Jeremias Gotthelf
Leiden und Freuden eines Schulmeisters – Zweiter Teil
Jeremias Gotthelf

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Elftes Kapitel.

Wie eine junge Frau die Auszehrung hat.

Bald darauf wurde Mädeli blasser, sein Gang matter; es fehlte ihm bald hie bald da. In allen Gliedern liege es ihm, klagte es oft, und es dünke ihns kein Essen recht gut; wenn es einen unreifen Äpfel kätschen könne, so dünke das ihns noch am besten.

Das machte mir gar bange; aber ein Mann ist in solchen Dingen gar unbehülftich. Ich wußte nicht anders, als ihm immer anzuraten, es solle doch ja Melisenthee anrichten; aber ein Weib ist in solchen Dingen gar eigensinnig; wie gerne sie einem Manne etwas eingüderen, sie selbst wollen kein Tropfen davon auf die Zunge nehmen. Unterdessen ward das Übel immer schlimmer; beim Essen rührte es selten einen Bissen mehr an, und sein Gesicht schien immer länger zu werden und fiel immer mehr ein um die Augen herum. Endlich fing ich an vom Doktor zu reden; aber mein Weib sagte: »Wart, es wird scho bessere.« Und wenn es am andern Tag nicht besser war, so sagte es wieder: »Wart, es wird scho bessere,« und doch traf ich es oft weinend an.

Ich fing an, eine Auszehrung zu fürchten. Das klagte ich einmal einer Nachbarsfrau. Die sagte mir: »Du Göhl, es wird öppis angers sy.« Mit diesem Bescheid lief ich ganz erstaunt und erfreut zu meinem Weibchen; aber es sah mich gar böse an und meinte: ich hätte nicht brauchen der Nachbarsfrau ga z'dampe wie es ihm sei; es müßte es doch am besten wissen, wenn es etwas wäre. Aber es sei ihm ganz anders, als die Weiber sagen, daß es ihnen sei. Ich war also wieder in Angst und drückte es endlich durch, daß ich zu einem Doktor gehen durfte, der gar ein geschickter war und weit und breit berühmt mit dem Wassergschauen. Aus demselben könne er eine Krankheit Punktum sagen, sagten die Leuten, und manchmal noch, wie manchen Tag man zu leben habe. Ein altes Arzneiglas wurde aufgetrieben, das Wasser hineingefaßt und stund, während Mädeli und ich in der Küche noch zärtlichen Abschied nahmen, auf dem Tisch, wo mein Schwiegerpapa noch an seinem Frühstück war.

Endlich ward ich entlassen und wanderte rüstig dem berühmten Doktor zu, der freilich nicht passiert war, aber um desto größeres Zutrauen besaß. Auf dem Wege gesellten sich einer nach dem andern zu mir; denn an manchem Tage wallfahrtete es ordentlich hin zu dem Hexenmeister. Einer erzählte dem andern seinen Fall, und beim Hause angelangt wurde in der Menge ringsherum wieder erzählt, was jeden bringe und was er wissen möchte, und des Doktors geschwätzige, schlaue Magd wand sich wie ein Aal unter den Leuten herum; auch seine Frau däderete soviel mit ihnen als möglich. Einer nach dem andern wurde mit seinem Gütterli vorgelassen und brachte Sentenzen und Mittel fröhlich oder traurig aus der geheimnisvollen Kammer. Endlich kam auch an mich die Reihe, und bebend schritt ich unter die Augen des Wundermannes.

