Jeremias Gotthelf
Leiden und Freuden eines Schulmeisters – Zweiter Teil
Jeremias Gotthelf

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Zwölftes Kapitel.

Von Vaterfreuden und Vatersorgen.

Das Vatersein erzeugt ganz eigene Empfindungen. Man kömmt sich viel bedeutender vor, macht unwillkürlich eine gewichtigere Miene und fühlt sich, entbunden von der frühern Angst, leicht und froh, wie ein Fisch im Bach, wie ein Vogel in der Luft; es dünkt einen fast, man sollte fliegen können. Man weiß aber vor lauter Freude nicht recht, wo einem der Kopf steht, und hat trotz der Vaterwürde etwas von einer sturmen Gans an sich. Mit der Wöchnerin kann man nicht reden, kann nur sehen, wie sie so wonnereich ihr Kindlein in den Arm nimmt, wie die dankerfüllte Seele so freudig aus den Augen glänzt, und bei aller Schwäche das Gefühl behaglicher Ruhe in allen Gliedern sich ausdrückt. Mit welcher Ahnung hält der Vater sein erstes Kind, und besonders einen Buben, zum erstenmal auf dem Arme und schaut in sein schreiend Gesicht! Was wird wohl aus dem Bürschlein alles werden, wie wartet auf ihn die Welt, was wird sie ihm bieten, wie wird er sie bezwingen? Daß noch kein solches Ding in die Welt gekommen, dessen ist der Vater überzeugt, und sieht im Geiste den Sohn mit Ruhm und Ehren gekrönt und mit gaffendem Munde ab solchem Wunderding rings um ihn die Welt. Und je nachdem der Vater etwas ist, je nachdem legt er dem Kinde Titel und Würden bei im Geiste. Der Patricier sah in seinem Jungen einen Schultheiß mit dem Baretli auf dem Kopf, oder wenigstens einen Obersten unter einem Nebelstecher. Der ehrliche Bürger sah den seinigen zu Bürgern, und Arm in Arm mit einem verarmten Junker in den Lauben spazieren. Der Bauer sieht in seinem einen Ammann, der breit mit den Händen in den Westentaschen vor seinem Hause steht und zusieht, wie man vier schwarz glänzende Rosse an den Mistwagen legt. Der Pfarrer sieht seinen Sohn als Professor, der griechisch und lateinisch, das ihm so viel vergeblichen Schweiß auspreßte, kann wie Schnupf, oder sieht ihn wenigstens an der Herrengaß, und in heiligem tiefem Respekt bückt er sich tief vor dem kleinen Ding, als ob es schon wirklich ein großes an der Herrengaß wäre. Der Schulmeister träumt sich seinen Buben auf der Kanzel als stattlichen Pfarrer, und wie alle sagen: »Ja dä cha's, wie kene«, und wie er Vater mitten unter den Leuten steht und sagt: »Ja dä cha's; vom Land vrsteit mi Bueb nüt, aber uf-em Chanzel isch er e-n Utüfel.« So gehen Träume durch der Väter Seelen und ähnliche durch der Mütter Seelen, aber nur ähnliche und nicht gleiche. Die Mütter träumen von schöner Leibesgestalt, roten Backen, lockichtem Haar, witzigem Munde, und im Hintergrunde schimmert ihnen immer eine Hochzeit entgegen. Und dann hat der Vater und die Mutter bereits Langeweile nach der Träume Erfüllung. Sie gehen alle Augenblicke zum Kinde, zu sehen, wie schnell es den Träumen entgegenreife, und wenn es schläft, so kommen sie beständig in Versuchung es zu wecken, erstlich, damit es die Zeit nicht verschlafe, und zweitens, um zu sehen, wie bedeutend es sich in der letzten halben Stunde entwickelt habe. Und wenn man schon vom Kinde weg ist, so verfolgen einen solche Träume und legen sich quer durch den Kopf, so daß sie andern Gedanken den Weg verlegen, daß man, wie man zu sagen pflegt, den Kopf nicht mehr beisammen halten kann. Daß man in der Schule konfus wird, gar nicht mehr aufpassen kann beim Lesen und beim Aufsagen die Fragen verwechselt, und immer falsche Antworten fordert auf die vorgesagten Fragen, so was ist fatal. Ein Schulmeister soll nie unrecht haben; aber wenn dann die Kinder mit dem Fragenbuch kommen, was soll er anfangen?

Überhaupt möchte ich jedem Schulmeister den Rat geben, die Kindbettene auf den Sommer zu reisen; im Winter läßt es sich fast nicht machen, besonders in den alten Schulhäusern nicht, wo Schulstube und Wohnstube aneinanderstoßen oder doch auf dem gleichen Boden sind. Wie soll der arme Teufel Schul halten mit seinem Kopf voll andern Dingen? Wo soll er Zeit dazu finden? Er muß die Haushaltung machen; er muß doch der Frau abwarten; er muß geschwind nachsehen, wenn das Kind schreit, was es neues gebe; er muß es trocken machen und säubern. Freilich ist zuweilen eine gute Nachbarsfrau da, welche ihn etwas ablöst, oder es kömmt die Hebamme. Und wenn er schon Zeit hat, so ist er doch matt und müde, von dem Abwart, dem Nichtschlafen in der Nacht. Dann nehme man, wie wohl der Schullärm der Wöchnerin thut und wie Langeweile sie hat, wenn der Mann nie bei ihr sein kann! Und wenn man einen Schwäher hat, der schustern muß, und nirgend anders schustern kann, als in der einzigen Stube, welche man brauchbar hat, so ist es auch komoder im Sommer Kindbette zu halten; da kann er doch schustern vor dem Hause oder in der Schulstube. Denn man nehme, wie lieblich die Hammerschläge tönen im Kopf einer Kindbetterin; aber man bedenke, daß geschustert werden muß, wenn die Kindbetterin ihre Ankensuppe gehörig haben soll. Wahrhaftig mit der Schule wußte ich nie so wenig anzufangen; sie war mir nie so zur Last als damals. Auch waren meine Morgen und Nachmittage nicht sehr lang; ich vörtelete gerne mit dem Zeit, oder war das nicht zu machen, so wandte ich Geschäfte vor und sandte die Kinder eine halbe Stunde früher fort.

