Johannes Freumbichler
Philomena Ellenhub
Johannes Freumbichler

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Die Männerwaage

Die Mena spürte in diesen Tagen allerlei Anzeichen, daß in ihr Leben wieder ein neuer Schwung kam. Auch regte sich, trotz ihrer Vorsätze, etwas in ihrem Blute, das anzeigte, daß bereits ein neuer Wein in ihr zu blühen begann. Besonders merkte sie dies am Abend, so zwischen den Lichtern, da ging der eine und der andere Bauernbursche oder Bräuknecht harmlos vorbei, blieb stehen, lachte, klapperte einfältig mit den Pantoffeln, und einfältig war auch seine Rede. Wenn Lambert gerade dazukam, schnitt er ein saures Gesicht und schimpfte auf die Kerle, die ihm den Platz auf der eigenen Hausbank versäßen. Er war ein alter Fuchs; jedenfalls bezeichnete er sich selber oft als keinen heurigen Hasen und rief aus:

»Ich heiß wohl Sepp,
Bin aber kein Tepp.«

Woraus zu ersehen, daß auch er reimte, wenn auch nur gelegentlich und bei weitem nicht so vollkommen, wie etwa der Schieringhies. Er hatte seine Pläne in bezug auf die Mena durchaus nicht aufgegeben; er war in allen Dingen ungemein zäh, und wenn er sich ein Ziel vorgesetzt, gab er nicht nach, bis er es erreicht oder dessen völlige Unerreichbarkeit eingesehen hatte. Zu diesem Übermut, wie man sein Verhalten in Anbetracht seines Alters wohl nennen muß, trug besonders der Umstand bei, daß sein Geschäft von Monat zu Monat besserging. Die Bauern und ihre prachtvolle Butter waren es, die ihn in die Höhe brachten. Sie hatten Zuneigung und Vertrauen zu ihm, weil er der Sohn eines Waldbauern war.

An Menas Kammerfenster begann es sich wieder zu regen, wie es sich an den meisten Kammerfenstern der Gemeinde eifrig regte; denn während bei Tag alles werkte und Hand oder Hirn anstrengte, um die Lebensnot hinter sich zu bringen, setzte nachts die viel höhere Forderung ein, wie man diese Lebensnot wiederum frisch 233 herstellen könnte. Die Mena tat, als ob sie nichts dergleichen bemerkte, wenn Lambert Anspielungen darauf machte, aber heimlich war sie voll freudiger Erregung.

Eines Sonntags saß sie in der Stube und spann. Lamberts Frau las in der Zeitung, und ihr Mann fragte: »Steht denn gar nichts Neues drin?« Nach dem Neuen gelüstete es ihn ganz unglaublich. Aber im Dorf gab es von diesem Leckerbissen nicht viel: ob die und die schon entbunden, schon ausgeschüttet hätte, schon »zerronnen wäre«, wie Lambert sich in seiner drastischen Weise ausdrückte, ob es ein Mädchen oder ein Bub, ob bei diesem Bauer die Kuh schon gekalbt, ob sie bei jenem schon verkauft hätten.

Während die Lambertin einige ländliche Brände vorlas, für die auch stets ein großes Interesse vorhanden war, entdeckte er vom Fenster aus eine Bewegung, die sofort sein lebhaftes Interesse erregte. Die drei heiligen Schneider, schon immer eine Zielscheibe seines Witzes, gingen von Haus zu Haus, und es fragte sich, was dies zu bedeuten hätte. Sogar die Mena hob sich ein wenig vom Spinnrad und dachte mit einem leisen Schwanken zwischen Lachen und Gruseln: Harmagedon naht!

Lambert erinnerte sich, daß in der letzten Gemeindesitzung dem Pfarrer eine Kollekte zur Anschaffung einiger kirchlicher Gegenstände bewilligt worden war. Da nun der Schneider Fabian Mesner war, wohl weil er der Kirche am nächsten wohnte, hatte Gries ihn mit der Einsammlung der Spenden betraut. Der Bruder Veit aber ging, wie wir gleich hören werden, aus einem sehr wichtigen Grund mit; und da sie Cyrill nicht ganz allein lassen wollten, zogen sie ihn im Wägelchen hinterher.

