Jeremias Gotthelf
Leiden und Freuden eines Schulmeisters – Zweiter Teil
Jeremias Gotthelf

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Zwanzigstes Kapitel.

Von schulmeisterlichen Finanzen.

Nun kam noch eine immer zunehmende Geldnot. Unter drei Franken in der Woche konnten wir es nicht mehr machen für die gewöhnlichsten Bedürfnisse in die Haushaltung, und woher sollten wir nun diese nehmen? Dann waren noch keine Kleider angeschafft, keine Schuhe für die Kinder, kein Hausgeräte, kurz von allem diesem nichts. Also nur zu meiner Haushaltung brauchte es mehr als 70 L. jährlich Nebenverdienst, und woher sollte dann das andere alles kommen? Und wenn man alles kaufen muß, bis an die Erdäpfel, so rechne man einmal nach, was es heiße, wenn man für 6 Personen nicht mehr brauchen will als 3 L. wöchentlich. Für 10-1/2 Btz. Brot, 7 Btz. Milch, 1-1/2 Btz. Salz, 5 Btz. Anken oder Schmer, 4 Btz. Mehl und 3 Btz. Kaffee, ist wahrhaftig wenig für 6 Personen, und doch schon mehr als 3 L. Bäurinnen, denen Kühe, Schweine und Spycher das meiste geben, und die das Geld ungezählt aus dem Gänterli nehmen, werden vielleicht finden, das sei noch ziemlich viel; denn sie rechnen gar nicht nach, was sie brauchen, und würden verzweifelt aufbegehren, wenn der Mann ihnen nachrechnen wollte. Stadtfrauen, die könnten das eher berechnen, wenn sie rechnen können und gewohnt sind, ihre Ausgaben gleich zu berichtigen. Von diesen können die einen aber nicht rechnen, manchmal sogar Professorinnen nicht und wenn sie auch von ihren Männern verbeiständet wären. So sandte z. B. eine Knecht und Magd auf den Gurten, um Heubeeren zu suchen und Geld zu sparen, und gab ihnen Wein und Wurst mit. Die beiden suchten nun Heubeeren mit allem Fleiß, verthaten nebenbei noch 10 Btz. und brachten am Abend für 6 Kr. Heubeeren heim. Die kann uns also nicht nachrechnen, denn die kann's nicht; sie weiß zwischen 10 Btz. und 6 Kr. kaum den Unterschied. Zu diesem allem gesellte sich eine Extra-Ausgabe, die immer mehr Geld fraß. Meine Mutter kränkelte immer mehr und mancherlei Übel begannen sich bei ihr zu regen, von denen die Brustwassersucht das gefährlichste war. Diese Übel klagte sie nun ihren Freundinnen und diese gaben ihr bald dieses, bald jedes Mittel an, bald diesen und jenen Schärer, der ihr bestimmt helfen könne. Kam sie dann heim, so redete sie so lange davon, daß ihr noch zu helfen wäre. wenn man eigentlich ihr zu helfen begehrte und sie nicht lieber auf dem Kirchhof sähe, daß wir nicht anders konnten, als sagen: sie solle doch sagen, was zu machen sei; wir wollten ja gerne alles thun, was zu thun wäre. Dann kam richtig ein neues Mittel oder ein neuer Doktor zum Vorschein. Ich mußte unser Geldlein zusammenräumen und mich auf die Beine machen, und man kann sich nicht vorstellen, mit welcher Angst ich oft den Anspruch des Schärers erwartete: ob das Tränkli 3 Btz. oder 4 oder 5 kosten solle. Wir mir die Hände zitterten vor Angst, wenn es einen Batzen mehr, und vor Freude, wenn es einen Batzen weniger kostete! Das kann sich sicher niemand vorstellen, als wer drei Kinder hat und eine Frau und eine Mutter, und für jedes nicht mehr als drei Kreuzer täglich, von welchen 3 Kreuzern er die Hälfte nicht weiß, wo nehmen. Wahrhaftig es muß sich niemand verwundern, wenn Menschen, die kaum das tägliche Brot gewinnen, sich dreimal besinnen, ehe sie den mühselig erworbenen Batzen dem Schärer zutragen statt dem Becker. Es muß sich niemand verwundern, wenn bedrängte Hausväter manchmal sich lieber der Hoffnung überlassen, es werde dem Kranknen von selbsten bessern, als daß sie die Gesunden hungern lassen; man weiß gar nicht, was solche Bedrängnis ist. Schade, daß keine Einrichtung ist, wobei bedrängte Hausväter, ohne eigentlich besteuert zu heißen, unentgeltlich zu ärztlicher Hülfe kommen können ohne weitere Umtriebe; es würde mancher brave Mann und manche brave Frau mehr am Leben bleiben. Das ist aber nur da möglich, wo vernünftige Schärer sind und vernünftige Gemeinden, und eine vernünftige Ordnung im Staate.

