Johannes Freumbichler
Philomena Ellenhub
Johannes Freumbichler

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Ellenhub auf der Gant

Die Aufregung war groß. Die Mena blieb kühl; die ganze Sache war ihr fremd und unverständlich. Am stärksten hatte sie der Vorfall mit dem Kalbl-Stumpf berührt. War so etwas möglich? – Der Stumpfbräu und der Kalbl-Stumpf leibliche Brüder? Der Unterschied, ob das Wörtchen »Stumpf« hinten oder vorn stand, konnte soviel ausmachen?

Immer, wenn sie nach so einem Festtag in ihr Arbeitsgewand schlüpfte, fühlte sie sich wie der Fisch im Bergbach. Sie hatte an ihrem Dienstort noch nie einen Anstand gehabt; aber in der letzten Zeit war etwas, das alle Arbeitsbehaglichkeit störte: eine allgemeine Unruhe hatte die Dienstboten ergriffen, und sie gingen nicht mehr so fröhlich an die Arbeit wie früher. – Aufrührerisch sind sie! dachte sie. Außer zum Bräu und zur Bräuin hatte sie das meiste Vertrauen zu dem ersten Hausknecht, einem riesigen Menschen, der sie stark an den seligen Hans erinnerte. Es war nicht leicht, ihn anzureden, und noch schwerer, eine Antwort von ihm zu bekommen. Er saß in der warmen Herbstsonne und betrachtete mit Interesse seine schaufelartigen Hände, denen die Aufgabe zufiel, Betrunkene, Krakeeler und Ruhestörer an die frische Luft zu setzen.

»Was meinst du«, fragte sie etwas zaghaft, »wenn die Revolution in Wien ausgebrochen ist und der Kaiser geflüchtet, was wird dann geschehen?«

»Der Kaiser wird schon wieder kommen«, brummte er. »Und die Revolution werden sie auch wieder einfangen, dasselbige ist sicher!«

Die Mena war jetzt so gescheit wie früher und erwartete Nachrichten vom Bruder. Der Bräu rief ihr im Vorbeigehen zu: »Grüß Gott, Mena! Was schreibt denn der Vestl aus Wien?«

In den folgenden Tagen ereigneten sich Dinge, die nicht nur eine Störung im Blickfeld der bräuherrlichen Stallmagd mit sich brachten, sondern auch gewitztere Köpfe verwirrten; Dinge solcher Art, daß sogar der Pfarrer, der Haginghofer und der Krämer Lambert die Köpfe schüttelten. 388

In den Dorfwirtshäusern sammelten sich Ziegelarbeiter, Knechte, Torfstecher und Taglöhner, schimpften auf den Vorstand, auf die Geistlichen, auf den Krämer und den Bräu; auf die Großbauern, auf die Masse der Kleinbauern, die so vernagelt wären, daß sie sich nicht aufklären ließen; nannten die Offiziere Leutschinder, die großen Herren Gauner, die Beamten Blutegel, die das Volk aussaugten, und schrien, man müßte den Hof, die Erzherzoge und das ganze Gesindel zum Teufel jagen. Und unter ihnen saß der Schindertoni, eine nagelneue Brieftasche vor sich, und warb Leute für die Nationalgarde.

Jetzt wurde es ernst. Am verwunderlichsten war es, daß es dabei keine Unordnung, weder Mord, noch Brand gab, wie so viele prophezeit hatten, und sie dachten, wenn eine Rebellion so manierlich aussieht, kann man sich vielleicht sogar damit befreunden. Am schnellsten taten dies der Krämer Lambert und der Staatsschuldenmann. Anfangs hatte Lambert seine doppelläufigen Pistolen zurechtgelegt, aber schnell hatte er sie wieder in den Kasten versenkt. Die Gardisten hatten Geld und kauften ein. »Gutes Geld«, sagte er, »kann man unmöglich verschmähen, wenn's auch aus den Händen solcher Leut kommt.« Und der Staatsschuldenmann kolportierte ein Flugblatt, das den Titel trug:

»Willst du enden deine Not,
Bauer, schlag die Herren tot.«

Dazu schimpfte er auf alles, was oben war, ganz ungescheut. »Wozu«, schrie er, »brauchen wir den Hof? Der kostet ja dem Volk ein unmenschliches Geld!« Er zog sein Notizbuch. »Jetzt haben wir schon fünfhundertfünfundsiebzigtausend . . .«

Die mittleren Dörfler spotteten heimlich: »Da schau, der Schinderbub ist Revolutionsgeneral geworden! Und was für eine Armee er unter sich hat!« Freilich, angesehene Leute waren nicht dabei; aber nichts ist natürlicher, als daß sich jeder dorthin stellt, wo er eine Besserung seiner Lage, und wär sie noch so gering, erwartet.