Ich blieb ihm einige Schritte vom Leibe stehen und streckte mit langem Arm meine Glitter dar. Derselbe setzte seine Brille auf, that wenige Fragen: wer ich sei, woher ich komme? und sagte endlich: »Das ist das Wasser einer schwangeren Frau; der fehlt sonst nichts.« Da war ich ganz verdutzt und erfreut, daß der Doktor das so bald erraten ohne viel Fragen und daß meinem Mädeli nichts weiteres fehle. »Ich will dir no öppis mitgäh,« sagte er, »es wird sich dann bald zeigen, daß es so ist. Damit leerte er mein Gütterli, schwenkte es in einen Kessel, wo diesen Morgen schon viele geschwenkt worden waren, aus, und schüttete mir eine Art von Elixier hinein, das mich 7 ½ Batzen kostete. Freudvoll lief ich damit heim, daß mir die Haare flogen, die Leute mich verwundert ansahen, und, als ich gegen unser Dorf kam, meine Dorftente sich bei mir stellten und fragten: »E Schumeister, was git's?« Da hielt ich nicht hinter dem Berge, sondern kündete allen mit lachenden Augen an: »My Frau isch schwanger, dr Dokter het mr's gseit.« Dann lief ich ungesäumt weiter und verkündete einem andern diese fröhliche Botschaft. Doch muß ich sagen, ich verkündete sie nur denen, die mir begegneten, und lief deswegen nicht aparti in die Häuser, wie es z. V. einst einer that, der sich Korporalspossen einbildete, und Korporalspossen bestehen darin, daß sich einer, der eben nicht viel mehr als ein Gemeiner ist, einbildet, er sei noch etwas mehr als ein General. Einer also, mit solchen Possen aufgeblasen, zog, als seine Frau ihm sagte: es syg öppis angers, schwarze Kleider an, die ganz ungewohnt um ihn hingen, bürstete seinen alten Hut und ließ sich in einer Gesellschaft der Honoratioren des Städtchens melden. Die wußten gar nicht, was seine feierliche Erscheinung bedeute, so schwarz und gebürstet, und sahen ganz verdutzt in sein Korporalsgesicht. Da that sich aber alsobald der Mund in demselben auf und verkündete, sich weit auseinanderziehend, so weit, daß die Ohren darüber erschracken: er wolle nur die Ehre haben, ihnen sämtlich anzukünden, daß seine Frau schwanger sei. Nach dieser wichtigen Eröffnung nahm er sich nicht Zeit, die Lachlust zu beachten, die auf allen Gesichtern blitzte, sondern nach einigen angehörten mühsam hervorgebrachten Gratulationen schob er sich wieder von dannen im stolzen Gefühl, den Leuten etwas gesagt zu haben, das sie nicht alle Tage hörten und auf eine Weise, die comme il faut sei. So nahm ich mir auch nicht Zeit darauf zu achten, wie die Leute die Köpfe zusammen steckten und hinter mir drein lachten.

Ich lief, so schnell ich konnte, unserm Hause zu, und Mädeli im Gärtlein erblickend, rief ich halb atemlos von weitem: »Mädeli, du bisch schwanger; dr Dokter het's gseit.« Mädeli sah ganz rot auf und sagte: »Schrei doch nit so, Peter, ds halb Dorf ghört's ja; schäm di doch. Gang afe i dStube, i chume o nache.« Beschämt zottelte ich hin und beschwerlich kam es mir nach. Dort erzählte ich, wie der Doktor e bsunderbar e gwahrige sei, wie er kaum in das Glas gesehen, ohne daß ich ein Wörtlein gesagt, als er gleich ausgerufen habe: »Die isch schwanger.« Mädeli wollte sich stellen, als ob es dieses nicht höre und machte sich etwas zu thun; ich aber drehte es um, und freute mich gar herzlich darüber, so daß Mädeli sein Gesicht an meinem Halse verbarg und seine feuchte Freude dort vermeukte. Da hörten wir ein schallend Gelächter neben uns; es war der Schwiegerpapa. Wir beide, ärgerlich darüber, daß er unsere angehenden Elternfreuden also gestört, sahen uns um, fragend, was er dann zu lachen habe. Er aber antwortete lange nicht, und als er endlich etwas stammeln konnte, hörten wir nur: »Eh, ih schwanger, ih schwanger!«

Wir glaubten, er sei wirbelsinnig geworden, bis er deutlicher redete und sagte: der Doktor habe ihn schwanger erklärt, denn er habe Mädelis Wasser aus dem Gütterli und seines hinein gelassen; der Doktor habe also im Wasser seine Schwangerschaft gesehen, und das sei doch eine grüsliche Sache, da er bald 70 Jahre alt sei; und Lachen und Husten wollten ihn fast ersticken.

