Jeremias Gotthelf
Leiden und Freuden eines Schulmeisters – Zweiter Teil
Jeremias Gotthelf

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Erstes Kapitel.

Der erste Winter im neuen Amte.

Diesmal klopfte mir das Herz, als meine Schule begann. Ich wußte nun, daß es einem fehlen könne in einer Schule, auch wenn man sich noch so geschickt glaubt; daß also das Gelingen in einer Schule nicht von der Geschicklichkeit des Lehrers allein, sondern von seinem Betragen, von der Art und Weise, wie er sich in und außer der Schule gibt, abhängt.

Daß meine Gelehrsamkeit nicht weit her sei und mein Unterricht selbst eine Stümperei, das sah ich noch nicht ein. Ich begriff noch immer nicht, wie man von einem Schulmeister verlangen könne, daß alle Kinder sollten rechnen und schreiben lernen, und noch viel weniger fiel mir ein, daß die Kinder lernen sollten, selbst zu setzen, daß sonst das Schreiben ihnen nichts nütze. Ich begriff noch gar nicht, wie man eine Schule in Klassen abteilen und so gar vieles möglich machen könne, was bei der alten Unordnung unmöglich schien. Als man anfing, eine ganze Klasse zusammen im Takt lesen zu lassen, zu furchtbarem Ohrenzwang für alle, welche nicht kalbslederne Trommelfelle hatten, da glaubte man, eine Entdeckung gemacht zu haben, über welche aus man nicht mehr könne, auf die das tausendjährige Reich bald folgen müsse. Hatte ein Kind der Bevorrechteten aufgesagt, so sagte man ihm: Du kannst jetzt schreiben; und zu den andern: Lerit. Von einer eigentlichen Stundenabteilung war keine Rede; darum wurde und wird sie noch an vielen Orten für unmöglich gehalten.

Wenn man besonders gut im Strumpf war, so wurde konstruiert und zweimal in der Woche katechisiert aus dem Fragenbuch. Das waren die stabilsten Stunden. Die Hauptsache für den Lehrer war, daß er Fleiß habe, d.h. daß er unermüdlich von einem Kind zum andern renne und alle so oft als möglich aufsagen lasse, und daß er sich Mühe gebe, ihnen zu zeigen: d.h. vorzumachen und zu korrigieren.

Diese Aufgabe zu erfüllen bangte mir nicht, und über die Forderung, daß alle schreiben und rechnen lernen, dachte ich nur das, daß ihre Unhaltbarkeit von selbst sich dargeben werde. Aber die traurigen Erfahrungen hatten in meine Selbstgenügsamkeit doch das Loch gemacht, daß mir bange ward 150 Kinder zu meistern, mich bei ihnen in Respekt zu setzen und in Respekt zu erhalten, und in der Schule die notwendige Ordnung festzustellen.

Ich hatte es erfahren, daß es in einer Schule zugeht wie in einer Ehe. Beide haben ihre Flitterwochen oder Honigmonde, und während derselben lauscht der schlauere Teil dem andern seine schwachen Seiten ab und setzt sich in die Stellung, in der er bleiben will. Dünkt es nun den ehrlichen überlisteten Teil, es sei genug geflitterwöchelt, es sei nun einmal Zeit zu sagen, was auch er eigentlich wolle und wie es künftig gehen solle; so vernimmt er zu seinem großen Erstaunen, daß es just so gehen solle, wie es just gehe, daß da nichts mehr zu ändern sei. Und versucht er es dennoch und möchte sich auf einen andern Fuß setzen: ja dann zerrinnen die Himmel. Regengüsse strömen, dumpfer Donner grollt, späte Reife fallen nieder, drückende Schwüle wechselt mit frostigem Winde, und bei allem chupet die Sonne, sendet nicht Licht, spendet die rechte Wärme nicht, und trübe wird es am Ehehimmel. O, wer kennt das Chupen, das Grollen, das Sticheln, das Aufbegehren, das Verwundertthun nicht, wer kennt die Schlußworte nicht: wenn ich das gewußt hätte, wenn ich das gedacht hätte! Wer weiß nicht, daß dann hier selten wahre Einigkeit stattfindet, sondern entweder eine stumme Unterwerfung von der einen, unbedingte Oberherrschaft von der andern Seite, oder aber ein dreißig- bis vierzigjähriger Krieg, je nachdem die Teile ein zähes Leder haben? Je mehr nun ein Mensch in seliger Überschwenglichkeit meint, das verstehe sich von selbst, daß es gehe, wie er wolle, desto eher kömmt er unter den Pantoffel oder sieht sich zu einem ewigen Keifen, das nichts abträgt, verdammt. Nun herrscht bei den Schulmeistern gar zu gerne diese Überschwenglichkeit, und arglos blampen sie in ihr Amt hinein. Bei den Kindern aber herrscht Schlauheit; sie fühlen sich die Schwächeren; darum lauschen sie auf die schwachen Seiten des Stärkern, um durch sie Meister zu werden.

Zu diesem Auffassen der schwachen Seiten treibt die Kinder eine Art Instinkt, und selten wird ein Kind ein Jahr alt, ohne der Eltern schwache Seiten zu kennen und benutzen zu können. Mit dem gleichen Instinkt fassen sie jede neue Erscheinung auf, die in ihr Kinderleben trittet, und fassen ihre Eigentümlichkeit meist weit schärfer auf als ältere Leute, denen das eigene Ich, vorgefaßte Meinungen, gehegte Absichten und hundert Gegenstände die Augen blenden, Nun trittet nicht bald etwas wichtigeres in der Kinder Leben hinein als ein Lehrer, bei dem sie einen bedeutenden Teil ihrer Zeit zubringen sollen, der als Oberer Wohl und Weh zufügen kann. Wie sie nun dem Lehrer seine Macht nehmen, ihn entwaffnen, lähmen, täuschen, ihm trotzen können, das ist der Kinder Augenmerk. Sie beobachten die ersten Tage gar manierlich; allmählich strecken sie ihre Fühlhörner aus, immer weiter und weiter; stoßen sie an, so versuchen sie es auf andere Weise, bis sie wissen, woran sie sind, und das alles sehr selten mit Bewußtsein, sondern instinktmäßig. Wehe nun dem Lehrer, wenn er bewußtlos ist, wenn er, wie Obere es so gerne pflegen, vor lauter Oberherrlichkeit nichts anders sieht als eben diese, wenn er dieses Tasten der Kinder nicht fühlt und ihm nicht zu begegnen weiß mit Liebe und Ernst; denn weiß er das nicht, so wird er auch bei den trefflichsten Lehrtalenten nimmer gewinnen der Kinder Liebe und Achtung. Eine vernünftige Schulzucht gelingt nimmer, die Schule wird entweder zuchtlos oder ein Zuchthaus. Nun fühlte ich dunkel etwas von diesem; fühlte das Gewicht des Anfanges, des ersten Eindruckes; ich wußte, daß ich in meiner frühern Schule durch zu große Milde zum Spott geworden war, und ward zuerst versucht, ins Gegenteil zu fallen. Nun kann es nichts Unglücklicheres geben, als wenn ein an sich sanftmütiger und fast schwacher Mensch den Bramarbas und Eisenfresser spielen will. Alle Augenblicke fällt er aus seiner Rolle; männiglich sieht des Esels Ohr hervorgucken aus der Löwenhaut. Er hat verloren Spiel; denn trotz der Löwenhaut macht er Eselsstreiche, und als Esel wird er behandelt von jung und alt. Auch das fühlte ich.

