Friedrich Gerstäcker
Der Erbe
Friedrich Gerstäcker

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34.

Vor den Geschworenen.

Am nächsten Morgen überraschte der Polizeidiener Christian Schultze den Rath Frühbach noch im Bett und jammerte und klagte, daß er aus dem Dienst gejagt wäre, und zwar nur seinetwegen. Er verlangte auch Schadenersatz, bekam aber natürlich nichts, brachte jedoch den Rath in eine unbeschreibliche Aufregung und verdarb ihm das ganze Frühstück.

Witte war indessen ungemein thätig, und als nach zwei Tagen ein Rescript des Justiz-Ministeriums eintraf, wonach der Frau Müller, als keiner Hauptschuldigen bei dem Betruge, völlige Straflosigkeit zugesichert wurde, falls sie frei und wahr Alles bekennen wolle, was sie über den Fall wisse, so stand auch nach dieser Seite nichts mehr im Wege.

Eine Scene hatte er allerdings noch im eigenen Hause, als seine Frau den wahren Thatbestand erfuhr: Ottilie wurde ohnmächtig, und die Frau Staatsanwalt würde ebenfalls Krämpfe bekommen haben, wenn das Mädchen nicht gleich bei der Hand gewesen wäre. Witte selber bekam aber dadurch Oberwasser. Seine Frau war nie so kleinlaut gewesen, als nach der Zeit; er konnte sie jetzt um den Finger wickeln und fühlte sich überzeugt, daß es eine heilsame Lehre für sie sein würde.

Indessen rückte der Tag heran, an welchem der Fall vor die Geschworenen gebracht werden sollte, denn Witte hatte sein Möglichstes gethan, um jede Schwierigkeit zu beseitigen, damit der Termin der Erbschafts-Auszahlung nicht versäumt wurde, was nachher nur noch wieder Umstände gemacht hätte. Von Bruno erhielt er ebenfalls einen Brief und schrieb ihm umgehend Tag und Stunde, in welcher er hier eintreffen müsse, und wie der Morgen endlich herannahte, läßt es sich denken, daß die Bevölkerung von Alburg einen lebhaften Antheil an der Sache nahm. Schon Stunden lang vorher drängte sich das Publikum vor der Thür des Sitzungssaales, und die Polizei hatte nicht geringe Schwierigkeit, um nur einigermaßen Ordnung in die Masse zu bringen und Unglücksfälle zu verhüten.

Die Tribünen waren natürlich überfüllt; was an Menschen in den Saal hineinging, preßte hinzu, und selbst hochstehende Damen wurden trotz ihrer Crinolinen zu einem Minimum zusammengedrückt. Es war aber auch ein Fall, der in alle Schichten der Bevölkerung eingriff, und der ärmste Handwerker nahm nicht minder Theil daran als die »Crême« der Gesellschaft, denn er war eben so viel bei dem Erfolge betheiligt und freute sich dazu schon im Voraus auf den Entscheid der Richter, während die haute volée, dadurch daß solche »Schwächen« der höheren Stände vor die Oeffentlichkeit gebracht wurden, einen noch größeren Widerwillen gegen das überhaupt zu liberale Institut den Geschworenengerichte faßte. Aber hingehen mußten sie trotzdem; sie hätten nicht um die Welt die Untersuchung versäumen mögen!

Und wie lange dauerten ihnen die Vorbereitungen, bis die Geschworenen gewählt waren und ihre Plätze eingenommen hatten und der Richter die Verhandlung mit einer kurzen Einleitung eröffnete! Dann erst trat Staatsanwalt Witte als Kläger auf und beschuldigte in kurzer, aber kerniger Rede den Baron von Wendelsheim und dessen Schwester, Fräulein Aurelia von Wendelsheim, mit Hülfe der damaligen Hebamme, der bekannten Frau Heßberger, zwischen der Frau des Schlossers Baumann und der Frau Baronin die Kinder vertauscht zu haben. Er legte dabei klar das Motiv der ersten Anregung dazu vor: die Furcht des Barons, keinen männlichen Erben zu bekommen und dadurch der Erbschaft verlustig zu gehen, während er sich, da er wußte, daß seine Gemahlin nie ihre Einwilligung dazu geben würde, der Hülfe seiner Schwester versicherte, ja möglicher Weise von dieser erst dazu getrieben wurde. Daß die Heßberger nachher, als sie sich durch die unerwartete Geburt eines Sohnes der Gefahr ausgesetzt sah, den versprochenen bedeutenden Lohn zu verlieren, nicht allein die Mutter des Kindes, sondern nun auch den Vater und dessen Schwester betrog, indem sie die Thatsache, daß es ein Sohn sei, verheimlichte und sie in dem Glauben bestärkte, es sei wirklich ein Mädchen gewesen, war leicht zu erklären.

Die Heßberger täuschte auch später nochmals den Baron, indem sie ihn durch irgend einen gleichgültigen Todtenschein eines weiblichen Kindes glauben machte, seine Tochter sei gestorben. Dadurch vermied sie jede, sonst doch mögliche Nachforschung des Vaters. Der Todtenschein hatte sich unter den Papieren des Fräuleins von Wendelsheim gefunden und Witte nach genauer Untersuchung herausbekommen, daß jenes Kind auf einem entfernten Dorfe von völlig unbescholtenen Eltern geboren und auch dort kurze Zeit danach gestorben sei. Bei dessen Geburt waren der Schwiegervater und zwei Verwandte zugegen gewesen, und das Kind, vom ersten Moment an kränkelnd, von dem dortigen Wundarzt behandelt und die ganze Zeit, bis zu seinem Tode, nicht aus den Augen gelassen worden.

