Johannes Freumbichler
Philomena Ellenhub
Johannes Freumbichler

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Der Rekrutenball

Man könnte annehmen, daß die Mena über diese etwas verwickelten Liebesgeschichten betrübt gewesen wäre, aber weit danebengeschossen. Freilich, wenn man eine Andeutung machte, tat sie erstaunt, sogar entrüstet, als ob sie von all diesen Dingen nicht das geringste wüßte; heimlich machte es ihr Spaß, wenn sie feststellen konnte, daß an jedem der zehn Finger mehr oder weniger fest ein Karpfen hing; und jeder dieser zehn Karpfen selig gewesen wär, beißen zu dürfen; noch seliger, statt dem Finger die ganze Hand, und überselig, die ganze Mena zu bekommen. Daran gab es keinen Zweifel. Auch der seit Jahrhunderten im Ellenhuberischen Blut angesammelte Humor kam jetzt heraus; sie lachte gern und viel über die Verwirrung, die ihre kleine Person in den Herzen der verschiedenen großen Mannsbilder angerichtet hatte. Man sagt zuweilen den Frauenzimmern böse Dinge nach, wie Untreue, Falschheit, Flatterhaftigkeit, aber dies zeigt von einem geringen Verständnis für das weibliche Wesen, dem alles, außer der Mutterschaft, Spiel, Tanz und Wolkenritt ist, und sein muß, ein unschuldig Ding, um über die Langweile des Alltags und die beklemmende Sinnlosigkeit allen Daseins heil hinwegzukommen.

Wenn die Mena ihre neue Samtjacke vor dem Spiegel probierte, prickelte jede Ader in ihr. Die Welle erwartungsvoller Lust war aber nicht nur in sie, sondern in das ganze Dorf und in die ganze Bauernschaft gefahren. Sie alle waren zu vollblütig geworden und mußten zusehen, wie sie ihre überschüssigen Kräfte auf irgendeine Weise abgeben konnten. Jedermann im Dorfe fühlte, daß die Dinge auf einem Punkt angelangt waren, wo sie entschieden werden mußten, und man erwartete diese Entscheidung vom Rekrutenball. Welch herrliche Gelegenheiten bot diese Nacht! Für Töchter und Mägde, für die Hofsöhne, für die Knechte, für die Bräugesellen, für die Dorfburschen, besonders in puncto der zahlreichen, in Schwebe befindlichen Ehrenhändel. Sie waren nämlich, unbeschadet ihrer sonstigen aufrichtigen Friedfertigkeit, starrköpfig davon überzeugt, 250 daß eine angetane Schmach, durch Blut, nicht aber durch Gerichtskomödien und Altweiberphrasen bereinigt werden müsse. Es kam vor, daß sie eine Beleidigung ein halbes, ja ein ganzes Jahrzehnt im gemeinsamen Buckelsack der Lebensunbilden mit sich herumtrugen, bis die Stunde der Vergeltung gekommen war. Daher blitzte jetzt auch etwas Stählernes in ihren Augen, wenn sie vieldeutig vom kommenden »Tanz« sprachen. Man munkelte auch von unheimlichen Vorbereitungen, von Zäunen, aus deren Latten die Nägel gezogen, von bestimmten Tischen in Wirtshäusern, wo man die Keile an Bänken und Stuhlbeinen gelockert, und von einem Bauernschmied, der täglich nach Feierabend Schlagringe bosselte. Hierzu kam die Jahreszeit; es war Herbst, die Scheunen bummvoll, und Bauer und Bäuerin, Knechte und Mägde, zwanzig glutheiße Wochen hinter sich, gingen mit einem vergnügten Brummen durchs Haus, unleugbar von einem Geist des Übermuts angesteckt.

