Johannes Freumbichler
Philomena Ellenhub
Johannes Freumbichler

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Die Hochzeit

So standen die Dinge, als die Mena eines Tages Lambert in einer verwandelten Stimmung antraf. Es war ihr nicht entgangen, daß ihr Erscheinen in der Stube bisher stets eine besondere Wirkung ausgeübt. Er hatte sich jedesmal im Handumdrehen verjüngt; seinen wohlgeformten Mund hatten schalkhafte Geister umzuckt, und trotz seines Weißkopfs hatte er den verteufelten Kerl gespielt.

Eines Tages, da die Mena mit ihm beschäftigt war, Heu abzuladen, nahm er sie plötzlich um die Mitte und suchte, sie ins Dunkel der Scheune zu ziehen. Sie befreite sich durch einen energischen Ruck und sagte: »Herr, wenn Ihr nicht gleich Ruh gebt, schrei ich so laut, daß das ganze Dorf zusammenläuft!«

In diesem Punkt waren also alle Männer gleich. Lambert hatte ihr anfangs, trotz seines Alters, gefallen, seine körperliche Stärke, seine weißbraune Haut, besonders dann, wenn er seinen Waffenrock trug mit der Goldenen Tapferkeitsmedaille und den federgeschmückten Hut. Aber sie hatte auch in Erfahrung gebracht, daß bestimmte Beziehungen bestanden zwischen ihm und verschiedenen braun-, blond-, rot- und schwarzköpfigen Kindern, die sich quietschvergnügt im Dorf herumbalgten. Ihre regelmäßigen Gesichtszüge bestätigten die Gerüchte, die auf Lambert als Vater hinwiesen. Doch es war seltsam: sie hatte stets eine Angst an Lambert bemerkt, daß ihm jemand etwas Ehrenrühriges oder Unehrliches nachsagen könnte, und sie selber und das ganze Dorf sahen in ihm einen tadellosen und gerechten Mann. Und trotzdem fanden sich Flecken an seinem blanken Schild. Er hatte die Leidenschaft, alles notwendige Hausgerät in genügendem Vorrat zu haben; so beispielsweise Leitern, wovon er auch in allen Größen besaß, von der kleinsten, fast zierlichen, die er beim Obstpflücken verwendete, bis zu den langen, schwer beweglichen, die für Dachreparatur und etwaige Brandgefahr bereitstanden. Das Sonderbare an dieser Sache war, daß jede dieser Leitern einen anheimelnden Namen hatte: die Martina-Leiter, die Rote-Seph-Leiter, die Schwarze-Mariedl-Leiter und die 222 Braune-Ursel-Leiter. Es waren nämlich lauter Leitern, die am Kammerfenster seiner Mägde stehengeblieben, wenn der Gaßlbub durch irgendeinen Zufall verscheucht worden war. Man erzählte, daß Lambert dies Verscheuchen, bei seiner Heimkehr vom Wirtshaus, geflissentlich betrieb. Er ließ dann die Leitern ein bis zwei Tage an der Hausseite liegen und verleibte sie, nach Ablauf dieser Frist, seiner Sammlung ein. Freilich kam es vor, daß ein Butterbauer in seinem Magazin stehenblieb und verwundert ausrief: »Ja, jetzt weiß ich nicht: blendet mich mein Gesicht oder ist das meine Leiter?«

Und die Mena wollte nicht, daß zu den vorhandenen Leitern etwa eine Braune-Mena-Leiter, mit dem unvermeidlichen Dorfgelächter, hinzukäme.

Nach dieser Abweisung fühlte sie eine eigentümliche Froheit und Stärke in sich: es war doch eine ganz andere Sache, nicht mehr eine »dumme Geiß«, sondern eine Wissende zu sein und aus bewußtem Überlegen zu handeln. Lambert ließ auch keinerlei Verdruß merken, und die Tage liefen eine Weile so hin, wie sie es liebte, nach außen Ruhe und Sicherheit, nach innen Beschäftigung und Nachdenken. Auch der Eindruck, den der Tod der armen Soph hervorgebracht hatte, war bereits ausgeglichen. Aber als sie glaubte, so recht in Arbeit und Behaglichkeit leben zu können, wurden die Blutbänder wiederum angezogen.

