Jeremias Gotthelf
Leiden und Freuden eines Schulmeisters – Zweiter Teil
Jeremias Gotthelf

 << zurück weiter >> 

Dreizehntes Kapitel.

Wenn Not auch kömmt,
Wenn nur nicht die Liebe von dannen rennt!.

Kein Kind konnte sich auf das Examen mehr freuen als wir, und zwar freuten wir uns, wie die Kinder, wegen den Batzen. Als wir am Abend vorher diese zählten, hatten wir noch 9 Kreuzer, doch aber keine laufenden Schulden. Diesmal lief das Examen recht gut ab. Der Herr Pfarrer hatte nichts zu frägeln, und nur einen kleinen Tadel ließ er laufen, den ich aber nicht schwer nahm. Er tadelte nämlich, daß die Kinder zum Schönschreiben aus Büchern abschrieben, und zwar ehe sie einen festen Buchstaben hatten; das trage ja gar nichts ab und verderbe jede Hand; denn die Kinder schrieben da, wie es ihnen in den Kopf käme, und nicht, wie es sein sollte. Ich entschuldigte mich gar sehr, daß es schon lange so der Brauch sei, daß ich bereits deswegen Verdruß gehabt. Ich hätte nämlich einige kleinere Kinder noch nicht aus dem Buche wollen abschreiben lassen, und da hätten die Eltern gar sehr mit mir aufbegehrt, sie wollten nicht, daß ihre Kinder zurückblieben, und sie wären so fürnehm als die andern, welche aus dem Buche abschrieben. Da hielt der Pfarrer den Vorgesetzten eine lange Vorlesung über die Grundsätze des Schönschreibens und die Notwendigkeit einer sichern Übung. Und die Vorgesetzten schauten gerade vor sich hin und dachten bei sich selbsten: red du ume bis chystig bisch. Als der Pfarrer aber gar lange nicht chystig werden wollte, sagte endlich der Chorrichter: es sei immer so gewesen, und allbets seien mehr Leute selig geworden, und aus der Kinderbibel schreibe man ja ab; das sei noch Religion; so auf ein Blatt könne ein jeder Stürmi kafeln, was er wolle; aber er merk wohl, es sei an der Religion gar wenig mehr gelegen. Da wollte der Pfarrer eine andere Vorlesung anfangen über den Zusammenhang des Schreibens und der Religion, allein der Chorrichter sagte: und er sei der Meinung, daß bei den Kindern alles auf die Religion gezogen werde. Die Kinder hätten Zeit dazu; wenn man einmal erwachsen sei und werchen müsse, da könne man sich damit nicht mehr abgeben. Aber es sei geng gut, wenn man einmal die Religion gelernt habe; man wisse doch nicht, wenn man sterbe; und wenn man alt werde und nicht mehr werchen möge, so könne man sie wieder fürenäh u heig no mengisch churzi Zyti dabei. »Es isch geng um dEwigkeit!» setzte er hinzu, und schloß da. Den eigentlichen Schluß überließ er jedem selbst zu machen, nämlich: daß man, wenn die fatale Ewigkeit nicht wäre, die Religion für diese Zeit eben nicht viel brauchte.

