Johannes Freumbichler
Philomena Ellenhub
Johannes Freumbichler

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Die Kleindirn

Seit dem Besuch bei den Geschwistern war die Mena um einige Jahre älter geworden. Etwas Besonderes war ihr dabei aufgefallen, nämlich, daß keines über die Abgeschiedenen geredet hatte; daß man im allgemeinen wohl überhaupt ungern, am liebsten aber gar nicht von ihnen sprach. Es schien, als ob es geboten wäre, möglichst wenig von den Toten, dafür aber desto ausführlicher von den Lebenden zu reden. In einer Art Verwunderung hierüber war ihr Blick in jener Stunde, wo sie von dem Ähnl Abschied genommen, wiederum an jener Stelle des Friedhofs haftengeblieben, wo die Eltern lagen. Und sogleich war es in dieser Minute über sie wie eine Offenbarung gekommen: es gibt keine Gräber! – Sie hatte gefühlt, daß die Sommerherrlichkeit ringsum von dem bißchen Tod, von dem winzigen Grabhügel nichts wußte, nichts davon wissen konnte, es war ein Unsinn, in Anbetracht dieses Blühens, Duftens und Lerchengetrillers an den Tod zu denken: der Tod war nichts, das Leben alles.

Und in dies Leben streckte sie jetzt tief ihre Wurzeln hinein; alles, was sie fühlte, sah und hörte, war ihr Speise und Offenbarung. Ihre Arbeit tat sie mit stets gleichem Fleiß und wirklicher Freude, seit sie von dem Gedanken an ihre Geschwister befreit war. Eine seelische Last ist bekanntlich viel schwerer zu tragen als eine physische, es gehört eine besondere Kraft dazu, woraus man schließen kann, daß im Haushalt Gottes mit anderen Gewichten gewogen wird als im Haushalt der Welt. Mit dem Bauer und der Bäuerin kam sie aufs beste aus. Sie sah bei ihren Arbeiten nicht nach rechts und nicht nach links, und war ehrerbietig, wenn sie in ihre Nähe kamen. – Warum nicht? Dessentwegen bin ich doch nicht falsch! Es ist eben einmal der Haginghofer und die Haginghoferin! – Und die beiden wiederum waren weder gut noch böse zu ihr, sondern verhielten sich wie unempfindliche Bilder. Sie war zufrieden, wenn man sie nicht schalt; und was das Lob anbelangte, so hatte sie ein solches auf Haging überhaupt noch nicht gehört. Hat doch nur das 132 Seltenste einen Wert und wird doch nur das Ungewöhnlichste ein wenig geschätzt.

Einmal kam etwas Ähnliches vor. Die Abtrittür hing seit langem nur mehr in der oberen Angel, die untere war abgerostet; sie machte beim Öffnen und Schließen die verdrehtesten Bewegungen und schlug sogar einmal dem Hagingbauer ans Schienbein, so daß er laut räsonierte. Plötzlich ist die Tür in Ordnung. Der Hagingbauer schnallt seinen Leibgurt zu und fragt: »Ja, wer hat denn die Tür repariert?« – »Die Mena!« antwortet der Riesenhans. – »Die Mena?« Und wie er ihren Namen dehnte, das brachte eine höchst eigentümliche Wirkung auf sie hervor.

Jeden Sonntag bewunderte sie die Bauersleute in der Kirche; bewunderte sie aufrichtig, wie sie in ihren eigenen Stühlen saßen, steif und vornehm, wie die regungslosen Heiligen in den bunten Glasfenstern darüber. Was sie am meisten bewunderte war der Umstand, daß sie nichts aus der Ruhe brachte. Die Haginghoferin hatte sie überhaupt noch nie in Aufregung gesehen, und beim Haginghofer stellte sich nur dann eine Unruhe ein, wenn er auf zwei Dinge zu reden kam: auf die gottverdammte Schinderkeusche und auf den Egelsee. Das waren für ihn zwei »Probleme«, welches sein Leib- und Lieblingswort war, zwei äußerst böse Dinge, wie die Mena sogleich erkannte, etwa wie Grind oder Pestbeulen, welche geschaffen zu haben er dem grundgütigen Herrgott verübelte. So hörte sie, wie er einmal, mit einem deutlichen Vibrieren in der Stimme, sagte: »Liegt ja alles wunderschön und bretteben ums Haus, man könnt ja zufrieden sein; aber die verdammte Schinderhütte gehört weg!« Und ein anderes Mal: »Gibt ja keine besseren Gründe in der Pfarr; aber die grausliche Wasserlacke, die soll der Teufel holen. Zehn Jahr schütt ich schon Fuhr auf Fuhr hinein, aber es ist, als ob sie unten durchfallen täten.«

