Jeremias Gotthelf
Leiden und Freuden eines Schulmeisters – Zweiter Teil
Jeremias Gotthelf

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Achtzehntes Kapitel.

Wie ich ohne Teilung zu einem Erbe komme.

Es waren viele Wochen vergangen; da pochte es eines Abends an unsere Thüre. Mädeli säugte eben, so daß ich zum Fensterchen heraus Bescheid geben wollte. So wie ich den Kopf herausstreckte, fuhr ich wieder hinein und schrie: »Herr Jeses Gott, dMueter!« »Welche Mutter?« fragte meine Frau. »My Mueter isch's, my Mueter, u no es Säckli.« »Abe myn Kraft, warum lascht se de stah, da uffe-n-am Bysluft? die armi Frau wird chalt gnue ha«, tadelte meine Frau und machte sich alsobald zur Thüre hinaus und bewillkommte sie draußen gar freundlich und zärtlich. Ich war aber auch nicht umsonst erschrocken. Unerwartete Anlässe erzeugen in unserem Kopf Gedankenblitze. Es sind nicht einzelne Gedanken, sondern es werden eine ganze Reihe von Gedanken auf einmal erzeugt; es werden eine Menge Zustände, ein ganzer Zusammenhang von Veränderungen auf einmal erleuchtet und stellen sich vor unsere Augen. Ein solcher Gedankenblitz war mir beim Anblick der Mutter durch den Kopf gefahren. Ich sah, daß sie im alten Hause nicht mehr sein konnte, daß sie nicht in die Kehr, d. h. alle Tage von einem Hause ins andere wollte (wie man bei mir die alten unvermöglichen Leute zu versorgen meinte); daß sie bei uns ihre Wohnung aufschlagen wollte. Ich sah, welche Störung unser Hauswesen dadurch erleide, welche Leiden mir und meinem Weibe warteten, kurz eine ganze Zukunft ging vor meinen Augen auf. Darum auch war ich hineingefahren, wie wenn ein wirklicher Blitz mich getroffen hatte, war unvermögend, die Mutter draußen zu empfangen, und vergaß fast, als sie mit Mädeli hereinkam, ihr die Hand zu längen.