So erwachte ich am ersten Schulmorgen mit ordentlichem Herzklopfen, und es nahm nicht ab, als ich die ersten Schulkinder kommen sah und hinüber zu ihnen mußte. Es waren ihrer nicht viele und so ging es recht gut. Ich war ernst aber weich gestimmt, fühlte mich nicht veranlaßt durch meine Stimmung, mit den Kindern den Narren zu treiben, oder sie lachen machen zu wollen, und das kam mir wohl. Einen Berg hinunterfahren, ohne zu spannen, in Hellem Trabe, kann nur ein guter Kutscher und wird es selten noch thun; ein ungeschickter bricht Hals und Beine. So kann nur ein sehr gewandter sattelfester Lehrer Spaß in der Schule treiben, und dazu noch selten; und doch versuchen das Tölpel am meisten und führen dabei etwas, das Witz sein soll, ins Feld, das aber dem Witz gerade gleicht, wie eine Kuh dem König Salomo. So katechisierte ein Schulmeister: Was ist das Himmelreich nicht? Nicht Essen und Trinken. Jo, Kinder, nicht Essen und Trinken, nicht einmal Bärendreck erhalten wir dort. Ich polterte aber auch nicht, erschreckte die Kinder nicht, spielte nicht den Bölima, glaubte nicht, daß erst alle Kinder ins Bockshorn müßten, bevor ich recht anfangen könne.

Ernst und weich begann ich meine Schule, und es ging recht gut. Die Kinder betrachteten mich scharf; aber bei dem Betrachten blieb es. Als ich bei meinen geschwellten Erdäpfeln und einem Restchen Milch zu Mittag saß, hätte ich gerne ein Mäuschen und bei allen Tischen im Dorfe sein mögen, um zu hören, was die Kinder zu erzählen wüßten und wie ich ihnen gefallen hätte. Ach und am Abend wäre ich gar zu gerne zu jemanden hingegangen, um zu vernehmen, was gesagt worden, um mich rühmen zu hören oder doch wenigstens Anerkennung zu finden. Aber mit dem Denken, was die Leute sagen möchten, mußte ich mich begnügen. Niemand hatte mich aparti kommen heißen und frühere Erfahrung schreckte mich ab.

Meine Kinder waren die einzigen Menschen, mit denen ich umging, bei denen ich ordentlich sein und mit ihnen reden konnte. Die Schulstunden wurden mir daher eigentliche Erholungsstunden, auf die ich mich freute; jedes Schulkind war mir eine liebe Erscheinung, die mich aufheiterte. Weil ich Freude an den Kindern hatte, so empfanden sie auch welche an mir; weil mir die Schulstunden wie Augenblicke entschwanden, so wurden sie ihnen auch kürzer und sie kamen gerne in die Schule. Dieses merkte ich schon nach einigen Tagen, daß die, welche anfangs gekommen waren, selten fehlten; und fehlten sie, so klagten sie mir das nächste Mal, der Vater oder die Mutter hätten sie nicht gehen lassen. Aber trotzdem tasteten doch die Schüler nach meinen schwachen Seiten und suchten ihren Willen von meinem Willen frei zu machen, mein Wort unbeachtet zu lassen. Ich merkte es, und das ist schon viel; ich ließ es nicht unbemerkt hingehen, und das ist noch mehr. Eine Bemerkung fruchtete anfänglich, aber bald schon nicht mehr; es mußte ein Verweis folgen, dem Verweis eine Strafrede, eine Appellation an die Kinderliebe etc. Hier blieb ich eine Zeitlang, und vielleicht zu lange, stehen und predigte zu lange. Es ist nichts thorrechter, als wenn ein Lehrer allzuoft und allzulang ins Predigen fällt; er richtet wahrhaftig nichts aus, als daß er sich selbsten unglücklich und bitter, den Kindern Langeweile macht. Daß den Kindern das Predigen Langeweile macht, weiß jeder, der der Kinder Flüchtigkeit kennt. Ein Kommandowort, ein kurzer ernster Zuspruch dringen durch, während eine Predigt abläuft wie Regen vom Dach. Das Predigen bringt aber den Lehrer in ein ordentlich Elend hinein. Das Predigen bringt ihm ein Vergrößerungsglas vor Augen, darin sieht er seine Treue, der Kinder Flüchtigkeit; seinen Willen, der Kinder Ungehorsam; seine Liebe, der Kinder Undank. Das alles kommt ihm, je länger er predigt, desto greller, furchtbarer vor, und je nach seiner Eigentümlichkeit wird er immer zorniger oder immer gerührter, auf alle Fälle immer elender, und sagt den Kindern Dinge, vor denen er bei nüchternem Zustande erschrecken, ehrliche andere Leute blinzen müßten. Er entwürdigt sich vielleicht gar so weit, daß er Eltern, Verhältnisse etc. in seine Predigt bringt, oder gar sagt: sie verachteten ihn nur deswegen, weil er so arm sei; wenn er reicher wäre, so würden sie schon mehr Respekt vor ihm haben. Pfui, wenn ein Lehrer so was Kindern vorwirft, es mag auch noch so viel Wahres daran sein! Aus lauter Gutherzigkeit fiel ich in diesen Fehler, und, einige kleine Strafen abgerechnet, wäre ich vielleicht hier stehen geblieben, wenn nicht einige tüchtige Bursche mit breiten Rücken und trotzigen Köpfen mich da auf bessere Mittel gebracht hätten.

Es war ein Anlaß, ich weiß nicht mehr: ob ein Märit, oder ein Gemeinwerk, oder ein Knechtentag, kurz es war ein Tag, an welchem nicht gedroschen werden konnte. Da redeten die Bursche mit einander ab, zur Schule zu kommen und zu sehen, wie der Schulmeister einer sei, und ihn zu fecken, wie weit sie es wohl treiben könnten mit ihm. Wenn nun ein halb Dutzend Bursche, von denen jeder seinen Mütt Korn trägt, in eine Schule zusammen einrücken, so tasten die nicht lange, sondern fallen gleich mit der Thüre ins Haus. Protzig traten sie ein, protzig setzten sie sich, wo sie wollten; thaten, als ob sie der Schulmeister gar nichts angehe. Ich war ganz verdutzt von dem Betragen dieser Bursche, das akurat aussah wie das Betragen von einem halb Dutzend Jünkerleins unter dem sogenannten Plebs, d. h. unverschämt und grob. Ich hustete, ich machte: Bscht, ich sagte: Still! sie merkten von dem allem nichts. Sie rissen sich Bücher aus den Händen, drehten sich um, redeten nach allen Seiten. Ich begann Vorwürfe zu machen, sie achteten sie nicht: ich fing an zu predigen von bösen Buben, welche die Schule störten; wie viel sie mir zu leid thäten damit etc. Sie lachten dazu. Das nun machte mich böse und ich drohte, und die Bursche, die wahrscheinlich dachten: ihre ältern Brüder seien am Märit und thäten wüst, und wenn sie nun nicht das Recht hätten z'Märit zu gehen, so hätten sie doch das Recht, ebenfalls wüst zu thun und zwar in der Schule – lachten nur lauter und flüsterten sich in die Ohren. Da wurde ich böse, griff nach dem Lineal und wollte einem auf die Hand geben, und da er sich dagegen sträubte, gab ich ihm auf den Rücken, und walkte noch zwei oder drei tüchtig durch, die mir den Lineal nehmen wollten; so tüchtig, daß mir der Arm ordentlich weh that. Aber Ruhe war nun geschaffen und kein Mensch machte mir darüber Vorwürfe.

