Jeremias Gotthelf
Leiden und Freuden eines Schulmeisters – Zweiter Teil
Jeremias Gotthelf

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Viertes Kapitel.

Von den Verdrießlichkeiten eines Bräutigams.

Erinnert sich noch jemand, wie er es trieb, als ihm sein Götti oder die Gotte den ersten neuen Batzen gab? Wie er den nicht aus der Hand brachte, höchstens auf Zureden der Mutter in den Hosensack auf Augenblicke, aber schnell ihn wieder hervorzog, und wie er jedem Menschen sagte: >Lue, was mir dr Götti gä het!< und wie der Batzen mit ins Bett mußte, wenigstens am Abend der letzte, am Morgen der erste Gedanken war? Ungefähr so macht es einer, wenn er zum erstenmal eine Braut hat, eine Braut nämlich, die er einigermaßen liebt und mit der er sich einigermaßen meint. Und ich stund alleine auf der Gasse und mußte mich einzig spazieren führen in mein einsames Häuschen, wo ich keinem Menschen es sagen konnte, daß ich eine Braut hätte und wie eine. Das war eine lange Nacht; es schien mir gar nicht Tag werden zu wollen, und ich glaube nicht, daß ich mein Lebtag an einem Wintersonntag, meinen Kaffee so früh z'weg hatte und so früh z'weg war, um in die Predigt zu gehen. Ich hatte mich geputzt nach Vermögen und wenigstens dreimal das Halstuch anders umgelegt und sah mehr als dreißigmal nach der Uhr, ob es nicht wohl Zeit sei, zu gehen?

Endlich machte ich mich auf die Beine, aber niemand war noch auf dem Wege; kein Meitschi sah ich hinter mir, keines vor mir. Mädeli hatte einen Sinn mit mir und wahrscheinlich war ihm die Nacht nicht kürzer vorgekommen als mir, und vielleicht war ihm wohl mehr als ein Seufzer entronnen, daß es an ihrer Länge Schuld sei. Er war auch frühe parad; aber so ein alter Schuhmachermeister läßt sich durch eine Braut nicht aus seinem Plamp bringen, höchstens zu einem Fluch: was das für es dolders Pressier sei hüt, und es werde noch lange frühe genug kommen, um an die Füße zu frieren und Langeweile zu haben. Ja, wenn der Pfarrer es könnte, wie der hinter Murten, so wollte er nichts sagen; der habe gepredigt, daß der Kalch von den Wänden gefahren sei, und auf das Kanzelbrett habe er geschlagen, daß es einen hoch aufgesprengt und es einem Wunder genommen habe, daß er es habe mögen erleiden. Ja, da sei es noch der wert gewesen, z'Chilche z'ga; aber hier könne keiner nichts, und im Winter sollte man es ihnen ganz abstellen. So machte er eher langsamer als geschwinder, daß ich ganz die Hoffnung aufgab, Mädeli zu sehen in der Kirche. Endlich, als man schon zu singen angefangen, kam es herein. O, wie wohl that mir das und wie ein ganz anderes Gesicht machte ich, wahrscheinlich eines, wie die Erde, wenn die Sonne sie anscheint. Was weiter kirchliches vorging, weiß ich nicht. Meine ganze Seele, alle meine Wahrnehmungskraft lag in meinen Augen und diese Augen sahen ein Stücklein von Mädelis Haaren und Stirne, und da blieben sie vor Anker unverwandt. Das Säumeitschi hätte mir wohl etwas besser z'weg sitzen können, wie andere Meitscheni auch thun; allein es hatte sich hinter eine Bäurin gepflanzt, die einen Kopf hatte wie einen Bombenkessel, und dort blieb es fest und unbeweglich. Nur beim aufstehen und niedersitzen wußte es mir ein Äugelein zuzukehren, um sich zu überzeugen, ob ich noch immer ans gleiche Ort sehe. Nach der Predigt wollten mich einige Schulmeister aufhalten und mir berichten von einer neuen Mode Schul zu halten, wo die Kinder, wie die Soldaten auf der Schützenmatt, auf und ab marschierten; man nenne sie die gegenseitige, weil die Kinder immer gegen einander sehen müßten. Mir brannte aber der Boden unter den Füßen; ihren gelehrten Erörterungen entwand ich mich gewaltsam. Leider fand ich Mädeli nicht alleine, sondern der lange Chorrichter ging mit ihr und noch einige Meitschi. Und der Chorrichter erzählte den Meitschene lange Geschichten vom Chorgericht, und wie das einere ergehe, wenn sie vor Chorgericht müsse, und wie sie dann den Chorrichter müsse holen lassen, wie sie da ane chneue müsse, wenn sie kindbetten wolle, und wie der sie, wenn sie am nötlichsten thue, fragen müsse: ob sie den rechten als Vater angegeben? Da erlese es sie und er sei schon manchmal dabei gewesen, daß eine gar nicht habe kindbetten können, bis sie mit der Wahrheit fürecho syg. Wenn man einere das anwünsche, so könne kein Doktor nichts machen, bis sie den rechten füre gä heyg. Dann machte er einige praktische Anwendungen auf die Mädchen, die bang und andächtig zugehört hatten, und ermahnte sie: sie sollen sich in acht nehmen, und wenn sie das Ungfell hätten, so sollten sie gleich mit dem rechte füre. So konnte ich mit Mädeli gar nichts reden; aber ansehen konnte ich es doch vom Kopf bis zu den Füßen, wenn nicht etwa der lange Chorrichter, wie ein dicker Schatten, zwischen uns trat.

