Jeremias Gotthelf
Leiden und Freuden eines Schulmeisters – Zweiter Teil
Jeremias Gotthelf

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Vierundzwanzigstes Kapitel.

Mie man einen Junggesellen begraben that und nota bene einen reichen.

Einst mußte ich einem reichen alten Junggesellen eine Leichenrede halten.

Eine reiche Leiche ist für ein ganzes Dorf wichtig, nicht nur die Rede für den Schulmeister. Wenn an einem Ort ein Tier gefallen ist, so wittern Raben und Geier es Stunden weit und ziehen hin in schnellem Fluge mit heiserem Gekreisch; wenn an einem Ort ein reicher Mensch gestorben ist, so ist, als ob das Gefühl davon (denn fast unglaublich ist, daß die Kunde so schnell überall hin dringe) über die ganze Bettlerklasse komme fast wie ein elektrischer Schlag. Und ehe noch die Leiche ganz erkaltet ist, ehe der erstarrte Leib sein letztes Kleid, das Leichengewand, empfangen hat, ehe die Hinterlassenen es dahin gebracht, ihre Freude zu verstecken oder ihrer Trauer Zügel anzulegen, ziehen bereits Bettlerscharen heran, die Unverschämtesten voran, und fordern, wie ein Recht, wie ehedem die Twingherren den Totenfall, die Kleider des Verstorbenen ab. Sie kommen nicht nur aus dem gleichen Dorfe, sondern jeder, der vor dem Trauerhause aus der Hand des Verblichenen je eine milde Gabe empfangen, meint damit auch ein recht erhalten zu haben an die Kleider seines Wohlthäters; und mancher, der bei einem Lebenden zu betteln für Schande hält, glaubt bei einem Toten sich nicht schämen, sondern nun von Rechtes wegen fordern zu dürfen, eben weil er im Leben nichts erhalten. So rennen sie wie bei einer Feuersbrunst dem Hause zu, als ob Preise für die Zuerstkommenden ausgesetzt wären. Und wenn man sie mahnt auf dem Wege, zu warten bis nach der Begräbnis, so höhnen sie und laufen; und wenn beim Hause dem ungestümen Schwärm ein Mensch entgegentritt mit geschwollenen Augen, zusammengefallener Gestalt, und mit gebrochener Stimme bittet, daß man doch seiner einstweilen schonen möchte, wenigstens bis nach dem Leichenbegängnis, so entsteht ein Brummen rund um ihn, wie von Hunden, wenn man ihnen den Fraß aus den Zähnen reißen will. Hat er dann endlich unter tausend Schmerzen den Tag überstanden, wo er den teuern Leib der Erde geben mußte, die Gewißheit ihm wurde, daß die geliebte Seele nicht mehr in demselben gebunden, sondern in freie Räume entschwunden sei; hat er am Abend endlich in Mattigkeit die müden Augen geschlossen, manchen bittern Traum gekostet, und schlägt er am Morgen die naß geweinten Augen auf in die unaussprechliche Leere hinein, in der ihm sein Leben zu schwimmen scheint wie der Balken eines zertrümmerten Schiffes im Ocean, so hört er hoschen draußen an der Thüre ungeduldig schnell hintereinander, und draußen steht schon der ungeduldige Schwärm, fordert Einlaß und Halten des Versprechens ungestüm. Und der Arme muß auf, muß die Kleider des geliebten Geschiedenen Stück für Stück in die Hand nehmen, muß tausend Rückerinnerungen bei jedem Stücke mit blutigem Griffel in die Seele sich graben lassen, muß weggeben, was er so gerne behalten hätte, nicht um des Wertes, sondern um der Erinnerung willen, muß es mit unzufriedenem Gesicht mustern und gegen die Sonne drehen, muß es übergehen sehen an ein widerwärtig Gesicht, muß am Ende schnöde Worte hören, und wenn er nicht jedem wollüstigen, nichtsthuenden, vollbrüstigen und dickgefressenen Mensch gibt, oder nicht, was seine Dreck-Seele gelüstet, so muß er Vorwürfe hören, daß es nach Gunst gehe und nicht nach Recht, und noch anderes, was ihnen in ihre schmutzigen Mäuler kömmt, als ob sie rechtmäßige Ansprache an die Verlassenschaft hätten. Und dieser Pein unterwirft man sich gutmütig, und solches Recht erringt sich die Unverschämtheit.