Einer der Schärer war der teuerste von allen: der forderte für seinen braunen oder roten Mischmasch nicht nur 3 und 4 Btz., sondern gewöhnlich einen halben Gulden, und gerade der wußte ihr Vertrauen am besten zu fesseln; zu dem mußte ich am meisten, wie ich auch seufzte und stöhnte. Meine Mutter hatte am linken Bein oben in dem Fußgelenk einen Schmerz bekommen und mich deswegen zu diesem Doktor gesandt. Derselbe sagte: nun, das sei gar gut, es werde ihr jetzt schon ganz bessern. Ihre Leber sei früher krank gewesen; jetzt sei sie ausgelaufen und in das Bein hinunter; was sie im Fußgelenk fühle, sei nichts als ein Leberenfluß. Der sei ihm nun am rechten Ort und das Herz werde jetzt schon gesund werden. Unglücklicherweise weise sagte ich das der Mutter wieder, und von dem an faßte sie ein besonderes Zutrauen zu ihm und hoffte von ihm völlige Genesung. Sie behauptete: »Dä isch e Gschichte u het'Z breicht; i ha's gar sauft gspürt, we dLebere usgloffe u i's Bey ache gloffe isch: i hätt aber niemerem glaubt, daß e Dokter sellis chönnt wüsse u eims säge.«

Auf diese Weise kamen wir immer tiefer in die Not hinein. Wir brachen uns ab, soviel wir konnten, und Mädeli und ich sannen oft darüber nach, wo wir etwa noch einen Kreuzer ersparen könnten. Und wenn wir dann nachsannen, was wir alles noch nötig hätten, was angeschafft sein sollte, so wollte es mir manchmal fast über das Herz kommen. Aber mein Weibchen tröstete mich dann, ich solle doch nicht so kummern; es könne es noch machen ohne dies und jenes; so lange wir gesund seien, mache alles nichts; wir könnten noch viel übler z'weg sein. Ich solle doch nur an die und die denken. Und dann hätten wir doch noch eins, was so viele nicht hätten: wir hätten den Frieden unter uns und hülfen einander treulich lich, und da sei es doch noch immer dabei zu sein. Freilich, wenn unsere ältern Kinder mit blauen, kalten Beinen im Herbst zum Ofen krochen, weil wir ihnen noch nicht Strümpfe zu kaufen vermochten, und wenn es um das jüngste ganz zerfetzte Windeln wickeln mußte, so wurde ihm manchmal das Auge feucht; aber es küßte dann das Kind und sagte: »Chumm, i will dr z'suge gäh.« Und wenn dann das rote, pfausbackige Kind in vollen Zügen zog, so lächelte die Mutter wieder und meinte dann: »Gell, es düechtdi nüsti guet, we d' scho nit i ganze Windle bisch?«