Die Besitzenden gingen mit sorgenvollen Mienen herum. Der »Schutz und Schirm«, wie der Archivar seinerzeit so schön gesagt, das »Dach«, das alle schützte, hatte einen Sprung bekommen und schwefelgelbe Wetterwolken sahen durch den Spalt herein. Das 389 Geleise, worin bisher alles so schön oder weniger schön gelaufen, war zerbrochen; es ging holterdiepolter über Stock und Stein, und niemand wußte, wohin.

Es gab auch eine Schicht im Dorf, die nichts zu verlieren und nichts zu gewinnen hatte und die Vorgänge als eine Art Theater nahm. Die Bauern schienen, mit einer Hartnäckigkeit ohnegleichen, von der ganzen Sache nichts zu halten, und von der Nationalgarde am wenigsten; sie nannten sie Diebsgarde und freuten sich auf den Tag, wo sie abgehen sollte.

Die Mena war in einer schwankenden Stimmung; sie dachte an Vestl, an Toni, ob beide da nicht irgendwie ins Malheur hineingezogen werden könnten, aber im großen und ganzen fühlte sie sich als unbeteiligte Zuschauerin. Da trat etwas ein, das ihr hundertmal ärger schien als Krieg und Revolution: eine Botschaft von Paul bat sie, am Sonntag zur Kinderkathl zu kommen.

Die Kinderkathl war noch immer in ihrem Element, wie ehedem. Genau wie damals lagen in den Wiegen und Korbwagen schreiende Rotznäschen, und die alte Kindsmutter erklärte ihrer Besucherin in jammerndem Ton: »Ja, mein heiliger Gott, das arme Würmerl da gehört der Hiesen-Bauern-Mehdil, wirst sie wohl kennen, die Kleine, Dicke? – Und das Weißschädele da, sieben Monat ist's alt, gehört der Lenzbauern-Zenzi; weißt ja, die Lange, Schmale! Und das schwarze Krausköpfel dort, das zieh ich ganz umsonst auf. Auf eins kommt's mir nicht an. Die Mutter ist im Wochenbett gestorben, und der Vater kann nichts leisten.«

Der Groß-Ellenhuber ging draußen an den Fenstern vorüber. Die Mena wurde blaß. Ihr schien, als ob der Bruder gebeugt ginge, als ob er eine Last auf dem Rücken trüge. Die Kathl nahm ein Kind auf den Arm und rumpelte mit zwei andern im Korbwagen hinaus.

Paul grüßte und ließ sich auf die Bank fallen. Ohne alle Umschweife sagte er: »Mena, wenn nicht ein Wunder geschieht, kommt Ellenhub auf die Gant. Zwei Weg wären noch gangbar: du leihst mir dein Geld oder übernimmst das Lehen.«

Die Mena war so erschüttert, daß sie fassungslos in das graue Antlitz ihres Bruders sah, der weiterredete: »Das war mein Unglück, daß ich nicht, wie ihr alle, unter die fremden Leut gekommen bin! Daß der Vater mich vom Militär losgekauft hat! Das hätte mich von den Weibern und den lustigen Brüdern befreit.« 390

Die Mena meinte unsicher, es könne doch nicht so schlecht stehen. Da sie von der ganzen Sache nichts verstünde, müßte er ihr Bedenkzeit geben. Sie ging die Dorfstraße hinauf. – Heiliger Gott, dachte sie, wie hat's nur soweit kommen können? Das schönste Lehen in der ganzen Pfarr? – Es war ihr, als ob ein Kleid mit köstlichen Zieraten, mit Gold, Silber und Elfenbein, das sie bisher stolz getragen, von ihr abfiele und sie nun arm und bloß vor den Leuten stünde.

