Friedrich Gerstäcker
Der Erbe
Friedrich Gerstäcker

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20.

Bei der Leiche.

Fritz Baumann, als er seines Vaters Haus verließ, schritt, seinen trüben und bitteren Gedanken folgend, der eigenen Wohnung zu. Abgewiesen und verachtet! Das war das Wort, das ihn am schmerzlichsten verwundete – verachtet gerade von ihr, an der er seine ganze Jugendzeit mit so treuer Liebe gehangen, so daß nur immer, wenn er sich ein Glück der Zukunft dachte, ihr Name in seinem Herzen freudig wiederklang! Und jetzt sollte er das Alles, was er die langen Jahre gehegt und gepflegt, herausreißen und zerstören.

Mit welcher Lust war er früher an seine Arbeit gegangen, wie hatte er freudig ganze Nächte geopfert, um sich auszubilden und recht Tüchtiges zu leisten, nur immer in dem einen Gedanken, ihrer werth zu werden und sie sich zu erringen! Das schwand jetzt Alles vor den kalten, hochmüthigen Worten des jungen Mädchens, und leer und ausgestorben lag die Welt vor ihm. So in diese quälenden Erinnerungen vertieft war er auch, daß er gar nicht darauf achtete, als ein Reiter auf dem Straßenpflaster dicht an ihm vorübertrabte und den Kopf nach ihm wandte. Erst als er sein Pferd einzügelte und an ihn heranritt, sah er auf und erkannte den Lieutenant von Wendelsheim.

»Herr Baumann,« rief dieser, »ich hatte Sie im ersten Augenblick gar nicht erkannt . . .«

»Herr Baron!« sagte Fritz erstaunt, denn es war das erste Mal, daß ihn der Officier auf der Straße anredete.

»Lieber Baumann,« sagte der junge Wendelsheim bewegt, »ich weiß, daß Sie meinen Bruder immer gern gehabt, und er hat auch viel von Ihnen gehalten; seine Arbeiten waren die einzigen Lichtblicke seines Lebens – er ist todt.«

»Großer Gott!« rief Baumann erschreckt aus.

»Soeben habe ich durch einen Boten die Nachricht erhalten,« fuhr Wendelsheim fort, »und reite jetzt selber hinaus. Wollen Sie ihn noch einmal sehen, so kommen Sie nach.« Und sein Pferd herumwerfend, setzte er seinen Weg rasch wieder fort.

»Armer Benno!« seufzte Fritz, der in der Kunde fast sein eignes Leid vergaß. »So ein reiches Leben so früh, so furchtbar dahingerafft! Und wie wenig Freude hat er genossen, wie seine schöne Jugendzeit verbringen müssen! Hätte ich so viel Ursache, dem Schicksal zu grollen, wie er?«

Er war an seiner Wohnung angelangt und blieb stehen. Aber wie hätte er jetzt wieder mit Lust und Liebe an seine Arbeit gehen können, wo ihn der Kopf vom vielen Denken schmerzte! Der Lieutenant hatte Recht – er wollte hinaus und den armen jungen Freund noch einmal sehen. Jetzt war das auch möglich, im ersten Schmerz ein Besuch gerechtfertigt; später und bei der Beerdigung, wenn all' die adelige Verwandtschaft mit ihrem Todtengepränge zusammenkam, konnte und wollte er sich nicht eindrängen.

»Sie sollen Dich nicht zum zweiten Mal verachten,« murmelte er finster vor sich hin, »und ich werde von jetzt ab Ottiliens Wort beherzigen und in den Kreisen bleiben, in denen Niemand wagen darf, mich über die Achsel anzusehen. Ihnen gönne ich dann ihre vornehme Welt, es ist ja doch nur Alles Schein, und sie mögen sich glücklich darin fühlen, wenn sie können.«

Er hatte indessen seinen Weg dem Wendelsheim'schen Schlosse zu rasch verfolgt, und erst vor der Stadt draußen wurde ihm wohler, freier zu Muthe, denn er fühlte sich allein, während es ihm in den engen Straßen immer so vorkam, als ob die Leute nach ihm aus den Fenstern sähen und zugleich wissen müßten, welche Schmach ihm heute angethan. Er ging auch von da an langsamer, und als er endlich in der Ferne das alte Schloß mit den düsteren Baumgruppen seines Parkes vor sich liegen sah, da schwand der bittere Groll in seinem Herzen in der Wehmuth über den Verlust des jungen Freundes, und die Scene dieses Morgens war fast vergessen.

