Johannes Freumbichler
Philomena Ellenhub
Johannes Freumbichler

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Die stolze Kastenfahrt

Die Mena kehrte also wieder zu ihrer einspännigen Bettstatt in der Lambertischen Kammer zurück. Sie beschloß, in Zukunft die Lebensgüter sorgfältiger als je abzuwägen und den Schein immer scharf vom Sein zu trennen. Sie zählte sich auf, was sie hatte: ihre Gesundheit, die man immer wieder vergißt zu schätzen, ihre Lebenserfahrung, wobei sie aber deutlich spürte, daß man diese Wissenschaft geheimhalten müsse, als hätte man sich ihrer zu schämen, als wäre es ein Verbrechen, gescheiter zu sein als der Durchschnitt. Endlich ihre Klugheit. Zum Exempel: sie geht zum Fleischer, rechnet die Preise nach, stellt einen Irrtum fest, und der Metzger ruft spöttisch: »Du hättest sollen Schulmeister werden!« Aber sie gibt ihm zur Antwort: »Du schaust auf deinen Sack und ich auf den Sack meines Dienstherrn.« – Warum hat er mich denn verspottet? – Weil ich's verhindert hab, daß er meinen Dienstgeber betakelt. Ich such meinen Nutzen und nicht den deinen: es kann nicht anders sein in der Welt.

So war denn die Unruhe in ihrer Brust wieder zur Ruhe gebracht. Doch litt sie etwas an der Ödigkeit, die sich allenthalben im Dorf bemerkbar machte. Gewiß, das Laufen der Siebziger und die Versammlung hatte es aufgefrischt. Aber es gab ein Manko, das nicht ausgeglichen werden konnte: es waren keine richtigen Mannsbilder mehr da! Nur Ausschuß war übriggeblieben, und das machte sich auf allen Gebieten bemerkbar. Die Weiberleute fingen daher an, heftig auf die großen Herren zu schimpfen, die keine Ruhe geben wollten. »Wir Kleinen«, sagten sie, »täten uns ja sowieso vertragen, aber diese verdammten Großköpf müssen immer Krieg führen.« Und das, was durch diese Großköpfe sich ereignete, Krieg, Revolution und Weltgreuel, war so weit entfernt, und es kamen davon so selten Nachrichten ins Dorf, daß man gierig drauf aus war, ob nicht irgendeine andere Abwechslung einem zuteil werden könnte.

Es ging fühlbar eine Trübsal um; eine Bedrücktheit, ja sozusagen öffentlich, leibhaftig, nämlich in der Gestalt des 355 Helf-uns-Gott-Florls. Er pendelte mit hängendem Kopf von einem Ende des Dorfes zum andern und sang mit weinerlicher Stimme immer ein und dasselbe Lied:

»Helf uns Gott alle miteinand,
Der leidige Satan geht jetzt durch das Land.
Sein Diener voraus, der großmächtig Schrocken,
Tut alle Leut zwicken und alle Leut zwocken,
Das steinalte Weiberl, mit der Kruck unterm Arm,
Das kleinwinzig Kind in der Wiegn, Gott erbarm . . .«

Die Leute machten erschrocken die Fenster zu. Solche, die ihn auf der Straße trafen, fuhren ihn böse an und riefen ihm zu, in seinem Flohwinkel hocken zu bleiben und die Kinder und alten Leute nicht zu ängstigen. Aber er schüttelte den Kopf und sang, als ob er dafür bezahlt würde:

»Helf uns Gott alle miteinand,
Der leidige Satan geht jetzt durch das Land.«

Im übrigen zweifelte niemand daran, daß wirklich ein besonderer Teufel durchs Land ging: dies wurde durch das Verhalten der Kröllin einwandfrei bestätigt. Sie versuchte, dem Gottesdienst beizuwohnen, kam aber nur bis knapp an die Kirchenstiege. Hier schrie sie laut: »Das ist er schon!« und rannte wie gepeitscht davon. Kein Wunder, daß in einer Zeit, wo alles Gerade krumm zu werden droht und alles Feste zu wackeln scheint, der Mensch seinen Blick vom Gewöhnlichen zum Ungewöhnlichen wendet, ob nicht auf diesem Weg eine Änderung zu erhoffen wäre. Auch die Mena war, wie alle Herzenseinfältigen, leicht entzündet, und bloße Worte genügten, sie in Flammen zu setzen: Gold, Weihrauch und Myrrhen, Himmelstau, Rosmarin und Paradies, die Heiligen Drei Könige, der elfenbeinerne Turm, das goldene Haus und vor allem die Worte: Wunder und Geheimnis.