Wir stunden da wie Weiber, denen die Katze des Sonntags das Fleisch gefressen, und am Ende fing mein Weibchen an zu weinen, daß seine angehenden Mutterfreuden eitel, seine Furcht vor der Auszehrung gegründet sein sollte. Der Alte aber sagte alsobald: »Seid doch nit Göhle; was der Doktor erraten hat, das habe ich längst gewußt, ohne Wassergschau, und all Lüt z'entum hei drvo gredt.« Weil wir aber so geheimnisvoll damit gethan und alles vor ihm verheimt, so hätte er auch nichts sagen wollen, sondern sich erlustiert an unsern Ängsten. Als er von dem Wassergschauer gehört und das Gütterli bereit gesehen, habe er dem Gelüsten, einen Streich zu spielen, nicht widerstehen können, sondern das Wasser verwechselt. Er kenne die Wasserdoktoren. Er habe lange an sie geglaubt. Als aber hinter Murten einmal einer voll gewesen, so habe er ihm gebeichtet und bekannt, daß es mit dem Wassergschauen meist lauter Narrentei sei. Allerdings sehe man Gallengeschichten, heftige Fieber und manchmal ihre Grade, sehe Krämpfe krampfhafter Frauen zuweilen in denselben, weiter nichts; sehe nicht einmal den Unterschied von männlichem und weiblichem Wasser. Aber die Leute wollten es einmal so; darum thue man es. Man kenne erstlich viele Leute ringsum und wisse, was vorgehe; man kenne in allen Jahreszeiten ungefähr den Charakter der Krankheiten und die jahrzeitlichen Übel; man habe allenthalben Leute, die einem Nachricht geben von Leuten, die kommen würden; man habe aparte Leute, welche die Leute ausfrägelten, welche kämen; man habe auch eigene Vorrichtungen, um die Leute zu behorchen, und wenn alles das nichts hülfe, so schieße man seinen Schuß von ungefähr in die Scheibe hinein, oder helfe sich mit einem Witz. So habe z. B. einst in der Wartstube des berühmten Micheli von Langnau einer gesagt: er habe da das Wasser von seinem Bruder, der sei von einem Kirschbaum hinuntergefallen, und nun nehme es ihn Wunder, ob der Schärer das erraten könne; wenn er das könne, dann wolle er glauben, er könne mehr als ein anderer. Der Doktor, der das natürlich gehört oder vernommen, habe, als jener seiner Reihe nach vorgekommen, das Wasser lange beschaut mit bedeutender Miene und kurz geschnauzt: »Dy Brueder isch abe gheyt.« Respektvoll habe der Bursche den Spruch vernommen und gesagt: »Ja, Schärer, du hesch recht;« aber, schlauerweise nach Emmenthalerart einen Incident machend, fragte er aus dem Stegreif: »Aber chasch mr säge, vo was er ache gheyt isch?« – »He vo' re Leetere.« – »Aber chasch mr säge, wie mänge Seegel?« – »He he, öppe acht.« – »Jä, Dokter, du chasch nüt, er isch viel höher ahe gheyt.« – »Säg, Bürschli,« sagte Micheli kaltblütig, »hesch mr alles Wasser brunge?« – »He ni,« sagte Bürschli. – »He nu,«« sagte Micheli, die angere Seegel sy im angere Wasser.« Da vergaß das Bürschli Maul und Nase offen. Michelis Witz war über seinem gewesen; darum sagte er auch: »Wie da isch bim Donner kene, da cha meh as Brot esse.«

So erzählte uns der Alte, um uns zu besänftigen; denn wir waren recht böse über ihn. Es gelang ihm lange nicht. Wir begriffen nicht recht, warum wir ihm glauben sollten und nicht dem Doktor; meinten, wenn der Doktor uns angeschmirt, so könne Mädeli nicht schwanger sein, der Alte möge sagen, was er wolle. Endlich mußten wir doch ans Glauben, was wir eigentlich so gerne thaten. Mit ganz eigenen Augen sah ich Mädeli, die werdende Mutter, an, und keiner Königin konnte man auswärtiger sein, als ich meinem Weibchen. Ganz eigen schwellte sich mir das Herz, wenn ich dachte, daß ich Vater werden, und ich konnte mir das Kind gar nicht vorstellen, das von mir kommen sollte. Und Mädeli ward so zärtlich und so bange; es schien mich noch einmal so sehr zu lieben, und doch schlich es sich öfters bei Seite und mit verweinten Augen fand ich es wieder. Wenn ich es dann in die Arme nahm und nach seinem Kummer fragte, oder ob es böse über mich sei, dann schlang es sich fester an mich und jammerte, es müsse gewißlich sterben, es stehe das nicht aus. Früher wäre es so gerne gestorben, jetzt aber so ungern. Es könne nicht von mir weg, es könne mich nicht lassen, und so gerne hätte es auch das Kind gesehen; aber das könne nicht sein, das mache es so traurig; denn sterben müsse es.

