf mit anzüglichen Worten um sich, daß von Schulmeistern nichts zu erhalten sei, daß man alle publizieren sollte. Endlich ließ er mit sich reden, fing an zu hören auf Vorschläge, abschlagsweise etwas zu nehmen, so wie ich ihm ja schon mehrere Male gegeben hätte, sagte ich.

Er besinne sich an nichts als an die Zinse, sagte er.

Da rief uns Mädeli zum Essen herein. Wir hatten kein Fleisch auf dem Tische. Ich, ein Schulmeister, lebte sechsmal schlechter als Diebe, Mörder, Betrüger im Schellenhause, die in der Woche zweimal Fleisch haben, während wir nur den dritten Sonntag höchstens welches vermochten, und dann 2 Pfund höchstens für uns drei, und zu den 2 Pfund gab der Metzger uns noch Ungentes, Beine oder Leber, und doch waren wir gesund und klagten eben nicht besonders. Auch hatten wir weder Wein noch Schnaps, welche, wie böse Leute sagen wollen, ebenfalls dort ausgeteilt werden. Ach Gott, hätte doch die Regierung einmal durch genialische Ärzte, die sich an Hähneli und Hammen so gewöhnt, daß sie meinten, sie gehörten zum Leben, oder durch einen Regierungsrat, der sich alle Tage seinen Lafitte oder Château-Margaux oder Rheinwein zu Gemüte führt, unsern Zustand untersuchen lassen, die würden sicher ein Zettermordiogeschrei erhoben haben über unser Elend, daß die Berge erzittert und sogar steinerne Herzen erschüttert und uns von Staat aus eine Kost verordnet worden wäre, die keine Schulmeisterin hätte zu kochen wissen und aparti Köche im Lande hatten herumreisen müssen, um das Kochen derselben zu lehren, eigene Schulköche, womit man dann füglich auch Dorfkochschulen hätte verbinden können, die von ungeheurem Nutzen für das ganze Land gewesen waren, besonders wenn der Staat den Stoff dazu geliefert hätte, was sich natürlich von selbst verstünde!

Wir hatten auf dem Tische nach einer Suppe Äpfelschnitze und Erdäpfelbitzli, und hätten sicher sehr wohl daran gelebt, wäre nicht der fatale Mann da gewesen, der uns das Essen versalzte und mich in beständiger Angst erhielt, er möchte aus Dummheit oder Bosheit noch allerlei erzählen von der Schnabelweid her, das wohl Mädeli, aber der Alte nicht wußte, oder er möchte so schlauseinsollende Andeutungen machen, daß mein Weibchen auf den Verdacht kommen müßte, es sei noch viel mehr geschehen, als ich bekannt hätte. Dies Wetter ging aber glücklich vorüber; denn der Mann hatte genug zu brichten vom neuen Schulmeister, der gar ein Hochmütiger sei und dessen Frau eine Hoffahrtsnärrin, die zu aller Arbeit zu vornehm und zu faul sei. Sie möge nicht einmal selbsten eine Wasch halten. Sie habe mir nichts dir nichts ihr Zeug den Bäurinnen zum waschen gesandt, und als keine mehr ihre Baucherin sein wollen, es eingepackt, um dasselbe nach Bern zu schicken und dort waschen zu lassen. Das habe aber doch der Mann nicht gewollt, sondern selbst eine Wasche angestellt und selbst bauchen müssen, während seine Frau im Nest gelegen. Ja die Leute sagten viel und dick: wenn sie nur den alten wieder haben könnten; dem hätten sie es doch schier zu ruch gemacht; er war daneben doch so-n-e stufe u-n-e freyne gsi. Solche Reden sind Ohrenbalsam für Vorfahrer, und wenn ein Vorfahrer Leute aus seinem früheren Aufenthalt steht, und er spricht sie an, so poppelt ihm das Herz, in der Hoffnung, zu hören, es gehe unter seinem Nachfahr nicht gut, und was der frühere gemacht, lasse der wieder zerfallen; wenn er aber unverhofft des Nachfahrs Lob hört, so führt er mit dem Lobenden nicht lange Gespräche. »Adie,« sagte er, »i mueß gah, und lange geht es, bis er den Kyb verworgen kann.« So ist die menschliche Natur.