Sie wusch eben am Bach und sah, daß die Hochzeitslader von Haus zu Haus gingen. Sie hatten ihre braunen Plüschhüte mit Bändern geziert; auch an der Brust trugen sie welche, und einer von ihnen einen geschnitzten Stab mit künstlichen Blumen. Gleich drauf rief Lambert sie in die Stube, wo die Männer sich bereits eingefunden hatten. Der eine davon, der Zimmermeisterfriedl, tat mit seinem Stab einen leichten Stoß auf den Boden. Sein Weißkopf, im Verein mit seinem feierlichen Gehaben, und sein aufgesagter Ladespruch ergriffen sie.

»Gott grüß Euch, alle wohl, ich bin
Der Michlhans vom Pfannastiel.
Und hinter mir, der zweite Mann,
Ist mein Begleiter und Gespan.
Er ist ein Bruder vom Bräutigam, 223
Franziskus Xaver ist sein Nam.
Die zwei Brautleut tun uns schickn,
Es wird uns wohl die Ladung glückn.
Der Bräutigam Karl ist Euch bekannt,
Und Lena wird die Braut genannt.
Sie haben sich zum heiligen Ehestand entschlossen,
Weil sie der ledige Stand hat verdrossen.
Es nutzt auch kein Abwehrn und kein Bittn,
Am Sonntag werd'n sie verkündigt zum dritten . . .«

Der Spruch war damit nicht zu Ende; denn das schönste an einer Hochzeitsladung ist, wie bei einem Fensterreim, die Länge. Die Bauern haben eben das Kostbarste, was es auf Erden, und wahrscheinlich auch im Himmel, geben mag, Zeit, viel Zeit. Daran waren sie reich, und diesen Reichtum wollten sie natürlich auch genießen und füllten daher die Zeit mit möglichst umständlichen Gebräuchen, Zeremonien, Sitten und allen möglichen ernsten und frohen Spielereien aus.

Die Hochzeit war an einem Iringtag, an welchem Tag fast alle Bauernhochzeiten gefeiert wurden; woraus man wohl schließen darf, daß jener alte Germanengott der besondere Gott der Eheleute gewesen sein mag, die ja fraglos eines eigenen Gottes bedürfen; eines ganz anderen, als etwa die flatterhaften Jungliebenden oder die alten Jungfrauen und Junggesellen, um ihr hochwichtiges und auch hochheiliges Lebenswerk, Mensch und Ewigkeit, siegreich der Zukunft entgegentragen zu können.

Die Mena irritierte dieser Iringtag etwas, weil für diesen Tag auch ihre Sängergruppe vom Archivar bestellt war, der auch sonst bei keiner Veranstaltung fehlte, wo etwas für seine gelehrte Arbeit über Volkstum und Volksbrauch zu erhoffen war.

Daher kam es, daß die Mena an der Hochzeit ihrer Schwester, der schönen Lena, nur mit halben Sinnen teilnahm. Desto mehr schaute sie mit großen und ruhigen Augen auf alles, was um sie herum geschah. Sie schaute, als am Morgen die schweren Gäule mit geblähten Nüstern und plumpen Hufen in die Dorfstraße hereinpreschten, daß Steine und Erde flogen; sie horchte, als das närrische Jauchzen der Hochzeitsbuben anhub; und ging endlich nachdenklich mit den Geschwistern und Anverwandten im Zug, eingehüllt 224 in Musik und Juniwärme. Sie sah auf die Kranzeljungfrauen, die vor Freude zitterten, auf die alten Leute, die gelassen dahinschritten, auf die Trauungszeremonien, auf die Gebräuche im Wirtshaus, auf das Essen und Trinken, auf das Drehen der Tanzpaare. Sie selber wurde auch zum Tanz geholt, in erster Linie von Lambert, der sie wie ein Junger im Kreis schwang, dann von Bauernburschen, von Bräuknechten und endlich von den Schneidern Veit und Fabian, die beide gute Tänzer waren.