Ruchbar sei die That durch die Frau Baumann selber geworden, die, von Gewissensbissen gepeinigt und in der Angst, den damals auf falschen Verdacht hin gefänglich eingezogenen Erben an seinem Leben geschädigt zu sehen, ein offenes Bekenntniß abgelegt habe. Es gehe daraus hervor, daß sie selber nur höchst ungern und halb von ihrer Schwester gezwungen, fast unmittelbar nach der Geburt ihres Kindes, jedenfalls innerhalb der ersten vierundzwanzig Stunden, ihren Sohn in der Hoffnung hergegeben habe, ihn und die Familie, in die er eingeführt wurde, glücklich zu machen. Als ihr ein Sohn, aber nicht der ihrige, dafür zurückgebracht wurde, gerieth sie außer sich; es war jedoch zu spät. Die Heßberger drängte in sie, und sie schwieg – schwieg bis jetzt.

Daß die Heßberger die Hauptschuldige sei, habe sie nicht allein auf dem Criminalamt, nach dem dort aufgenommenen Protokoll, was nachher verlesen werden solle, selber erklärt, sondern auch durch ihren Selbstmord, weil sie die Strafe fürchtete, erhärtet. Gleich schuldig mit ihr sei wohl der Vater des Kindes, der Baron von Wendelsheim, aber von Gott selber außer den Bereich menschlicher Strafe gebracht, da sein Geist wandere und völlige Besinnung ihm, nach dem Ausspruche der Aerzte, kaum je wieder zurückkehren würde.

Daß die Frau Baronin selber nichts von dem Tausche der Kinder gewußt, stehe fest; desto stärkerer Verdacht, ja fast die Gewißheit der That ruhe aber dagegen auf jenem Fräulein von Wendelsheim, die, in der Furcht, den alten Glanz des Hauses erlöschen zu sehen und selber ohne hinreichende Mittel, das Zusammenbrechen desselben zu verhindern, zu diesem Verbrechen ihre Zuflucht genommen habe, um es abzuwenden. Sie allein sei auch strafbar, da sich die Hauptschuldige der Strafe entzogen, denn sie, als hochstehende, gebildete Frau wußte genau, was sie that, und handelte dabei mit vollem Vorbedacht. Die Geschworenen ersuche er daher, die Rechte des wirklichen Erben, des bisher von dem Schlosser Baumann unter dem Namen Friedrich erzogenen Sohnes, zu prüfen, und er hoffe, der Gerichtshof werde dann jener Dame die härteste Strafe zuerkennen, die das Gesetz überhaupt in diesem Falle gestatte.

Witte hatte außerordentlich ruhig gesprochen, und die einzelnen Thatsachen, die übrigens schon seit den letzten Tagen im Publikum ziemlich genau bekannt waren, nun so klar und deutlich als möglich vorgelegt. Er wollte jedenfalls erst den Advocaten des Gegenparts veranlassen, dagegen aufzutreten. Das Publikum selber achtete aber nur wenig auf seine Rede, denn Aller Blicke hingen an den beiden Angeklagten, der Schustersfrau und dem gnädigen Fräulein, die ihren Platz auf der Seite der Verklagten hatten, und ein größerer Unterschied wäre zwischen zwei weiblichen Wesen kaum denkbar gewesen, als die Beiden zeigten.

Die Frau Baumann, in einem blauen einfachen Kattunkleid, eine schneeweiße Haube auf, das milde, gute Gesicht bleich und eingefallen, die Augen niedergeschlagen in Scham und Angst, saß auf der Bank, während neben ihr, hoch aufgerichtet und stolz, aber bis in's Innerste über den Schimpf empört, der hier ihr angethan, in Putz und Schmuck von Sammet und Seide strotzend und aus den bös blickenden Augen giftige Blitze nach allen Seiten, besonders aber auf den Staatsanwalt Witte schleudernd, das gnädige Fräulein stand. In dem Zuschauerraume, wo besonders eine Gruppe von Handwerkern beisammen stand, flüsterten die Leute auch schon mit einander, und manche Bemerkung wurde laut: »Das ist die Rechte, das ist ein böser Drache; seht nur, wie hoch sie die Nase trägt; sie schämt sich gar nicht – und wie sie die Leute daheim behandelt – ein Hund hat's besser, als ihre Dienstboten!«

»Bst! Bst!« flüsterten indessen wieder Andere, denn jetzt begann der von dem gnädigen Fräulein angenommene Advocat nicht allein seine Clienten zu vertheidigen, sondern die ganze Klage als einen aus der Luft gegriffenen Verdacht anzufechten. Das gnädige Fräulein schilderte er dabei wie eine Heilige, die, während sie noch nie einem Menschen Ursache zur Klage gegeben, hier auf eine unwürdige Weise angegriffen und verdächtigt würde. Aus der Selbstanklage der Frau Baumann gehe allerdings hervor, daß eine Täuschung in der Familie beabsichtigt gewesen sein könne, obgleich auch selbst darüber jetzt, nach dem Tode jener Heßberger, der Beweis fehle. Es sei die Unwahrscheinlichkeit aber auf das Höchste gesteigert, wenn man annehmen wolle, daß zwei Knaben gegen einander ausgewechselt wären. Ein Resultat würde die Sache nicht weiter gehabt haben, als daß sie zwei Mütter von ihren Kindern trennten, und die Anklage mache der Phantasie seines geehrten Vorredners allerdings viel Ehre, aber an dem gesunden Verstand der Geschworenen würde sie machtlos abprallen.