Um wieviel mehr mußte dies erst ein Mensch tun, der in seinem Ornat hoch auf der Kanzel stand und solche Worte und Sätze, wundersam ineinandergeflochten, mit einer volltönenden Stimme erschallen ließ. 356

Ein solcher Mensch war der Koadjutor Kletzl. Sobald nur irgendwo sein Name fiel und das Wort »Kletzlianer« geflüstert wurde, sobald auf einem alten Strohhut ein rotes oder weißes Hahnenfederchen flatterte, war die Neugier mächtig rege. In der letzten Zeit mehrten diese Federn sich in einer unheimlichen Weise. Auf den Hüten der Männer waren rote, auf denen der Weiber weiße zu sehen; und die freudig-stolzen Gesichter ihrer Träger zeigten an, daß sie den andern etwas voraus hatten, einen »Bund«, ein »Geheimnis«. Es wurde gemunkelt, daß der Leiter dieses Bundes ein Geistlicher sein sollte, ja man nannte sogar einen Namen, setzte aber zur Sicherheit gleich hinzu, man wisse wohl, die Leute lügen so viel, daß es ganz schauderhaft wäre. Die Angesehenen im Ort, vom Haginghofer bis zum Krämer Lambert, lächelten spöttisch: sie hielten sich selbst für diejenigen, die im Besitz des Geheimnisses waren, nämlich ihrer Geldkasse, und waren fest überzeugt, daß es kein anderes und besseres Geheimnis auf Erden gab und geben konnte.

Die Mena lief am Sonntag, mehr als sie ging, zur Kirche, um kein Wort von der Predigt Kletzls zu versäumen. Er predigte mit schallender Stimme vom Gericht und der brennenden Hölle, vom Reiche Gottes und seiner nahenden Herrlichkeit. Seine Predigt war gewaltig; darum war auch die Kirche gesteckt voll, und selbst auf der Empore, wo sonst die jungen Büffel immer ziemlichen Lärm erregten, herrschte lautlose Stille. Nur dünne Weihrauchschwaden zogen über den Köpfen der Gläubigen, und durch die offenen Türen kam das unablässige Getriller der Lerchen. Das ziegelrote Gesicht und der ebenso rote, lodernde Haarschopf Kletzls pendelte hin und her, wie die Grimasse eines gefangenen Löwen; sein gewaltiger Oberkörper beugte sich weit ins Kirchenschiff heraus und die hölzerne Kanzel zitterte unter den Schlägen seiner zornigen Pranken.

Benommen von Orgelklang, Weihrauch und Predigt, schob die Menge sich ins Freie, in Hast und Erregtheit. Man grüßte, rief sich Scherzworte zu, war aber noch dem irdischen Leben entrückt. Die Fahnen und Farben, der vielstimmige Gesang, die flackernden Kerzen, alles, was anderthalb Stunden ihre Sinne umfangen, war etwas, wovon sie sichtlich aufatmeten; und doch wieder etwas, das sie nie und nimmer hätten entbehren mögen, eine himmlische Speise, oder zumindest der Duft einer solchen Speise, ohne die keine 357 Menschenseele auf die Dauer atmen kann. Die Urteile über den Prediger waren geteilt; manche hielten ihn für einen glaubensstarken Eiferer, andere für einen heimlichen Lutheraner, und wiederum andere meinten, daß er ein halber Narr wäre und die Möglichkeit bestünde, daß er im Lauf der Zeit ein ganzer würde.

Einige Gestalten blieben in den leeren Kirchenstühlen kleben. Das waren solche, die es aufrichtig schmerzte, daß die Flamme, die Hochamt und Predigt in ihnen entzündete, wieder ersterben sollte.

