Jeremias Gotthelf
Leiden und Freuden eines Schulmeisters – Zweiter Teil
Jeremias Gotthelf

 << zurück weiter >> 

Einundzwanzigftes Kapitel.

Nun gar in solcher Not noch Visiten!.

So saßen wir einmal traurig an einem stürmischen Oktobernachmittag in unserer Stube beisammen, ich und mein Mädeli; die Mutter war fortgegangen. Wir hatten Erdäpfel ausgemacht, als auf tüchtigen Sturm die mutwilligen, wilden Kinder des Winters, die flüchtigen Schneeflocken daher brausten um Augen und Ohren und uns vom Felde weg hinter den Ofen jagten und nun, wie ärgerlich, daß wir ihnen entronnen, zur Hausthüre ein stürmten, die Fenster peitschten und gwunderig in dichten Scharen sich an die Fenster legten, um zu gucken, ob wir drinnen seien. Es war so recht heimelig Wetter, wenn es einem heimelig zu Mute ist. Und es war uns auch so in unserm Stäbchen, alleine und geborgen vom wilden Wetter. Da sagte ich: »E's Gaffee wäre jetzt nicht übel.« Aber das Kaffee konnten wir nicht machen. Mädeli ging über das Kuchischäftli und fand nur ein klein Tröpflein Milch; die mußte für die Kinder gespart werden; und daß man ihn schwarz trinken könne, das wußten wir nicht. Freundlich brachte mir Mädeli das Brot und sagte, ich solle nehmen, wenn ich möge. Brot sei allweg immer das Beste. Das rührte mich an meinem Weibchen: »Nei, du bisch geng ds Beste,« sagte ich und nahm mit der einen Hand das Brot, mit der andern mein Weibchen obenyne und küßte es tapfer ab. Und während ich am besten küßte, da donnerte es an die Hausthüre, daß ich wenigstens einen Schuh weit von Mädelis Mund fuhr, nicht wissend, welcher Kobold da draußen so lärme. Mädeli aber schrie: »Herr Yses, lah mi gah, lah mi doch gah, es het neuer gugget u het gseh, wie d' so narrochtig tha hesch u het jetz dopplet; nei wäger, lah mi doch recht gah!« Während diesem Reden dachte niemand ans Bescheidgeben. Der draußen hatte aber nicht lange Geduld; es wurde die Thüre rasch aufgerissen und herein trat der große, schwarzschnäuzige Jäger, um und um voller Schnee und hinter ihm sein Hund. Potz Blitz, wie da Mädeli von mir wegfuhr, blutrot und erschrocken, bis in eine Ecke hinein, und wie der schwarze Kerl so spöttisch lächelte und seine scharfen Augen von einem zum andern gehen ließ, und wie ich da saß mit einem Gesicht so dumm als nur irgend ein Schulmeister je eins gemacht, und das will viel sagen. »Schulmeister, das wird dy Frau sy?« – »Ja,« sagte ich. – »He nu, de macht's nüt u fahret nume fürt und machet, als ob i nit da war.« Mit dem bot der meinen Lesern Wohlbekannte uns die Hand und sagte: er sei auf der Jagd gewesen und hätte an einen Hasen gesetzt, den sein Hund schon am Morgen früh aufgestochen. Der habe sich daraus gemacht durch Feld und Wald und er sei immer auf und nach gewesen, bis ihn der Schneesturm überfallen, daß er am Ende nicht mehr gewußt, wo er sei, und der Hund, nicht mehr gewußt, wo aus der Hase sei. Da seien beide aufs Geratewohl zugelaufen, bis sie auf eine Straße und zu einem Hause gekommen; dort habe er eine alte Frau herausgeklopft mit großen Mühen, um sie zu fragen: wo er sei? Die habe ihn lange angesehen und endlich auf die zweite Frage ihm geantwortet: das säg si ihm nit, er well si nume für e Nar ha; das wüß er so gut als sie, das wüß doch ja e-n-iedere Löhl u e-n-ieders Ching, daß das Gytiwyl syg. Nun habe er an mich gedacht, und gedacht, er finde da am besten einen warmen Ofen, um sich zu trocknen, und könne darzu sein Versprechen halten, setzte er spöttisch hinzu. Er that ganz, wie wenn er zu Hause wäre, putzte vor allem seine Flinte sauber ab und stellte sie in die Küche hinaus, damit sie nicht anlaufe, zog dann seine Schuhe und Überstrümpfe aus und sagte: »Fraueli, thue mr die z'trockne, aber nit z'nach zum Füür; we mr se fürbrünnsch, su überchunnsch my Schnauz i ds Gsicht.« Und als er endlich mit allem fertig war, sagte er ganz ungeniert: »Fraueli, we d' mr öppis Warms mache chönntisch, su nämt i's.« Die Frau ging verblüfft hinaus und bald rief sie mir: »Peter, chumm, los neuis!« Draußen examinierte sie mich, wie ich zu diesem unverschämten Menschen komme und wer er sei u. s. w.; denn ich hatte Mädeli von ihm zu erzählen vergessen. Sie könne ihm kein Kaffee machen. DStaule Büri hätt ere welle Milch güh, aber dr Bur syg du drzue cho u heig's nit welle thue; er syg gar e wüeste Gythung; sür da d'inne lauf sie nit no a eys Ort, um sich lah abz'schnauze. I soll ihm's säge, es chönn ihm keis Gaffe mache-n-, es chönn kei Milch übercho. So böse hatte ich Mädeli noch nie gesehen. Mit schwerem Herzen sagte ich dem Gast das. Er lachte mich aber aus und sagte: Milch begehre er ja gar keine; mau solle ihm ihn nur schwarz bringen und Zucker dazu und ein gutes Glas Schnaps, aber Kirschwasser und nicht Bätziwasser; da lay er st nit bschyße wie dr alt Her zu R. siebe Jahr sy Vicari bschisse heig. Mit noch schwererem Herzen ging ich hinaus und sagte dem Mädeli das. Mädeli kehrte mir mit einer gewaltigen Mauggere den Rücken und brummte: ds Kaffee wolle es machen, wenn es sein müsse; aber für einen solchen Räuber oder Mörder laufe es nicht um Kirschenwasser und um Zucker aus. Da stund ich in der höchsten Verlegenheit zwischen der Küche und der Stube auf dem Tritt und wußte nicht, sollte ich hinein oder hinaus. In der Stube nüsterte ich lange in unserm Gänierli, nahm ein Körbchen, ein Druckchen hervor, stellte es wieder weg und nahm es wieder hervor, so daß endlich der Jäger mich fragte: was ich da suche; wir werden das Kirschenwasser doch nicht in einem Körbchen haben? »Nein, aber das Geld,« antwortete ich. Hellauf lachend antwortete er, es scheine ihm doch nicht; sonst fände ich welches dort; aber es werde mir gehen wie den andern Schulmeistern auch, daß ich alles hätte im Hause, nur nicht das, was man brauchen könne, und kein Geld, es zu kaufen. Damit warf er ein Stück Geld auf den Tisch und sagte, er sei nicht gekommen, um zu schmarotzen, sondern um bequem auszuruhen. Ich solle also nicht Gspässe machen und die Sachen holen; meiner Frau wolle er es selbsten sagen, daß er uns nicht lästig fallen wolle.