Die Mutter sagte: sie hätte nicht geglaubt, daß sie einst zu einem Söhniswyb wolle; sie wisse wohl, wie wert man denen sei, besonders wenn man ihnen nichts zu geben hätte, und meine werde wohl nicht angers sein als die angere. Aber sie wolle am Ende das noch lieber als in die Kehr gehen; sie wollte lieber lebig i Bode, als sich da von mancher Nachbarin auslachen lassen, wenn sie alle Morgen mit dem Säckli fürers müeßt. Es thue es den Kindern auch saust, etwas für sie zu thun; seien doch die Ching dSchuld, daß sie däweg von Hus und Hei müßte. Wenn me de Ching alles aghäicht heig, su gang's eim de z'letsch e so, u eis lauf hie us u-n-es angers dert us; aber sie frieg z'letsch de Chinge-n-o nüt nah, we si's a-mem-Ort g'sächt besser z'mache. Aber werche möge sie nicht mehr, das sage sie frank use; sie hätte ihr Lebtag gnueg gwerchet und nichts davon bracht; sie wolle jetzt auch ein wenig zusehen, wie es ohne werche gangi. Während meine Mutter so auspackte, hatte Mädeli ein Kaffee gemacht und wartete der Mutter auf und pressierte sie und nahm diese Reden nicht übel. Meine Mutter hatte sich in ihren alten schwachen Kopf gesetzt, die Kinder seien an ihrem Unglück schuld, und in ihrem versäuerten Gemüte war der Entschluß entstanden: nun auch die Kinder ihr Unglück entgelten zu lassen und selbst so wenig darunter zu leiden als möglich. Nun hatte sie kein anderes Kind, dem sie aufsitzen konnte, als gerade mich; der Bruder sei z'Chrieg, hatte sie gesagt, und wo die Meitleni umeluedere, möge sie nur nicht fragen. An den Unterschied, den sie früher unter den Kindern gemacht, an die Zurücksetzung, die ich erlitten; daß sie die andern Kinder zu ihrer Qual erzogen und also an ihrem Verderben mehr oder weniger schuld sei: daran dachte sie nicht von ferne. Daß die andern Kinder sie arm gemacht und nicht ich, fiel ihr von ferne nicht bei; im Gegenteil lud sie mir die meiste Schuld auf. Wäre ich bei ihnen geblieben und hätte ich mich nicht davon gemacht wie ein Schelm, so wäre es nie so gekommen. Damals wäre es gut gegangen, meinte sie, und daß man mich fortgetrieben, das ließ sie sich nicht einreden. Also mich wollte sie strafen für alle Kinder zusammen und mein Mädeli mit mir. Gegen das Söhniswyb hatte sie im voraus Vorurteile, glaubte, es meine es nicht gut mit ihr, und gegen diese böse Meinung hatte sie sich gepanzert und gewaffnet; sie wollte zeigen, daß sie sich nicht von einer Jedere ungere thun lasse. Und wenn einmal Vorurteile, vorgefaßte Meinungen sich in einem Kopfe eingenistet haben und besonders in einem weiblichen Kopf, und noch dazu in einem alten, dann bringe sie der Guckuck heraus. Dann sind diese Vorurteile das Prisma des Gemütes. Wie das Prisma alle Lichtstrahlen bricht und färbt, so färben nach ihrer Weise diese Vorurteile alle Handlungen der Menschen, gegen welche man Vorurteile oder auch für welche man Vorurteile gefaßt hat. Und je nach dieser Färbung verketzert und vergöttert man, spuckt ins Angesicht oder leckt die Hände, nimmt alles giftig auf und erwidert giftig alles, oder wird ob allem charmiert und findet alles süperb. Es ist sehr schwer, von einem solchen Prisma sich frei zu halten und klar, rein im reinen ungebrochenen Lichte zu schauen. Ansichten und Meinungen sind noch leichter klar zu betrachten als Personen; das können wenige, und in aufgeregten Zeiten um so weniger, je höher man zu stehen glaubt. Und es ist wirklich ein jämmerlich Schauspiel, zu sehen, wie eben die, welche sich für Weise halten, zu Narren werden und wie vollends das Volk geblendet ist und Windmühlen nicht für Schlösser, sondern gar für Götter hält, und wie die vermeintlichen Götter sich nicht bloß für Götter halten, sondern ein jeder sich für den einzigen wahren Gott selbst. Dieses geschieht aber, wohlverstanden, von beiden Seiten. Solchen vergötterten Windmühlen z. B., die vom schnöden Egoismus, nicht vom schönen Patriotismus getrieben wurden, haben die Alten es zu verdanken, daß sie auf die öde Sandbank geworfen wurden, wo sie sich gebärden wie Fische, die einer aufs Trockne geleert hat. Und wenn das also geht hoch oben, wer will es einem alten erregten Weibe verargen, wenn es nicht anders that, und seine Vorurteile ihm ein Schild wurden, durch den die Strahlen von Mädelis Liebe durchgehen mußten und dort zersetzt der Mutter Herz wie Äußerungen des Hasses berührten? Mir verzeihe man, daß ich also rede von meiner Mutter und scheinbar schonungslos den Schleier wegziehe von ihrem Herzen. Es geschieht dieses aus wahrhafter Liebe zu ihr; denn indem ich den Zustand ihres Herzens zeige, wird man ihre Handlungen begreiflich finden. Und daß ihr Herz nicht ein anderes war, daß es sich so gestalten konnte in sechzigjährigem Leben, – das wird jeder begreifen, der weiß, was die Welt und das Unglück aus einem Herzen machen, wenn nicht wahres Christentum es gesund erhält. Und daß sich die Mutter nicht geändert, wird nur den verwundern, der noch nie versucht hat, das eigene Herz zu ändern, und nicht befunden hat, wie zäh es ist.

