Johannes Freumbichler
Philomena Ellenhub
Johannes Freumbichler

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Der Kaiser ruft

Diese Nacht schaffte vielen Gesprächsstoff und versetzte die Zungen der Leute in die höchste Tätigkeit. Es ging schon geraume Zeit eine lebhafte Klage um, daß die jungen Leute von einem üblen Wesen erfaßt wären, etwa so wie die Hummeln und Hornissen, die sich zuweilen auch nicht begnügen, ihre Waben zu bauen, Eier auszubrüten und Wintervorrat zu sammeln, sondern planlos herumsummen und blindlings losstechen, auf Tier und Mensch. Jedermann sah es und stellte es fest; aber niemand konnte es sich erklären, woher es kam. Zweifellos fraß ein Gift im Gemeinkörper, und vorderhand wehrte sich jedes Glied, so gut es konnte; aber das jagte das Übel nur dahin und dorthin, ohne es zu heilen. Dieser Übermut ging bei bestimmten Gruppen zur offenen Bosheit über; sie fanden es nicht mehr nötig, sich ein Mäntelchen umzuhängen, stifteten einen Unfug nach dem andern, meist in nachtschlafender Zeit, und es war, als ob die Stillen und Gemäßigten, die Guten und Fleißigen nur mehr geduldet würden. Die alten und abgeklärten Leute schüttelten besorgt die Köpfe: »So lötz sind die jungen Leut heutigentags; es muß etwas kommen!«

Dieser Wunsch sollte schnell erfüllt werden. An einem Samstagabend ging eine ungewöhnliche Bewegung durchs Dorf. Niemand wußte recht, was los war; und am Sonntag strömte alles doppelt hastig aus der Kirche, denn nach dem Hochamt erfuhr man die Neuigkeiten am ehesten. Auch die Mena drängte sich rascher ins Freie. Auf dem erhöhten Anger zwischen Kirche und Kapelle bildete sich ein Quirl von bunten Seidenschürzen. Mägde und Bäuerinnen, die es sonst eilig hatten, nach Hause zu kommen, warteten heute. Sie hofften zwar, es würde sie, wie meistens, nichts angehen, blieben aber dennoch neugierig stehen.

Links von der Stiege standen die Männer. Ihre rauhen Stimmen, ihr Gelächter erschien den Weiberleuten eine ebensolche Musik, wie umgekehrt jenen ihr helles Turteltaubenlachen. Sie redeten zu zweien, dreien und in Gruppen, und von ihren hölzernen, tönernen 262 und zuweilen gipsernen Pfeifenköpfen stiegen bläuliche Rauchwölkchen. Eine besondere Neuheit erregte Aufsehen, nämlich Schwefelzündhölzer! Es war doch des Teufels, was die Stadtmenschen alles erfanden! – Neben einer Gruppe, die in spielerischer Leichtigkeit diese Zünder handhabte, gab es noch viele, die preßten mit dem breiten Daumen den bräunlichen Schwamm auf den Stein und schlugen mit dem Feuermesser, daß die Funken stoben. Weiter rückwärts standen Haufen von Bauernbuben. Sie hatten die Plüschhüte schief gerückt und rote Nelken im Knopfloch oder hinterm Ohr. Sie konnten sich keinen Augenblick ruhig verhalten; und sogar hier, vor der Kirche, mußten sie Allotria treiben. Sie umringten den blinden Helf-uns-Gott-Florl und suchten ihm seinen Tabaksbeutel aus dem Leibriemen zu ziehen. Wie er sein schlechtes Kraut endlich anzündete und nicht wußte, ob der Schwamm Feuer gefangen oder nicht, fragte er: »Buben, brennt er schon?« – »Noch nicht, Florl!« – Der Florl führte den Schwamm an die Nase und verbrannte sich.