Da wir keinen Dessert hatten, als schwarzes Brot, von dem jedes zuletzt ein Stückchen abschnitt, und auch keinen schwarzen Kaffee, so war bald abgegessen, und nachdem Löffel und Gabeln am Tischtuch abgewischt waren, statt des Waschens, nahm die Unterhandlung wieder ihren Gang. Ich sagte, 59 Kronen sei ich noch schuldig, das bringe 2 Kronen Zins, und was wir am Kapital zusammenbringen könnten, wollten wir sehen. Er aber behauptete, seine Forderung belaufe sich noch auf 60 Kronen, und diese werde ich ihm doch nicht ableugnen wollen. Ich bat ihn, doch nachzudenken, daß ich ihm dort und dort Geld gegeben, so und so viel, und daß nun das alles so und so viel bringe. Er aber wollte von dem einen nichts wissen; von dem andern behauptete er, ich hatte es ihm als Schadloshaltung (Stündigungsgeld) gegeben, weil er anderwärts Geld suchen müssen, da ich ihm keines hätte geben können. Der Vater sagte, ich solle doch die Quittanzen hervorsuchen, da werde es sich schon finden. Der andere rief: »Ja reych se nume, da wird es si finde.« Allein ich hatte gar keine Quittungen und mußte es bekennen. »Gell, da gseht me nu, was du für eine bisch, so mr mis Geld ga abz'laugne,« sagte er. Ich machte ihm bemerklich, daß ich ihm doch bereits auch einige Zinse bezahlt hätte und ja auch für diese keine Quittung gefordert, weil ich geglaubt, mit einem rechtlichen Manne zu thun zu haben. Er meinte, Zinse und Abschlagszahlungen seien verschiedene Dinge, und so gab ein Wort das andere, daß wir uns bei den Köpfen genommen hätten, wenn nicht die beiden andern dazwischen getreten waren. Endlich nach langem Märten und nachdem er mir die anzüglichsten Dinge gesagt hatte über meine Ehrlichkeit, stellten wir die Schuld auf 56 Kronen fest, und der Vater ging um Stempel zu holen. Wer am meisten Unrecht hat, begehrt am meisten auf; mit der Unverschämtheit imponiert er, bringt die andern zum Schweigen, und der große Haufe sagt: Da mueß bim Dolder Recht ha; er dörft süsch nit so ufbegehre.

Unterdessen suchten Mädeli und ich unsere Barschaft zusammen und fanden 8 Kronen 5 Batzen; 2 Kronen 6 Batzen gaben wir als Zins, und um die andern 6 Kronen auszumachen, um gerade, Rechnung zu haben, fehlte uns noch 1 Batzen, den legte der Vater noch zu, und nun hatten wir keinen Kreuzer mehr im Hause. Und als der Schlingel alles hatte, forderte er noch ein billiges für seinen Gang, mußte aber mit des Kaisers Recht vorlieb nehmen; denn wo nichts mehr ist, kriegt dieser auch nichts mehr. Endlich war der böse Geist aus dem Hause; aber ein solcher läßt immer etwas zurück, entweder Gestank oder wenigstens seinen Schatten. Dieser Schatten lag trübe und schwer auf meines Weibchens Gesicht, hing wie Blei sich an seine Füße und steckte ihm im Halse, daß die Stimme ganz verdrückt und weinerlich klang. Mir lag es in allen Gliedern und besonders auf Kopf und Augen; ich konnte beide fast nicht aufheben. Ich war in der Stube und hatte den Kopf auf den Tisch gelegt. Mädeli saß betrübt draußen auf einem Bänklein, mochte alle die vergeblichen Rechnungen noch einmal durchrechnen und vielleicht an einer neuen machen. Es war ein kühler Nachmittag, aber einer von denen, wo bei einigen Sonnenblicken es heiß wird, es ein Gewitter gibt, weil es geregnet hatte vorher, und dann unfehlbar einen Reif. Endlich hielt ich es nicht mehr aus und suchte Mädeli auf, setzte mich neben ihns, nahm seine Hand und fragte: »Fraueli, zürnst mr?« Zu weinen fing es wieder an, aber nicht zu zürnen, sondern nur zu klagen. Daß es sich so umsonst gefreut hätte, daß ich ihm nicht die Sache zur rechten Zeit gesagt, daß ich ihm so viel gekramet und so gut gewesen, statt das Geld für die Schuld zu brauchen; daß wir nun keinen Kreuzer hätten und noch 50 Kronen zu zahlen, darüber verlor es kein Wort. Meine Bitten wies es nicht kalt, nicht schroff zurück, ließ keine selbstsüchtige Klage hören und ward bald wieder mein liebes, gutes, vertrauend Mädeli, dem wohl noch das Auge feucht schimmerte, wie der Boden nach einem Regen, über dessen Stirne sich aber wieder wölbte der Regenbogen der Liebe, glatt und schön. Es hatte kein Gewitter gegeben, darum gab es auch keine Kälte, darum keinen Reif.

