Johannes Freumbichler
Philomena Ellenhub
Johannes Freumbichler

 << zurück weiter >> 

Das letzte Laufen

Die neue Stellung machte der Mena anfangs etwas zu schaffen, aber ihre Ambition überwand schnell alles. Sie hatte Leute unter sich, zwei Stalldirnen und ein Kleinmensch, und spürte zum erstenmal, was es heißt, Verantwortung zu tragen. Und dies löste ein Gefühl neuer Froheit, sogar Übermut in ihr aus. Sie hatte jetzt nur einen Wunsch: zum Ähnl hinauf!

Am Sonntag marschierte sie los. Die Zipfe ihres schwarzseidenen Kopftuches flogen im Lanzingwind. Ihr Herz war voll Freude, aber plötzlich erschrak sie: weit oben bewegte sich eine Gestalt und ihr Buckelsack hob sich vom blauen Himmel ab: das Totenweibl!

Als sie in die Stube des Zuhauses trat, lag der Ähnl im Bett. Die Neuigkeit, die sie ihm brachte, schien ihn zu freuen. »Zweitdirn?« sagte er. »Und beim Bräu! Das ist schon etwas.« Und mit einem Versuch zu scherzen, fügte er hinzu: »Ich werd jetzt auch Zweitknecht; aber nicht beim Dorfherrgott, beim Herrgott im Himmel selber. Niederer tu ich's nicht. Wir Ellenhuber sind alleweil stolz gewesen.«

»Wo fehlt es denn?« fragte sie.

»Wo wird es mir fehlen? – Der Tod klopft an. Aber was sein muß, muß sein. Wenn's vorbei ist, ist's vorbei.« Er gab seinem Magen die Schuld. »Herausreißen«, sagte er zornig, »könnt ich ihn und auf den Misthaufen werfen. Ich will einen Krug Bier trinken; wenn es mich auch ein wenig reckt.«

Sie versuchte es ihm auszureden, aber er schüttelte nur den Kopf. »Ist ja gut, wenn man gestorben ist. Ich brauch mich vor dem ewigen Richter nicht zu fürchten. Gearbeitet hab ich genug im Leben. Freilich, lustig gemacht hab ich mich auch.«

Die Mena begann sofort eine energische Tätigkeit. Sie kochte Milchsuppe, wonach er Verlangen äußerte, und sah mit einiger Verwunderung, wie er die Schüssel auslöffelte. Dann mußte das Bett frisch gemacht werden, und es galt, noch an viele Dinge zu denken. Vor allem schickte sie nach Ellenhub und an ihren Dienstherrn. 365

Der Ähnl lag bequem in den Kissen. Das rührige Zugreifen seines Enkelkinds hatte ihn beruhigt. Der Kranke erzählte nun mit leiser Stimme, in der letzten Zeit habe ihn öfter Koadjutor Kletzl besucht. Beim Weggehen hätte er ihm durchs Fenster nachgeschaut, da wären seine schwarzen Rockschöße wie zwei große Rabenvögel im Winde geflogen. Aus den Falten und Fältchen des alten Gesichts schien dabei etwas von jener Lustigkeit hervorbrechen zu wollen, die Mena so sehr an ihm liebte. Die Augen des Ähnls spazierten inzwischen über die glänzenden Nadeln, über den Strickstrumpf; folgten dem Sonnenstreifen, der über die Zöpfe der Strickerin fiel und ihre kräftigen Hände vergoldete. Sie spürte seinen Blick, saß aber unbeweglich. So ein Strickstrumpf, worin gleichsam Masche für Masche, Glück, Ärger und Tränen mit hineingestrickt werden, ist in allen Lebenslagen ein Beruhiger der Nerven und Urquell der Besonnenheit.