Nachdem endlich jedes Kind seine Batzen hatte, brösmete der Kirchmeier auch mir meinen Lohn aus. Ich zitterte fast mit den Händen, als ich meine 62 L. 5 Btz. einstrich, und gar gräßlich langsam kamen mir der Pfarrer und die Vorgesetzten beim Abscheidnehmen vor. Ich mochte gar nicht warten, bis ich den Haufen Geld vor Mädeli ausschütten konnte. Aber im Hausgang hielt mich noch die Weggenfrau, die sich da angesiedelt hatte, um den Kindern das Geld abzuläschlen, auf, und fragte mich: ob ich meinem Bübel nicht auch einen Weggen kramen wolle? Ich kaufte nicht nur einen, sondern vier auf einmal. Ich dachte, das Geld hätte ich sauer verdient, und es möge sich doch wohl erleiden, auch ein kleines Freudeli zu haben. Andere Schulmeister gingen mit Weib und Kindern ins Wirtshaus; das sei auch nicht bös, aber es koste doch mehr als vier Weggen, und so könne uns doch niemand vorhalten, daß wir verthünlich waren. O wir lebten nun ganz herrlich an unsern Weggen, und unser Kind schmatzete so behaglich an seinem ungewohnten Bröckeli, daß wir unsere Herzensfreude daran hatten, und jedes von uns wollte etwas von seinem Weggen erübrigen, um dem Kleinen noch einmal diese Freude zu machen. Man glaubt nicht, wie unendlich wohl dem Armen die Genüsse thun, die ihm selten werden. Ein Reicher, ein König hat gar keine Vorstellung davon, wie wohl zuweilen ein Armer nur an einem weißen Brötchen lebt, und wenn er einmal zu einem guten Stücklein Fleisch gekommen, das saftig und fett war, so erquickt ihn noch Jahre lang der Gedanke, wie gut ihm dasselbe geschmeckt, und seine Augen glänzen ihm dabei, als ob er es eben erst genieße. Solche innige Genüsse hat kein König; denn nichts ist ihm selten und ungewohnt, und darin liegt wohl die Ausgleichung der scheinbaren Ungerechtigkeit in der Austeilung der Genüsse.

Was mein Weibchen staunte, als ich 62 L. 5 Batzen minus 3 Btz. in einen Haufen vor ihns ausschüttete! So viel Geld hatte es noch nie bei einander gesehen; darum sah es dasselbe mit so freudig glänzenden Augen an und wagte es fast nicht, den Haufen mit der Hand zu berühren. »Jetz, Peterli,» sagte es, »jetz cheu mr's mache, jetz bruche mr ke Chummer meh z'ha. Jetz hei mr Geld gnue. Jetz cheu mr aschaffe, was mr öppe nötig hei, u thue grad 10 Kr. dänne für dOrgele.» Ich that also; aber Mädeli erschrak ordentlich, als es sah, wie der Haufe sich verkleinert hatte durch das Wegnehmen der 10 Kronen, und als wir noch einiges Geld davon nahmen, um notwendige Bedürfnisse vom Krämer zu holen, da hätte es fast geweint über den kleinen Rest. Doch war es nun Sommer; die laufenden Bedürfnisse sollten aus dem Verdienst angeschafft und das vorrätige Geld gespart werden können. Dann rechneten wir wieder auf Flachs- und Hanf-Ertrag, rechneten auf etwas Korn u. s. w. Aber Mädeli konnte nun nicht ganz mehr so viel draußen sein; das Kind versäumte doch, obgleich dasselbe oft mitgenommen wurde auf den Acker und dort auf unsern ausgezogenen Kleidern schlafen sollte. Aber wenn es erwachte, so mußte man die Arbeit lassen und sich mit ihm versäumen. Dem Schwäher konnten wir es nicht wohl überlassen; er fragte nichts darnach mit Kindern umzugehen; zudem wurde er immer unachtsamer und unbehülflicher. In Zeit einem Jahr hatte es ihm gar fast böset. Ich mußte also desto mehr beim Pflanzen helfen und konnte um so weniger beim Webstuhl sein. Und wenn man nur so dazu und davon kann, so verrichtet man gar wenig. Und war ich daran, so kam hie einer und da einer und sagte: »Schumeister, du muesch mr neuis schrybe.»