Hätten die Buben die Oberhand gewonnen, so würde man tüchtig gelacht und die Alten schmunzelnd gerühmt haben: sie hätten ganze Kerlisse, die hätten es dem Schulmeister greifet, wo er ihnen hätte befehlen wollen, wie den andern. Nun da ich den Handel gewonnen und die Bursche mit blauen Rücken heimgekehrt waren, fand man mich vollkommen im Recht und wunderte sich nur, daß ich ein so Checher sei; man hätte mir das gar nicht angesehen. Freilich wird auch mancher Pädagoge neuester Zeit schreien: Bewahre Gott, welche Rohheit, welch schlechter Lehrer, der noch zu Schlägen seine Zuflucht nimmt! Ja, du gutes Männlein, schreie nur; ich weiß wohl, was Mode ist, aber die Mode wechselt eben, weil keine Mode das absolut Rechte oder Wahre umfaßt. Ich habe auch nicht alles auf dem Prügeln; aber auf einen harten Klotz gehört ein scharfer Keil; was man nicht bürsten kann, muß man ausklopfen. Ich möchte da kein System aufstellen, z. B. daß man anständig erzogene Kinder nicht schlagen solle, oder daß bei roh erzogenen Kindern Schläge notwendig seien. Man findet unter den vornehmsten Kindern welche, denen die Rute oder eine Ohrfeige mit Verstand sehr heilsam wäre, wenn sie nicht etwa den Trost haben, es dem Papa sagen, klagen zu dürfen und wenn dieser Papa nicht etwa gar der Kanzler ist, der den frechen Schläger in den Carcer schickt dafür. Dagegen findet man Kinder, welche mit Schlegel und Weggen erzogen sind und durch und durch erhärtet scheinen; aber sie sind nur gegen Schlegel und Weggen gehärtet, und das erste Wort der Liebe geht in die Seele hinein, und mit solchen ungewohnten Worten richtet man fürder alles aus. So sind Schläge äußere Heilmittel für Krankheiten der Seele, die sichtbar werden, sind chirurgische Operationen; im rechten Augenblick angewendet, wirken sie manchmal ohne alle innere Hülfe, ja da wo alle innere Hülfe nichts gefruchtet hätte – so bei Kindern und Erwachsenen. So jagte einmal eine Mutter ihr Kind in vollem Zorn ums Haus; in voller Angst schrie das Kind erbärmlich: Ach, Großmutter, hilf! ach, Großmutter, hilf! Auf der Straße ereilte die Mutter das Kind, warf es zu Boden, kniete auf dasselbe und schlug es auf unmütterliche Weise, in ihrem Zorn nichts hörend, nichts sehend, was um sie vorging. Das sah ein handfester Bauer auf seinem Wägelein, wohlgemut vom Berner Märit kommend. Das Feuer kam ihm ins Dach; hinter der Frau hielt er sein Pferd, stieg ab und steckte der Frau so einen recht tüchtigen Berner Klapf, daß sie über ihr Kind wegfiel. Er aber stieg, ohne ein Wort zu sagen, gelassen auf sein Wägelein und fuhr davon. Als er zurückblickte, sah er die Frau mit offenem Munde mitten in der Straße stehen, wie ein Ölgötze, und ihm nachsehen. Aber seither hat man bei jenem Hause niemals mehr ein solches Geschrei des Kindes gehört. Hätten da wohl Zusprüche geholfen, und wenn sie vom Pfarrer gekommen wären? Das unerwartete, unmittelbare, im rechten Augenblick angewandte äußere Mittel wirket besser zuweilen als die längsten Kuren; aber um es recht zu gebrauchen, mangelt es eben nicht Gelehrsamkeit, sondern einen sicheren Takt oder Instinkt, wenn ihr wollt, oder Menschenkenntnis meinetwegen. Aber, wie gesagt, schnell und rasch muß die Anwendung solcher Mittel sein; lange Vorbereitungen dazu im Angesicht des Patienten, oder gar damit verbundene Ceremonien oder förmliche Feierlichkeiten, Spektakelstücke zeugen eben von dem Unsinn, der so lange in den Schulen herrschte. Darum aber auch läßt sich kein System darüber abfassen. Da kann der Lehrer nicht in sein Heft schreiben: Hier pflege ich Schläge anzubringen, wie ehedem die Göttinger Professoren an die Ränder ihrer Hefte sollen geschrieben haben: Hier pflege ich einen Witz zu reißen.

Eine Schule, wo das Prügeln systematisch würde, mahnte mich an jenes Waisenhaus, wo alle sechzig Buben, große und kleine, gesunde und krankne, wenn ich nicht irre, alle Jahre zweimal sämtlich laxieren mußten, ich weiß nicht, ob zwei oder drei Tage lang alle miteinander. So wurde aber ehedem in den Schulen geprügelt auf dem Lande und in den Städten. Und wenn man erzählen hört, wie z. B. die Berner Buben Schläge erhielten Vormittag und Nachmittag, mit Ruten, Stöcken, Fäusten, wie sie bluteten und ächzten, so begreift man wohl, wie ein Abscheu gegen das Prügeln bei denen einreißen mußte, die so geprügelt wurden, begreift, daß so geprügelte Väter keinem Lehrer zutrauen, mit Verstand prügeln zu können, weil kein Lehrer solchen an ihnen zeigte, und daß man daher allen Lehrern das Prügeln radikal abstellen oder verordnen wollte, daß sie in jedem gegebenen Fall die Erlaubnis ihrer Obern dazu einholen sollten, was das Thorrechteste von allem wäre. Aber mit dem Bade soll man das Kind nicht ausschütten. Soll man in jedem Waisenhause nun gar keinen Knaben mehr laxieren, weil früher sechzig auf einmal laxieren mußten?

Freilich ist das die beste Schule und zeuget von der besten Gesundheit der Kinder, in welcher solche Strafen am seltensten vorkommen, wo der Lehrer die Herzen zu heilen, den Ausbrüchen der Krankheit zuvorzukommen weiß. Denn allerdings muß so mancher nur deswegen prügeln, weil er nicht sieht, was im Anzuge ist, oder weil sein Ansehen bei den Kindern oder ihre Liebe zu ihm nicht so groß sind, daß sie zu natürlichen fort und fort wirkenden Heilmitteln werden. Bringt dann ein Lehrer es noch so weit, daß er in Anwendung solcher Strafen wirklich gerecht sein kann, ohne den Kindern ungerecht zu erscheinen, so will ich den Hut vor ihm abziehen. Ich meine nämlich: wenn er es dahin bringt, daß er auf die gleichen Fälle nicht immer die gleichen Strafen müsse folgen lassen und doch die Kinder überzeugt bleiben, daß er vollkommen gerecht und gleichmäßig gestraft habe, so hat er es weit gebracht. Jede Strafe ist nämlich von Seite des Lehrers nie eine Züchtigung, sondern ein Heilmittel. Kann ein Arzt nun mit einem Löffel voll Trank heilen, soll er dann einen ganzen Hafen voll einschütten oder gar Arme und Beine abnehmen? Das würde man doch unvernünftig finden. Darum studiert der Arzt die Natur seiner Kranknen; nach dieser richtet er seine Heilmittel ein, und je besser er die Natur kennt, desto kräftiger werden seine Mittel anschlagen. Nun sollte von Rechtes wegen der Lehrer auch nie strenger strafen als es gerade zur Heilung nötig scheint. Nun wissen wir, daß die einen Naturen härter und zäher sind als die andern, also der Krankheitsstoff viel fester bei ihnen sitzt und viel gewaltsamere Mittel zur Austreibung mangelt als andere. Bringt es nun ein Lehrer dahin, daß die Kinder dieses begreifen und es dulden ohne Ärger, daß der Lehrer bei gleichen Fehlern oder Vergehen auf andere Weise und härter oder gelinder straft, je nach der Natur des Fehlenden, so habe ich Respekt vor ihm. Freilich muß der Lehrer, um dieses zu können, vier Dinge verstehen. Er muß dieses selbst begreifen, muß Menschen begreifen, ihre verschiedenen Naturen auffassen und nachdenken können über ihre zweckmäßigste Behandlungsweise. Aber so lange Lehrer nicht einmal über einen Unterrichtsplan nachdenken wollen, kann man ihnen nicht zutrauen, daß sie über die Naturen der Kinder nachdenken mögen.