Als er das gnädige Fräulein so außerordentlich lobte, wurden von mehreren Seiten höhnische Rufe laut, als: »Hoho! Ja wohl, so sieht sie auch aus!« – Die Beamten stellten aber augenblicklich die Ruhe wieder her, und als er endlich damit schloß, indem er nur noch in einer längeren Phrase das Motiv der Frau Baumann hervorhob, jetzt, durch eine solche Erklärung, ihrem eigenen Sohn die reiche Erbschaft zuzuwenden, bat er die Geschworenen, den Fall ruhig zu überlegen, und sie würden dann selber zu der Ueberzeugung gelangen, daß die ganze Klage – als zu absurd zur Verhandlung – zurückgewiesen werden müsse.

Staatsanwalt Witte ließ jetzt den gefangenen Heßberger als Zeugen vorrufen, und ein traurigeres Bild menschlicher Erniedrigung konnte es kaum geben, als der Verbrecher zeigte. Die kurze Zeit seiner Haft hatte ihn bleich und hohlwangig gemacht; die Augen starrten wild und fast blödsinnig umher, und eingeschüchtert durch die vielen Menschen, kroch er ordentlich zusammen unter der Last seiner Sünde, seines Jammers. Er machte auch als Zeuge keinen besonders günstigen Eindruck auf die Geschworenen; trotzdem mußte er gehört werden, und von dem Vorsitzenden befragt, legte er denn auch ein unumwundenes Geständniß ab. Er verheimlichte oder beschönigte nichts. Er erzählte, daß er den neugeborenen Sohn der Baumann, warm in wollene Tücher eingeschlagen, in das zu dem Zweck geheizte Gartenzimmer des Parks getragen, bis seine Frau ihm durch ein in ein bestimmtes Fenster gestelltes Licht ein Zeichen gegeben habe. Dann sei er nach dem Schlosse gegangen, wo er sein Weib mit dem fremden Kinde getroffen hatte. Sie nahm ihm das, was er gebracht, dort ab, gab ihm das andere und flüsterte ihm dabei zu, er solle nur ihrer Schwester sagen, er brächte ihr Kind wieder mit, der Tausch sei nicht nöthig gewesen. Aber seine Schwägerin habe gleich gesehen, daß es ein fremdes Kind sei, und geweint und geschrieen, und er hätte sie kaum beruhigen können.

Der Advocat des Gegenparts fragte jetzt den Schuhmacher, ob er schwören könne, daß er nicht wieder dasselbe Kind zurückgetragen, das er mitgenommen, und woher er wissen wolle, daß es ein anderes gewesen sei, noch dazu, da ihm seine Frau selber gesagt hätte, es wäre das nämliche.

Heßberger, der jetzt im Reden etwas mehr Muth faßte, erwiderte, wenn seine Frau nicht die Kinder austauschen wollte, so würde sie das dem Baron gehörige nicht aus dem Wochenzimmer auf die kalte Treppe hinuntergetragen haben. Ueberdies hätte er deutlich genug gefühlt, wie ihm das getragene weggenommen und ein anderes dafür gegeben sei; das zweite sei auch leichter gewesen, als das erste.

Der Advocat des gnädigen Fräuleins, dem der ungünstige Eindruck nicht entgehen konnte, welchen Heßberger's ganze Erscheinung auf die Geschworenen gemacht, benutzte den augenblicklich, um die Aussage des Zeugen zu verdächtigen. Er war außerdem, wie alle Welt wußte, ein Dieb und Einbrecher, und sein Zeugniß verlor dadurch jedenfalls an Werth. Die dagegen von seiner Seite aufgerufene Zeugin Frau Barbara Müller aus Vollmers, als Amme des Kindes, trat desto respectabler auf, denn sie machte gleich von vornherein den Eindruck einer achtbaren, durchaus rechtlichen Frau, und Alles, was sie über die Wendelsheim'sche Familie sagte, zu der sie fast unmittelbar nach der Geburt des Kindes als Amme gerufen, klang außerordentlich lobenswerth. Auch über die »Tante« äußerte sie sich; sie sei wohl ein bischen »scharf und knapp« gewesen, aber sonst ganz gut, und was das alberne Gewäsch von einem Umtausch der Kinder betreffe, so wisse sie wohl, woher das komme, und die Gesellschaft sei auch schon bei ihr gewesen; aber sie sollten nur wiederkommen, sie wolle ihnen heimleuchten.