Es sah also ziemlich mißlich aus, wenn das angesammelte Pulver explodieren sollte, um so mehr, als das Dorf seit Menschengedenken ohne Obrigkeit war. Die nächste, sichtbare Staatsgewalt lag anderthalb Stunden entfernt, und nur einmal in der Woche keuchte auf der heißen Landstraße ein »Lattenträger« herauf; sein stahlblauer Federbusch wehte im Winde und seine Waffen blitzten in der Sonne. Sooft man aber einen ständigen Posten hierher setzen wollte, überwand der Haginghofer, der sonst von Tag zu Tag gemächlicher wurde, rasch dieses drohende Problem, er ging von Haus zu Haus und riet den Leuten ab, den Gendarmen eine Wohnung zu geben. Da hätte es ja eine sichtbare Obrigkeit über ihn gegeben! – Und schließlich hatte er recht; wozu bedurfte man ihrer? – Der Großteil der Zwistigkeiten wurde Faust gegen Faust ausgetragen; manche Verbrechen kamen, der Eigenart der Bewohner zufolge, überhaupt nicht vor, und manche wieder waren nahezu unmöglich, durch die allgemeine Ächtung, die den Übeltäter traf. Ein Trunkenbold? – Er mochte seine Worte und seine Schritte richten, wohin er wollte, man schenkte ihm keinerlei Vertrauen. Ein Betrüger? – Er mußte fortan abgestempelt durch seine Tage laufen. Ein Dieb? – Man hängte diesen schönen Titel sogleich fest an seinen Namen und er konnte ihn zeitlebens nicht mehr wegbringen. Gewiß, der Priester konnte sie lossprechen, und tat es auch; Gott selber ihnen verzeihen, und tat es wahrscheinlich wiederum; aber die Bauerngemeinde 251 handelte nach langerprobten Grundsätzen, die sie vor Ungemach und Schaden bewahrten. Früher war es so gewesen, daß die Gendarmen zu Hochzeiten und dergleichen sich gezeigt, aber gerade da setzte es jedesmal Raufereien im großen Stil; und so hatte man eine Verbindung getroffen, daß die Gemeinde selber die Verantwortung für etwaige Ruhestörungen übernahm.

Schon ein paar Tage vor dem Ball ging das Leben einen lauteren Gang, als man es gewohnt war. Hinter allen Fenstern, in allen Höfen und Hütten schwelte es, gab es vieles, was noch in Ordnung zu bringen, abzumachen, zu verstecken war. Trupps von Bauernburschen zogen durchs Dorf, sangen, und wenn sie ein Lied zu Ende gesungen, jauchzten sie, daß der Widerhall durch die winkeligen Gassen scholl. Fraglos glaubten sie, man hätte auf sie gewartet und mit ihnen würde das Leben eigentlich erst beginnen; jedenfalls wollten sie zeigen, was sie mit ihren frischen Muskeln und anderen frischen Kräften etwa vollbringen könnten, und ob es nicht möglich wäre, der Welt ein Loch zu schlagen. Wo immer ein umworbenes oder berüchtigtes Fenster war, sangen und juhuten sie. Aber auf ihr Singen und Jauchzen setzten Kontrastimmen ein. Von der Höhe, wo eine Reihe Pappelbäume sich im Winde wiegte, marschierten die Bräuer, in ihren schweren Stiefeln und großen Schildmützen, und fragten die alten Leute, die auf den Hausbänken saßen: »Habt ihr nicht eben einen Haufen Feldmäuse quieken hören?« Und es war nicht zu leugnen, diese bärenstarken Kerle hatten bärenmäßige Stimmen; sie schollen so mächtig, daß es schien, als ob eine Herde Mondstiere aus der gelben Riesenscheibe am Nachthimmel ins Dorf herniedergestiegen wäre und tappend und plärrend nach ihrer Beute, den Menschentöchtern, suchte. Dieser Wechselgesang drang in Stube und Stall, Küche und Kammer, und alles, was Weib hieß, verlor die Besinnung. Und sie hatten auch Grund, über diese dröhnende Mannswelt die Besinnung zu verlieren; es waren wirkliche Männer, die nicht nur den Pflug führen, Bäume fällen, Getreide schneiden und den wildgewordenen Stier zu Boden drücken, sondern auch starke Kinder zeugen, Haus und Hof beschützen, dem Tod trotzen und auf dem Schlachtfeld ohne Klage sterben konnten.