Er muß zweitens jede Brille ab seiner Nase thun können und namentlich die Brillen, wodurch er Chüechli, Brot, Rüppstücki oder gar Hamme sieht statt Kinder, und auch die, durch welche ihm die eigenen Kinder ganz anders vorkommen als andere.

Er muß des Zornes, jeder Aufwallung Meister sein können, denn der Zorn macht blind und unvernünftig. Was würde man zu dem Arzte sagen, der in der Täubl einem armen Teufel ein halbes Pfund Opium verschreiben würde statt höchstens ein halbes Quintli?

Und wenn der Lehrer ein Kind eines Mutwillens wegen züchtigt in vollem sichtbarem Zorn, muß das Kind sich nicht selbsten fragen: Wer züchtigt dann den Lehrer um seines Zornes willen? Mich ist Mutwillen angekommen, ihn der Zorn, welches ist nun ärger?

Und viertens endlich muß er das Schmuggeln lassen können. Er muß nämlich keine Branntenweinflasche unter dem Kuttensecken in die Schulstube und ins Gänterli schmuggeln, um dort ihr seine häufigen Besuche abzustatten oder sie auch nicht in der Nebenstube besuchen, die liebe Freundin. Wenn dann der Branntenweingeist klafterlang dem Lehrer aus den Augen sieht und aus dem Munde Feuer speit, und dieser Geist im Lehrer dann die Kinder braun und blau prügelt, ihnen alle sieben Regenbogenfarben auf den Rücken prägt – was müssen wohl die Kinder von einem solchen Lehrer denken? Muß ihnen nicht beifallen die Geschichte der zwei vom Teufel besessenen Gergesener, die unter die Schweine fuhren? Müssen sie nicht bei sich selbsten wünschen, ihr besessener Lehrer möchte auch unter die Schweine fahren statt unter Kinder?

Meine Prügelten hatte also gute Wirkung gethan und ging nirgends übel an, und doch war, je mehr die Kinder sich mehrten, desto weniger Stille und Ruhe in der Schule. Ich kann nicht sagen, daß die Kinder nicht gehorchten, sobald ich ihnen befahl; aber es war augenblicks wieder im alten. Ich klagte einmal meine Not dem Pfarrer. Dieser gab mir einen guten Rat, der viel half, aber doch nicht radikal; das Hauptmittel kam mir erst später zu. Nachdem er meine Schule betrachtet hatte, sagte er mir: »Die meisten Lehrer haben den gleichen Fehler wie die meisten Leute. Wenn diese sehen, so hören sie nicht; wenn sie hören, so sehen sie nicht, und wenn sie selbsten reden, so können sie weder sehen noch hören. Sie können nur einer Thätigkeit mit Bewußtsein sich hingeben; während sie das eine Organ, z. B. das Auge, mit Bewußtsein beschäftigen, vernimmt das Ohr wohl allerlei; allein was das Ohr vernimmt, vernimmt der Mensch nicht; seine Seele ist im Auge, nicht im Ohr, und ein Organ, in dem die Seele nicht ist, bringt dem Menschen nichts zu. Nun ist es allerdings das Bequeme, Gewöhnliche, seine Seele nur an einem Orte zu haben, und die Leute, die nicht geweckt sind, begreifen gar nicht, daß die Seele an verschiedenen Orten sein oder vielmehr die Thätigkeiten verschiedener Organe auffassen oder leiten könne zu gleicher Zeit. Ihr seht viele Mägde z. B. Rübli jäten oder Flachs. Sie denken bei dieser einförmigen Arbeit an ihren Kilter, warum er gestern nicht gekommen, ob er etwa bei Durfe Joggis Bäbi gewesen sei u. Ruft ihnen nun ein-, zwei-, dreimal, sie hören euch nicht; ihre Seele kann nicht vom Kilter und von Durfe Joggis Bäbi weg ins Ohr. Beobachtet Kindermägde, wie wenig sie hören, wenn sie ihren Schatz sehen, wie wenig sie sehen, wenn sie ihn sprechen hören. Laßt Knechte heimkommen zum Essen, ihre Seele ist beschäftigt mit dem Gedanken: ob Kraut oder Schnitz auf dem Tische seien, oder ob der Sauerkabis auch Schmutz bekommen habe oder nur die Kelle; legt ihnen Werkzeug aller Art neben und vor die Füße, sie werden es nicht aufheben, nicht einmal sehen; ihre Seele ist nicht im Auge, sondern beim Sauerkabis und zwar ungeteilt. So wird es begreiflich, daß in einer Stube voller Leute eine Menge Dinge geredet werden, die einen sie nicht hören, und die, welche sie hören, nicht sehen, was dabei getrieben wird.

»Vollends wenn ein Mensch redet und mit Eifer redet, so scheint er meist taub und blind zu sein, weil er gerade nur bei seiner Rede ist und weder die Gesichter sieht, die andere schneiden, noch das Gähnen hört, das hinter ihren Händen hervor quakt. Nun sollte von früh an der Mensch gewöhnt werden, aller Thätigkeiten seiner Organe sich zu bemeistern, zu gleicher Zeit mit seiner Seele allgegenwärtig zu sein im ganzen Körper. Zu dem Ende ist sie eben geistig und nicht ein Erdäpfel oder eine Rübe.

»Der Mensch muß zu gleicher Zeit sprechen, sehen, hören, lernen; ja, was noch schwerer ist, er muß lernen an zweien Orten zu gleicher Zeit sehen, zwei Reden zu gleicher Zeit hören. Wer einmal sich daran gewöhnt hat, der weiß nichts mehr anders; es geht ihm das von selbsten zu, es ist sein natürlicher Zustand; ja, er muß sich zusammennehmen, wenn er seine Seele ungeteilt einem Gegenstande widmen und durch nichts anders sich davon will abziehen, unterbrechen lassen. Nun wird aber keiner ein guter Knecht und kein Stüdi eine gute Magd, wenn sie nicht offne Augen und Ohren haben, wenn sie nicht gwahrig sind, d. h. wenn sie das, was ihre Sinne ihnen zuführen, nicht schnell und auf einmal aufzufassen vermögen, sondern nur immer langsam eins nach dem andern. »Aber in noch viel höherem Grade bedarf ein Lehrer dieser Eigenschaften, wenn er einer Schule und besonders einer großen Schule recht vorstehen will. Er muß in der ganzen Stube gegenwärtig sein; die Kinder müssen zum Bewußtsein kommen, daß der Lehrer alles in derselben wahrzunehmen imstande sei, daß er gar keinen Rücken habe, hinter dem sie Unziemliches treiben können. Und dieses Bewußtsein entsteht bei den Kindern gar bald, wenn sie merken, daß der Lehrer alle sieht, während er einem zuhört, daß er auf alle hört, während er einem zusieht, und daß er beides hört und sieht, während er selbsten spricht. Dieses alles muß sich aber geben nicht auf eine gezierte Weise, nicht äußern durch ein Hin- und Herschießen, sondern als ob es sich von selbsten verstünde, so sein müßte. Es ist kaum eine Eigenschaft des Lehrers, welche die Kinder so schnell auffassen als diese, so viel Respekt davor haben, und durch sie kömmt man hundert Unarten zuvor, erspart sich also auch hundert Strafen, eben so viele Unterbrechungen, und die Schule erhält erst dann ein ordentlich Aussehen.