Wenn ihr sonst der Arbeitstag im Nu verflog, so tropften jetzt die Minuten wie Blei. Mit einem lauten Seufzer der Erleichterung schloß sie am Abend die Kammertür hinter sich. Der Herbstwind bohrte in den Astlöchern der Heubodenwände, bald hoch, bald tief, je nach ihrem Kaliber; dies Pfeifen und Heulen war ihr schon immer schrecklich gewesen, und heute schien es ihr, als ob hunderttausend böse Geister durch die Lüfte führen. – Warum, schrie es in ihr, warum geschieht das nur? – Wohl hatte sie gewußt, daß man auf Ellenhub schlecht schaffte, daß der Bauer Schulden machte, die Bäuerin Gäste bewirtete, aber daß es soweit kommen könnte, wär ihr niemals eingefallen. – Mein heiliger Gott, dachte sie, alles auf Erden, Ehre, Ansehen, Glück, ist nur ein Traum, und das Schönste geht dahin . . . Eines Tages wird man selber krank, stirbt . . . Dann ist alles vorbei . . . Ein Holzkreuz, oder eins aus Eisen, das bald verrostet, wird gesetzt, und darauf steht: Philomena Ellenhub . . .

Sie versank in nebelhaftes Grübeln, schlief endlich ein und hatte einen Traum: der Ähnl hob sich aus seinem Grab, im Hemd, so wie ein Mensch sich aus seinem Bett erhebt, und ging eilig den mondhellen Weg gegen Ellenhub hinan. Hier sah er mit sorgenvoller Miene in Stall, Scheune und Keller, in Kasten und Truhen nach. Sie empfand ein Grauen und bat ihn mit aufgehobenen Händen: »Ähnl, leg dich wieder ins Grab! Wir andern Kinder, wir werden uns schon Tag und Nacht schinden und plagen, um dir wiederum Ehr und Freude zu machen.«

Am andern Tag hatte sie noch immer keine Klarheit gewonnen. Plötzlich kam ihr ein Gedanke: der Bräu! Wer denn sonst als er mußte sich auf Geldsachen verstehen? – Es war aber eine Kühnheit, wenn man, ohne gerufen zu werden, an die schmale Tür klopfte, die von der Gaststube in seine Kanzlei führte.

Trotzdem klopfte sie an. Der Bräu saß in seinem Drehstuhl und 391 zählte Geld. Er hatte in den Mundwinkel eine Zigarre geklemmt und rauchte. Die Kassetüren, innen rosa lackiert, standen offen. Man sah eine Menge Fächer und Schubladen. Auf dem Schreibtisch standen hölzerne Schüsseln, worin Zwei-Gulden-, Ein-Gulden- und Halb-Gulden-Stücke angehäuft waren. Sie brachte ihr Anliegen vor. Er hielt inne, seine beringten Finger spielten lässig mit der Goldkette, die an seiner getupften Weste hing. Dann sagte er in seiner eigentümlich schnellen Sprechart: »Den Ratgeber spielen? – Meine liebe Mena, das ist keine ratsame Sach! Geht es gut aus, hat man keinen Dank; geht es schlecht aus, geben sie einem die Schuld. Ich hab gehört, daß es mit Ellenhub schlecht steht. War mir aufrichtig leid. Deine Eltern und dein Ähnl: Hut ab! Aber dein Bruder, der jetzige Ellenhuber, ist aus der Art geschlagen! Es fehlt ihm die Tüchtigkeit. Er hat von etwas zuviel und von etwas zuwenig: zuviel vom Hochmut und zuwenig an Verstand. Du hast Ersparnisse? Ein paar hundert Gulden? – Vielleicht an die Tausend?«

»Dreitausend«, sagte sie schüchtern. Ihr Herz zitterte merklich. Die Höhe ihrer Ersparnisse hatte sie bisher noch keinem Menschen preisgegeben.

