Jeremias Gotthelf
Leiden und Freuden eines Schulmeisters – Zweiter Teil
Jeremias Gotthelf

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Siebenzehntes Kapitel.

Wieder eine Kindbetti, wieder ein Tod, aber diesmal ohne Teilung.

Glücklich erhielten wir wieder ein Mädchen. Wir meinten wohl, es gleiche dem seligen auf ein Haar; aber die andern Weiber wollten es nicht haben. Sie sagten, das Gestorbene hätte ganz andere Augen gehabt, sogenannte Totenaugen; Kinder mit solchen Augen lebten nie. Wir sagten oft vom Vater, wie der Freude hätte an der Kleinen, wenn er noch lebte, und doch mußten wir allemal sagen, es sei ein rechtes Glück, daß er habe sterben können; denn wir wüßten gar nicht, wie sein, wenn er noch da wäre. Es hütete uns nun aber niemand den wilden Knaben, wenn mein Weib mit dem andern Kinde zu thun hatte. Ich wollte ihn daher mit in die Schule nehmen. Er war gar gerne dort; entweder spazierte er herum mit seiner Rute, oder aber es stritten sich die Mädchen um ihn, neben welchem er sitzen dürfe, und der Mutter war er auf so lange ab. Allein sobald Mädeli das merkte, wollte es es nicht mehr thun. Das sei nichts, sagte es; was ich sagen würde, wenn auch andere Leute ihre Kinder z'gaumen senden würden in die Schule, und andere Leute hätten so viel Recht dazu als der Schulmeister und es manchmal noch nötiger. Ja, wenn viele Kinder kämen, meinte ich; allein das komme den Leuten nicht in Sinn. Und so ein Kind störe gar nicht und andere Schulmeister thäten es auch. Erst letzthin sei ich an ein Ort gekommen, wo zwei kleine Schulmeisterskinder in der Stube herumgelaufen wären. Die hätten Gesichter gehabt, in denen man das Weiße im Auge kaum hätte erkennen können, Schnudernasen wie ehemals die Hessen Zöpfe, das eine gebrüllt, wie wenn es am Spieße stecken würde, das andere drein geschlagen mit seiner Rute, daß alle die Köpfe hätten weghalten müssen. Da hätte es mir selbst gruset, und so möchte ich nicht, daß es gehe. Aber unser Peterli sei so sauber, manierlich, still, daß ich meine rechte Freude an ihm hätte; es dunk mi fry, er wüß scho, was Schuelha syg und er mach manchmal, wie wenn er es selbst könnte. Aber Mädeli war unbarmherzig: sie wäre nicht ungerne zuweilen den Buben ab; allein sie wisse gar wohl, wie es mit sellige Kindern sei. Das müsse sie niemand brichten, daß sie nicht störten; wer mit ihnen sich abgebe, lerne doch gewiß nicht, und wenn so ein klein Kind in der Stube herumlaufe, so sehen die meisten doch sicher mehr auf das Kind als auf das Buch. Und dann wisse sie gar wohl, was die Eltern zu Hause sagen darüber und wie ungern sie es hätten. Sie schickten ihre Kinder nicht in die Schule, damit sie dort Kindermeitscheni würden; wenn's denn gaumet sein müsse, so hätten sie ihnen zu Hause zu gaumen genug. Mädeli wurde mir wieder Meister hier und manche Schulmeisterin wird denken: Nei, bim Tusig, e sellige Göhl bi-n-i nit; i bi froh, we si mr dänne chöme, u de we si i dSchuel wei, su cha me se nit ebha; es gab es Brüel, daß niemere drbt si möcht. Mein Mädeli war aber eben keine Schulmeisterin, die meinte, der Mann sei nur um ihretwillen da und ebenso auch die Schule, und keine Mutter, die meinte, man müsse die Kinder alles zwängen lassen, nur damit sie nicht brüllen, nicht bedenken, daß, je zwängischer sie werden, sie auch desto mehr brüllen. Mädeli war darin gescheuter, nicht nur als manche Schulmeisterin, sondern auch als mancher Schulmeister und namentlich als ich.