Am Balltag war die Mena schwankend, wer sie auf den Tanzboden führen sollte; der Bräuknecht, der täglich um Tabak kam, Veit oder Fabian, Lambert oder endlich der Schieringhies, dem sie auch 252 gern einmal eine Freude gemacht hätte. Schließlich blieb sie bei dem letzteren.

Wie er kam, war sie gerade beim Schönmachen und sagte: »Also, Hies, der Tanz geht los!« Sie lachte ein Lachen, das Schiering an das Gurren von Tauben erinnerte. Er sah ihr zu, wie sie ihr Haar brannte, das Kopftuch band; sah nachdenklich auf ihr Bett mit der rotgeblümelten Decke, bewunderte ihren schönen Kasten mit der Reihe rotwangiger Äpfel darauf, die den Raum mit Duft erfüllten.

Auf der Straße wurden beide mehrmals angehalten. Zuerst stellten sich ihnen die Bräuknechte in den Weg. Sie musterten die Mena frech, und einer sagte: »Das ist also die!« Aus einem Gastgarten trat der Schneider Veit, eine Virginier im Mundwinkel. »Hoh, hoh!« rief er. »Mena, was hast du dir für einen feschen Tänzer ausgesucht?«

Beim Bräu war alles voll Leben. Im Erdgeschoß liefen die Metzger mit großen Maltern voll Würste; Kellner und Kellnerinnen trugen ganze Batterien von Maßkrügen und Gläsern; es war ein Rufen, Grüßen und Lachen treppauf, treppab. In die Tanzböden, ineinandergehenden Säle, wiederum mit kleineren Nebenstuben, drängten über eine schmale Holztreppe hinan Haufen von jungen Leuten, ungestüm wie das Jungvieh. Sie hatten große Handmesser an der Seite stecken, mit bräunlich-gelben, breiten Griffen, wo auf der einen Seite der Familienname, in den hier jedermann ein wenig verliebt war, auf der andern ein ländliches Bild, ein pflügender Bauer und die untergehende Sonne, eingeschnitten waren.

Die Mena tanzte mit Lambert; er war wie ein verliebter Tauber. Dann holte sie der Schneider Veit; er rückte wie ein Sturmbock gegen sie an. »Ich hab geglaubt«, sagte sie verwundert, »Ihr würdet überhaupt zu keinem Tanz gehen?« – »Warum denn nicht?« fragte er dagegen, und seine Augen funkelten. »Weltliche Freuden sind uns durchaus nicht verboten, im Gegenteil! Ich bin sogar ein leidenschaftlicher Tänzer. Durch eine solche Lustbarkeit entladet der Mensch die gespannte Natur, befreit sozusagen die Seele von ihren Fesseln, damit sie sich dem wahren Leben doppelt hingeben kann.«

Die Mena wurde bei diesem Gerede etwas blaß; sie schämte sich bei dem Gedanken, daß vielleicht andere Tänzer zuhorchten. Sie empfand den Schneider, beim Drehen Leib an Leib, als unheimlich, 253 ja abstoßend. Es gab Dinge, vor denen ihr innerstes Wesen bis ans Ende der Welt lief; ein solches war für sie beispielsweise die Lokomotive gewesen, die den Kaiser gebracht; und zu einem solchen grausigen Ding wurde ihr dieser Schneider mit seiner biblischen Redeweise und seinem stieren, entweltlichenden Blick, der beim hellen Tag Gespenster sah.

Sein Bruder Fabian, der ihn ablöste, gefiel ihr nicht viel besser. Er hatte sich wiederum Mut angetrunken und sagte: »Die Teu – Teu – Teufeln, die gescherten, die Bauern, trampeln wie die Büffelochsen über den Tanzboden.« Wie er anfing zu stottern, wurde ihr körperlich übel, und sie war todfroh, als sie ihn losbrachte.

