Jeremias Gotthelf
Leiden und Freuden eines Schulmeisters – Zweiter Teil
Jeremias Gotthelf

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Zweites Kapitel.

Ach Gott! wenn die Liebe nicht wär, wie vernünftig man wär!

Ist das Examen und die Winterschule zu Ende, so ist manchem, als ob ihm ein Zentner ab dem Herzen falle. Dem einen fällt das lästige Schulhalten weg, das ihm ungefähr ist wie Fabrikkindern das Fabrikgehen, dem andern die schauderhafte Geldlosigkeit, in welcher er seit Monaten geschmachtet. Er erhält seine paar Batzen Lohn fürs ganze Jahr und kann seine Sonntagsschuhe plätzen lassen für bar Geld. Auf das Geld hatte ich mich gefreut, hatte gedacht, besser meinem Verdienst nachhängen zu können. Aber als die Schulkinder fortgingen, konnte ich nicht aufhören, ihnen nachzusehen, bis sie mir aus den Augen waren; eine ordentliche Wehmut kam mich an, und als am andern Morgen keines kam, die Schule leer blieb, da fühlte ich es auch unerträglich leer in mir. Ums Haus herum stund ich, stund in alle vier Ecken desselben und sah nach allen vier Weltgegenden, ob denn nicht etwa ein Bein von einem Schulkinde zu erblicken sei. Endlich kam ein kleiner Junge mit zwei Schafen und einer Schnudernase daher und weidete die erstern an einem Gartenzaune.

Nun mit dem redete ich einige Worte und ging dann an meine Arbeit. Aber es hatte mir doch nicht recht gewohlet, und ich konnte nicht begreifen, warum gerade dieser schmutzige Junge mir erschienen sei und nicht jemand anders. Als es eilf Uhr läutete und ich vom Webstuhl in die Küche ging, um für mein Mittagsbrot zu sorgen, sah ich von Weitem beim Brunnen einige weiße Hemdeärmel und erkannte bald zwei der ältesten Schulmädchen. Nun weiß ich nicht, wie es kam, aber ich hatte auf einmal auch beim Brunnen zu thun, und wie ein Wirbelwind fuhr ich unter sie. Das Gespräch war freilich nicht halb so hitzig als mein Kommen; aber einige freundliche Worte wurden doch gewechselt, und eines derselben sagte: es hätte es heute immer gedünkt, es sollte in die Schule gehen. Das that mir gar zu wohl! Nur wurmte mich die Bemerkung des anderen Mädchens: wenn es dann auch nicht mehr in die Unterweisung gehen könne und der Herr ihm erlaube, so wisse es vor Langerweile nicht was anfangen. Ich konnte nicht recht fassen, daß so ein Mädchen auch nach der Unterweisung sich sehnen könne und nicht bloß nach der Schule. Von nun an war der Brunnen mein Lustplatz, mein Kasino, meine Promenade, mein Palais-royal. Ich wusch alles viel fleißiger, bedurfte viel mehr Wasser als sonst; am Samstag nachmittags ging ich sogar mit meiner Kaffeekanne und meinem Zuber zum Brunnen, um sie zu fegen, mußte mich aber dabei nicht wenig auslachen lassen. Die Mädchen behaupteten immer, ich mache so lange an der Kanne, daß ich Löcher hinein reibe und alle Samstag frugen sie mich: ob sie den Kaffee noch halte?