Die Leute nahmen mir das damals nicht übel; da gab es keine Schulkommisston, welche hinter den unfleißigen Hausvätern her war; sonst hatten die auch was gesagt. Die passen den Schulmeistern, seitdem man ihnen aufpaßt, gar verdammt auf; vor denen kann er sich in acht nehmen, viel mehr als vor dem Schulkommissär, der gewöhnlich ein guter Tschalpi ist.

Wir hatten gar manches zu reden zusammen, was bei dem ersten Kinde ebenfalls mit ganz besonderer Wichtigkeit verhandelt wird. Wir mußten dem Kinde einen Namen auslesen, der ihm wohl anstund. Heutzutag sieht man bei den Namen nur auf den Klang und sagt: »Dä gfallt mr.« Ehedem sah man auf die Bedeutung desselben; da konnte man sicher eher einig werden, als jetzt über den Klang. Wir haben unsere Namen aus Sprachen her, die wir im allgemeinen nicht mehr kennen; daher bleibt uns die Bedeutung der meisten Namen unbekannt. Das ist nun recht übel; denn sein Name war manchem ein Mahnungswort, das ihm beständig in die Ohren klang. Man ist so gewohnt, bei den Namen nichts mehr zu denken, nicht zu denken, daß sie eigentlich Eigenschaften oder das ganze Wesen eines Menschen bezeichnen sollen, daß man auch bei denen nichts mehr denkt, auf den bloßen Klang achtet, bei welchen man doch sehr gut weiß, was sie sagen sollen, z. B. Friedrich, Gottlieb, Gotthelf, Gottfried, Siegmund u. s. w. Wie mancher Vater hat z. B. den Namen Gottlieb zur Erziehung benutzt?

Wir waren uneinig, ich und meine Frau. Sie wollte einen Peterli; dä, düech se, schick sich gar wohl und gang gar ring. Ich war für einen Johannes gestimmt; Johannes sei gar schön, meinte ich, und Johannesli, mis Johannesli, komme gar so lieblich heraus. Mein Schwäher fühlte wohl, daß ihm da nicht eine erste Stimme gebühre; aber er muckelte von einem Daniel, der habe ihm etwas majestätisches, und hinter Murten hießen die fürnehmsten Leute so. Wir stritten zusammen, bis Mädeli mich auf seine Weise ansah und sagte: es könne nicht genug Peters haben, so lieb sei ihm der, wo es bereits habe. Da war das Streiten über diesen Punkt aus, aber nicht über den zweiten. Was sollten wir für Gevatterleute nehmen? Da wollte lange keins recht mit der Sprache heraus. Ich war der Meinung, die Leute würden es mehr oder minder für eine Ehre halten, beim ersten Kinde des Schulmeisters zu Gevatter zu stehen, oder es könnten es wenigstens die einen zürnen, wenn man andere nehme statt ihrer. Man lache nicht darüber und glaube, das sei noch eine meiner alten Mücken, die übrig geblieben. Es ging mir dabei nicht anders, als es gar vielen Vätern beim ersten Kinde geht. Wie viele meinen nicht, die Geburt dieses Kindes sei für die ganze Welt ein bedeutungsvolles Ereignis. Weil diese Geburt für sie so wichtig ist, so meinen sie, für alle habe sie den gleichen Wert. Du mein Gott, wie vergehen diese Faxen! Wenn dann die Kinder kommen eins nach dem andern, daß man nicht weiß, wo wehren, so fängt man an sich fast ebensosehr zu schämen, als man sich anfangs gemeint hat. Während man beim ersten Kinde eine Ehre empfing und andern eine Ehre anzuthun meinte, wenn man sie zu diesem Kinde erbat, so empfindet man später bei jeder neuen Geburt eine sich vermehrende Last, und fürchtet nun auch beim Gevatterbitten eine Last anzuthun. Meiner Meinung nach sollten also die Honoratioren des Dorfes zu Gevatter gebeten werden, womit ich aber doch hinter dem Berge hielt, hoffend, Mädeli werde und müsse gleich denken wie ich, und sollte sich darüber zuerst aussprechen. Endlich äußerte es sich, es dünke es, man könne an die Verwandten kommen; die würden es schon thun. Nun mußte ich denn doch widersprechen und bemerken, daß wir doch ja wenig Verwandte hätten, daß sie fern seien, entweder ihm oder mir unbekannt, und daß man es hier zürnen würde, und daß man doch weniger Lauf und Gang hätte, wenn man die Leute von hier nehme.