Auf dem Hof traf er den Gärtner. »Gehen Sie hinauf, Herr Baumann,« sagte der zu ihm, als er ihn erkannte; »oben liegt das arme junge Blut, aber jetzt freut er sich nicht mehr, wenn Sie kommen, oder wenn ich ihm Blumen bringe – ich habe sie ihm eben wieder hinaufgetragen. Mir ist jetzt gerade so zu Muthe, als ob es Winter geworden wäre und der Schnee auf den Beeten läge. Nun wird's hübsch hier im Hause werden.« Und damit wandte er sich ab und schritt wieder in den Park hinaus.

Fritz Baumann stieg die Treppe hinauf. Er begegnete Niemandem im ganzen Hause; es schien Alles wie ausgestorben, und an des jungen Benno Zimmer angekommen, scheute er sich ordentlich, zu klopfen, aus Furcht, der Todte könne allein darin liegen. Er drückte auch erst nach einigem Zögern die Klinke auf, und als er die Thür öffnete, sah er sich dem todten jungen Freund gegenüber.

Dort lag er, so still und friedlich wie ein schlummernd Kind, so bleich und weiß fast wie das Kissen selber, auf dem er ruhte, und nur die dunkeln vollen Locken beschatteten seine edlen Züge. Die Hände hatte man ihm auf der Brust gefaltet, aber eine freundliche Hand Blumen über ihn ausgestreut – Rosen und Reseda, Astern und Camelien –, und Fritz stand vor ihm, den Blick fest auf das liebe Antlitz geheftet, und schaute ihn so lange ernst und sinnend an, bis ihm selber vorquellende Thränen die Augen füllten und das Bild des Todes in den blitzenden Zähren verschwamm.

»Mein armer, armer Benno,« flüsterte er dabei, »so bist auch Du hingegangen, und ich soll Dein gutes, treues Auge, Dein freundliches Lächeln nimmer wiedersehen und nie mehr den Druck Deiner Hand fühlen! So leb' denn wohl – ich selber bin ein Fremder in diesen Räumen und werde sie und Dich nicht wiedersehen – leb' wohl!« – Und dabei beugte er sich über die Leiche und drückte einen Kuß auf die bleichen Lippen. »Gott lasse Dir die Erde leicht sein!«

»Amen!« sagte eine leise Stimme, und als er überrascht aufsah, denn er hatte geglaubt, daß er allein mit dem Todten im Zimmer wäre, bemerkte er Kathinka, die, halb von der einen Gardine verdeckt, am Fenster stand. Ihr bleiches liebes Antlitz war aber von Thränen überströmt, und ihr Auge hing mit tiefer Trauer an den Zügen der Leiche.

»Fräulein Kathinka,« sagte Fritz bewegt, »ich hatte Sie nicht gesehen – oh, wie weh mir der Verlust unseres armen Benno thut!«

»Ihm ist wohl,« sagte das junge Mädchen mit leisem, traurigem Kopfnicken; »er hat Alles überstanden, und sein Tod war leicht und schmerzlos.«

»Sie waren bei ihm?«

»Ja – er starb heute Morgen in meinen Armen, gerade wie ich ihn unterstützen wollte, um sich etwas höher zu legen, denn er klagte, daß es ihm an Luft fehle. Noch sterbend hat er mir einen Gruß für Sie aufgetragen.«

»Mein armer Benno! Und sein Vater war nicht bei ihm?«

»Nein. Der Herr Baron hat in der letzten Zeit sein Zimmer fast nicht mehr verlassen.«

»Und Fräulein von Wendelsheim?«

»Sie kam auf meinen Hülferuf, und zum ersten Mal habe ich sie bewegt gesehen; aber sie fürchtet sich vor Leichen: sie stand dort an der Thür und winkte mir nur zu, bei dem Todten zu bleiben.«

»Und sein Bruder?«

»Er war lange bei ihm und hat heiße Thränen vergossen; jetzt ist er bei dem Vater. Woher erfuhren Sie es so rasch?«

»Der junge Baron traf mich in der Stadt, und ich konnte dem Wunsche nicht widerstehen, dem armen Todten Lebewohl zu sagen. Du großer Gott,« fuhr er dann fort, während er an das Fenster trat und hinaussah, »wie öde wird das jetzt hier im Schlosse werden! Wie wird auch Ihnen der Knabe fehlen, Fräulein, der so mit ganzer Seele an Ihnen hing!«