Diese Versöhnlichkeit ist's, was die Liebe bewahrt und alle ihre zarten Blüten. Diese Versöhnlichkeit entsteht aber nicht aus der zudringlichen, sondern aus der innigen wahren Liebe, die siebenzig, siebenmal vergibt und nie die Sonne untergehen läßt über ihrem Zürnen und die am Ende gar nicht mehr zürnen kann. Diese Liebe ist aber auch die, die alles überwindet und hundertfältige Früchte trägt.

Es saßen einmal drei Saufbrüder beisammen in tiefer Nacht und hudelten auf gewohnte Weise. Da sprachen zwei von ihnen: »Was werden unsere Weiber sagen, wann wir heim kommen? Das wird etwas absetzen, und bis wir sie abschlagen, werden sie nicht schweigen.« Und der dritte sagte: »Und meine wird gar nichts sagen und wird mir dienen und aufwarten wie ich will.« Das wollten die andern nicht glauben, und er sprach: »Kommt und seht!« Und sie gingen hin und der Mann schlug mit der Faust ein Fenster ein, um bequemer der Frau rufen zu können, daß sie aufthue. Sie that auf mit freundlichem Gruß und erhielt den barschen Befehl, auf der Stelle zu kücheln. Mit freundlichem Bejahen ging sie ans Werk und stellte bald eine Platte Küchli vor die drei Männer. Der Mann nahm zum Dank die Frau, führte sie auf den Abtritt und schloß sie dort ein und das Weib gab kein böses Wort. Da stunden die beiden andern Männer ergriffen auf und sagten, das sei kein Weib, sondern ein Engel, sie aber seien Teufel, diese himmlische Geduld also zu versuchen; schämen, tief in den Boden hinein, müßten sie sich. Ob solchem Thun sollten weder Sterne noch Sonne sie mehr erblicken. Und ergriffen wurde auch der erhärtete Mann ob dieser Anerkennung seines getreuen Weibes; er bat ihm ab seine Unthat, erklärte durch diese Liebe sich überwältigt, sie auch verdienen zu wollen und er hielt Wort. Die beiden andern wurden mit dem dritten ein Kleeblatt braver Männer. Sie wurden es nicht durch keifende Weiber, sondern durch eine versöhnliche Frau, inniger Liebe voll. Solche Liebe aber wird selten gefunden in Israel; darum versuche einer nicht mutwillig, ob die Liebe, die er gefunden, eine solche sei. Junge Liebe besonders ist gar gerne empfindlich und reizbar; sie ist noch nicht im Wettersturm und Sonnenhitze fest und kompakt geworden. Darum mache ja kein Mann in seiner ledigen Zeit auf eine solche Liebe hin Schulden; solche Schulden werden schwer vergeben. Die Entbehrung, welche ihre Bezahlung fordert, muß nun das Weib teilen, während es von dem, was die Schulden erzeugte, nichts hatte; ja diese Entbehrungen fallen ihm oft alleine auf; in der Haushaltung muß das Nötigste entbehrt werden. Hat man bei ledigem Leibe Schulden gemacht, wie schwer wird es dann, ihrer los zu werden, wenn die Ausgaben durch eine vergrößerte Haushaltung alle Tage sich mehren! Und seien die Schulden noch so gering, sie sind immer ein Berg, den man vor sich hat, der einem den Atem benimmt, und des Weibes Herz wird nicht leicht, oder es sei dann ein gar leichtsinniges, bis sie abgetragen sind. Dieses Abtragen bringt einen aber furchtbarlich in Hinderlig und nimmt der Frau fast die Freude am Haushalten. Man kann das Nötige nicht anschaffen, man hat keinen Sparpfennig für Unvorhergesehenes, keinen Kreuzer, um zu rechter Zeit etwas zu kaufen: man ist beständig auf dem Trocknen, gerät am Ende in immer größere Entblößung; das Gemüt wird immer saurer, und wenn am Ende auch die anfänglichen Schulden bezahlt sein sollten, so hat man vielleicht neue gemacht, oder muß neue machen, um zu dem Notwendigsten zu kommen. Da hält es selten ein Weib liebend, froh, geduldig, vergebend aus.