Aber sie riß sich durchaus nicht ums Tanzen. Sie saß, tauschte gleichgültige Reden, aß Kuchen und beobachtete alles.

Da war vor allem der Bräutigam, genannt der Bühelerkarl, ein ungemein starker Kerl; es hieß, daß er mehrere Rivalen vor Lenas Kammerfenster derart geschlagen, daß sie aufs Wiederkommen vergessen hätten. Er holte sie auch zum Tanz, und während sie in der Runde gingen, erzählte er ihr, daß er in den Minuten, wo er zu Lenas Zieheltern auf Brautwerbung gegangen, ein Vaterunser gebetet hätte. Sie mußte lachen; obgleich sie aus eigener Erfahrung wußte, um welch sonderbare Dinge sie selber öfter gebetet hatte. Sie kam auf ihre Schwester, die Soph, zu sprechen, aber der Bräutigam war da kurz angebunden. »Das Trauern ist dem Herrgott seine Sach. Das tut man nicht.«

Auch die bräutliche Schwester gefiel ihr nicht. Ihre Wangen waren gerötet, ihre Lippen aufgeworfen, als hätten sie Durst; und ein gewisses hochmütiges Wesen an ihr schien zu fragen: Seht ihr denn nicht, was ich für ein Glück mache?

Es war eine laue Sternennacht. Die Mena ging schweigend neben dem Schieringhiesen, der sie zum Singen geholt, die Dorfstraße hinauf. Aus dem offenen Fenster des Hochzeitssaales dröhnte die Musik und das Gestampfe und Gejauchze der Tänzer. Sie fühlte in dieser Minute, daß es beim Menschenglück nicht aufs Gepräng, Gejauchz und einen Tisch voll dampfender Speisen ankam; daß solch ein Tag kurz, das Leben aber lang war. Sie fühlte weiterhin ein Gemisch von Trauer und Schmerz; eine bisher noch unbekannte Art Kummervogel sang da wohl; doch sein Gesang wirkte wie ein Balsam und eine Bereicherung der Seele. Es wurde ihr begreiflich, daß am Weg eines jeden Menschen, links und rechts, Freuden und Leiden, Gräber und Hochzeitstage liegen, und daß es nur galt, sich in dies Spiel schicklich hineinzufügen. Sie spürte auch zum erstenmal, daß die 225 Blutsbande und alle Bande, die ihr Selbst mit den Menschen verbanden und je im Leben verbinden würden, nur bis zu einer gewissen Tiefe, aber durchaus nicht weiter reichen, nicht weiter reichen durften; nämlich bis dorthin, wo der engumfängliche Mensch Ellenhuber-Mena endete und ihr ureigentlicher Wesenskern, die Ellenhuber-Seele, begann. Diese Seele webte und lebte nach eigenen Gesetzen; war unangreifbar, kannte im Grunde keine Hoffnung und keine Verzweiflung, keine Freude und keinen Schmerz.

Beim Stumpfbräu war eine feine Gesellschaft; viele Herren, auch Damen darunter, aber nur ein paar Tische schütter mit Bauern besetzt, die ein ruhiges Gespräch dem Hochzeitslärm vorzogen und überdies Wind bekommen hatten, daß beim Bräu ein Faß doppelgradiges Bier angestochen würde. Wo immer die Herren sich zusammenfanden, sorgten sie für einen wohlbestellten Tisch. Die Bräuin war wegen ihrer Küche weithin berühmt. Heute tischte sie etwas ganz Besonderes auf: Bachforellen, in Butter gebraten. Nachdem sie diese Forellen mit dem Doppelbier, dessen Duft allein schon berauschend in die Nase stieg, begossen, entwickelte sich eine lebhafte Unterhaltung in Hinsicht auf den Ohrenschmaus, den der Herr Archivar versprochen hatte.