Diese Hirngespinnste wollte ich ausreden, verjagen, wurde aber am Ende selbst davon angesteckt. Bald hatte es geträumt, unter seinem Zeug das Totenhemd gefunden zu haben, bald hatte eine Krähe drei Morgen hintereinander bei Tagesanbruch auf unserm Hause gekräht, bald der Totenwurm gepickt zunächst neben unserm Bette; bald hatte es einen Klaps gegeben in der Stube wie ein Schuß, und man konnte nicht entdecken, was eigentlich geklepft. Diese Wahrnehmungen alle machten auch Eindruck auf mich und entkräfteten daher meinen Trost. Und wenn wir uns auch einigermaßen beruhigt haten, und Mädeli in meiner Nähe zuweilen die Todesgedanken vergaß und wieder lachte, so kam, fast wie vom Teufel hergeblasen, irgend ein Weib, um die Angst von neuem anzublasen. Die erzählte dann schauerliche Geschichten, bald von erfüllten Ahnungen, und wie sich die Kindbetterin selbst gesehen hätte im Totenbaume, bald von dm Schmerzen und Gefahren des Kindbettens, wie es zum erstenmal immer am härtesten zugehe, wie hie und dort eine gestorben sei, oder für ihr Lebtag ein Näggis davon getragen; von hübschen jungen Weibern, die seit der ersten Kindbetti herumschlichen wie ein Schatten an der Wand, wie wenn sie aus dem Grabe kämen, und keine gesunde Stunde mehr hätten. So erzählte ein Weib ums andere und eins schauerlicher als das andere. Hintendrein sagten sie dann wohl: »E i wett nit e Göhl sy u so Angst ha; es geyt nit allne so, u-n-im Chrieg chöme-n-o nit all Soldate-n-um, es wird dr öppe wohl guet gah; du muesch di ume nit förchte.«

Daß dann aber dieser Trost nicht besonders anschlug, kann man sich denken. Es fehlte Mädeli allerdings gar viel etwas, und da gab wieder eine Frau dieses an, eine andere etwas anderes, und rieten besseres Essen an und ermahnten Fleisch und Wein zu brauchen. Da fühlte ich am bittersten meine Schulden und meine Entblößung. Das Geld vom Schullohn, das uns im Frühjahr bezahlt wird, war längstens fort; wir mußten vom Verdienst leben, und der war nicht groß. Wir hatten einen langen Winter vor uns, in welchem ich fast nichts verdienen konnte, und eine Kindbetti, die viel kostet, und für die ein guter Hausvater allweg etwas Geld z'weg macht, und endlich sollten wir noch erübrigen, um an unsern Schulden etwas zu zahlen. Da ward es mir schwer und bang, und dennoch kräzte ich Mädeli zu, was ich konnte; aber die wollte es dann nicht brauchen und jammerte über die Kosten, die es verursache, schmähte mich über meinen Leichtsinn, das Geld jetzt wegzuwerfen, das später viel besser zu gebrauchen sei. Das war auch wieder ein Zanken der Liebe, das angehen mag. So hatten wir zu jammern, zu zanken und dann wieder abzuraten, was wir für die Kindbetti und das Kind zurecht zu machen hätten. Wir scheuten uns, jemand zu fragen, und trugen aus unsern Jugend Erinnerungen und aus dem, was wir hier oder da sahen, zusammen, was wir konnten, und ratschlagten gründlich und bedächtlich, mit wie vielem wir es wohl machen könnten. Aber wir mochten rechnen, wie wir wollten, Geld brauchte es immer; denn wir hatten nicht alte Tücher und Hemder zum Verschneiden, oder wenn wir sie verschnitten hätten, so hätten wir gar keine Betttücher und Hemder mehr gehabt. Glücklicherweise gab es ein gutes Flachsjahr, gab Hanf, und aus diesem lösten wir so viel, daß wir ein Sätzlein für die Kindbetti zu haben hofften. Auch der Vater hatte Verdienst und konnte uns in der Haushaltung nachhelfen.