Vor solchen Schulden hüte sich also jeder und besonders ein Schulmeister. Wenn einer ledig ist, so kann er es sehr füglich machen, wenn er nicht Erziehungskosten hat. Läßt er nur das Händelen sein, streckt sich nach der Decke, gibt nicht jedem Gelüsten nach, so kann er mehr verdienen, als er braucht. Und hat einer notwendige oder mutwillige Schulden gemacht, so nehme er sie nicht in die Ehe hinein. An solchen Schulden tragen zwei viermal schwerer als eins alleine und sie sind zehnmal schwerer zu tilgen. Und kann er es nicht anders machen, muß er sie in die Ehe nehmen, so sage er es vorher, wie die Sachen stehen, und sehe, was seine Braut dazu für ein Gesicht macht. Macht eine Braut ein mißvergnügt Gesicht, nun, so läßt sich das Ding ändern; trägt aber einmal eine Frau ein solches im Hause herum zu Tisch und zu Bett, dann muß man es halt haben. Und solch mißvergnügte Weibsgesichter, auf welchen alle möglichen Leiden, Elender und Jammereien ausgedrückt sind, sind ein gräßlich Elend. Sie mahnen mich an Meerrettig, den man schabt. Man darf ihm die Augen gar nicht zukehren, sonst laufen sie einem ganz miserabel über. Solche Gesichter machen freilich einige Weiber, auch wenn die Männer keine Schulden haben. Aber wenn sie wüßten, wie solche mißvergnügte Gesichter (oft nur darüber gemacht, nicht weil eine Floh sie gebissen, sondern daß es vornen und nicht hinten geschehen) ihnen übel stehen; wie sie die Hebi (oder wie andere sagen der Hebel) sind, die alles versäuert, das Haus und das Herz, die Liebe und das Glück; wie ein solch Gesicht für die Wohlfahrt ist, was ein ungewaschen Geschirr für die Milch im Sommer, wo alles versauret im Umsehen – wahrhaftig, die Weiber würden mehr auf ihre Gesichter achten, d. h. ob sie vergnügt oder mißvergnügt seien.

Es verlasse sich ja keiner darauf, er kriege auch ein Mädeli, oder es lasse sich jedes Weib zu einem Mädeli dressieren oder traktieren; das erstere wird selten geschehen, denn die Mädeli sind selten, das letztere noch seltener. Und wenn einer auch ein Mädeli gewinnt in der Lebens-Lotterie, so wird es gerade am tiefsten schmerzen, wenn eure Unbesonnenheiten sein Leben verkümmern, wenn es an sich ersparen muß, an sich, was ihr verthan für euch; je weniger es euch seine Entbehrungen fühlen läßt, je geduldiger, je liebevoller es trägt, desto schwerer soll es euch beugen, wenn ihr nämlich nicht Klötze seid, in Selbstsucht versteinert.

Ich war kein Klotz; darum ging es mir gar tief zu Herzen, daß jetzt mein Weibchen um meinetwillen schmalbarten solle. Es war wieder freundlich und womöglich noch inniger als sonst; aber eben das that mir um so mehr weh. Ich fing an weniger zu essen, aß kein Brot mehr nach dem Essen und arbeitete viel emsiger als sonst.