Als ich heimkam mit meinem Eingekauften, fand ich meine Frau nicht nur besänftigt, sondern ganz freundlich mit unserm Gast; derselbe sah sie auch mit ganz zärtlichen Augen an, sodaß ich nicht recht wußte, was denken, und es mir fast ward, als ob eine Laus hinter dem Ohr mich zu beißen anfange.

Als er nun so behaglich saß, sich gütlich that und uns zum Mithalten einlud, bedauerte er unsere Lage. Es gehe uns wie den andern Schulmeistern, sagte er; das thue ihm leid für uns, für die andern aber nicht; es geschehe ihnen allen recht. Es möge wohl hie und da einen geben, der es gut meine und sein Mögliches thue, aber nützen thäte keiner etwas und man müsse wohl dumm sein wie ein Bauer, daß man sie nicht abschaffe oder sie zu Säuhirten oder Profosen mache.

Natürlich machte mich das alte Lied wieder ärgerlich, Doch erwiderte ich nur ganz bescheiden, daß es allerdings Schulen geben möge, welche nicht wären, wie sie sein sollten; aber damit sei nicht gesagt, daß keine guten wären. – Er kehre nicht die Hand um, meinte er, für das, was eine besser sei als die andere. – Aber was er doch denke, entgegnete ich; ob er dann keine Religion mehr begehre, und ob Schreiben und Rechnen nicht auch vielen Leuten komod märe, vom Lesen wolle ich nur nicht reden? – Ja, das sei alles recht gut und schön; aber in der Schule lerne der Mensch doch weder das eine noch das andere. Alles, was man in den Schulen lehre, mahne ihn an Zahlpfennige. Kinder hielten sie für echte Dublonen; aber wenn Man sie für Dublonen brauchen wolle, so lachen einem die Leute aus. – Das wäre gspässig, entgegnete ich. Ich lehre doch die rechte Religion aus dem Fragenbuch und halte auf Beten, und fast alle Kinder könnten das Fragenbuch auswendig. Er solle nur einmal kommen und sie überhören; da sei es ihnen gleich, wo sie aufsagten, hinten oder vornen. – Das glaube er, lachte er; »sie verstehen hinten und vornen gleich viel davon. Kurzum, Schulmeister,« sagte er. »es ist doch so, ich habe es erfahren. Ich habe alles gelernt, was ein berühmter Schulmeister mich lehren konnte, war drei Jahre lang der Oberste, und als ich in die Welt hinauslief, war alles, was ich hatte, lauter Zahlpfennige, mit denen ich gar nichts anzufangen wußte, und in allen Dingen mußte ich von vornen anfangen. Entweder können die Schulmeister selber nichts, oder aus Mißgunst und Eifersucht lehren sie nicht recht und treiben nur den Narren mit einem.«

Mit dem Schreiben und Rechnen konnte ich nicht alles dawider haben; allein mit der Religion sei es durchaus nicht so, behauptete ich. Wenn man die in der Schule nicht lerne, wo lerne man sie dann, fragte ich. Auf die seien wir ja aparti glert und brichteten die Kinder darauf; ja es gebe Schulmeister, die mit der Gottseligkeit so genug zu thun hätten, daß sie gar nicht an etwas anderes kämen. – »Schulmeister, was ist Religion?« fragte er mich plötzlich. Da verging mir einige Zeit das Antworten und das Maul blieb mir offen stehen. Endlich ermannte ich mich und sagte: »He, Religion isch, we me Religion het u we me nüt Schlechts macht, u betet u öppe-n-o liest.« – »Ja, Schulmeister, du machst es gerade auch so wie die andern; so bin ich auch brichtet worden ungefähr. Und ich bin ein geschickter gewesen, e bsunderbare. Der Schulmeister hat gesagt, ein solcher sei bei Mannsdenken nie in der Schule gewesen; und mein Vater hat manchmal im Wirtshaus auf den Tisch geschlagen und gesagt: »G Landuogt cha mi Benz nit gäh, für-ne sellige mueß es e Donner vo Bern sy; aber we-n-er nit Weibel mueß werde-n-u Statthalter, su soll mi d. T. näh.« Ich konnte dem Schulmeister auch antworten, so wie er fragte, wie Schnupf, und blieb nie eine Antwort schuldig. Meine Mutter kam oft in die Kinderlehr, lehnte ihre dicken Arme über einander und hörte mit einem göttlichen Behagen zu, wie geschickt ich sei, wie ich allemal die letzten Sylben oder gar das letzte ganze Wort dem Schulmeister nachsagte, ohne zu fehlen. Und wenn sie heimkam, so sagte sie zu den Jungfrauen: »Üse Benz isch notti e Gschickte, i hätt's nit glaubt; er thuet bi wytem all dür; i glub dr Schumeister chönnt ihm nit so antworte; er cha alles unbsinnt.« Den nächsten Sonntag fragten dann die Jungfrauen auch: ob sie nicht in die Kinderlehr könnten ga luege, wie dr Benz 's chönn? Ob die Mutter es erlaubte, kann man sich denken. Nun hielt ich etwas auf meinem Ruhm, aber weiter dachte ich nicht; ich war der Gschicktisch und damit war ich mehr als zufrieden. Ich war ein großer, wilder, starker, übermütiger Baurensohn und dachte nicht von weitem daran, daß ich meine Religion außer in der Schule oder in der Kirche zum Antworten zu brauchen hätte, als etwa zu beten und niemere z'mürden. Ich fluchte, daß der Boden zitterte. Ich war hinter unsern Jungfrauen her, und wenn ich eine ergreifen konnte, so griff ich so weit ich konnte. Ich gehorchte den Eltern nur, was ich mußte, und gab der Mutter die schnödesten Worte und auch dem Vater schonte ich nicht; und je mehr ich das konnte, desto mehr meinten sie sich mit mir. Ich verdarb den Nachbaren manches, und wenn ich einen armen Bub prügeln konnte, so war das meine Burgerlust. Ich hatte gar von weitem keine Vorstellung, daß das die Religion etwas angehe; überhaupt dachte ich gar nie an Religion, als wenn ich antworten sollte.