Es kostete mich manchmal Mühe, dumme Witze zu unterdrücken, bei Gelegenheiten das handgreifliche Schäkern zu lassen, allein ich war ein so tüchtig gebranntes Kind, daß ich noch nicht vergessen hatte, wie das Feuer brenne. Die Wunde war nicht schnell zugeheilt worden; sie hatte auseitern müssen, und was ich dabei gefühlt, das wollte ich nicht zum zweiten Mal empfinden. Nur Quacksalber streichen auf jegliche Wunde gleich einen heilenden Balsam oder gar ein Heftpflaster; es gibt Wunden, die ausbluten, auseitern müssen, wenn sie gut heilen sollen. So ist's auch mit den Seelenwunden und Eiterbeulen. Ich bin fest überzeugt, Tausende von Büchern und Millionen von Predigten wirken darum nicht, weil man auf jeden bittern Trank nicht geschwinde genug Zuckerbrot bringen kann, auf ausgeteilte Schläge alsobald ruft: »Ach briegg nit, ach briegg nit, du bist ja so lieb und gut!« weil man auf die gezeigte Hölle alsobald die Seligkeit setzet, wie den Deckel auf den Hafen, weil man sich vor nichts mehr fürchtet, als einen tiefgreifenden Eindruck zu hinterlassen. Alle diese Predigten und Bücher mahnen mich an folgende Geschichte. In einem Lande, wo man viel Flausen treibt und viel auf Faxen hält, admittierte ein schöner Herr in dem schönen Salon seines Hauses einige Mädchen in Gegenwart schöner Mütter. In feierlichem Ornate mit dem möglichsten Pathos verrichtete er die feierliche Handlung stehend an dem runden Tische seines Salons, der zu einem feierlichen Altar eingerichtet war. Die Mädchen und die Mütter waren tief ergriffen. Das gerührte Angesicht verbargen die einen tief ins weiße Nastuch und die andern vergalten dem schönen Redner ihre gerührten thränenden Herzen durch stummen Dank, den sie ihm aus ihren in weiblichem Regenbogen flimmerenden Augen entgegenstrahlten. Ja sie suhlten es tief, daß die Welt böse sei und schwach das weibliche Herz. Da verschwand vor ihren Blicken der ergreifende Redner in seiner feierlichen ernsten Tracht; da eilten geschäftige Mägde herbei und wandelten den Altar wieder um in einen runden Tisch bedeckt mit gelbem Teppich; da pflanzten sie auf diesen zwei Teller mit süßen Bonbons und zwei Flaschen, die eine gefüllt mit Malaga, die andre mit Xeres, und rings um sie klirrten auf dem eleganten Servierteller die in Krystall geschliffenen Gläser. Und als das alles gethan war, da erschien der schön gelockte Herr wieder in zierlichem Frack mit einer graziösen Verbeugung und regalierte die schönen Damen nun mit schönen Worten und süßen Bonbons und stärkendem Weine. Und die Damen waren anfangs etwas verblüfft über den schnellen Übergang von dem Ergriffensein über die Schwäche der menschlichen Natur in den Trost der alles verhüllenden Höflichkeit und in das süße einwiegende Getändel der sogenannt gebildeten Welt; aber bald trockneten die Thränen, und in die Wunden des Herzens stoß der süße Malaga und die süßen Worte legten sich als Heftpflaster über die Wunden und den Damen ward wieder wohl zu Mut. Sie fühlten sich wunderbar gestärkt durch den süßen Wein und die süßen Worte und voll Zuversicht gingen sie wieder in die Welt hinaus. Und als der schöne Herr und die schönen Damen nach manchem zierlichen Neigen auseinander gingen, sprach zu einer Dame die andere: »O ciel, comment ça était charmant!« Und die andere antwortete: »Oui, mais ce cher pasteur est si délicieux, n'est-ce pas?« Ob aber wohl alle Leute das Wesen, den Kern dieser Geschichte in Predigten und Büchern wieder erkennen? Ich weiß es nicht, aber ich zweifle; ja ich glaube, wenn einer so vermessen wäre, den Hafen, in welchem in schauerliche Knäuel geballt die menschlichen Gebrechen sich winden und wenden, abzudecken und einige Zeit den Deckel bei Seite zu setzen, so würde die Menge nach diesem Deckel schreien, wie die Römer ehedem nach Brot und ein basellandschäftlicher Ratsherr nach einem Schoppen. Es zog mich also noch immer zu dem Mädchen hin, und mein Herz sehnte sich fort und fort nach Liebe; aber diese Neigung äußerte sich nicht mehr auf tierische Weise, nicht mehr durch Ausbrüche wüster Sinnlichkeit; sie brannte wie ein stilles Licht in meinem Herzen, und weil dieses stille Licht ein ganz anderes war, als jene ungeregelte gierige Flamme, die vorher jedem Mädchen entgegenzüngelte, so kannte ich die Bedeutung desselben nicht einmal. Ich glaubte, das sei halt gar nichts anders als Freude an meinen Schulkindern. Meine Liebe war noch gar keine besondere, sondern nur eine allgemeine, und ans Heiraten dachte ich gar nicht; ich dachte ans Fürsparen. Ich hatte Freude an den wenigen Neuthalern, die ich im Gänterli hatte, und an den zwei neuen Hemdern, welche ich hatte machen lassen. Ich zerlegte oft in Gedanken meine Bedürfnisse, die erforderlichen Anschaffungen und daneben mein Einkommen und meinen Verdienst, und ich fand allemal, daß ich ein Schönes bei Seite legen und in wenig Zeit meine Orgel werde zahlen können. Dann rechnete ich weiter und sparte in Gedanken immer mehr für und wurde am Ende ein recht wohlhabender Mann. In diese Rechnungen brachte ich nie eine Frau und noch weniger Kinder.

