Johannes Freumbichler
Philomena Ellenhub
Johannes Freumbichler

 << zurück weiter >> 

Die Brautwerber

Der Bruder begab sich auf eine Agitationsreise, und die Mena war wieder allein. Von allem, was er ihr gesagt, war der Rat, sich ernstlich wegen einer Heirat umzusehen, geblieben. Und schließlich war das die einzige Politik, die sie für vernünftig hielt. Neben ihrem Bett mit der blaugewürfelten Tuchent stand ein Sessel, darauf der messingene Ölstock, ein Körberl mit Äpfeln und Nüssen und ein Stoß Hefte mit farbigem Umschlag.

Sie schälte einen Apfel, teilte ihn gleichmäßig in Halbe-, Viertel- und Achtelspalten, und schob sie in den Mund. Sie horchte auf die Nachtgeräusche des Dorfs, auf das Knarren des Wetterhahns, auf das Klappern loser Dachschindeln, auf das Rauschen des Bachs und den Schrei irgendeines Tieres, der vom Walde herüberkam. Dann nahm sie eines der Hefte, die der Bruder ihr zurückgelassen, und las aufmerksam eine ziemliche Weile.

Sie hatte zeitlebens wenig gelesen, etwa das, was auf Ellenhub an bedrucktem Papier herumgelegen: die Bibel, eine Evangeliumauslegung, ein paar vergilbte Büchlein, der bayerische Hiesel, der daumenlange Hansel, und dazu in den letzten Dorfjahren eine Zeitung, der »Wallfahrer«, die ihr gelegentlich eines Gesprächs von Gries empfohlen worden war. Sie wartete schon immer auf ihr sonntägliches Kommen und las sie am Nachmittag. Und jetzt diese Hefte! Sie enthielten Stahlstiche, Landschaften aus allen Ländern Europas; Thüringen, Rhein, Nordsee, Adria, Nizza, Neapel; Felsenberge, Wasserfälle im Mondschein, Palmen, Esel mit Säcken auf dem Rücken, lustwandelnde Damen und Herren, und weiße Segelboote, die wie beschwingte Tauben über grüne Meereswellen flogen. Ein Bild war schöner als das andere, und entzündete im Beschauer unbestimmte Träume von Reisen und Genüssen, die nur wenigen Menschen zuteil wurden. Sie erzeugten eine Unzufriedenheit mit der eigenen Umwelt, die durch den beschreibenden Text in unglaublicher Weise gesteigert wurde. Dieser Text fiel nämlich aus der Stimmung unschuldiger Beschaulichkeit plötzlich in einen 346 wildaufheulenden Empörerton: »Wie schön, wie herrlich ist doch diese unsere Welt; wie so ganz zu Glück und Genuß geschaffen, wäre sie nicht in den Händen von Fürsten und Pfaffen, Blutsaugern und Aasgeiern! Darum, mein Volk, ermanne dich, stelle eine Leiter hinan zum Himmel der Freiheit und mache die Sprossen aus den Leibern deiner Unterdrücker.«

An dieser Stelle hielt sie inne. Der letzte Satz mißfiel ihr. Einen Augenblick schwebte ihr die längste Dachleiter auf Ellenhub vor, an der sie immer als Kind mit Schauer hinaufgeblickt, und die mit ihrem schwankenden Ende scheinbar ins Firmament selber gereicht hatte. Sie sah zuckende Menschenleiber an Stelle der Sprossen eingesetzt . . .

Diese Vorstellung hatte böse Träume zur Folge, so daß sie sich am Morgen krank fühlte. Sie sah die Hefte liegen, und obgleich sie vom Bruder stammten und so schöne Bilder enthielten, nahm sie doch resolut den ganzen Pack, steckte ihn in den Ofen, eine Handvoll Scharten dazu, und schon gingen die »Ansichten der Natur«, die »schönsten Orte der Welt«, in Flammen auf. – Ich versteh nichts von diesen Dingen, dachte sie, und will auch nichts davon verstehen. Hat nicht der Pfarrer vom Teufel gepredigt, der alle möglichen Gestalten annimmt, und könnt er nicht auch die Gestalt eines Buchs annehmen?