O Gott, die Armen! Erbarmen muß man wohl mit ihnen haben; aber Geduld mit ihnen zu haben, das fällt wahrlich mancher Christenseele schwer! Und in diesen Nöten fragt man sich, ob dann eigentlich Geduld sein müsse, ob eine tüchtige Portion Ungeduld, der tüchtigen Portion Unverschämtheit entgegengesetzt, nicht vielleicht viel heilsamer wäre? Aber nicht nur bei solchen Bettelleuten schlägt die Kunde ein, es sei ein reicher Mensch gestorben, sondern bei der ganzen Dorfschaft, anders jedoch an verschiedenen Orten. An den einen Orten ladet man eine ganze Dorfschaft, oder Oberdorf oder Unterdorf ec., zum Leichenbegängnis, und nur Verwandte oder Bekannte daraus zum Leichenschmause. Die nicht Eingeladenen zöttelen dann ganz kaput nach Hause und senden wehmütige Blicke nach den Glücklichen, die breit auf der Bsetzi vor dem Wirtshause stehen. Kömmt die Kunde eines Todes, so ergreift daher viele der ergreifende Gedanke: »Werde ich nur z'Chile oder auch ins Wirtshaus eingeladen?« An einigen von diesen Orten herrscht die Sitte, daß man aparti die Armen zu einem Schmause einladet und sie da ordentlich abfüttert nach alter adelicher Sitte. Manches alte bescheidene Mütterchen mit seinen schwankenden Zähnen kaut da mühselig sein Stück Kuhfleisch, erlabet sich an einem kleinen Stücklein Voressen und erinnert sich an seine schöne Jugendzeit bei einem Glase magern Seewein und lebt doch so wohl und glücklich, während andere, Junge und Alte, fressen wie hungrige Hunde und den Wein hinabgurgeln wie leere Fässer, und Speck und Voressen in ihre benasten Nastücher packen, und, wenn es Männer oder Bursche sind, in die Kuttentäschen, wenn es Weiber sind, in ihre Jepensäcke stoßen, daß es ihnen über die Beine abläuft aus den Säcken und am Ende über die Brust herab aus den Mäulern. Und morndrigen Tages räsonnieren sie, was das Zeug hält, über die Aufwart und die Gastgeber. Und das alte Mütterchen bedankt sich schönstens, entschuldigt sich, daß es so uverschant gewesen; aber ein Stückli Fleisch sei ihm gar seltsam und Wein hätte es schon manch Jahr keinen gehabt, und glücklich wankt es an seinem Stabe seiner alten Hütte zu und träumt glücklich und ohne Husten die ganze Nacht von Fleisch und Wein. Aber dem alten Mütterchen gibt niemand etwas mit. O Unverschämtheit, wie bist du so unverschämt! Nimmst alles für dich und räsonierst doch immer! Diese Unverschämtheit ist zu' oberst und zu unterst in der menschlichen Gesellschaft am unverschämtesten; aber an beiden Orten kömmt man damit auch am weitesten; doch heißt sie oben nicht Unverschämtheit, sondern nur eine edle Suffisance oder ein nobles air, heutzutage Selbstbewußtsein oder Vaterlandsliebe, Nationalsinn etc. etc. An andern Orten werden nur die eingeladen zum Begräbnis, denen man etwas geben will, entweder etwas Wein und Brot vor dem Leichenzug oder ein Mahl nach selbigem. Wenn der Schulmeister recht rührsam die Thränen aus den hintersten Winkeln hervorgepumpt und endlich Amen gesagt hat (entweder schon beim Hause oder dann in der Kirche), so beginnt er wieder: »I soll ech de fründlich yglade ha, nache-n-alli i ds Wirtshus z'cho u daß niemere hei gang.« Hier nimmt es dann jeden wunder, ob er nicht eingeladen werde zum Leichenbegängnis, und wenn man eine schwarze Scheube gegen das Haus kommen sieht, so sieht man es zehnmal lieber, als wenn einer kömmt mit einem schwarzen Hut; von wegen: die schwarze Scheube gehört der Leichenbitterin, der schwarze Hut einem Kindbettimann. Freilich entsteht dann in manchem Haus Streit, wer gehen soll. Der Mann will gehen, die Frau will gehen, die Tochter will gehen. Solcher Streit wird bald durch eine Kehrordnung, bald durch einen Gewaltspruch dessen entschieden, welcher im Hause den Pantoffel führt. Wie komod ist's dann für solche glustige Leute, daß man den Wein maßweise auf den Tisch stellt, statt jedem seine eigene Flasche zu geben! Ich begriff diese Sitte lange nicht. Es war mir manchmal unbequem, daß man mir nicht schnell genug einschenken wollte, wenn ich pressiert war, die Schule nicht aufgeben geben möchte und doch noch in aller Eile gerne das mir gebührende Quantum zu mir genommen hätte. So uverschant, die Maß immer zum Einschenken in der Hand zu haben, konnte ich nie werden.