Die drei Abgesandten traten in die Stube, genauer gesagt nur zwei, denn der dritte blieb im schwarzweiß gepflasterten Vorhaus, wohin die Tür offenstand. Fabian, der einen hirschledernen Sammelbeutel trug, wollte gleich sein Anliegen vorbringen, und begann eifrig: »Ko – Ko – Ko«, aber Veit fiel ihm in sein Gestotter: »Wir kommen nämlich von wegen der Kollekte des Herrn Pfarrers.«

Lambert aber ging auf keine Kollekte ein. Er ließ den Brüdern Apfelmost vorsetzen und neckte sie mit überlegenen Bemerkungen, die sich offener oder versteckter um das geheime Liebesleben im Dorf drehten, worin er auf das allerbeste unterrichtet war. Immer, wenn Veit als Sprecher die Sache seines Bruders, beziehungsweise 234 des Pfarrers, vorbringen wollte, fuhr er mit einem neuen Kalauer dazwischen. Er hatte eine Entdeckung gemacht, die seine gute Laune steigerte, nämlich die, daß Cyrill aus seiner schachbrettartigen Fläche, worin er saß, beständig in die Stube, und zwar stichgerade auf Menas weißbestrumpften Fuß lugte, den sie auf dem Schemel stehen hatte; und weiterhin, daß auch die Augen der beiden Brüder, so sehr sie sich bemühten, es zu verbergen, immer von neuem in die gleiche Richtung abirrten. Fabian stotterte: »Ko – Ko – Ko«, aber Lambert blies schmunzelnd Rauchwolken aus und fragte: »Ja, sagt einmal, ihr drei Brüderling, warum hat denn jeder von euch so ein rotes Federchen auf dem Hut! Was hat denn das zu bedeuten?«

Über Veits Gesicht flog ein Schimmer von Pfiffigkeit; dann legte sich sein Gesicht in ernste Falten: »Diese Feder«, sagte er, »wird einmal von sich reden machen in der Welt.«

Lambert pfiff durch die Lippen. Wie nun Veit abermals und endgültig die Sache, warum sie hier waren, vorbrachte, sagte er stockernst: »Kollekte? – Ich hab mir mein Gerät und mein ganzes Um und Auf auch müssen selber anschaffen. Soll's der Herr Pfarrer mit seinem Handwerkzeug auch so halten.«

Dieser boshafte Triumph kam für die Schneider zu überraschend. Sie hakten ihre Augen von den schönen Formen des weißen Strumpfes los und saßen niedergedrückt, bis Frau Lambert sich ihrer erbarmte und ihnen einen Silbergulden einhändigte.

Die Mena, der bei den Späßen Lamberts etwas schwül geworden war, war vors Haus gegangen, um Wäsche abzunehmen. Die Schneider mußten quer über den Anger, wobei es nötig, daß sie ihnen durch ein Aufstemmen der vollbehangenen Stricke einen Durchgang schuf. Als sie hierbei alle vier einen Augenblick von der übrigen, so profanen Welt abgetrennt waren, schien sich ein magischer Kreis um sie zu schließen. Cyrill brach zuerst das Schweigen, indem er auf die Nelken in Menas Kammerfenster wies und behauptete, eine solche Pracht nie in seinem Leben gesehen zu haben. Auch Fabian wollte etwas Bedeutsames vorbringen. »Me – Me – Me«, kam aber nicht darüber hinaus, und Veit übernahm seine Rolle. Er sagte: »Mena, der Bund sucht noch eine Schwester, und wir glauben, sie in dir gefunden zu haben.«

Sie fühlte, daß die Augenpaare der drei Brüder auf sie gerichtet 235 waren; ihr wurde schwül zumute, und sie sah ihnen geängstigt nach, wie sie, geheimnisvoll nickend, zum nächsten Hause weiterzogen.

Lambert genoß eine kindische Freude, daß er sich vor Frau, Kindern und Magd eine halbe Stunde in vielerlei Dingen als Herr und Meister erwiesen hatte. »Mena«, rief er, »gib acht, was dir ein gescheiter Mann kundtut: die drei heiligen Schneider sind in dich verliebt! Ja, ja! Von meinem Haus aus hat sich schon manche Magd gut verheiratet.« Es war eine seiner Sonderbarkeiten, daß er mit einer Art Leidenschaft Ehen zu stiften suchte und es sich extra angelegen sein ließ, seine Mägde zu verheiraten, woraus er neben anderen Vorteilen den besonderen zog, daß diese dann später bei ihm treue Kundinnen wurden.