In einer Tanzpause kamen Urlauber aus Venetien, Grenadiere vom Infanterieregiment Nummer neunundfünfzig, die »Rainer«, und sie erregten Jubel. Man lief an die Türen, um die prächtigen Soldaten zu sehen, und suchte, in ihre Nähe zu kommen. Besonders die Bauernburschen gebärdeten sich wie närrisch, und dies war im Grund verständlich: von diesen gertenschlanken Gestalten, von diesen Gesichtern, worauf deutlich Lebensfreude und Wagnismut geschrieben standen, von ihrer ganzen Erscheinung, jedem Wort und jeder Bewegung ging ein Zauber ohnegleichen aus. Die Älteren und Alten nötigten sie an ihre Tische; es fielen Namen, die ihnen geheiligte Erinnerungen erweckten: Legnago, Mantua, Mailand Mezzolombardo, als ob es sich um Nachbardörfer handelte, und ihre gefurchten Gesichter erglühten. Die Grenadiere machten sich wichtig und sagten: »Es wird bald vom Leder gehen! Die Welschen werden alle Tage übermütiger.«

Die Fiedel hub zu singen an, der Brummbaß und die Trompeten schmetterten; sie vergaßen die ganze Lombardei, schwangen ihre Tänzerinnen hoch in die Luft und stießen durchdringende Juchzer aus. Und ein besonders hübscher hatte sich die Mena ausgesucht und wollte sie nicht mehr loslassen. Sie flog mit ihm gern in der Runde. Ihre Augen funkelten und ihr ganzes Wesen war Lust und Genuß. Sie hätte am liebsten die ganze Nacht mit diesem Tänzer getanzt. Sein Gesicht war von der italienischen Sonne gebräunt, den kleinen, sinnlichen Mund beschattete ein seidenweiches Schnurrbärtchen, und wenn er auf sie herablachte, zeigte er eine Reihe elfenbeinerner Zähne. Der Tanzboden selber, die Wände und die Decke schienen mitzutanzen, und mit ihm das Orchester samt den 254 Musikanten. Um diese Zeit entstand um die Mena als Tänzerin ein richtiges Geraufe in des Wortes vollster Bedeutung. Und wenn zwei oder drei gleichzeitig sie zum Tanz aufforderten, ziemlich derb zugreifend, auch gleich trotzig und wild, so bebten ihre Nüstern und sie senkte den Kopf, um ihren heimlichen Triumph zu verbergen.

Die Soldaten nahmen sie vielleicht, weil sie wußten, daß ihr eigentlicher Liebhaber abwesend war; die Bräuknechte, weil sie ihren Kameraden bei der Werbung unterstützen wollten und auch, um überhaupt den Bauern einen Trutz anzutun; Veit und Fabian hatten ihre Hoffnungen noch nicht aufgegeben; und die Bauernburschen waren einfach darum so hitzig, weil gerade jene ihnen eine der ihrigen wegschnappen wollten. Sie sagten: »Kreuzteufel noch einmal! Die Mena gehört doch uns! Wir haben doch selber zu wenig in der Pfarr!« Auch ging unleugbar eine besondere Anziehungskraft von ihr aus.

Trotzdem wäre wohl alles in der schönsten Ordnung verlaufen, wenn nicht die Bräuknechte und Schneider auf der einen, und die Bauernburschen auf der andern Seite übermäßig gedrängt hätten. Bei einem Wechsel fielen die ersten Schimpfworte. Freilich, einige Beobachter hatten schon im Anfang festgestellt, daß außer diesem Drehen, Jauchzen und Musizieren noch etwas anderes in der Luft lag, das jeden Augenblick explodieren konnte. Und dieser Augenblick war gekommen. Diese Mannsrasse da, ob jung, ob alt, hatte eine eigentümlich gezimmerte Seele; sie war noch nicht so glattpoliert und nach einem Schema hergestellt, sondern jede war ein Charakter, im Guten wie im Schlimmen. Man liebte und haßte noch, und auch dann, wenn diese Gefühle einem die Verdauung störten; denn im Lieben und im Hassen möglichst der Natur zu folgen und bis ans Ende zu gehen, war ihnen auch hier das ungeschriebene elfte Gebot Gottes.