Freilich hatte es dabei böser, wie man sagt; aber deswegen machte es nie ein jammerhaft Gesicht, wußte allem zu thun; es war eine rechte Freude, wie es sich kehrte und wie es ihm von den Händen ging. Und wenn ich es bedauerte, klagte, es könne doch nicht alles machen und es immer aushalten, um so hinten ume Peterli eine Stunde in die Schule zu kriegen, so wollte es es gar nicht haben, daß es ihm bös ginge. Es möge das gar saust machen, sagte es dann; man sei doch auch für etwas in der Welt und müsse nicht meinen, daß das einen Tag gehen solle wie den andern, alles in gleichem Plamp; es. gebe allenthalben bald mehr, bald minder zu thun: da müsse man sich darein zu schicken wissen. Gut haben, das könne bald ein jeder Narr, wenn er dazu käme; aber sich zu rühren in der rechten Zeit, das sei eine Kunst für gescheute Leute. Die und jene hätte noch viel böser als es; es begreife wirklich nicht, wie sie es machen könnten, und doch gehe es. Es müßte sich also schämen, wenn es das Mindere nicht machen könnte und nicht gerne machen würde. Man sollte glauben, auf solche salomonische Reden hätte ich geschwiegen. Aber nein, denn die Männer sind im ganzen kreuzdumm. Ich machte es aufmerksam auf die, die es besser hatten, die z. B. eine Kindermagd vermochten, und sagte: es solle doch sehen, die hätte ja eine Kindermagd und wenn sie es ohne eine solche würde machen können, so würde sie keiner den Lohn geben. Und wenn die nicht alles machen könne, so wüßte ich gar nicht, warum es Mädeli dann sollte machen können. Schwernot! wie froh wäre mancher Mann, wenn seine Frau sich immer mit denen vergliche, die es böser haben als sie, die minder haben als sie, die nötlicher thun müssen als sie! Wie froh wäre er, wenn er nicht alle Tage sagen müßte: Aber lue doch Frau, die und die hei's o nit; die und die chönne's auch ohne das machen; die und die hei no viel meh uf-ne u si doch z'weg dabei. Wie glücklich wäre mancher Mann, wenn seine Frau sich immer mit denen vergliche, deren Vergleichung ihr eine Mahnung zur Zufriedenheit mit ihrem Zustande würde, statt mit denen, die mehr oder Besseres haben, wenigstens äußerlich, wodurch eine beständige Unzufriedenheit erzeugt und genährt wird, die sich beständig über den armen Teufel von Mann ergießt. Diese große Tugend, deren Mangel manchen Mann ds Tüfels macht und zu dessen Abhilfe er gerne und manchmal auf den Knieen um Burdlef ume rutschen würde, begriff ich Esel nicht und wollte Mädeli sie vergiften. Und so eine Tugend ist ein gar zartes Wesen, besonders bei einer Frau; sie mag das Fingerle nicht erleiden. Aber glücklicherweise hatte ich mehr Glück als Verstand, d. h. ein Weib, dessen natürlicher Verstand ihm sagte, wann es ihm wöhler sei, ob zufrieden oder unzufrieden, und was es zufriedener mache, wenn es sich mit Leuten, die es böser oder besser hätten, vergleiche, und daß es in der Welt nicht alle Leute gleich haben könnten, und daß gar manche Leute, die es am besten zu haben scheinen, eine geheime Bürde tragen, die nicht einmal ein Spittler aus dem Emmenthal mit einem Finger berühren möchte. Mein Weibchen hatte ein sicheres Gefühl, was zu seinem Frieden diene, und sein Verstand und Gefühl lachten mir dann ins Gesicht und sagten: ich solle mich doch um solche Dinge nicht kümmern und froh sein, wenn es alles machen möge; es könnten noch Zeiten kommen, wo wir es noch viel böser hätten und auf solche müßten wir uns zur rechten Zeit vorbereiten. Sorgen und angsten wollen wir nicht; aber es sei doch gut, wenn man für alles z'weg und grüstet sei zur rechten Zeit. Es war auch, als ob der Geist der Weissagung aus meiner Frau geredet hätte.

Wir hatten noch nicht gar lange unserer beiden Kinder uns gefreut im Frieden und in der Liebe, als ich Bescheid erhielt, mein Vater sei sehr krank, und wenn ich ihn noch sehen wolle, so müsse ich pressieren.

Den Auftrag hatte der Überbringer, ein wanderender Hühnerträger, schon vor einigen Tagen erhalten; um so mehr pressierte es. Gleich nach vollendeter Schule wollte ich wandern und Mädeli machte mir eben noch ein Kaffee z'weg, als ein zweiter Bericht mir den Tod ansagte und den Begräbnistag.

Ich muß sagen, das that mir weh. Des Vaters kummervollen Blick, seine schweren Seufzer, als wir ihn das letzte Mal verließen, konnte ich gar nicht vergessen. Ich machte mir nun recht schwere Vorwürfe, daß ich sie so lange vergessen, daß vielleicht mein Vater aus Kummer und im Elend gestorben sei, daß ich ihm hätte helfen sollen. Dann fragte der Verstand: wie? Ich hatte ja selbst mit mir zu thun genug gehabt und nur mit der äußersten Not der Schulden mich erwehren können.