Die Mena, die sah, daß der Gang und der Naz unter den Hauptmachern waren, rief ihnen zu: »Schämt ihr euch nicht, den armen Menschen so zu quälen?«

Aber sie schrien zurück: »Oh, der hat's dick hinter den Ohren.«

Die Mena sagte zum Haginghofer, der eben die Stufen zum Anger heraufstieg: »Gar so ungut sind sie! Wär schon gut, wenn sie einmal gezügelt würden.«

»Werden schon gezügelt!« sagte er. »Das Leben zügelt alle. Es macht die größten Büffel zahm!« Sie erschrak über sein Aussehen. Wieder hatte er jene Maskenhaftigkeit an sich, wie damals, wo er mit dem Kaiser geredet; und wiederum schien etwas in Vorbereitung zu sein, das ohne diesen Kopf nicht vor sich gehen konnte. Ihm nach kam Schiering und entfaltete ein Schriftstück. Dieses Papiergeraschel und der Umstand, daß der Gemeindeschreiber lebhaft auf den Vorstand einsprach, ließ unter den Bauern ein Gemurmel entstehen. Sie nickten mit den Köpfen, und dies Nicken und dies Gemurmel lief durch die schütteren Haufen wie ein unhörbares Erdbeben. Erhöhten sie wieder einmal die Gemeindeumlagen? Wurde eine neue Steuer ausgeschrieben? Wollten sie etwa ein neues Schulhaus bauen?

Schiering trat an den Rand der Böschung, bis zu einer durch 263 Wind und Wetter glattpolierten Wegstange, nahm den Hut ab und fing an, vorzulesen. Aber soviel die Leute auch die Köpfe reckten und die Alten die hohle Hand ans Ohr legten, die dünne Stimme konnte nicht durchdringen; sie verstanden kein Wort, und selbst die, welche ganz nahe waren, vermochten den Inhalt nicht zu begreifen. Sie schüttelten die Köpfe, und einer fragte den andern, was der Schreiber heut wieder für einen Wischiwaschi vorgelesen hätte.

Der Haginghofer war ärgerlich. Es blieb ihm nichts übrig, als seine eigene Stimme anzustrengen; die war stark, und selbst die rückwärtigen verstanden klar und deutlich jedes Wort:

»Männer und Junggesellen!« sagte er. »In der Lombardei brandelt es. Die Welschen zündeln. Der Kaiser hat müssen den Krieg erklären. Der Kaiser braucht Soldaten. Das ist's, was in dem Schriftstück da geschrieben steht. Der Kaiser ruft euch! Verstanden?«

Der Kaiser braucht Soldaten . . . Der Kaiser hat müssen den Krieg erklären . . . Der Kaiser ruft . . . Wenn im Mai der Kuckuck ruft, horchen junge Herzen und jubeln. Wenn der Vorstand ruft, horchen die ernsten Männer auf und kommen ohne Zögern, weil sie wissen, daß es sich um das Wohl und Wehe der ganzen Gemeinde handelt. Geht aber ein großes Unglück über viele Gemeinden nieder, Hagelschlag oder Hochwasser, ruft das Land, und wieder kommen alle. Aber wer rief jetzt? – Der Kaiser!

Diese Botschaft ging von Mund zu Mund, immer wiederholt; und die Herzen der Väter und Mütter fingen an, unregelmäßig zu schlagen. Aber nur innen; nach außen wurde nichts sichtbar. Die Gesichter blieben unbeweglich, ja, bei manchem zeigte sich eine Art Befriedigung, als ob nun endlich das geschehen wär, was sie längst erwartet hätten. »Die Raufteufeln«, sagten sie, mit einem bitteren Ton in der Stimme, »jetzt können sie sich einmal tüchtig ausraufen, im Welschland unten.« Es waren dies Väter, denen der eigene Sohn zu hart zugesetzt, und sie dachten wohl: Half bei dir die ganze Gutheit nichts, wirst du vielleicht im Krieg den wahren Herrgott kennenlernen!

Selbst der Mena teilte sich diese allgemeine Bewegung mit, obgleich ihr Rekrut noch kaum ein Jahr alt war; aber sie hatte noch einige Menschen, um die sie sich sorgte; da waren die Brüder, nun alle schon im militärpflichtigen Alter; da war der Toni, der ihr viel 264 im Kopf umging; und ebenso fühlte sie sich belastet vom Geschick der beiden Schneider, deren Loskauf rückgängig gemacht worden war. Fraglos, die Grundfesten des Lebens waren erschüttert; und doch fühlte man wieder, sie mußten erschüttert werden, auf die Dauer wär's nicht so fortgegangen. – Krieg! Das war also das Ungeheuerlichste, was über die Menschen kommen konnte. Das Leben erhielt plötzlich einen zehnmal höheren Wert. Alle Dinge und alle Menschen, der Sonnenstreifen auf dem Kirchweg, die Flaumfedern auf den Hüten der Burschen, die Georginen in den Hausgärten, alles war von goldenen Lichtern überglänzt und schien ein Ding zu sein, köstlich und selten, ganz ohnegleichen. Ohne Zweifel war damit einer der zwölf heiligen Riegel zurückgeschoben worden, die für gewöhnlich das Tor aller Geheimnisse schlossen.