»Ich ersuche den Vorsitzenden,« sagte Witte, »die Frau zu fragen, zu welcher Stunde sie auf Schloß Wendelsheim eingetroffen ist.«

Die Antwort lautete: »Morgens halb sieben Uhr.«

»Gut,« sagte Witte, »dann habe ich nur zu bemerken, daß die von Heßberger angegebene Zeit des Tausches zwischen zwölf und ein Uhr in der Nacht fällt.«

Andere Zeugen wurden jetzt noch herbeigerufen. Einer, der Gärtner, hatte, wie er aussagte, Heßberger im Garten gesehen und wollte das Schreien eines Kindes gehört haben; aber ganz sicher fühle er sich darin nicht. Andere hatten nur darüber reden und die Vermuthung aussprechen hören, daß nicht Alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Weitere, schlagende Beweise wurden aber nicht vorgebracht. Der Advocat für das gnädige Fräulein schien sich schon auf die Schlußrede vorzubereiten, indem er den frevelhaften Uebermuth des Gegenparts hervorhob, auf solch' nichtige Beweisgründe hin ein altes, edles Haus mit Koth zu besudeln, und dazu auch noch den Zeitpunkt zu benutzen, wo der Träger desselben, der alte Baron, durch den Tod seines zweiten Sohnes unnatürlich aufgeregt, gerade augenblicklich von einem Kopfleiden befallen sei und nicht selber hier erscheinen könne, um seine Rechte zu vertheidigen.

Das gnädige Fräulein triumphirte. Recht wie höhnisch flog ihr Blick auf die Versammlung, als Witt ganz ruhig bat, ihm zu gestatten, noch eine Zeugin vorzuführen. Die kleine Frau Müller, die Mutter des Schneiders Müller, kam herein; sie sah sehr nett und sauber, aber auch sehr ärmlich aus und schien im Anfang schüchtern; aber das gab sich bald, denn für sie war dieser Proceß zum wahren Heil geworden.

Bis jetzt hatten die früheren Vorgänge in der Wendelsheim'schen Familie noch immer mit drückender Schwere auf ihr gelastet und ihr manche unruhige Stunde bereitet. Von heute an sollte das aufhören; sie brauchte kein Geheimnis mehr vor den Menschen zu haben und dann auch keine Strafe dafür zu fürchten, wenn sie nur Alles wahr und offen ausgesagt, was sie wußte.

Von dieser Zeugin schien der gegnerische Rechtsanwalt aber gar nichts erfahren zu haben, denn Witte hatte ihr Erscheinen sehr geheim gehalten. Auch Fräulein von Wendelsheim sah die kleine Frau überrascht an, denn sie kannte sie nicht wieder und konnte sich nicht besinnen, sie je gesehen zu haben – was wußte die von der Sache?

Die Frage richtete jetzt der Vorsitzende an sie, und anfangs mit leiser, kaum hörbarer Stimme, so daß sie aufgefordert werden mußte, lauter zu sprechen, sagte sie jetzt:

»Ach, ich war ja zu jener Zeit schon ein paar Tage vorher von der Heßberger der gnädigen Frau Baronin als Wartefrau recommandirt! Kennen Sie mich denn nicht mehr, gnädiges Fräulein? Ich bin ja die Lisbeth, und Sie waren immer gut und freundlich gegen mich!«

Jetzt erkannte sie das gnädige Fräulein wirklich; aber die Ueberraschung war keine freudige, denn sie wechselte die Farbe und winkte dann ihren Advocaten heran, dem sie einige Worte zuflüsterte. Noch mächtiger wirkte aber ihr Erscheinen auf die Schlossersfrau, die erst nur ziemlich theilnahmlos zu ihr aufgesehen hatte, bei Nennung des Namens aber emporzuckte und mit gefalteten Händen flüsterte: »Oh mein Gott, die Todten stehen auf!«

»Und Sie müssen mich ja auch noch kennen, Frau Baumann,« nickte ihr die kleine Frau zu, »wenn wir uns auch die langen, langen Jahre hindurch nicht gesehen haben, denn die Heßberger wollte nicht, als ich hierher zurückkam, daß ich zu Ihnen ging. Es schien ihr selber nicht recht; sie hatte geglaubt, ich wäre nach Amerika gezogen.«

»Und was wissen Sie von der Sache, in welcher die Familie Wendelsheim angeklagt ist, das erstgeborene Kind mit einem andern vertauscht zu haben? Können Sie etwas Näheres darüber angeben?«

»Ach, es wird schon so sein,« seufzte die kleine Frau, »und manchmal und manchmal hab' ich gewünscht, ich wäre gar nicht dabei gewesen, denn recht war's nicht . . .«

»Ich möchte den Gerichtshof ersuchen,« sagte der Rechtsanwalt des gnädigen Fräuleins, »die Identität dieser auf einmal herzugerufenen Frau erst untersuchen zu lassen, ehe sie die Geschworenen durch irgend eine Erzählung beeinflußt. Es scheint sie kein Mensch hier zu kennen, und da ich . . .«

»Ja wohl, ja wohl,« rief es von mehreren Seiten, »das ist die Frau Müller, die in Mecklenburg war!« – Die Ruhe mußte erst wieder hergestellt werden, und dann wurde Fräulein von Wendelsheim gefragt, ob sie die Person kenne. Sie verneinte es. Die Frau Baumann dagegen bestätigte, daß sie eine entfernte Verwandte von ihnen sei und zu jener Zeit als Wartefrau auf dem Schloß Wendelsheim gedient habe. Der Gärtner vom Schloß befand sich ebenfalls als Zeuge im Saal und erkannte sie jetzt auch wieder; auch eine Frau unter den Zuschauern, die sie selber bezeichnete. Außerdem brachte sie aber auch jetzt ihr altes Dienstbuch zum Vorschein, aus dem sich deutlich genug ergab, daß sie nicht allein die richtige Person sei, sondern auch gerade in jener Zeit im Schlosse thätig gewesen wäre.