Im Vorhaus ließen sich Schritte vernehmen; ein schüchternes Kind, ein Nachbar, eine Nachbarin traten ein und fragten nach dem Befinden. Auch vom Paul-Hof fragte jemand an; aber die Mena war verärgert, daß die Paul-Leute nicht selber kamen. Endlich kamen die Paul-Kinder. Die Buben waren ganz außer Atem. Man hatte sie vom Plattenwerfen geholt. Sie legten die großen, hochgezackten Hufeisen, die sie zu dem Spiel verwendeten, behutsam auf den Ziegelboden des Vorhauses nieder. Die Mädchen hatten sich herausgeputzt, farbige Tücher um die Schultern, und die Haare in abstehenden Zöpfen geflochten. Alle setzten sich stillschweigend auf die Ofenbank und sahen mit erstaunten Gesichtern auf das Bild. Ihre Mienen schienen zu fragen: der Ähnl im Bett, die Base mit dem Strickstrumpf, was soll das alles bedeuten? – Und wie das vergilbte Antlitz den Mund öffnete und sie mit leiser Stimme heranrief, gingen sie wie verbundene Marionetten über die Stube und blieben knapp vor dem Krankenlager stehen. Der Ähnl musterte sie, und da der ältere dem jüngeren etwas zuflüsterte, tadelte er ihn: »Du Redhans! Red wenig, denk mehr, plaudern bringt dir keine Ehr!«

Die Urenkel standen verschüchtert. Wie oft hatte es in der Stube daheim geheißen: Wenn einmal der Ähnl stirbt . . . und sie waren nicht im Zweifel, daß dieser Zeitpunkt gekommen, das Sterben, jenes Ereignis, das sich, gleich der Geburt, nur einmal im ganzen 366 Menschenleben vollzog; jene Stunde, die »Sterbestunde«, ein Wort, das ihre kindlichen Seelen erschaudern ließ. Ihre Mienen waren ernst und feierlich, wie bei einem Gottesdienst.

Der Ähnl umfing die Kinder mit einem seltsam starren, etwas drohenden Blick. Zu den Buben sagte er: »›Alles wandert einem Orte zu: alles entstand aus Staub, und alles kehrt in Staub zurück‹, wie geschrieben steht im Salomo. Und das müßt ihr euch merken: laßt mir die Gewehr in Ruh, der beste Schütz verschießt im Jahr eine Kuh! Und die Wirtshäuser müßt ihr für Schinderhäuser anschauen und einen weiten Bogen drum schlagen!« Und zu den Mädchen: »›Ein braves Weib, wer findet es? – Weit über Perlen reicht sein Wert. Auf sie verläßt sich das ganze Herz ihres Mannes, und der Gewinn kann ihm nicht fehlen.‹ Ja, und das wißt: Das neue Holz und das neue Brot bringen den Bauern in die Not. Jetzt kommt näher, damit ich euch meine Hand auflegen kann.« Er legte jedem der Reihe nach seine Rechte auf den Scheitel.

Kaum waren sie fort, als die Mena den Augenblick günstig fand. »Der Pfarrer kommt heute zur alten Wahrlanderin«, sagte sie, »wie wär's denn, wenn er auch dir das Sakrament spendete?«

Einen Augenblick flog ein Schatten über sein Gesicht; dann sagte er: »Ist mir recht.«

Die Mena beobachtete ihn. Seine Miene hatte einen strengen Ausdruck, er machte sich augenscheinlich fest. War ein erprobter Knecht der Arbeit und wußte genau, daß jetzt nichts anderes kam und kommen konnte, als die letzte Arbeit, vor Gottes Angesicht. Er gehörte nicht zu jenen, die glauben, der Tod sei am besten damit abgetan, daß man sich stelle, als ob's keinen gäbe; auch nicht zu jenen, die glauben, man könnte ihn weglachen oder ihm mit Fluchen und Sakramentieren beikommen; und am allerwenigsten zu jenen Törichten, die sich einbilden, man könnte durch allerlei Pulver und Zaubermittel sich an ihm vorbeistehlen.

Die Dorfstraße herab kam der Pfarrer. Sein Gesicht zeigte einen leicht ärgerlichen Ausdruck; er war schon über sechzig und mußte bis Ellenhub hinansteigen, weil der Koadjutor ständig nach Liebesgaben für die Soldaten herumlief. Die Schelle des Ministranten klang schrill. Die Haustüren öffneten sich; überall knieten Männer, Frauen und Kinder: das Allerheiligste kam.