Da warf mich das Schicksal ins Leben hinaus.

Mein Vater, ein abgerichteter Bauer, duldete keine eisernen Gabeln im Roßstall, weil er behauptete, man steche damit die Rosse oft, ohne daß man es wisse. Die hölzernen Gabeln waren mir aber zuwider; überhaupt wurde ich allemal böse, wenn etwas befohlen wurde. Ich nahm also, wenn ich misten oder die Streu zurecht machen mußte, eine eiserne Gabel und wurde darüber oft ausgeputzt, und der Vater hatte mir bereits manchmal gesagt: »Lue, Vueb, we d' mr das no einisch machsch, su lue de wi's dr goht; i schloh di mit sant dr Gable-n-unger dChrüpfe-n-ungere.« Einmal wollte mir ein junges Pferd nicht auf die Seite gehen, damit ich den Mist unter seinen Füßen wegnehmen und zurücklegen konnte; ich fügte: »Gang ume!« ich gab ihm mit der Gabel, allein es that keinen Wank. Ich fluchte mit ihm, schlug es stärker an die Seite; da schlug das Pferd auch nach mir und streifte mir glücklicherweise nur die Seite, warf mich aber doch in den Gang hinaus. Da übermannte mich der Zorn, und ob ich eigentlich schlug oder stach, ich weiß es nicht, kurz man sah die drei Gabelzinken in drei blutigen Wunden am Kreuz des Pferdes, das auch wie wütend schlug und in den Bahren hinaufspringen wollte.

Zu diesem Höllenlärm kam mein Vater. Auch ihn ergriff der Zorn, da er in meiner Hand die eiserne Gabel sah und auf des Pferdes Rücken die blutenden Wunden. Ein tüchtiger Schlag von ihm, begleitet mit vielfachem Donner, warf mich an die Wand zurück. Meine Wut war Berserkerwut geworden und meine Gabel kehrte sich gegen den Vater, Der aber, ein gewaltiger Mann, früher berühmter Schläger, griff mit seiner eisernen Hand mir darauf; sie flog aus meinen Fäusten, und nun nahm der Vater mich in die Hände. Wie ich biß und schlug und stüpfte, es war, als ob mein Vater fühllos wäre, meine Fäuste Seifenblasen, meine Holzschuhe Bernerweggli, meine Zähne Holdertoggeli. Er warf mich an den Ohren zwischen die Pferde hinein, drückte mir den Kopf in den Mist und schlug und trat mich, bis endlich der Mutter es gelang, ihn wegzuziehen und mich frei zu machen. Wie ich aussah, kann man sich denken. Ich wurde kurzweg zum Brunnen geschickt und dann solle ich mich fortmachen. Aber wie es in mir aussah, das kann sich niemand vorstellen. Eine Wut kochte in mir, heiß wie die Hölle. Ausbrechen offen durfte sie nicht; ich hatte meine Ohnmacht gefühlt; aber auf Rache sann ich, je gräßlicher je besser. Lange brütete ich im Gaden über Racheplänen. Haus anzünden, Vater erstechen u. s. w,, das waren die zwei Hauptgedanken, die sich mir im Gemüte wälzten. Fort wollte ich allweg; da bleiben – der geschlagene, mißhandelte Bub unter den Knechten und unter den Mägden – das war über meine Kraft. Als alles im Bette war, stund ich leise auf, zog meine bessern Kleider an, raffte all mein Geld, das ich im Schaf- und Taubenhandel gewonnen, zusammen und schlich mich hinaus, noch immer nicht mit mir einig, was ich thun sollte. Den Vater zu erstechen, hatte ich aufgegeben; das Haus hätte ich gerne angezündet, aber ich hatte kein Schwefelholz, und in die Küche zu gehen fürchtete ich mich. Ich versuchte, Stroh mit Schwamm anzublasen; allein es ging nicht. Aber etwas mußte doch gehen. Ich wußte, daß mein Vater oft mitten in der Nacht und jedenfalls am Morgen vor Tag um das Haus herum und in alle Ställe ging ohne Laterne. Ich deckte daher alle Mistlöcher ab und dachte bei mir: »I melem git's di ächt, du alte D. ? we d' nume-n-ersustisch, du wüßtisch de, wie's eim im Dreck isch.«

Dann lief ich fort in die weite Welt hinein, bis es Morgen war, an dem Gedanken mich ergötzend, wie der Alte schnopsen werde im Mistloch. Als es Tag war, da kamen die Gedanken: wohin, was anfangen? Zum Land aus wollte ich; denn im Lande hielt ich mich nicht sicher. Von Langenbruck-Kuhhändlern hatte ich gehört, daß in Basel das Loch sei, wo man zum Land aus könne. Dahin steuerte ich also.