Aber als allgemach das bare Geld immer seltener bei uns wurde, als wir manchmal dings nehmen mußten und immer langer nicht bezahlen konnten und das Rückständige immer mehr anschwoll, da wurde uns doch immer banger ums Herz. Man glaubt nicht, wie man so nach und nach in Hinterlig kommen kann, und wie unvermerkt ein Tag zum andern sich schlägt und ein jeder unvermerkt die Schuld größer macht. Es ist eine Pein, wenn man einmal etwas dings nehmen muß; aber wenn man noch einmal wiederkommen und weder das Alte noch das Neue zahlen kann und wieder dings nehmen muß, da steigt die Pein mit jedem Mal und allemal wird der Gang schwerer. Auf der andern Seite werden die Gesichter länger, die Mienen unfreundlicher. Bald fällt ein Wörtchen, man solle erst das Alte zahlen, ehe man Neues nehme. Dann macht man mit schwerem Herzen Verheißungen, die man nicht halten kann, wie man wohl weiß, und den ganzen Tag liegt es so schwer auf einem, als ob man Steine im Magen hätte. Viele Eltern helfen sich damit von dieser Pein, daß sie die Kinder senden, wenn dings zu holen, saure Gesichter zu sehen sind. Das ist wahrhaftig eine der ärgsten elterlichen Unbarmherzigkeilen, die es geben kann. Entweder es verhärtet des Kindes kindlichen Sinn, oder dasselbe wird gedrückt, schämt sich und verliert Mut und Freudigkeit; es beugt mutlos sein Häuptlein unter des Lebens hartes Joch und hebt es nimmer wieder auf, faßt nie wieder Mut und Freudigkeit. Man denke sich doch in ein kindlich Herz hinein, das hungerig und freudenvoll seine Milch, sein Brot holen geht in der Hoffnung, bald gesättigt und getränkt zu werden, und es muß lange warten, es wird Rat gehalten in der Stube, und es vernimmt endlich den Bescheid: jetzt bekomme es noch, aber wenn es das nächste Mal wieder komme ohne Geld, so jage man es vom Hause fort. Es bringt den Bescheid nach Hause; am andern Morgen soll es wieder gehen; es fragt nach Geld. Es bekömmt Antworten aller Art: »Säg du ume, mr welle de zale, oder dr Vater syg nit daheim gsi, oder si heige yz'zieh u chönne o nüt übercho, oder mr lay der tusig Gottswille ahalte; me well zale, sobald me chönn.« Die einen Kinder gehen, lügen, und wenn es an einem Orte nicht mehr gehen will, so lügen sie an einem andern Orte. Andere schüchterne Kinder weigern sich und werden geschlagen, werden mit Drohungen vom Hause weggejagt, müssen zitterend und zähneklappernd das Essen auf diese Weise betteln gehen. Und wenn sie den Leuten nichts abbetteln können, so gibt man ihnen entweder neue Schläge oder neue Lügen an. Man denke sich denn doch die Wirkung solcher Unbarmherzigkeiten auf ein Kind. Nein! unser Kind marterten wir doch nicht auf solche Weise. Mädeli holte anfangs selbst. Allein ich sah, daß es dasselbe nicht übers Herz bringen konnte. Es klagte mir nicht; es sagte mir nicht: »Du chasch o einisch gah, es thuet dr's sauft, du frissisch u sufisch so viel drvo as i.«