»Ich habe hier im Schlosse Alles an ihm verloren,« sagte das junge Mädchen leise, »denn er war nicht allein mein einziger Trost in der Einsamkeit, sondern auch mein Schutz.«

»Ihr Schutz, Fräulein?«

»Die Tante wird mich jetzt entbehren können,« sagte Kathinka leise, »und ich selber wäre auch nicht im Stande, allen ihren Anforderungen zu genügen. Ich werde am Ersten nächsten Monats Wendelsheim verlassen.«

»Sie wollen auch fort?«

»Ja, und da wir uns wahrscheinlich nicht wiedersehen, so leben Sie wohl, Herr Baumann – ich muß fort und dem Herrn Baron das Frühstück bringen, und – die Tante würde auch sonst böse. Nicht wahr, Sie bleiben nicht länger hier allein? Ich bekomme sonst gezankt.«

»Nein, liebes Fräulein,« sagte Fritz bitter, »haben Sie keine Furcht, daß ich dem Fräulein von Wendelsheim je Grund zur Unzufriedenheit geben sollte. Ich werde ihr auch wohl schwerlich wieder in den Weg kommen, so wenig wie sie mich suchen wird. So leben Sie wohl, und schütze Sie Gott auf Ihrer einsamen Bahn!« Damit reichte er ihr die Hand und verließ dann mit einem letzten Abschiedsblick auf die Leiche das Zimmer.

Drüben im Gang hörte er heftiges Reden – das war die Tante – und es klang wie ein Mißton in dem Hause des Todes; was es aber war, mochte er nicht untersuchen. Ihn selber trieb es fort, um ihr aus dem Weg zu kommen, denn er fürchtete heute für sich, daß er ihren gewöhnlichen Hochmuth nicht so leicht und geduldig ertragen hätte, als sonst. Er gewann die Treppe und eilte hinab. Unten stand einer der Diener und horchte nach dem Zank hinauf.

»Gott soll uns bewahren, nicht einmal an einem solchen Tage hält die Ruhe! Sind Sie ihr in den Weg gelaufen, Herr Baumann?«

»Nein,« sagte Fritz; »sie hat mich gar nicht gesehen.«

»Gar nicht gesehen? Na, dann haben Sie heute Ihren Glückstag, das muß wahr sein!«

»Ja, meinen Glückstag in der That,« nickte Fritz finster vor sich hin – »ich werde ihn mir merken. Adieu, Freund!« Und ohne sich weiter aufzuhalten, verließ er das Schloß und schritt in die Stadt zurück. Still vor sich hinträumend, ging er auch ziemlich rasch seinen Weg und bemerkte gar nicht dabei, daß er unterwegs einen Herrn überholte, der, seine linke Hand auf dem Rücken, den Kopf etwas zurückgebeugt und außerordentlich gerade, aber auch ein wenig steif, derselben Richtung folgend wie er, nach der Stadt zuspazierte. Ohne zu grüßen oder ihn anzusehen, passirte er ihn auch, als er sich plötzlich angerufen hörte und natürlich schon unwillkürlich den Kopf dorthin wandte.

»Ah, mein lieber Baumann,« rief der Spaziergänger, »wohin so eilig? Warten Sie ein wenig, ich begleite Sie, und zu Zweien macht sich ein langweiliger Weg immer besser!«

»Herr Rath Frühbach!« sagte Baumann, halb überrascht, von dem Herrn angeredet zu werden, der sich sonst in der Stadt gar nicht um ihn bekümmerte. Er kannte aber den Rath zu wenig, dem vor der Stadt und in einsamer Gegend jedes menschliche Wesen, und wäre es eine alte Bauersfrau gewesen, nur als gute Beute galt, um ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen und seiner Suada freien Lauf zu lassen. Baumann würde auch viel lieber allein gegangen sein, aber er konnte jetzt nicht mehr gut ausweichen und schritt, etwas langsamer als vorher, neben dem Rath her.