Noch besser stand sie mit dem Gesinde; alle hatten sie gern. Sie selbst begriff immer mehr, daß in der Welt alles auf Einstellung ankam; daß man sich zu diesem Menschen so, zu jenem anders verhalten mußte; daß es letzten Endes galt, eine Rolle zu spielen, und man um so besser abschnitt, je besser man mit ihr fertig wurde.

Soweit war nun alles in der schönsten Ordnung, wenn nicht eines Tags, ziemlich früh am Morgen, wo sie eben trällernd mit den Vorbereitungen zum Brotbacken beschäftigt war, das Schicksal in der 133 Gestalt der drei heiligen Schneider in die Stube getreten wär. Dieses Ereignis war nun an sich gewiß kein Unglück, aber die Reden der Hausleute, die ab und zu gingen, ließen keinen Zweifel, daß diese Stör mit der Anfertigung eines Anzugs zusammenhing, eines bäuerlichen Staatsgewandes für den Haginghofer; der Kaiser fuhr in wenigen Wochen durchs Land! Kaum wurde die Mena sich dieser Tatsache voll bewußt, als auch schon der schwarze Grundfisch in ihrer Seele an die Oberfläche schnellte: Also doch! Und alle kriegen ein weißes Kleid, und alle ziehen zum Kaisertag, nur du nicht! Was hilft's dir jetzt, daß du über deine Mitschülerinnen und über den Riesenhans triumphiert hast? – Das, was alle haben, nicht zu haben, erzeugt die größte Bitterkeit im Menschenherzen und den Zweifel an der Gerechtigkeit.

Sie betrachtete nicht ohne Mißvergnügen die drei Menschen, die durch ihr Kommen sie in eine so unangenehme Stimmung versetzt hatten. Sie wußte, daß es drei Brüder waren, namens Veit, Fabian und Cyrillus, und daß ihnen etwas von Sonderlingen anhaftete. Wie sie so um den Tisch saßen und mit Eifer die Nadel führten, ergoß sich über ihre Köpfe die Morgensonne, und darüber schwebte der Heilige Geist in Gestalt einer gläsernen Taube. Der erste, Veit, war hager, vorgebeugt und trug einen Vollbart, eine Seltenheit unter den Bauern. Der zweite, Fabian, mittelkräftig, mit einem hübschen Gesicht, stotterte aber beim Reden. Der dritte endlich, Cyrill, glich mit seinem roten Gesicht und den breiten Schultern einem vollblütigen, jungen Menschen, bis sie zufällig einen Blick unter den Tisch warf: er schien die Beine aufgezogen zu haben und wie ein Türke zu sitzen. Ihre Gedanken wurden hier unterbrochen. Der Vize, als ein alter, rauhfüßiger Tauber, der er war, hatte die Gewohnheit, den Frauenzimmern gegenüber massive Reden zu führen, um sich auf diese Weise, weil er ja sonst doch nicht in Betracht kam, in den Mittelpunkt zu setzen und so die Lacher auf seine Seite zu bringen. Solches tat er auch jetzt der Mena gegenüber, die eben den Brotteig abarbeitete. Gewöhnlich ging sie über derartiges hinweg, als ob sie nichts gehört hätte; aber war es nun die Anwesenheit der Männer, die Erinnerung an ihren frommen Gesang oder der schwarze Grundfisch, der ihr die Fröhlichkeit trübte, kurz, sie brannte plötzlich lichterloh auf. »Alter Esel!« schimpfte sie. »Stehst mit einem Fuß im Grab und bist noch ein solcher Unflat.« 134