Der Mena gingen die Worte: »der Bund sucht noch eine Schwester«, beständig im Kopf herum. War es nun die Neugier oder der Umstand, daß sie sich schon seit Jahren eine Samtjacke wünschte, ein Kleidungsstück, das für gewöhnlich nur die Hoftöchter trugen, kurz, mochte es was immer sein, eines Samstags, nach dem Rosenkranz, stolperten ihre Füße fast wider Willen vom Kirchensteig links ab zum Haus der drei Schneider.

Es war sichtlich in einem vernachlässigten Zustand, was wohl daher rührte, daß hier keine Frauenhand schuf. Die Junggesellen saßen in der Dämmerung um den Schneidertisch, aber müßig. Sie erkannten wohl die Mena nicht und glaubten, wenn sie den Besuch mit einem »Guten Abend!« zum Sitzen einluden, der Höflichkeit Genüge getan zu haben. Aber als sie die Lampe anzündeten, erröteten alle drei und sagten fast gleichzeitig: »Ah, die Mena!« Cyrill hatte ein aufgeschlagenes Buch vor sich liegen, ein kleines Exemplar der Bibel, mit winzigen, aber sehr scharfen Lettern, worin das Alte und das Neue Testament, die Johannis-Offenbarung, die Apostelbriefe, kurz, die ganze Heilige Schrift vereinigt war. Sie hatten die Vorlesung der Dunkelheit halber unterbrochen und baten, weiterlesen zu dürfen. Cyrill hatte eine schöne, melodiöse und trotzdem männliche Stimme. Sie hob mit einem schwebenden Unterton an, nahm zu an Kraft und Stärke, bis sie unter der niedrigen Stubendecke schallte, wie die eines gewaltigen Predigers: »Nun kam einer der sieben Engel, welche die sieben Schalen hatten, er redete mit mir und sprach: Komm! Ich will dir zeigen das Strafgericht der großen Hure, die auf vielen Wassern thronet. Mit ihr buhlten die 236 Könige der Erde, und die Erdbewohner berauschten sich mit ihrem Unzuchtweine. Und er führte mich im Geiste in eine Wüste. Da sah ich das Weib auf einem scharlachroten Tier sitzen, das voll Lästernamen war, und sieben Köpfe und zehn Hörner hatte. Das Weib war in Purpur und Scharlach gekleidet, es hielt in ihrer Hand einen goldenen Becher, voll Greuel und Unreinigkeiten. Auf ihrer Stirn stand geschrieben der Name: Geheimnis.«

Die Brüder saßen regungslos, mit verklärten Mienen, als strömten die Worte des Heiligen Geistes selber von der Stubendecke auf ihre Köpfe herab. Endlich ließ der Älteste seine Hand leicht auf die Tischplatte fallen und sagte: »Für heut ist's genug!«

Die Mena faltete ihr Paket mit dem Samtstoff auseinander und brachte ihre Wünsche vor. Ein leiser Disput setzte ein, wer das Maß nehmen sollte, was der Mena verwunderlich erschien, weil sie stets gehört, daß Cyrill der eigentliche Meister war. Er hob sich denn auch, ohne weiter ein Wort zu verlieren, mit einem energischen Ruck in die gepolsterten Gabeln zweier Krücken, die er aus dem Fensterwinkel hervorfing, und stapfte auf die Mena zu. Sie sah mit Schrecken, daß an dem starken Körper zwei kleine Beinchen zappelten, wie die eines Knaben, und ein Gruseln überlief sie. Er legte mit tiefem Ernst das Maßband an ihre Taille, Brust und Hals, wobei er die Krücken geschickt unter den Armen festhielt. Als er damit fertig war und die Mena sich zum Gehen anschickte, trat Veit auf sie zu. Langsam, als ob er nach Worten suchte, sagte er: »Du bist uns schon lang aufgefallen. Möchtest du nicht dem ›Bund‹ beitreten?«