So verfloß der Sommer, und auf den Winter und die Schule, die er mitbrachte, freute ich mich. Aber so ganz füllte sie doch mein Herz nicht aus. Denn beim Brunnen traf ich noch oft mit den Mädchen zusammen, denen der Herr zu Ostern erlaubt hatte, und am meisten eben mit jenem, das mir den schönen Apfel gegeben hatte. Es wohnte nicht weit vom Brunnen, hieß Mädeli und war eines armen Schuhmachers Tochter. Eines Schuhmachers, wie es viele gibt, die ihr Lebenlang nie das Handwerk recht erlernt hatten, nie Leder kaufen konnten, die sechs ersten Wochen, nachdem sie als Meister sich gesetzt, die Modeschuhmacher des Ortes waren und später höchstens gut genug, Pechschuhe zu machen, Knechten und Mägden Schuhe zu plätzen und hie und da auf einer Stör 3 Batzen per Tag zu verdienen. Mädeli war des Vaters jüngstes Kind und seine Haushälterin, da seine Frau gestorben war und seine anderen Kinder ihn verlassen hatten. Mädeli war schlank und hoch, hatte aber nicht so herzschöne Backen wie Milch und Blut, bei denen es einem dünkt, wenn man sie nur etwas chnuste oder müntschle, so müßten aus der einen Backe einige Kacheln Milch spritzen kühwarm und aus der andern einige Dutzend Kartoffel trolen schön mehlicht und aufgesprungen.

Mädelis Haut hatte etwas von der Schuhmacherwerkstatt angenommen. Freilich war sie nicht so schmutzig Pechgelb wie die Haut eines Altgesellen oder einer fünfzigjährigen meisterlichen Pechseele; sie hatte nur das Gelblichte, das, mit dem Bräunlichen vermischt und mit einem roten Anhauch, gleichsam dem himmlischen Tau, übergossen, die wundersame Haut bildet, welche in ihrem sammetnen Schmelz unendlich anzüglicher ist, als das schönste Rot und Weiß, auch wenn beides auf das Kunstgerechteste gemischt wäre. Mädelis Haar war schwarz und seine Augen dunkel und tief, wie gemacht um darin zu ertrinken. Es ist recht eigen, wie es Augen gibt von unergründlicher Tiefe. Die Seen, bewohnt von Nixen oder Seefräuleins, die, wenn man nur einen Finger ins Wasser steckt oder nur einen Blick hineinwirft, einen ergreifen bei Finger oder Blick und hinunterziehen auf den Grund, wo es dem Fischlein so wohlig wird, sind das wohl nicht schöner bräunlicher Mädchen tief dunkle Augen?

Es ist doch wunderlich, wie es Augen so verschiedener Art gibt und so wunderliche Arten. Es giebt Augen, sie mahnen mich an weiß angestrichene Mauren. Wenn die Sonne darauf scheint, glänzen sie blendend; hat man sich an den Glanz gewöhnt, so sieht man, daß es nur Kalch ist, was glänzt, und hinter dem Kalch ist eben nur eine Mauer kalt und hart, und wie bekannt haben Mauren weder Herz noch Seele. Andere gibt es wieder, die mich mahnen an Teiche. Teiche haben bekanntlich auch kein Herz, keine Seele, keine Tiefe, und aus ihrem Grunde quillt nichts heraus als höchstens bei trübem Wetter ein bischen Schlamm; aber auf ihrer Oberfläche spiegeln sie alles ab, Sonne, Mond und Sterne, und jedes Mannsgesicht, das in sie guckt. Dann gibt es auch wieder Augen gerade wie ein Hundsgesicht, dem man ein Stück Fleisch vorhält. Diesem Hundsgesicht läuft es feucht in den Augen und im Munde zusammen vor lauter Glust und Gierigkeit. Auch sind wieder Augen wie Spinngewebe mit der Spinne in einer Ecke. Die Spinne sieht man nicht, das Spinngewebe achtet man nicht; aber wenn eine Fliege dem Gewebe sich nähert, dann fängt es an in der Ecke zu blitzen, und kömmt die Fliege ins Gewebe, dann springt die giftige Spinne mit ihren giftigen Äugelein heraus, und man weiß, wer da ist. Auch sind Augen wie Wetterleuchten oder wie der sogenannte Brenner. Wenn die Hitze groß ist, so leuchten sie schalkhaft und munter; aber sie regnen nicht, sie donnern nicht, und wenn die Hitze vorüber ist, so sieht man auch gar nichts mehr von ihnen und an ihnen. Es gibt noch gar viele Augenarten, von denen ich aber jetzt nicht reden will, da ich noch zu sagen habe, daß über Mädelis Augen geschweifte schwarze Bogen sich wölbten, rund wie die Wölbung über Kirchenfenster, durch welche gute Augen hineinschauen können ins dunkle geheimnisvolle Heiligtum. Auf einem in lieblichen und zarten Anschwellungen sich endenden Halse stund das kurze feste Kinn und trug den nicht kleinen, nicht großen Mund, der reine weiße Zähne barg und ohne Worte redete, ohne Unterlaß teilnehmend und schalkhaft. So sprachen bald die Augen, bald der Mund, bald beide zusammen, und doch störte keins das andere, und mitten inne stund verwundert die Nase, horchte gwundrig auf die Wechselrede und verstund doch so wenig davon wie ein Welsch, wenn einer vernünftig redet, nämlich deutsch. Und dieses Gesicht war alle Tage gewaschen, was viel heißt. Die schlanken Finger (o wie ich die eingedrückten oder abgestumpften Finger nicht leiden mag, die aussehen wie Beißzangen oder Mandelweggli!) waren gewöhnlich gewaschen und die schwarzen Haare selten hoggis poggis unter die Kappe gewurstet, sondern glatt und gescheitelt gestrählt. Die Stirne war heiter und glänzend, ohne eben mit Speckschwarte gerieben zu sein, wie manche Mädchen zu thun pflegen, wenn sie glänzen wollen. Doch würde mancher Mann dem lieben Gott danken, wenn seine Frau, die den Glanzteufel im Leibe hat, kein teureres Mittel ihren Teufel zu befriedigen brauchte, als eben nur Speckschwarte.