Der Vize verlor für einen Augenblick die Sprache; er nahm seine ganze Würde zusammen, strich seinen Schnurrbart und sagte: »Du lausiges Schuldirndl, du!«

Aber die Mena, die bis in die Haarwurzeln errötete, fand einen unerwarteten Beschützer. Der ältere der Brüder sagte, jedes Wort betonend: »Ich steh zu dem Schuldirndl, auch dann, wenn jetzt der Bauer kommt.« Dazu nickten die beiden andern, als Zeichen ihrer ungeteilten Zustimmung, und der Vize fand es geraten, die Stube zu verlassen. Die Mena lachte belustigt, und die drei Störschneider mit ihr. Die gelungene Abfuhr hatte sie in große Heiterkeit versetzt. »Die von der Bergseite«, sagte Veit lachend und drohte mit dem Finger, »die haben Haare auf den Zähnen, ja, ja! Das hat uns schon unsere Mutter, Gott hab sie selig, mehr als einmal erzählt. Und besonders die Ellenhuber, hat sie immer gesagt, das ist eine eigene Rass', die ist aus einem besonderen Holz geschnitzt!«

Alle drei Brüder sahen vergnügt auf die Mena, die bei ihrem Backtrog vor Freude erglühte wie eine Pfingstrose. Veit drehte das Gespräch ins allgemeine und schien hierbei die Brüder belehren zu wollen. »Haging und Ellenhub!« sagte er, und seine Stimme hatte einen salbungsvollen Ton. »Die Flachbauern von der Seeseit und die Bergbauern von der Waldseit, das ist ein großer Unterschied! Die Flachbauern arbeiten nur zwanzig Wochen im Jahr; die andere Zeit tun sie nur zum Schein so und daß die Zeit vergeht. Hier sieht man die verfetteten Besitzer, deren Hof langsam im Bier hinabschwimmt, trotzdem es heißt, daß ein Bauer gar nicht zugrund gehen kann, er mag tun, wie er will; denn ist ein Jahr schlecht, ist das andere um so besser. Die Bergbauern herentgegen, die haben es hart; viel Steine in den Äckern, die Sonn um eine halbe Stund später, die Wiesen sperer, ihre Gestalten sind hager, aber – o Wunder! – so fröhlich, wie man's selten findet. Und stolz! Wer's so hart hat und die Mühen und Plagen zu Hauf, der sieht auf die andern, die es leicht haben, wie auf eine mindere Art von Menschen hinab. Und so ist's recht: denn das Leiden alleinig kann in dieser Welt ernstlich geachtet werden. Wozu hat denn, zum Exempel, Gott seinen Sohn in die Welt gesandt? – Zum Kutschefahren, Weintrinken, Faulenzen auf seidenen Pfühlen, zu Tanz und Lustbarkeit?« – Der Schneider Veit schüttelte energisch den Kopf. »Er hat ihn in die Welt gesandt: zur Verfolgung, zum Leiden, zum Kreuzestod!« 135

Die beiden Brüder warfen dem Redner warnende Blicke zu, der sie aber nicht zu bemerken schien, bis ihn endlich Cyrill unsanft in die Seite stieß und mit einem leisen Vorwurf sagte: »Jetzt ist doch zu solchen Gedanken nicht die richtige Zeit. Jungen Leuten muß man lustige Ding vormachen, damit sie was zum Lachen haben. Nicht wahr, Mena, hab ich nicht recht?«

