Johannes Freumbichler
Philomena Ellenhub
Johannes Freumbichler

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Die Haushüterin

Ein Geheimnis lag über der reglosen Gruppe. Zu ihren Füßen neigte sich ein Anger mit wolligem Gras, spärlich durchsetzt von den weißen und blauen Tupfen der Gänse- und Leberblümchen, stieß an eine Bauernstraße mit großen Steinen, und ihr entlang hoben sich aus dem saftigen Grün die schwarzen Stämme der Obstbäume, seltsam unschön und verkrüppelt. War es nun, um sich selber zu trösten oder die Kinder zu beruhigen, das alte Wiegenlied kam ihr auf die Lippen, das die Mutter ihnen so oft vorgesungen hatte. Sie wippte mit dem Fuße, als träte sie die Ellenhuberische Wiege, und die Geschwister schienen während des Gesangs in ein einziges Wesen verschmelzen zu wollen.

»Hutsche, heia,
's Kind muß man betreua,
's Kalberl lauft in Weiha;
's Hunderl lauft ihm husig nach,
Beißt ihm grippig 's Schweiferl ab.
Hutsche, heia,
Schlaf, mei Kinderl, schlaf!

Schlüßl, Schlößl,
Schlaf, du kleiner Stößl!
Kauf ich dir ein Rößl;
's Rößl reit't mit dir in d' Welt,
Und du findst ein' Haufn Geld.
Schlüßl, Schlößl,
Schlaf, du kleiner Held!

Hutsche, heia,
Schlaf, du kleiner Schreia!
Draußen schrein die Geier;
Reiß ma eah a Föderl aus, 14
Machn schnell ein Pölsterl draus.
Hutsche, heia,
Schlaf, du kleine Maus!«

Schon nach den ersten Versen erlosch das Schluchzen. So wie der kühle Wolkenschatten in der Hochsommerhitze auf eine schmachtende Mähergruppe fällt, fiel das Lied in die Seelen der Kinder.

Die Gruppe war noch immer in derselben Stellung, als plötzlich, in der großen Stille deutlich vernehmbar, die Uhr am Dorfkirchturm elf schlug. Sogleich liefen alle ins Haus und kamen mit einer Klapper wieder. Sie war aus hartem Holz, von der Zeit schwärzlichbraun getönt; nur dort, wo der Hammer aufschlug, zeigten sich beiderseitig tiefe Mulden von hellerer Färbung. Die Klapper hatte bereits mehrere Generationen Ellenhuber von der Feldarbeit heimgerufen. Es war bei ihnen ein alter Brauch: Was sie machten, das machten sie gut, in der Absicht, daß es noch Kindern und Kindeskindern dienen sollte.

Menas Augen suchten die weite, besonnte Landschaft mit den goldgelben Getreidefeldern ab. Alles ums Haus, zum Teil so eben wie ein Stubenboden, gehörte zum Hof, und der Besitzer, also heute gewiß kein Ellen-Huber, vielmehr ein Pracht- und Großhuber, hätte sich ohne Frage noch höher gehoben, wenn nicht die Kette der Tüchtigkeit gerade in seinem wichtigsten Hauptglied abgerissen wäre. Endlich entdeckten sie gebückte Gestalten, weiße, leuchtende Hemdärmel und Kopftücher, und dazwischen ein Blinken und Blitzen: das waren die Sicheln der Schnitter. Das gleichmäßige Geklapper drang auch an ihr Ohr, aber sie taten nichts dergleichen, ja, es schien, als ob es ihnen gar nicht gälte. Sie waren seit drei Uhr früh an der Arbeit; das Klappern tönte ihnen daher so fein wie Engelsgesang, aber dennoch hielten sie nicht inne: Es wär die größte Unsitte gewesen, wenn eins beim ersten Anschlag die Sichel aus der Hand gelegt hätte. Es währte also noch eine geraume Weile, bis die Feldleute in der sengenden Gluthitze im Gänsemarsch angerückt kamen.