»Aber nur ein mäßigeres Tempo, mein junger Freund,« sagte der Rath, indem er ihm mit seinem Stockknopf in den Arm hakte. »Das glaub' ich, wie ich noch in Ihrem Alter war, da konnte ich auch laufen, und es kamen nur Wenige mit mir fort. Da bin ich einmal in Schwerin – kennen Sie Schwerin?«

»Nein, Herr Rath.«

»Ach wie schade! – wunderschöne Stadt, und ungemein gemüthlich – da bin ich einmal in Schwerin, wie ich Ihnen erzählen wollte, eines Morgens früh aufgestanden, um einen Spaziergang zu machen, denn ich muß regelmäßig jeden Tag mein Quantum gehen, um ordentlich in Schweiß zu kommen, da meine Verdauung nie in Ordnung ist. Unterwegs traf ich denn auch einen intimen Freund von mir, den Grafen Kotopshien, der in einer geheimen Mission an unserem Hofe war – ein liebenswürdiger Mensch, sage ich Ihnen, so einfach und human – wir haben kostbare Abende mit einander verlebt. Das war ein famoser Fußgänger, und der Arzt hatte ihm auch das Gehen verordnet. Wir marschirten also zusammen los, und zwar in keinem Paradeschritt, das versichere ich Ihnen – ich führte sogar noch dabei die Unterhaltung. Der Graf hielt es aber nicht lange aus. »Nein, lieber Rath,« sagte er, wie wir eine Strecke zusammen gegangen waren, »Sie laufen mir zu rasch« – und so bog er richtig in die nächste Straße ein.«

Frühbach hätte sich keinen besseren Gesellschafter auf der weiten Welt wünschen können, als Fritz Baumann heute war; denn mit seinen eigenen trüben Gedanken beschäftigt, schritt er nur schweigend neben ihm her, und er hörte wohl Worte, verstand aber deren Sinn nicht, und mühte sich noch viel weniger, ihn aufzufassen. Aber auch dem Rath, so sehr er in seinen interessanten Erinnerungen schwelgen mochte, konnte die niedergedrückte Stimmung seines Begleiters nicht entgehen.

»Nun,« sagte er nach einer kleinen Weile, indem er ihn von der Seite ansah, »was fehlt Ihnen denn eigentlich heute? Sie schneiden ja ein ordentliches Trauergesicht.«

»Ich komme auch aus einem Trauerhause, Herr Rath.«

»So? Woher denn?«

»Aus Schloß Wendelsheim.«

»Alle Wetter,« rief Rath Frühbach und drehte sich rascher nach ihm um, als er sich sonst zu bewegen pflegte, »der alte Baron gestorben?« Und unwillkürlich überkam ihn ein behagliches Gefühl, denn nach den letzten Vorgängen in Vollmers und mit dem Bewußtsein, was er dort angerichtet und die entsetzliche Frau Müller gedroht hatte, würde er auf gar keine angenehmere Kunde haben denken können. Er sollte sich aber darin getäuscht sehen.

»Nein,« sagte Fritz, »der alte Baron nicht, aber der jüngste, der zweite Sohn, Benno, ist heute Morgen verschieden. Ich komme eben von seiner Leiche.«

»Hm – so?« sagte der Rath, indem er den Stockknopf im Gehen an seine Lippen hielt. »Also der junge Baron – schade!«

»Ja, es war so ein lieber Knabe,« seufzte Baumann, der ihn ganz falsch verstand. »Armes Kindl«

»Hm,« fuhr der Rath fort, dessen Gedanken unter der Zeit mit ihm durchgegangen waren, »der Baron von Wendelsheim hatte nur die zwei Söhne?«

»Er hat jetzt nur noch einen.«

»Ja, der in den nächsten Tagen die große Erbschaft macht. Sie wissen wohl nichts Näheres über die Sache?«

»Ueber welche Sache?«

»Nun, über die Erbschaft, mein' ich – oder über den Erben. Es wurde einmal eine Zeit lang so vielerlei erzählt . . .«

»Ich habe nichts gehört,« sagte Fritz, »kümmere mich auch in der That nur wenig um den Stadtklatsch.«

»Ja, da haben Sie ganz Recht, junger Freund,« lenkte der Rath ein, der wohl merkte, daß er von seinem Begleiter nichts Neues über diese Angelegenheit erfahren würde. »Das ist auch genau dasselbe, was ich immer meiner Frau sage. Was hat denn aber dem jungen Baron eigentlich gefehlt?«

»Ach, ein böses, innerliches Leiden!« seufzte Fritz. »Rettung war wohl nicht gut möglich, denn er kränkelte von frühester Jugend an. Es soll ein Herzfehler gewesen sein.«