Der Mena tat es fast leid, daß die Stimme des Riesenhans sie von ihrer neuen Bekanntschaft fortrief. Er war eben dabei, auf den Acker zu fahren. »Tun wir uns wieder aussöhnen, Mena«, sagte er lachend. Der Haginghofer umging das Gespann, tätschelte den Hals der Pferde, zog einen Gurt enger und klopfte am Pflug ein Eisen fest. »Ja, ja«, sagte er, »mit den Schecken könnte man die halbe Welt umackern, so gut gehn sie im Pflug. Hans, tu mir die Ross' fein schonen!« Sie waren auch geschont, das sah man gleich auf den ersten Blick. Ging die Straße glatt oder abwärts, sprang man wohl von hinten auf den Wagen, aber im Augenblick, wo es anstieg, gebrauchte man wieder seine eigenen Beine. Daher kam's wohl, obgleich die Schecken schon ziemlich in die Jahre gingen, daß ihre Rücken und Lenden glänzten und ihre Schweife so dicht waren wie silberschimmernde Wedel.

Dann schritten die Pferde, der Hans und die Mena in das große Schweigen hinaus, das nur durch das Klirren der eisenbeschlagenen Pflugtiere unterbrochen wurde. Der Hans schwieg bei seiner Arbeit. Er redete auch sonst, ausgenommen etwa die Feierabende, wo er mit seinen Menscherln ausschwärmte, nicht viel. Vielleicht hielt er es für seine Person überflüssig, mehr zu sprechen, da er ja durch seine Körperkraft allein schon genügend wirkte und so alles andere getrost vernachlässigen konnte. Auch brachte ihm seine Wortkargheit noch einen Vorteil, den er selbst öfter betonte: er kam nie mit jemand ernstlich in Streit. Die Schecken setzten ihre Hufe mit den dichten Haarzotteln unermüdlich vorwärts, und nur am Ende der Furche war es ihnen nicht verwehrt, ein paar saftige Stengel vom Ackerrain zu schnappen. In der blendenden Morgensonne glichen sie Fabelwesen, ihre Füße, bis zu den Kniescheiben schwarz, schienen aus dem fettigglänzenden Humus herauszuwachsen, sich von ihm zu trennen und wieder zu versinken. Über ihren weißen Stirnen hingen schwarze Strähnen, die im Morgenwind wie seidene Wimpel flatterten. Beide Pferde sahen sich ganz und gar ähnlich, als 136 wären sie Zwillingsbrüder; jedoch wenn sie beim melodischen Pfeifen ihres Gebieters Wasser ließen, merkte man sogleich, von welcher Art der Handige und von welcher sein Kamerad war. Der Hans behauptete, es gäbe auf Erden kein einträchtigeres Ehepaar. Sie stritten nie und küßten sich zuweilen regelrecht.

Die Mena freute sich während des Ackerns schon auf die Jause und die unterhaltlichen Dinge, die da wiederum zu erwarten wären. Der Hans ließ sich auch recht gemächlich unterm schattigen Moosbirnbaum nieder, sprach aber einsilbig der Speckranke und dem Krug zu und klagte, daß die Leute sich über ihn das Maul zerrissen, weil er sich wochentags öfter eine Speckwurst leiste, statt für seine alten Tage zu sparen. »Mein Gott, solche Neidhammel! Wofür soll ich denn sparen? Ich hab das Gefühl, daß ich nicht lang leb. – Und jetzt, Mena, wär es schön von dir, wenn du die Schecken wiederum ein paarmal hin und her führtest, wegen dem Bauer, du verstehst mich doch!«

Die Mena faßte den Walcher, die Pflughörndl und rief im tiefsten Ton, der ihr möglich war, damit die Schecken den Schwindel nicht merkten: »Hüah!« Sie hatte es schon heraus, daß es bloß darauf ankam, jeden Griff und Zug dem Riesenhans nachzutun. Und wie er erwachte, war er wiederum über die neuen Furchen hoch erfreut. Doch schien ihm sein Schläfchen diesmal nicht gutgetan zu haben; sein Gesicht zeigte sonderbare Flecken, er taumelte beim Gehen und legte seine Hand mehrmals auf die Herzseite. »Da schnellt es drinnen; ist wohl ein Fisch, der heraus will.«