Allen so geplagten Männern würde ich raten, ihren respektiven Gemahlinnen zum Neujahr statt allem andern einige tüchtige Pfund Speck und Schwarten zu verehren. Möglich, daß das Mittel hülfe, besonders wenn die geschenkten Pfänder teils in die jährlichen Budgets, teils in unbezahlte Contos eingewickelt wären.

Die ganze Gestalt, die nicht üppig, aber springfedrig und ebenmäßig war, war säuberlich übergossen und hatte etwas Nettes, auch wenn keine Strümpfe an ihren Beinen und manchmal die Schuhe die besten nicht waren. A propos, werden naseweise Fräulein und Herrlein sagen: von welcher Sorte waren dann Mädelis Füße? Ihr guten Tröpflein! Auf dem Lande steht man gar nicht auf die Füße, sondern auf die Beine, und Füße so breit, daß sie barfuß auf dem Meere wandeln könnten, würde man hundertfältig den kleinsten Füßchen vorziehen, an denen aber Beinchen wären, die man durch ein Nadelöhr fädmen könnte.

So war das Meitschi beschaffen, das ich mehr als andere am Brunnen traf, das ich am Brunnen am meisten vermißte, das mir besonders wohl gefiel in seinem rührigen, raschen Thun, seinen ernsten Augen und freundlichen Mund, ohne daß ich nur ahnete verliebt zu sein. Aber es ward mir immer lästiger mein Alleinsein, und ich fing an Beschwerden zu fühlen, von denen ich keine Ahnung gehabt hatte. Bei jedem Knopf, der mir absprang, seufzte ich über die Qualen dieses Lebens und dachte, wie komod es wäre, wenn jemand mir ihn annähen thäte. Hatte ich die Schule zu Ende gebracht, so dünkte es mich schrecklich, daß ich noch kochen müsse, und als glückliche beneidete ich alle, die aus der Schule ohne weitere Präliminarien an den bereits gedeckten Tisch sich setzen konnten. Und hatte ich abgegessen, so kam mich das Seufzen ganz besonders an, denn nun mußte ich noch abwaschen; und hatte ich abgewaschen Teller und Pfannen, so hatte ich gewöhnlich einen tüchtigen Bräm an Kleidern oder Gesicht und mußte an mir zu riblen anfangen. Unter solchen Seufzern sang ich oft aus Herzensgrund: Ach wie ist das Leben schwer hier auf dieser Erden! Hatte ich diese Last so recht grusamklich gefühlt, so fing ich in meinen einsamen Abendstunden an nachzudenken: ob solchem Elend nicht abzukommen sei? In die Kost zu gehen, fiel mir ein; aber nähte man mir dort dann die Knöpfe an, plätzete man mir meine Strümpfe und wusch man mir nach Notdurft? O du liebe Zeit, was trägt doch mancher Mensch für Zeug, nur weil er von Tag zu Tag vergißt, dasselbe waschen zu lassen!

Und wie fatal ist's, wenn man am Sonntag sich verschlafen hat und in die Predigt sollte, und schlaftrunken zum Schaft springt, um ein sauber Hemde anzuziehen, und man keines darin sieht?

Und wie noch fataler ist's, wenn man ein sauber Hemd findet, aber an dem Kragen desselben keine Knöpfe oder Häftli mehr, um ihn einzuthun, oder den Kragen halb durchgerissen, oder sonst einen Schaden, den die derbe Faust der Wäscherin in das verwaschene Zeug gerissen und wohlweislich verschwiegen hatte? Was soll dann so ein armer Teufel von Mensch, dem es nicht einfällt die Hemder zu untersuchen, wenn er sie abzieht, und noch viel weniger, wenn die Wäscherin sie zurückbringt, anfangen mit seinem zerrissenen Hemde? Not bringt Erfahrung. Er zieht es in Gottes Namen an, aber er nimmt dann das größte Halstuch, das Gilet, an welchem die Knöpfe am weitesten hinaufgehen, und verbirgt so die Schäden, die er nicht heilen kann, vor der Menschen Augen. Wenn man im Sommer so einen behalstuchten, eingeknöpften Menschen sieht, so denke man nur zuversichtlich: oha, dem happeret's am Hemde!