»Und es ist wohl nichts Schöners, als wenn bei aller Thätigkeit der Lehrer in unerschütterlicher Ruhe über seiner Schule steht, wenn er zur Seele der Schule wird, die allenthalben ist und doch nirgends sich aufdrängt. Nun, sagte der Pfarrer, ist aber das ein gar seltenes Ding und eine Menge Lehrer haben gar keinen Begriff von dieser Allgegenwärtigkeit, keinen Begriff von der Möglichkeit, zu sehen und zu hören zugleich, und keinen Begriff von der Notwendigkeit dieser Eigenschaft. Wenn die Kinder sich leicht etwas in acht nehmen, so können sie machen was sie wollen. Es ist, als ob wenigstens drei Viertel einer Schulstube hinter des Lehrers Rücken liegen würden, in denen jedes machen kann, was es will. Und wenn es einmal zu wüst geht und der Lehrer befiehlt Stille, so ist wohl einen Augenblick Stille, bis und so lange die Kinder glauben, der Lehrer höre jetzt nicht mehr, sondern er sehe wieder, oder er sehe nicht mehr, sondern er höre oder er rede, und sehe und höre nicht mehr, merke durchaus nicht, was um ihn weiter vorgehe, achte nicht darauf, ob seinen Befehlen Folge geleistet werde. Ihr werdet es in hundert Schulen bemerken, daß Befehle nur ungefähr so lange fruchten als die Worte tönen an den Wänden.

»Da machte mich jüngst ein Freund lachen« – so redete noch immer der Pfarrer. »Dieser, der Freund nämlich, ist ein gar majestätischer Mann. Mit seinen ehedem schwarzen jetzt gespregelten Augenbraunen glaubt er wenigstens ebensoviel ausrichten zu können, als weiland Jupiter. Er klagte mir gar schrecklich über die Unordnung in seiner Schule. »Ja«, sagte er und stemmte die Hände in die Seiten, »wenn ich schon rufe: Stille! so bschüßt's nüt, nicht länger als ein Minute oder zwei. Und dieses Stille rief er so laut, daß es mich allerdings wunder nahm, daß niemand aus einem Fenster fiel, und mich wunderte, daß die Kinder in der Schule nicht stille wurden. Denn dieses donnernde Stille erschreckte einen Trupp Hühner, die eben ihr Morgenbrot zu sich nahmen, so, daß sie auseinander liefen und flogen, der Hahn über ein Dach weg, und den ganzen Tag sich nicht mehr zu zeigen wagten. Aber die Kinder werden es halt eben gewohnt gewesen sein, und da kann man tausendmal Stille rufen und noch die Augenbraunen runzeln dazu, und wenn sie so schwarz gefärbt wären wie dem Satan seine, das hülf' alles nichts; das Kind weiß wohl, was es macht und machen darf.

»Und in diesem Fehler, Schulmeister, seid auch Ihr!« schloß der Pfarrer, »Ihr könnt nur in einer Ecke Stille behalten und nicht in der ganzen Stube, eben weil Ihr nicht in der ganzen Stube gegenwärtig seid. Versuchet meinen Rat, er wird sicher helfen; aber freilich, es wird Euch schwer ankommen anfangs«.

Das dünkte mich eine strenge Zumutung, und wenn sie zehn Jahre später geschehen wäre, so würde ich gedacht haben, der d... Pfaffe wolle mich kujonieren. Indessen fing ich das Ding doch an zu versuchen und es leuchtete mir bald ein, daß ich mehr Ordnung in die Schule erhielte, wenn es mir möglich wäre, achtsamer zu sein. Aber es ward mir schwer, besonders wenn ich sprach. Da war es mir, als ob ich mit den Augen die Worte suchen müßte im Kopf, wie beim Lesen im Buche, und als ob die Ohren aufpassen und entscheiden müßten, ob ich die rechten gefunden und hervorgebracht. Aber wenn man etwas will und sich Mühe gibt, so bringt man es doch irgendwohin, auch wenn man schon erwachsen ist. Ein wahr Unglück ist, daß nicht mehr Lehrer solche Neuerungen versuchen wollen. Ich meine nicht neue Methoden, neue Terminologieen u. s. w., sondern sich selbst zu beherrschen, Unarten abzulegen, auf neue und bessere Weise sich darzustellen. Aber, aber, die unglückliche Selbstgenügsamkeit, Selbstgefälligkeit oder Suffisance, wie der Weltsch sagt!

Ich hatte auf diese Weise viel weniger Ursache aufzubegehren; die Kinder wurden mir daher lieber, besonders die Mädchen. Ja, lacht nur, Leute, es ist doch so. Gewiß werdet ihr heutzutage keinen Lehrer finden, der es macht wie jener alte Pfarrer. Der haßte die Weiber furchtbarlich und kehrte sich in den Unterweisungen immer den Buben zu; den Mädchen aber wendete er den Rücken. Diese, darüber teils geärgert, teils zum Mutwillen gereizt, trieben allen möglichen Spuk. Der alte Pfarrer sah nie hinter sich, wie wüst es auch gehen mochte, und wenn Schimpfwörter nicht halfen, so schlug er mit seinem Meerrohr hinter sich, aber wieder ohne zu sehen, wohin. Man kann sich den Jux denken, den die Knaben dabei hatten und auch die Mädchen, da sie selten getroffen wurden.

Die Buben sind von Natur roher, wilder und besonders unbedachtsamer, rücksichtloser, die Mädchen weniger roh und besonders bedachtsamer, mehr berechnend und feiner fühlend. (Doch will ich wetten, bei Lehrerinnen würde das Verhältnis sich anders herausstellen.) Das Mädchen weiß schon früh, daß sein Lehrer ein Mann ist, und diese zu berücksichtigen, von früher Jugend an, lehrt es ein Instinkt. Es will ihm gefallen und es findet, wenn der Lehrer nur einigermaßen die Nase mitten im Gesicht hat, Gefallen an ihm. Wie manches Mädchen hat daheim schon gesagt: Üse Schumeister ist doch e hübsche! Hat das je ein Bube gethan? Das Mädchen hütet sich, dem Lehrer zu mißfallen, fühlt tief ein Wort von ihm und weiß, meist sich selbst unbewußt, in die Stimme, in die Augen, in sein ganzes Thun und Lassen so manches zu legen, was den Lehrer anziehen muß. Wenn dem Lehrer etwas zu bringen ist, wer erzwingt es, dasselbe zu tragen, Knaben oder Mädchen? wer läuft der Mutter mehr nach, um sie zu mahnen, daß man dem Schulmeister lange nichts gebracht und daß, wenn man frisch backe, man ihm doch ein Brot bringen wolle – Knaben oder Mädchen?