Unter diesen war Kröll: für ihn war die Kirche der Ort, der die himmlische Seligkeit wenigstens ahnen ließ, während ihm seine Stube mit dem Schustertisch, sein hysterisches Weib, seine blöde Ziehtochter, sein ganzes Haus mit dem ewigen Zank und Streit als die Hölle erschien. Er ging jetzt die Kirchenstiege herab. Als er die Mena, die am Grab der Eltern gebetet hatte, kommen sah, erinnerte er sich an seine Berufung. »Mena«, sagte er mit tiefem Ernst, »du stehst weit über denen, die nie etwas begreifen. Möchtest du nicht zu uns in den ›Bund‹ kommen?«

Sie zögerte mit der Antwort. »Vielleicht hab ich einmal Zeit«, sagte sie.

Kröll nickte. »Es ist jetzt«, fuhr er in einem gezwungenen Hochdeutsch fort, »die Stunde, von der es in der Johannis-Offenbarung heißt: ›Vorüber ist das zweite Wehe . . . siehe, das dritte Wehe folget schnell . . . Und wenn die tausend Jahre zu Ende sind, wird Satan aus seinem Kerker losgelassen werden und ausgehen, zu verführen die Völker in den äußersten vier Gegenden der Erde.‹«

Sie hatte Mühe, nicht hell aufzulachen; aber als sie einen Blick in das düstere Antlitz des alten Schuhmachers warf, wurde sie wieder ernst.

»Ich werde dich einführen«, sagte er. »Für den Anfang brauchst du weiter nichts zu wissen, als dies Wort: Harmagedon!«

Sie fühlte wiederum das beseligende Schaudern, das bestimmte Worte ihr im Leben eingeflößt hatten. Wenn der Mensch Wein getrunken hat, hat er einen besonderen Trank im Leib; und war der Wein stark und in größerer Menge, so ist er berauscht. Wenn sein Ohr Worte getrunken, hat er wiederum einen Trank in sich; und waren sie stark und in der richtigen Mischung, ist die Seele berauscht, aber in einer ungleich höheren Art, und sie wird über den gewöhnlichen Zustand der Sterblichen weit hinausgehoben. 358

Am bezeichneten Abend schlüpfte sie zwischen den Dorfhäusern hinüber zum Kröllhaus, pochte und mußte eine Weile warten, bis drinnen eine Stimme fragte: »Wer klopft?« Worauf sie denn antwortete: »Harmagedon!« Ihr Herz schlug dabei laut vor Erregung. Kröll übergab ihr eine schwarze Tuchmaske und flüsterte: »Kostet nur zwanzig Kreuzer, ist reine Seide! Die Aufnahme einen halben Florin, der Monatsbeitrag wieder zwanzig Kreuzer.«

Die Fülle von Beiträgen riß sie für einen Augenblick aus ihrer Stimmung. Aber sie faßte sich schnell. Sie hätte sich vor Kröll geschämt, wenn sie wiederum feig zurückgetreten wäre.

Anfangs konnte sie in dem Halbdunkel nichts ausnehmen. Während sie einen langen, durch eine Ölfunzel spärlich erleuchteten Korridor zurückschritten, hörte sie Kröll reden, vom »Saal des ersten, des zweiten und des dritten Geheimnisses«, und wenn dabei auch ihr gesunder Sinn, genauso wie damals auf der Kirchenstiege auflachen wollte, beim Eintritt in den »Saal des ersten Geheimnisses« überkam sie sofort wieder tiefer Ernst.

Das Zimmer war erfüllt von einem Gewirr gedämpfter Stimmen. Ein rotes Licht schimmerte erhöht, in dessen mattem Schein sich eine eckige Gestalt über ein aufgeschlagenes Buch beugte. Der Wand entlang saßen und standen maskierte Männer und Frauen. Während die Mena noch ihre Gedanken über diese Eindrücke zu sammeln versuchte, faßten zwei Hände sie von rückwärts, zogen sie nicht nur auf einen leeren Stuhl nieder, sondern tappten sie auch gierig ab. Sie warf einen forschenden Blick auf ihre Nachbarn und Nachbarinnen: aber sie hatten nicht nur Masken, sondern sich überdies mittels Tüchern derart vermummt, daß eine Erkennung unmöglich war. Alle schienen sich in ungewöhnlicher Erregung zu befinden, die wohl das eben Vorgelesene ausgelöst hatte.