Nun will ich meine Abenteuer euch nicht erzählen; das würde sonst gehen bis morn z'Abe oder noch länger. Ich will euch nur sagen, daß, weil nun kein Schulmeister da war, der mich fragte, keine Kirche, kein Fragenbuch, aus dem ich aufsagen mußte, ich gar keine Religion hatte. Ich war ein wilder, wüster Bube, der alles für erlaubt hielt, was er machen konnte, wo möglich ungestraft.

So kam ich endlich auf ein holländisch Schiff, das nach Batavia ging, als Schiffsjunge, nachdem ich mit Holzflößern den Rhein ab gefahren war. Die Reise ist lang und wegen den unruhigen Meeren gefährlich. An's Meer hatte ich mich bald gewohnt, an meinen Dienst auch. Da ergriff uns im indischen Meer ein gräßlicher Sturm oder Orkan, wie man sagt. Von dieser Gewalt, die da in der Natur tobt, hat man hier keinen Begriff. Wir glaubten alle uns verloren und jeder betete, was er wußte und so laut er konnte, damit der liebe Gott es höre im Donner der Wellen und im Sausen des Sturmes. An dem Rest eines Mastes, der zerbrochen worden war wie ein Schwefelholz, hielt ich mich fest, neben mir noch einer der Passagiere. Der betete aber nicht, und da glaubte ich, auch für ihn beten zu müssen, und betete daher um so lauter folgendes Gebet, das ich zu Hause des Morgens und des Abends beten mußte und das man auch zuweilen in der Schule betete; und wenn ich hinten aus war, so fing ich wieder von vornen an:

»Herr Jesus in der Kilchen saß, daß er mit seinen zwölf Jüngern das heilig Nachtmahl aß. Johannes sprach: Es ist guter Wein. Herr Jesus aber sprach: Es ist nicht Wein; es ist von meinem rosenfarben Blut; es ist für eure Sünden gut. Das sollet ihr essen und trinken zu meinem Gedächtnis. Herr Jesus aber sprach: Jetzt muß ich von euch gehen, schwere Zeit muß ich ausstehen. Die Juden nahmen ihn; sie hüben ihn, sie schlugen ihn, sie henkten ihn auf an ein Kreuz. Sie nahmen unsern lieben Herrn Jesus herab, sie legten ihn in ein steiniges Grab, in dem noch nie kein Menschenkind gelegen war. Der Herr Jesus aber sprach: Wer das Bet beten kann und alle Tag zweimal nüchtern spricht, und ihm sein heilig bitter Leiden nicht vergißt, dem wöll er drei Engel senden drei Tag vor seinem End; einen, der ihn weise, einen, der ihn speise und einen, der ihn führe ins Paradys und vom Paradys ins Himmelrych. Amen.«