Durch den Alltag, mit seinen ewig gleichen Bildern von Arbeit 367 und Rast, Mühsal und Labsal, schritt in Gestalt eines kleinen Ministranten und eines greisen Priesters die Majestät des Todes. Sie war gerecht und traf jeden ohne Unterschied, den Reichsten wie den Ärmsten; sie war mitleidlos, Mitleid verträgt sich nicht mit Gerechtigkeit; sie war erhaben, denn es gab keinen Menschen, der ihr ruhig ins Gesicht schauen konnte; sie war einzig, denn sie war die höchste Erdenmacht, die man ständig fühlte, aber niemals begreifen konnte. Und wie einst Herolde und Ritter dem Herrn und König, so erwiesen die Menschen ihr die gebührende Reverenz. Die Männer, sichtlich ergriffen, die Weiber aber auch in dieser Minute nicht ohne jeden Blick von Neugier und witternder Lust, der sie niemals verläßt. Die ganz Alten, mit den weißen Köpfen und gefurchten Gesichtern, zitterten leicht; ebenso die Gesichter der Kinder.

Als die Mena das Glöcklein hörte, fing sie an, laut zu reden: »Der Pfarrer Gries ist ein langsamer Passagier, mein heiliger Gott.« Sie deckte den Tisch mit einem weißen Tuch und stellte Leuchter und Kruzifix auf. »Kein Wunder, daß die Leut bei seinen Predigten einschlafen. Ist eben alt; die Gicht soll er auch haben. Freilich, der Kletzl macht's wieder zu kurz. Kaum hat er angefangen, ist die Messe schon wieder zu End.« Sie verstummte, weil draußen die Glocke verstummt war; vielleicht in einem der Hohlwege oder hinter einem der Gehölze, die gleich Inseln über der Gegend zerstreut lagen. Aber plötzlich tönte sie ganz nah, und der Kranke erschrak. Bilder stiegen vor ihm auf; er sah die Menschen vor den Häusern knien, so wie er selber jedesmal gekniet, und dachte: der Pfarrer mit dem Allerheiligsten kommt zu dir!

Gries war krebsrot im Gesicht. Die große Nase zitterte heftig. »Das ist ein Weg zu euch!« sagte er, fast mit Vorwurf im Ton. Dann hörte sie durch die geschlossene Tür deutlich die Worte des Pfarrers, genau im gleichen Tonfall, wie er am Sonntag zu predigen pflegte. »Brauchst das Vaterunser nicht laut mitzubeten, nur denken dabei . . . ›Zu uns komme dein Reich, dein Wille geschehe, wie im Himmel also auch auf Erden.‹« Und endlich sagte er sonderbar feierlich und singend: »Jesus!«

Und: »Jesus!« hörte sie des Ähnls Stimme wie ein fernes Echo. – Es stirbt ein Mensch, dachte sie. Es stirbt mein Vatersvater. – Vom Fenster her drang ein Duft von Rosmarin und Majoran. 368

Von drinnen kam wieder die Stimme des Pfarrers und das milde Echo: »Jesus!« Nach einer kleinen Pause nochmals des Ähnls nun festere Stimme: »Schönen Dank, Herr Pfarrer!«

Der Pfarrer, schon in der Tür, warf einen halb erstaunten, halb unwilligen Blick zurück. – Was hat denn dieser alte Bauernschädel? Dünkt er sich vielleicht stärker, als ich, der wohlbestellte Trostspender? – Dies »Schönen Dank!« hatte so kräftig geklungen, als hätte er damit sagen wollen: Mach nur deine Zeremonie, mein Lieber, du und ich, wir wissen, was diese Dinge bedeuten; und warum die Menschen ohne sie nicht leben und nicht sterben können.

Die Mena überkam eine zitternde Freude. Sie wunderte sich, welch unsinnigen Vorstellungen sie sich öfter über ein solches Ereignis hingegeben, und wie es so einfach und selbstverständlich vor sich ging und nirgends etwas zu sehen war, das Schrecken oder Entsetzen einflößen könnte.