»Das ist schlimm,« sagte Rath Frühbach, bedenklich mit dem Kopf schüttelnd, »das ist sehr schlimm. Da wohnte in Schwerin ein sehr guter Freund von mir – er war früher Präsident der Ersten Kammer, aber ein bischen hypochondrisch und, wie er glaubte, mit einem Leberleiden behaftet. Er behauptet nämlich stets, seine Leber sei zu groß; es war aber nicht wahr, sondern sein Herz. Oft und oft haben wir zusammen auf dem Sopha gesessen, und er hat mir von seiner Krankheit erzählt und ich ihm von ähnlichen Fällen, die mir zu Ohren gekommen waren. Lieber Gott, wenn man älter wird, bekommt man auch nach verschiedenen Richtungen hin Erfahrung, und ich rieth im damals – ich weiß es noch, als ob es gestern gewesen wäre – wieder und wieder, er solle eine Apfelwein-Cur gebrauchen. Aber bewahre – er blieb hartnäckig auf seinem Kopf, und nach vierzehn Tagen war er todt. Durch den Apfelwein wäre er vielleicht zu retten gewesen; der hätte ihm das Herz zusammengezogen.«

Sie erreichten jetzt die Stadt, wenigstens die ersten Häuserreihen der Vorstadt, wo noch ziemlich viel Scheunen und Ställe zwischen Wohngebäuden standen; der Rath erzählte aber immer fort. Jeder Gegenstand, ob es ein Paar Ochsen im Zuge, ein von einem Dache gefallener Ziegel, ein ohne Maulkorb herumlaufender Hund, ein vor der Thür stehen gebliebenes Faß, kurz, was auch immer war, er knüpfte eine Erinnerung an Schwerin daran, und Baumann wurde die Gesellschaft endlich lästig. Er hatte sich auch schon vorgenommen, unter irgend einer Entschuldigung an der nächsten Seitenstraße einzubiegen, als gerade, wie er sich von dem Rath verabschieden wollte, der Staatsanwalt Witte um die Ecke bog und auf Frühbach einlenkte. Er hatte im ersten Augenblick auch jedenfalls nur ihn erkannt.

»Ah, mein lieber Rath, sehr erfreut, daß ich Sie treffe – habe Sie schon in der ganzen Stadt wie eine Stecknadel gesucht!«

»Mich?« sagte der Rath verwundert, denn sonst war er gewöhnlich auf der Suche.

Fritz Baumann war blutroth geworden, als er den Staatsanwalt bemerkte und wollte sich mit einer Verbeugung entfernen. Aber jetzt erkannte Witte auch ihn und sagte, indem er ihm die Hand entgegenstreckte:

»Herr Baumann, entschuldigen Sie, ich hatte hier unsern Rath so fest auf dem Korn, daß ich gar nicht auf seinen Begleiter achtete!« Sein Blick traf dabei den des jungen Mannes und der herzliche, derbe Druck der Hand bewies diesem wenigstens, daß der Vater andere Gefühle hege als die Tochter – und wie dankbar war er ihm dafür!

Frühbach merkte aber natürlich von diesem Zwischenspiel gar nichts. Dem glücklichen Sterblichen, der nur an der Oberfläche herumschwamm und Blasen fischte, war die Begrüßung der beiden Männer eine gewöhnliche Höflichkeitsform, und er sagte deshalb auch, darüber hinwegsehend: »Aber was um des Himmels willen wollten Sie von mir? – Ah, Adieu, lieber Baumann – Adieu, auf Wiedersehen! – Sehr netter junger Mann, der Baumann, wie?«

Der Staatsanwalt nickte und sah sinnend dem Davongehenden nach; aber die Frage des Raths war doch zu direct gewesen, und sich wieder an diesen wendend, indem er ihn unter den Arm nahm und die Straße hinabführte, erwiderte er: »Ja so, was ich gleich sagen wollte, den Major habe ich heute vergeblich gesucht; ich war zweimal bei ihm draußen.«

»Den Major?« wiederholte Frühbach, und Frau Müller stand in all' ihrer Entsetzlichkeit leibhaftig vor ihm.