Eines Sonntags, nach dem Mittagessen, saß sie auf der Hausbank und strickte. Sie weilte dabei in Gedanken auf Ellenhub oder folgte ihrer Lust und machte Ausflüge ins Innere der Dorfhäuser und Höfe: Ja, so waren sie, die Menschen! Über sie und ihren Liebhaber schimpften sie; der Lix hatte mehrere Verhältnisse gleichzeitig, aber da scheuten sich alle, ein lautes Wort zu reden! Da war Geld, Ansehen, da konnte man nützen oder schaden. Sie verfiel, wie immer, wenn sie auf den Namen Lix stieß, ins Spintisieren. Sie ließ ihr Verhältnis mit ihm an sich vorüberziehen, lachte, weinte und verzweifelte noch einmal, wie in jenen Wochen und Monaten. Sie hatte seit jener Zeit getan, als ob dieser Lix sie nicht mehr im geringsten interessierte; aber heimlich belauerte etwas in ihr jeden seiner Schritte. Sie hatte sich überhaupt angewöhnt, die Mannsbilder durch scharfe Gläser zu beobachten; ganz in derselben Art, wie benachbarte Völker es tun, um für den entscheidenden Moment des Zusammenstoßes möglichst viel voneinander zu wissen. 347

Sie war noch mit dem Gedanken an Lix beschäftigt, als das Wichtlweibl dahergeklappert kam. Es strickte einen grauen Wollstrumpf, der ihr fast bis zu den Knien hing; der Kopf war weit vorgestreckt, und die Augen glühten. Es blieb stehen und spähte eifrig nach allen Seiten, ob jemand zuhörte. Dann sog und schnalzte es heftig mit den Lippen und flüsterte mit heiserer Stimme etwas, das die Mena nicht gleich verstand: »Der Haginghofer-Lix hat beim Postwirt einen Griff in die Geldtasche der Kellnerin getan und ist dabei erwischt worden! Man hat ihm die Sechser und Zwanziger aus dem Hosensack gebeutelt!«

Der Lix, der Haginghofer-Lix, als gemeiner Dieb entlarvt?

Sie erinnerte sich, daß der Ähnl gern das Wort »Larve« als Schimpfwort gebraucht hatte. Die im Fasching vorgesteckten Papierlarven hatten ihr schon als Kind Grauen erregt; und nicht nur sie und gleichaltrige Mädchen, auch erwachsene Mägde hatten bei ihrem Anblick laut aufgeschrien. Die frauliche Welt ist in vielen Naturdingen mit den feinsten Organen ausgestattet; sie ist gewissermaßen die Natur selbst und trifft daher mit ihrem Gefühl oft das Richtige. Kein Mensch also, eine Larve! Jetzt verstand sie das Wort vollkommen. Lix machte es, wie seine Eltern es ihm vorgemacht hatten; er ging in die Kirche, nahm das Abendmahl, gab den Armen, doch sein Herz war leer wie eine hohle Nuß. Er kannte im Grunde nur zwei Gebote Gottes, nicht zehn, und diese zwei hießen: Bequemlichkeit und Genuß. Die Mena erschauerte, wenn sie an den Haginghofer und die Haginghoferin dachte.

Der Glassturz, unter dem die beiden Haginghofer Eheleute dahingewandelt, hatte einen Sprung bekommen; und dieser Sprung war etwas unsagbar Häßliches. Im ersten Augenblick herrschte im Dorf darüber helle Schadenfreude; aber bald tat es einem Teil davon aufrichtig leid; sie hatten Angst, daß jener Glassturz ganz zerbrechen könnte und dann auf Erden keine Freude, kein Schmuck und kein wahrer Trost mehr zu finden wären. Viele, die vom Haginghof Wohltaten empfingen, verteidigten den Lix und sagten der Kellnerin alles Böse nach. Anderen, wozu Lambert und einige besondere Schlauköpfe gehörten, tat die Geschichte ebenfalls leid. Sie entschuldigten den Lix: War wohl betrunken! sagten sie. Und: Gott weiß, was die Leut alles lügen . . .

