Jeremias Gotthelf
Leiden und Freuden eines Schulmeisters – Zweiter Teil
Jeremias Gotthelf

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Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Wie ich wieder etwas zu merken anfange und namentlich, daß ein neuer Pfarrer gekommen.

Es ist wohl schon manchem begegnet, daß er bei stillem, ruhigem Wetter in fein Stäbchen ging und da in Arbeit oder süßen Schlummer sich vertiefte; und wenn er wieder aufsah, daß er Windeswehen hörte, daß er Regen strömen sah oder Schneeflocken wirbeln in der verfinsterten Luft. Manchem ist akurat das Gegenteil begegnet und wenn er am süßesten schlief an einem vermeinten trübseligen Nachmittag, rüttelt ihn die Frau beim Arm und führt ihm zu Gemüte, daß das Wetter gar schön und heiter geworden und daß es ihm wohl anstehe, sie spazieren zu führen oder zu fahren, je nach Stand und Vermögen. Eine Burgersfrau hat dabei vielleicht noch Strübli in der Engi oder im Zehetermätteli, oder ein Hähnelischünkli im Auge, die Vornehme nur die Toilette; vor gemeinen Leuten etwas Gutes essen, würde gemein machen. Halb oder ganze Götter essen nur Ambrosia und trinken nur Nektar, und beides findet man weder zu Almendingen noch in der Joliette, und wenn man vielleicht auch mit Minderem vorlieb nehmen muß, so soll es doch niemand sehen, wo bliebe sonst der Respekt?

Doch, um gerecht zu sein, gehen auch viele Weiber aus beiden Klassen nicht bloß einem Strübli oder einem Shawl zu lieb spazieren mit ihren Männern, sondern um des Mannes selbst willen, um ihn einmal allein zu haben, um ein vertraulich Wort mit ihm zu reden, um zu wissen, wo er ist, um ihn zu zeigen, um ihn zu quälen oder ihm etwas abzuläschlen; und viele aus einem dunkeln Gefühl, daß ihre Herzen sich gegenseitig verschlossen und die innige Traulichkeit nicht mehr sei, aus einem tiefen Sehnen, das eigene und des Mannes Herz aufgehen zu lassen an der Sonne. Die armen Weibchen schleppen nun die zugefrornen Herzen so oft als möglich an die Sonne. Ach, arme Weibchen! das hilft euch wenig, das ist nicht die rechte Sonne dazu!

Also ändert sich oft das Wetter, von uns nicht bemerkt, und ein ganz anderer Himmel schaut auf uns herab, wenn wir wieder aufsehen. So geht es uns aber auch im Leben. Es gibt Zeiten, wo Verhältnisse, Umstände, Stimmungen uns einspinnen, so daß wir von der Welt und ihrem Wechsel wenig oder gar nichts wahrnehmen. Wir haben nur Sinn für eine Sache und selbst das nächste fällt uns nicht auf. So geht es Verliebten, so geht es auch Eiteln, so geht es Glücklichen und Unglücklichen. Wer gar mühselig ringen muß ums tägliche Brot, wer Tag und Nacht Schulden oder Mangel nachsinnen muß, wer beständigen Reizungen ausgesetzt ist, wem häuslicher Zwiespalt alle Augenblicke den innern Frieden stört, dem wird gerne der Nacken niedergebeugt, der kann nicht mehr aufwärts schauen, nicht mehr rund um sich; der sieht nur seine Not und seine Bedrängnis; und wenn man ihm anderes auch dicht vor Augen stellt, er achtet es nicht, und wenn man ihm auch die Nase darauf stößt, so sagt er höchstens: uy, und greift nach seiner Nase; aber die Sache selbst erregt seine Teilnahme nicht. Da kann rings um ihn vorgehen, was da will; wenn nur das Brot nicht aufschlägt, wenn nur die Erdäpfel wohl geraten. Wenn nun der Druck der Verhältnisse nachläßt, wenn die Stimmung sich auflöst und er wieder auf und rund um sich schauen kann, dann steht er sich verwundert um, denn es ist um ihn anders geworden; da sieht er den Wechsel der Welt, und daß Altes vorbei-, Neues herbeigerauscht sei, und eine Weile geht es, bis er weiß, wo er ist und bis er begriffen hat, was um ihn ist.