Aber ich sah an Mädelis schwerem Schritt und verweinten Augen, wie hart es ihm ging, ohne Geld gehen zu müssen. Ich fand es nicht billig, daß es alleine diese Pein tragen müsse, und nach langem Streiten nahm ich sie ihm ab. Wohl hatte es sein Gutes, wenn der Schulmeister selbsten ging und für einen Batzen Milch dings holte; die Leute muckelten weniger. Aber hie und da fiel doch ein Wort, oder eine vorschützige Frau konnte sich nicht enthalten zu sagen: »Gäht de euer Alte o drvo!« Aber man denke sich denn doch auch die Lage eines Schulmeisters, der am Morgen das Essen dings herbeitragen muß. Wie freudig muß er wohl am Morgen aufstehen, durch welche Gedanken geweckt? Es heißt im Schulgesetz, welches das Erziehungs-Departement im Großen Rate mit bedeutender Heftigkeit vortrug, ohne auf irgend eine Weise die Lage der Lehrer zu verbessern, § 83: er wird auf jedes Fach immer gehörig vorbereitet sein. Ja, du mein Gott, das haben Herren hingeschrieben, die sich nicht des morgens und des abends vorbereiten müssen, auf welche Weise und Art sie Brot und Milch für Weib und Kinder dings erhalten könnten. Das ist wahrlich eine Vorbereitung, die alle andern verschlingt. Und, wenn es erlaubt wäre, so möchte ich fragen: ob diese Herren, die nicht um Milch und Brot sich zu bekümmern haben, sondern höchstens darum, bei welchem Pastetenbeck man heute die Milchligpasteteli holen lasse und ob man eine Gans mit Kastanien oder Sauerkabis füllen, oder bei welchem Traiteur man heute essen wolle; ich frage: ob denn diese Herren immer vorbereitet in ihre Sitzungen gehen, oder ob sie nicht zuweilen jene Stelle auf sich beziehen: daß sie sich nicht bekümmern sollten, was sie zureden und zu antworten hätten, sondern daß es ihnen der Geist zur Stunde eingeben würde. In jenem § heißt es ferner: daß er sich in der Schule ausschließlich mit dem Unterricht seiner Schüler beschäftigen solle. Ja, Zeitungsartikel oder Briefe schrieb ich nie in der Schule, wie auf grünen Tischen in hochgeachteten Sitzungen, wo es um das Wohl des Landes geht, geschehen soll und wozu noch der Staat das Papier liefert oder liefern muß. Aber wie soll man sich ausschließlich mit dem Unterricht beschäftigen, wenn einem am Morgen an einem Orte die Milch abgesagt worden und an einem andern das Brot, und man nun nicht weiß, wo man beides für drei hungerige Kinder hernehmen soll? Wer will da dem Schulmeister gebieten, seine Seele solle beim Unterricht sein?

Im § 85 heißt es: er solle die Schamhaftigkeit unter seinen Kindern befördern. Hat er selbst Schamhaftigkeit, so darf er den ganzen Tag die Augen nicht aufschlagen, wenn ihm an einem Orte, vor Kindern gar, abgeputzt worden, daß er immer noch ohne Geld komme, daß man nicht vermöge, ihn zu erhalten, und daß doch einem Schulmeister mehr sollte zu glauben sein, als andern Leuten.

Im § 82 heißt es: er solle mit seinem ganzen Wesen und Leben der Jugend mit gutem Beispiele vorangehen. Kann er wohl nun die Augen aufthun, wenn er Schamhaftigkeit hat, nachdem er vielleicht von Haus zu Haus gelaufen ist und allenthalben halb gebettelt hat um das notwendigste, und vielleicht bei der Dringlichkeit der Sache Verheißungen hat entschlüpfen lassen, von denen er zum voraus weiß, daß er sie nicht halten kann.

Man klagt so viel über unverschämte Schulmeister und daß sie einem immer vor der Thüre seien, und meint dieses mit Recht ihrer Trägheit zuschreiben zu können. Bald sagt man: »Er ist mit nutz,« bald sagt man: »Sie ist nüt nutz; we st wette, si chönnte Geld verdiene wie Stei, u was st no hei, mueß brucht sy; we sie alles i eim Tag fresse chönnte, si sparte's nit bis morn.« Ich gebe gerne zu, es gibt Schulmeister, welche faul, welche brüüchig, ja verthünlich sind und durch eigene Schuld in die Armut versinken. Ich gebe wieder zu, daß es Schulmeister gibt, die ohne großen Lohn, durch eine gewisse Anstelligkeit und Gewirbigkeit, mit Ehren durch und sogar zu etwas Vermögen kommen. Sie werden Gemeindschreiber, Krämer, Becker oder alle drei Sachen zusammen, Bannwarte, Chorweibel, häufen vielleicht sieben Pöstlein auf einander oder treiben mit Geschick allerlei Handwerke; aber dann sind sie alles andere, nur nicht Schulmeister, und die Schulmeisterei ist nur Nebensache. Wenn nun einer eben Schulmeister geworden ist, weil er sich dazu geartet glaubte, kann man es ihm dann zum Vorwurf machen, daß er nicht Krämer wird, wozu er sich nicht schickt? Kann man es vielleicht nicht viel eher dem krämerenden Schulmeister zum Vorwurf machen, daß er Schulmeister geworden und nicht bloß Krämer geblieben? Kann man es überhaupt jemand zum Vorwurf machen, wenn er neben seinem eigentlichen Amt und Beruf nicht viel zu verdienen weiß? Man macht hinwiederum gar manchem, der mit Ehren durchkommen möchte und daher für seine Skripturen ungeniert etwas fordert, gleich den Vorwurf: er sei e-n-uverschante Hung; für jedes Papierli, gäb wie liecht, we-n-er nume dFedere-n-i dHang näm, su chost's 6 Kr. oder gar 2 Batzen.