Der Mena aber war, als ob auf eine wehe Stelle ihres Herzens, die 348 bei manchen Anlässen, beim zufälligen Zusammentreffen mit dem Lix, heftig geschmerzt, eine lindernde Salbe gelegt worden wäre. Erst jetzt schien zwischen Lix und ihr alles bereinigt; er ging sie nichts mehr an, und sie wandte sich einem Kapitel zu, das einer ledigen Dirn, mag sie es auch hundertmal verschwören, immer wieder von neuem zu schaffen macht, nämlich: das Heiraten.

Am Sonntagnachmittag hatte sie ihren Platz auf der Ofenbank, neben sich eine Nähschatulle, deren Seitenwände und Deckel mit winzigen, perlmutterfarbenen Schneckenhäuschen besetzt waren, und unter den Füßen ihren Schemel. Da war sie mit einem Fuß auf ihrem eigenen Boden und mit dem andern in der Lambertischen Stube, an deren Leben sie in einem bestimmten Ausmaß teilnahm.

Die Menschen waren überhaupt in den letzten Monaten näher zusammengerückt. »Das sind Zeiten! Die ganze Welt ist verhext!« sagte Lambert gewöhnlich, stellte seinen Weinkrug auf den Tisch und setzte seine Pfeife in Brand, während seine Frau allerhand Kurzwaren mit Preisziffern beschrieb. Zur allgemeinen Unterhaltung kritisierte Lambert sämtliche Leute, die an den Fenstern vorbeigingen; und nach dem Rosenkranz, wo das Getrampel der Jungen bis zum Getrippel der meeralten Männlein und Weiblein lang währte, ließ er ein Feuerwerk von Menschenkenntnis und Menschenbespöttelung los. Alle nahm er unter seine scharfzahnige Hechel, nicht gerade in einer bösartigen, aber immerhin in einer leicht boshaften, jedoch durchaus humorvollen Weise, oft so witzig, daß die Familie nicht aus dem Lachen kam.

Lambert kündigte ein neues Opfer seiner Beobachtungen an: »Ah, da schau, der Lichtmeßberger Numero eins!« Er erriet mit sicherem Instinkt sofort, wohin der Lichtmeßberger steuerte. »Was hat er denn nur?« fing er an und schmunzelte zu Mena hin. »Himmellaudon, was greift er denn gar so weit aus mit den Füßen?«

Da trat er schon in die Stube, Tabak zu fassen und ein Eichtl auszurasten, wie er lachend sagte. Die Mena machte sich auf allerlei gefaßt. Es dauerte nicht lang, wie harmlos man auch anfangs redete; Lambert sprang unvermittelt auf sein Steckenpferd über, nämlich die Heiratsstifterei. Er machte anzügliche Späße auf die Unbeweibtheit seines Besuchers, dieser schoß, soweit seine Schwerfälligkeit dies erlaubte, zurück und schüttelte lachend den viereckigen Kopf, wie ein Zugochs, den eine lästige Hummel umschwirrt. 349