Sie redeten über die Gemeinde, und Worte, wie Engherzigkeit, beschränkter Horizont, fielen, aber der Archivar suchte die Dörfler zu verteidigen. Er sagte mit einem leisen Unterton von Humor: »Sie sind eben von der Einzigkeit ihres Dorfes überzeugt, und nur in dieser festen Überzeugung kann ein Einzelnes, und sei es noch so klein, ein Ganzes, und sei es noch so groß, leben und wachsen. Sie behaupten allen Ernstes, das Blut der Nachbardörfer rinne träger durch die Adern, sie wären schwerfälliger und so recht mittelmäßig in allem; es mangle ihnen sozusagen am Eigentlichen des Lebens, am Salz, an den großen Heiligen und an den großen Sündern, welche man hier reichlich aufzuweisen hätte.«

Der Archivar lächelte und ging auf den Tisch der Sänger zu. Er hatte für jeden ein lustiges Wort; für die Mena aber und den Schieringhiesen ein ganz besonderes. Seine Sorge war, ob sie sich auch genügend vorbereitet hätten, damit sie und er nicht zu Schanden würden. Dann gab er eine Geschichte über den Krämer Lambert zum besten. Sein Gesicht war, nach des Archivars Meinung, nämlich kein simples Bauern- oder Dorfgesicht, glich vielmehr in seiner 226 Prägung den Gesichtern der alten Römerkaiser, wie sie auf Münzen und Denksteinen zu sehen waren, aber mit einem Schuß ins nordische Biedere und Ehrliche. »Sollte da nicht«, schloß er lächelnd, »ein römischer Centurio aus edlem Geschlecht oder noch ein höherer Militär auf dem so überaus langweiligen Zug nach Juvavum die Sitten der hiesigen Bauern nachgeahmt und durchs Fenster in ein jungfräuliches Bett gestiegen sein? – Und«, setzte er hinzu, »wissen Sie auch, was Ihr Name, Philomena, bedeutet? – Männerfreundin, jawohl!«

Die Mena brach in überhelles Gelächter aus, in das der Sängertisch miteinstimmte. Sie war in bezug auf das Singen ohne alle Sorgen. Die Lust dazu hatte sich inzwischen nicht vermindert; war ihr eher zu einer festen Gewohnheit geworden. Sie sang bei jeder Arbeit, lauter oder stiller, ein ernstes oder ein loses Lied, und hatte eine wahre Leidenschaft nach neuen, noch nie gehörten Gesängen.

Bevor aber der Archivar das Zeichen zum Anfang gab, ließ er noch einige Erläuterungen zum Kapitel Volksgesang vom Stapel. »Der Verfasser der Lieder, die ich Ihnen werde vorsingen lassen, ist ein Mensch namens Matthias Schiering, vulgo ›Schieringhies‹, der hier die Stelle eines Gemeindeschreibers versieht. Unter den Leuten wird er gewöhnlich spottweise ›derselbige Dichter‹ genannt; aber dies ist ein Titel, den er allen Ernstes verdient. Im Wesen genommen – und darauf kommt es an! – ist er kein anderer Dichter als alle von Homer bis auf Goethe, wenn er auch in sein Buch mit den rothölzernen Deckeln nur kunstlose, übermütige und kleinmütige, weinende und lachende Lieder eingeschrieben hat. Den Spott und das Verächtliche, das die Leute in dies Wort legen, darf man ihnen nicht übelnehmen: ein Dichter und, um dies Exempel ihrer Denkungsart zu erweitern, auch ein König liegen so ganz außerhalb ihrer Vorstellungsweise, so hoch und unnahbar, daß sie sich dieselben durch Gebrauch von Spottnamen wieder anheimeln. Jedoch die höhere Bedeutung schlägt immer wieder durch. Trotzdem sie mit dem Wort ›König‹ den zur Winterszeit im Abtritt hoch und hart gefrorenen Menschenabfall bezeichnen, hängen sie anderseits wiederum jedem, der ihnen in irgendeiner Weise vortrefflich erscheint, das Wort König an, wie sie ja auch zur Zeit einen richtigen ›Butterkönig‹ im Dorfe haben.«

Der Archivar gab den Sängern ein Zeichen, und Menas Stimme 227 setzte zum Liede ein. Anfangs war den Ohren der Stadtherren diese Art zu singen fremd; aber nach den ersten Strophen begriffen sie, daß hier nicht die »Kunst« sang, sondern jene Natur, die aus dem Getriller der Lerchen, dem Schlagen der Wachtel und dem Gesang der Nachtigall spricht.