Es ist wunderlich, daß Regenten gar oft in diesem Zustande sich finden und gar nichts mehr sehen und schmöcken, als wer vor ihnen sich beuge, ihnen »Ja, ja« sage mit demütiger Gebärde; und wieder, wer ihnen den Sitz im Sattel bewahren könne! Und faßt einer auch das Herz in beide Hände und stößt ihnen die Nase auf etwas Anderes, so greifen diese nicht nach der eigenen Nase, sondern nach dem ganzen Kopf des Frevlers. Darum übernimmt gar manchmal Gott selbst die Mühe und stößt ihnen die Nase auf, daß es kracht. Aber wenn sie dann auf dem Trocknen sitzen, dann sehen sie, daß es ganz, anders geworden und sie Lümmels gewesen, und dünken sich, wie weise sie jetzt wären, wenn sie wieder im Sattel säßen. Doch auch nicht einmal alle würden so weit sehen, sondern nur so weit, daß es sehr fatal sei, auf dem Trocknen zu sitzen, und daß, wenn sie einmal wieder im Sattel säßen, sie viel längere Sporen anschnallen wollten, um damit sich festzuhalten. So die einen. Während andere Abgesetzte sich nach Mänteln umsehen würden, die, ohne daß der Träger den Verstand dazu braucht, von selbst nach jedem Winde sich drehen und bei jeder sogenannten Lebensfrage nach dem Kredite flattern. Nun bin ich freilich kein Regent, sondern nur ein Régent, aber Regent und Régent haben eine verdammt auffallende Ähnlichkeit mit einander, die ich mir an einem andern Orte auseinanderzusetzen vorbehalte.

So z. B. wußte auch ich, in meine Finanznot und in die Unbehaglichkeit unseres Zusammenlebens versunken, nicht, was um mich vorging, und wenn es sich mir schon aufdrang, so wußte ich denn doch nicht, was es eigentlich sei und was es bedeute.

So hatten mir z. B. einen neuen Pfarrer bekommen und der alte war weggezogen, weil er sagte, mit diesen Leuten sei nichts anzufangen; er habe es auf alle Wege probiert und er wolle doch nicht sein ganz Leben an sie verschwenden. Aber die Änderung war mir gleichgültig geblieben und die Verschiedenheit zwischen beiden fiel mir nicht auf. Nun atmete ich allmählig frischer auf. Wir waren freier in unserem Stübchen, konnten uns ungestörter mitteilen, was uns auf dem Herzen lag, waren ganz Meister über unsere Kinder, waren ruhiger vor unsern Nachbaren und wurden sogar von ihnen besser gewürdiget. Manche Frau hatte, während sie die Mutter besuchte, allerlei gesehen, das sie auf bessere Meinung brachte von uns, und diese Meinung sprach sie seit der Mutter Tode aus. In Not waren wir noch immer und wußten dem Rückständigen fast nicht zu begegnen; aber wenn auch ein Übel groß genug ist, um einen Menschen zu Boden zu drücken, so scheint es leicht, wenn man noch ein Übel dazu gehabt hat und diesem nun los geworden ist. Ein Schimmer von Behaglichkeit glomm über meiner Seele auf und in ihr fand sich wieder Platz für allerlei Gedanken und Wahrnehmungen.

So fiel mir z. B. jetzt unser Pfarrer auf. Ich konnte mich gar nicht auf ihn verstehen und die Bauren auch nicht; man wußte nicht recht, sollte man ihn für recht dumm und schwach halten oder für etwas Anderes.