Ich hoffte nun, es komme in die Kinderlehre, doch umsonst; Mädeli ließ sich nicht sehen, wohlweislich. Ein rechtes Meitschi hat hundertmal mehr Verstand als ein Schulmeister. Was hätte das für eine Kinderlehre geben müssen, wenn Mädeli da gesessen und meine Gedanken und Augen immer bei ihm gewesen wären? Was das für einen langweiligen Nachmittag gab! und wie ich immer bei mir werweisete, ob ich nicht auch am hellen Tag zu ds Schuhmachers könne; das gehe ja niemand etwas an und die Leute würden es doch bald vernehmen. Aber ich hatte nicht mit Mädeli darüber gesprochen, wußte nicht, ob es dasselbe etwa ungern hätte, und wartete und wartete so, bis es dunkel ward. Da steckte ich meine Tubakpfeife an und füllte meinen Tubakseckel zu, um meinen Schwiegerätti mit dreikreuzerigem traktieren zu können, und wollte eben das Licht abblasen, da klopfte noch jemand. Ich meinte schon, es sei etwa Mädeli; aber da trat herein des Ammanns Knecht und sagte: »Schumeister, du mueßt mr neuis schrybe.« Damit zündete er seine Pfeife auch an, pflanzte sich auf den Ofen so lange er war, und brichtete erst lange von einer Kuh, welche wieder stierig geworden sei. Als ich ihn mit Mühe von diesem Kapitel abbrachte und wissen wollte, was ich schreiben solle, da blies er dicke Wolken aus seiner verschlammten Pfeife und etwas verlegen sagte er: »He, Schumeister, üsi Magd, wo z'Wiehnecht furt isch, het mr gschrybe u het mr bifohle, daß i ere antworte söll, u jetz, Schumeister, mueßt du so-n-e Antwort ere schicke,« O Herrgott! wie mir da die Ungeduld im Blute krabbelte! Aber wenn einmal so ein Hans oder Benz auf dem Ofen liegt, mit einer Pfeife im Gesicht, so bringt da keine Ungeduld mehr etwas ab.