»Und ein Mensch ohne Lieb,
Sag, wem gleich ich denn grad?
Ist ein Mühl ohne Wasser,
Ein Wagn ohne Rad.

Und ein Mensch ohne Freud,
Sag, wem gleich ich denn gern?
Ist ein Sonn, die nit warmt,
Ist ein Nacht ohne Stern.

Und ein Mensch ohne Glück,
Sag, wem gleich ich denn zsamm?
Ist ein Uhr ohne Zeiger,
Ein Haus ohne Nam.

Und ich bin so ein Mühl,
Und ich bin so ein Wagn;
Mei Herz is voll Trauer,
Mei Seel ist voll Klagn.

Und ich bin so ein Nacht,
Und ich bin so ein Sunn;
Kein Stern, der mir leuchtat,
Kein Licht, das mir brunn.

Und ich bin so ein Haus,
So ein Uhrwerk bin ich;
Mei Lieb, die ist gstorben,
Mei Glück ist dahin.«

Der Beifall war groß. Der Archivar trat zum Tisch der Städter und erklärte mit gedämpfter Stimme: »An dem eben gehörten 228 Liede wird Ihnen der Unterschied aufgefallen sein zwischen jenen, die sie damals hörten. Die Hochdeutschen, also die aus der Stadt, also aus der ›Fremde‹, singen sie mit einem sentimentalen Unterton; sie sind gleichsam durchdrängt von Gefühl und Sehnsucht; während die anderen, die der Muttersprache entstammen, von Behagen, Gesundheit, Freude, Tanz und gottgewolltem Humor durchdrungen sind. Sie wirken auf unsere überreizten Sinne wie das kühle Fächeln der Winde und das Leuchten der Sterne. Die wahre Poesie ist eben nichts anderes als Religion. Echter Gesang nichts anderes als Gottesdienst. Und dieser Gottesdienst ist in diesen Gegenden hier seit Urzeiten daheim. Wenn man an schönen Sommertagen durch die Felder spaziert, hört man überall Gesang und Jauchzen, und es scheint dann zuweilen, als jubelten die jungen Knechte und Mägde ihre Lieder und Vierzeiler mit den Lerchen um die Wette. Und wenn wir fragen, wer sie diesen Gesang gelehrt hat, so glaube ich, es war der Schmerz, die Einsamkeit im All, das Winterdüster; und sein Kontrast: der Lanzing. Ich habe gesagt: Echte Kunst ist Gottesdienst, und sage noch mehr: es kann gar keine andere Kunst geben! Aber diese Kunst ist rar geworden, und die meiste heutige Kunst ist nichts als Fälschung. In diesem Sinne gebraucht die Bauernsprache das Wort ›Kunst‹ von allem, was bloß ein Ersatz für das Naturgute ist, und versteht darunter etwas, das mit bestimmten Mitteln ein Unechtes als ein Echtes vorzutäuschen sucht.« Er verständigte sich mit den Sängern, und diese sangen jetzt das »Wehleid«.

»'s Wehleid, das ist halt früh und spat
Mein allertreuster Spielkamerad.
Schneit's weißen Schnee, schneit's rote Blüh,
Ich bleib bei ihm, es bleibt bei mir,
's Wehleid, Wehleid.«

Dieser Gesang machte solchen Eindruck, daß man den Beifall vergaß und der Archivar seine Erklärung fortsetzen konnte. »Das ist ebenfalls ein Lied aus dem Buche Schierings. Eine gewisse Bildhaftigkeit ist darin nicht zu verkennen; wie das Wehleid zum erstenmal in die Wiege guckt oder wie es zuletzt mit ins Moderbett steigt, das ist wahrhaft poetisch geschaut und empfunden. Aber damit diese Probe nicht allzu ernst ausfalle und so vielleicht der Zweck, 229 dem Volksgesang neue Freunde zu werben, vereitelt würde, schließen wir mit dem lustigen ›Heiratsgesang‹.«

Er ging wieder zum Sängertisch und bat sie, fortzufahren. Sie sangen in einer getragenen, komisch feierlichen Melodie . . .