Gar ungläubig lächelte Mädeli, als ich vom zürnen, von ungern haben sprach. Es hätte das noch nie gehört, hingegen gar oft: man wisse nicht, warum der einen doch plage; man gehe ihn ja weiter nichts an, und er hätte doch noch Leute, die das besser thun könnten. Die Vornehmeren betrachteten eigentlich das zu Gevatterbitten als eine Bettelei, das Annehmen der Bitte als eine Gnade; denn es würde ja niemals einem derselben in Sinn kommen, einen untergebenen, mindern wieder zum Götti zu nehmen; man hätte ja nie gehört, daß ein Bauer einen Tauner zu Gevatter gebeten habe. Bitte man aber seinesgleichen, so thäten diese es darum lieber, weil sie das Gegenrecht ansprechen könnten und um so leichter mit der gleichen Bitte anwachsen dürften.

So disputierten wir zuerst grundsätzlich und dann angewandt auf die Personen. Mädeli schlug Verwandte vor und ich Honoratioren. Wir hatten gegenseitig an allen vorgeschlagenen zu kritisieren. Ich muß bekennen, ich traute Mädeli in diesen Dingen gar kein Urteil zu; es war ja so jung und hatte so viel mit Leuten sich nicht abgegeben. Dagegen glaubte ich mir Erfahrung erworben zu haben. Ich wußte wohl, daß ich meine Bauren nicht plagen durfte; aber zu Gevatter bitten hielt ich nicht für eine Plage, sondern eben für eine Ehre oder für eine Anerkennung der Untergebenheit. Nahmen doch Dienstboten ihre Meisterleute zu Gevatter, Hausleute den Hausbauer und seine Frau, und war an einem Orte ein Oberherr, so war der vor dem Pfarrer nicht sicher. Ich war daher hier hartnäckiger als beim Namen, und setzte es auch durch, daß zwei Stellen nach meinem Sinn vergeben werden sollen, und die dritte konnte mein Weibchen besetzen und that es mit einem Bruder, der einige Stunden von uns in Arbeit stand. Ich aber erwählte den Statthalter und des Ammanns Frau, die bei der Geburt zugegen gewesen und mit Rat und That uns viel geholfen hatte.

Nun mußten die erwählten auch erbeten werden. Die Weiber machen sich oft breit, daß ihnen bei den Kindern alle Beschwerden und Schmerzen auffielen, daß sie es den Männern gönnen möchten, wenn einmal das Kindbetten auch an sie käme. Sie denken nicht ans Gevatterbitten, denken nicht daran, daß man bei jedem Kinde doch nur einmal kindbetten, hingegen dreimal zu Gevatter bitten muß. Ehe man es erfahren hat, weiß man gar nicht, was das ist; ja man weiß es nicht, bis man auf dem Wege ist. Und was bei dieser Sache das merkwürdigste ist, ist das, daß, während durchs Wiederholen jede Sache leichter wird, auch das Kindbetten, das Gevatterbitten einem jedesmal schwerer ankömmt. Der Kindbettimann, der den Sonntagsrock am Leibe, ein Tuch um den Hals und den Wollhut auf dem Kopfe hat, weiß wohl, daß man ihm aus jedem Hause nachsieht, wenn er am Werktag so angethan durchs Dorf geht, daß man neugierig sich fragt: wo geht er hin, wo kehrt er ein? Er weiß, daß, wenn er gegen ein Haus einlenkt, in demselben ein Geschrei ertönt: »Mueter, es chunnt aber eine, er isch gsuntiget u het e Huet a; dä chunnt cho tschämele wen wott er ächt, dr Ätti oder di?« – »Wer isch's?« fragt dann die Mutter. Und je nach dem Bescheid sagt sie: »He nu,« oder »Da hätt's chönne lah blibe.« Darum wählt man zu solchen Besuchen gerne die Dämmerung oder gar die Dunkelheit, und klopft, während die Familie am Nachtessen sitzt, ganz bescheiden an der Küchen- oder Hausthüre. Wenn dann die Magd oder die Tochter vom Beischeidgeben wieder hereinkömmt und sagt: »Mueter, du söllisch use, es wott eine zue dr,« und die Mutter sagt: »Er söll iche cho,« und die Tochter antwortet: »I ha-n-ihm's gseit, aber er wott nit; er dräyt dr Gring geng dert ume; i glaub, dä well öppis angers;« so weiß die ganze Familie wohl, daß das ein schüchterner Chindbettima ist.

Die Ammannin empfing mich gar freundlich: ja freilich, sagte sie, das wolle sie mir schon verrichten, wenn ich das Zutrauen zu ihr habe. Es freue sie noch, und meine Frau gefalle ihr wohl, und warum hätte man die Sachen, wenn man nicht auch andern Leuten etwas davon thun sollte?

Bei des Statthalters ging es mir anders. Dort empfing mich auch die Frau, und hieß mich endlich hineinkommen, nachdem sie mich lange stehen gelassen und unfreundlich hin und her geschossen war. Der Mann werde bald kommen, hieß es. Wahrscheinlich führte er in der Hinterstube sich etwas zu Gemüte, was niemand zu wissen brauchte. Die Frau machte sich unterdessen allerlei Anlaß zu schimpfen, wie man doch von den Leuten geplagt werde; es düech se afe, dLüt meine, si syge allei auf der Welt, und es sei niemand anders gut als sie. Kurz sie wußte während der halben Stunde Wartens mir das Herz so in die Hosen hinunter zu sticheln, daß ich dem endlich eintretenden Statthalter mein Anliegen kaum vorbringen konnte. »Los, Schumester, wil du's bisch, su will dr's wohl verrichte; ame-n-angere sieg i's ab; es chunnt mr neue-n-afe z'uber, u-n-i mueß z'letst o zu mir luege; es luegt niemer angers zu mir.« Nachdem ich noch gesagt hatte, sie sollten sich doch ja keine Kosten machen, es sei mir nicht wegen dem, und nachdem ich gehörig gedankt und vielmals alle z'Kindbetti eingeladen hatte, dachte ich beim heimgehen: »Mädeli, du hesch doch öppis recht,« aber ich sagte es ihm nicht.