Sie kam etwas aus dem Gleichgewicht. »Habt ihr eine Brüderschaft?« fragte sie möglichst harmlos. Veit nickte nur, als zögerte etwas in ihm, die Sache zu offenbaren. Dann sagte er: »Ja – die Brüderschaft vom heiligen Menschenleib.«

Die Mena ging nach Hause. Aus dem offenen Fenster des Schneiderhäuschens folgte ihr ein religiöses Lied. Sie konnte keinen Schlaf finden; es war, als ob sie noch immer die schöne, vorlesende Stimme hörte, die man sich bei geschlossenen Augen von einem kräftigen Manne herrührend denken konnte. Sie sah das einträchtige Bild der Brüder, wie sie unter Scherzen und frommen Liedern nähten, wie sie dem Vorleser zuhorchten, und diese brüderliche Liebe und Religiosität fanden in ihrem Herzen ein frohes Echo. Kam es nicht zuweilen vor, wie in der Gotteszeit, daß auserwählte Männer auf 237 Erden erschienen, in Armut und Niedrigkeit, im einfachen Gewand des Handwerkers, wie einst die Apostel, und konnten diese Brüder nicht, trotz der dörfischen Bosheit, wirkliche Heilige sein?

Seit jeher hatte ihr ein solches Spintisieren einen eigentümlichen Genuß bereitet, dem sie sich gern in der Zeit zwischen dem Bettgehen und dem Einschlafen hingab. Sie hatte dabei gewöhnlich ein Körbchen mit Äpfeln und Klötzen neben sich stehen, wovon sie naschte. Im Zwielicht der Kammer, die zuweilen ganz hell wurde, wenn der Mond aus den Wolken trat, dann aber wieder dunkel, in der seligen Ausspannung und Abschirrung ihres Willens, schied ihr Geist sich vom Körper und bekam Flügel. Da dachte sie über vieles nach, über ihre Dienstorte und die Menschen dort, über ihre Erlebnisse, über ihre Geschwister, über die abgeschiedenen Eltern und manchmal auch über den Tod.

Sie hatte sich gerade die Frage gestellt, ob auch sie eines Tages altern würde, und was wohl die Worte »die Schrecken des Todes« bedeuten mochten, als sie draußen eine verstellte Stimme hörte, die leise zu brummen anfing, aber doch so, daß jedes Wort verständlich war:

»Hadsschlakara Dirndl!
Ist dein Bettstatt von Elfenbein oder Holz,
Hörst mich nicht oder tust nur so stolz?«

Hadsschlakara Dirndl! – Nein, aber nein, daß es gar nimmer aufhören wollte! So wunderschöne Fensterreime hatte sie in ihrem ganzen Leben nicht gehört. Auch die Stimme glaubte sie, trotz aller Verstellung, erkannt zu haben: es war Lambert, der alte Fuchs. Natürlich machte sie das Fenster nicht auf; aber sie hatte von dieser Nacht an ein Prickeln im Blut, das sie nicht mehr losbrachte. Tagsüber bei der Arbeit, abends beim Spinnrad und nachts beim Einschlafen sang es in ihr:

Hadsschlakara Dirndl!
A siebnseidnes Mieder, a Sammet so schön,
A schmeckende Seifn, a gutes Parfön.
Dann bist du die Schönst und die Sauberst im Kreis,
So gewiß, als wie ich Hansmichele heiß'. 238

Es war schließlich kein Wunder, daß diese Fensterreime die gute Mena bedrückten; es konnte ja nichts Schmeichelhafteres für das Herz einer Bauernmagd geben.

Sie arbeitete auf einer Hügelgruppe, deren Wiese dem Lambert gehörte. Als sie fertig war, setzte sie sich ins Gras, um ihre Jause zu halten. Von hier aus übersah man Dorf und Tal; in der schweigenden Ruhe und Einsamkeit, die sie umgaben, kam ihr zum Bewußtsein, daß hier unten eine Welt für sich war, nach festen Gesetzen, in bestimmten Grenzen, und daß sie selber, vermöge des allmächtigen Schicksals, unwiderruflich in diese Welt hineingestellt war, und in ihr leben, hinab- oder hinaufkommen, untergehen oder ans Ende gelangen mußte. Sie spürte, daß es hieß: denken und wieder denken!