So schrie ich Gott an wie wütend – und es half. Wir waren glücklicherweise nicht in den Bereich von Nissen, Felsen, Brandungen ec gekommen. Der Orkan sauste vorüber, die Sonne brach wieder hervor aus dem Wolkenmeer und besänftigte mit ihren kosenden Strahlen des Meeres Falten und Furchen, und ob solchem zärtlichen Streicheln wurde glatt wieder seine Stirne. Ich war wieder ganz buschauf und hatte mein Beten, und daß ich zu Gott gebetet und daß ich geglaubt, er habe Macht über den Orkan, schon rein vergessen, als der Passagier von gestern an mich trat. Er sah ganz aus wie ein Landvogt, nur viel nobler, und fragte mich: ob ich katholisch sei? – »Nein,« sagte ich. – Dann werde ich reformiert sein? – »Nein,« sagte ich. – »A so, also ein Lutheraner?« – »Nein,« sagte ich. – Da verlor der Mann seine Geduld, sagte einige Worte in fremder Sprache und fragte: »Wie heißest du dann und woher bist du?« – »Benz Wehrdi us dr Löhr.« – »Wo ist dann das?« – »Inne-n-a Basel, nit wyt vo Bern.« – »Zu was für einer Kirche gehörst du dann?« – »He, mr ghöre ga Häusiwyl z'Chile.« – »Was habt ihr dann da für eine Religion?« – »He, die, wo der Schumeister u dr Pfarrer is predige-n-u chingelehre,« – Endlich brachte er heraus, daß ich ein Christ sei und noch dazu einer, dem der Herr erlaubt habe. Mein Frager wußte zwar lange nicht, was das eigentlich bedeute. Nach langem Fragen nach unsern Büchern, nach der Kirche, wie sie aussehe und was in ihr vorgehe, brachte er endlich auch heraus, daß ich ein Reformierter sei. Aber auf alle Fragen über die Religion selbst konnte ich ihm kein Wort antworten. Das sei doch e dumme Tüfel, dachte ich; üse Schulmeister könne es anders. Der Mann war über mich nicht weniger verwundert und meinte: ich werde armer Leute Kind gewesen sein und keinen Unterricht genossen haben. Das wurmte mich und ich antwortete: er könne ja selber nichts. Der Mann lachte, dann sagte er: es müsse um Bern herum mit der Religion schlecht bestellt sein, wenn man dort nicht einmal wüßte, welche man hätte, und wenn man dem Namen nach reformiert sei und doch noch katholisch bete. Von da an beschäftigte sich der Mann, der an meinem trotzigen Wesen Gefallen fand, viel mit mir. Es kam heraus, daß ich mit Schreiben und Rechnen gerade so bestellt war, wie mit der Religion. Wie ich Fragen aufsagen konnte, ohne zu wissen, was sie bedeuteten, so konnte ich Buchstaben machen, wenn ich sie abschreiben konnte. Ich hatte hundert Heustöcke gerechnet, aber nie einen gemessen; darum hätte ich auch keinen auf Ort und Stelle ausmessen, ja ich hätte kein Klafter Holz in Schuhe auflösen können. Ich konnte also eigentlich rein nichts. Der Mann wußte auf dem Schiff und später zu Batavia, wo er eine bedeutende Anstellung hatte und mich zu sich nahm, so gut alles anzukehren, daß ich in tausend Verlegenheiten und am Ende zur Überzeugung kam, ich könne nichts. O, dachte ich manchmal, nachdem ich diese Überzeugung erhalten hatte, wenn doch unsere Schulmeister alle hier wären, oder wenn es doch der Regierung in Sinn käme, sie alle nach Batavia zu schicken; da könnten sie dann merken, was sie eigentlich wären. O, wenn ich an die zehn Jahre dachte, die ich in der Schule zugebracht, um nichts zu lernen, so rollte mir das Blut siedend heiß im Leibe herum, und wenn ich damals ein Schulmeisterlein in die Finger gekriegt hätte, wer weiß, wie es ihm ergangen wäre. Darum habe ich die Schulmeister so auf der Mugge, weil man nichts brauchen kann, was sie lehren. Sie wissen etwas halb oder zum Viertel, oder haben manchmal nur von weitem läuten gehört, und nun muß das arme Kind das schlucken, wie Kieselsteine, ein unverdaulich Zeug, das am gesundesten noch ist, wenn man es sobald als möglich wiedergeben kann. Was sie geben, ist und bleibt tot und erstickt. Sie können nichts, am allerwenigsten die Religion mit dem Leben verbinden und dadurch sie lebendig machen. Darum hat man gewöhnlich, je mehr Religion in der Schule getrieben wird, desto weniger, wenn man aus der Schule ins Leben kömmt. Freilich ist es auch merkwürdig, daß, sobald etwas Vernünftiges in einer Schule getrieben wird, die Leute zu schreien anfangen, man wolle keine Religion mehr und die Religion sei die Hauptsache. Und die Religion, welche diese Leute meinen, ist gar nichts anders, als der Deckel auf Geist und Leben, daß keines Luft bekommt, sondern hübsch erstickt bleibt. Es ist merkwürdig, wie alles stillschweigend sich die Hände bietet, um die Religion zu einem Deckmantel jeglicher Unvernunft, jeglicher Sünde zu machen, und wie die, welche am meisten darunter leiden, das sogenannte Volk, am meisten auf diesen unsaubern Deckmantel halten, am meisten schreien, wenn man ihn lüften will, und dann viele Lehrer den dreckigen Mantel, an dem so mancher Esel sein Maul abgewischt, für den heiligen, reinen Leib selbsten halten und ihn dafür anpreisen, gerade wie jener Küster, der mir einst eine wurmstichige Leiter von Tannenholz und eilf Seigeln zeigte und behauptete, das sei die wahre, echte Leiter, auf der Jakob die Engel vom Himmel und gen Himmel habe steigen sehen.

So erzählte der Jägersmann, aber viel weitläufiger als ich es hier sagen kann. Er führte eine Menge Geschichten an, wie es ihm erging in seiner Unkenntnis und wie manche Sünde er beging, ohne daran zu denken, daß die Religion sie nicht erlaube. Es wäre das alles recht lustig zu lesen gewesen und das Papier reute mich nicht; allein der Anfang der Schule rückt wieder heran und da muß ich pressieren mit dem Fertigwerden.

Ich wollte meine Sache aber noch nicht aufgeben und meinte, der Fehler könne doch vielleicht an einem andern Ort sein, als an den Schulen, und dann könnten die Schulen doch auch anders geworden sein, als sie zu seiner Zeit gewesen. Allein Wädeli brach unseren Streit ab mit der Frage: wie es ihm dort ergangen und wie er wieder hergekommen sei. Er erzählte uns das Ding kürzlich also: »Mein Herr machte mich nach und nach zu seinem ersten Diener und gab mir einen Lohn, um den manches Patriziersöhnchen, dem der Vater aus des Staates Tischdrucke ein Pöstlein als Sackgeld gegeben hat, mich beneidet hätte. Nach mehreren Jahren starb mein Herr in dem ungesunden Lande, nachdem er mich zu einer Anstellung noch bestens empfohlen hatte. Dort erwarb ich mir nun Vermögen und führte dabei ein gut Leben in doppelter Bedeutung; ich ließ mir wohl fein und zeigte im Leben, daß ich Religion im Herzen hätte.