Ich kam immer mehr darauf, daß eine Frau das radikalste Mittel sei gegen alle diese Übel. Eine Frau würde mir kochen und abwaschen, und ungesorget könnte ich zu Tische sitzen. Eine Frau würde dafür sorgen, daß ich nicht nur am Sonntag ein frisch gewaschenes tragbares Hemde hätte, sondern sie würde es mir zum Bett geben und mir sogar den Kragen einthun. Eine solche Frau würde mir Wäscher- und Näherlohn ersparen, würde mir pflanzen und spinnen und noch spulen obendrein. Es wurde mir immer einleuchtender, daß eine Frau, auch wenn sie keinen Batzen hätte, einen ordentlichen Fund, eine eigentliche Spekulation für mich wäre. Ich war immer deutlicher überzeugt, daß ich es mit einer Frau weit besser werde machen, weit mehr fürsparen können, als ohne Frau. So eine Frau esse nicht so viel, dachte ich, und wo eines genug hätte, da sei sicher auch für zwei.

Es ist recht lustig, wie die Menschen verschieden rechnen, und einer an der Rechnung des andern nichts begreift, und wie der Mensch in verschiedenen Altern verschieden rechnet, und in einem Aller die Rechnung des frühern Alters nicht mehr verstehen kann. Man sagt oft von diesem oder jenem Menschen: Der weiß zu rechnen! Thorheit! Es rechnen alle Menschen, und der meisten Menschen stilles Denken ist gar nichts anders, als beständig Rechnen. Die Menschen aber werten die Dinge anders. Was die einen als ein Plus ansehen, sehen die andern als ein Minus an und umgekehrt. Was die einen mit keinem Auge ansehen, bringen die andern als Hauptfaktoren in Anschlag. Und endlich ist's, als ob die einen viel mehr oder ganz andere Augen hätten, als die andern; denn wie die einen immer viel sehen, viel mehr Zahlen, als da sind, sehen die andern immer zu wenig, viel weniger, als vorhanden. Deswegen begreifen die Menschen ihre gegenseitigen Rechnungen so wenig, lachen oder schelten einander aus und seufzen zu Zeiten: I weiß nit, was i o gsinnet ha!

Und woher kömmt dieses verschiedene Rechnen wohl? Das Ding läßt sich verschieden ausdrücken: es kömmt daher, weil in den Menschen verschiedene Rechenmeister sind. Bei den einen rechnet das Herz, bei den andern die Sinne, bei den dritten der Verstand, bei den vierten die Selbstsucht oder irgend eine andere Leidenschaft, Jeder dieser Rechenmeister rechnet anders, und jeder für sich allein falsch. Das fühlt der Mensch am besten, bei dem diese Rechenmeister abwechseln, und bald einer bald der andere an der Tafel sitzt, und immer einer den andern ausschimpft, daß es dem Menschen sauübel wird dabei.

Vermag der Mensch nun nicht jeder Leidenschaft das Rechnen zu verbieten, der Begeisterung ausgenommen (die man uneigentlich auch zuweilen als Leidenschaft ansteht), freilich darauf gefaßt, daß die den Abschluß der Rechnung in die Ewigkeit hinausstellt; vermag er nicht die Vernunft zum Rechenmeister zu erheben, der die Aufgaben stellt, und Herz und Verstand zu vereinen, daß sie zusammen rechnen, und vermag er diese nicht duldsam zu stimmen, daß sie den Sinnen auch zuweilen ein Wörtchen, freilich nur ein untergeordnetes, vergönnen, so bleibt er sein Lebenlang ein armer Teufel im Rechnen, verrechnet sich immer, und, was das peinlichste ist, vermag doch selten den Fehler zu finden, bis es zu spät ist. Und wenn zuweilen einer den Fehler findet, und nun einen andern Rechenmeister an das Rechnen setzt, so rechnet ihm dieser wieder falsch und der letzte Fehler ist ärger als der erste. Darum, ihr Menschen, verwundert euch nicht, wenn ihr in der Schule schon die vier Species durchgemacht habt samt den Brüchen und vielleicht sogar die Algebra, und ihr doch keine Lebensrechnung anzusetzen und durchzurechnen vermögt. Könnt ihr aber das nicht, so pfeife ich euch auf all euer Rechnen; es hilft wohl zu Batzen, aber nicht zum Glück. Traurig aber ist's, daß man so wenige Lehrmeister fürs rechte Rechnen findet, und so viele Lehrer aller Art in eilf Fächern Hexenmeister sind und doch dieses Hauptfach nicht kennen.