Einmal in dieser Stimmung, nahm sie eine der wichtigsten Sachen vor, nämlich die Männer; jene, die sie früher kennengelernt hatte, und jene, die sich jetzt offener oder heimlicher um sie bemühten.

Das waren vor allem der Haginghofer-Lix und der Schindertoni. In einer Art Hellseherei erfaßte sie den Kern der beiden, das heißt jenen Kern, der für sie in Betracht kam. Lix war ein reicher Hofsohn, aber zugleich ging etwas Kaltes von ihm aus; sie spürte, es war wesentlich das gleiche Element, das von seinen Eltern ausging. Sie wußte auch, was man mit ihm plante. Mit dem Nachbarhof bestanden freundschaftliche Beziehungen; sie halfen sich gegenseitig aus und kamen, wie zufällig, auf dem Kirchenplatz oder im Wirtshaus zusammen. Und dieser Hof hatte eine Tochter, die für Lix bestimmt war.

Der Toni dagegen war lustig, fast kindlich, warmherzig, hatte für jeden Menschen ein gutes Wort, für den armen Kropfjodl und das gichtische Wichtlweibl, zudem eine ausgezeichnete Singstimme; aber er war halb verachtet, sein Name mit dunklen Geschichten in Verbindung, worin das Wildstehlen und die Fronfeste keine kleine Rolle spielten.

Da war weiterhin der Krämer Lambert. Diesen Mann hätte sie heute noch, trotz seines Graukopfs, genommen, und sie vermeinte sogar, Lamberts Frau wäre seiner im Grund nicht wert. Aber sein Bettschatz, das wollte sie nicht werden.

Da waren die beiden Schneider, deren heimliche Verehrung für sie nicht im Zweifel blieb. Veit gefiel ihr gut, aber das überfromme 239 Wesen stieß sie ab. Beim Fabian konnte sie über das Stottern nicht hinauskommen.

Da war endlich ein Bräuknecht, ein Mordsmensch, der fast täglich um Tabak kam und deutlich merken ließ, daß er ein Auge auf sie geworfen hatte. Aber der war ihr zu ungeschlacht.

Kling, klang, die Gewichte fielen in die Schale, aber, wie es in der Schrift heißt: »gezählt, gewogen und zu leicht befunden!« Über dies Ergebnis kam sie zuletzt in eine Art Zorn; es war ihr, als müßte sie ihre Hand zu einer Riesenfaust ballen und auf das jämmerliche Mannszeug unten niederfallen lassen.

Um diese Zeit polterte ein Leiterwagen auf der Landstraße vorüber. Es war der Weltuntergang. Er hatte sein Avancement, nach der mißglückten Einführung der Peitsche, wieder eingebüßt und war zur zweiten Garnitur zurückversetzt worden. Seine zwei Gäule ließen die Köpfe hängen, das Wagscheit am Kummet klirrte bei jedem Schritt, die langen, bis fast auf den Boden hängenden Schweife baumelten hin und her; es war, als ob den Pferden jeder Schritt sinnlos erschiene. »Ja, die Mena!« jammerte er. »Bist jetzt ganz im Dorf? – Oh, heiliger Eustachius! Schaust es dir wohl von oben an? – Ist ein grindiges Saunest! Und nicht nur das Dorf! Die ganze Welt wird alleweil grindiger. Wenn ich denk, wie ich ein kleiner Bub gewesen bin, was da die Bäum für Äpfel getragen! Und die Hühner, was die für große Eier gelegt haben! Und die Ribisel, was mein Vater gezogen hat, mein Gott, so groß wie die Kirschen! Und die Forellen im Dorfbach, Kerle! Da hat man müssen mit aller Kraft halten, wenn man eine gefangt! Und heut, solche Schwanzerl! Und erst die Menschen, da red ich lieber gar nicht! Alles wird schlechter und schlechter: die Welt geht langsam unter.«

Die Mena lachte. Ja, das Leben war schwer, und schwer, den richtigen Weg zu finden, der zum Glück führte; und von den gewöhnlichen Schwätzern und Halbnarren, wie dieser Weltuntergang einer war, wurde man nicht weiser. Es fehlte jemand, mit dem man alles besprechen konnte; man wurde von den vielen inneren Zweifeln ganz krank. 240

 


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