Ihr Zeugniß war schlagend. Die Heßberger hatte das Kind ganz unmittelbar nach der Geburt gewaschen, eingewickelt und aus dem Zimmer getragen, während sie selber an der Waschbütte stehen bleiben und in dem Wasser plätschern mußte, als ob das Kind noch darin sei. Die Frau Baronin hatte mit geschlossenen Augen im Bett gelegen, und nur das gnädige Fräulein war noch in der Stube und stand fast immer neben dem Bette.

Ob sie glaube, daß das gnädige Fräulein das Wegtragen des Kindes gesehen habe?

Sie wüßte nicht gut, wie es anders möglich sei; das gnädige Fräulein wäre allerdings nicht zu ihr an die Waschbütte gekommen und habe nicht nachgesehen, es sei auch etwas dunkel in der Ecke gewesen; aber sie habe doch das Weggehen der Heßberger bemerkt, und in der Zeit dürfe eine Hebamme nicht aus dem Zimmer.

Der Advocat des gnädigen Fräuleins wollte jetzt die Frage an die Schneiderswittwe gestellt haben, ob sie beschwören könne, daß Fräulein von Wendelsheim gewußt, was die Heßberger beabsichtigt.

Schwören konnte sie nicht; man könne keinem Menschen ins Herz sehen. Sie hätte allerdings viel mit der Heßberger gesprochen und sei oft nach der Thür gelaufen, und sie hätte indessen in dem Wasser geplätschert, als ob das Kind gewaschen würde. Endlich sei die Heßberger wieder hereingekommen.

Ob das gnädige Fräulein mit ihr geflüstert habe, als sie in die Thür getreten sei?

Das könne sie doch nicht so genau sagen; so viele Jahre wären darüber verflossen, und sie möchte Niemandem unrecht thun, denn das gnädige Fräulein sei immer gut mit ihr gewesen.

Und brachte die Heßberger das Kind zurück?

»Das nicht, was sie mitgenommen hatte,« sagte die Frau kopfschüttelnd: ein viel stärkeres mit einem weit größeren Kopfe, und halb erfroren sei's gewesen vor Kälte und Nässe; aber sie hätten es gleich in das warme Wasser gesteckt, und da habe es sich bald erholt. Dann erst sei es zu der Frau Baronin in's Bett gekommen, die es geherzt und geküßt hätte, und der Baron wäre dann gerufen worden, und ein ungeheures Gejubel im Hause über die Geburt eines Knaben losgegangen. Die Leute hätten Wein bekommen, mitten in der Nacht, und sie und die Heßberger auch. In der Nacht habe der Baron denn auch noch einen Wagen geschickt, um die Amme abzuholen, welche gegen Mittag eintraf und das Kind überliefert bekam, und sie selber sei nachher noch vier Wochen als Wartefrau der Baronin im Schlosse geblieben.

Ob sie gewußt habe, daß der, wie sie meinte, untergeschobene Knabe das Kind der Frau Baumann sei?

Ganz bestimmt gewußt eigentlich nicht, aber vermuthet hatte sie es, nach Aeußerungen, welche die Heßberger darüber getan, aber auch nie danach fragen mögen, weil sie Angst gehabt, daß es herauskommen und sie auch straffällig werden könne.

Der gegnerische Advokat suchte sie ein paar Mal durch Kreuzfragen irre zu machen; aber sie blieb fest bei ihrer einfachen Erzählung und widersprach sich nicht ein einziges Mal.

Witte bat jetzt, das Protokoll zu verlesen, das der Actuar niedergeschrieben und dem noch ein Nachtrag beigefügt war. In ihrer Zelle war die Heßberger nämlich noch einmal gefragt worden, den Ort anzugeben, wo sie die Erbschaft erhoben haben wollte, und hatte dann erklärt, sie sollten sie kein solches dummes Zeug fragen, sie wüßten nun die ganze Geschichte. Das Geld habe sie von dem Baron für sich und ihre Schwester bekommen.

»Jetzt aber,« fuhr Witte unter dem Eindruck dieser Enthüllung fort, »muß ich um die Erlaubniß bitten, die betreffende Familie den Geschworenen vorzuführen. Leider war der alte Baron von Wendelsheim selber nicht im Stande, hier zu erscheinen: sein trauriges Leiden verhindert ihn daran, und Krankheit wie Gewissensbisse haben den sonst so kräftigen Mann gebrochen; aber ich glaube, es ist wenigstens nöthig, daß Sie mit eigenen Augen bestätigt sehen, was Sie hier eben gehört haben.«

Er erhielt die Erlaubniß, und wenige Minuten später, während jetzt eine so lautlose Stille im Saal herrschte, daß man das Athmen der Einzelnen hören konnte, öffnete sich die Thür, und der alte Schlosser Baumann, begleitet von seinen zwei Söhnen, mit ihnen aber der bisherige Baron Bruno von Wendelsheim, traten in den Saal und nahmen den Platz vor den Geschworenen ein.