Eine Männerstimme schallte vom Pult herab: »Tut auf eure Ohren, liebe Brüder und Schwestern, auf daß der Satan sie euch nicht, wenn er die Macht erlangt hat, jämmerlich zerschlage!«

Diese Stimme schien ihr bekannt zu sein. Aber sie hatte keine Zeit zum Nachdenken; sie saß gespannt und ganz Ohr, denn der Vorleser fuhr fort: »Nach diesem sah ich einen anderen Engel vom Himmel herabsteigen; er hatte große Macht, und die Erde war erleuchtet von seinem Glanze. Er rief mit starker Stimme und sprach: ›Gefallen, gefallen ist Babylon, die große Hure. Eine 359 Wohnung der Teufel, ein Kerker aller unreinen Geister, ein Kerker aller unreinen, verhaßten Vögel ist sie geworden; denn an dem Wollustwein ihrer Unzucht haben alle Völker getrunken; und die Könige der Erde buhlten mit ihr, und die Handelsleute der Erde wurden reich durch den Aufwand ihrer Üppigkeit.‹«

Eine eingerostete Stimme fragte: »Wird Babylon vorher oder nachher fallen?«

»Vorher! Vorher wird und muß es fallen, tief ins Nichts! Denn erst auf seinen Trümmern baut der einfältige Hirte sich seinen Herd und sein Obdach; erst beim Stück trockenen Hausbrotes, beim Trunk klaren Wassers, bei den Stürmen, die seine Hütte umbrausen, beim Schein der heiligen Sterne lernt der Mensch – Gott suchen.«

Die andere Stimme meldete sich wieder: »Wir Menschen können nicht mehr lang warten, unsere Geduld ist zu Ende. Wann wird Babylon fallen? Und wann das Reich Gottes kommen?«

»Wann? Wann?« Eine schwere Hand fiel auf das alte Schulkatheder, das zum Vorlesepult diente. »Oh, über dich, du grindige Menschenseele! Weißt du denn nicht, daß geschrieben steht: ›Vor Gott sind tausend Jahr wie ein Tag‹? – Das Reich Gottes kann in einem Jahr, es kann übermorgen, morgen – es kann heute nacht eintreten!«

Ein Zittern ging durch die Reihen der Zuhörer. Auch die Mena erschauerte und fühlte mit unwiderstehlicher Gewalt, daß in diesem Augenblick alles Erleben in der Welt nichtig und klein war gegen das Geheimnis, das in diesen Hinterstuben wirklich und wahrhaftig existierte.

Eine junge Männerstimme meldete sich. In ihr konnte man keine Spur von einem frommen Ton hören, sondern nichts als Keckheit. »Was ist Babylon?«

»Nichts anderes, als unsere Reichshaupt- und Residenzstadt«, lautete die Antwort.

Die Stimme fragte weiter: »Wer wird im Reiche Gottes der Oberste sein?«

»Unser jetziger Bundesoberst, selbstverständlich!«

Aus den Samtvorhängen des Hintergrundes trat eine Gestalt, in einen langen Mantel gehüllt. Sie hielt in der Rechten einen silbernen Stab, von einer schwarzen Schlange umringelt, und oben mit 360 einem Silberstern gekrönt. Der Vorleser streckte beide Hände aus und rief: »Heil und Sieg unserem Bundesobersten! Erhebet euch und singt mit mir das Bundeslied.« Er stimmte an, und die Versammelten fielen ein:

»Die Welt ist Finsternis,
Wenn nicht ein Licht
Von innen bricht.
In Purpur, Gold und eitlem Tand,
Als Herr von Volk und Stadt und Land,
Bist du, o Mensch, in Glanz und Pracht,
Versenkt in düstere Erdennacht.

Die Welt ist Finsternis,
Wenn nicht ein Licht
Von innen bricht.
Was hilft dir alles Gold und Geld,
Der Reichtum einer halben Welt;
Du bist, trotz aller Gaukelei,
Versenkt in tiefste Sklaverei.

Die Welt ist Finsternis,
Wenn nicht ein Licht
Von innen bricht.
Und dieses Licht und dieser Schein,
Der kommt aus einem goldnen Schrein.
Und dieser Schrein, was er wohl trägt? –
Darinnen das Herz Gottes schlägt . . .«

Das Lied war noch länger; die Strophen variierten im Text, kehrten aber immer wieder hartnäckig zu demselben Gedanken zurück, von der Welt, die in Finsternis lebt, wenn nicht ein Licht von innen bricht.