Auch dem Bruder nachzulaufen ward mir nicht geschenkt, und das ist wahrhaftig eine strenge Sache, wegen einer einfachen Frage im Winter ein halb Dutzend Stunden machen zu müssen; aber so sind einmal die Leute und die Gebräuche. Nun der Bruder führte sich recht manierlich auf, zahlte mir noch eine Halbe, und da er erst eine neue Kleidung sich hatte machen lassen, so glaube ich, er that sich etwas zu gut auf das Götti sein, und dachte sich das aus, wie sie luegen werden in Gytiwyl. wenn er daher komme in seiner neuen Rübelibchleidig. Freilich schien's ihm nicht ganz recht zu sein, eine bestandene Ammännin zur Gotte zu haben; ein hübsches Meitschi wäre ihm lieber gewesen. Da ich nach Hause pressierte, um nicht zu ernachten, wies er mich auf einen Fußweg, der eine halbe Stunde näher sein sollte. Kalt blies die Byse über die Fläche und nahm mir unsanft den Tabaksrauch vom Munde weg. Leicht war es mir ums Herz; die letzte Visite war gemacht beim letzten Götti; in wenig Stunden war ich wieder bei meinem Sprößling, und mich nahm gar sehr Wunder, um wie viel er in diesem ganzen Tage an Größe und Weisheit zugenommen habe. Freilich flogen auch allerlei schwerere Wolken mir durch den Kopf. Ich erfuhr täglich, daß Mädeli mit seinem häuslichen Budget sich doch verrechnet habe, und daß wir mehr als 2 L. brauchten in der Woche. Nur für Schmutziges mußte 5–6 Batzen ausgegeben werden. Doch diese Wolken flogen rasch vorüber, verjagt durch die immer wieder hervorbrechende Sonne der Vaterfreuden, denen ich mich mit ganzer Seele hingab und die mich auch warm hielten im Bysluft. Da tönte es dicht vor mir in dumpfem Zorneslaut: »Zum D..., chast nit warte?« Ich sah am Waldessaum einen Jäger im Anschlag und hörte nicht weit oben im Gebüsch einen klaffenden Hund, und sah einen Hasen in den Waldweg springen, einen Augenblick stille stehen und dann in raschen zierlichen Sätzen auf uns zu kommen. »Lue, lue, do, do !« schrie ich. Aber der Jäger sah sich so wild nach mir um, daß das schreien mir im Munde stockte und als ich in ihm meinen nächtlichen Begleiter und Wegweiser mit dem fürchterlichen Schnauz erkannte, ließ ich vor Angst die Pfeife fallen. Da stutzte der Has, machte eine halbe Wendung und wollte abspringen, als es knallte aus des Jägers Doppelbüchse und das Tierchen im Wege sich wälzte, zum Tode getroffen. Rasch sprang der Jäger hin, hob den Langbein an den Hinterbeinen auf, gab ihm einen Schlag mit der scharfen Hand ins Genick und warf ihn wieder auf den Boden hin, wo alsobald der Hund, der auf der Fährte klaffend kam, ihn beschnoberte und mit dem Mund ihn packte und gerne eingebissen hätte, wenn nicht des Jägers drohendes Auge über ihm gewesen wäre.

Ich ging auch den Hasen zu beschauen. Der Jäger, der mit seinem scharfen Blick mich erkannt hatte, schnurrte mich an: man müsse ein Schulmeister sein, um einen so in den Schuß zu laufen; ob ich dann sein Winken, stille zu stehen, nicht bemerkt, oder ob ich etwa die nächste Kinderlehr studiert hätte? Und dann noch so zu brüllen wie ein Esel! ob ich dann glaube, er hätte keine Augen und die Hasen keine Ohren? Es komme mir wohl, daß er eine so gute Flinte habe, welcher er auf fünfzig Schritte einen Hasen, auch wenn er spitz gegen ihn käme, anvertrauen dürfe; sonst wollte er mir noch eins zählen. Ich versprach mich so gut als möglich; aber ärgerlich war es mir, von ihm allemal mit einem Putzer empfangen zu werden. Während er die Flinte säuberte und lud, fand ich den Mut, ihm zu sagen, daß er die Schulmeister doch aparti auf der Mucke haben müsse. Das letzte Mal habe er über sie schimpfend mich verlassen, diesmal mit gleichem Schimpfen mich begrüßt. Was die ihm zuleid gethan hätten? – »Schulmeister, das ist eine lange Geschichte,« sagte er. »Ich habe geglaubt, du seiest etwa gwundrig geworden und kämest einmal wieder, zu vernehmen, was ich damals meinte. Aber so seid ihr: wenn man euch nicht rühmt, so begehret ihr nichts zu hören; darum bleibt ihr auch, was ihr seid.« Ich versprach mich damit, daß mir niemand hätte Auskunft geben können über ihn, obgleich ich mehrere Male nach ihm gefragt. Und dann hätte ich viel zu thun, hätte geheiratet und nicht Zeit, unnütz einige Stunden zu verlaufen. Aber wissen möchte ich doch, was er denn eigentlich gegen uns habe? »Da ist der Wind zu kalt,« sagte er, »und die Sache zu lang; aber wenn du mit mir heimkommen willst, so will ich es dir schon sagen.« So lange durfte ich mich aber nicht aufhalten, ohne Mädeli Kummer zu machen, und sagte von einem andern Mal, daß ich wieder kommen werde. Er lächelte und meinte, es werde mir nicht gar Angst darum sein; ob man eine Stunde früher oder später heimkomme, achte man sich sonst so-n-ere Frau t'wege nicht viel. »Aber, Schulmeister,« sagte er, und schob den Hasen, den Kopf voran, in seine Jagdtasche, »wenn du schon nicht gwundrig bist, so könnte es mich einmal ankommen, dir nachzulaufen; denn es wäre doch wirklich schade, wenn kein Schulmeister vernehmen würde, was ich eigentlich gegen sie habe; es würde vielleicht mancher weniger handlich seine Kuttenfecken schwenken, wenn er einmal bündig hören würde, was so ein Schulmeister abträgt.« Da erhob der Hund, der uns wieder verlassen hatte, ganz nahe bei uns, auf einem langen Fuhrenacker, ein gar wehlich Geheul, und vor ihm her setzte ein Hase in langen Sprüngen dem Walde zu, und von mir weg setzte der Jäger, in der einen Hand die Flinte, mit der andern die Jagdtasche haltend, wie rasend in den Wald hinein, und kaput stund ich auf einmal allein und hätte ihm gerne noch etwas gesagt.