Wahrhaftig man macht vielen Schulmeistern und ihren Weibern nur deswegen Vorwürfe über ihre Armut, weil man gar nicht nachrechnet, sondern nur so in Bausch und Bogen abspricht, oder weil man bei andern Schulmeistern ihre Not und Dürftigkeil nicht wahrnimmt. Sie hangen zwischen Leben und Verhungern; aber sie können es verbergen, kommen anständig daher und niemand merkt, wie sie oft wochenlang kein Fleisch vermögen und manchmal Tage lang keinen Kreuzer Geld im Hause haben und es machen ohne Brot. So wäre es vielleicht auch mit uns gegangen, wenn meine Mutter nicht gekommen wäre; durch sie wurde unsere Not sichtbar und kam unter die Leute.

Gerade hier werden nun die, welche von kindlichen Pflichten nichts wissen, anhängen und sagen: da sei ich also doch selbst schuld; die Mutter hätte ich nicht zu nehmen gebraucht, die Gemeinde hätte sie erhalten müssen; und die Haut sei doch noch näher als das Hemde, und wenn ich sie nicht gehabt hätte, so hätte ich es also als Schulmeister machen können. Es sei mir also recht geschehen, daß ich so in die Tinte gekommen.

Aber ist denn eigentlich ein Schulmeister von rechtswegen ein Hund? Hat er, wie ein Hund, keine Pflichten gegen seine Eltern; soll er sie von seiner Thüre wegjagen, wenn sie hülflos anklopfen an dieselbe? Hat er nicht vielmehr die Pflicht, in Erfüllung solcher Pflichten einer der ersten zu sein, zu zeigen, wie eigentlich Kinder die natürlichen und ersten Unterstützer ihrer Eltern sein sollen? Wie traurig ist's für ihn, wenn sein Amt ihm keine Mittel dazu bietet, wenn er, der voran stehen soll, hintenan bleibt, oder, wenn er sie zu erfüllen sucht, zu Grunde geht. Man sollte allerdings aber glauben, man halte ihn nur für einen Hund an vielen Orten. Wie einem Hunde, gibt man ihm nur so viel, daß er das eigene nackte Leben durchbringt mit Mühe; daß er ein Mensch sei und Familienglied oder Familienvater, darum bekümmert man sich nicht. Wenn er heute sich satt essen kann, so glaubt man ihm genug zu geben; daß er krank werden kann, daß Umstände besondere Auslagen erfordern können, die einen Sparpfennig notwendig machen, daran denkt man nicht. Wenn er krank wird, so kann man ihn freilich nicht dem Schinder bringen, wie einen Hund; aber man kann ihn verrebeln lassen oder fortjagen, und das geschieht wohl auch.