»Schneider, meck, meck,
Und ich heirat den Bäck;
Und ein Bäcker muß's sein,
Und der – heizt mir brav ein.

Die Bäcker tun spinna,
Ich heirat ein Müllner;
A Müllner muß's sein,
Und der – staubt mich brav ein.

D' Müllner sind anschlecht,
I heirat ein Bräuknecht;
Der sied't mir ein Bier,
Daß ich – recht schlaferig wier.

Die Bräuer sind Perchtn,
I mag kein so Treankn;
Ein Tischler muß i kriegn,
Und der – macht mir ein Wiegn.

Die Tischler sind leimig,
Und wann er mich streimelt,
Aft wurd ich voll Pick,
Bue, und – das hab ich dick.

D' Schmied tun mir gfalln,
Habn Kleingeld zum Zahln;
Und a Schmied, ja, muß's sein,
Und der – posselt mich fein. 230

D' Schmied, die sind Huster,
Ich heirat ein Schuster;
A Schuster muß's sein,
Und der – doppelt mi fein.

D' Schuster, Notleider,
Ich heirat ein Schneider;
Ein Schneider muß's sein,
Und der – bügelt mich fein.

Schneider, meck, meck,
Und ich heirat ein Dreck;
Weil ein Mensch, ganz allein,
Ist ein goldener Stein.«

Das Lied setzte viel Lachen, und der Archivar schloß den Abend mit den Worten: »Es ist begreiflich, daß in unserer Zeit, wo das Vaterland durch heftige Kämpfe zerrissen, und das, was bisher ganzen Völkern heilig war, in den Staub getreten wird, viele unter uns sind, deren sich eine Weltabkehr und eine Menscheneinkehr bemächtigt hat; genauso wie der einzelne, wenn ihm alles schiefgeht, sich zuletzt in sein Selbst zurückzieht. Es gibt keine andere Rettung: du selbst in dir selber, das ist das höchste Geheimnis und eine Kraft ohnegleichen. So geht auch, meines Erachtens, in tief verworrenen Zeiten ein Volk zum Bauerntum zurück, weil es instinktiv fühlt, daß hier der Weg führt zur wahren Weisheit. Ein Hauptstück dieser Weisheit liegt im Gesetz der Sonderung, das, wie alle großen Gesetze, göttlicher Natur ist. Diese Sonderung heißt: Arbeit und Genuß, Ruhe und Bewegung, Werktag und Feiertag, Jugend und Alter, Mann und Weib, Krieg und Frieden. Zum Exempel: in der Erntezeit darf nirgends musiziert und getanzt werden, und niemand wagt es, dies ungeschriebene Gesetz zu verletzen. Es soll die Kraft aller Sinne und Muskeln auf die Vollbringung der vorgesetzten Arbeit gerichtet werden. So bringen sie jeden Zustand an die äußerste Grenze, geben ihm Tiefe und Charakter, und damit Schönheit. Und diese Sonderung ist unbedingt notwendig, damit nicht alles durcheinandergemischt, nicht alles halb getan und halb genossen; damit das Leben nicht zu einem widerlichen Mischmasch 231 werde, der anfangs Mißmut und zuletzt Ekel erregt. In singulis et minimis salus mundi; welches verdeutscht heißt: im einzelnen und kleinsten ruht das Heil der Welt. Darauf fußt so recht alles bäuerliche Leben, sein Glück und sein Reichtum. Dieses Reichtums aber ansichtig zu werden, ihn unter rauher Hülle zu erkennen und zu schätzen, ist nicht leicht. Denn der Bauer kann oder mag sich bekanntlich viel schwerer aussprechen als der Gebildete; er verbirgt vielmehr andauernd und beharrlich sein Gemüt. Aber in seinem Liede, im Volksgesang kann er das Verborgene wieder laut werden lassen. Staat, Sitte und zum Teil sogar die Religion liegen ihm an wie ein Kleid, wie ein Aufputz; aber seine Sprache und sein Lied sind göttlichen Ursprungs.« 232

 


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