Was Müdigkeit heißt, erfuhr die Mena erst jetzt, in diesen Tagen des Ackerns, jene selige Müdigkeit, die wohl mit der ewigen Glückseligkeit verwandt sein muß. Der Riesenhans setzte bei der Heimfahrt sein breites Maul an die Brunnenzunge und ließ den Strahl in seinen vertrockneten Schlund rinnen; es gluckste und gluckste, und aus den beiden Spitzen seines blonden Schnurrbarts lief ein Brünnlein nieder und quellte links und rechts über seine sonnenbraune Brust. Und die Schecken setzten ihre Lefzen wie Saugnäpfe auf die Spiegelfläche des Granters, und bei jedem Zug sank die Wasserfläche um eine sichtliche Linie und mit ihr das Spiegelbild der Mena, die wartend dabeistand. So ein Trunk, nach den glutheißen Stunden auf den Feldern, war wohl das, was man eine Gotteslabung nennt. Auch der alte Brunnenmann und Sprudelbär mit seiner schiefen 137 Kappe, die man ihm mit einem sechszölligen Eisenstift auf den Kopf genagelt, schien sich über diesen durstigen Ackerer und seine Pferde und über alle, die nach ihm kamen, zu freuen. Vielleicht wußte er, daß seine innerste Seele ewig war, für alle, die nicht verstockten Herzens sind, und vergänglich nur das Gehäuse, der ausgehöhlte Baumstamm, der von Zeit zu Zeit erneuert werden mußte, wie die eiserne Zunge, wenn sie uneben und rissig geworden war. Er mag wohl die Ansiedlung hier bestimmt haben. Er sprang sicher schon damals, als Moses die Herden des Jethro hütete, und ebenso sicher liebte ihn seit jener Zeit der Mensch, wie er alle Dinge liebt, die ihm nützlich und angenehm sind. Alle umarmten gern seinen glatten, runden Leib; die Mannsbilder, die Greise mit dem weißen Haar, die Kinder, deren Patschhändchen das Rohr kaum fassen konnten, die Knechte mit den schnauzbärtigen Mäulern und die erhitzten Mägde mit den niedrigen Stirnen und scharflistigen Tieraugen.

Aber so todmüde die Mena jetzt auch immer war, etwas in ihr lehnte sich gegen den Schlaf auf, eine Macht, die ihr unerklärlich schien. Der Nachthimmel, vor ihrem Fenster wie ein prachtvolles Gezelt, mit Goldsternen besetzt, ausgespannt, berührte ihr Gemüt in einer wundersamen Weise. Sie hörte die Klänge einer Zither, Gesang, das Lachen von Burschen, deren junge Kräfte, trotz vierzehnstündiger Arbeit, noch nicht erschöpft waren, das Zirpen der Grillen, das Laufen der Brunnen, und ein stummer Reichtum und eine stumme Seligkeit schienen der nächtlichen Welt zu entströmen. Als gutes Christenkind wollte sie das Vaterunser beten, aber wie ernst es ihr auch damit war, beim »geheiligt werde dein Name« kräuselten die Lippen sich stets zu unverständlichen Worten, und sie schlief ein. Lag bewußtlos, die Augen geschlossen, ohne Leben, aber was schlief eigentlich? – Die Lunge? Nein, die schönen Milchäpfel hoben sich in regelmäßigen Bewegungen. Das Herz? Auch nein, es klopfte hörbar in der lautlosen Stille der Kammer, ja, es arbeitete kräftiger und zielbewußter als bei Tag. Das Gehirn? Wiederum nein, denn es spann Träume, bald voll Glück und Schönheit, bald voll Angst und Entsetzen.