»Wasser möcht ich!« sagte der Kranke. »Vom Guggenbrunn.«

Der Guggenbrunnen hatte das beste Wasser in der Gemeinde. Dies wußten die Kinder mit zwei und die Greise mit achtzig Jahren.

Die Mena war froh, daß er etwas verlangte; doch selbst wollte sie nicht gehen, in der Angst, sie könnte die letzte Viertelstunde des Ähnls versäumen. Freudige Tage und erhabene Stunden sind selten; und eine solche ist es wohl, wenn ein geliebter Mensch aus der Welt scheidet.

Der Bub, den sie schickte, kam ihr viel zu langsam. – Heiliger Gott, dachte sie, wenn er nur den Krug nicht zerbricht!

Aber der Krug zerbrach nicht. Es war ein großer, grauer, bauchiger Steinkrug; er faßte fünf Maß und hatte einen festen Henkel, so daß man ihn bequem aufs Feld tragen konnte. Seine Rundung zeigte einen schmalen Gürtel, durch Weinranken abgeteilt, und in jedem dieser Teile war, in Halbrelief, ein Stück bäuerlichen Lebens zu sehen, ein pflügender Bauer, ein Heufuder mit einer futterfassenden Magd, Drescher in einer Tenne, Tanzpaare in einem Hochzeitssaal.

Die Augen des Ähnls hingen an ihm in sonderbarer Weise, bis er sie schloß und ruhig lag. Bilder zogen an ihm vorüber. Er sah sich als Bub auf dem väterlichen Hof, wie er mit den selbstgeschnittenen Geißelstecken die Rinder auf die Weide trieb; sah sich, wie er in 369 den Sommernächten zum Fenster seiner Liebsten hinaufstieg, ihr den roten Unterrock aufnestelte und die weißen Strümpfe herabzog; wie aus dem Morgennebel die Kirchturmspitze von Aspern glänzte, und hörte das Kommando: Sturmstreich! Vorwärts! Fällt das Bajonett! – Er sah sich bei seiner Heimkehr vom Feldzug; sah den Vater beim Holzklieben, die trockenen Schüpfel leuchteten in der Sonne; er sah sich als Pferd auf allen vieren durch die Stube galoppieren, hörte das Jauchzen seiner Kinder und das Krachen der Buchenscheiter im Kachelofen . . .

Die Bilder mögen, nach Erdenmaß gemessen, einige Minuten gedauert haben, und dennoch erlebte der Alt-Ellenhuber sein ganzes Leben noch einmal; auf eine wunderbare Weise, mit einem Kraftgeheimnis ohnegleichen ausgestattet.

Wie die Mena ihm den Krug reichte, sagte er: »Halt mich ein wenig!« und trank, aber nicht viel. Jetzt spürte er keinen Schmerz mehr, keine Angst und keine Beklemmung, wie sie in den letzten Zeiten öfter seine Brust bedrückt hatten. Er hörte ein Getön, das ihn an ein fernes unaufhörliches Hallelujen bei einem festlichen Hochamt erinnerte. War es nun diese Musik oder die warme Sonne, die das Bett samt dem alten, kranken Mann einhüllte: der letzte Rest von Kraft regte sich noch einmal in ihm und er richtete sich auf. Er tat einige Schritte, faßte nach dem Tischrand und marschierte langsam rundherum. Sein wachsbleiches Gesicht, vom schütteren Weißhaar umrahmt, zeigte jene Entschlossenheit, die es überall gezeigt, beim Kornspeicher von Aspern, beim blutigen Rekrutenball und beim Laufen der Siebziger. Aber wie er die vier Seiten des Tisches umgangen, wäre er beinah hingefallen, wenn die Mena ihn nicht gestützt hätte.