Da wollte einer einmal recht herrschelig thun oder sparen, eins von beiden: der accordierte ein Leichenmahl, so daß jeder seine eigene Flasche haben solle. Das lief wie ein Feuerteufel durchs ganze Dorf, und mir gefiel es recht wohl. Ein ehrbarer Gerichtsäß, der gerne im Stillen seine Knöpfe machte, und der sich so listig glaubte, diese Knöpfe so fein machen zu können, daß sie niemand merke, der begehrte gar furchtbar auf, als er dieses vernahm. Er trinke nicht mehr als ein anderer, manchmal nicht einmal einen Schoppen; aber aus einer Flasche trinke er sy Seel nicht. Da könne einem ja jeder Narr abguggen, wie viel man trinke, u das syg öppis Neus, das er syr Lebtig no nie ghört heig, u we das so ga müeß, su well er sy S..l lieber nie meh z'Gräbd gah. Das Maßweiseaufstellen des Weines über den Tisch weg, so daß aus einer Maß mehreren und nicht immer den gleichen eingeschenkt wird, soll also eine Höflichkeit sein, eine Zusicherung, daß man getrost trinken solle, ohne daß jemand nachrechnen könne, was jeder trinke. Das begriff ich erst nach den Herzensergießungen des ehrsamen Gerichtsäßen.

Doch geschieht es auch, daß die Nachricht, jemand sei gestorben, den Wenigsten eine Freudenbotschaft ist, wenn auch das reichste Leichenmahl zu erwarten wäre. Wenn ein braver Mann gestorben, der vielen Vater war mit Rat und That, ein wahrer Gemeindvater, wie man ehedem die Vorgesetzten nannte: wenn eine Frau gestorben, deren Mund nie offen war zum Richten und Klatschen, deren Herz aber immer offen für jede Not, deren Hand offen war bei jeder gegründeten Bitte, die geduldig vieles trug und andern wenig zu tragen gab; wenn Menschen sterben, die nicht nur für sich, sondern auch für andere lebten, bei denen die göttliche Liebe durch die Rinde der Selbstsucht gedrungen war und sich zu entfalten begonnen hatte: dann zuckt ein Schmerz durch alle Herzen, welche diese Liebe gefühlt, und Augen, die Jahre lang vertrocknet schienen, und Zungen, die sonst von keiner Milde wußten, legen Zeugnis ab, daß die Liebe alles überwindet, selbst die Roheit, selbst den Neid, selbst jahrelange Angewöhnungen. Und wenn der schwarze Sarg vor das Haus getragen wird, so braucht der Schulmeister nicht mühselig an den Herzen zu nopperen, die rinnen von selbst; und ernst und feierlich und tief ergriffen wallt der lange Zug dem Friedhof zu, und schwer und schwankend voran der Witwer oder die Witfrau. Sie beugen tief ihr Haupt, und das gebeugte Haupt scheint zu sagen: Ach, Herr! du hast mich schwer getroffen, schlage nun nur zu und züchtige mich; habe ich das getragen, so trägt mein Geist ferners auch, und wenn mein Leib auch zerbrechen soll, ach Gott! so danke ich dir.