Aber verschwunden war plötzlich die ganze Jagd wie ein wilder Spuck; nur das anschlagen des Hundes tönte von ferne her mir zu, aber immer schwächer, bis es endlich verhallte, wenigstens für eines Laien Ohr. Fast so rätselhaft wie das vorige Mal, fast wie der wilde Jäger, erschien mir wieder der wilde Mann. Was ich von ihm vernommen hatte, gab seiner Erscheinung auch noch etwas schauerliches. Per se hatte ich ihm nachgefragt, und alle, die ich fragte, schüttelten bedenklich die Köpfe. Die einen gaben ihn aus für einen fremden Räuberhauptmann, der sich hieher geflüchtet; andere für ein Landeskind, das nach den einen seinen Vater umgebracht, nach den zweiten seinen Herrn, einen reichen Offizier, erschlagen. Die meisten hielten ihn aber für einen, der sich dem Teufel ergeben hätte und hier mit allerlei Teufelskünsten sich abgebe. Zur Bestätigung dieser Meinung wußten sie eine Menge Belege anzuführen, so daß ich mich fast auf ihre Seite schlug, und eben deswegen nicht schnitzig gewesen war, ihm einen Besuch abzustatten.

Wenn man so darüber nachdenkt, so kömmt einem sicher nichts schöner und feierlicher vor, als eine Kindstaufe. Das Kind, das der Herr gegeben, weiht man dem Herrn wieder. Da liegt es vor uns, eine Aufgabe, die all unsere Kräfte in Anspruch nimmt, von deren Lösung unser Lohn und unser Glück abhängt, ein Rätsel, das die Zeit enthüllen wird; eine Gabe, die Gift oder Gold in unsern Händen werden kann; ein klein unbewußt Wesen, für das wir sorgen sollen, daß alle Dinge zu seiner Seligkeit gereichen, wie der Herr allen denen, die ihn lieben, alles zur Seligkeit gedeihen läßt; ein anvertrautes Gut, das wir regieren sollen, wie wir wünschen von Gott regiert zu werden, also ein Prüfstein, an welchem wir erproben, in wie fern wir Gott ähnlich zu werden vermögen. Eine Kindstaufe ist also einer der erhebendsten Tage im Menschenleben, und nur wer sie nicht begreift, kann sich an ihr ärgern, und nur der Vater, der seinen göttlichen Beruf nicht vernimmt, kann sich ihr entziehen. Und wehe denen, welche aus Rechthaberei und Buchstabensucht den Vätern diese Taufen verdächtigen und den Kindern rauben die Früchte dieses Taufens, die Früchte im Vaterherz und im Mutterherz.