»Ja wohl, Eurer fatalen Geschichte wegen,« bestätigte der Staatsanwalt; »er war aber nirgends anzutreffen, und wie ich zu Ihnen kam, hieß es ebenfalls, Sie wären über Land.«

»Ja. Sie wissen wohl, bester Staatsanwalt, meiner Verdauung wegen . . .«

»Na, das ist jetzt einerlei, und die Hauptsache bleibt, daß ich Sie erwischt habe.«

»Aber ich begreife gar nicht . . .«

»Ich werde Sie nicht lange zappeln lassen. Sie waren neulich mit dem Baron in Vollmers, wie?«

»Ich? – Ach, ja doch – ich erinnere mich jetzt.«

Der Staatsanwalt lachte: »Ach so, Sie sind wohl der Mann mit dem schwachen Gedächtniß? Nun, Scherz bei Seite, die Sache ist ernsthaft genug. Sie haben da draußen einen dummen Streich gemacht . . .«

»Aber, lieber Herr Staatsanwalt . . .«

»Bitte, lassen Sie mich ausreden, denn ich habe nicht viel Zeit und außerdem meine besonderen Gründe, die ganze Geschichte ohne Eclat beigelegt zu sehen. Also hören Sie mir einfach zu, was ich Ihnen sagen werde.«

»Ich bin wirklich neugierig,« log der Rath.

»Die Frau Müller war bei mir und wollte Sie verklagen.«

»Mich?«

»Sie und den Major – ich habe es noch vor der Hand abgelenkt, aber nur unter einer Bedingung.«

»Aber die Frau muß wahnsinnig sein!«

»Ich gebe Ihnen mein Wort, daß sie ihre Sinne vollkommen bei einander hat, und das Gericht würde sich der Meinung anschließen. Sie haben einen dummen Streich gemacht, lieber Rath – Sie oder der Major, oder Beide zusammen.«

»Wenn sich der Major in Thatsachen irrte, ist das meine Schuld?«

»Das bleibt sich jetzt vollkommen gleich. Sie haben sich verleiten lassen, da draußen Sachen zu behaupten, die Sie nicht beweisen können, und die Madame Müller scheint nicht die Frau zu sein, etwas Derartiges ruhig über sich ergehen zu lassen.«

»Aber was verlangt sie nur?«

»Zuerst bestand sie darauf, eine Klage gegen Sie Beide anhängig zu machen, und was das für ein Gerede in der Stadt gegeben hätte, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Sie will sich aber zufrieden stellen, wenn Sie ihr eine schriftliche Ehrenerklärung geben.«

»Ich?«

»Sie alle Beide – Sie sowohl als der Major. Ich habe das Ding jetzt aufgesetzt und das müssen Sie unterschreiben.«

»Aber ich bitte Sie um Gottes willen,« rief Frühbach erschreckt, denn er hatte einen heiligen Respect vor allen Unterschriften – »ich weiß ja von der Frau gar nichts, weder ob sie irgend eines Vergehens schuldig oder unschuldig wie ein Lamm ist, und nur dem Major zu Liebe . . .«

»Desto schlimmer für Sie,« unterbrach ihn der Staatsanwalt, »daß Sie dann, wenn Sie gar nichts wissen, zu einer fremden Frau in's Haus gehen und ihr ein Verbrechen vorwerfen. Aber machen Sie, was Sie wollen und glauben Sie um des Himmels willen nicht, daß ich Sie zu etwas überreden werde! Ich meine es gut mit Ihnen und habe in der Sache weiter nichts zu thun. Es ist jetzt vier Uhr; um fünf Uhr bin ich draußen bei dem Major und lege Ihnen das Schriftstück vor, das Sie dann unterschreiben können oder nicht – wie Sie wollen.«

»Und wenn wir es nicht unterschreiben?«

»Gut, dann macht die Frau ihre Klage anhängig und Sie können nachher meinetwegen die Sache abschwören.«

»Aber, bester Staatsanwalt . . .«

»Sie haben eine volle Stunde Zeit, um sich Alles reiflich zu überlegen. Ich werde mir den Kopf nicht weiter darüber zerbrechen.«

»Aber, lieber Staatsanwalt,« sagte Frühbach, »mir fällt da ein ganz ähnlicher Fall ein. In Schwerin waren wir eines Tages . . .«

»Mein lieber Rath, es thut mir leid, Sie zu unterbrechen, denn ich muß hier abbiegen. Vergleichen Sie im Geist indessen jenen analogen Fall aus Schwerin mit der gegenwärtigen Situation und richten Sie es sich so ein, daß Sie bis um fünf Uhr zu einem Entschluß gekommen sind. Haben Sie mich verstanden?«

»Vollkommen, Herr Staatsanwalt, aber . . .«

»Na, dann wünsche ich Ihnen einen guten Tag!« Und ohne dem verblüfft in der Straße stehen bleibenden Rath einen weiteren Einwand zu gestatten, nickte er ihm nur freundlich zu und bog in eine Quergasse ein. Er war nicht in der Stimmung, längere Auseinandersetzungen der Schweriner Chronik mit anzuhören.



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