Nachmittag saß sie mit ihrem Strickzeug unterm Nußbaum vor Lamberts Haus. Das Weibervolk und die Kinder liefen aufgeregt durcheinander; ganz wie das Geflügel, wenn der Hühnergeier naht. Gestalten, die man selten im Ort sah, zeigten sich. Der Staatsschuldenmann suchte aus der kapitalen Neuigkeit Kapital zu schlagen. »Mena, weißt es schon, Krieg ist jetzt! Wir haben sowieso schon so hohe Staatsschulden, und was erst dieser Krieg wieder kosten wird! Je, je! Sind denn die Menschen ganz wahnsinnig? – Eine solche Hitze und dazu noch der Krieg! – Der Kornschnaps soll auch wieder teurer werden.«

Aber die Mena wollte ihm diesmal den Magen nicht kurieren und schenkte ihm so wenig Beachtung, daß er verstimmt mit seiner Neuigkeit weitertrottete. Die Ewig-Gerechtigkeit, das war ein anderer. Er blinzelte vergnügt. Und auch sie mußte lachen, wenn sie daran dachte, wie sie damals hatte das Leben so kindisch wegwerfen wollen. »Dir geht's gut«, sagte sie. »Du spürst in deinem Kalkbruch nichts von alledem, was vorgeht.« Er fragte: »Was soll denn vorgehen? – Die Sonn geht auf und unter, der Wind weht, die Blumen blühen und welken wieder ab.«

»Krieg ist!« sagte sie, mit einer leisen Bitterkeit im Ton. Sie dachte an die Brüder und an die vielen Bauernsöhne.

Der Peter wurde ebenfalls ernst. »Krieg ist? – Ah, da schau! Aber ich hab ihn nicht gemacht, gelt?«

Der Sindnochsiebendrin stelzte die Straße herab. Er zeigte mit der ausgestreckten Hand gegen den Süden, wo ein Kranz von 265 Felsenbergen in den Himmel ragte, und rief: »Die verfluchten Welschen! Man muß ihnen die Ohren stutzen.« Er hatte sich mit Ungarn, Piemontesen, Montenegrinern und Türken herumgeschlagen und explizierte einem Haufen Burschen anschaulich, was er von alledem hielt. »Mein ganzes Leben«, sagte er, »hab ich's nicht mehr so schön gehabt, als in meiner Soldatenzeit. Ein bißchen exerzieren, ein bißchen Schule, Kasernendienst, und dann geht der Herr Soldat spazieren, trinkt sein Glas Wein, steigt schönen Weibern nach oder schaut sich die Stadt an. Der Soldat, das ist ein Herr, und der Zivilist ein armer Knecht. Da frag ich einen: was ist denn so ein Leben, wenn man auch von Säbelhieb und Kugel verschont bleibt? – So ein Mensch lebt wie das Ferkel im warmen Stroh.«

Sie lachten unmäßig. Der Holzfuß hatte den Nagel auf den Kopf getroffen; wie ein Ferkel im warmen Stroh wollte keiner leben. Sie spotteten gern über seine Heldentaten, und dennoch kam immer wieder jener Heldengeist über sie, der sie trieb, nicht an der Kittelfalte zu hängen und hinterm warmen Ofen zu hocken, sondern sich die Welt anzuschauen und Abenteuer zu bestehen.

Auch das Wichtlweibl humpelte vorüber und die Mena fragte: »Kommt's denn wirklich zum Krieg, Wichtlin? Wird doch wohl nicht wahr sein, mein heiliger Gott!«

Die Wichtlin schien von unterirdischen Kräften gefaßt und erschüttert zu sein. Sie öffnete eine Weile den Mund, ohne einen Laut hervorzubringen. Es entging der still beobachtenden Mena nicht, daß in den tiefliegenden Augen ein unheimlicher Haß funkelte. »Die Mannsbilder?« krähte sie. »Und keinen Krieg? – Die kenn ich!« Sie drehte den Rosenkranz und strebte zur Kirche hinauf.