Die Feindschaften im Dorf waren alt. Die Bauernburschen sahen in den Dörflern eine mindere Art Mensch; die Dörfler erwiderten diese Verachtung mit Haß und nannten sie Bauernknüttel. Zwischen diesen beiden Gruppen, bald hier als Freund, bald dort als Feind und umgekehrt, standen die Bräuknechte. Diese, als weitgereiste, weltkundige Menschen mit großem Lohn, große Fleischesser, große Trinker und noch größere Menscherjäger, verachteten 255 insgeheim Dorf- und Bauernbuben gleichzeitig; und diese Verachtung wurde ihnen natürlich entsprechend vergolten. Der Gegensatz zwischen Dörfler und Bauern war auch nicht klein, aber im Hinblick auf den gemeinsamen Feind schlossen sie öfter ein Bündnis. Wurden jedoch die Bauern übermütig, kam es zu Beleidigungen, dann umschmeichelten die Dörfler die Bräuknechte.

So war's auch diesmal. Bräuer und Dorfgesellen suchten immer wieder die Mena aus den Armen eines Weißrocks zu nehmen, der sie fein manierlich in der Runde führte, aber die Bauern drängten sich regelmäßig dazwischen. Spottworte flogen bald gegen die Bräuer, bald gegen die Dörfler; wenn die einen einen Landler wollten, verlangten jene eine Polka; man konnte meinen, es wäre eine Schar großgewachsener Kinder, die sich zur Belustigung stritten; aber wer schärfer zusah, dem wurde bewußt, daß sich etwas Besonderes vorbereitete.

Der Schieringhies redete mit der Mena wegen des nächsten Tanzes, als ein Bräuknecht ihn derart beiseite schob, als ob er kein Mensch, sondern ein Faß wäre. Ein Bauernbursch nahm Partei und erhielt als Antwort einen Schlag ins Gesicht. Die Kameraden waren unschlüssig; aber sitzenlassen konnten sie das auf keinen Fall. Sie warteten also, bis einige Bräuer an ihrem Tisch vorbeigingen. In diesem Augenblick sauste ein Maßkrug durch die Luft, riß einem den Hut vom Kopf und zerschellte an der Wand.

Jetzt setzte der Tanz aus. Vergeblich suchte die Musik weiterzuspielen. Die Bräuer verlangten den Krugwerfer näher kennenzulernen; die Bauernburschen antworteten mit Schimpfreden. In der nächsten Minute ging es los. Die klobigen Bräuknechte schienen aber gegen die Hiebe mit den Fäusten und Maßkrügen, Schlagringen und Hobeleisen gefeit zu sein; ihre Brustkasten und ihre gestiefelten Beine schienen nicht Menschen, sondern Maschinen anzugehören. Ihre Greiferhände holten die Bürschchen hinter den Tischen hervor und warfen sie unter fürchterlichem Gepolter die Stiege hinab. Dann standen sie mit gespreizten Beinen, die Hände in den Hosentaschen, und brachen in ein Hohngelächter aus.

Kaum war der Tumult vorüber, als der Bräu mit kleinen Schritten durch den Saal lief. Er pfiff durch die Lippen. Ein böses Zeichen bei ihm, grüßte, dankte, gab hie und da den Kellnerinnen einen Wink und schritt dann auf den Tisch zu, wo die Grenadiere saßen. 256 Diese grüßten stramm militärisch. Er drückte sie freundlich gastgeberisch auf ihre Sessel und sprudelte: »Auch hier? Aus Venetien? Wo denn stationiert? Ja, ja! Und diese Feschigkeit!« Und ohne ihre Antwort abzuwarten, wandte er sich an die Mena: »Grüß Gott, schönes Dirndl!« Und zum Orchester: »Einen Landler, wenn ich bitten darf!«

Die Musikanten kletterten aufs Podium und spielten eine Tanzmusik, die fast so fromm wie ein Kirchenlied klang. Der Bräu tanzte elegant; kam aber ziemlich außer Atem und führte pustend und lachend seine Tänzerin an ihren Platz. Dann schoß er auf den Tisch der Bräuknechte zu. »Ihr Dummköpf!« zischte er. »Ihr Falotten! Was, ihr werft die Bauern hinaus? – Ja, zum Teufel, wer soll denn das Bier saufen, das ich im Keller liegen hab? – Ihr Trottel, ihr!«