Die Bauren hatten geflucht, als der frühere Pfarrer fortging. Dem hätten sie es greiset und ihn gschweyget; er war afe witziger worde u hatt gwüßt, daß er nit Meister syg und si nit syni Narre, u daß er nit mache chönn was er well. We jetzt wieder e Neue chömm, su fay dPlag wieder a u sie werde ihre liebe Not ha mit allem dem Neuen, was einem neue Pfarrer z'Sinn chömm. Es well geng e-n-iedere witziger sy als dr anger. Aber sie welle's dem o reise; dä müeß o wüsse, daß sie selber Meister syge u sie welle-n-e bald witziger gmacht ha. Aber der Pfarrer wollte gar nichts Neues, als feste Ordnung in das, was bereits war. Er drängte sich nirgends auf; es schien manchmal, als ob ihn alles nichts anginge, als ob er um nichts sich kümmere. Doch war er dienstfertig, und was von ihm begehrt wurde, machte er ausgezeichnet gut. Er war freundlich und man sah ihm den Pfarrer fast nicht an, so daß viele keinen Respekt vor ihm hatten und meinten, sie könnten mit ihm machen, was sie wollten; aber sie rannten übel an und versuchten es nicht zum zweitenmal. Darüber sahen die Leute sich ganz verwundert an; es wurde ihnen fast unheimlich um den Pfarrer herum. Sie ahnten eine geheime Kraft im Pfarrer, eine bestimmte Absicht, und wußten nicht, wo sie hinaus wolle, auf welcher Seite sie sich zu hüten hatten. Die einen behaupteten: das sei von den Schlimmeren einer, vor dem müsse man sich hüten; die andern meinten, viel in Sinn komme ihm nicht, und dann sei er zu vornehm, um sich mit ihnen abzugeben, und diese Partei wurde immer größer, je länger der Pfarrer ruhig blieb. Ja, die Bauren wurden am Ende unwirsch und fluchten in den Wirtshäusern: sie hätten einen Pfarrer, sie wüßten gar nicht warum; er möge sich gar nicht mit ihnen gmüyen und nehme sich gar nicht den Sachen an; da seien sie übel versorget mit eme sellige. Dr Vorig syg-ne afe vrleidet gsi mit sym Gchähr; aber sie wette doch no lieber e Chähri als so-n-e Stock, dä gar nüt säg u dä me nüt für e Nar ha chönn. Gegen uns Schulmeister war er freundlich. In der Schule gab er sich viel mit den Kindern ab, und machte uns damit gar böse, daß er gar oft sie nach etwas fragte, das sie nicht wußten, und wenn mir dann dazwischen traten und mit sieben Gründen belegten, daß man das gar nicht machen könne mit den Kindern, so sagte er uns, es sei möglich, daß es so wäre; aber gut wäre es doch, wenn sie etwas davon wüßten. Am besten fuhr er mit den Unterweisungskindern, und wir wurden nicht wenig schalus, daß sie ihn besonders lieb gewannen und die größte Freude an seinen Unterweisungen hatten.

Dabei war er beschlagen in gar vielen Dingen und die Bauren konnten sich nicht sattsam verwundern, wenn sie bei den seltenen Gelegenheiten, wo sie mit dem Pfarrer ins Reden kamen, merkten, daß derselbe sich auf ihre Sachen verstünde, wie sie es keinem zugetraut, wie er z. B. wüßte, daß ein Pferd seine Bläste nicht unter dem Schwanz, sondern an den Beinen hätte, und daß der Roggen schwerer sei als das Korn. Als dem Pfarrer einst einer eine uralte Kuh, die der Helvetik hätte Gotte sein können, für eine mit dem zweiten Kalbe verkaufen wollte und von ihm abgetrümpft worden war, polterte selbiger gar ärgerlich auf Straßen und in Wirtshäusern: die d. Regierig brauche ihnen dann keine Pfarrer zu schicken, die man auch für Kuhhändler brauchen könnte. Die Bauren halfen mit fluchen und begehrten auf: es sei sich nicht zu verwundern, wenn er nicht gelernt habe, was ein Pfarrer thun solle, da er mit den Kühen genug zu thun gehabt. Und doch kriegten sie Respekt vor ihm, trotz ihrem Aufbegehren. Er mißbrauchte seine Kenntnis nie; sie kam nur ganz von ungefähr an Tag und nie hörte man, daß er mit einem Metzger über die Schwere eines Kalbes gewettet hätte.

Wenn ich nun den Pfarrer, der doch in einem Schulmeisterleben vorstellt, was Essig in einem Salat, beachtete und nicht nachdachte, was seine Erscheinung mir bringen könnte, so kann man sich wohl vorstellen, daß mir noch eine Menge anderer Dinge nicht auffielen, die um diese Zeit ins Leben traten und sich gestalteten.


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