Das ist eben traurig, wenn man helfen möchte, helfen sollte und nicht helfen kann. Und das thut eben weh, wenn man im Bewußtsein seines Unvermögens in seinem Gedächtnis die Personen, denen man helfen sollte und helfen möchte, und ihre Umstände gleichsam verschleiert hat, um nicht immer das Wehthun seines Unvermögens zu fühlen, und dann ein Begebnis den Schleier uns plötzlich wegreißt und, die Not und das Elend aus der Finsternis plötzlich ins Licht stellend, um so greller es uns zeigt. Um meinem Vater zu helfen, konnte ich Mädelis Vater nicht verstoßen; er war auch mein Vater geworden; er hatte kein Heimet, keine Frau, war also der Hülfe am bedürftigsten. Ich fand mich in meinem Herzen dazu verpflichtet und nie in Sinn kam es mir, Mädeli vorzuhalten, was ich für seinen Vater thue und was ich für meinen nicht thun könne. Was mein war, war sein, und das Seine mein. Zwischen unsern Leuten machten wir keinen Unterschied, betrachteten sie nicht als zwei gegenüberstehende Partien, und allemal freute es mich, wenn ich meinem Schwäher etwas zu lieb thun konnte; wußte ich doch, Mädeli empfing es, als hätte ich es ihm gethan. Aber nun that es mir doch weh, daß ich nicht auch dort hatte helfen können; und mein Weibchen, das mich nicht nur verstund, sondern gleichsam fühlte, jammerte laut, daß ich doch recht nicht zürnen sollte über ihns und seine Leute, daß ich so viel ihretwegen hätte; es wolle es mir zu vergelten suchen sein Leben lang. O, es ist doch schön, reich zu sein und nie in den Fall zu kommen, helfen zu sollen und nicht zu können! Aber gar viele Reiche fühlen ihr Glück, helfen zu können, nicht; sie fühlen nur den Ärger, helfen zu sollen und nicht helfen zu mögen. Es ist recht merkwürdig zu achten, wie gewandt Reiche im Auffinden von Gründen sind, um sich vom Helfen zu entbinden, wie sie ihren harten Sinn bald in Unwissenheit, bald in Systeme verhüllen, und wie sie dann verlegen werden, wenn man ihnen, durch Unwissenheit und System hindurch, unverschämt auf den Leib rückt!

Wie doch die Gänge im Menschenleben verschieden sind und in welch verschiedenen Lagen und Stimmungen der Mensch die gleichen Gänge macht! Das letzte Mal war ich den ersten Gang mit meiner Braut gegangen auf diesem Wege an heiterem Frühlingstage heiter und froh; nun ging ich zum letzten Gange mit meinem Vater an einem finstern Wintertage, finster im Gemüte. Finstere Gemüter traf ich auch in unserer Hütte. Der Bruder schaltete barsch und roh, die Mutter weinte viel, die Schwestern hatten verwahrloste Gesichter und freche Augen. Alle waren von kurzen Worten. Auf alle meine Fragen erhielt ich wenig Bescheid, bis eine meiner Schwestern endlich sagte: wenn es mich Wunder genommen hätte, so wäre ich wohl früher gekommen. Niemand nahm sich die Mühe, auf meine Entschuldigungen zu achten.

Ach! ich sah den Vater noch einmal, als ich ihn in den Sarg mußte legen helfen. Er sah so klein und spitz und blaß aus, als ob er nichts als ein Seufzer wäre über das menschliche Elend, eine verkörperte Klage über die Trüglichkeit aller menschlichen Träume. Denn was hatte der Vater alles geträumt und wie war alles geworden! Ach, die Menschen kennen selten die Brücke, über welche Träume müssen, wenn sie ins Leben kommen sollen; darum sollte allen, die sie nicht kennen, das Träumen verboten werden. Der Vater selbst war schon fast vergessen im Hause und verschollen in der Gemeinde, als man seinen sterblichen Teil zu Grabe senkte. Vielleicht noch an einem Donnstag oder Dienstag erinnerte sich einer auf dem Wege oder in einer Pinte des alten Käfer, frug nach ihm oder wußte dies und das von ihm. Aber noch war wohl kaum die Grasdecke über seinem Grabe dick und fest, als auch die letzten Töne seines Andenkens unter den Menschen verklungen sein mochten.