Der Ball ging wiederum seinen Gang. Die Bauern kamen, unbemerkt im Trubel, die Stiege herauf; viele mit frischen Schrammen und Beulen und saßen gedrückt an ihren Tischen. Selbst die gesetzten Väter empfanden die Geschichte als eine Schande und machten, halb im Ernst, halb im Scherz, den Grenadieren Vorwürfe, wie sie das hätten ruhig mit ansehen können, wo sie doch alle selber Bauernsöhne wären. Aber diese schüttelten die Köpfe; sie hätten schon zuviel Disziplin und Ambition im Leib und überdies Mütter, Schwestern und Basen so knapp an ihrer Seite, daß sie gar nicht imstand gewesen wären, einzugreifen. Der Rat, insgesamt den Tanzboden zu verlassen, um so die Veranstaltung lahmzulegen, wurde abgelehnt.

Plötzlich geschah eine Wendung. Beim Stiegenaufgang erschien ein jägerisch gekleideter Mensch und schleifte ganz allein eine Runde über den leeren Tanzboden. »Der Schindertoni!« Bei den Bauern entstand ein Aufruhr. Sie liefen herbei, umringten ihn, so daß er nicht mehr aus und ein konnte, und streckten ihm von allen Seiten den Willkommtrank entgegen. Ausgehungert, wollte er vor allem etwas Tüchtiges zum Einhauen haben. Es war ungemein schwer, den Vorfall zu erzählen, ohne zugleich die Schmach zu enthüllen; aber der Toni begriff sofort. Er lachte wild und froh, und dies Lachen erfüllte alle mit neuem Mut. Sie fingen an, mit den Zinndeckeln zu scheppern, mit den Geldbeuteln auf die Tische zu schlagen und anzügliche Schnaderhüpfl zu singen. 257

Ein Brauer, der vorüberging, fragte: »Jetzt weiß ich nicht, man erzählt, du sitzest in der Fronfeste?«

»So? – Hat man das erzählt?« Der Toni dehnte die Worte lang und war noch nicht damit zu Ende, als er den Frager blitzschnell umfaßte und die Treppe hinabwarf. Man hatte nicht so schnell schauen können, und es würde nicht einmal viel bemerkt worden sein, wären die Bauernbuben nicht in ein Jubelgeschrei ausgebrochen.

Die Musikanten tummelten sich; die Paare traten an und der Toni holte die Mena zum Tanz. Das gab ein Wiedersehen! Die drei Saalöffnungen waren mit Köpfen dicht bespickt und die Stiegenaufgänge vollgedrängt. Diesen Menschen umgab eine Art Zauberei. Es war kein Mann hier, der ihm gleichkam; und er nahm fast eine Ausnahmestellung ein wie der Bräu, der Pfarrer und der Haginghofer; auch an Ansehen fehlte es ihm durchaus nicht, wenn's auch bei ihm einen anderen Charakter hatte als bei jenen honorigen Leuten. Und wie er tanzte! Die Mena, zunderrot im Gesicht, flog nur so an seiner Seite.

Wie die Musik und der Tanz aussetzten, trat einer aus dem dichten Ring der Zuschauer und sagte mit lauter Stimme: »Die zwei passen zusamm, ein Gauner und eine Hur!«

Der Toni ließ seine Tänzerin los und ging auf den Rufer zu; hinter ihm standen die Bräuknechte und die Dorfgesellen. »Wer ist eine Hur?« fragte er.

»Die Mena!« grölte die Stimme wieder.

Der Toni versetzte dem Schimpfer einen Faustschlag, daß er vornüberfiel wie ein Kornsack. Im nächsten Augenblick wirbelte ein Knäuel von Menschenleibern durcheinander; man hörte wilde Schreie, sah geschwungene Maßkrüge und Sesselbeine und endlich blanke Messer im Licht der Kerzen. Die Bauern arbeiteten unter Tonis Führung wie eine Schar Drescher; die Hobeleisen verursachten stark blutende Wunden, ohne lebenswichtige Teile zu lädieren, die Schlagringe warfen die Gegner über den Haufen, und die zackigen Handhaben der zerbrochenen Krüge zeichneten tiefe, aber ungefährliche Runen ins Gesicht.