Der alte Baumann war blaß, hatte aber die Zähne fest zusammengebissen, und zu seiner Rechten und Linken standen Bruno und Fritz, während Witte Karl, den zweiten Sohn, neben Bruno stellte – der Letztere natürlich jetzt in Civil und in einen dunklen, einfachen Rock geknöpft.

Bruno hatte keinen Blutstropfen in den Wangen, aber er ertrug den für ihn furchtbaren Moment wie ein Mann; er war fest und ruhig, und sein Auge haftete ernst, aber nicht herausfordernd auf den Geschworenen. Bemerkbar war aber der Eindruck, den sein Erscheinen neben der Familie auf die Mutter selber machte. Mit weitgeöffneten Augen und getrennten Lippen, beide Hände wie krampfhaft auf dem eigenen Herzen gefaltet, saß sie da, und ihr Blick hing fast mit Stolz, aber doch auch mit furchtbarem Schmerz an dem Antlitz des Sohnes.

Bei dem Erscheinen der Familie herrschte anfangs, wie schon gesagt, eine wahrhaft unheimliche Stille in dem großen Saal; aber das dauerte nicht lange, denn bald erhob sich ein scheues, kaum hörbares Flüstern, das aber stärker und stärker wurde, und selbst der Vorsitzende bog sich zu dem neben ihm sitzenden Justizrath nieder und sagte ihm einige leise Worte, wobei dieser mit dem Kopf nickte. Die Bewegung hatte aber ihren Grund in der fast auffallenden Ähnlichkeit Bruno's mit dem nur um zwei Jahre jüngeren Karl, und die Beiden standen da, unverkennbar als zwei Brüder, als zwei Schößlinge, von demselben Stock, neben einander. Bruno mochte um eine Kleinigkeit größer sein, und sein Gesicht zeigte etwas mehr Intelligenz, aber die Züge waren bis in das Kleinste hinab unverkennbar die nämlichen, während das Antlitz von Fritz einen ganz entschieden andern Charakter trug.

Fritz war braun von Haar, ja fast zu Schwarz hinneigend, mit dunklen Augen, Bruno, wie alle Kinder des Schlossermeisters, blond, mit blauen Augen, und dabei etwas, wenn auch nur wenig abgestumpfter Nase, während Fritz' Profil viel mehr Aehnlichkeit mit dem des Fräuleins von Wendelsheim verrieth.

Da erhob sich die Mutter von ihrem Sitz – ihre Kniee zitterten, und sie mußte sich fast gewaltsam aufrecht halten. Ehe aber nur weiter ein Wort gesprochen werden könnte, trat sie vor und begann erst leise, dann aber mit immer festerer Stimmen »Ich weiß nicht, ob ich hier reden darf, aber ich kann jetzt nicht länger schweigen. Jener böse Mann hat gesagt, ich habe die Lüge nur ersonnen, um meinem Kinde, meinem Sohn, eine große Erbschaft zuzuwenden – oh, wenn er in mein Herz sehen könnte! Jahr nach Jahr habe ich gejammert um das Kind und mich gegrämt und abgehärmt, aber immer im Stillen, immer allein, denn es war keine Seele, der ich mich anvertrauen durfte. Ich hätte ihm auch ferner entsagt, denn die Sünde war einmal geschehen, und ich fürchtete mich, mit dem Geständniß dessen, was ich gethan, vor meinen braven Mann hinzutreten; bis endlich die Angst dazu kam, daß der Knabe, durch meine Schuld seinen Eltern entführt war, zu Unglück oder Tod kommen könnte, weil man seinen wahren Stand nicht kannte. Da litt mich's nicht länger – die Sehnsucht nach dem eigenen Kinde preßte mir dabei fast das Herz ab – ich begegnete ihm auf der Straße, und er kannte mich nicht und ging kalt vorüber, wo ich ihm hätte an die Brust fallen und weinen mögen – oh, nur einmal weinen! Wie ich es je wieder gut machen soll, welches Herzeleid ich ihm in dieser Stunde angethan, ich weiß es nicht – ich verstehe auch Vieles von dem nicht, was andere Leute hier gesagt haben, aber das – das ist mein Kind – das hier!« stammelte sie und näherte sich Bruno, der ihr in unbeschreiblicher Aufregung gegenüber stand – »das ist mein Sohn, den ich nicht an mein Herz drücken durfte, seit ihn mir die Schwester an jenem entsetzlichen Abend aus den Armen riß – das hier – das . . .« Sie vermochte nicht mehr, sie konnte sich nicht länger halten, und Alles vergessend, was sie hier umgab, Richter, Geschworene, Kläger, Zuschauer, umfaßte sie krampfhaft den Sohn, sank an ihm nieder, umklammerte seine Kniee und schluchzte laut.

Da aber konnte sich auch Bruno nicht länger halten. Er erkannte in der Frau dieselbe, die ihn so oft und schüchtern auf der Straße gegrüßt, während er gleichgültig an ihr vorbeigeeilt; er vermuthete in ihr dieselbe, die ihm oft mit rührender Sorge kleine Geldsummen gesandt, welche sie sich am Munde abgedarbt, und die Frau fassend und emporhebend, drückte er sie mit den Worten: »Mutter – meine Mutter!« an sein Herz.

Kaum ein Auge in der ganzen Versammlung blieb bei dieser Scene thränenleer – das gnädige Fräulein von Wendelsheim, ihr Sachwalter und der alte Schlosser Baumann ausgenommen. Stumm und starr stand er neben der Gruppe, mit keinem andern Bewußtsein, als dem der Schande und Scham, sich an diesem Ort zu finden.