Ich möchte durch die Darstellung ihrer Gemütsart bewirken, daß ihre und aller sechzigjährigen Mütter und Vater Schwachheiten, Wunderlichkeiten, Unverträglichkeiten von dem jüngern Geschlecht nicht angesehen werden möchten als Fehler, die gebessert, gestraft und zurückgewiesen werden sollen, sondern als Leiden, als Leiden nicht sowohl in Beziehung auf die Jüngern, sondern als Leiden für die Träger derselben, Leiden für Väter und Mütter. So haben sie ihre körperlichen Beschwerden, haben die Abnahme der Sinne, eine Folge der Krankhaftigkeit des Leibes, der seiner Auflösung entgegengeht. So wird auch die Seele krankhaft, wenn sie nicht geheilt worden, durch den großen Seelenarzt. Diese Krankheiten sind allerdings den Nächsten lästig, aber am meisten darunter leidet doch der Krankne selbst. Solche Krankheiten sind weit peinigender als Leibesschmerzen. Ein glieder-, wassersüchtiger Mensch leidet viel, aber ein zanksüchtiger, ein selbst- oder habsüchtiger Mensch noch viel mehr. Ein halbblinder, halbtauber entbehrt unendlich viel, aber ein mißtrauischer, mißvergnügter Mensch noch unendlich mehr. Jener entbehrt nur Töne und Farben, dieser die Freude an Gott und die Liebe der Menschen. Darum möchte ich mit gutem Grunde allen zu bedenken geben, daß die Krankheiten alter Gemüter für sie selbst die bittersten Leiden bringen. Und wo Leiden und Leidende sind – was ziemt wohl dem Christen? Unduldsamkeit, Härte, Hohn? Nein, ich denke, daß jeder weiß, daß Mitleid sich zieme und Barmherzigkeit, ein geduldiges Warten und Pflegen. Die Christen wissen das recht wohl in körperlichen Krankheiten: aber bei geistigen Krankheiten vergessen sie es meist. Sie vergessen nämlich, daß Fehler Krankheiten sind. Es ist ein angeborner Glaube an unsere Freiheit in uns, so daß wir wohl mit körperlichen Übeln, die wir uns nicht selbst gegeben, die wir nicht selbst heben können, Mitleid haben, aber nicht mit geistigen, wähnend, in unserer Freiheit liege es, sie fortzuschaffen, in unserer Freiheit hätten wir sie angenommen; der fehlende sei also selbst Schuld an seiner Qual und plage mutwillig andere. Bedenke man aber, daß zwar jedes Volk zur Freiheit berufen ist, jedem Volk Freiheit ziemt, daß aber in langer Knechtschaft die Kraft, die Freiheit zu gewinnen und zu bewahren, verloren gehen kann. In solcher Knechtschaft nun haben die gelebt, die im Alter so unverträglich werden. Ihre Kraft ist gebrochen, ihr geistig Auge ist so dunkel geworben, daß es die Fesseln nicht mehr sieht, in denen es geschmiedet liegt. Darum überlasse man da Gott das fordern und übe Nachsicht und Geduld, und bitte Gott um Barmherzigkeit, damit er thue, was Menschen unmöglich ist.

Ich möchte also bitten, mich hier in meiner Darstellung nicht der Unkindlichkeit zu beschuldigen. Ich liebe in meiner Mutter alle Mütter, und möchte daher allen Müttern bei ihren Kindern bereiten Geduld und Liebe. Darum schelte man mich nicht herzlos, wenn ich jetzt noch etwas von der Handlungsweise meiner Mutter rede. Andere Kinder mögen daraus sehen, daß ihre Mütter recht gut zu ertragen wären, wenn man nur die Liebe walten lassen wollte und das bedenken: daß man andere ertragen soll, wie man selbst ertragen zu werden wünscht. Aber das ist eben der Teufel der Menschen, daß selten jemand glaubt, daß die andern auch etwas an ihm zu ertragen hätten. Diesen Gedanken hatte eben meine Mutter auch nie, und das eben war's, was sie so unglücklich machte, daß sie immer nur betrachtete, was sie von andern zu erdulden meinte und nie, was andere wirklich von ihr erduldeten.