Und ernstlich und feierlich ist auch das Leichenmahl, und manche harthölzige Frau kaut ihr Schaf-Voressen, als ob es Hobelspäne wäre. Sie denkt: »Nei, bim D., das mueß mr angers gah. Myne lächereti's no, we-n-i sturb, u di angere Wyber möchte mr's alli gönne; aber i will-ne zeige, daß i so guet sy cha wie-ne-n-angeri; u-n-es müeßt der Tüfel thue, we si mr nit o nahpläre müeßte.« Auch die Männer schauen ernst drein und bedenken: was wohl gesäet werden möchte einst auf ihre Gräber, ob Thränen oder Flüche? Ach, es möchten alle einen guten Klang behalten nach dem Tode, und bedenken nicht, daß nur der Ton nach dem Tode wiederhallt, den man im Leben angestimmt hat.

Eine solche Leiche war aber die nicht, der ich noch ein Wort nachreden sollte. Es war ein reicher Junggesell gewesen wie es gar viele gibt. Er hatte sein Leben lang für sich gelebt. Er war sparsam gewesen gegen andere, und daß er etwas Gutes gethan oder gestiftet, hat man nicht von ihm gehört. Aber gegen sich war er nicht karg. Seinen mutmaßlichen Erben ward manchmal bange, und es dünkte sie, es sollte mehr vorgeschlagen werden können. Durch den Morgen nahm er sein Schlückchen und ein Stück Fleisch aus dem Kuchischaft; des Mittags aß er zu Hause nicht viel, nachmittags legte er sich ein wenig aufs Ohr; doch mußte ihn seine wohlgehaltene, geliebte, hoffärtige Haushälterin Salome wecken, wenn die gesetzte Frist verflossen war; denn zu lange wollte er nicht schlafen der Nacht wegen. Gegen Abend zog er ins Wirtshaus und ließ sich da wohl sein hinter zwei Schoppen oder dreien, Roten, nota bene, und die Wirtin hatte immer ein Transchli für ihn z'weg, das er beißen konnte.

Vierzehn Tage, nachdem er gemetzget hatte, ging er seinen Schweinen nach; man wollte sagen, ein schöner Säubrägel hätte ihn geliefert. Wie nicht bald einer, hatte er nach dem Grundsatze gelebt: selber essen macht feiß; darum war auch nicht bald bei einem sein Tod so unbeklagt, so willkommen; denn wer nicht liebt, wird auch nicht wieder geliebt. Seine Katze war die einzige Person, die ihn vermißte; selbst seiner Haushälterin war mit seinem Tode ein Stein ab dem Herzen gefallen. Es hatte sie schon lange nach einem jungen Manne gelüstet; aber den alten durfte sie nicht verlassen, wenn sie nicht ihr Legat verlieren wollte. Auch wollte sie bei seinem Tode zugegen sein; denn in diesen Augenblicken läßt sich etwas machen, wenn man den Pfiff versteht. Schon manchen haben einige bei dem Tode eines Menschen wohl angewandte Minuten wohlhabend gemacht. Die Erben sind oft nicht gleich bei der Hand, und wer sich nicht fürchtet, aus dem noch nicht erkalteten Hosensack die Schlüssel zu nehmen, kann bis zu ihrer Ankunft viel abweg machen. Fatal ist's, wenn der Verstorbene so plötzlich von hinnen gerufen wird, daß er für die, welche zunächst um ihn sind, nicht tcstamentlich sorgen konnte, und das geschieht oft; denn solche Leute testieren nicht gerne; sie hoffen noch der Tage viel. Aber auch da wissen schlaue Leute sich zu helfen. Sie schleppen den Gestorbenen in eine alte Rumpelkammer, und in das noch nicht erkaltete Bett legen sie einen vertrauten Knecht, setzen ihm die Nachtkappe des Gestorbenen auf und laufen nach Schreiber und Zeugen. Schreiber und Zeugen setzen sich an den Tisch am Fenster, rüsten das Schreibzeug und probieren, ob guter Wein in der weißen Guttere sei. Unterdessen berzet und stöhnt es im dunkeln Hintergrunde hinter dickem Umhang, und eine schwache Stimme fragt: ob der Schreiber nicht bald fertig sei? es gehe nicht mehr lange mit ihm. Der Schreiber nimmt häufig das Glas vom Munde nnd dagegen die Feder und läßt diese flüchtig übers Papier gleiten, aber immer halblinks schauend, wo das Glas steht. Da diktiert leise und hustend die Stimme hinter dem Umhange das Testament und der Schreiber schreibt, und freudig hören die Anwesenden, wie sie Erben werden von vielem Gut und Geld. Aber ein blasser Schrecken fährt über ihre Gesichter und faustdicke Flüche quellen ihnen im Halse, als die Stimme also spricht: Meinem getreuen Knecht aber, der mir so viele Jahre treu gedient hat, vermache ich 8000 Pfund. Der Schalk im Bette hatte sich selbst nicht vergessen und bestimmte sich selbst seinen Lohn für die gut gespielte Rolle. Er war aber noch bescheiden; er hätte sich ebenso gut zum Haupterben machen können und was hätten die andern sagen wollen? Man kann sich aber noch anders helfen. Man macht wieder, daß der Schreiber eben nicht gar scharf nach allem in der Stube sieht, läßt den Gestorbenen im Bette, steckt eine Hand unter das Hauptkissen und unter den Kopf. So fragt man ihn: »Ist es dein Wille, daß ich Haupterbe sei?« Der Kopf nickt tief ein Ja. Man frägt: »Ist auch dein Wille, den Armen 100 L. zu geben?« Der Kopf nickt wieder ein eifriges Ja. So geht es, bis das Testament zu Ende ist, dann läßt man den armen toten Kopf in Ruhe.