Es werden freilich eine Menge Menschen es in Abrede stellen, daß sie den Schulmeister für einen Hund halten. Aber wenn derselbe nun klagte, daß er keine Familie erhalten, nichts für eine Krankheit bei Seite legen, keine Mutter, keinen Vater aufnehmen könne, weil er eine einzige Stube habe, so würde man ihn auf die unterste Klasse von Menschen hinweisen, auf alle Habenichtse, auf alle, die der Gemeinde nächstens auf den Hals fallen werden, auf alle heutzutage Poletarier Genannten und würde ihm sagen: »Aber, Schumeester, was chlagst doch o so; es sy viel Lüt no viel böser dra; du chasch dy Sach doch am Schatte-n-n Schärme vrdiene-n-n hesch se gwüß u bruchsch ke Huszeys u überchunst doch no viel zwüsche-n-iche; emel um Liechtmeß ume schmückt me dr dLeberwürst vo Wytem ah u du metzgisch doch nit selber. Da lah du die chlage, wo am Wetter sy, Huszeys gäh müeße, nüt Gwüsses hei u nüt zwüsche-n-iche überchöme, als öppe-n-es Ching.« So trösten die Menschen. Aber müssen denn die Schulmeister gerade mit der untersten Klasse der Menschen verglichen werden, mit den Menschen, deren Fertigkeiten und Fähigkeiten mit ihren Bedürfnissen, auch den gemeinsten, kaum im Verhältnis stehen; mit den Menschen, an denen die ganze Welt die Schuhe abwischt und die Launen ausläßt; mit den Menschen, von denen man eigentlich nur das Halten zweier Gebote fordert: daß sie nicht stehlen und nicht töten? Die vier ersten wendet man gar nicht auf sie an, vom fünften nur die Auslegung des Heidelbergers, daß sie Meisterleuten und Obrigkeiten getreu seien; über das siebente drückt man die Augen zu; zur Übertretung des neunten fordert man sie auf, und wenn sie das zehnte halten wollten, würde man sich lustig machen über sie, indem man ihnen den Glust von Herzen gönnt und sich ergötzt an selbigem, wenn sie nur die Sache selbst nicht kriegen.

Wenn also auch nicht mit Hunden, so stellte man doch die Schulmeister mit dieser Klasse von Leuten zusammen; mit Händen und Füßen stieß man die Lehrer in diese Klasse immer zurück, wenn sie sich daraus arbeiten wollten, und wer, um seines Geldes oder seiner Fähigkeiten willen, nicht mehr zurückzustoßen war, der wurde dann dem Schulmeisterstand entlockt.

Daß man ehedem, als man mit der Faust das meiste, mit dem Kopfe wenig machte, gar keine Schulmeister hatte, oder die wenigen wenig achtete, begreift man. Als man später mit der Peitsche nicht mehr alles ausrichtete, sondern das Wort Gottes als Kappzaum noch nötig hatte und zu gleicher Zeit als Spanni, wie sie Schafen und Pferden, die man weiden läßt, angelegt werden, da stellte man Schulmeister an, um die Menschen zu spannen oder ihnen Dreiangel an die Hälse zu legen, damit sie nicht durch die Hecken könnten; aber mehr sollten sie eben nicht sein, als Spannbuben, und sollten nicht einmal begreifen, daß sie mehr werden könnten. So ein Spannbub hat es aber noch schlimmer als ein gespanntes Schaf. Dieses kann doch noch selber sich zu fressen nehmen, soviel es findet; dem Spannbuben teilt man aber seine Portion aus, und wehe ihm, wenn er mehr begehrt! Man wollte es recht eigentlich so, daß die Schulmeister Kirchenmäusen glichen, damit sie aus Hunger recht zahm blieben und gelehrig, nach jeder Pfeife zu tanzen. Dann trieb man doch den grausamen Hohn so weit, daß man die Schulmeister um ihrer Armut willen verachtete und dieselbe ihnen als selbstverschuldet vorwarf. Diese so verachtete und verhöhnte Kaste verließ nun jeder, der durch Erbe oder Erwerb irgend zu Vermögen kam, und so blieb die Kaste arm und verachtet.

Also geschah es zu der Zeit, als die Wellen der Not über mir zusammenschlugen und ich nichts mehr sah, als Not rings um mich, Not über mir und Not unter mir, als Mädeli und ich zusammen weinten und nichts mehr zu machen wußten, als dem Vater im Himmel unsere Not zu klagen. Dann blitzte ein Funke seines Trostes in unsern Herzen auf und erhielt uns das Leben und den Mut und ließ uns der Prüfung nicht erliegen.


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