Mädeli, in seiner zuthätigen Liebe, hatte mich bei Seite genommen und strich mir über die Stirne mit seiner Hand und bat mich, doch nicht so sauer zu sehen; die Mutter könne sonst glauben, sie komme unwert. Und ich solle doch ja recht nicht etwa glauben, es sei böse darüber; im Gegenteil, es freue sich recht sehr, nun auch zu zeigen, daß es meinetwegen alles zu thun vermöge; ich hätte auch so viel an seinem Vater gethan. Meine Mutter könnten wir nicht im Gaden schlafen lassen, es sei zu kalt für sie da; ich solle das Bett doch in der Stube aufmachen; den Webstuhl brauche ich so jetzt nicht. Natürlich freute mich meines Weibes arglose Liebe und ich mochte ihm seine Freude nicht trüben durch meine Befürchtungen, sondern küßte es nur recht zärtlich und gab mir alle Mühe, meine Runzeln von der Stirne zu treiben. Als wir wieder hineinkamen, sagte meine Mutter: sie merke wohl, wie wir die Köpfe zusammensteckten und wie Mädeli mich aufweisen wolle, daß ich sie wieder wegschicke; das sei nicht bravs von ihm; allein es solle ihm nichts nützen; sie gehe doch nicht fort, und wenn wir sie vor die Thüre würfen, so bleibe sie da liegen. Wir wollten ihr das Gegenteil begreiflich machen, daß wir gerade abgeraten zusammen, ihr das Bett in die Stube zu machen, damit sie bequemer sein könne. Allein obgleich die That bewies, was wir wollten, so gestand sie doch ihr Unrecht nicht ein, sondern behauptete es fort und fort. Und wo sie uns zusammen stehen oder reden sah, faßte sie Mißtrauen und meinte, wir hatten sie verhandelt oder hätten etwas heimliches, das wir ihr vorenthielten, und dann stichelte und trumpfte sie eins nach dem andern. Am schlimmsten ging es, wenn wir später einen halben Tag auf dem Lande zusammen arbeiteten, wo sie uns nicht beobachten konnte. Wir konnten dann eines traurigen Abends versichert sein. Entweder redete sie gar nichts oder lauter Stichelreden. Es ist wirklich nichts gräßlicher als dieses beständige Mißtrauen in andere, dieses beständige Aufpassen auf Worte und Mienen. Es ist kaum etwas peinigenderes in einem Hause, als wenn man gezwungen wird, Worte, Mienen, Gebärden ängstlich zu bewachen, wenn man mit niemand ein Wort reden, bei niemand stehen bleiben darf, wenn man nicht bös Wetter haben will. Und wenn Mann und Weib einander nicht einmal recht ansehen dürfen, wenn sie im Frieden bleiben wollen, so schleicht fast unwiderstehlich ein düsterer Geist ins Haus; eine Alp legt sich auf die Brust und alles wird doppelt schwer. Wie ein solches Mißtrauen in eine Brust sich nisten kann, weiß ich nicht. Ich will nicht sagen, es entstehe aus dem eigenen Bewußtsein des Übelmeinens, und auch nicht aus dem Bewußtsein, sein, daß andere Ursache haben könnten, einen zu verhandeln, und auch nicht aus der Eifersucht, daß die lieber seien, mit denen man heimlich thue; aber alle drei Dinge mögen wirken dazu, in den einen Herzen dieses Element vorherrschend sein, in andern das andere.

Wir konnten uns fast nicht anders mehr mitteilen als mit wehmütigen Blicken, und auch diese bewachte die Mutter und sagte: »Ja, lueget ume enangere-n-a, es isch mr graglych;« und da sie mit uns in der gleichen Stube schlief und noch recht gut hörte, so war uns auch hier Stillschweigen auferlegt.

Die Mutter dagegen hatte gerne etwas heimliches, und steckte gerne mit jemand den Kopf zusammen. Sie war an die häuslichen Verschwörungen gewohnt; sie waren ihr zur täglichen Nahrung geworden. Solche Verschwörungen gibt es in jedem Hause, am allermeisten aber da, wo eine schlechte Regierung ist, wo viele Meister sind und kein rechter, oder wo eine illiberale Regierung ist, die das Volk drückt und nur auf seine Kosten leben will. Diese Verschwörungen sind mancherlei Art, lustig und ernsthaft; aber zum Frieden dienen sie selten. Im Hause hatte nun die Mutter niemand, mit dem sie sich gegen das andere verschwören konnte. Sie versuchte es bei Mädeli und bei mir, und, wie gesagt, sicher nicht aus Bosheit oder Tüfelsüchtigi, sondern aus reiner, purer Gewohnheit, und weil ihr niemand jemals gesagt hatte, welches Laster diese Gewohnheit eigentlich sei. Sie wollte sich anfangs hinter mich stecken und mir die Laus hinter das Ohr setzen: Mädeli sei keine Haushälterin, spinne nichts, und gvätterle nur mit unnötigen Dingen; »sys tüfels Gwösch treit nit e Tütschel ab«, sagte sie. Aber ich achtete auf solche Reden nicht, oder wenigstens sie sah keine Folgen von diesen Reden. Man nennt solche Zwischenreden in einer Ehe nicht umsonst eine Laus hinter das Ohr setzen; denn solche Reden gramseln und beißen sich ein, ohne daß man weiß, wie. Und man muß mit aller Kraft sich mühen, den Eindruck solcher Reden zu verwischen; sonst wecken sie den Argwohn; man glaubt auch Dinge zu sehen, die nicht sind; der Argwohn macht böses Blut, aus dem bösen Blut kommen böse Worte und diese scheiden die Gemüter, wenn man auch eins am Fleisch bleibt.