Die Verhandlung war durch diesen Zwischenfall fast gestört worden, und der Sachwalter des Fräuleins protestirte dagegen; er fühlte und sah, welchen Todesstoß es all' seinen Aussichten auf Erfolg versetzte. Witte verzichtete übrigens von jetzt ab auf das Wort; er wußte recht gut, daß er die Wirkung dieses Moments selbst durch das Beste, was er sagen mochte, nur hätte abschwächen können, und der Advocat des Gegenparts versuchte nun die undankbare Arbeit, in einer längeren Rede nicht allein die vorgebrachten Zeugen zu verdächtigen, sondern auch die Aehnlichkeit zwischen den Geschwistern abzustreiten. Schon dadurch, daß er sie leugnete, bekannte er indirect, daß er sie ebenfalls bemerkt.

Der Präsident des Gerichtshofes gab jetzt einen kurzen Ueberblick über die Verhandlung und richtete seine Mahnung besonders an die Geschworenen, auf ihren geleisteten Eid hin sorgfältig zu prüfen, welche Ansprüche sie für die allein geltenden hielten, wer nach ihrer wirklichen und festen Ueberzeugung der Erbe von Wendelsheim, und wer in Folge der Verhandlung, sobald ein Betrug festgestellt worden, als strafbar dabei betrachtet werden müsse. Er führte dabei die einzelnen Angeklagten auf und formulirte das ihnen zur Last gelegte Vergehen, auf das sie nun allein ihr Schuldig oder Nichtschuldig zu antworten hätten.

Die Geschworenen zogen sich zurück, und wieder lief das flüstern durch den Saal, denn Alles wollte nun dem Nachbar seine eigene Meinung mittheilen oder dessen Ansicht hören, und mit ihrem Urtheil waren die Leute auch rasch genug fertig. Das gnädige Fräulein, welches noch dort so stolz und hochmüthig als je stand, mußte in's Zuchthaus, denn sie hatte die ganze Geschichte angezettelt und betrieben, und die Frau des Schlossers Baumann wurde freigesprochen, weil sie Alles ehrlich bekannt und den Betrug aufgedeckt habe. Der Fritz Baumann wurde dann ein vornehmer Herr und der Lieutenant ein Schlosser . . .

Die Geschworenen! tönte es plötzlich durch den Saal. Sie waren nur ausnahmsweise kurze Zeit weggeblieben, und es schien deshalb, daß fast gar keine Meinungsverschiedenheit zwischen ihnen geherrscht habe (die einzige in der That über Fräulein von Wendelsheim). Der Vormann theilte das von ihnen gefällte Verdict mir; es lautete etwa:

Daß zwischen ihnen kein Zweifel bestehe; es habe allerdings ein Betrug durch den heimlichen Umtausch der Kinder stattgefunden, und zwar so, daß der von dem Schlosser Baumann erzogene Sohn Friedrich der Erbe des Wendelsheim'schen Namens und zugleich aller damit verbundenen Vortheile und Nachtheile sei, während der bis dahin unter dem Namen Bruno von Wendelsheim gekannte Herr unfehlbar der wirkliche Sohn des Schlossers Baumann wäre.

Die genannte Frau desselben, Katharina, sei ferner schuldig der Wissenschaft und Beihülfe des Betrugs in der nämlichen Angelegenheit; aber die Geschworenen empföhlen sie warm der milden Beurtheilung des hohen Gerichtshofes.

Der Schuhmacher Heßberger schuldig, in jeder Hinsicht das Verbrechen gefördert zu haben.

Die Frau Lisbeth Müller schuldig, jene, eines gewaltsamen Todes verstorbene Frau Heßberger wissentlich, wenn auch nur als untergeordnete Dienerin, unterstützt zu haben.

Fräulein Aurelia von Wendelsheim nichtschuldig, da die Beweise über ihre wirkliche Betheiligung oder Mitwissenschaft an dem Betrug unzureichend seien.

Wieder erhob sich das Flüstern, aber diesmal drohend und unwirsch, denn die allgemeine Stimme war gegen das gnädige Fräulein, und man hatte einen entschieden andern Ausspruch erwartet. Aber die Ruhe stellte sich augenblicklich von selber wieder her, als sich der Vorsitzende erhob, um nach dem von den Geschworenen gesprochenen Verdicte den eigentlichen Urteilsspruch zu verkünden. Derselbe trug den Gefühlen der Menge Rechnung.

Frau Baumann wurde des Betrugs, ihr Kind gegen das einer andern Frau heimlich, ohne Wissen der Mutter und um dem eigenen Sohne eine große Erbschaft zu sichern, vertauscht zu haben, als überführt erklärt, aber unter mildernden Umständen, da sie erstens ihr Verbrechen reumüthig selbst gestanden, und dann auch, aus übergroßer Liebe für ihr erstes Kind, und zwar innerhalb der ersten vierundzwanzig Stunden, so gehandelt habe, wo das Gesetz selber das Verbrechen des Kindesmordes gelinder beurtheilt und richtet, als wenn es später verübt wäre. Die über sie verhängte Strafe erkenne das Gericht, nach den betreffenden Paragraphen, in mildester Form zu sechsmonatlicher Gefängnißhaft.