Der Bräu sprang auf. »Dreitausend?« fragte er, als ob er nicht richtig gehört hätte. Er stellte sich ans Fenster und sah eine Weile schweigend auf die menschenleere Dorfstraße hinaus. Die grauen Wölkchen seiner Zigarre beschrieben im Sonnenfächer seltsame Figuren. Er erinnerte sich ganz genau an die Tage, wo die Ellenhuber-Kinder, jedes mit seinem farbigen Bündel, hier vorübergegangen waren. Damals, wo er selbst noch so ganz in Saft und Kraft seiner Jugend gestanden hatte. Er war über die Geldverhältnisse in der Gemeinde aufs genaueste unterrichtet; wußte auch, daß jedes der Ellenhuber-Geschwister mit zweihundert Gulden ausgezahlt worden war. Seine Stimme war etwas verändert, als er sich umwandte: »Dreitausend Gulden! Alle Achtung! – Die Gant kannst du damit vielleicht aufhalten. Aber den Charakter deines Bruders kannst du nicht ändern. Und gesetzt, das Lehen geht auf dich über, was hast du davon? – Gut, du bist Bäuerin; wirst aber von diesem Tag an keine ruhige Stunde mehr haben. Du kennst wohl den Spruch: Besser betteln, als borgen und sorgen! – Ich selber hab aus der Leut Mund die Worte gehört: ›Die lustige Mena von Ellenhub.‹ Wo wird dann deine Lustigkeit sein? – Und am End wirft dich der eine oder 392 andere Gläubiger trotzdem über den Haufen.« Er schob die Zigarre in den andern Mundwinkel und fing an, mit einer ans Wunderbare grenzenden Schnelligkeit, Banknoten von einem dicken Bündel herabzuschlagen.

Wie man Menas Absage in Ellenhub aufgenommen, erfuhr sie nicht, bekam aber eine Nachricht, in der sie gebeten wurde, bei der Versteigerung Bauer und Bäuerin zu vertreten.

So marschierte sie am bestimmten Tag die Straße hinan. Jeder Stein und jeder Grashalm waren ihr bekannt, jeder Baum und Wurzelstock, die Buchen- und Tannengruppen, die wie Inseln in den Wiesen lagen, die Raine und Kirschbäume, wo die Feldleute rasteten. Aber heute lag über der Landschaft, oder über ihren Augen, ein Schleier.

Der Morgen auf Ellenhub war schön, wie fast immer in dieser Jahreszeit. Die Vögel sangen, und der Brunnen lief; nur die Knechte und Mägde sah man nicht auf den Feldern; sie waren damit beschäftigt, die Versteigerungsobjekte vors Haus zu tragen. Die Mena sah mit scheuer Neugier den Hang hinab, wo die Auktionslustigen sich schon sehen ließen, und horchte auf das Glockengeläute, das vom Dorf heraufkam.

Auf dem Platz zwischen Hof und Scheune bildeten sich Gruppen. Da waren vor allem die Vieh- und Roßhändler; beleibte Mannsbilder mit roten Gesichtern und großen Schnurrbärten. Sie trugen grüne Samtwesten, Siegelringe an den wulstigen Fingern und rauchten aus weißbauchigen, porzellanenen Pfeifen. Wenn einer von ihnen sprach, nickten die andern nur oder sagten ein paar schlagartige Worte, die Zustimmung oder schallendes Gelächter erregten. Sie verbrämten ihr ernstes Geschäft gern mit einem lustigen Witz. Ihre gute Laune steigerte sich, als der Staatsschuldenmann auftauchte. Sein Maulwerk ging wie eine Mühle. Durch viel Reden dumm machen, war sein Rezept. Er suchte, Käufer oder Verkäufer aus der vorgefaßten Ruhe und Besonnenheit zu bringen; und Witz und Spaß waren seine Hebel, die er zu diesem Zweck ansetzte. Er war immer auf der Seite der Händler, rächte sich aber zuweilen an ihnen, wenn sie ihn schlecht behandelten, indem er sie an die Bauern verriet.

Die waren heute in einer gedrückten Stimmung. Sie sahen zu den Viehhändlern hinüber und sagten: »Die müssen aber dicke 393 Brieftaschen haben, daß sie gar so gut aufgelegt sind!« Ihnen schnitt die Lizitation ins Fleisch. Sie seufzten: »Ja, so geht's in der Welt! Wer hätt das gedacht? – Ellenhub? – So ein Hof! – Da tät sich der Alt-Ellenhuber im Grabe umdrehen, wenn er das wüßt!«

Gegen das Wohnhaus hin standen die kleinen Leute, die den einen oder andern Gegenstand ergattern wollten; darunter die Armenhäusler und Einleger, die Krüppel und Bresthaften, die nur gekommen, um ein kostenloses Theater zu haben. Unter einem schattigen Birnbaum bildete sich eine Gruppe, der sich viele Augen zuwandten: der Stumpfbräu fuhr in einem zweirädrigen Gig vor. Er war in der allerbesten Laune und rauchte eine dicke Zigarre, die ein goldenes »Bauchband« in der Mitte hatte. Auch der Pfarrer war hier, der Haginghofer, der Krämer Lambert und ähnliche Größen.