Unterdessen ist's merkwürdig, wie auch die Welt dafür sorget, die tieferen Eindrücke zu verwischen, ja einen Vater gar nicht zur ordentlichen Besinnung und noch viel weniger zur rechten Empfindung kommen zu lassen. Er muß am Morgen dafür sorgen, daß die Gevatterleute etwas finden zur Stärkung. Er muß Angst haben, daß sie sich vielleicht verspäten möchten. Er muß daran denken, daß seine Frau auch gehörig besorgt werde und auch etwas zu Hause habe. Während der ganzen Taufe muß er daran sinnen, ob er nichts vergessen und wie er es machen müsse, daß er nicht gegen irgend jemand fehle; ob er der Gotte gesagt, wie das Kind heißen solle, und ob die Gevatterleute (wenn es nämlich Fremde sind) alle üblichen Gebräuche recht machen und am Ende die rechten Plätze finden werden. Kaum ist die Taufe aus, so muß er die Gevatterleute hüten, zusammenhalten, wie eine Herde Flöh, damit ihm niemand davon laufe; »Seh, chömit, chömit doch!« muß er rufen, bis er im Hause oder im Wirtshause ist, und sollte er darüber so heiser werden, wie eine alte Aue. Und hat er sie endlich auch beisammen, so entrinnt ihm doch das eine oder das andere unter irgend einem Vorwande wieder. Dann muß er den Wirt pressieren, daß er bald auftragen lasse; denn die Zeit vor dem Essen ist furchtbar langweilig; man weiß gar nicht, was anfangen; denn da viel Reden den Appetit nimmt, so will niemand dieser Gefahr sich aussetzen. Und hat endlich der Wirt die Suppe auf dem Tische so sind die Leute nicht mehr da. Die, welche da sind, muß man zerren und stoßen; es ist, als ob sie keine Beine machen können, und doch mögen sie kaum warten, bis sie am Tische sitzen; aber sich schreißen, pressieren lassen zu dem, nach dem man lechzet, wie ein Hirsch nach einer Wasserquelle, das ist halt der Welt Sitte. Nach den andern muß man ausschicken, und vernimmt endlich den Bescheid: sie werde öppe cho, me soll nume afe näh. Der Kindbettimann weiß nicht, soll man warten oder zufahren, und ist in peinlicher Klemme, der oder die könnten es zürnen. Aber nun pressiert der Wirt. Es kalte alles, sagt er; man könne ihnen dänne stellen, sie werden schon kommen. Endlich ißt man, und der Kindbettimann muß einschenken und sagen: »Näht doch,» und wenn eins nach dem andern nachkömmt, so muß er befehlen, daß man wieder auftrage von der Suppe an, bis dahin, wo die andern endlich gekommen sind, und sollten sie erst um vier oder fünfe nachkommen, wie es z. B. des Statthalters Frau und Sohn machten. Und in jedem Wirtshause sind immer Leute am Sonntage, welche vom Schmarotzen leben; die strecken in jede Stube, wo das Kindbettimahl gehalten wird, ihre Nasen. Denen muß er nun selbsten es bringen, oder sich nicht ärgern, wenn andere ihnen es bringen von seinem Weine; muß sich nicht ärgern, wenn irgend einer, ohne sich um die übrige Tischgesellschaft zu bekümmern, hineinkömmt und mit dem Statthalter ein Geschäft zu bereden anfängt. Dieser muß ihm einschenken, und alles, was der Trinkende der Höflichkeit wegen zu thun hat, ist, daß er mit den Anwesenden Gesundheit macht. Dann wischt er mit der obern Hand das Maul und geht wieder, ohne sich nach dem Gastgeber nur umgesehen zu haben. Und wenn Gäste oder Gevatterleute recht ungeniert sind und einmal recht gute Leute sein möchten auf anderer Leute Kosten, so warten sie nicht einmal bis jemand von selbst hereinkömmt, sondern sie wandern in der Gaststube und den Gängen umher, wie die Knechte im Evangelium auf den Kreuzwegen, und wo sie einen ansichtig werden, der ihnen anständig ist, so heißt es: »Chumm, thue eis B'scheid, nimm eis.» Und wehrt sich der, so heißt es: »Chumm ume, da seit niemer nüt; chumm ume, es thuet dem's sauft.»

Wenn nun der Kindbettiman das alles ausgehalten und dazu noch im Kopfe ungefähr in Rechnung behalten, wie manche Maß der Wirt aufgestellt, wie manchem er frisch aufgetragen, und wenn er noch allgemach immer zu addieren vermag, wie hoch die Rechnung sich belaufen und ob er es aushalten möge, und das müssen die meisten Kindbettimannli thun, so möchte ich den sehen, der im Kopf noch ernste Gedanken haben kann. Und wenn die Rechnung anfängt überzulaufen, und um Franken die Summe übersteigt, welche er dafür angesetzt, und seine Beine ihm unter dem Tisch zu gramsen und zu brennen anfangen, und noch niemand zum Heimgehen einen Wank thut, so möchte ich den sehen, welcher ein fröhlich Herz bewahren kann. Und wenn die Gevatterleute zu prügeln anfangen und Teller und Flaschen in der Stube herumfliegen, und das Mannli weiß, daß er das alles zu bezahlen haben wird, so möchte ich den sehen, der ein fröhlich Gesicht noch machen kann. Und hat er das alles ausgestanden, so muß er sich noch schönstens bedanken, und nicht vergessen, einen Korb packen zu lassen, um doch auch seinem Weibe etwas mitzubringen.

Und zuletzt hat er vielleicht noch über langes Ausbleiben von seiner Frau die bittersten Vorwürfe anzuhören, die auf keine Entschuldigung, daß es sich ihm doch nicht geschickt hätte, vor seinen Gevatterleuten wegzugehen, hören will. Und wenn zu allerletzt die Frau die Ürti vernimmt und sie nicht im Verhältnis findet mit dem, was sie erhalten, so kann der arme Teufel von Vater versichert sein, daß er auf lange bös Wetter ins Land kriegt. Ich will gerne bekennen, daß es mir nicht ganz so ging, aber doch nicht ganz anders. Die Üerti vernahm ich nicht. Der Wirt meinte, das pressiere nicht, er müsse noch mit seiner Frau reden; es thue mir's sauft, einmal einen Schoppen bei ihm zu haben. Zu Hause empfing mich Mädeli auch gar nicht sauer, sondern sehr fröhlich, machte mir Vorwürfe, daß ich mich doch so mit ihm verköstige; es hätte ja gute Sachen auf lange. Die Ammannin habe es gar schön bedacht, und mehrere Gespielinnen seien bei ihm gewesen und haben gekramet, daß es sich hätte schämen müssen. Aber vom Brunnen, und wie ich die Kaffeekannen gefegt und es mir geholfen, hätte es auch manches hören müssen. Ich sollte doch auch nicht Kummer haben, daß das Kind, das während der Taufe gar erbärmlich geschrieen, viel Kreuz und Leiden haben werde, welches solches schreien sonst bedeute; es hätte ihm alles abgenommen. Ich wußte nicht, was es damit meine, und Mädeli, im Bewußtsein seines mütterlichen Werkes, erzählte mir gar freudig: Die Hebamme sei mit dem Kinde voller Angst schwitzend angekommen aus der Kirche, und hätte schon vor der Thüre gerufen: »Gschwind, Frau, chumm, süsch chunnt's nit guet.» Da hätte sie ihr erzählt, wie das Kind geweint, und was das bedeute; aber es mache noch nichts, man könne ihm das alles abnehmen. Geschwind solle sie Wein geben, und während sie, die Hebamme, Wein trinke, solle sie, die Mutter, eifrig beten und das Kind bsegnen. Da hätte die Hebamme drei Gläser Wein getrunken in den drei heiligen Namen, und Mädeli dreimal das Unser Vater gebeten und das Kind bsegnet recht andächtig. Ich solle ume nur keinen Kummer mehr haben und sehen, wie das Kind ruhig schlafe, wie seit langem nie.