Ich wußte also nichts besseres, als so schnell möglich mich hinzusetzen, nahm Papier vor mich und fragte: »Nun Hans, was soll ich schreiben?« – »Myra was d'witt; mach du ume so-n-e Brief, das me cha vrmache u-n-uf dPost thue.« – »Aber du muesch mr doch säge, was i dry mache soll i Brief.« – »He, i weiß das auf my S..l nit; du sottsch das wüsse, Schumeister, was me so i-n-e Brief macht.« – Ich sagte, es werde im Brief, wo er bekommen habe, wohl etwas gewesen sein, darauf hätte geantwortet werden sollen. – Ja, das wisse er nicht, sagte Hans, er hatte sich auf das Schribel nit chönne vrstah. – Ich fragte nach dem Briefe. – Ja, den habe er behalten wollen und ihn im Liblitäschli gehabt; allein heute beim Melken habe das Blöschli gar ein dreckig Uter gehabt und kein sauber Stroh hätte er im Stalle gehabt; da hätte er den Brief genommen und dem Blöschli das Uter damit abgewischt und ihn dann weggeworfen, weil er ganz voll K.. dreck gewesen. Aber das mache nichts ja, i söll nur neuis i Brief mache, was ich wolle; das sei doch ja gleich. – Ich fragte allerlei und brachte endlich heraus, daß ich schreiben solle: der Zingel habe zwei Kälber gehabt, beides Stierenkälber, und gebe einen ganzen Kessel voll Milch, und die neue Magd sei ihm nicht anständig; sie brauche ihm gar viel Stroh für die Schweine und verleg ihm den Säumist nie. Darnebe wär sie bravi gnue, aber aparti sust hätte er noch nichts mit ihr gehabt. U we sie wieder z'sämme chöme, su söll es ihm de e Halbi zale, dr Brief heig-ne 6 Fr. gchostet u de löi er's no grüeße. So viel brachte ich endlich heraus und stilisierte das, so gut ich in meiner Ungeduld konnte.

Endlich war ich fertig, aber Hans begehrte nicht fort; er war gewillet, mir den Abend durch kurze Zyti zu machen. Er nahm den Brief, sagte: >Dankeigisch, Schumeister, oder chost er neuis?< und blieb liegen. Ich durfte nicht sagen, daß ich zu Schuhmachers wolle; sonst hätte er gesagt, er komme mit. Nach langem Sinnen wußte ich nichts anders zu machen, als notwendiges Reden mit dem Wirte vorzuschützen. Kam Hans mit, so konnte ich ihn dort sitzen lassen; kam er nicht, desto besser, so brauchte ich auch nicht hin. Hans sagte: er habe die Holzschuhe an u-n-es schick ihm si nüt, i dene i's Wirtshus z'ga. Aber i söll ume ga; er mög sauft erwarte, bis ich wiederkomme; es schick ihm si gar wohl da uf em Ofe. Ohne weitere Komplimente ließ ich ihn nun liegen und eilte über Hals und Kopf zu meinem Meitschi.

Es ist kurios, wie der Brautstand eine Zeit der Sympathie ist, oder, wie Gelehrte sagen würden, wie zwei Brautleute in eine Art magnetischem Rapport zusammen stehen; was das eine fühlt, fühlt auch das andere; die gleichen Gedanken steigen zu gleicher Zeit auf, die gleichen Bedürfnisse wandeln sie zu gleicher Zeit an. Mädeli hatte nach mir blanget, so gut wie ich nach ihm, und zu seinem Blangen war noch die Angst gekommen: was das Ausbleiben zu bedeuten hätte, ob ich reuig geworden, oder sonst etwas? Da hatte es sein Näschen zwischen der Küchenthüre hinaus ins Freie gestreckt, bis es rot angelaufen war und es endlich endlich mich daher schnupen hörte. Da fuhr es erst zurück und ward bange ums Herz und dann wieder fröhlich und öffnete die Thüre, und hatte nun keine so große Eile mehr mich in die Stube zum Alten zu stoßen, und keine Angst, als mein Gesicht etwas nahe zu dem seinen kam. In der Stube saßen wir gar fröhlich beisammen, und Mädeli zog aus dem Ofenguggeli ein sorgsam zugedecktes Kacheli mit Kaffee und legte mir Brot vor, und hatte eine gar herzliche Freude, mich zum ersten Mal speisen und tränken zu können, und noch dazu mit so gutem Kaffee; denn zu dieser Kanne hatte es drei Bohnen mehr genommen, als gewöhnlich, nach der Tradition von seiner Mutter her, zu nehmen waren. Nun kam gar manches zur Sprache, was gestern im Sturm der Gefühle nicht berührt wurde.


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