Ich weiß nicht, wie es ging, aber meine Gedanken schweiften immer mehr ins Vaterland zurück; für mein Leben gerne hätte ich gewußt, wie es dort ging: ob Vater und Mutter noch lebten, wie die Brüder sich aufführten, ob die Schwester verheiratet sei? Saß ich einmal alleine des Abends auf des Hauses Dach, so rollte meine Jugend an mir vorbei, und wenn ich mich dachte als Weidbub, im Herbst sechs stattliche Kühe vor mir hertreibend, in der einen Hand die Geißel, unter dem andern Arm einen Bündel Späne: so konnte ich mich von dem in mir aufgehenden Bilde nicht mehr losreißen. Ich sah mich auf dem mächtigen Acker das Feuer anzünden, nachdem ich einige Zäune geplündert hatte. Mit einer eigenen Wollust fühlte ich die nassen Beine im nassen Tau und dann die wohlthätige Wärme des Feuers. Ich stahl wieder Erdäpfel auf dem ersten besten Acker zum Braten, oder Äpfel, und lockte nach und nach andere Weidbuben zu mir her. Da vergaßen wir die Kühe und die ließen es sich wohl sein auf dem Acker, auf dem das meiste Gras war, ohne zu fragen, wem er sei. Wir aber brieten, was wir hatten, prügelten uns, machten Spiele, Steckenwerfen oder Mattengraben, und ließen uns durch nichts stören, als wann zuweilen ein Bauer kam, auf dessen Acker die Kühe lustig weideten, uns das Feuer zerstörte, uns nachlief, um uns zu haaren, und, wenn er endlich atemlos absetzen mußte, ohne einen gefangen zu haben, uns nachrief: »Wartet nur, ihr Donnersbuebe, wen-n-i eine-n-erwütsche, fu will ig ihm's de ytrybe!« Und wenn ich mir die kühlen Nebel dachte des Morgens, wie alles verhüllt war, daß man kaum zehn Schritte weit sah, so fühlte ich den wunderlichen herbstlichen Nebelgeruch wieder in meiner Nase, und dann sah ich, wie der Nebel allmählich wich; ich sah eine Kuh nach der andern, einen Weidbub nach dem andern auf dem weiten Felde, sah, wie der Nebel sich immer mehr säumte, sah helle Risse in dem grauen Meere, sah an den Vorbergen wie an einer Leiter die Nebel höher steigen, sah, wie der blaue Himmel hervortrat, wie die Sonne ihr Antlitz zeigte hinter dem Schleier, und wie auf einmal der Schleier fiel und ihr Antlitz im alten Glänze strahlte, und wie die einzelnen Nebelwolken flüchtig durch den Himmel eilten und verschwanden, einem geschlagenen Heere gleich, das in der Flucht seine Rettung sucht. Und wie es dann so lieblich warm blieb bis am Abend, bis die Glocke Feierabend läutete im Dorfe und dann alle Weidbuben aufprotzten, ihre Feuer noch einmal hoch auflodern ließen und dann mit ihren läutenden Kühen läutend dem Dorfe zu zogen durch die Nebelchen durch, die auf einzelnen Matten emporstiegen. Sah, wie die Kühe, je naher sie ihrem Stalle kamen, um so schneller eilten, um der drückenden Milch los zu werden; hörte, wie sie von weitem dem Melker zubrüllten: sie kämen und er sollte z'weg sein; wie dann die Glocken munterer anschlugen und im ganzen Dorfe man nur die rufenden Kühe hörte und ihre Glocken, und zwischen durch die scharfe Stimme eines Weidbuben, der einem noch ungehobelten Kalb, das seinen Stall nicht wußte, die Dressur beibrachte. Wenn so ein Abend in meinem Geiste aufging, dann ward ich traurig; es ward mir ums Herz so eng und in den Augen so naß, daß ich laut auf hätte weinen mögen, und solche Abende gingen mir immer öfterer auf, und immer tiefer wurde der Schmerz und immer dringender die Sehnsucht, das noch einmal mit eigenen Augen zu schauen, noch einmal das Läuten der Kühe mit eigenen Ohren zu hören. Allmählich starb ich allen Geschäften ab und versank in ein stilles, tiefes Träumen, dem ich Tag und Nacht nicht los werden konnte; und dieses Träumen zehrte an meinem Körper, daß er einher wankte wie ein Schatten an der Wand und ein Kind mich hätte umwerfen können. Ich wußte nicht, wo es mir fehlte; kein Arzt konnte mir helfen. Sie redeten von allerlei, von schleichenden Fiebern und Fehlern in der Leber, dem Herz, der Lunge, der Milz und Gott weiß wo an allen Orten; und immer tiefer ward mein Sehnen und doch konnte ich nicht zu dem erlösenden Gedanken kommen. Da kam eines Tages, als ich eben wieder in meinen Träumen des Vaters Pferde in die Schwemme ritt, ein Bekannter zu mir, um Abscheid zu nehmen, weil er nach der Heimat gehe. Da ward es, als wenn ein heller Glanz mir ins Auge dringe, als ob ich in dichtem Nebel versenkt gewesen wäre und plötzlich die Sonne mir hervorbreche in aller Herrlichkeit, und diese Sonne war der Gedanke, der Entschluß – denn beides war eins –, nach der Heimat zu gehen.

Es fehlte mir nichts mehr, weder im Herz noch im Magen; alle Mattigkeit war entschwunden und machte einer rastlosen Hast Platz, meinen Entschluß auszuführen. Ich war ein ganz anderer Mensch und konnte gar nicht begreifen, daß das Heimgehen mir nicht früher in den Sinn gekommen. Aber wahrscheinlich war wirklich das Herz zu krank zu diesem Gedanken und er mußte von außen hineingeworfen werden. Nichts hinderte mein Weggehen als allfällig die Sucht, noch reicher zu werden; aber die fühlte ich, gottlob! nicht vor der Sucht, meine Kühe wiederzusehen, meine Nebel und meine Strohdächer. Ich hatte ein Vermögen gesammelt, das mich unabhängig machte; ich konnte es leicht los machen, und da ich um meine Besitztümer, meine Fahrhabe nicht lange märtete, so ward ich auch ihrer bald ledig und frei wie ein Vogel in der Luft. Aber leider war ich kein wirklicher Vogel, dessen Flügel ihn so schnell tragen über Land und Meer. Es schien sich alles gegen meine Hast verschworen zu haben. Den Ungeduldigen macht alles ungeduldig, dem Hastigen geht alles zu langsam. Die Winde wollten nicht wehen, die Wellen nicht rollen, die Segel nicht ziehen, und der Kapitän schien mir das alles erpreß zum Trutz zu machen. Und doch ward mir wieder so wohl, wenn ich dachte, daß ich jede Stunde meinem Ziele näher käme und jeder Morgen dem Morgen näher sei, an dem ich in der Heimat erwachen werde.