Ein metallisch klingender Schlag ließ alle aufschauen. Die losen Haufen schoben sich ineinander und bildeten einen Halbring um den Tisch des Auktionators. Es war dies der Alt-Zimmermeister, ohne den nichts vorgehen konnte in der Gemeinde. Sein faltiges Gesicht, wie braunes Leder, war ernst, und sein weißer Scheitel leuchtete weithin. Wie er so stand, auf der farbigen Obsttruhe, die als Podium diente, ging eine Bewegung durch die Bauernköpfe. Sie sahen ihn als Hochzeitslader, Hut und Stock mit Bändern geschmückt, sahen ihn neben dem frischen Grabhügel stehen, hörten seine männliche Stimme; und wiederum, wie er, hoch auf einem Dachstuhl, seine Zimmerleute kommandierte.

Die Stimme des Auktionators klang jetzt heller; es lag schon etwas von jenem Ton drin, den die Leute so gut an ihm kannten und der aus seinem Munde doppelt erquickte. Der Hammer fiel und fiel wieder. Fahrnisse, Bettzeug, Truhen, Tische und Bänke, Werkzeug und was sich eben sonst, über das Notwendige hinaus, auf einem großen Hof im Laufe einiger Jahrhunderte angesammelt hatte; Spinnräder, Schwarzbeerkämme, Steinschloßgewehre, Kummete und Dreschflegel, und auch Gegenstände, an deren Gebrauch sich nur mehr die ältesten Leute erinnerten, kamen zum Ausruf.

Die Kauflustigen steigerten in verschiedener Art und Weise. Manche gelassen, scheinbar gleichgültig, ob sie den Gegenstand bekamen oder nicht; manche trieben spaßhalber das Anbot hinauf; und wieder andere boten hitzig, wenn ein Ding, das sie sich schon lang wünschten, zu haben war. Man ermutigte, hetzte, lachte viel, 394 und der Alt-Zimmermeister hatte es heraus wie keiner, die Versteigerung kurzweilig, ja zu einer Volksbelustigung zu machen. Eben zog er einen Nachttopf von ungewöhnlicher Größe hervor, nannte ihn den »größten Kachel der Welt«, stellte fest, wieviel er faßte, und empfahl ihn als einen brauchbaren Gegenstand für »tugendhafte Jungfrauen«. Da mußte selbst die Mena mitlachen.

Der Auktionator hob den Topf an einer Ofengabel hoch. »Ein schöner Kachel samt Ofengabel, alles wie neu, fünfzehn Kreuzer zum ersten! Gibt jemand mehr?«

Lambert, der auf jeden Spaß gierig war, wie der Hund auf einen Knochen, und eine eigene Geschicklichkeit besaß, ihn stufenweise zu steigern, bot mehr. Desgleichen verstand der Staatsschuldenmann das Zunicken Lamberts; er trieb das Lizitationsobjekt von Ausruf zu Ausruf immer höher, daß man dafür einen neuen Topf und eine neue Ofengabel hätte kaufen können. Aber was kümmerte das Lambert? – Die Buben und Dirndln bogen sich, als ob sie Krämpfe hätten; die Viehhändler rissen ihre Mäuler weit auf; ihre Fettwammen hüpften auf und nieder, und die Bäuerinnen näßten ihre Unterröcke. Zwischen dem Gekreisch und Gekuder hörte man die Rufe: »Schaut, wie die beiden Ernsthaften lachen! Und der Pfarrer! Er krümmt sich wie ein Faßreifen! Nein, aber nein, wie der Haginghofer lacht! Und der Bräu! Seht nur, wie seine goldene Uhrkette auf und nieder hüpft! Und der Lambert, himmellaudon, wenn ihm nur sein Schmerbauch nicht platzt!«

Es war unbedingt nötig, eine Pause zu machen. Dann kamen Gegenstände zum täglichen Gebrauch, die alle einen ernsthaften Anstrich hatten; Kasten und Sessel, Schemel und Stiefelknecht, endlich eine zweispännige Bettstatt. Die Mena sah hin und es schnitt ihr wiederum ins Herz. Wie oft war sie, wenn die Mutter unpäßlich gewesen, mit den Geschwistern um dieses Bett gestanden!