Der Winter kam wieder und mit ihm die Schule.

Diesmal freute ich mich nicht besonders darauf; ich hatte eigentlich anderes zu sinnen und zu thun. So ein Morgen dünkte mich oft gar lange, und ich hätte es kaum erlitten, wenn ich nicht des morgens wenigstens einmal hinüber zu meinem Weibchen gegangen wäre. Es sandte mich aber bald fort, sagend: »Los, Mannli, wie si wüest thue; gang doch übere.« Oft wollte ich es überreden, mit mir in die Schulstube zu kommen; es könne da auch spinnen oder lismen, meinte ich. Es hätte auch so gut das Recht dazu, als andere Schulmeisterweiber, die ganze halbe Tage in der Schulstube auf dem Ofen hocken, manchmal mit einem Kind auf dem Arm und an der Brust und manchmal mit keinem. Aber Mädeli wollte nicht und meinte, das sei doch nicht anständig und trage nichts ab; im Gegenteil, man versäume einander nur gegenseitig. Es sei nicht von denen eins, die meinen, die Mannen seien nur für sie da und sollten immer bei ihnen hocken, und alles la gheye-n-u lige, we de Wybere öppis dur-e Gring schieß, oder si öppis z'chlage oder z'branze heyge.

Als aber die Kindbetti, wie wir glaubten, immer näher rückte, da hatte ich denn doch fast keine Triftig mehr, und alle Stunden wenigstens einmal lief ich zu ihm hinüber und fragte: »Gspürsch no nüt, chunnt's dr afe?» Aber da wurde nichts gespürt und kam nichts; denn wir hatten gar keine Rechnung und wußten gar nicht, woran wir waren. Und weil immer nichts kommen wollte, so fingen wir wieder an zu glauben, es sei gar nichts und das ganze eine Krankheit, ein Gwulst oder eine Wassersucht. Zum Glück wurden unsere Bekümmernisse unserm Vater kund, ehe wir zum Doktor liefen oder andere Leute berieten, und der lachte uns so tüchtig aus, daß wir doch wieder zu hoffen anfingen: es sei öppis angers. Endlich weckte mich einmal des Nachts ein Gewimmer; es war Mädeli, das über Stechen, Reißen, Stüpfen, Drängen klagte und es nirgends mehr zu erleiden wußte. Mir ahnete, das könne nun die erwartete Stunde sein und mir ward wie einem Rekruten, der zum ersten Mal ins Feuer soll, wie einem auf Tod und Leben Angeklagten vor dem Geschwornengericht, ehe schuldig oder nichtschuldig über ihn gesprochen wird. Ich fragte alle Augenblicke: »Wie geyt's, chunnt no nüt?« Aber das Jammern und Wimmern wurde immer stärker; mir lief der Schweiß bachweis um den Leib; ich wußte nichts anzufangen, als am Ende den Vater zu rufen. Der putzte mir ab, daß ich es nicht schon lange gethan, oder daß ich nicht Weiber gerufen; die müßten zueche, er wisse dem nicht zu thun. Er lief um Hülfe aus und bald waren welche da; denn für solche Dinge sind die Weiber aufwärtig und hülfreich. So eine Geburt ist manchem Weibe, was manchem Mann eine Feuersbrunst, und je ärger es an beiden zugeht, desto wöhler ist's ihnen. Ich war in gar fürchterlichen Ängsten; ich glaubte alle Augenblicke, es müßte gestorben sein, und hatte gar ein unendlich Bedauren und fragte immer, wie es gehe, und wenn ich keine Antwort erhielt, so meinte ich schon, es sei aus mit Mädeli. Aber ganz gelassen bewegten sich die Weiber herum, erzählten eine Kindbetti nach der andern und eine fürchterlicher als die andere; und wenn eine fertig war, so sagte die andere: »Das isch no nüt, aber dert isch recht gange!« Eine machte Kaffee, eine andere betete in einem Buche, bis es ihr in den Sinn kam, daß ich der Schumeister sei und eigentlich am besten sollte beten können, und sie setzte mich an den Tisch und schob das Buch mir vor. Weder meine Frau, noch die Weiber, die zwischen durch immer schwatzten, hörten darauf, und ich wußte gar nicht, was ich sagte, sondern hörte nur immer auf das Gewimmer im Bette; aber das Beten ist Beten, und es sei bsungerbar guet, we's hert gang, sagte eine. We eine recht herzhaft bete, »so geit's de-n-e Weg, entweder dr eint oder dr anger«. Aber trotz dem Zuspruch hielt ich es doch nicht am Buche aus, sondern mußte näher zu meinem Weibchen, und doch wäre ich wieder für mein Leben gerne davon gelaufen.