In meiner Rechnung also stund eine Frau als Plus, nicht als ein zehrender, sondern als ein einbringender Posten, und nicht weil ich auf Vermögen rechnete, sondern auf ihr Kochen, Pflanzen, Waschen und Plätzen. Obgleich dieses Rechnen in mir immer lebendiger wurde und immer häufiger wiederkehrte und erzeugt ward durch eine geheime Neigung, die mir selbst noch geheim war, so bewegte es mich denn doch noch nicht zum eigentlichen Suchen einer Frau. Durch eine besondere Güte Gottes wird das, was wir thun, in den meisten Fällen gar langsam in uns vorbereitet, damit wir demselben zuvorkommen oder es regeln könnten, wenn wir nämlich Augen hatten zu sehen, Ohren zu hören und einen Verstand zu begreifen.

Einst holte ich Wasser beim Brunnen, Mädeli stund mit seinem Kessel eben an der Röhre, eine alte Frau wartete und ein ander Mädchen wusch Erdäpfel im Südeltrögli. Ich war pressiert; denn wenn ein Schulmeister von 11 bis 1 Uhr kochen und abwaschen soll, so hat er keine Zeit zu verlieren. Mädeli wußte das wohl, und wie es sehr oft that, so auch diesmal. »Schumeister«, sagte es, »gät mr eue Chessel, i will-ne fülle, i cha sauft e weni warte.« Damit nahm es mir denselben aus der Hand, stellte den seinigen bei Seite und den meinigen unter die Röhre. Stillschweigend stunden wir neben einander und sahen dem Wasser zu, wie es nach und nach den Kessel füllte. Drüben hatte die alte Frau mit giftigen Blicken uns betrachtet, böse darüber, daß Mädeli lieber einem jungen Schulmeister seinen Kessel abgenommen, als einer alten Frau. Endlich sagte sie: »Meitschi, meinst öppe, du sygist dRebekka, u dr Schumeister nit ume dr Elieser, sondern dr Iaak selber? Es düecht mi, du söttisch daheim z'viel z'thüe ha, as das de da chönntisch dr Narre trybe u em Mannevolk ga ufz'warte.« Der erste Teil der Rede machte mich lachen; darum achtete ich den zweiten wenig, und ging mit meinem Wasser lachend nach Hause, ohne etwas weiters zu denken oder irgend Gewicht auf die Worte zu setzen.

Es vergingen ein bis zwei Tage, es verging eine Woche; ich traf Mädeli nicht mehr beim Brunnen. Da ward mir alle Tage bänger und jeder Tag länger, und als ich es einmal von weitem sah mir entgegen kommen und in ein Gäßlein ausbiegen, sobald es mich erblickte, da konnte ich es nicht länger aushalten. Ich konnte gar nicht begreifen, was das Meitschi ankam, welche Klapperei wohl stattgefunden haben möge? Unter meinen zwei paar Schuhen stöberte ich so lange herum, bis ich etwas fand, das ich dem alten Schuhmacher zum Ausbessern bringen durfte. Es war Nacht und kalt, der Schnee girrte unter den Füßen und in den gefrornen Fensterscheiben glitzerten funkelnd die sonst düstern Öllampen. Vor ihrem Häuschen wußte ich erst nicht, sollte ich am gefrornen Fensterlein oder an der verschlossenen doppelten Küchenthüre anklopfen. Da hörte ich in der Küche das Reiben des Harnischplatzes in der Pfanne, wußte also Mädeli in derselben und klopfte bei ihr an. Der obere Teil der Thüre ging alsobald auf und Mädeli frug: »Wer het dopplet? E, Herr Jeses«, setzte es alsobald hinzu, »seid ihr es, Schumeister?« Das schien mir ein recht freudiges Verwundern zu sein. Ein paar Schuhe hätte ich da, an welchen mir der Vater was machen sollte, antwortete ich und trat in die Küche, und wollte da nach einigen Vorreden Mädeli fragen: was es dann eigentlich habe? Aber halte doch niemand jungen Mädchen lange Vorreden! Mädeli trat in ihr Stübchen mit einem raschen Schritt und hieß mich nachkommen, der Ätti sei da. Ich mußte nun hinein, und fort war das Meitschi wieder.