Von draußen kam Stimmengewirr. Sie beteten: »Gegrüßet seist du, Maria, du bist voll der Gnaden, der Herr ist mit dir . . .« Alte Männer, Frauen und Kinder knieten, den Rosenkranz um die Hände gewunden, und steckten in den Pausen flüsternd die Köpfe zusammen, gierig danach, zu erfahren, wie und wo man den Alt-Ellenhuber das letztemal gesehen, wie die Krankheit angesetzt, wonach er Verlangen gehabt und ob er nicht vielleicht, knapp vorm Sterben, den Vorhang zum Jenseits ein wenig emporlüpfen würde.

Plötzlich verstummten sie: das Totenweibl richtete sich auf und öffnete die Tür. Sie trat in die Stube und aufs Bett zu. Ihr Kopf 370 zitterte und ihr Kinn klappte ein paarmal energisch auf und nieder. Es flüsterte: »Er fangt schon an zu ziehen!« und trippelte wieder hinaus.

Die Mena betrachtete aufmerksam das Gesicht des Sterbenden. Dann fragte sie: »Ähnl, hast du Schmerzen?«

»Tut mir halt um die Mitt weh«, sagte er. »Hart ist es schon!«

Der Ähnl ging schweigend an seine letzte Arbeit. In diesen Minuten entzündete sich in ihm ein Licht; und wie einmal dieses Licht entzündet war, empfand er seine Leiden und seinen Hingang als fremd und nicht von ihm erlitten und erlebt. Er sah, wie seine Seele, die er sich als weiße Taube vorstellte, über Berge und Täler einem fernen Lichte zuflog. Er atmete schwach und immer schwächer und tat dann einen letzten Atemzug. Damit stand das Herz, das über achtzig Jahre geschlagen hatte, still.

Menas Blick haftete an dem starren Antlitz. Ihr schien, als ob es aus Stein wäre. Das ist also der Tod, dachte sie. Warum macht man vom Sterben ein solches Aufheben? – Das lag wohl in nichts anderem, als in der Seltenheit des Geschehnisses, vom kleinen Erdenweg aus gesehen; in der Anmaßung, worin der Mensch sein Kommen und sein Gehen in der Welt betrachtet und betrachtet wissen will.

Aber aus dieser klaren Sicht wurde sie wieder herausgerissen, als das Totenweibl das Vaterunser zu leiern anfing, als man die Vorhänge an den Fenstern zuzog und die Wachskerzen zu Häupten des Toten entzündete. Die Angst bekam wieder die Oberhand. Der Raum, wo der Ähnl lag, und das ganze Haus wurden unheimlich. Etwas treibt den Menschen, die irdischen Dinge, die an sich friedlich und freundlich sind, einmal bis zum Schrecklichen, Furchterregenden, ja bis zum Grausen zu steigern; und das andere Mal mit ebensolchem Eifer zum Anmutenden, zur Lieblichkeit und zur Schönheit.

Der Alt-Ellenhuber war eine schöne Leiche. Von weither wallfahrte man, sie zu beschauen. Die Hände des Toten waren gefaltet; da sie immer wieder herabgesunken, hatte das Totenweibl sie mittels einer Hanfschnur festgebunden und einen Rosenkranz darübergelegt.

Die Mena selber kam nicht mehr richtig zum Schnaufen, und erst den zweiten Tag fand sie eine Minute, sich auszuruhen. Sie setzte sich auf die Hausbank und schlief vor Ermüdung fast ein, bis das 371 laute Beten sie wieder weckte. Der Mond schien taghell, Grillen feilten und Leuchtkäfer schwebten im Dunkel. Die Stimme des Totenweibls haspelte Vaterunser auf Vaterunser ab. Und die Leute, die ins Totenwachen gekommen waren, fielen ein: »Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern . . . Amen.« Sie saßen im Vorhaus um den Tisch oder knieten die Bank entlang, bei einer Ölfunsel und einem Krug Most, der rundum ging. Manche rauchten abseits im Halbdunkel ihre Pfeifen. Die Männerstimmen klangen dumpf: »Dein Wille geschehe, wie im Himmel also auch auf Erden . . .« Die Frauenstimmen hell und feierlich: »Gegrüßet seist du, Maria, du bist voll der Gnaden, der Herr ist mit dir . . .«

Der Morgen des Begräbnisses war überaus schön. Die Trauerleute füllten das ganze Haus und standen noch bis hinaus auf den Anger. Der Ähnl, dachte die Mena, macht uns sogar noch mit seinem Begräbnis Freude.