Der Mann an der Spitze war, seinem Gehaben und seiner Kleidung nach, noch ein ganz altertümlicher Bauer. Er schritt mit einer sonderbaren Würde, hielt den Kopf stolz, und dieser Kopf machte den Eindruck, als ob er, unabhängig vom Körper, ein eigenwilliges 15 und freiherrliches Leben führen würde. Das zweite an ihm aber, das jede seiner Bewegungen und seiner Gesten aussprach, war eine gewisse Langsamkeit und Bedächtigkeit. Der Vater der Kinderschar, die wie ein Trüpplein leichter Kavallerie vor ihm hertanzte, konnte er nicht sein; dazu waren sie im Alter zu weit auseinander, eher schon der Ähnl, welches Wort sie ihm auch immer wieder zuriefen.

Im Vorhaus blieb der alte Mann einen Augenblick auf den Marmorfliesen stehen und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Der kühle Dämmer wirkte ganz wunderbar. – »In den heiligen Büchern steht kein Wort geschrieben«, sagte er und hob den Zeigefinger, »von Braten und Wein, von Backwerk und Schnäpsen; aber es wird ausdrücklich gemeldet von einer lieblichen Kühle.«

Die tiefen Stimmen der Mannsbilder hinter ihm brachen in ein Gelächter aus und raunten sich zu: »Der Biblisch' Bauer!«, aber mehr oder minder überkam jeden etwas von dem Gefühl, das der Ähnl in seiner altmodischen Redeweise ausgedrückt hatte.

Der Marmor war keine Rarität auf den Höfen; das Gebirge barg nicht nur den verzauberten Kaiser mit seinen Paladinen, sondern auch gewaltige Blöcke und Platten des seltenen Steins. Die Sonne strömt bekanntlich eine Gotteskraft aus; sie macht die Schöpfung bunt und lebendig, warm und reich. Und diese rotgeäderte Fläche hier strömte eine andere Gotteskraft aus. War es Glanz des Marmors, seine Farben, das Feste und Unverwüstliche, war es die Verwunderung, wie wohl in der Natur eine solche Pracht entstehen konnte, der Gedanke, unter welcher Gefahr dieser Stein gewonnen, unter welcher Beschwer er dem Menschen dienstbar gemacht wurde, kurz, schon bei Nennung seines Namens und noch mehr bei seinem Anblick fingen die Gesichter der Ellenhuber zu leuchten an. Adel lag in diesem Marmelstein, und besonders dann, wenn er, glattgeschliffen, in der Sonne, im Dämmerlicht, im Mondschein, an frohen Festtagen und an den vielen grauen Alltagen, woraus ja jedes Leben besteht und bestehen muß, sein Farbenspiel leuchten ließ.

Ein Nachzügler war in der Rauchküche zurückgeblieben und warf nun einen gelüstigen Blick auf die braunen Krapfen, die in einer mächtigen, grün lasierten Schüssel auf dem Herd standen. Er schnalzte mit den Lippen und bettelte: »Mena, nur einen, frisch aus der Pfann!« 16

Die Mena fing lachend mit der durchlöcherten Schaufel einen Krapfen aus dem prasselnden Fett und sagte: »Du bist aber ein Genäschiger, Toni!«

Der warf den brennheißen Krapfen von einer Hand in die andere und tanzte so in die Stube hinein.

Hier leierten sie schon das Tischgebet in einer Art Sprechgesang ab. Sie schienen dabei nicht das geringste zu denken, wollten wohl auch nichts denken; denn das hätte sie in ihrem Tagtraum empfindlich gestört. Aber es war trotzdem etwas Geheimnisvolles in ihrer Stimme und in ihrer Haltung, und dies Geheimnisvolle sprach etwa so: Wir Menschen, tölpische Knechte unserer Erdennot, sind unwürdig, o Herr, vor dich hinzutreten und dir unser Opfer darzubringen. Wir sagen und singen dir daher nur dreimal des Tages: Vater unser! – Auf daß du nicht allzuhart mit uns ins Gericht gehst. Denn dein ist alle Macht und alle Herrlichkeit. Amen. Dann wurde Menas Kochkunst gelobt, was sich einer so neugebackenen Bäuerin gegenüber gehörte. Hernach gingen alle aus der Stube, und jedes, das an den Kindern vorbeikam, warf ihnen ein Scherzwort zu, das einen mitleidigen Unterton hatte.