Es ging lange. Es schlug Mitternacht, es schlugen Morgenstunden und noch immer war die Sache nicht ab Ort. Ich hatte kein Bleiben mehr, war außer mir. Das Seufzen Mädelis schien mir schwächer und immer schwächer; reden konnte es kaum mehr, der Schweiß stund ihm auf der Stirne; da sagte endlich eins der Weiber mitten aus einer schauerlichen Geschichte heraus: »E me chönnti dHebamme lah cho; si isch ume e halb Stung vo hie; es mag de gah wie's will, su het me doch tha, was me chönne het, u chunnt de nit öppe i dr Lüte Müler. We's bös geit, su müeße de geng die ume ha, wo drby gsy sy.« Mein Schwäher wurde abgesandt. Unterdessen kam eine dicke Kühersfrau, welche beim Erwachen vernommen, ihre Hausbäurin sei zu einer Gebärenden gerufen worden, und die nun diesen Schleck nicht versäumen wollte; denn auf den Bergen kam sie dann nicht dazu, sondern nur dazu, ihren Kühen die Zwiebelsuppen kochen zu können oder ein Milchtrank. Die war eine gar muntere und berühmte Frau; sie hatte Arme wie ein Rasentannli und Hände wie ein Dackbett und einen Lempen unter dem Kinn trotz ihrem besten Hopi. Sie konnte käsen trotz dem besten Knecht und war die durchriebenste aber auch rohste Frau, die jemals zu Berg gefahren; die wußte, wie man im Einverständnis mit dem Manne die Knechte um den Lohn bringen kann; die kannte Ränke und Schwänke, wie kein Mensch einer dicken Küherin zutrauen würde. Diese Frau stund breit vors Bett und sah dem Ding ein wenig zu und schüttelte immer mehr den Kopf und machte ein immer finsterer Gesicht, und endlich brach sie aus und warf den Weibern vor, sie seien dolders Stöck und wüßten alle nichts; so geh das üser Lebtag nicht; sie müßten die Frau aus dem Bett nehmen und auf den Gring stellen, »da geet's de, mi armi türi Seel. I ha zwölf Ching gha u di mehrste uf em Berg übercho, u-n-es isch albe hert zuegange; de het mi allbets dr Ma u öppe-n-e Chnecht oder zwe gno u he mi uf-e Gring gstellt u de isch's bim Dolder gange wie gsch.sse.« Das Weib, nicht an lange parlamentarische Verhandlungen gewöhnt, schritt sogleich zur Ausführung seines Vorschlages, stieß die andern Weiber, welche diese Entbindungs-Manier nicht kannten und über dieselbe, wie über alles neue, etwas ungläubig die Köpfe schüttelten, bei Seite, faßte meine Frau an, die nicht wußte, was geschehen sollte, und rief mir, der ich wieder hinter das Gebetbuch gestoßen war, zu: »Seh, du Stürmi, hör du jetz uf mit dim Tschäder u chumm hilf hie, das lhuet jetz nöter, süsch erworget dr ds Ching, u dFrau gaht susch druff.« Ich in meiner Seelenangst gehorchte alsobald, griff gewaltig zu und war eben im Begriff mit der Küherin die Frau aus dem Bett zu heben, die gar kläglich jammerte und bat, sie doch sein zu lassen, während ich sie immer tröstete: »Schwyg du ume, es wird de scho bessere,« als durch die Thüre die Hebamme eintrat. »Grüß Gott«, sagte sie, »und helf Gott«, und trat rasch zum Bette vor, als sie unser Bühren sah. »Was weyt dr, was soll's gäh?« fragte sie. »He du Narr, was soll's gäh, uf-e Gring stelle wee mr se, chumm heb da, we d' nit z'fürnehm bisch!« sagte die Küherin. »Dr löht die ume sy«, sagte die Hebamme, »u thüet mr die enangere na wieder i's Bett, u-n-i hätt nit glaubt, daß dr sövli uwitzig wärit, Schumeister.« Ich, ganz verdutzt, hätte Mädeli fast fallen lassen; die Küherin schien nicht willens, sich meistern zu lassen; da griff die Hebamme eben so entschlossen, wie jene, zu, und so kam endlich Mädeli ins Bett zurück. Die Küherin war taubi, wie ihr Muni es wird, und nachdem sie eine Verwahrung eingelegt hatte: we's de nit guet gangi, su well si de bim Dolder nit schuld sy, schob sie sich von dannen. Die Hebamme gab bald tröstlichen Bescheid: das werde sich recht wohl machen, es sei alles in der besten Ordnung; man solle nur Geduld haben, das gehe nicht so auf einmal. Aber eben diese Geduld zu haben ward je länger je schwerer, und selbst meinem Schwäher fing es an angst zu werden. Er murmelte immer lauter, man könne das doch nicht so gehen lassen, und ob es nicht am besten wäre, wenn man den Doktor holen ließe. Ein Doktor sei doch immer ein Doktor, und eine Hebamme eine Hebamme; hinter Murten hätte man nicht halb so lange gewartet, ehe man ihn herbeigerufen.