In der Menge war bereits wieder das Lachen obenauf. Nun ist eine Bettstatt an sich gewiß kein lächerliches Ding; jedoch diese zweischläferige reizte die Phantasie der Bauern. Es war eine wirkliche Arche Noah, mit Blumen und Singvögeln bemalt. Man schlug sie auf, damit alle sich von ihrem guten Zustand überzeugen konnten. Sie prüften ihre Festigkeit, indem sie sich darauflehnten, aber der dicke Krämer wußte ein besseres Mittel. Er umfaßte eine Dirn und legte sich mit ihr ins Bett. 395

»Fünf Gulden, zum ersten!« rief der Alt-Zimmermeister. »Samt der feschen Dirn, gibt niemand mehr?« Beim Festhalten und Ringen flogen die gestärkten Röcke hoch; und da die Mannsbilder nun einmal fest davon überzeugt sind, daß diese Röcke das achte Weltwunder verbergen, konnte man wieder lachen, und je mehr die Dirn sich wehrte, desto mehr schwoll das Gelächter an.

Dies Gelächter und die derben Zurufe punkto Bett und Bettschatz waren noch im Gang, als ein Bild, in einem breiten Goldrahmen, auf den Auktionstisch gehoben wurde. Es schien uralt, mit Spinnweben umzogen, und der Rahmen vielfach beschädigt. Es zeigte einen kaiserlichen Offizier, im weißen Waffenrock, mit sternförmigem Orden, und querüber ein purpurrotes Band. Die Stimme des Auktionators rief in einem leiernden Ton: »Ein Ölbildnis, darstellend Kaiser Josef den Zweiten, genannt der Volkskaiser – zwanzig Kreuzer zum ersten, gibt niemand mehr?«

In dem dichten Menschenhaufen, bis weit über den Anger hin, wurde es still. Es war ja immerhin ein Kaiser, wenn auch einer im Bild. Eine Verlegenheit bemächtigte sich der meisten, darüber, daß wohl niemand den alten Kaiser würde haben wollen; und tatsächlich rührte sich keine Hand. – »Zwanzig Kreuzer zum zweiten – zwanzig Kreuzer zum – gibt niemand mehr?« Es folgte wiederum eine tiefe Stille, in der nochmals die Stimme des Alt-Zimmermeisters, jetzt fast bittend, fragte: »Also, gibt wirklich niemand mehr?«

»Fünfundzwanzig!« Es war eine dünne Greisenstimme. – Sie kam von ganz hinten. Der Krämer stieß den Staatsschuldenmann in die Rippen, und der schrie: »Dreißig!« Er hatte aber seine Rechnung ohne den unsichtbaren Lizitanten gemacht, der, Schlag für Schlag, fünf Kreuzer draufgab. Das Anbot kletterte immer höher, und als es endlich, unter steigendem Gelächter, über einen Gulden ging, faßte die Leute eine eigenartige Spannung.

Der Staatsschuldenmann bot noch weiter, bekam aber schließlich Angst, schrie dem unsichtbaren Bieter ein unflätiges Wort zu und drückte sich. Der Unbekannte war Sieger geworden, und alles wollte ihn sehen, um ihn tüchtig auslachen zu können. Es quirlte nach vorn wie ein Maulwurf; und endlich stand vor dem Auktionstisch eine krummgebogene Gestalt: der Alt-Oberhauser! Mit steifen Fingern, die er seit Jahren nicht mehr gradbiegen konnte, nestelte er aus einem Geldbeutel einen Gulden, einen Zwanziger und fünf 396 Kreuzer. Er schien höchst verwundert, daß er der kaiserlichen und königlichen Majestät von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand. »Das hab ich mir schon mein Lebtag gewünscht«, sagte er vergnügt, »daß ich meinen Kaiser anschauen kann, wenn ich will.«