Am ersten Tage achtete mein Weibchen nicht darauf; am zweiten frug es mich, warum ich doch nicht Brot nehme. Ich schützte vor, viel gegessen zu haben, nicht mehr zu mögen. Gar ängstlich ward es, es sei mir nicht wohl, trat zu mir heran, streichelte mich mit seinen braunen Händchen, bat mich: ich sollte ga ligge, diesen Nachmittag nicht arbeiten, es wolle mir Thee anrichten – Melisenthee, der mache einem gar aparti wohl. Den Thee mußte ich trinken, ich mochte protestieren, wie ich wollte, und es ward mir gar wohl, aber nicht vom Thee, sondern von Mädelis Angst und Liebe. Man glaubt gar nicht, wie wohlig es einem wird bei den Kümmernissen und zärtlichen Sorgen, die ein junges Weibchen an den Tag legt, wenn es seinem Männchen zum ersten Mal nicht ganz wohl wird. Man möchte sein Lebtag krank sein, solch liebevoller Pflege wegen, an die ein lediger Mensch, um dessen Übelkeiten sich niemand bekümmert hatte, nicht gewohnt ist. Man ist ganz selig, dabei zu sehen, wie lieb man seinem Weibchen ist, aus allen dessen Zügen das Herz in allen Tönen jammert: Ach stirb mr nit, stirb mr nit. Denn so ein junges Weib meint, es gehe gleich ans Sterben; eine Alte nimmt's kaltblütiger. Gar mancher Mann ist so glücklich dabei, daß er nicht gesund werden möchte, und wenn er gesund werden muß, so wird er doch so bald als möglich wieder krank, und gewöhnt sich so ans Krankwerden, um gepflegt und geliebt zu werden, daß er am Ende wirklich meint, krank zu sein, die Pflege und die Liebe (die aber gerne auch abnehmen, je häufiger sie auf die Probe gesetzt werden) nicht mehr fühlt, sondern nur die vermeinte Krankheit und ihr Elend. Es gibt aber auch Weiber, die auf Beschwerden des Mannes antworten: »Schwyg doch, du machst mr längi Zyti«, oder: »Du muesch di lyde, es wird scho bessere«, während sie ihr Hündchen auf dem Schoße streicheln und küssen und an ihr Herz drücken, wenn es eine Katze sauer angesehen hat oder ein Kind über dasselbe gefallen ist. Und während beide schreien, Hund und Kind, mörderlich, nimmt das Weib den Hund und sieht nach dessen Schaden und tröstet ihn mit zärtlichen Namen zärtlich über seinen Schrecken.

Als ich am dritten Tag gar munter und wohl aussah ob all der Liebe und der Überzeugung, daß Mädeli mir ganz verziehen habe, und denn doch kein Brot essen wollte, da sah mich mein Weibchen einige Augenblicke still und scharf an; es füllten sich ihm die Augen mit Thränen, und leise frug es mich: »Du wotsch doch nit öppe kes Brot esse, wil i so wüest tha ha am Sundi?« Da ich nicht gleich Antwort gab und etwas verblüfft über die Nase sah, denn ich hatte gar nicht daran gedacht, daß Mädeli das merken würde, also keine Ausrede vorbereitet, und nur so hinter dem Ohr hervor konnte ich keine nehmen, so fing Mädeli an zu weinen: es hätte es doch g'wüß nicht bös gemeint; es sei wahr, es heig wüest tha, aber es heig's doch o gar duuret, daß ig ihm nüt gseit heig, u we-n-i deswege kei Brot meh esse well, su heig äs o kei Freud meh, u well gar nüt meh esse.« Natürlich protestierte ich, daß der Fehler auf seiner Seite sei, sondern nahm ihn auf die meine, und behauptete, daß es nichts als billig sei, daß ich etwas leide, da ich allein gefehlt, und es mache mir im Grunde ja wenig, kein Brot zu essen, und werde mir nichts schaden. So stritten wir eine Weile hin und her, wer im Fehler sei und wer dem andern zu verzeihen habe, und wurden doch nicht einig darüber, versöhnten uns aber doch mit einem Kuß. Dieses Zanken ist ein Zanken der Liebe, das ich wohl leiden mag. Wenn ein jedes seine Fehler sieht und bekennt, jedes die Schuld auf seine Schultern nimmt, dann sind Eheglück und Ehefrieden gesichert. Warum ist es aber meist umgekehrt?


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