So ein einzig aufweisend verdächtigend Wort, in eine Ehe hinein geworfen, kann eine wahre Teufelssaat werden, die nicht nur hundert-, sondern tausendfältig Unglück bringt. Es gramselte mir allerdings auch etwas hinter den Ohren, und es wollte mich zuweilen bedünken, Mädeli sei nur so eine Nisse; allein wenn ich dann seine Emsigkeit sah, als ich sah, wie es bei aller Armut bei uns doch noch gut aussah, und besser roch als bei manchem reichen Bauer; und als ich in seine treuherzigen Augen sah, wie sie so sehnsüchtig Liebe und Freude an mir suchten – da ward ich gewahr, daß es eine Laus sei, was mir hinter dem Ohren gramsele; ich zog sie hervor, zerdrückte sie mit dem Daumen, daß es klepfte, und hütete fortan meine Ohren vor solchem Unziefer. Die Mutter suchte nun an Mädeli zu kommen und wollte ihm anschaulich machen, daß ich gegen ihns unerchannt sei. Dies und jenes thäte mir's sauft; sie hätte es ihrem Manne reisen wollen, wenn er dies und jenes ihr überlassen hätte; man müsse den Mannen nicht alles sagen und sie brauchten nicht alles zu wissen, und es sei immer komod, wenn die Frau etwas Geld für sich habe hinter des Mannes Rücken u. s. w. Solche Reden thaten Mädeli gar weh. Es fühlte den Versucher darin wohl. Es wies ihn streng von sich. Allein es that ihm leid, daß der Versucher, der zwischen uns treten wollte, meine Mutter war, und fühlte wohl, daß, wenn die Mutter nichts ausrichten könne bei ihm, es in ein bös Verhältnis mit ihr käme. Das gute Weibchen durfte mir das lange nicht klagen und konnte es kaum vor der Mutter aufpassenden Augen. Endlich gab es eine gute Stunde, wo wir einen neuen Bund machen konnten, zusammenzuhalten fest, treu, offen und ohne Argwohn. Natürlich ward die Mutter dadurch vereinzelt; nicht daß wir ihr unsere Liebe entzogen, aber sie konnte mit keinem gemeine Sache gegen das andere machen, konnte bei keinem wohlgemut über das andere klagen, ward nie versichert, unbedingt Recht zu erhalten; und das that ihr zu weh, als daß sie es in dieser Vereinzelung ausgehalten hätte.

Der Mensch kann nicht alleine sein; hat er keinen Menschen, zum Anschluß, so wählt er etwas anderes. Zarte Mädchen wählen ein Kanarienvögelchen zum Herzen und Schnäbeln. Verrauschen die zarten Zeiten und kommen die plumpern, materiellern, so trittet der Schoßhund auf. Hexen wählen Katzen, Zauberinnen Schlangen; etwas Warmes muß es sein, das der Mensch an seinen Busen drückt, besonders der weibliche. Glücklich der und die, denen ein Bruder oder eine Schwester oder ein Sohn Kinder liefert zum Pantschen und Herzen, leider aber oft zum Verderben.

Meiner Mutter Herz zog auch sie zu ihrem Großkind, dem Buben; das Mädchen sah sie nicht an. Der Bube frug ihr anfangs nichts nach, sondern schrie immer, wenn sie ihn nehmen wollte; aber die Liebe einer Großmutter ist hartnäckig und die Liebe eines Kindes weich und leicht gewonnen. So zog sie ihn bald an sich heran. Ängstlich um seine Liebe suchte sie dieselbe durch alle Künste sich zu sichern, ward die Dienerin seiner Launen und nahm ihn bei jeder Gelegenheit gegen uns in Schutz und branzte in seiner Gegenwart mit uns für ihn.