Das war mir ganz recht; Hab und Gut hätte ich gegeben, wenn nur geholfen worden wäre. Die Hebamme aber sagte, man könne machen, was man wolle; sie habe nicht zu befehlen, aber es komme darauf an, zu welchem Doktor man wolle. Man hatte zu zweien ungefähr gleich weit. Hole man den einen, so werde der nichts machen, sondern sagen, man solle nur Geduld haben, die Natur werde sich schon helfen. Der andere aber werde auf der Stelle seine Manöver anfangen; dem sei's nur um die Duble zu thun, und da frage er nicht lange, wie u wo, sondern fange an zu zänglen. Sie habe mehrere Exempel, daß er nicht einmal den Kopf vom Hintern zu unterscheiden wisse, den letztern mit der Zange anfassen wolle, den erstern zurückstoße u. s. w. Man könne aber machen, was man wolle; aber sie sage es zum voraus, sie wolle nicht Schuld sein. Hingegen glaube sie, es werde, unvorhergesehenes ausgenommen, gut gehen. Man solle doch nicht den Mut verlieren; das gehe ja nicht aparti bös und nicht aparti lang, und wenn es bis zu Mittagszeit vorüber sei, so könne man noch immer sagen, es sei gut gegangen. Es gebe nicht viel Weiber, die ihre Kinder so ungwahret im Bohnenplätz bekämen und wohlgemut in der Scheube sie heimtrügen.

Und wie sie sagte, ging es auch. Noch Vormittag hörte ich auf einmal ein gewaltig Bäggen, und die Hebamme sagte: »Gellet i ha's gseit! Es isch aber ke Wunger, daß es hert gha het; das isch e Bueb, wie st die größte Bure nit töller überchöme.« »Gottlob,« sagte Mädeli, und legte sich still selig ins Bett zurück. Und ich wußte vor Freuden nicht, was anfangen, wollte mich bald mit dem Buben abgeben, der aber ungebührlicher Weise von mir keine Notiz nahm, sondern auf seine eigene Faust mörderlich schrie; wollte mit Mädeli reden, das drückte mir aber nur mit freundlichem Lächeln die Hand; wollte mit der Hebamme reden, aber die hatte so viel zu regieren und so viel mangelndes, z, B. eine Nabelbinde u., von den anwesenden Weibern sich zu erbitten, daß sie gar nicht auf mich hörte und am Ende mir sagte: »Schumeester, göht doch e wenig uf dSyte; dr syt do nume-n-im Weg.« Aber ich ward nicht empfindlich; ich ging hinaus und freute mich meines Buben und meines Gottes, der mir mein Weib erhalten.


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