Die jungen Leute lachten wie verrückt. »Oberhauser«, riefen sie, »was fangst du denn mit dem alten Trumm Bild an? – Hast du denn noch nichts davon gehört, daß es keinen Kaiser mehr gibt, daß die Republik ausgerufen worden ist?«

Der Alt-Oberhauser lehnte sein Bild an den rissigen Stamm eines Apfelbaums, und während er es mit einer Hanfschnur umwand, unterzogen die Burschen es einer näheren Betrachtung. »Der Kaiser«, riefen sie, »ist auch nur ein Mensch, wie wir alle. Und dann, Oberhauser, der da ist ja ein ganz alter Kaiser, der ist schon längst maustot. Der ist nicht einmal mehr zwanzig Kreuzer wert.«

Der Alt-Oberhauser schlüpfte in die Stricke, sein Gesicht war gerötet. »Ihr Mondkälber, ihr blitzdummen! Ihr Rotzlöffel, ihr Lumpenhund'! Um euch ist kein Schaden, wenn ihr einmal tüchtig zusammengeschossen werdet.«

Die Burschen begriffen langsam; brachen in ein Gebrüll aus und schrien: »Um uns wär kein Schade? Was?« Aber der Alt-Oberhauser stieg schon, seinen Kaiser auf dem Rücken, den Hügel hinauf, und die Auktion nahm ihren Fortgang.

Man wußte, daß zu Mittag sich viele Steigerungslustige verlieren würden, denn der Bauer kommt nicht gern aus seiner Gewohnheit. – Aber es ging schneller, als man dachte, und der Auktionator wollte schon zu einem Haufen Gerümpel übergehen, als der Lehrer rief: »Bald hätten wir vergessen, der Bräunl!«

In der Stalltür wurde ein Pferdekopf sichtbar, man hörte ein Klatschen, und jetzt kam mit klappernden Hufeisen das ganze Pferd hervor. Es glotzte regungslos auf den schwarzen Menschenhaufen, der es umgab. Seine erloschenen Augen schienen bänglich etwas zu suchen. Es hob den mageren Kopf und ließ ein klägliches Wiehern hören. Die Zuschauer brachen wie auf Kommando in ein lautes Gelächter aus. Es gab nichts Komischeres als diese Kreatur, die nun, restlos ausgenützt, sinnlos seine Tage fristete. Der alte Gaul schien dies selbst zu fühlen; er stand sichtlich gequält, machte mit seinem Schwanzstummel den Versuch, ein paar Stechfliegen wegzupeitschen, und ließ fallen. 397

Man lachte wieder, und noch mehr, als auf der Bildfläche ein Menschengestell sich zeigte, dem man ebenfalls anmerkte, daß der Lärm und das Gelächter es verängstigte. Die Mena erschrak: – Der Bräunl und der Achaz, sie leben noch und ich hab beide vergessen! – Sie lief ins Haus und war auch schon wieder da. »Bräunl! Bräunl!« rief sie laut. Und der Bräunl stellte die Ohren auf und rieb seinen Kopf an ihrer Schulter. Er mußte schon sehr alt sein, war auf beiden Augen blind, auch fast taub, wie der Achaz versicherte; aber ein irdisches Geschöpf kann nicht so taub, so blind und so lebensmüde sein, daß es den Ton der Kindheit und der Liebe nicht mehr vernähme.

Die Stimme des Auktionators erscholl: »Ein Vollbluthengst, zweijährig, zehn Gulden zum ersten, gibt niemand mehr?«

Die Leute schüttelten sich vor Lachen. »Zehn Gulden zum zweiten, gibt niemand mehr?«

Die Mena schob dem Bräunl die restlichen Zuckerstücke zwischen die Lefzen und ging ins Haus. Ihr war, als ob man mit dem Bräunl ihre Kindheit um einige Gulden versteigerte. Sie trug Brot, Butter und Most auf, wie es bei einer Auktion üblich war, bis ein ganz tolles Gelächter sie wiederum ans Fenster lockte.

Der Roßmetzger führte den Bräunl die schmale Menschengasse hinab, die an ihm und dem Pferde ihren Witz übte. Der Metzger, um im Spaß nicht zurückzubleiben, wollte ihnen zeigen, daß der alte Beschäler noch wie ein Jähriger in die Luft gehen könnte. Er schlug ihn mit der Peitsche geschickt zwischen die Hinterbeine, und der Bräunl stieg kerzengerade auf. Der Gaul hatte in seinem rasenden Schmerz wohl noch die Kraft zum Aufstieg gefunden, fiel aber jetzt, wie ein Tisch mit zerschlagenen Füßen, zu Boden.