Mit dem Schuhmacher konnte ich nun plaudern und seine Geschichte anhören, wie er auf seiner Wanderschaft in der Fremde gewesen, weit weit hinter Murten, bis gerade da, wo der große See aufhöre, und wie da ganz andere Menschen seien als hier. Sie sagten dort drü Manne und drü Frauen, und redeten überhaupt eine ganz andere Sprache, die hier der Hundertste nicht verstünde. Dem hörte ich mit einem Ohr gar andächtig zu und mit dem andern auf Mädeli in der Küche, immer hoffend, es werde bald hereinkommen. Und als es endlich hereinkam, wollte es ein ander Fürtuch umbinden, um ins Dorf herunter zu gehen, unter dem Vorwand, Öl zu holen. Das wollte nun der Alte nicht geschehen lassen und balgete mit ihm; es hielte sich seit einiger Zeit gar nicht mehr zum Spinnen, und in der Haushaltung thue es, wie wenn es noch nie etwas angerührt hätte; er wisse gar nicht, was mit ihm auch sei. Es solle jetzt ans Spinnrad sitzen; sonst sehe es der Schulmeister, was es für eins sei und wie nütnutz. Ich meinte: das werd öppe nit so bös sy; die Meitscheni hätte mengisch öppis, me wüß nit was; es werde schon bessere. Madeli warf mir einen langen Blick zu und setzte sich schweigend ans Rad. Da ich von ihm nichts als einsilbige Antworten erhielt und der Alte mir auch nicht kurze Zeit machte, so ging ich endlich wieder. Als das Meitschi mir herauszündele, frug ich es, diesmal ohne Vorrede: ob ich ihm etwas zu Leide gethan oder sonst öppis gefehlt hätte; es dünke mich nicht wie sonst? »Nit daß ich wüßt«, sagte es, »guet Nacht, Schumeister, dr Ätti het kes Liecht u balget, we-n-i lang mache.« Somit stund ich wieder alleine und wußte nun nur so viel, daß das Mädchen wunderlich oder böse über mich sei. Ich wurde nun auch böse und fand, es sei nicht der Mühe wert, um ein solches Meitschi sich weiter zu bekümmern; es thue so vornehm und stolz, wie eine Herrentochter und habe doch hinten und vornen nichts. Aber je böser ich mich stellte, desto mehr ging das Ding mir im Kopf herum, und sobald man nicht mehr gleichgültig werden kann, so hat es gefehlt.

Endlich brachte mir der alte Schuhmacher meine Schuhe wieder mit der Entschuldigung: daß ich sie schon früher erhalten hätte, wenn er sein Meitschi hätte zwingen können, sie zu bringen, aber wenn er ihm den Gring abdrait hätt, so hätt's es nit tha. Er glaub afe, es syg dr Hochmuet, der ihm dr Gring verdräyt heng. Es sei gar e tolle Küherbub afe es paar Mal vor snm Fenster gsi, und da werde es meinen, es hätte ihn schon, und Schuhe vertragen wäre seinen Ehren ein Abbruch.

Wahrscheinlich war ich feuerrot geworden, als ich das vernahm, und wo ich ging und stund, wurde ich des Sinnens nicht los, wie Mädeli sich schon mit Buben abgeben möge; so schlecht hätte ich es nicht geglaubt und noch dazu mit Küherbuben, die ja immer thäten wie ungeleckte Bären? Zum Pfarrer hatte ich gewollt, ihn aber nicht angetroffen, und ging in der Dämmerung wieder nach Hause. Vor mir sah ich ein Mädchen und holte, mit längern Schritten behaftet, dasselbe bald ein. Es war Mädeli, das Salz geholt hatte. Wir erschraken beide und beiden ward bange ums Herz. Ein Mädchen ist an sich ein banges Wesen, und aus Mädelis Selbstgeständnissen habe ich nachher erfahren, daß, was man für Stolz, Kälte oder gar Abneigung nimmt, gar oft nichts anders als Bangigkeit ist. Bangigkeit im Bewußtsein der Schwäche, Bangigkeit, die einen Sturm erwartet, den abzuschlagen man nicht Kräfte genug fühlt. Darum macht Süffisance so viel Glück bei Mädchen, und die widerwärtigsten, aber zuversichtlichen Menschen nehmen die Preise vor weg, während so manche blöde Seele leer ausläuft, weil sie sich durch die mädchenhafte Bangigkeit, die aussah wie entschlossene, verhaltene Feindseligkeit, vom Sturme abschrecken ließ, wie die Krähwinkler vor gemalten Kanonen davon liefen und die bekannten sieben Schwaben sich nicht an einen Hasen wagten. Wir liefen neben einander her, ich frug bald dies und das; aber Mädeli wurde immer trockner und kürzer. Da wurde auch ich wieder bitterer und böser und frug endlich: wann es wolle verkünden lassen? Das Meitschi sah mich groß an und sagte: es müsse erst einen haben, ehe es verkünden lassen könne. Nach langem Hin- und Herspätzeln sagte ich endlich: ds Kühers Bub würde es ungern haben, wenn er hörte, wie es ihn verleugnete. Da blieb Mädeli stehen, eine zornige Röte stieg ihm durch die Backen auf bis zu den Augen und rasch frug es: »Was meinet dr damit, wer het ech öppis vo ds Kühers Bub gseit?« Ich wollte zu spässeln fortfahren: aber Mädeli sagte: »Schumeister, we mr no öpper öppis vo ds Kühers Bueb seit, so schilt-i druf, u jez wott i wüsse, wer ech neuis drvo gseit het, sust ha-n-i nüt nie uf ech.« Da mußte ich endlich mit der Sprache hervor. Laut auf fing nun das Meitschi zu jammern an, daß die Leute so was von ihm sagen könnten, der Vater es bestätige, und daß ich es glaube, das daure es am meisten, das sei nicht bravs von mir.