An Lamberts Heiratsvermittlung war das Besondere, daß man jedes Wort so oder so nehmen konnte, als Scherz, als Ernst, wie man es haben wollte; und beide Hauptteile am Ende vom Schauplatz abtreten konnten, als wäre sie die Sache nichts angegangen. Beide aber, Werber und Vermittler, so spaßhaft und gleichgültig sie auch taten, horchten gespannt auf jedes Echo, das von der Ofenbank herkam, und suchten es zu deuten. Lambert fragte den Lichtmeßberger, unter dem Schein des Interesses, bis in die kleinsten Einzelheiten über seinen Hof aus, und dieser sang, anfangs etwas erregt, wie ein richtiger Preissänger, ein Loblied auf das schöne Lichtmeßberg. Sieben gute Milchkühe standen im Stall; alle Jahr wurden zwei schwere Schweine geschlachtet, mit einem Gewicht von zweihundert Pfund und mehr; und ein halbes Hundert Äpfel- und Birnbäume und eine Menge Ribiselstauden blühten im Mai rings um das Haus. »Gelt«, sagte er und äugte zur Mena hin, »der Mensch ist ja nicht nur zum Schinden auf der Welt! Er muß sich von Zeit zu Zeit auch selber wohl tun. Wenn wir einmal die zwanzig Arbeitswochen hinter uns haben, so um Ruperti, machen wir es uns kommod!«

Menas Herz arbeitete unruhig, aber sie ließ sich nichts anmerken. Lambert lobte das Berglehen und die Aussicht, aber seine Frau machte überraschend Einwendungen. Lambert antwortete mit allgemeinen Angriffen gegen das weibliche Geschlecht. Es folgte Wort und Antwort, Schlag auf Schlag, ohne Pausen, höchstens das Gelächter gab ein Aufatmen; beide führten alles Gute und alles Schlechte pro und kontra Ehestand ins Treffen, und es gab keine Gnade.

Mitten in diesem Getümmel öffnete sich wiederum die Tür, und Lichtmeßberger Numero zwei, der Bruder, trat herein. – »Tabak fassen!« sagte er und verursachte damit einen heftigen Lachausbruch, den Lambert durch die bereits herrschende Lustigkeit erklärte. »Man muß auch einen Spaß haben«, sagte er. »Nicht wahr?«

Numero zwei fixierte den Bruder und sagte mit tiefem Ernst: »Ohne Tabak kann ein Mann nicht existieren.«

Damit setzte ein neues Gespräch über das Tabakrauchen ein. »Das Leben wär leicht, wenn man sich gewisse Dinge abgewöhnen könnte«, meinte der Lichtmeßberger Numero eins.

»Zum Beispiel die Frauenzimmer«, fügte Lambert hinzu und 350 brach in ein großes Gelächter aus. Aber diese Portion war zu stark. Es entstand eine Verlegenheit. Um den Verstoß gutzumachen, schlug Lambert einen ernsten Ton an: »Im Winter muß es auf Lichtmeßberg einsam sein?«

Aber Numero eins zählte sogleich alle Kurzweil auf, die es oben gab, und wurde dabei zum wirklichen Poeten. Er beschrieb die Holzbauern, die in Zügen hintereinander vorüberfuhren, wie die Pferde und Menschen dampften; das Wild, die Hirsche und Rehe, die bis unter die Obstbäume kamen; die komischen Langlöffler, die zwischen den Holzlatten in den Wurzgarten schlüpften und die Kohlstrünke benagten; die Vögel, die Finken, die schillernden Spiegelmeisen und rothalsigen Gimpel, das Rabenvolk; die Jäger und Holzknechte, die einkehrten und Neuigkeiten ins Haus brachten. »Es ist«, schloß er lächelnd, »das reinste Paradies.«

Aber wie es den Poeten schon zu gehen pflegt, wenn sie am allerschönsten träumen, so ging es auch jetzt dem Lichtmeßberger. Von der Ofenbank her kamen ein Weiberlachen und die betonten Worte: »Ein Paradies, wo die Füchs und die Hasen sich gute Nacht sagen. Mein Gott und Herr, mir ist oft das Dorf schon zu tot. Ich möcht gern einmal in eine Stadt kommen, vielleicht nach Wien. Dort müßt ein Leben sein!«