Es schien die kleine Gemeinde mächtig zu ergreifen; man hörte schluchzen.

Und wie die Mena sich, mit den andern vermummten Gestalten, in die Dorfnacht hinausschlich, war ihr, als ob es auf Erden niemals einen richtigen Sonnenschein, einen richtigen Frohsinn und eine 361 richtige Freude gegeben hätte. Und schon in ihrer Kammer und im Halbschlaf sang sie noch, wie im Traum, halblaut vor sich hin:

»Die Welt ist Finsternis,
Wenn nicht ein Licht
Von innen bricht . . .«

In den nächsten Tagen, mitten in der Arbeit, war die Mena im Zweifel, ob sie die sinnverwirrenden Bilder vielleicht nur geträumt hatte, aber es kam ihr rasch wieder zum Bewußtsein, daß alles und jedes, was in dieser Nacht vorgefallen, eine unleugbare Wirklichkeit gewesen war. Und dann bereute sie, der Überredung Krölls gefolgt zu sein, und hörte die Stimme des Ähnls: Mena, hüt dich! Trug und Schein ist alles in der Welt. Aber seidendünne Fäden, die stärker als die stärksten Hanfseile sind, leiten den Menschen zum Guten wie zum Bösen, zum Licht wie zur Finsternis. Wenn die Mena, mit Feldleuten scherzend und lachend, auf die Lambertwiese ging und es entdeckte jemand das Hahnenfederchen auf ihrem Strohhut, so war's, als ob ein unsichtbarer Zauberer unter sie getreten. Man wurde still und begann von allerlei sonderbaren Dingen und sonderbaren Menschen zu reden, die es in der Welt einst gegeben hatte und noch gab. Und sie lächelte dazu, kühl und überlegen, wie ein Mensch, der mehr weiß als die andern, der auf die anderen blickt, wie der Wissende auf den Unwissenden. Wenn einer vorbeiging, der ein brandrotes Federchen auf dem Hut hatte und sie mit einem stummen Nicken begrüßte, war sie von Stolz erfüllt. Und wenn man sie neugierig fragte: »Ja, Mena, sag doch, was hat es denn mit den roten und weißen Federn für eine Bewandtnis?«, antwortete sie mit einem vieldeutigen Lächeln: »Das ist das äußere Zeichen!«

Dies »äußere Zeichen«, obgleich nur ein winziges Hahnenfederchen, mehrte sich zusehends und verbreitete in der Gemeinde fühlbar einen stillen Wahnsinn. Zugleich ging eine Rede um: der Heilige Geist sei über den Schuster Kröll herabgekommen, er habe eine Vision gehabt und eine neue Heilslehre erfunden.

Diese Angelegenheiten wurden durch ein Ereignis im Hause Lamberts unterbrochen. Die Mena hatte sein Herankommen zwar schon geahnt, aber trotzdem nichts dagegen unternommen. Sie arbeitete auf dem Heuboden, und Lambert kam nach. »Ich schrei«, sagte sie energisch, aber er ließ nicht locker. 362

In diesem Augenblick rief die Lambertin nach ihr; sie stieg hinab. Ihr rotes Gesicht und ihr aufgeregtes Wesen bestätigten der Frau mehr, als wirklich geschehen war. Nun brach im Haus ein fürchterlicher Tumult los. Lambert brüllte eine Viertelstunde lang; sein Eheweib rief ihm gellend alle seine Sünden ins Gesicht; er ging auf sie los, die halbwüchsigen Kinder stürzten sich kreischend dazwischen; und am Schluß wandte sich der ganze Haufe gegen die Magd: »Männerhur! Männerhur!«

Sie blieb kühl. In diesem Toben, das eine Weile dauerte, kam jählings der morastige Grund ans Tageslicht, worauf die ganze Krämerherrlichkeit aufgebaut war. Sie ging in ihre Kammer und übernachtete die Sache. Schon in den letzten Monaten hatte sie eine wachsende Abneigung der Familie bemerkt; sie hatte Lambert nie mehr als harmlose Späße erlaubt, denn sie liebte Spaß und Gelächter, und Lambert auch, und der Alltag war ernst und langweilig. Sie erinnerte sich, wie sie einst hier, als Hirtin, Briefpapier und Tinte eingekauft, und wie ihr dabei das Krämerhaus als eine andere Art Pfarrhof, der Butterkönig als eine Art wirklicher König und die schön gekleideten Töchter als Prinzessinnen erschienen waren. Inzwischen hatte sie die Kehrseite der Medaille kennengelernt; sie spritzten die Zibeben, wenn sie zu Weihnachten wagenweise ankamen, damit sie mehr wogen; fälschten das Butterfett mit Kunstschmalz; und trotzdem hielten sie sich für rechtliche, unantastbare Menschen und hätten es nicht geduldet, daß man ihnen etwas Schlechtes nachgesagt.