Der Lärm dieser Saalschlacht drang durch alle Räume, bis hinab in die Gaststube, wo um den Ofentisch die Männer saßen. Das Tanzgetöse war in ihren Augen bereits etwas Ähnliches wie ein 258 Narrenspiel; aber trotzdem horchten sie jedesmal auf, wenn die Musik einsetzte, es war ja ihre eigene Jugend und ihr eigenes Glück, das oben tanzte und jauchzte. Aber sie ließen sich nichts anmerken und disputierten laut über Geschäft und Politik. Sie sprachen es nicht aus, aber es war in ihren ernsten Gesichtern zu lesen: Wir sind der Grundstein der Welt, die Drehachse, womit man sie wieder ins Gleichgewicht bringen kann, falls sie eines Tags aus den Angeln fallen sollte. Die Tür wurde aufgerissen, und eine Kellnerin schrie: »Jesus, Maria! Sie bringen sich alle um.«

Die Männer sahen auf. Ein Lächeln zeigte sich auf ihren Gesichtern. »Ein kleiner Aderlaß«, sagte der Haginghofer, »kann nicht schaden.« Er hob ein Gespräch über die Weizenernte an.

Aber zum zweitenmal flog die Tür auf und blutüberströmt taumelte ein Mensch herein. Ihm folgte die Bräuin. »Männer«, jammerte sie und rang die Hände, »sie schlagen mir die ganzen Krüg und Gläser zusammen!«

»Wenn sie die Köpf voll haben«, brummte der Alt-Ellenhuber, »werden sie schon aufhören.«

Nun erschien der Bräu selber und schrie mit seiner dünnen Stimme: »Die Herrgottssakramenter demolieren mir das ganze Haus. Auch tragen sie schon den dritten die Stiege herab. Bringt doch die Teufelsbuben zur Räson!«

Der Haginghofer erhob sich; die andern folgten ihm. Sie gingen über das Vorhaus, wo bereits das Tosen und Schreien mit größter Macht herabdrang; sie traten in die Küche, wo die Bräuin die erschrockenen Mägde von neuem zu den Pfannen mit den Bratwürsten und zu den Kupferkesseln mit den Speckwürsten kommandierte; legten hier ihre Hüte auf den langen Mitteltisch, darunter ihre Stechmesser und stiegen barhaupt die Treppe hinauf. Über die ausgetretenen, steinernen Stufen rannen glucksend daumenbreite Blutbächlein.

Wie die Weißköpfe im Eingang des Tanzsaales erschienen, stießen die Weiber gellende Rufe aus und schlugen die Hände vors Gesicht. Es konnte nicht anders kommen: diese alten Krauterer, ohne Saft und Kraft, würden von der betrunkenen Horde niedergeschlagen und zu Brei getreten werden. Der Alt-Ellenhuber, als der Leidenschaftlichere, bohrte sich als erster in den Wirbel und schrie: »Du Büffel! Du Saubub! Wirst du jetzt gleich deinen 259 Schlagring einstecken!« Er schob und puffte, und neben ihm puffte und bohrte der Vorstand und einige andere. »Wirst du gleich das Stuhlbein hergeben!« riefen sie. »Genug ist gerauft! Ruh muß sein! Auseinander! Auseinander! Auseinander!« Die Schneeköpfe drangen bis in die Saalmitte vor und brachten die Bauernburschen halbwegs zur Vernunft; die Bräuknechte hatten es nicht mehr nötig, zur Vernunft gebracht zu werden; sie saßen blutend und zerschlagen in den Hinterstuben und Küchen, wo sie von den Weiberleuten unter Gejammer gewaschen und verbunden wurden.