Der Ähnl lag zwischen vier brennenden Wachskerzen. Die braunen Holzperlen des Rosenkranzes glänzten. Am Fußende, auf einem grüngepolsterten Schemel, kniete das Totenweibl. Ihr Kopf, mit dem verblichenen schwarzen Tuch, lehnte an der Bettstatt. Etwas zurück, in schräger Reihe, standen ein Halbdutzend junger Bauern, mit gesenkten Köpfen, die Hüte in den gefalteten Händen.

Die Geschwister kamen. Paul, einen Haken in die Stirn gekämmt, aschfahl im Gesicht; wie einer, der vom Feldzug heimgekehrt und ein geheimes Siechtum in sich trägt. Die Lena, noch immer schön und stolz; über den großen Ellenhuber-Augen etwas wie einen Schleier. Jörgei, ruhig und gläubig. Und das Brigei, wie eine Puppe in Bauerntracht, in Samtmieder und schwarzem Kopftuch. Gang und Naz fehlten; niemand wußte etwas von ihnen.

Die Männer traten vor und faßten den Toten an. Hierbei geriet der Leichnam in eine schaukelnde Bewegung; es war genauso, als sträubte er sich, nach Kleinkinderweise, auf eine so ohnmächtige Art in seine neue Wiege geschafft zu werden. Aber er lag gut gebettet. Der hohe Gupf der gekräuselten Hobelspäne machte einen reinen gefälligen Eindruck, und der Holzton der frischen Bretter strahlte einen milden Glanz aus. Der Sarg wurde mit einem dumpfen Schall geschlossen; die vier Männer setzten ihre Hüte auf und hoben ihn. Vor dem Haus stand eine Bahre, mit Samt bedeckt, 372 daneben der Pfarrer, die Ministranten, weißköpfige Bauern, Frauen mit farbigen Kopftüchern und Kinder.

Der Sarg schwankte durchs Dorf, unter dem Wechselgebet der Männer und Frauen. Der Himmel war von besonderer Reinheit. Die Wiesenblumen und die blühenden Obstbäume dufteten. Die Mena gewahrte, daß man nicht die kürzeste Strecke zum Friedhof wählte, sondern geflissentlich einen Umweg machte: des Ähnls letzter Marsch sollte ein Schauspiel werden, ein Schauspiel in Ehren! Da fing eben der Unterschied an: der Tote war, mit Verlaub zu sagen, kein gewöhnlicher Toter, kein Keuschler, Taglöhner oder windschlechtes Knechtlein, kein Rastelbinder oder Pfannenflicker: es war der Alt-Ellenhuber!

Der Sindnochsiebendrin hatte über sein Trommelfell ein schwarzes Tuch gespannt; und wie er den Trauermarsch schlug, verbreitete sich über den Gesichtern der Mannsbilder ein ungeheurer Ernst.

Am Grab roch es nach frischer Erde. Die Stricke schnurrten; die Schollen fielen polternd auf die Bretter; hie und da schluchzte jemand.

In der Kirche schlug die Mena die Stelle ihres Gebetbuches auf, wo ein schwarzgerändertes Totenbildchen mit dem Antlitz des dornengekrönten Heilands eingelegt war. Das Bild und die Worte auf dem Glanzpapier schienen das Sterben und Begrabenwerden zu verklären. Sie las halblaut die Worte: »Wer sein Kreuz nicht auf sich nimmt, mir nicht nachfolgt und fröhlich leidet, ist meiner nicht wert.« Und auf der anderen Seite: »Josef Jakob Ellenhub, nach geduldig ertragenen Leiden, im fünfundachtzigsten Lebensjahr, sanft im Herrn entschlafen. Mein Jesus, Barmherzigkeit! Dein ärmster Knecht ruft zu dir. Süßes Herz Mariä, sei meine Rettung!« 373

 


 << zurück weiter >>