Abgesehen davon, daß ein Lehrer Mädchen weniger zu strafen braucht, macht schon ihr Wesen an sich mehr oder weniger Eindruck auf ihn; er fühlt sich zu ihnen hingezogen, und die Aufmerksamkeit, die sie ihm widmen, vergütet er wieder. Man achte nur einmal auf den Ton der Stimme, ob nicht eine ganz andere Modulation darin liegt, wenn er fragt: Hans, chast mr's säge? Oder: Bäbeli, weisch du's öppe? Da es nun immer so gewesen ist, so fällt dieser Unterschied, den der Lehrer zwischen Knaben und Mädchen macht, nicht auf; ja der Lehrer sagt ganz ungeniert: die Meitscheni seien ihm viel lieber, sie seien viel ördlicher, er habe nicht halb so viel mit ihnen zu thun, als wie mit den Buben. Niemand wird den geringsten Anstoß daran nehmen. Nur muß der Lehrer sich hoch in acht nehmen vor zwei Dingen: er muß sich hüten, daß seine allgemeine Liebe nicht eine specielle werde, daß er nicht ein Mädchen vor den andern auszeichne, ihm den Hof mache, sonst hat er es mit allen verspielt. Er muß sich zweitens hüten, daß er nicht gegen die Mädchen ekelhaft wird und zudringlich, daß er die Schule mit einem Abendsitz verwechsle und irgend fühlbare Zeichen seiner Liebe gebe, so sehr es ihn auch jucken mag, Backen zu tätscheln oder sonst etwas, sei es nun in Primarschulen oder Arbeitsschulen.

Er meint vielleicht, das habe gar nichts zu bedeuten. Wohl, das bedeutet etwas; er fühle sich nur selbst den Puls, so weiß er, was es bedeutet. Aber alle seine Schüler wissen es, ohne ihm an den Puls zu greifen. Die Buben verhöhnen ihn, und die Mädchen werden erbittert und schämen sich, und wenn es den Alten zu Ohren kömmt, so gibt es Lärm. Überhaupt ( vide das frühere Kapitel über das Verhältnis von Mann und Weib) darf der Lehrer nie die Schwäche darstellen, sonst kömmt er unter ihren Pantoffel, und wenn er später eine Schülerin heiraten sollte, so kömmt er unter einen noch tüchtigern Pantoffel und wird kaum anders vor seiner Frau reden dürfen, als mit weinerlicher Stimme und höchst verlegenen Gebärden. Es wären hier Exempel zu erzählen. Er muß die Kraft darstellen, die anzieht, die anzieht nicht mit Absicht, nicht mit einem angenommenen Wesen irgend eine Rolle spielend, einen Esel darstellend; sondern die anzieht ohne Absicht in wahrer Liebeswürdigkeit durch ein wahrhaft männlich Wesen, dessen Grund Ernst und Liebe ist, das sich darstellt fern von jeder Künstlichkeit in Milde und Kraft. Ein solches Wesen bringt selbst die Buben zu Liebe und Anhänglichkeit, geschweige dann die Mädchen. Die Mädchen haben, so sinnlich sie sein mögen, doch einen eigenen Zug zu höhern bessern Naturen; nur müssen diese doch nicht in gar zu wüster Hülle sein. Daher sieht man so unendlich oft die Schülerin an den Lehrer sich hängen gegen den Willen der Eltern; so sagen es wenigstens die Romane. Aber auch ohne die hat man sehr viele Beispiele von Lehrern, die ihren Schülerinnen immer warm im Herzen blieben, denen bei des Lehrers Anblick die Augen ganz eigen glänzten, denen in den Tiefen wieder auftauchte die entschwundene Jugend, der Frühling des Lebens, die knospende Liebe mit all ihrem Wogen, ihrem Regen. Und wie manches Mädchen fühlte nicht eine Langeweile, eine Öde im Herzen, wenn der Unterricht aufhörte, die es sich nicht zu erklären wußte?

Je mehr der Lehrer die Kraft darstellt, je weniger er sich reißen läßt zu Tändeleien und Spielereien, desto unschädlicher bleibt, ja desto nützlicher wird diese Liebe oder Anhänglichkeit. Zum Bewußtsein durch Erklärungen kommt sie nicht; die Blume geht nicht auf, nur die Knospe bildet sich verschämt zwischen Blättern, genährt und hervorgelockt durch milde kräftige Luft. Das Mädchen, gewöhnt an diese reine bessere Luft, empfindet Ekel gegen die unreine; vor seine Seele hat sich das Bild einer edlen Seele gestellt, die hat sein Herz erwärmt. Wieder eine edle Seele verlangt es, um dasselbe in Glut und Flammen aufgehen zu lassen. Wohl zieht viel und oft durch das Verlangen der Seele die Schwäche des Fleisches einen Strich oder ein Geldsack legt sich schwer auf dasselbe. Allein untergehen wird in dieser Seele doch selten ganz die Sehnsucht nach edleren Wesen, und schwere Seufzer ringen denselben sich entgegen, durch schwere Leiden oft; und oft endet das Ringen nicht, bis die Augen sich wieder öffnen in einer andern Welt. Es wird mancher bedächtliche Lehrer bedenklich den Kopf schütteln über meine Rede und unverblümt sagen, ich rede Thorrechtes. Ich glaube es nicht. Ich meine nur zur Sprache zu bringen das Bestehende, damit dasselbe begriffen und vernünftig benutzt werde.

Zum Beweis, daß ich es auf alle Fälle redlich meine, will ich aufrichtig bekennen, wie es mir ergangen. Damals freilich wußte ich nicht, daß es mir so erging, und wenn jemand es mir gesagt hätte, so wäre ich böse geworden oder hätte ihn ausgelacht. Aber doch that es mir allemal wohl, wenn ich zu den Mädchen kommen konnte, um sie zu überhören. Ich sparte sie manchmal auf bis zuletzt, wie man auch den Dessert zuletzt isset, und nach dem Sprüchwort den Bauer nicht gerne auf den Herrn setzet. Es lachte mir allemal das Herz im Leibe, wenn ich eins der ältern Mädchen in die Schule kommen sah, und es war mir recht öde in der Stube, wenn keins derselben da war. Manche Viertelstunde ging ich früher in die Schulstube, um, wie ich mir sagte, Federn zu schneiden. Das Federnschneiden kam mir aber gewöhnlich erst in Sinn, wenn ich von jenen Mädchen eins oder einige bereits in der Schule wußte. O, es ist recht wunderlich, was dem Menschen alles einfallt, um etwas thun zu können, das er weder sich noch andern bekennen will, dem er keinen Namen geben möchte. So ist mancher Mann ein wahrer Salomo in der Erfindung von Vorwänden, etwas zu laufen. Es ist ihm nicht um das Laufen, sondern um den Schoppen oder die Halbe, die er beim Laufen trinken kann, denn seiner Frau darf selten einer rund aus sagen: Frau, i will ga-n-e Halbi ha. Aber narrochtig that ich mit den Mädchen nicht; es that mir nur wohl, bei ihnen zu sein, und dummes Zeug schwatzte ich nicht mit ihnen. Sie begannen gewöhnlich in ihrer geschwätzigen Natur das Gespräch, und ich brauchte nur hie und da ein freundlich Wort zu erwidern, so ward ihnen angeholfen und ich vernahm gar allerlei, das mir nützlich war. Und wenn ich zufällig nicht gleich hinüber kam, so hatten auch sie Einfälle, in meine Stube zu kommen oder mich hinüber zu rufen. Da ich mir also nicht vergab, so verlor das schulmeisterliche Ansehen durchaus nichts ; im Gegenteil hüteten sie sich recht mädchenhaft, mir einen Verdruß zu machen, und ein einzig strenges Wort fand allezeit weichen Boden. Möglich auch, daß mein weichmütig, wehemütig Wesen (in den Städten würde man sagen, es sei ein interessanter Anflug von Melancholie gewesen) ihr Mitleid erregte; denn man will wissen, daß solche Stimmung bei einem Mann auf Mädchen ganz besondere Wirkung thue, da eine Art Instinkt sie zu dem Amte des Tröstens treibt.