Eine andere Gruppe näherte sich, darunter der Schneider Fabian. Er war letzten Endes wegen seines Stotterns vom Militär befreit worden und schien daher in Hinsicht auf ihr Kammerfenster Hoffnung zu schöpfen. Er hörte den Radotagen des Sindnochsiebendrin mit einem verächtlichen Lächeln zu und sagte: »Men – Men – Men – Menschenschlächterei! Für die Großköpf sich totschießen lassen! Daß die Leut nicht aufzuklären sind!« Er legte der Mena zugleich ein kleines Schriftchen in den Schoß: »Da – Da – Darin steht die Wahrheit.«

Einer der Burschen nahm die Broschüre mit einem raschen Griff 266 an sich und fing an, auf der ersten Seite in einem schülermäßigen Ton vorzulesen: »Harmagedon kommt zuerst. Und ich sah aus dem Munde des Drachens und aus dem Munde dies Tieres und aus dem Munde des falschen Propheten drei unreine Geister kommen, wie Frösche; denn es sind Geister von Dämonen, die Zeichen tun; welche zu den Königen des ganzen Erdkreises ausgehen, sie zu versammeln zu dem Kriege jenes großen Tages Gottes, des Allmächtigen. Siehe, ich komme wie ein Dieb. Glückselig, der da wacht und seine Kleider bewahrt, auf daß er nicht nackt wandle und man seine Schande sehe! Und er versammelte sie an dem Ort, der auf hebräisch Harmagedon heißt!«

Dieses unverständliche Zeug erregte ein ebenso heftiges Gelächter, wie des Holzfuß' Vergleich mit dem Ferkel im warmen Stroh. Der Haufen Rekruten zog lachend und tümmelnd die Straße hinab, die ihnen viel zu eng zu sein schien; denn sie stießen und pufften einander, wie junge Stiere, und stimmten einen Gesang an, der wildfroh die Häuser entlang rollte . . .

Und die Welschen tun wir schopfen,
Die Piemontesen tun wir klopfen,
Und auf die Franzosen geht's uns auch nicht z'samm.
Das weiß ein jeder Bue,
Die Sakra gebn kein Ruhe,
Bis s' nit den Buckl voller Prügel habn . . .

Die Mena blieb an diesem Abend noch lange wach. Von den Feldwegen herein kamen Gesang und Jauchzen; die Bauernbuben zogen über die Hügel, um die wenigen Nächte, die ihnen noch verblieben, bei ihren Liebhaberinnen zu verbringen. Im Verfolg dieses Ziels, das ihnen mehr als hundert Harmagedon war, sangen sie schwermütige Lieder. Sonst schien auf dem Grund ihrer Seele eine Zither zu klingen und eine Nachtigall zu schlagen, heute brauste drin eine ganze Orgel. Eine Erregung lag in der Luft, etwas wie ein Hauch von Weinen und Blut; sie dachte an ihre Brüder und sah zu den Sternen auf, die so ruhig funkelten, wie damals, als sie noch ein Kind gewesen und mit den Geschwistern auf der Hausbank gesessen hatte.

Anderntags holte der Ähnl sie zur Abschiedsfeier. Er brachte ihr auch die Nachricht, daß sie den Gang und den Naz richtig 267 geschnappt und daß sie morgen durchs Dorf kämen. Beim Postwirt an der Reichsstraße standen mächtige Kastanienbäume; und ihnen gegenüber, in eine Felswand eingemauert, war eine Marmortafel mit den verwitterten Namen der gefallenen Soldaten aus den Napoleonischen Kriegen. Etwas höher eine Laube, auf ihrem Giebel eine Äolsharfe. Aber an diesem Abend hörte man das Säuseln des Nachtwinds in den Kastanien nicht, ebensowenig das Harfengetön; denn die Rekruten machten einen gewaltigen Lärm. Sie schienen von dem Massenzauber, in dem sie mitspielen sollten, ganz erfaßt zu sein; ihre Glieder schwollen gleichsam an, und sie fühlten sich als Riesen und Giganten. Freilich, wie sie die vielen gesetzten Leute an den Tischen sahen, gaben sie sich ruhiger. Damit sie sich, zu guter Letzt, noch einmal austoben konnten, hatte man das Gartenhaus ausgeräumt und ein paar Musikanten postiert. Aber die richtige Tanzstimmung wollte nicht aufkommen. Sie spürten, daß sie lieber zerstreut zwischen den Älteren saßen, und wurden auch so manierlich und zutraulich, wozu man sie sonst nicht mit dem gütigsten Zureden gebracht hatte. Die Mena, und was sonst von der Sängergruppe sich in der Eile gefunden, sangen ein paar Lieder . . .