Endlich war die Seefahrt zu Ende, und als wir feste Erde unter den Füßen hatten, kein Meer mehr trennend zwischen mir und meinem Lande lag, da ward ich ruhiger und fuhr durch Deutschland herauf diesmal dem Bodensee zu. Als ich aber endlich von der Höhe über Lindau wieder hineinsah ins Schweizerland, als ich die gewaltigen Berge sah, das üppige Rheinthal mit seinem jungen, lustigen aber wilden Rhein, die grünen Appenzeller Halden und den großen Thurgauer Garten, und aus dem großen Ganzen wie freundliche Gesichter mir die blühenden Dörfer und Städte entgegen blickten, da schwoll mir das Herz und ich hätte einen Satz nehmen mögen über den weiten See hinüber, um den ersten besten Schweizer beim Kopf zu nehmen und wahrscheinlich Schläge zu kriegen zum Dank für meine Zärtlichkeit. Auf meiner Reise hatte ich mir oft den Kopf zerbrochen, auf welche Weise ich den Meinigen mich darstellen wolle; denn ich hatte auch manches Geschichtchen von dem Wiedererscheinen verloren gegangener und wiedergekommener Söhne gelesen. Bald wollte ich kommen als großer Herr in vierspänniger Kutsche, bald als Bettler in Hudeln, als Roßhändler, als Soldat, kurz in einer Menge verschiedener Aufzüge. Endlich entschloß ich mich für das Allereinfachste, nämlich zu kommen in dem Aufzug, in dem ich mich gerade befand. Auf der letzten Station (damals fuhren die Posten noch selten durch die Nacht in der Schweiz) konnte ich nicht schlafen. Vor meinem Bette war alles lebendig. Menschen und Häuser, Vieh und Land tanzten Stube auf und ab und rund um mein Bett herum. Endlich heiterte es durch die Scheiben; es brannte mich im Bette, und durchs Haus fuhr ich wie der böse Geist, wenn mich nicht mit Ketten-, doch mit Stiefelgerassel. Ich ruhte nicht, bis der Postillon auf war; der wollte aber erst etwas Warmes in Leib, ehe er fuhr; da mußte ich hinter die Köchin; die Köchin wollte aber erst von der Wirtin die Schlüssel, und bis alles endlich von einem jeden hatte, was es wollte, hatte ich von einem jeden, was ich nicht wollte, Schimpfreden, die ich mir aber bald mit einigen malayischen Phrasen vom Leibe hielt.

Wie mich doch zuerst die Kirchtürme heimelten und dann die Strohdächer, die, wie Nachtkappen tief in die Augen, tief in die Fenster hineingehen! Dann kamen Brücklein, unter denen ich gefischet oder gekrebst; Thürli, mit denen man Reisende geneckt; Bäume, wo ich Obst gestohlen oder Vögel ausgenommen, endlich ein Haus – aber es war ein neues, und unbekannte Gesichter in den Fenstern. Endlich kamen die bekannten Häuser, und die bekannten Hunde liefen bellend hinter der Postkutsche drein; es war mir, als ob ich jeden beim Namen hätte rufen mögen, und vor dem bekannten Wirtshause hielt der Wagen. Da lagen noch die gleichen Wedelen neben dem Hause; die gleiche hölzerne, abgelaufene Treppe führte zur Thüre, und wahrlich akurat die gleiche Stubenmagd, von der ich einst wegen tölpischen Zärtlichkeiten eine Ohrfeige erhalten hatte, kam heraus, die Züpfen noch in den Händen und sie zu Ende flechtend. »Go grüeß di, Eiseli,« rief ich und sprang ihr fast um den Hals. Das Mädchen sprang drei Schritte zurück und sagte: »Herr Jeses, woher chennet ihr mi, i ha euch nie gseh?« Da fiel mir auch ein, daß das achtzehnjährige Bernermädchen keine Bekanntschaft von mir, wohl aber die Tochter meiner alten handfesten Freundin sein könne, und so war es auch. Nur war das junge Mädchen viel freundlicher als die Alte, und in der saubern Bernertracht kam sie mir ganz allerliebst vor, und als sie noch das Schaubhütchen aufsetzte, um eine Verrichtung zu machen, da hätte ich das Mädchen küssen mögen, wenn ich nicht eine Ohrfeige gefürchtet hätte. Wenn die reichen Tonangeberinnen und die ärmern Affen wüßten, wie häßlich die schwarzen und besonders die weißen Unfläte von Schlampihüten, manchmal mit Federn oder den wunderlichsten Bändern, ihren appetitlichen Gesichtern stehen, wie lustig sie aber in den Schaubhüetlene sind und wie lieb sie einem darin werden können, wahrend man sie in den andern nur auslacht, sie würden ihre Schlampihüet den Hühnerträgeren oder den Langenthaler Schwefelhölzliweibern verehren und die Schaubhüetleni wieder aus den Spycheren oder Tröglene erlösen.

Der Wein des Wirtes war noch akurat gleich geschwefelt wie vor zwanzig Jahren und war kurioser Weise in diesen Jahren auch gar nicht alter geworden. Aber nun klopfte mir doch das Herz, so nahe den Meinigen, und ich wußte nicht recht, ob ich zu ihnen gehen oder sie herbescheiden solle, und bald wäre ich umgekehrt. Die Eltern waren gestorben, die Güter geteilt, die Geschwister verheiratet; soviel vernahm ich von meinem hübschen Meitschi, das, heimgekommen, gwundrig und doch scheu um mich her strich und allerlei wissen wollte, was ich ihm nicht sagen mochte. Endlich bei einbrechender Dämmerung ging ich dem väterlichen Hause zu, auf dem Wege noch manchen Menschen erkennend; dort aber erkannte mich niemand. Als ich mich meinem Bruder als sein Bruder vorstellte, sagte er kaltblütig: »GZ wird öppe nit sy; we da no lebti, er war längste-n-umecho, wo-n-er ghört hätti, dr Alt war gstorbe u-n-es gab öppis z'teile.« Ich stellte ihm vor, daß ich gar weit gewesen und davon gar keine Kunde hätte erhalten können. »Das soll i-ne de nit brichte;. dr Vatter syg e bchannte Ma gsi u-n-es heige das neue-n-all, Lüt vrnoh, daß er gstorbe syg. Es chönnt ihm da e-n-iedere säge, er syg sy Brueder.« Ähnlichen Bescheid erhielt ich allerwärts; nirgends wollte man mich anerkennen in der Verwandtschaft. Man begehrte nicht, noch einmal mit mir zu teilen, und für mich hatte man nichts bei Seite gethan, sondern meinen Tod angenommen. Alles das, was ich von meiner Jugend und Vater und Mutter zu erzählen wußte, sollte ich von mir selbst gehört haben und nun, um dieser Kenntnis willen, mich für den gestorbenen Bendicht Wehrdi ausgeben.