Sie suchten mir auch gefällig zu sein, wie sie nur konnten. Sie sahen, daß mir das Kehren der Schulstube (das ich zweimal in der Woche vornahm und nicht bloß einmal, wie es hie und da noch geschieht, wo man es bitzli D... mehr oder minder nicht scheut) sehr beschwerlich war. Von nun an hatte ich gar nichts mehr damit zu thun; die Mädchen schlugen sich fast darum und putzten mir meine Stube, daß es eine Freude war. Und weil ich zusah, verrichteten sie die Arbeit mit einer Rührigkeit, einer Schnelligkeit, welche sie zu Hause kaum an den Tag legten.

Noch sehe ich, wie einmal ein armes Mädchen vor der Schule um mich herumstrich, immer eine Hand im Sack. Endlich zog es einen Apfel daraus hervor, von den schönsten einen, gelblicht mit roten Backen zum Malen. Er war sicher der schönste, den das Mädchen seit Jahren gehabt. Mit einem ganz eigenen Zagen bot es mir ihn an und sagte: »Schumeister, meut dr nit öppe-n-e-n'Öpfel?« Ich antwortete vielleicht etwas kurz: »Ich wott dir dini Öpfel nit esse, bhalt du-ne nume.« Da wurde das Mädchen ganz rot, schlug seine schwarzen Augen mit einem ganz eigenen bittenden Ausdruck zu mir auf und sagte: »Schumeister, nät mr-ne ab, es isch gwüß e guete.« Ich konnte natürlich nicht widerstehen, und das Mädchen hatte nun keinen Apfel zu essen denselben Nachmittag, und doch war es von einer Fröhlichkeit wie sonst nie; ein sinnig Lächeln saß beständig auf seiner Stirne. Wer sagt mir, was in des Meitschis Herzen vorgegangen vor dem Geben, bei dem Geben und nach demselben? Um dieses Apfels willen wurde dieses Mädchen aber auch meine Eva.

So rückte das Examen heran, für Kinder und jüngere und ältere Schulmeister, die ihres Amtes leben, ein wichtiger Tag. Es wohnt in den Kindern ein Trieb, das zu zeigen, zu bewähren, was sie gelernt haben, zugleich mit einer Bangigkeit über den Erfolg, einem Zagen: ob es ihnen wohl gelingen möchte, zu bestehen? Ach, daß dieser Trieb im Kinde und diese Bangigkeit nicht gepflegt werden, daß sie nicht geführt werden aus der Schulstube ins Leben, daß das Kind nicht gelehrt wird, daß jeder Lebenstag ein Examentag vor Gott sei, und daß alles Lernen nichts abtrage, wenn es einem nicht dazu helfe um in dem Examen vor Gott zu bestehen! Aber nein, zwischen Schule und Leben, zwischen Kirche und Haus hat die Zeit Klüfte ausgefressen und tolle Menschen haben sie noch tiefer gegraben, und Brücken darüber sind nicht gebaut, und hinüberspringen sollen die Menschen von einem Uferrand zum andern: da brechen aber viele den Hals, andere die Beine, und die meisten können nicht begreifen, warum man sie bei dieser Gefährlichkeit von dem einen zum anderen hinüberjage, statt jemand da ruhig sitzen zu lassen, wo er einmal sitzt. Die Kinder freuen sich aber auch auf den Lohn ihrer Arbeit, auf die schönen blanken Batzen, welche ihnen leider jetzt durch die eidgenössischen Münzlümmeleien verkümmert werden. Die Mädchen freuen sich, ohne Tschöpli in den weißen Hemdeärmeln wieder als lustige Sommervögel zu erscheinen, und nur hie und da sieht man an schönen haustäglichen Examentagen traurig ein blasses Kind in einem traurigen Tschöpli. Ach, das arme blasse Kind hatte kein gebleichtes weißes Hemde oder keine ganzen Ärmel an seinen zwei Hemdchen; es darf sie nicht sehen lassen, muß seine Ärmchen traurig verstecken in die abgetragene Hülle, muß die andern rauschen und funkeln sehen in den steif gestärkten, weißen, bauschichten Ärmeln. Ach! da ist wohl keine Frühlingsfreude in dem kleinen Herzchen; in den Augen sitzt die Scham und zieht sie nieder, und nur der blanke Batzen wirft einen Schimmer der Freude über die blassen leidenden Züge.

Ach, ich habe schon manchmal mein Ohr gelegt an solche kleine arme Herzchen, die so vieles sehen müssen und nichts besitzen, die in Not und Kümmernissen gespiesen und getränket werden, die, sobald sie zum Bewußtsein gelangen, von den Eltern ihre Armut vernehmen und täglich Zeugen sind von dem Jammer, den die Eltern verhandeln. Da habe ich vernommen, was die Menschen nicht ahnen, sinnige Gedanken und tiefe Gefühle, habe sie weinen hören im Herzen. Aber was mich weinen machte, war, wenn diese kleinen Herzchen sich einmal freuten, freuten über Dinge, die andere Menschen nicht sehen, reiche Kinder achtlos zertreten, und diese Freude war so rein, so kindlich und umwob so schnell den eingegrabenen Kummer, wie reiche Kinder sich nimmer freuen können. Aber selten jemand denkt an die Freude armer Kinder, als unser liebe Herrgott, der bunte Steinchen für sie geschaffen, schöne Blümchen und Stecken, krumme und gerade. Ach, die erwachsenen Menschen wissen selten mehr, was rechte Freude ist!

Aber wenn ich mein Ohr lange an einem Ratsherrenherzen gehabt oder sonst an einem Magnatenherzen, oder an den Herzen reicher Herren- oder Baurenweiber oder sonst an den Herzen von allerlei Grümpel, und da ganz trübselig und wirbelsinnig geworden bin, so suche ich mir wieder ein armes blasses Kind und lege mein Ohr an sein Herzchen, um wieder zu mir selbst zu kommen, d. h. zu verharren in der Liebe. Ich habe aber schon manchmal gedacht, wenn ich mein Ohr so an ein schwammiges üppiges Herz gelegt, und da Dinge vernahm, daß mir fast Hören und Sehen verging, welch Lärm es Wohl absetzen würde, wenn der Besitzer des Herzens den Lauscher wahrnehmen würde? Wäre es ein Mann, so würde er nach Ohrfeigen greifen; wäre es ein Ratsherr, so würde er dem Großen Rat ein Dekret vorlegen, um dieses bei Halsesstrafe zu verbieten, unterdessen mich hinter Schloß und Riegel thun lassen. Und die Weiber, o Himmel! die Weiber würden ihre Halstücher mit Gusen verstecken, ihre Herzen mit Mäntelenen verpolstern, und wenn alles nichts helfen würde, Zetermordio schreien; und würden mich verschreien weit ärger noch als Potiphars Weib den armen Joseph. So würden die Weiber schreien mit schwammigen üppigen Herzen; aber solche Herzen haben gottlob nicht alle Weiber oder Mädchen. Es gibt deren viele, die ich kenne, die würden wohl auch rot werden und etwas vorziehen wollen, wenn sie mein Ohrenläppchen so nahe an ihnen bemerken würden; aber es ist die holde Scham, die die reichsten Reize am schüchtersten oder stolzesten zu verhüllen strebt, nicht der Schrecken der Kokette, der man hinter falsche Haare oder einen hölzernen Busen kömmt. Doch von solchen schönen reichen Herzen ist jetzt nicht Zeit zu reden, nicht Zeit auszuplaudern, was ich da erlauscht, sondern zu alten und jungen Schulmeisterherzen muß ich zurückkehren, die mit freudigem Bangen oder banger Freude den Examentag erwarten. Ach, so Schulmeisterherzen mahnen mich eigentlich auch an arme Kinderherzen, die an gar kleinen Dingen sich Freude machen müssen, denn größere sind ihnen nicht beschert. Den in der Schule vergossenen Schweiß merkt niemand mehr; von der ausgestandenen Not und Mühe nimmt man nicht Notiz, und wenn der Schulmeister so recht zeigen will, was er gemacht hat, was freilich blutwenig ist gewöhnlich und niemand wichtig scheint als ihm, so strecken die Manne die Beine lang von sich, der Ammann gähnt verstohlen; aber der Stiel entrinnt ihm noch und tönt gewaltig durch die Stube, und er rutscht zum Pfarrer und sagt: »Es düecht mi, er sött afe gnue ha u nimme möge; i wett ihm's säge, er söll fertig mache.« Vielleicht fällt hie und da ein Lob über eine schöne Schrift; aber wenn der Vater des Skribenten da ist, so denkt niemand, daß der Schulmeister das Schreiben ihn gelehrt, sondern rühmt dem Alten den hoffnungsvollen Sprößling. Der nimmt behaglich das Lob ein, spreizt die Beine auseinander, nimmt den Spiegel gravitätisch aus der Westentasche und sagt endlich: »Ja es isch ordlich gnue u-n-er het gseit dahem, er hätt's no viel brever welle mache, aber dFedere sig ihm nit guet gsi u di angere heige geng am Tisch gstoße.« Das sind des Lehrers Freuden. Und wenn man ihm nachrühmt, sie hätten brav aufgesagt, aber das Lesen hatte etwas besser gehen können, und wenn man ihm dann ein klein Trinkgeld für das Wüschen und Heizen erkennt mit dem ausdrücklichen Beisatz: man sei es eigentlich nicht schuldig, aber man habe es den anderen auch gegeben und man wolle jetzt nichts anderes mehr anfangen, so hat er für ihn einen reichen Freudentag gehabt. (Freilich an manchem Orte wird es heutzutage besser.)