Der Biblische Bauer blieb allein zurück und rauchte seine Pfeife. Die Kinder taten allerlei und sahen verstohlen in sein faltiges Antlitz. In ihren Augen lag eine Mischung von Neugier, Respekt und noch etwas, das wie ein winziger Stern flimmerte: suchende Liebe. Denn von dort, wo ihnen dieser wärmende Strom bisher gekommen, wehte es seit einigen Wochen kalt. Aber der Ähnl schien von dem, was um ihn vorging, keine Notiz zu nehmen. Er behauptete öfter, er höre, sehe, rieche und schmecke nichts mehr. Doch Zweifler versicherten, der Biblische Bauer sei ein heimlicher Schalk, sein Getue nur Komödie; vollsatt vom Leben und seinen zweifelhaften Gerichten wolle er nichts mehr sehen, hören und schmecken. Jedenfalls machte er den Eindruck, als ob er nicht mehr mit seiner Umgebung lebte; er lachte selten, zankte nicht, schien sich nicht zu grämen und nicht zu freuen, und sein Gesicht war zu einer Maske erstarrt, wovor die Kinder erschraken. Sie atmeten daher auf, als er endlich sagte: »Ja, wenn ihr jetzt die Mutter Mena nicht hättet!«

Sie hingen sich an die große Schwester und riefen alle: »Mutter Mena! Mutter Mena!«

Der Ähnl klopfte seine Pfeife aus. Die Mena sollte haushüten; die 17 Kinder durften mit aufs Feld. Ein Jubelausbruch folgte, der aber schnell wieder gedämpft wurde. Sie redeten nur mehr im Flüsterton, immer schwankend zwischen Vertraulichkeit und Scheu, glücklich, wenn er einen der Buben am Haarschopf beutelte oder einem der Mädchen nach dem Zopfe griff. Sie trippelten im weichen Angergras barfuß neben ihm her und hörten auf seine wunderlichen Reden. Er schritt von Obstbaum zu Obstbaum und betastete ihr Rindenkleid; den hatte er selbst gepflanzt, den sein Sohn, also ihr Vater, den sein Vater, also ihr Urgroßvater! – und wußte von jedem, ob Apfel-, Birn- oder Zwetschkenbaum, eine Geschichte. Es gab brave und schlechte Bäume, so wie es gute und schlechte Sensen, gute und schlechte Kühe, gute und schlechte Menschen gibt, und diese Scheidung, ohne Gnade und Erbarmen, reichte tief hinab, bis in die leblosen Dinge, und hoch hinauf, bis ins gestirnte Firmament.

Ein O-beiniger Knecht kam jetzt mit dem Bräunl über die Wiese. Er setzte immer zwei und drei Geschwister auf seinen Rücken und ließ sie so lang ums Haus reiten, bis die Leiterwagen aus der Tenne polterten und zwei schwere Gäule aus dem Stall geführt wurden, die ebenso schön kastanienbraun waren wie der kleine Bräunl. Rappen und Schimmel und Schecken liebte man auf Ellenhub nicht; und einen Falben hätten sie gar nicht eingespannt, der war ihnen unheimlich. Aber für Braun hatten sie eine Schwäche; sie liebten die braunen Weizenkörner, die braunen Haselnüsse, die braunen Rehböcke und Hirsche, die winters bis in ihre Obstgärten kamen, und erst gar die braunhaarigen Weibsbilder, ja in die waren sie ganz besonders verschossen.

Die Mena war zum erstenmal in ihrem Leben Haushüterin. Dazu mußte man eine sichere Person haben, und dafür galt sie bereits, trotz ihrer Jugend. Sie sah dem Wagen mit den lärmenden Kindern nach und dachte unwillkürlich, es müßte, bei der großen Veränderung auf dem Hofe, davon auch etwas in der Natur ringsum zu spüren sein; aber das Schöpfungsmirakel ging seinen Gang, als ob nicht das geringste geschehen wäre.