Der Bräu trippelte durch den Saal. Man sagte ihm nach, daß er kein Blut sehen konnte, ohne ohnmächtig zu werden. Davor waren die Alten freilich gefeit; sie hatten in den Napoleonischen Kriegen Blut genug fließen sehen. Um den bösen Anblick rasch wegzubringen, liefen Hausknechte und Kuchelweiber mit Eimern und Körben voll Sägespäne. Auch die Spielleute kletterten wieder in ihren Hochsitz und fingen zu spielen an. Aber über die vielen roten Flecke hinweg wollte niemand recht antreten, bis der Alt-Wegmacher, ein windschiefes Männlein, das unter die Friedensstifter geraten, einen Halbgulden auf den Teller warf und einen Extratanz verlangte. Er holte sich die Mena aus dem dichtesten Haufen, stampfte mit den Stiefeln und krähte wie ein heiserer Gockel:

»Spielleut, ihr Schwanz,
Spielt mir auf meine Tanz,
Meine Tanz spielt mir af,
Dann zahl ich euch brav.«

Dieser kuriose Extratanz erregte ein großes Gelächter; und von da ab nahm der Ball ruhigere Formen an. Allen war sichtlich erleichtert zumute, wie nach einer Gewitterschwüle, die stundenlang auf den Menschen gelastet hat. An den Tischen war ein lautes Reden und Scherzen; die Bauernburschen waren vom Sieg wie berauscht, am allermeisten ihr Führer, der Toni. Er war übermütig, freundschaftsselig, süßte der Mena den Wein, fütterte sie mit Bäckereien; er wollte, daß sie lachte und immer wieder lachte; und wenn sie einer zum Tanz holen wollte, sagte er: »Ist schon vergeben!« Es ging nämlich bereits auf die Zeit, wo keiner mehr die Seine aus den Händen ließ. Wenn die Mena mir ihm tanzte, dachte sie mit einem 260 leisen Kummer: Warum ist er nicht ein anderer Mensch? – Etwa der Sohn eines mittleren Bauern? – Ja, da lag ihr Kreuz und Leiden! Die Meinungen über den Toni waren geteilt. Viele sahen in ihm einen notorischen Tagdieb und Verbrecher, dem Pfuhl der Schinderbude entsprossen, woher niemals etwas Gutes gekommen war. Die Waldbauern dagegen sympathisierten mit ihm, da er die Hirsche und Rehböcke niederknallte, die ihre Getreidefelder verwüsteten. Wenn die Mena die Welt geschaffen, hätte sie sie bestimmt so eingerichtet, wie sie gerade für sie am besten gepaßt; aber leider, es hat sie eben ein anderer geschaffen, und dieser hat das Ding so gemodelt, daß jeder etwas und keiner alles kann, daß jeder etwas und keiner alles vorstellt, daß jeder Gulden eine Revers- und eine Aversseite hat und man beide gut ansehen muß, um nicht zu Schaden zu kommen.

Der Toni stand öfters bei einem Tisch in der hintersten Ecke, wo eine Unschlittkerze ein halbdutzend verwegener Gestalten beleuchtete. Er warf ihnen einen Silbergulden auf den Tisch und rief: »Trinkt, Kameraden!« Und sie erwiderten ihm lachend: »Sollst leben, Toni, hundert Jahr nach der Ewigkeit!«

Mitten in diesem Tumult des Essens, Trinkens und Lachens war der Mena, als ob ein leiser Pfiff, wie der einer Spitzmaus, an ihren Tisch gedrungen; und während sie sich noch verwunderte, ging der Toni mit federnden Schritten in den Hintergrund des Saales, wo man die Fenster, der Hitze wegen, geöffnet hatte. Zugleich verknäuelte sich im Eingang ein Haufen Leute; sie waren in einen Streit geraten, schrien und schimpften; und desgleichen die Kellnerinnen und Speisenträger, die sich keinen Durchgang verschaffen konnten. An der Stiege sah man breitrandige Hüte mit Federbüschen auftauchen und hörte das Klirren von Waffen: die Gendarmen waren da! Sie versuchten, in den Eßsaal zu gelangen, aber erst die Androhung des Waffengebrauchs schaffte ihnen Bahn.

Die Mena horchte geängstigt gegen den Tisch mit der Talgkerze hin. Ein Bauer ging ans Fenster und fragte lachend: »Ist der Vogel da hinaus?« – Sie nickten. – »Hat er sich dabei nicht totgefallen?« – »Beileibe nicht!« sagten sie ganz ruhig. »Er lauft schon gegen den Waldgatter zu. Die Schergen müssen früher aufstehen, wenn sie den Toni fangen wollen.« 261

 


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