Dabei mußte ich mich viel länger versäumen gewöhnlich, als nötig war, weil man mir entweder gar nicht zu sagen wußte, was man eigentlich wollte, oder weil man es so breit und verhürschet that, daß ich nicht daraus kommen konnte. Und während ich die Sache mühselig ins Klare zu setzen suchte, stopfte der Petent gelassen eine Pfeife von meinem Tabak, mit der Entschuldigung, er hätte vergessen zu kaufen, oder ich werde bessern haben, als er. War ich endlich fertig, so machten die einen es wie jener Knecht und sagten: »Dankeigisch! oder chost's neuis?» Andere sagten: »Schumeister, we mr einisch z'säme chöme, su zahl i dr de-n-e Schoppe.» Die dritten fragten wohl: »Was isch di Sach, Schumeister?» und wenn ich antwortete, es sei nicht dr wert, öppis z'heusche, so drangen sie freilich in mich. Es ist aber merkwürdig, hier die verschiedenen Töne der beiden streitenden zu beobachten. Unter 10 Fällen nähme der eine gerne und der andere gäbe lieber nichts. Nun wollen beide höflich sein, der eine sich anständig weigern, der andere anständig nötigen. Der eine will so lange weigern, bis es hohe Zeit ist zu nehmen, ehe der andere mit nötigen absteht; der andere will so lange nötigen, bis der genötigte darauf und dran ist, anzunehmen. Nun passen sie einander auf die Stimmen, um zu unterscheiden, auf welchem Punkte ein jeder sei, und wenn einer glaubt, der andere sei darauf und dran, sich zwängen zu lassen, so sagt er geschwinde: »He nu, we d's zwänge wottsch, su zwang's; es isch uverschant, aber du söllisch Dank ha z'hunderttusig Male,» und nun nimmt er das dargebotene, oder er zieht es zurück, je nachdem der bietende oder der weigerende den Vorsprung gewonnen, und der andere ist kaput und macht ein lang Gesicht und eine weinerliche Stimme. Zu dem allem sind sich dieser Manövers die meisten Menschen nicht einmal bewußt, sondern sie üben sie instinktmäßig. Wenn ich viel versäumt hatte oder in Nöten war, so sagte ich wohl auch: »He du chasch mr gäh, was d'öppe witt;» dann kriegte ich manchmal einen halben oder einen ganzen Batzen, und manchmal kramte einer lange im Sacke, zog verschiedene Stücke Geld hervor und sagte endlich: »Schumeister, i ha ke Münz, i will's dr de es angers Mal gäh; vergiß nit u mahn mi dra.» Aber der Schulmeister durfte nicht mahnen, und wer will es dem andern, der sich auf das gemahntwerden verließ, verargen, wenn er es vergaß?

Nur hie und da gab es auch einen, der ohne Frage oder ohne Komplimente in den Sack längte und mich ordentlich bezahlte; aber leider hatten gar wenige diesen Verstand.

War ich recht lange in der Schulstube gewesen, wo gewöhnlich solche Geschäfte verrichtet wurden, so sah mich dann Mädeli erwartungsvoll an und fragte wohl auch: ob ich etwas verdienet hätte? Und wenn ich Nein antwortete, so sagte es lange nichts darauf; aber wenn es wieder aufblickte, so hatte es trübe Augen. Mädelis trübe Augen, wenn ich immer wieder mit leeren Händen kam, gaben mir endlich den Mut, ein Billiges zu fordern denen, die zahlen konnten.