Das war unsinnig. Denn wie hätte mir Benz Wehrdi den Pflaumenbaum zeigen können, von welchem er einmal seinen Bruder hinuntergeworfen? Wie wäre es ihm eingefallen, mir zu erzählen, in welchem Stalle wir die Kaninchen gehabt und mit welchem Bruder ich gemeinsam gehandelt, oder wie lange einer an den Fragen auswendig gelernt und an welchen Stellen das eine oder das andere von uns durch den Vater abgeschlagen worden sei? Aber denn doch fanden sie mehr Glauben als ich, und selbst der Schulmeister, den ich daran mahnte, wie manchmal ich für ihn die Rute geführt und wie er sie mir einst auch gegeben, als ich Statthalters Anne Bäbeli im Schopf küßte und ihm verraten worden war, verleugnete mich. Das sei freilich wunderlich, hieß es; allein ich sei doch der Benz nicht; ich gleiche ihm ja gar nicht. Der habe keinen Schnauz gehabt, aber schön rot und weiße Haut, und sei fast einen halben Schuh kleiner gewesen; oder wenn ich ihn sei, so solleich es beweisen, solle den Heimatschein zeigen, wenigstens den Taufschein. Daß ich keins von beiden mitgenommen, wußte man gar wohl. Ich suchte rechtliche Hülfe. Da gab es Erscheinungen auf Erscheinungen, wir wurden herumgezogen, und an die Erscheinungen kamen die beiden Advokaten in einer Chaise.

Ich war endlich genötigt, beim holländischen Gesandten Schutz zu suchen. Da nahm, ich weiß nicht, wie es kam, meine Sache eine günstigere Wendung. Ich wurde als Bürger von Küngiwyl anerkannt, und in einem Verglich erhielt ich ein Teilchen des väterlichen Vermögens, von dem, wenn es recht gegangen wäre, gleich ein Teil für mich hätte abgesondert werden sollen.«

Während der Jägersmann also sprach, war meine Mutter heimgekommen und hatte mit großer Verwunderung das Traktement gesehen. Die Verwunderung verwandelte sich aber alsobald in ihrem Gemüte in Bitterkeit und Ärger, daß man einem fremden Menschen so aufwarte zu ihrer eigenen Verkürzung. Sie schnauzte meine Frau ab, als die ihr auch anbot von allem; sie hustete in alle Reden hinein expreß und brummte stichelnde Worte und stieß den Hund, der beim Ofen lag, mit dem Fuße, daß er zornig auffuhr; und mein Weibchen blieb die Geduld selbst und verzog auch nicht eine Miene. Der Jäger sah mit scharfen Blicken dem allem zu, während er erzählte; und als er fertig war, sah er nach dem Wetter sich um, und als er es besser fand, machte er sich zur Abreise fertig. Unserem Knaben drückte er noch Geld in die Hand, dankte meiner Frau gar manierlich; der Mutter aber sagte er, sie solle sich bekehren, ehe sie sterbe, und mich nahm er noch durch das Dorf mit, um den rechten Weg daraus zu finden; denn es war gar verirrlich.

Nun fragte er mich Näheres über meine Umstände, die sehr armütig sein müßten. Ich berichtete ihm offenherzig meine Armut und die Unmöglichkeit, trotz aller Mühe mich mit Ehren aufrecht zu erhalten bei meinen Ausgaben. Er sagle, das sei der Fluch, der auf den Schulen liege. Man wolle Schulen; aber der Bauer so wenig als der Schulmeister wüßten, was eine Schule sei, und die, welche es wüßten, sagten es nicht, und man halte nur Schulen um des Anstandes willen. Der Bauer lasse den Schulmeister verreblen am Leibe und der Schulmeister des Bauren Kinder am Geiste; der Bauer behaupte, der Schulmeister verdiene nicht mehr, und daran habe er recht; und der Schulmeister sage, für solchen Lohn lehre er noch lange gut genug, und darin habe er recht und unrecht; denn eine solche Lehre verdiene eigentlich gar nichts. Der Bauer sei nicht gescheut genug, den Lohn hoch genug zu setzen, um dann etwas Besseres begehren zu können, und der Schulmeister zu dumm und hochmütig meist, eine Lehr zu beginnen, für die er anständige Besoldung fordern könne. »So sperren sie gegen einander an den meisten Orten, und wenn nicht ein Drittmann hineingreift, der für beide Verstand hat und beiden Verstand macht, so kömmt es nicht gut.«

»Du bist ein guter Baschi,« sagte er, »und ich glaube, du könntest, wenn du wolltest, etwas in der Schule leisten. Wenn du z. B. die Religion, welche deine Frau hat, in der Schule lehren wolltest, so würde dies mehr abtragen als all dein Firlefanz. Die kann mich dauren; du hast ein böses Räf von Mutter, und ich habe gesehen, wieviel die Frau leiden muß und mit welcher Geduld sie es thut; und sie ist nicht bloß etwa geduldig vor den Leuten; die kann ihrem Gesichte nach nicht heucheln, und ich will wetten, daß die mich besser verstanden hat als du, wenn du schon Schulmeister bist. Doch wird sie nicht mehr lange zu leiden haben; deine Mutter stirbt, ehe das Neujahr da ist, und dann seid ihr vielem ab.« Dann schritt er von mir weg durch den Schnee fort, nachdem er noch versprochen hatte, wieder bei mir zuzusprechen mit Gelegenheit.


 << zurück weiter >>