Hunderttausend Kugeln pfeifen
Über meinem Haupte hin;
Brech ich todeswund dann nieder,
Scharrt man ein mich ohne Lieder,
Niemand fraget, wer ich bin.

Bricht mir unter freiem Himmel
Meiner Augen Jugendlicht:
Meine letzten Seufzer ziehen
Zu dir, bis am Grabe blühen
Blümchen fein, Vergißmeinnicht . . .

Der Haginghofer hielt eine Ansprache. Es war nicht viel was er sagte.

»Rekruten! Morgen heißt's ausziehen, mit Gott, für Kaiser und Vaterland! Da werdet ihr fremde Länder, fremde Menschen und fremde Bräuch sehen. Wer nicht in der Welt herumkommt, weiß auch nichts von seiner Heimat. Die Ofenhocker und Kittelschliefer 268 sind reinweg das Anschauen nicht wert. Wenn so einer zum Fenster kommt, soll das Dirndl gleich sagen: einen Kittel hab ich selber an; ich brauch einen, der eine Hose anhat und ein Mann dazu ist. Brave Gaßlbuben sind auch brave Söhn', und brave Söhn' sind auch brave Soldaten. Wohlauf, Buben, nicht bang machen lassen! Stimmt alle ein in den Ruf: Unser gnädigster Herr Kaiser und König, vivat hoch!«

Sie schrien gewaltig. Einige alte Bauern sagten leise: »Ist gut, daß sie es nicht verstehen.« Sie meinten unter »verstehen«, daß sie darüber nicht grübelten, wofür sie Blut und Leben hingeben sollten, und daß heut über ein Jahr wohl schon mancher von ihnen still in der italienischen Erde liegen würde.

Aber sie waren auch niemand zuliebe so. Sie liebten die Monarchie nicht, auch Wien nicht, auch nicht die Herren, und am allerwenigsten den Hof; aber was sie liebten, in des Wortes vollster Bedeutung, das war die heilige Allmacht, den Kaiser!

Für die ausziehenden Soldaten wurde ein Amt und eine feierliche Segnung abgehalten. Diese blutjungen Burschen, die so eng mit dem Leben der Gemeinde, der Väter und Mütter, Brüder, Schwestern und Geliebten verwoben waren, als ob keine Macht der Erde sie jemals losreißen könnte, sollten fortziehen, in ein fremdes Land, unter die Fuchtel der Leuteschinder, den Rossehufen und Kugeln der Feinde entgegen!

Die Mena kniete in ihrem Stuhle. Nach dem Gottesdienst suchte sie die Brüder, ängstlich, daß sie abmarschieren würden, ohne sie nochmals zu sehen. Sie hatte einen Pack vorbereitet: Wäsche, Rauchtabak, Kuchen, Seife und Briefpapier.

Beim Gedenkstein hatten die Veteranen Aufstellung genommen. Ihre Gesichter schienen von der Morgensonne wie durchschlagen; die gefurchten Wangen, die mageren, großen Hände, die an Wurzeln erinnerten, jeder Zug und jede Linie an ihnen sprachen stolz und verbissen: Wir haben gekämpft und kämpfen noch; und wir wollen getreulich leiden und kämpfen, bis zu unserm letzten Atemzug!

Rechter Hand standen die Rekruten. Ihre Gesichter leuchteten von Gesundheit und Unerfahrenheit; sie glichen großgewordenen Säuglingen, die mit gierigen, blitzblanken Augen in den himmelblauen Herbstmorgen guckten. Den übrigen Platz füllten die 269 Bauern und Bäuerinnen. Sie standen still und erwartungsvoll. Der Fahnenträger der alten Krieger und jener der Schützen, zwei der größten Bauern der Gemeinde, trugen ihre Fahnen zum Denkstein und stellten sich links und rechts von ihm auf. Ihre hageren Gestalten, mit den faltigen Hosen und breiten Schuhen, glichen phantastischen Statuen. Beim Hornsignal: Zum Gebet! kam Leben in sie. Sie nahmen mit einer müden Bewegung ihre Hüte ab, und nun ragten aus dem schwarzgelben und weißgrünen Fahnentuch zwei alte, gespenstische Gesichter. Der Pfarrer Gries kniete nieder, erhob sich wieder mühsam und sprach mit erhobenen Händen den Segen.