Nun ich war auch ein blinder Vater, und wenn meine Mutter nicht noch blinder gewesen wäre, so hätte ich vielleicht gerade gemacht, was sie, und den Knaben gegen Mädeli in Schutz genommen, das eine liebende, aber keine blinde Mutter war, und z. B. nicht bald sich etwas abbrüllen ließ gegen seine Überzeugung. Die kleinen Kröten erkennen instinktmäßig die Kraft, welche in ihrem Brüllen liegt. Sobald irgend etwas ihrem Willen entgegentrittet, so erheben sie ein Zettergeschrei, das durch Mark und Bein schneidet. Der Mutter thut das Schreien in den Ohren weh, oder sie fürchtet, die Nachbarsleute möchten sie verbrüllen, oder der Vater es hören und mit ihr branzen, daß sie das Kind immer zu brüllen mache. Kurz, unter zehn Malen wird dem Kind in der Stadt sechs, auf dem Lande acht Mal sein Wille gethan. Es kann erzwingen. Wenn dann später diesem verwöhnten Willen andere Menschen entgegentreten, so ensteht der Streit; trittet ihm das Gesetz entgegen, so wird die Sünde geboren, und trittet ihm endlich Gott selbst entgegen, so wird er vernichtet in Jammer und Verzweiflung.

So hoch faßte ich freilich damals die Sache nicht, oder vielmehr ich faßte sie gar nicht, sondern fühlte nur meine Liebe zum Kinde, während Mädeli in ihrem reinen Gemüte die Wahrheit ahnete: daß Gott die Kinder durch die Hand der Eltern regieren und nicht erzwingen lassen will. Weil aber die Großmutter mit dem Kinde so narrochtig that und dasselbe sich allein zuwendete, wurde ich von meiner Blindheit etwas geheilt, und sah nach und nach ein, wie eine solche Behandlung dem Kinde verderblich werden müßte. Was ich also an mir selbst nicht gesehen hätte, das sah ich an andern. Sobald wir dem Kinde nun etwas abwehrten, etwas nicht thun wollten, so flüchtete es sich heulend und schreiend zur Großmutter, und die nahm es nicht nur in Schutz, es konnte bei ihr machen, was es wollte, sondern sie begehrte mit uns vor dem Kinde auf und sagte uns etwa: wir seien gegen unser Kind wie die wüesteste Hüng, die sie gesehen hätte, und wir gingen mit dem Kinde um, daß wir es vor Gott nicht verantworten könnten. Man kann sich denken, wie weh uns das thun mußte! Wollten wir das Kind strafen, so mußten wir einen Augenblick abpassen, wo die Großmutter nicht da war, und so ging der beste Augenblick verloren. Zehnmal ging es ungestraft aus, weil wir uns mit der Mutter nicht prügeln wollten; denn sie hätte es uns aus den Händen gerissen. So gewöhnte sich das Kind nicht nur eine Menge Unarten an, sondern es gewöhnte sich auch, die wenigen Strafen nicht als natürliche Folgen seines Bösthuns anzusehen, sondern als willkürliche Wehthaten, herrührend von den wüestesten Hüng, die es gebe. Es gewöhnte sich, diesen Strafen sich zu widersetzen, oder zu entziehen, oder wenn es beides nicht konnte, uns bei der Großmutter zu verklagen, welche es dann um so zärtlicher streichelte. So besserten die Strafen das Kind nicht mehr, sondern sie erbitterten es nur. Das thut auch jede Strafe beim Kinde, sobald das Kind bei ihrer Anwendung Zwiespalt sieht, sobald es eine Möglichkeit sieht, daß sie ihm hatte können geschenkt werden; sobald es sieht, daß jemand seine Partei nimmt.

Unser Kind gewöhnte sich aber nicht nur an Straflosigkeit, sondern auch an Parteiung im Hause; gewöhnte sich daran, es mit der Großmutter zu halten, gegen uns. Sicherlich wirkt auch nicht bald etwas schädlicher auf ein kindlich Herz ein, als eine solche Spaltung, als die daraus folgende Angewöhnung, für seine Partei alles zu erlistelen, ihren Nutzen und Vorteil zu suchen, die andere Partei zu täuschen, zu hintergehen, zu übervorteilen. Aus diesem beständigen Plänkeln entsteht dann Eifer, Bosheit, Schadenfreude, Rachsucht, und der gute Engel flieht.

Der Großmutter konnte aber doch Peterli nicht ganz genügen. Gar manche Klage verstund er nicht, gar mancher Herzensergießung entlief er. Sie mußte auch außer dem Hause jemand suchen, mit dem sie verkehren und dem sie alles klagen konnte, was ihr von uns ungerechtes geschah. Denn, wie gesagt, je mehr jemand zu Klagen Ursache gibt, desto mehr vermeint er selbst Ursache zu Klagen zu haben.


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