Ob dem Jammer schmolz mein Herz. Bei Mädchenthränen sind Männerherzen gerne wie Wachs im Ofen; nicht die gleiche Wirkung mehr machen Weiberthränen. Ich bin aber auch überzeugt, sie sind sich chemisch nicht gleich. Ich fing an, mich zu entschuldigen und zu trösten. Es sei gar nicht böse gemeint, sagte ich, aber es sei gegen mich so wunderlich gewesen und gar nicht mehr wie sonst, daß es mich auch böse gemacht; auch der Vater habe es ja anders gefunden, und da hätte ich glauben müssen, was er gesagt. Ich hätte es fragen wollen, was es gegen mich habe; aber es habe mir ja nie gewartet. Es solle es mir doch jetzt auch sagen, was es gegen mich hätte; sonst müsse ich doch glauben, was die Leute sagen. Nach manchem Zögern, manchen Ausflüchten vernahm ich endlich in von Husten viel unterbrochenen Worten, daß ich ja beim Brunnen es auch ausgelacht, als es in guter Meinung mir Wasser gegeben und die alte Frau es so ausgeführt. Mein Gott, daran hatte ich nicht gedacht! So geht es einem, der nicht Ironie und Witz versteht, der nicht weiß, wie tief solche Anspielungen bei Mädchen einschlagen und sie gewöhnlich zum Bewußtsein bringen, und dieses Bewußtsein nun sich verpallisadiert, die Offenheit in Verschlossenheit verkehrt, wodurch gar oft Herzen, die nicht mehr zum Verständnis kommen können, getrennt werden. Ich hatte jene Worte, hatte mein Lachen vergessen, aber in Mädeli war beides tief gedrungen; es erriet sich und glaubte sich erraten, und daß ich bei diesem erraten gelacht, das that ihm wehe.

Nun war wieder die Reihe an mir, mich zu versprechen. Das that ich dann auch ganz ehrlich und redlich, so daß Mädeli mir anfing zu glauben, wieder traulich zu mir aufsah und ohne Husten erzählte, wie unwohl es dabei gewesen und wie weh ihm der Gedanke gethan habe, daß auch ich es nicht gut mit ihm meine. So gab sich eine recht gründliche Versöhnung, eine innige Vertraulichkeit, und wir waren miteinander im Dorfe, ehe wir es uns versahen. Und kaum hatte ich noch Zeit, schnell und leise die Hoffnung auszusprechen, daß es wieder zur gewohnten Zeit beim Brunnen sein wolle, und ein Nicken zur Antwort erhalten, als begegnende Leute uns trennten und jedes seinem Häuschen zu mußte.

Ein heimlich Wort mit einem Mädchen sprechen, will schon was sagen, aber was eine Versöhnung, ist's doch nicht. Es gibt nichts gefährlicheres, aber auch nichts schöneres zwischen Mädchen und Knaben, als eine Versöhnung. Wie die einem den Kopf so heiter und lustig, das Herz so leicht und doch so voll macht! Aber, Mädchen, hütet euch davor, sie find gefährlich. Wie Liebeszank in untern Ständen viel häufiger ist als in obern, so sind da die Versöhnungen auch viel häufiger, viel inniger, viel gefährlicher. Gut wenn die Wege zur rechten Zeit auseinander gehen, dann gibt's wohl auch Hochzeiten, aber nicht Kindbetten vor denselben oder ohne dieselben. Kurios auch, daß die Mädchen so vieles herbeiziehen, das Versöhnungen nötig macht. Geschieht das absichtlich?

Ganz eigen war es mir selben Abend zu mute, und nachts in den Träumen sah ich Mädeli mir Knöpfe annähen, hörte es rufen: »Mannli, chumm, i ha gchochet; u sä, da hesch es sufers Hemli u-n-es glättets.« Und ans den Träumen der Nacht ging der Gedanke, Mädeli zu heiraten, in die Träume des Tages über. Immer notwendiger schien es mir, eine Frau zu nehmen, immer unerträglicher ward mir meine häusliche Bürde, immer glücklicher ward ich, wenn ich das Meitschi sah, und immer klarer zeigten mir meine Rechnungen, daß ich es nirgends besser machen könne, als gerade mit Mädeli.


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