Beide Brüder richteten ihre erschrockenen Augen auf Mena. Lichtmeßberger Numero zwei schien überhaupt völlig versteinert. Er hatte während seines Hierseins außer den zwei Worten »Tabak fassen« noch kein drittes hervorgebracht. Sein Bruder sagte in einem Tonfall sanften Vorwurfs: »Mena, wenn du vielleicht einmal in die Stadt Wien kommst, etwa gar ein Fräulein wirst, mit einem Federhut auf dem Kopf, paß auf, daß du nicht zu stolz wirst! Mancher Mensch lauft in der Welt dem Glück nach; aber besser erwarten, als erlaufen. Man muß jede Sach wohl bedenken. Ist sie einmal geschehen, kann sie kein Herrgott mehr ungeschehen machen. Und gelt, die bittere Reu kommt zu spät. Das Leben ist eine ernsthafte Sach! Ist's nicht so!«

»Akkurat so!« Lambert schmunzelte, aber sofort war er wieder ernst, als die Brüder sich zum Gehen anschickten. »Ja, ja, ja«, seufzte er. »Es gibt wenig Glück im Leben. Man muß es tragen, wie es ist.«

Die Mena ging an diesem Abend nicht mit der gewohnten Fröhlichkeit zu Bett. Die Worte von der »bitteren Reu« zirpten wie ein 351 paar Grillen in ihrem Kopf. Und sie ging mit sich zu Rate, ob sie denn, was dies Gebiet anbelangte, auch auf dem richtigen Weg wäre. Was in mir sagt zu den Lichtmeßbergern nein? Wo doch eine so schöne Gelegenheit, mich zu versorgen, vielleicht nie mehr in meinem Leben kommt? Und von welcher Gutmütigkeit wären diese beiden Bewerber? Man könnte sie um den Finger wickeln. Und warum kann ich niemals widerstehen, wenn der Toni klopft?

Sie sah durchs Fenster die Sterne so nahe, als ob sie sie mit den Händen greifen könnte, besonders jenes schöne Gebilde, das ihr Lehrer den »Wagen« oder das »Siebengestirn« genannt. Seit ihrer frühesten Kindheit waren die Sterne die Gefährten ihres Magdtums gewesen, abends und früh, sommers und winters; ja dann, wenn die Erde in Eis und Schnee erstarrt, hatten sie ihre herrlichste Schönheit gezeigt. Oft und oft hatte sie sich bei ihrem Scheine aus ihren Strümpfen, ihrem Miederleibchen und ihrem Waschkittel geschält und mit seltener Beharrlichkeit das Öl des Ölstocks und die Wachsstöcke gespart. Immer, an guten und bösen Tagen, hatte sie vorm Schlafengehen als eine letzte, kleine Freude und als einen letzten kleinen Trost zu ihnen aufgeblickt. In dieser Nacht aber erzeugten sie in ihr das Gefühl der Einmaligkeit und Unwiederbringlichkeit allen Daseins. Es überkam sie eine schaurige und dennoch schöne Offenbarung: Soll ich denn wirklich mein ganzes Leben allein bleiben?

Am Sonntag, nach der Stallarbeit, schritt sie gegen das Pieringer Moor. Es war heiß, und die Luft über der braunen Landschaft flimmerte. Sie bei Tag zu begehen, liebte man nicht; es gab hier zahlreiche Schächte und Lehmtümpel; bei Nacht mied man sie ganz. Nur um die Zeit, wo die Heidelbeeren reiften, zogen ganze Karawanen von Kindern und alten Weiblein hierher; Körbchen an den Leib gebunden, und mit eigenartigen, hölzernen Kämmen versehen, womit sie die Beeren von den niederen Sträuchern kämmten.