Die Mena stürzte hinaus. »Was peinigt ihr ihn denn?« schrie sie wütend.

»Hoh! Hoh!« rief der Metzger lachend. »Dirn, ich kann mit meinem Roß tun, was ich will.«

»Wenn ich gewußt hätt«, sagte sie, »daß der Bräunl zum Roßmetzger kommt, hätt ich ihn gar nicht ausrufen lassen. Ich kauf ihn zurück.«

Jetzt kam die Auktion ins Stocken. Alle Blicke wandten sich auf das Pferd, das man wieder mühsam auf die Beine gebracht, auf den Händler und die Mena. Das Unalltägliche ging blitzschnell von 398 Mund zu Mund. Aber bei der Forderung des Roßmetzgers erschrak sie: Einundzwanzig Gulden! – Sie bereute es, dem Zug ihres Herzens gefolgt zu sein, stand verwirrt und wußte nicht, wie sie sich aus der Sache ziehen sollte. Sie bot zwei, drei Gulden mehr. Die jungen Bauern setzten ihr heftig zu, und so oft ein treffendes Wort über ihre Weibheit und des Bräunls Hinfälligkeit gelang, prasselte ein salvenartiges Gelächter durch die Menge.

Die Mena sah sich hilfesuchend um. Plötzlich kam die Rettung; der Bräu ging in seinen Lackschuhen, mit kurzen Schritten auf den Bräunl zu. Seine beringte Hand tätschelte ihm den Hals. »Ist noch gar nicht so schlecht«, sagte er mit seiner dünnen Stimme, die über den ganzen Platz hin vernehmbar war. »Den kann man noch auffüttern: Hafer! Hafer! Ich kauf ihn.«

Die Mena war gerührt. Sie wollte etwas sagen, aber der Bräu wandte sich schon wieder seinem Gefolge zu.

Die Mena wollte eben in den Keller hinabsteigen, als der Pfarrer hinter ihr stand. »Wenn du«, sagte er, »beim Lehrer die beste Rechnerin gewesen bist, so bist du bei mir das beste Pfarrkind.«

Sie errötete. »Ich, Hochwürden? – Aber die Leut sagen mir so vieles nach.«

»Wem tun sie das nicht? – Gott sieht die Herzen.«

Während sie drinnen aßen und tranken, warf die Mena einen Blick vors Haus: auf allen Straßen und Fußwegen schleppte, zog und schob man den Ellenhuberischen Hausrat in der gleißenden Abendsonne talab. Die Ereignisse des heutigen Tages zogen noch einmal an ihr vorüber; die versteigerten Gegenstände riefen Bilder ihrer Kindheit wach; und endlich stieg die Frage in ihr auf, was denn eigentlich die Grundursache von Pauls Ruin gewesen sein mochte? – Sie sah ihn vor sich, jung und blühend, in Plüschhut und Glanzstiefeln, die Virginier im Mund, unangreifbar durch Kummer und Sorge. Das Gesicht voll eigenartigen Ebenmaßes, die Nase stark, die Wangen voll; blaue Augen, eine schöne Stirn, das Kinn schmal, mit einem Grübchen; die Lippen gewölbt, sanft vorspringend und wie frohlüstern nach Leben und Genuß.

Sie tastete sich an der mündlichen Chronik von Ellenhub rückwärts und vorwärts; vom Lehen mit ein paar Kühen bis zu fünfzig Joch Grund und zwei Dutzend Stück Vieh, und fragte sich wiederum: Wie kommt's, daß Paul morgen mit einigen hundert 399 lumpigen Gulden und einem Wagen voll Hausrat für immer von Ellenhub wegfährt? – Es wurde ihr klar, daß ihr eigenes, jahrelanges Dienen, so hart es auch gewesen sein mochte, eine gute Seite an sich gehabt und es für alle Zeiten haben würde. Sie hatte das wahre Antlitz der Welt gesehen und begriff plötzlich die Ursache von Pauls Untergang: der Weg war ihm zu leicht gemacht worden. 400

 


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