Der nächste Tag war ein Sonntag, und die Mena traf das Haushüten mit dem Vize; aber der zählte eigentlich nicht. Er schnarchte in seiner Kammer wie eine Baumsäge. Sie setzte sich mit ihrem 138 Strickstrumpf auf die Hausbank. Nachbarmädchen kamen gelaufen; sie möchte hinüberkommen und die neuen weißen Kleider ansehen. Sie probierten sie, vor Freude ganz außer sich, und ahnungslos, daß die Mena zu den wenigen gehörte, die kein weißes Kleid hatten. Zum Überfluß marschierte die Ewig-Gerechtigkeit vorüber, einen Salonrock überm Arm und rief lachend: »Zum Waldschneider muß ich! Herrichten, für den Kaisertag. Gerad hat mir der Stumpf-Bräu einen neuen Frack geschenkt.«

Überall wo man hinhörte, der Kaisertag! Der Kaisertag! Es war einfach unerträglich, daß so etwas geschehen, so ein großes, im Menschenleben nie mehr wiederkehrendes Ereignis, und daß man nicht dabei sein konnte. Sie hörte schon, wie die Leute nachher redeten: Damals, wie der Kaiser bei uns gewesen ist . . . ja, heiliger Gott im Himmel, und sie hatte kein weißes Kleid!

Eine geraume Weile gab sie sich ihrem Kummer hin, ohne freilich deswegen ihre Pflicht als Haushüterin zu vergessen, nämlich von Zeit zu Zeit einen Blick in den Stall zu werfen. Was war das? – Da hatte jemand die Stalltür offengelassen, und, seltsam, auf dem Wiesenweg, gegen den Wald zu, trabte eine Kuh: die schöne Bleß, der Stolz der Haginghoferin und Menas Liebling. Sie lief, was sie laufen konnte, den Abhang hinunter. Ein zerlumpter Mensch trieb die Bleß eiligst vor sich her. Sie schrie: »Die Kuh gehört uns! Die Kuh gehört uns!«

Der Rinderdieb warf ihr einen Stein so treffsicher an den Kopf, daß sie zu Boden stürzte. Halb betäubt und voll Angst, auch ziemlich blutend, blieb sie zurück, unschlüssig, was sie nun tun sollte. Ihre Hilferufe konnte hier niemand hören; und ein zweiter und dritter Steinwurf, mit Flüchen begleitet, besagten, daß der Kerl entschlossen war, seine Beute zu behalten. Sie versteckte sich im hohen Korn, aber sobald der Dieb eine Strecke fort war, schrie sie wiederum aus Leibeskräften: »Die Kuh gehört uns! Hilfe!«

Ihr Rufen war endlich von Erfolg. Aus einem Gehölz brach ein Trupp Bauernburschen hervor, gierig nach irgendeinem Abenteuer; der Räuber mußte laufen. Sie führten die schöne Bleß samt der Mena heimwärts.

Auf dem Haginghof war ein Aufruhr. Die Bauersleute und das Gesinde umstanden vorwurfsvoll den Vize. Der ankommende Zug löste allgemeines Staunen aus, und noch mehr, als sie den 139 Sachverhalt erfuhren. Der Haginghofer tätschelte die Bleß, die einen gedämpften Muhschrei hören ließ, als fühlte sie, daß es sich bei diesem Spaziergang um Leben und Tod gehandelt hatte, und sagte: »Da schau einer an, die Mena! – Frau, geh morgen zur Näherin und laß ihr ein weißes Kleid machen. Sie soll auch dabei sein, wenn der Kaiser kommt!«

Die Mena war ganz taumelig vor Glück und ließ sich darin auch vom Vize nicht stören, der sagte: »Das ist aber schon eine Belohnung! Die Kuh ist fünfzig Kronentaler wert. Hätt dir der Bauer leicht einen Kasten kaufen können. Ein Mensch ohne Kasten ist gar kein Mensch!« Aber sie blieb fest in der Fröhlichkeit: »Den Kasten krieg ich schon selber noch!« rief sie und lief hinter dem Hans drein, der aufs Feld hinausfuhr.

Der Himmel war so blau wie ausgekehrt, die Lerchen tirilierten, und es war kein Zweifel, daß die Erde selber ein vielstimmiges Tedeum zum Himmel jubelte. Die Schecken gingen wie eine Maschine; ihr Pantherfell schimmerte, aus ihren Nüstern kam Dampf und mischte sich mit dem Dampf der aufgerissenen Erde. Der Hans rief: »Hüh, hott, diebah! Wiesterha!« Und: ha, ha, haha scholl das Echo zurück.