Ein verspäteter Schnitter, derselbe, der ihr vorm Essen den Krapfen abgefochten, kam um die Hausecke. Er mochte eine Eicht im Schatten geduselt haben; böse Zungen behaupteten freilich, der Schinder-Toni scheue die Arbeit wie der Teufel den Weihbrunn. 18 »Soll ich dir haushüten helfen, Mena?« fragte er. Sie spürte seinen zugreifenden Blick, errötete, faßte sich aber schnell und erwiderte seine Musterung mit ziemlicher Festigkeit. Sie sah ihm kopfschüttelnd nach, wie er mit einem Jodler den Anger hinabtanzte. Es war doch zu sonderbar, was die Leute alles über ihn redeten!

Über die Landschaft war jene Sommerruhe gebreitet, wo kein Ton und kein Hall sich mehr hören läßt und die Haustiere, die Vögel, die Blumen und die Kornähren in einen wohligsüßen Halbschlaf versunken zu sein scheinen. Jenseits der Felder und Kleeländer, die wie buntbestickte Teppiche lagen, lief das weiße Band der Reichsstraße, auf der ein Dunkles, Bewegliches näher kam. Es war eine hochbuckelige Postkutsche. Die Töne des Posthorns erweckten ein Gemisch von Hoffnung und Verzweiflung, von Lachen und Weinen; hier lag der Hof, das Tal, die Weiler, alles so bekannt, aber dort, wohin der Wagen rollte, lag die weite, schöne Welt.

Sie hätte wohl noch eine Weile so zwischen Tür und Angel geträumt, aber am Gehölzrand unten sah sie eine Gestalt, einen Bettler oder Landstreicher, und dies erinnerte sie an ihre Pflicht. Sie schlüpfte ins Haus und schob den Riegel vor. – Das Zusperren hat kein Narr aufgebracht, sagte sie zu sich selber. Solch väterliche und mütterliche Worte rief sie sich in den letzten Tagen gern ins Gedächtnis, bei Gelegenheiten, wo sie im unklaren war, was sie tun sollte. Riegel auf, Riegel zu. Ein Kleines getan oder unterlassen, ein wenig mehr, ein wenig weniger entscheidet oft über ein Menschenleben, entscheidet oft über viele Leben.

Und der Riegel auf Ellenhub war ein guter Riegel, schloß besser als das künstlichste aller Kunstschlösser, und wenn er in seiner Öse aus gehämmertem Eisen saß, konnte man zwischen den vier Wänden fröhlich leben und genießen. Er war glatt poliert; denn viele Hände, harte und weiche, junge und alte, hatten ihn seit mehr als hundert Jahren vor- und zurückgeschoben, bald mit frohen, bald mit angstbebenden Händen; denn Glück und Unglück, das heißt, was die Menschen so nennen, traten auch durch diese Tür unzählige Male, um schnell wieder zu verschwinden oder so zäh zu bleiben, als hätten sie eingeheiratet. Was aber, ob Freude, ob Schmerz, mehr gewesen, ist eine Frage, die man nicht so leicht beantworten kann. Gelehrte Männer haben behauptet und es so genau bewiesen, wie zweimal zwei vier ist, daß unser irdisches Leben ein Geschäft 19 darstellt, das sich nicht verlohnt, ja, daß es etwas sei, was gar nicht sein sollte. Aber auf Ellenhub hatte man von dieser Weisheit bisher noch nicht das kleinste Argument vernommen. Da waren sie alle noch der einfältigen Meinung, daß die Welt nach einem geheimen Schöpfungsplan richtig aufgebaut wäre, daß alle Freuden, die kleinsten wie die größten, ihre Grundfesten in Beschwerden und Leiden hätten, und daß es jene ohne diese gar nicht geben könnte. Es heißt wohl, Sorgen und Suppen hat der Mensch leicht genug, aber der Fest- und Feiertage wird er bekanntlich noch viel schneller satt.