Wie es bei dem Junggesellen, von dem ich schreibe, zuging mit Testament und Erbe, weiß ich nicht, und was man muckelte, gehört nicht hierher. Ich vernahm seinen Tod auf der Straße von einem Nachbar und lief, so schnell ich konnte, ihn meiner Frau zu verkünden. Frau, sagte ich: »Ds Salomes Hannes ist endlich gestorben, denk doch! Das wird eine große Leiche geben; welche Leichenrede soll ich wohl nehmen? die von Cherubim und Seraphim oder die vom verlornen Sohn?« Ich hatte mehr als zwei Leichenreden, auch mehr als drei, nicht wie jener Schulmeister, der nur eine pfundige, eine für 10 und eine für 15 Btz. hatte und jedermann, der eine Leiche bei ihm angab, fragte, welche er wolle: ob die pfündige oder die zehn- oder fünfzehnbatzige? Allein für solche Anlässe, wo es niemand übel, sondern allen wohl ging und der Schulmeister doch vor dem zahlreichen Leichengeleite sich gerne hören lassen möchte, hatte ich nur zwei. Das ist eine Gelegenheit, zu zeigen, wer man ist; und eine rührsame Leichenrede kann einen Schulmeister weit und breit berühmt machen. »Du mußt auch mit ihm z'Chilche,« fuhr ich fort, »du hast lange bös gehabt und ich mag es dir gönnen, daß du doch eimal zu guter Fleischsuppe und öppe emene Stückli Bratis chunst.« – »Nein, Peter,« sagte die Frau, »ich komme nicht, ich kann das Hungerleiderwesen nicht leiden; ich will hundertmal lieber hungrig sein als hungrig thun vor den Leuten. Ich muß mich ohnehin allemal schämen, wenn die Leute ganz ungeniert es sich merken lassen, daß wir hungrige Leute wären und daß bei ihnen ein Schulmeister und ein Hungerleider das gleiche bedeute.« Ich wollte Mädeli verständlich machen, daß ich von Amtes wegen gehen müsse und eigentlich gar nicht unter die Leidtragenden zu zählen; daß ich allemal gehen müsse, was nicht billig sei, da in andern Häusern Mann und Frau miteinander wechseln. Das würden doch alle Leute begreifen, meinte ich, und niemand etwas Übels darin finden.