Es hätte nicht geglaubt, sagte Mädeli, daß die Hebamme eine so verständige Frau sei; ich solle ihr doch das schönste Geld auslesen, wenn ich sie bezahle. Wie doch oft die verständigsten Weiber in Bezug auf sich, besonders auf ihre Kinder, überhaupt in Bezug auf alles, was sie lieben, abergläubisch sind! Sie leben mehr in der Gefühls- als der Verstandeswelt, auch die verständigsten. Schade nur, daß diese Gefühle sich oft mehr dem Teufel zukehren und daher etwas teufelmäßiges annehmen und gespensterartig ins Leben treten, als daß sie sich Gott und seiner Lichtwelt zuwenden und gläubig aber lichtvoll das Leben verklären. Am folgenden Morgen war's, als Mädeli mich zum ersten Mal aus der Schule rief. Ich erschrak, wußte nicht was ungewöhnliches begegnet sei, und trat eiligst in die Stube. Da hatte Mädeli unsere drei Gläser aufgestellt und eine große Züpfe dazu, und sagte: es heig's düecht, es mög öppis näh, aber es düech's nit guet, we mr nit o nähmte; so alleine mög es nit. Das rührte mich wieder an meinem Weibchen, und deswegen kam es nicht zu kurz. Wenn nur die Leute glauben wollten, daß die Liebe durch die Liebe bezahlt wird, und Selbstsucht durch Selbstsucht.

Als die Schule aus war, mahnte mich Mädeli daran, daß ich doch alsobald unsere Schulden, bei Hebamme und Wirt, bezahlen solle, es könne sonst nicht ruhig schlafen, und erst dann wüßten wir, woran wir wären und was wir noch hätten.

Ich suchte also unser vorrätig Geld hervor aus dem Gänterli und aus dem Hosensack, und fand zusammen doch noch 8 Kronen und 20 Batzen, ohne die Einbünde unseres Kindes, denn diese an das Mahl zu verwenden, schien uns nicht recht. Diese Summe nahm ich mit mir voll Angst und Bangen nichts mehr heim zu bringen, um Kind und Weib zu erhalten.

Der Wirt nahm mich in die Nebenstube und rechnete mir auf dem Tisch mit der Kreide vor, wie viel Wein wir gebraucht und wie viel Thee, und erzählte, daß es viel gebraucht hätte, aber ds Statthalters Bueb sei geng dr wüestisch und borg niemere nüt. Öpper angerem könnte er es, wie ich da sehe, nicht unter einer Duble machen; es hätte ja 10 Maß Wein gebraucht; aber weil ich es sei, so wolle er es mit 5 Kronen und 10 Batzen machen. Er hätte mir noch nie etwas gegeben, und ich ihn nie um etwas geplaget; ich hätte es nicht wie ander, die einem immer vor der Thüre seien. Ich hatte mehr gerechnet, und wehrte mich daher noch von dem Weine zu trinken, welchen er mir aufstellte; ich wolle ihm nicht alle Tage in den Kosten sein, sagte ich. Ich solle nur nehmen, er wolle es einem andern denn schon machen, sagte er. Der taxierte seine Leute! Nun mochte ich das wohl leiden, wenn er denen, die es vermochten, zu viel anrechnete, und dann den Ärmeren um so viel nachließ. Aber eine solche billige ausgleichende Taxation ist schwer für einen Wirt, wenigstens ebenso schwer, als dem Erz. Departement. Ich habe z. B. nie gehört, daß der Wirt, der bei der Gräbt eines reichen Junggesellen achtzig Maß süßen Thee verrechnete, den Überschuß ärmeren Hausmannlene habe zu gut kommen lassen.

Auch die Hebamme machte es billig und forderte nur 4 L., so daß mir noch 45 Batzen im Sack blieben. Mit diesen sollten wir nun haushalten drei Monate lang, und mein Nebenverdienst war, auch bei allem Fleiße, so viel als nichts; der Schwäher hatte im Winter auch nicht gar viel zu thun, so daß wir kümmerlich abbrechen mußten.

Es hätte für das Kind noch so manches angeschafft werden sollen, aber wir hatten es nicht. Mädeli tröstete sich damit, daß es dem Kinde deswegen doch nicht böser gehe. Seine Mutter habe immer gesagt, bei einem Kinde sei Reinlichkeit die Hauptsache, das mache es gesund und munter; dann hielt es mir das Kindlein vor und sagte, ich solle nur schmöcken, ob das Kind einen bösen Geruch hätte? während das Kind mancher reichen Bäurin rieche, wie vierzehntägige Ankenmilch; und ich solle nur sehen, wie sauber es sei; es habe schon viele Kinder gesehen, die köstliche Sachen angehabt, aber so schmutzig, daß es sie nicht hätte anrühren mögen, und dann hätten die Weiber gesagt: man könne die Kinder nicht immer sufer halten, man mög es machen, wie man wolle. Aber die Mutter habe allbets gesagt, die Weiber probierten es nur nicht. Es war eine Freude, meinem Weibchen zuzusehen, wie es dem Kindlein Rat schaffte und wie sanft und zärtlich es mit ihm umging, und doch noch arbeitete dazu, und das Kind nicht zum Vorwand brauchte, um nichts zu thun, oder dasselbe auf den Arm zu nehmen und in den Häusern herumzulaufen.