Die Trommeln wirbelten; Väter, Mütter, Geschwister marschierten neben den Rekruten einher. Es war beinah unheimlich zu sehen, wie sie durch die schmale Gasse mit den kindskopfgroßen Steinen herabpreschten, und ihnen voran der Sindnochsiebendrin, dessen Stelzfuß derart aufschlug, daß die Funken stoben. Und zum Verwundern, daß er trommelte wie keiner, und überdies noch abwechselnd die Schlegel hoch in die Luft warf und wiederum auffing. Und als die große Trommel einfiel und die Tschinellen, und die Klänge des Radetzkymarsches zwischen den Häusern dröhnten, waren es schon die halben Kriegsschrecken, wenigstens für die Männlein und Weiblein, die griesgrämig und zaghaft aus den Fenstern sahen. Die Ausziehenden selber aber schienen sich keinen Pfifferling um die Weisheit alter Wackelgreise und Siechlinge zu kümmern. Diese reingetünchten Häuslein mit den farbigen Blumentöpfen, den sauberen Stuben und gelben Fußböden; diese Höfe mit den Wiesen und Weizenfeldern, den braunen Rindern und langmähnigen Ackergäulen, das war alles eine recht schöne Welt; aber sie kannten sie schon, sie hatten sie schon kennengelernt, durch zwanzig lange Jahre und mehr, und in einem solchen Zeitraum verliert das Schönste seinen Reiz. Aber draußen, da war eine Welt voll Neuheit, voll Abenteuer; dazu Taschengeld von Vätern und Müttern, Menage, Tabak und Stiefelwichs vom Kaiser – junges Herz, was willst du noch mehr?

Am Dorfende stand das windschiefe Haus des Alt-Wegmachers, wo das Wichtlweibl eine armselige Kammer bewohnte, wenn es nicht in der Einlege war. Hier konnte keine Maus durchschlüpfen, ohne gesehen zu werden. Hier wartete die Mena, ihr Büblein im Schoß. Auf der Straßenseite des Hauses, in der Nische, wo ein 270 Kreuz mit einem lebensgroßen Heiland hing, hatte der Ähnl Posto gefaßt. Sie sahen die jungen Gesichter vorüberziehen, und dem Ähnl war, als ob er eine Vision hätte: genauso war er selber marschiert, vor einem halben Jahrhundert; genauso hatte die Sonne geschienen, hatten die Blumen geblüht, hatte der Himmel sich blau und rein über die Straßen gewölbt. Eine Stimme weckte ihn: »Ellenhuber, deine Enkel kommen!«

Die Mena, das Kind auf dem Arm, schaute und schaute. Plötzlich rief sie: »Gang! Naz! – Gang! Naz!« Da waren sie. Sie erhielten das Paket, scherzten mit dem Kind, das zappelte und jauchzte. Die Mena und der Ähnl marschierten nebenher und sahen etwas ängstlich in die jungen Gesichter: daß sie jetzt fort mußten, in ein ungewisses Schicksal, in den Krieg. Aber als die Mena drauf anspielte, ob sie sich denn arg sorgten, brachen die beiden Brüder in übermütiges Gelächter aus und riefen: »Freilich sorgen wir uns, ob nicht vielleicht der Krieg schon zu End ist, bis wir hinabkommen!«

Sie verabschiedeten sich. »Schreibt bald«, sagte sie. »Und denkt manchmal an uns!« Sie standen am Straßenrand, die Rekruten lachten dem Kind zu, und der Ähnl wischte sich mit seinem großen, blauen Taschentuch die Augen. In eine Staubwolke gehüllt, marschierte der Zug schon weit draußen; allmählich verschwamm er im Grün der Wiesen, und nur sein Gesang scholl noch zurück:

Behüt euch Gott, es bricht der Feind ins Land,
Der Kaiser ruft, uns braucht das Vaterland,
Behüt euch Gott! 271

 


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