Der Schuhmacher Heßberger, als überführt erklärt, den Betrug seiner Frau, mit Aussicht auf Gewinn, wissentlich und böswillig gefördert und unterstütze zu haben, zu drei Jahren Arbeitshaus, ohne indessen einer andern gegen ihn eingeleiteten criminellen Untersuchung dadurch vorgreifen zu wollen.

Frau Lisbeth Müller sei zwar auch für schuldig erklärt; das hohe Justiz-Ministerium habe ihr aber schon im Voraus, unter der Bedingung, daß sie Alles reumüthig und der Wahrheit gemäß bekenne, im Falle ihrer Verurtheilung die Strafe gnädig erlassen.

Fräulein Aurelia von Wendelsheim könne eben so wohl den Gerichtshof straflos verlassen; die polizeiliche Aufsicht auf Schloß Wendelsheim werde aber so lange fortbestehen, bis der rechtmäßige Erbe, Herr Friedrich von Wendelsheim, die Besitzung – was ihm von jetzt an jeden Augenblick freistehe übernehme. –

Fräulein von Wendelsheim schien nur auf den Moment gewartet zu haben. Mit Sammet und Seide rauschte sie aus der Umfriedigung hinaus, denn nicht mit Unrecht wünschte sie den Saal früher als die übrigen Zuschauer zu verlassen, weil ihr die Stimmung derselben gegen ihre Person wohl kein Geheimniß geblieben sein konnte. Aber so ganz unbemerkt und unbegrüßt sollte sie sich doch nicht entfernen, denn Aller Augen hafteten in diesem Augenblick auf ihr, und kaum nährte sie sich der Thür, an der ein paar Polizeidiener Wache hielten, als auch wie auf gemeinsame Verabredung ein allgemeines Zischen, Pfeifen und Stöhnen losbrach – ja, ein paar der rohesten Burschen, mit zufällig einem Apfel in der Tasche, um vielleicht den Hunger in einer zu langen Sitzung zu stillen, opferten ihr Frühstück, und ein Glück für sie, daß sie nicht mehr weit zu gehen hatte, denn kleine Dreierbrödchen, Endchen Wurst und jene Früchte fingen schon an, um sie hernieder zu hageln.

Kreidebleich vor Wuth, gewann sie endlich die Thür und rauschte hinaus, um sich unten in den ihrer harrenden Wagen zu werfen und, fast außer sich vor Gift und Galle, nach Schloß Wendelsheim zurück zu fahren.

Aber die Verhandlung war noch nicht ganz geschlossen, denn die Verurtheilte mußte erst erklären, ob sie sich der Strafe unterwerfen wolle, und es hatte einige Mühe, die Ruhe wieder herzustellen. Katharina Baumann aber, die jetzt wieder auf ihre Bank zurückgewankt war und dort still weinend saß, dankte dem Richter für sein mildes Urtheil; sie hätte ein weit strengeres erwartet – und vielleicht verdient.

Da trat Fritz Baumann, der jetzige Friedrich von Wendelsheim, vor. Er hatte bis dahin, die Brust von widerstreitenden Gefühlen bewegt, still und fast regungslos an seinem Platze gestanden. Jetzt schilderte er mit glühenden Worten die Liebe und Sorgfalt, mit der jene Frau, die er bis dahin für seine Mutter gehalten, seine Jugend überwacht und für ihn gesorgt und ihn geliebt habe wie ihr eigenes Kind. – »Hier steht ihr wirklicher Sohn,« fuhr er dabei bewegt fort – »laßt ihn frei bekennen, ob er in seiner Heimath, in seiner Familie solche Liebe fand, ob Alles an ihn gewandt wurde, um ihn zu einem braven, tüchtigen Mann heranzureifen! Ich hatte eine Jugend so froh und glücklich, wie sie ein Mensch nur haben kann – ich lernte arbeiten, um mir frei und unabhängig von irgend wem meinen Lebensweg zu bahnen, und das dank' ich nur diesem wackern Mann da – dieser braven Frau – dem besten Vater, der besten Mutter, die es geben kann! Und wenn deshalb meine Bitten etwas über Sie vermögen – oh, so erwirken Sie Gnade für die arme Frau!«

Ein beifälliges Gemurmel lief durch den noch immer dicht gedrängten Raum, und selbst der Vorsitzende nickte ihm freundlich zu. Vor der Hand war aber natürlich in der Sache weiter nichts zu thun, denn die Gnadenbewilligung lag allein in einer höheren Hand.

Fritz wollte sich jetzt noch einmal an seinen Vater wenden; als er sich aber nach ihm umdrehte, konnte er ihn nirgends mehr bemerken. Er hatte mit seinem Sohne, ohne Abschiedswort an ihn oder die Frau selber, den Saal verlassen und war still und düster nach Hause zurückgekehrt, Bruno ihm aber nicht gefolgt. Das Entsetzliche hatte ihn ja zu rasch erreicht, um sich sogleich und plötzlich hinein zu finden – er stand und zögerte und schien seine Umgebung fast vergessen zu haben.

Fritz ging auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen. Er nahm sie; aber dann sich abwendend, flüsterte er: »Nur jetzt nicht, nur jetzt nicht – ich kann nicht reden, nicht denken!« und eilte rasch aus dem Saal.



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