So war der alte Weber im Boden und doch wob der alte Weber auf Erden an der Zetti fort, die er aufgespannt hatte. Es meinen die Menschen, wenn des Menschen Stimme verhallt sei, wenn sein Fuß im Grabe ruhe, so sei sein Leben zu Ende, sein Wirken abgeschnitten. Die Kurzsichtigen! Seine Worte, vielleicht 40 jährige Worte hallen fort in der Welt der Geister; sein Wirken spinnt seine Faden fort und fort durch das große Gewühl dieser Erde; es webt der Weber fort und fort unsichtbar auf seinem unsichtbaren Webstuhle, den er in den Herzen derer aufgeschlagen hat, die mit ihm lebten. So weben nicht nur fort die, welche man große Geister, ihren Namen unsterblich nennt; so leben alle fort, welche mit andern Menschen Umgang gepflogen: der Bettler, der vor den Thüren lebte, und die arme Spinnerin, die Kuder spann ihr Leben lang. So leben fort die Mütter, welche Kinder zeugten, die Väter, welche den Kindern voranwandelten. Jedes Wort, das hineinfällt in den großen Weltenacker, jede Handlung, die auch nur die kleinste Bewegung erzeugte im großen Gewühle, beide leben fort, sterben nimmer. Sie bringen ihre Früchte und die Früchte wieder ihre Früchte, und die Früchte sterben nimmer aus. Dieses unsichtbare Gewebe sehen wir nicht, das Anschwellen der Ansaat bemerken wir nicht, die unsichtbaren Weber sehen wir nicht, kennen wir nicht. Wenn wir schon aus den Billionen Webern heraus einige Dutzend zu nennen wissen, was ist das? Aber erkennen wohl einst die Weber selbst ihr Gewebe, können wohl ihre geschärften Augen ihre eigenen Faden verfolgen durch das unendliche, tausendjährige Geflecht! Und wie wäre es, wenn uns im Tode unsere Augen aufgethan werden, und wenn wir nun zuschauen können und müssen, wie unsere Worte und Thaten fortwuchern, wie sie von Herzen zu Herzen gehen, vielleicht von Weltteil zu Weltteil, wie sie vergiften und heilen? Wenn wir so zusehen und zittern müssen vor den unermeßlichen Schwingungen, zu denen wir den Anstoß gegeben, die freilich keine Throne der Welt umstürzen, aber doch vielleicht den Thron Gottes in dem Herzen des Menschen, liebe Leute! wie muß uns da zu Mute sein? Muß uns da der alte Webstuhl, auf dem wir so sorglos oder so anmaßlich gesessen, nicht feurig werden unter dem Gsäß? Muß er uns nicht ein feuriger Wagen scheinen, auf dem wir aber nicht gen Himmel, sondern direkt zur Hölle fahren?

Solche Gedanken flatterten damals freilich nicht durch meine Seele, als man meinen Vater begrub. Damals stund vor meinen Augen sein dünnes, weißes Gesicht und in meinem Herzen regte sich die Trauer um seinen Jammer und sein Scheiden, ehe ich kindlich seinen Jammer zu stillen versucht. Das verscheuchte mir die Gedanken ans Erben, und ein Vorgesetzter, der mich vom Kirchhof begleitete, verhinderte, daß sie nicht hinten drein kamen. Der erzählte mir, wie es in der letzten Zeit gar bös gegangen sei daheim. Mein Bruder sei den Eltern Meister geworden und habe nichts verdient und viel gebraucht. Anfangs hätten die Eltern nichts an ihm gesehen, später hatten sie es gerne geändert; aber da sei es zu spät gewesen; dr Stercher syg emel geng Meister. So seien viel Zinse aufgelaufen, seien laufende Schulden, man wisse nicht wieviel, und es sei die größte Frag: ob man es ebha mög. Wenn ich etwa Geld hätte, um allem zu begegnen, so wäre es vielleicht eine Möglichkeit, daß ich einen Geltstag erwehren könnte. Es sei allweg es styfs Heimet, aber das Haus nichts mehr wert freilich.

Aber ich hatte kein Geld dazu und konnte nur bitten, daß man so wenig Kosten mache als möglich, und daß man suche, der Mutter etwas zu retten, wenigstens einen Aufenthalt im Hause, und daß man doch ja den Amtsgerichtschreiber keinen Geltstag erzwingen lasse. So ging ich ohne Erbe heim und auch ohne Zank, und Mädeli sah mich auch nicht sauer an, daß ich ohne Erbe kam; aber ohne Erbe sollte ich nicht bleiben.


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