Und daß Mädelis Augen trübe wurden, hatte seine gegründete Ursachen. Mädeli ward wieder schwerfällig und blässer und hatte es in allen Gliedern. Diesmal liefen wir zu keinem Doktor; wir wußten wohl, daß es etwas anders sei. Allein wie das nun gehen sollte, konnten wir nicht begreifen. Noch war es nicht Winter und hatten wir doch bereits unsern Schullohn angreifen müssen, hatten nicht einmal alle 10 Kronen an die Orgel geben können, mußten nicht nur eine Kindbetti bestehen, sondern auch für das ältere Kind ein Bettlein anschaffen. So hatten wir billig Angst, und Mädeli jammerte: ob es wohl die Haushaltung nicht recht verstünde? Es möchte gerne wissen, wo es fehle? Wenn es an den Haufen Geld denke, den wir gehabt, und an das, was wir noch verdient, so könne es gar nicht begreifen, wo all das Geld hingekommen. Wenn es aber dann wieder nachsinne, was unnütz gebraucht oder überflüssig angeschafft worden wäre, so könne es wieder gar nichts erdenken; wir hätten ja noch so viel nötig und so schmal gelebt und im Wirtshaus keinen Kreuzer verthan. Und wenn es dann wieder sinne, wie andere Leute es machen, denen man gar keinen Mangel ansehe und von denen man nicht wüßte, daß sie so einen Haufen Geld auf einmal erhielten, die noch mehr Kinder hätten und trotzdem immer Geld zu einer Lustbarkeit, so verliere es allen Mut, müsse sich im Fehler glauben, müsse denken, es wäre ein Glück für mich, wenn es stürbe, eine andere Frau könnte mir wohl besser haushalten; und dann thue ihm dieser Gedanke, daß es von mir weg müsse, daß ich eine andere nehmen würde, so weh, daß es ganz wimselsinnig werde. Dann tröstete ich und versuchte nachzurechnen, was wir eigentlich brauchen, und fand von jeder Sache so wenig gebraucht, aber daß das wenige alles zusammen gethan das viele ausmache, daß ich es wohl von aller Schuld entheben konnte, aber eben wieder deswegen nicht allen Kummers für die Zukunft. Wir hatten weniger verdienen können, als wir gedacht. Unerwartete Ausgaben gibt es auch in der unbedeutendsten Haushaltung, und wäre es auch nur ein zerbrochenes Kaffeekacheli. Das Jahr war auch keins der besten gewesen: wir hatten wenig zu verkaufen gehabt, das Brot war um einen Rappen teurer geworden. Wenn man nun alles dieses zusammennimmt und bedenkt, wie schwer solche scheinbaren Kleinigkeiten bei einem Einkommen von 62 L. 5 Btz. drücken, der wird uns sicher nicht Liederlichkeit vorwerfen, wie man es so gerne bei einem Schulmeister zu thun pflegt; wird uns nicht gutes Leben mit Recht vorhalten können – denn wenn man alles kaufen muß, so rechne man doch, wohin nur Milch und Brot führen. Gebe man für jedes täglich nur einen Batzen aus, so macht dieser Batzen im Jahr bereits 73 £. Mein liebes Weibchen und ich brachen uns fast die Köpfe mit rechnen, wie wir ersparen wollten, und wie erwerben? Und dieses beständige rechnen im Kopf, das Batzenzählen allenthalben, nicht aus Geiz, sondern aus Not, verleidete uns wahrhaftig manchmal den Bissen Brot, und wenn der Mund noch so hungrig darnach geschnappt hatte, so quoll er uns doch im Halse. Denn hätten wir diesen Bissen nicht gegessen, so wäre immer so und so viel erspart gewesen. Aber es sparte jedes an sich selbsten, und den Bissen, den das andere aß, gönnte es ihm von ganzem Herzen, ja wir branzten oft mit einander, daß jedes dem andern mehr aufdringen wollte: ich dem Mädeli, weil sein Zustand es erfordere, Mädeli mir, weil die meiste Arbeit mir obliege. So läßt sich denn doch die Not noch mit einer gewissen Freudigkeit ertragen, weil man gemeinsam und einig trägt, und ein jedes den größten Teil der Bürde für sich will. Wenn aber in einer Ehe keins sich selbst etwas abbrechen will, sondern vom andern alle Entbehrungen fordert, wenn es für sich selbst nicht Kosten scheut, dem andern aber jeden Kreuzer nachrechnet; wenn es alle Entbehrungen, denen es nicht entkommen kann, dem andern zur Last legt, ihm allein die Schuld ihres Zustandes beimißt und vorwirft – wenn eins dies gegen das andere thut, so leiden beide, das vorwerfende die Hölle, das, welches die Last tragen soll, das Fegfeuer; denn der unschuldig Gequälte leidet weniger als der Mißvergnügte. Wenn aber beide einander mit scheelen Augen ansehen, jedes für sich sorgen, das andere schmalbarten lassen möchte, so leiden beide, was beide verdienen, die Hölle nämlich. Wie viele solche selbstgemachten Höllen gibt es wohl?


 << zurück weiter >>