»Und ich komme nicht,« sagte meine Frau. »Ich könnte die Augen nie aufthun aus Furcht, es begegneten mir ein Paar andere Augen, die spöttisch die Bissen zählten, die ich esse, um zu erfahren, wie hungerig auch so ein Schulmeisterweib sei.« Sie habe es auch nicht wie andere Weiber, die ihren Männern alle Bissen nachrechnen, mißgönnen und nicht zufrieden würden, bis auch ihnen etwas geworden sei. Sie möge mir alles, was ich erhalte, von ganzem Herzen gönnen; ich müsse alles sauer genug verdienen; es gehöre mir von Rechtes wegen; wenn sie nur zu Hause bei den Kindern sein könne und zu essen für diese habe, so sei sie lange zufrieden. – »Nun, Mädeli, dich kann ich nicht zwingen; aber wenn du nicht willst, so schick mir doch den Peterli ins Wirtshaus. Gib ihm irgend einen Auftrag; wenn er nur in die Stube kommen kann, so bringen es ihm viele, und ein Stücklein Fleisch will ich ihm schon zustecken.«

»Aber, Peter, ich begreife doch wahrhaftig nicht, was du sinnest. Nein, den schicke ich dir auch nicht; willst du dann absolut einen Schmarotzer aus ihm machen? Es kann mich ärgern in den Tod hinein, wenn unsere Kinder so an die Kinder, welche während der Schule hier bleiben und ihre Zimbiß-Säckli auspacken, zustehen und ihnen in den Mund guggen und so glustig nach den rotbackigen Äpfeln oder der guten Milch schielen, die wir freilich ihnen nicht geben können. Es geht mir allemal ein Stich ins Herz, wenn die andern Kinder dann meinen, sie müßten unsern Kindern etwas geben und sich selbst etwas abzwacken. Ich kann gar nicht zusehen, wie unsere Kinder das nehmen und so hungerig essen. Ich habe es ihnen schon manchmal verboten und ihnen dargestellt, wie wüst das sei; aber es hilft alles nichts. Und jetzt willst du gar die Kinder noch dazu anführen und den Peterli, der ohnehin nicht ist, wie er sein sollte, mutwillig zu einem Schmarotzer machen und ihn lehren uverschant sein? Das kann ich nicht begreifen.«

»Aber, Frau,« sagte ich, »du nimmst doch alles gleich so spitz auf! Was wollte doch das dem Kleinen schaden? Und ein Glas Wein thäte ihm auch wohl; und eins mehr oder minder, was macht das den Erben? Und andere Schulmeister machen es auch so und lassen manchmal nicht nur ein Kind, sondern viere hintereinander aufmarschieren.«

»Höre, Mann, dich kann ich gar nicht begreifen. Du solltest doch wissen, daß man mit einem einzigen Mal bei den Kindern eine Gewohnheit anfangen kann. Heiße Peterli einmal kommen, so kömmt er dir das nächste Mal von selbst, und wie willst du es ihm abwehren? Peterli ist ohnehin schon so uuerschant und meint, es stehe ihm alles wohl an. Begreifst du nicht, was die Leute dazu sagen? Sie geben wohl dem Kinde Wein und stoßen ihm noch Eßbares in den Sack; aber sie denken doch dabei: üse Schumester isch doch e-n-arme Hung, und betrachten sein Kind wie ein ander Bettelkind. Auch,« sagte meine hitzig gewordene Frau, »kann ich die Schulmeister, welche solches thun, nicht begreifen. Sie sind so stolz und einbildisch, und dann wieder so niederträchtig und bettelhaft, daß ich mir das gar nicht erklären kann. Ich kann mir bloß denken, sie meinen, es merke es niemand, oder sie thäten so von rechteswegen, und ihre Kinder und Weiber hätten das Vorrecht, Schmarotzer zu sein. So ungefähr wie unsere vorige F. Landvögtin, die, als des Statthalters Frau zu V. ihrem Buben die Säcke mit Kannenbirnenschnitzen füllte, rief: »Frau Statthalters, lueget, da heit er no-n-e Sack vrgesse.« – So ungefähr, aber etwas krauser durcheinander, redete mein Weib, so daß ich verblüfft wurde und nicht fassen konnte, woher mein Weib alles habe. Ich wußte nicht, daß ein Weib, wenn es einmal seine Gedanken von den Nachbarsweibern und allfällig auch von seinen Kleidern abzieht und auf vernünftige Dinge richtet, ungeheuer viel unvermerkt in sich verwerchen kann.