Die Mena tanzte bei ihrer Arbeit. Bei der dritten und vierten Furche fing sie an zu jodeln, zuerst schüchtern, dann lauter und immer lauter. Ihr Tirilieren drang weit über die Felder hin, so daß die Leute stehenblieben und horchten. Dieses Bild: Die Schecken, der Riesenhans, die Mena, der Pflug von Schollendampf umraucht, wie vom Rauch eines Opferfeuers, glich einem Urweltzauber.

Wie sie eben wiederum so in die Sonne hineinpflügten, hörte sie des Hansens »Auh!« aber so seltsam, daß sie erschrak. Er blieb plötzlich stehen, als ob er mit dem Kopf an einen Balken gestoßen wäre; fing sachte an, sich zu drehen, mit ihm drehten sich die Pflughörner und der Pflug, und endlich legte sich seine Enaksgestalt lautlos in die frische Ackerfurche. Hier lag sie dann, und so friedlich, als ob sie sich einen ganz besonderen Spaß leisten wollte.

Der Haginghofer schritt, die Daumen in den Hosenträgern, den Rain hinauf und ärgerte sich, daß die Schecken gemütlich grasten. Wie er aber die Mena über die Felder heranlaufen sah, änderte sich seine Miene.

»Den Hans hat der Schlag getroffen!« rief sie, ganz außer Atem. 140

Der Bauer nahm die Pfeife aus dem Mund und fragte: »Was? – Bist du vielleicht nicht ganz bei Sinnen?« ging aber trotzdem mit großen Schritten auf den Acker hinaus. Hier packte er den Schläfer an den Schultern und rüttelte ihn: »Hans«, sagte er, »was ist denn das für eine neue Mod? – Wach doch auf!«

Aber der Hans ging auf diese Bemühungen nicht ein; er schlief ruhig weiter, auch dann noch, als die Leute bereits mit einer Bahre anrückten. Die Mena kniete in die feuchtwarme Erde und faltete die Hände; sie dachte, das wird wohl das Schicklichste sein, was man in einem solchen Fall tun kann. Neben der Riesenpranke des Hans, die sich noch mit dem letzten Atemzug in die Scholle eingekrallt, lag seine Holzpfeife, und dabei das messingene Rößlein, womit er immer so fröhlich Feuer geschlagen hatte.

Der Haginghofer fuhr sich mit seinem blauen Taschentuch über die Stirn und lamentierte: »So ein Malheur! So ein Malheur! – Und grad jetzt, mitten im Anbaun, wo kein Ersatz zu bekommen ist.«

Der Vize meldete sich. »Die Mena«, sagte er, »fährt auf dem Acker wie ein Knecht.«

Der Haginghofer zuckte geringschätzig die Achseln. »Das könnt ein schönes Ackern werden! Daß uns die ganze Gemeind auslachen tät!«

»Wenn Ihr mir die Schecken anvertrauen wolltet«, meinte sie, »möcht ich's wohl probieren.«

Der Haginghofer tat einen Lacher. »Probier es halt. Und ruinier mir Roß und Pflug.«

Es war ein großes Ding. Jetzt mußte es sich erweisen, ob sie aus einem besondern Holz geschnitzt war oder nicht. »Hüh! Hott!« Die Schecken spitzten die Ohren. Der Haginghofer sah im Anfang seitlich schief zum Himmel auf, wahrscheinlich wollte er damit andeuten, daß nur ein Wunder solche Unmöglichkeit zustande bringen könnte; aber die neue Furche lag neben den andern, kaum weniger schön.

»Du bist von heut an Kleindirn auf meinem Hof.«

»Bin ja noch nicht fünfzehn«, stotterte sie.

»Ich schätz nicht die Jahr; ich schätz die Leistung.« 141

 


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