An meinem Examen zu Gytiwyl hatte ich nicht einmal solche Freuden; der Pfarrer, der es nicht böse meinte, aber doch in seiner Hastigkeit gerne in alles redete, verpfuschte mir den ganzen Tag. Beim Auswendigaufsagen gebot er auf einmal und unerwartet, daß alle Kinder die Bücher aus den Händen unter die Tische thun sollten. Er hasse das beständige Gucken ins Buch, wo man einige Worte mit den Augen auffasse, die Ladung ausspucke und schnell wieder eine neue hole. Das mahne ihn gerade an einen Pfarrer, der seine Predigt ablest und immer drein und draus sehe, wie ein Huhn, wenn es Wasser trinkt. Übrigens sei das gar nicht auswendig gesagt, und mit allem Lernen wüßten und behielten die Kinder nichts, wenn sie sich immer auf das Buch verlassen könnten. Das war ganz richtig. Aber meinen Kindern, die sich einmal an das Buch gewöhnt hatten, ging es wie Kindern, die an ein Lülli gewohnt sind und ohne dasselbe gar nicht schlafen können oder wollen, sie mögen noch so schläfrig sein. Sie konnten nicht recht aufsagen, wußten mit ihren Händen nichts anzufangen, kamen von vorn herein schon aus dem Concept, und das Aufsagen, auf das ich bedeutende Mühe verwendet hatte, ging grundschlecht.

Beim Konstruieren hoffte ich nachzubessern und es ging recht gut. Die Wer, Wessen etc. wußten die Kinder richtig aufzufinden und der Chorrichter sagte: was es doch immer für neue Moden gebe, allbets habe man von dem nichts gewußt und einmal er wüßte nichts damit zu machen. Allbets habe man toll leren bete, das es fry gehutet heig, und damit sei man auch durch die Welt gekommen und habe besser husen können, als mancher, der alles wisse, was in den Bücheren sei. Da fiel mein fürwitziger Pfarrer wieder ein, als ich am schönsten im Zuge war, und fragte: »Kinder, ihr habt da von Cederen geredet, was ist das für ein Ding?« Große Stille. »Ist's ein Mensch, oder ein Tier?« »Ein Tier«, sagte endlich eins. »Ist es ein vierfüßig, oder ein kriechend Tier?« »Ein vierfüßiges«, war die Antwort. »Ein Ochs oder ein Esel?« »Ein Esel.« – »Nein«, sagte der Pfarrer, die Cederen sind Bäume. Aber sagt mir nun, was bedeutet das Wort Libanon, ist das auch ein Baum, oder ist's ein Vogel?« »Es ist auch ein Baum«, sagten mehrere, »Ist's eine Tanne oder ein Pflaumenbaum?« »Es ist ein Pflaumenbaum«, war das Resultat langen Nachsinnens. Der Pfarrer schmälte die Kinder, daß sie das nicht wüßten. Du mein Gott, was vermochten sich die Kinder dessen; ich hatte es ihnen ja nie gesagt! Und wer hätte es ihnen sonst sagen sollen? Der Ammann sagte auch dem Pfarrer: einmal er hätte es auch nicht gewußt, und es habe ihn nie wunder genommen. Er finde, das trage gar nichts ab, wenn man den Kindern alles erklären wolle, das mache sie nur gwunderig und dann wisse man zu Hause nichts mit ihnen anzufangen. Er finde immer, der Glaube sei die Hauptsache: es heiße ja, daß der Glaube allein selig mache.

Wenn so einem Schulmeister, der alles am Fädeli zu haben glaubt, am Examen nur eine Floh über den Weg springt, so nimmt er es schon aufs Puntenöri, geschweige dann solche Dinge. Freilich sagte mir am Ende der Pfarrer: er sei gar wohl mit mir zufrieden gewesen; ich habe mir Mühe gegeben und habe Rat angenommen, und wenn ich mir wolle gesagt sein lassen, daß man auch erklären müsse und nicht nur konstruieren, so werde alles gut kommen. Aber wie kann man etwas erklären, das man selbst nicht weiß, das einem niemand gesagt hatte? Mein Normallehrer, der nicht wußte, was Palästina war, der hatte mir auch nichts von Cedern und Libanon gesagt, und was er mir noch alles anderes nicht gesagt hatte, das würden alle Bücher der Welt kaum fassen. Der Gerichtsäß gab mir auch ein gar gut Lob und sagte: ich sei ihnen gar anständig; ich sei für mich gewesen und hatte niemand aparti plaget, und wenn ich etwas gewollt, so hätte ich es ordentlich bezahlt, entweder auf der Stelle oder doch auf die Zeit, wo ich es versprochen. Und das sei ds Brävst a-mene Schumeister. Und wenn er dann schon nicht alle neuen Moden nachmachte, so sei das graglych, sie hätten ihm doch nichts darauf.

Das war wieder etwas Balsam auf die Wunden, aber wieder zwei Feuer eröffnet gegen den armen Schulmeister. Was den einen recht war, schien den andern unrecht. Wer will es verargen, wenn man aus Instinkt ins Lavieren gerät, bei allem Schein von Bewegung es doch nicht von der Stelle bringt! Doch so weit dachte ich damals nicht. Etwas getröstet folgte ich der Einladung, mit dem Manne eine Halbe zu trinken; ich hoffte noch dies und jenes Erfreuliche für mich zu hören. Allein ich täuschte mich. Nachdem abgehandelt war, was am letzten Bern-Märit die Kühe gegolten und das Korn, kam man ins Prozedieren und da wurde man mit einer Halbe nach der andern fertig, aber nicht mit dem Prozedieren.


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