Die besinnliche Haushüterin ging durch die Räume. Wie man im Winter alles verschloß, um Wind und Kälte den Eintritt zu verwehren, so schloß sie nun jede Luke und Spalte, um die brennende Sonnenglut abzuhalten. Sie dachte an die Mutter, die auch oft als Haushüterin daheim geblieben; aber es war keine Trauer in ihr, es war etwas anderes. Dinge, Gerüche, Farben und Töne umgaben sie, die das Leben auf Ellenhub immer umgeben hatten, die sie aber plötzlich in einer Klarheit ohnegleichen gewahrte. Das Braun des Holzgebälks, das Spiel der Herdflamme, der Geruch von Korn und Häcksel, der Tiere im Stall, das Schneeweiß der Hauswebe auf dem grünen Anger, das rissige Schwarz der Obstbäume, der Duft des frischgemähten Grases, des sonngedörrten Holzes, das Wesen einer Schar dottergelber Küchlein – dies alles schien ihr neu und wunderbar. Die Strophe eines alten Volksliedes, das die Mutter oft gesungen hatte, fiel ihr ein:

»Es kann der Mensch vom Leben nichts begreifen,
Halt ein, o Seele, wohin willst du schweifen?
Das Beste ist, sein' Aug' zum Himmel heben,
Und in Geduld und Gott sein Herz ergeben . . .«

Hierbei gewahrte sie, daß den meisten Vater- und Mutterworten der Reim oder sonst etwas Spielerisches und Lustiges anhaftete, sei es vorn, sei es hinten; es war zwar immer nur ein Kleines, wie der Tautropfen an der Blume, und doch ging davon ein heimliches Entzücken aus. In der Stube steckte sie Werch auf die Gabel und trat das Spinnrad. Zu seinem Schnurren sang sie halblaut und suchte die mütterliche Stimme möglichst getreu nachzuahmen . . . 20

»Und höher als der Untersberg,
Und tiefer als der See,
Und schwerer als der schwerste Stein,
Ist oft mein Leid und Weh.

Z' Tirol, sagn d' Leut, ein Vogel singt,
Auf ein'm höchstseltnen Baum;
Sein Gsangl tröst dich wunderbar,
Als wie ein Kindertraum.

Und weil ich gar nicht wissen tu,
Was ich anfangen soll,
Drum geh ich auf die Wanderschaft
Ins schöne Land Tirol.

Wirklich hab ich das Vogerl ghört,
Z'tiefst in ein'm tiefn Wald,
Voll Nebel und voll Einsamkeit,
Stockfinster und eiskalt.

Und gsungen hat's so lieblichfein,
Als wär's im Paradies . . .
Was für ein Fünkerl wärmt's wohl so,
Daß's gar so selig is?

Ist's wohl ein Spatz, ein Lerch, ein Fink?
Mensch, wer das Rätsl rat't:
Zum siebnmal silbernen Menschnglück
Den goldenen Schlüssl hat.«

Was wäre wohl begreiflicher gewesen, als daß der eisige Wald, die Kälte, der grenzenlose Schrecken ringsum das Vögelchen zum Verstummen gebracht, ja es getötet hätten, und dennoch sang es aus Leibes- und Lungenkräften, als könnten seine Triller die Sonne, die Blumen und die Falter aus der Winteröde hervorlocken. Jene winzig kleine Sonne, die es erleuchtete und erwärmte, war im Grunde wohl auch nichts anderes als die große Sonne am Himmel, wie diese im Lauf der Planeten, so erstrahlte jene im Blutlauf des 21 Vogelherzens. Und sie erstrahlte jetzt auch in Menas Brust. Die Beklemmung, die ihr Herz bedrückt hatte, wich einer zuversichtlichen Heiterkeit, und mit dem Sonnenfächer, der durch den Spalt des Fensterladens fiel, strömte etwas herein, das die Klage über den Verlust der Eltern, die seit Wochen in ihr umging, verscheuchte. 22

 


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