So ward ich von meiner Frau aus dem Felde geschlagen und mußte allein hin ans Leichenmahl. Es war merkwürdig zu sehen, wie die Männer mit den schwarzen Mänteln unter dem Arme, den schwarzen Wollhüten auf dem Kopfe, die Weiber mit den schwarzen Scheuben und den aufgebundenen Züpfen, so leidlich anzusehen und dann doch so lustig und wohlgemut aussehend, herbei eilten aus allen Ecken und Tenn und Schöpfe des Hauses füllten lange vor eilf Uhr. Gar denkwürdige Gesichter machten die Erben. Auf der Stirne thronte das schönste Wetter, und seine Strahlen blitzten über das ganze Gesicht, und demohngeachtet wollten sie immer Regen oder wenigstens trübe Wolken heraufbeschwören. Ich wette, diese Gesichter hatten ihnen schon lange vorher Kummer gemacht. Sie fühlten, daß sie traurige machen sollten; sie wußten, daß sie fröhliche machen müßten. Aber so aufrichtig waren sie kaum wie jenes Mädchen, das bei irgend einem Anlasse weinerlich seiner Mutter klagte, der morndrige Tag mache ihm doch Kummer; es sollte weinen und fürchte, es nicht zu können. Die Haushälterin trocknete zuweilen einige Thränen ab; aber handlig ging es eben auch nicht. Die Katze stieg bitter mauend im Hause herum, mit aufgehobenem Schwanze an allen Thürposten sich reibend und grimmigem Gesichte, so daß jeder fürchtete, sie fahre ihm an die Beine. Und als ich am schönsten über meine Seraphim und Cherubim redete und eben ein altes Mütterchen das Nastuch hervorzog, weil es von weitem eine Thräne kommen fühlte, da kam die unglückliche Katze mit hohem Schweife, hässig mauend, wieder angestiegen, setzte sich mitten auf den Sarg, sah sich rund um und dann mir ins Gesicht. Mir wurde angst und bange; meine Cherubim und Seraphim stolperten übereinander, so schnell sie konnten, und sahen sich gar nicht nach Rührung um, sondern nur nach der Katze, die hoch oben auf dem Sarge faß. Erst als ich Amen sagte und den Angstschweiß mir von der Stirne wischte, trat die Haushälterin an die Katze, gab ihr einen Stoß und sagte: »Geyhst ache, du Hung!« Dann sahen grimmig beide einander an, und die eine ging hier aus, die andere dort aus. Den Sarg aber mit der Leiche trug man von ihrem Hause weg aus ihrem Eigentum heraus, trug sie den Würmern zu; kein Denkmal ihres Seins hinterließ sie, kein Zeugnis, daß sie als vernünftiges Wesen gewaltet, keinen Zeugen, daß sie in Liebe thätig gewesen, nichts als die Katze, deren Mauen uns noch lange verfolgte. Aber kann eine Katze reden vor Gott? Wird Gott ihr Mauen wohl verstehen? Aber wo einem auch nicht einmal eine Katze nachmaut – wie dann?

Mit dem Wirte hatten die Erben nicht geknausert. Es war nicht bloß Kuttlen Voressen da, sondern Voressen von Hirn, Milchlig und Schaffleisch; es war saure Leber da und fettes Rindfleisch und Speck auf dem Sauerkabis, daß man die Füße nicht mehr stille halten konnte unter dem Tische; und der Wein war nicht hochgelb, sondern schön grau und ein styfes Wynli, das einem recht wohl machte. Von der Küche her schmeckte man noch Braten, und in einer Nebenstube sah man Tatern und Schinken ganze Tische voll.


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