Als Frau Lambert sie am nächsten Tag in die Stube rufen ließ, setzte sie eine trotzige Miene auf. Aber Frau Lambert entschuldigte sich wegen der gestrigen Heftigkeit, fing zu weinen an, schluchzte endlich gotterbärmlich und klagte ihre Ehequal. Einen Teil davon glaubte die Mena und empfand, als Weib zu Weib, Mitgefühl; den andern Teil zog sie ab, Furcht war hier die Ursache. An ihr war es jetzt, die Frau zu trösten, und sie tat es, aber mit einem Untergefühl von Verachtung. Um kein Aufsehen zu erregen, einigten sie sich, zu Lichtmeß auseinanderzugehen.

Ein paar Tage nach diesem Vorfall, als sie eben beim Eingrasen war, sah sie den Stumpfbräu kommen. Er neigte zum Dickwerden und zur Herzverfettung, und der Stadtdoktor hatte ihm Fußwanderungen verordnet. 363

Er ging am Rand eines Ackers hin und blieb vor der Mena stehen. »Grüß dich, Mena! – Alleweil fleißig! Na, wann wird denn wieder einmal bei mir gesungen? – Übrigens, ich hab gehört, daß du vor dem Wechseln stehst? – Freilich, die Leut lügen viel. Ich such nämlich eine zweite Dirn . . . Die jetzige heiratet. Wenn du vielleicht Lust hättest, so gib mir Bescheid. – Grüß Gott! Grüß Gott!«

Die Mena wußte nicht, wie sie mit ihrem Radlbock heimgelangte. Sie erinnerte sich, wie sie in ihrer Kinderzeit eine flinke Dirn schnellen Schrittes hatte über die Kirchstiege herabeilen sehen und wie die Leute sich ehrfürchtig zugeraunt: das ist die Zweitdirn beim Bräu!

Noch schneller, als sie mit ihrer Grasfuhre, erreichte die Neuigkeit selber das Lamberthaus. Lambert bekam seine Vermutung kaum bestätigt, als er rief: »Wie kann mir denn der verdammte Protz meine Magd wegnehmen?« Aber dann sattelte er schnell um: »Da muß man gratulieren. Wünsch dir viel Glück und sag mir die Freundschaft nicht ganz auf.« Die Krämerin weinte. »So eine Dirn bekomm ich nicht wieder«, sagte sie.

Am Lichtmeßtag klingelte der Schlitten Menas lustig die verschneite Dorfstraße hinauf. Sie saß in aufrechter Haltung, in ein neues Umhängtuch gewickelt, das in Rot und Braun phantastische Ornamente zeigte.

Sie sah über das Dorf hin, gegen die Friedhofsmauer: das hätten Vater und Mutter erleben sollen! – Sie war stolz, stolz auf sich und ihren Kasten. Seine blaue und rote Malerei leuchtete in der Wintersonne, und die Blumensträuße schienen zu blühen und zu duften. Und sie war weiterhin stolz auf ihren neuen Dienstherrn. Wie ganz anders wollte sie bei ihm arbeiten! Das bei Lambert war doch nur eine Grudlerei gewesen. Überhaupt sollte nun alles anders werden. Sie wollte zeigen, aus welchem Geschlecht sie stammte. Eine Art Rausch überkam sie; sie erinnerte sich an den Tag, wo sie mit ihrem Bündel, kleinlaut und verschüchtert, durchs Dorf gewandert war, und eine Stimme jauchzte in ihr: Es zahlt sich aus, tüchtig zu sein. Wer in seiner Sache, und sei's auch nur mit Sense und Rechen, die andern übertrifft, wird gesucht und hat Not und Kümmernis weit hinter sich geworfen. Tu du das eine Wunder, dann tut Gott das andere. 364

 


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