Jetzt war es einsam. Unter der veilchenblauen Himmelsdecke zogen Kugelwolken, die so aussahen, als ob sie der Geist des seligen Riesenhans aus seiner Tabakspfeife ins Firmament geblasen hätte. Die Blaubeerenstauden rauschten unter den schweren Tritten; in der Luft surrte und blitzte es von kleinen Insekten; hie und da ästen Rehe, und Hasen machten ihre Männchen. Es kamen kleine Wäldchen aus Eschen, die den Eindruck hervorbrachten, als ob sie alle 352 zusammen an einem Tag frisch aufgeschossen wären; schüttere Birkeninseln, deren silberne Stämme aussahen, als wären sie verzauberte Fabelwesen, ans ewige Gruseln gefesselt; und Haine aus schlanken Espen, deren Blätter unaufhörlich zitterten. Wie ein Traum, den sie einmal flüchtig geträumt, stiegen jene Tage in ihr auf, wo sie mit ihrer Freundin, dem Schinderpelei, hier gelaufen, gerungen und getanzt hatte. Sie waren sich später aus dem Weg gegangen und fast noch mehr, als sich das Verhältnis mit ihrem Bruder Toni angesponnen.

Plötzlich stand sie still: das Hüttengewirr lag vor ihr, das sie schon kannte. Aber wie ganz anders erschien es ihr heute! Die gebleichten, vielfach schadhaften Dachschindeln, die Zeilen schwarzbraunen Torfes, auf Holzgestelle geschichtet, die unheimlichen Moorgräben ringsum, das alles machte auf sie einen beängstigenden Eindruck.

Der Toni war nicht daheim, Pelei empfing sie mit einem leichten Anflug von Verlegenheit. War dies wirklich jene Freundin, mit der sie auf dem Silberbühel haschen gespielt? Jenes tollustige Pelei, das den Stier gebändigt und den Einleger geohrfeigt hatte?

Während Pelei Kaffee braute und zungenfertig von ihrem Bruder erzählte, der jetzt Geld aufgenommen, um den Torfstich im größeren zu betreiben, sah die Mena umher. Pelei trug Lumpen am Leib; aber das war wohl nicht das schlimmste: sie trug noch etwas anderes am Leibe, das sich zeigte, als die Mena auf den Haginghof zu sprechen kam und sagte: »Das war meine schönste Zeit!« Da war's, als ob sie eine Quelle mit schwarzem Gewässer aufgestoßen hätte, so wild gurgelte das Pelei los: »Den reichen Protzen hab ich ihr Unglück vergönnt! Da hab ich mich wirklich gefreut! Da möchten sie großtun und auf unsereinen herabschauen; alle Samstag zur Kommunion gehen, diese Pharisäer! – Ah, das wär schön! Die Welt ist für alle da! Und nicht, daß die einen alles, und die andern nichts haben! Teufel sind sie, schöne, rotweißbackige, in Samt und Seide, aber keine Menschen!«

Die Mena stimmte ihr, um sich nicht in allzu großen Gegensatz zu bringen, halb und halb bei, aber im stillen dachte sie: So bist du also gesinnt? Sie verabschiedete sich viel schneller, als sie vorgehabt hatte.

Es lag hier etwas Vergiftetes in der Luft, das ihr, die seit ihrer Kindheit an eine reine Atmosphäre gewöhnt war, die Brust 353 beklemmte. Es war ihr wohler, als sie die Schinderkeusche ein Stück hinter sich hatte.

Auch dämmerte es schon, und das Moor schien nun doppelt unheimlich. Gewaltige Wurzelstöcke, die an menschliches Gebein erinnerten, lagen längs der Gräben; und zum Überfluß fiel ihr ein, was ein Bursch, der sich Peleis Gunst erfreut, erzählt hatte: wie sie beide in einem Heuhaufen gelegen und plötzlich aus ihrem Mund eine schwarze Maus herausgeschlüpft wäre. Wie hat doch der Toni so gar nichts von seiner Schwester an sich, und wie geht doch von ihm nicht das geringste von jenem grauen Elend aus, das mich in dieser Stunde so niedergeschlagen hat! Was ist er doch für ein prächtiger Mensch, was für ein stolzer Außenseiter, was für ein wunderbarer Liebhaber!

Inzwischen war es noch finsterer geworden, und die Mena fröstelte plötzlich. Sie wandte sich noch einmal zurück, aber das Schindermoor war schon in Nebel und Nacht versunken. 354

 


 << zurück weiter >>