Eines ärgerte mich an meinem Weibchen, ohne daß ich lange etwas sagen durfte. Es verlor gar viel Zeit mit plätzen und flicken. Schon anfangs Winters hatte es fast einen ganzen Tag damit zugebracht, die Kutte, in welcher ich gewöhnlich Schule hielt, von ihren unzähligen Löchern zu befreien. Damals sagte ich ihm oft, es solle doch nicht so Mühe haben; es gebe doch gleich wieder andere Löcher. Da hatte es mir geantwortet, es mache das gar gerne, und wenn es wieder neue Löcher geben solle, so werde es sie schon wieder vermachen, und dann eins nach dem andern, das brauche dann fast keine Zeit mehr. Ich dachte bei mir selbst, das sei vielleicht eine der Schwachheiten, von denen ich gehört, daß schwangere Frauen damit behaftet würden. Nach der Kindbette, dachte ich, werde das sich schon geben. Allein ich hatte mich verrechnet. Kaum war irgend ein Loch an mir zu sehen, oder ein Häftli am Hemdekragen abgesprungen, so legte Mädeli alles andere aus der Hand und fiselte mit der Nadel an mir herum, oder nahm mir das Kleidungsstück ab, ja manchmal, wenn es am Abend nicht mehr Zeit hatte, so stund es am Morgen früher auf und ruhte nicht, bis ich wieder ganz in der Schule erscheinen konnte. So mußte ich oft herhalten, wenn es mir nicht recht komod war, und ich fing an nachzurechnen, wie viel Zeit doch auf so dumme Weise versäumt würde. Einst war ich eben am Brüten über einer Leichenrede, als Mädeli mit der Nadel herbei trippelte und mir das Häftli am Hemdekragen annähen wollte, da aus dem klaffenden mein Hals etwas kropfartig herausguckte. Da schnauzte ich es an, zum ersten Mal, glaube ich: es solle mich doch mit solchen Narrheiten in Ruhe lassen, und es wäre besser, es würde etwas arbeiten; es sehe ja, wie kaum wir thun müßten und jedes Stücklein Brot abzirkeln. Mädeli sah mich ganz erschrocken an und Thränen traten ihm in die Augen, und weichmütig sagte es: »Peter, bis doch nit höhn; i cha ja warte bis fertig bisch; aber wie hest o ds Herz, mr ds Nütthue fürz'ha! ich mache ja vo früeh bis spät u bi nie müßig, und thue, weiß Gott, was mr mügli isch.» Und natürlich waren die Thränen ins Rinnen geraten.

Frauen verstehen gar zu leicht etwas falsch, oder nehmen einen Vorwurf allgemein, der nur auf etwas besonderes geht. Ich mußte daher erklären, das ich ihm nicht das Müßigsein vorhalte, sondern das machen von Sachen, die nichts abtrügen; denn ob ich ein Loch hätte am Rock oder keins, oder plätzte Hosen oder blutte Kniee, darauf komme doch nichts an, und hoffärtig zu werden, stehe einem übel an, wenn man längs Stück kein Geld im Hause habe. Aber mein Weibchen ward nicht böse, chupete nicht, sondern gar milde hielt es mir an, es doch darin machen zu lassen; es wolle nichts mehr darob versäumen, sondern diese Arbeit in der Nacht machen. Aber es könne es nicht übers Herz bringen, mich verhudelt in die Schule zu lassen; es wisse, was das könne. Sie hätten früher auch einen Schulmeister gehabt, der immer wie ein Fötzel ausgesehen; vor dem hätten sie gar keinen Respekt gehabt, sondern gar manchmal sich damit erlustiget, alle Löcher zu zählen, die er am Leibe gehabt, oder zu messen, wie groß ganzes er an seiner Kleidung habe, und ab seinem Hals voll Kröpfe habe es ihm manchmal gruset. Es hätte es immer gedünkt, ein Schulmeister sollte doch nicht so verhudelt daher kommen; das sei nicht anständig für ihn, wenn er eine Schulkutte habe, wie Küher Stallkutten. Kinder und Kühe, Ställe und Schulstuben sollten sich doch unterscheiden. Und Hoffahrt sei das ja keine; im Gegenteil, man brauche viel weniger, wenn man immer flicke; und wenn man immer ganz sei, so brauche man auch nichts köstliches, und doch sehe man darin anständig aus. Wenn es mir meine Werktigkutte nicht so fleißig zurecht gemacht hätte, so wäre sie schon lange in Fetzen und ich müßte meine Sonntagskutte tragen. So redete die Mutter; da lächelte das eben erwachende Kind ihr ganz holdselig zu, als ob es sagen wollte: »Ja, Mueterli, du hesch recht, und du bist ein gutes Mueterli.»

Da nahmen wir beide das Kind und küßten es beide, und wurden einig über demselben, daß das Mueterli wirklich recht habe. So ward das Kindlein unser Friedensrichter, und lächelte nun uns beiden doppelt so holdselig.


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