Johannes Freumbichler
Philomena Ellenhub
Johannes Freumbichler

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Die vier wunderlichen Haushüter

Die Mena war in einer frohen Stimmung; das allerbitterste, niemand zu haben, mit dem sie sich vertraulich aussprechen konnte, war vorbei. Zwar kamen ein paar Regentage dazwischen, aber der Himmel heiterte sich wieder auf, und die Bäuerin befahl: »Mena, heut treibst du aus!« Sie richtete sich heimlich die Geschenke für ihre Freundin; bei manchem Stück fiel es ihr schwer, aber es war ein wunderschönes Gefühl, eine solche Freundschaft zu haben. Sie trieb die Rinder mit einer solchen Eile aus, daß sie sich fast verraten hätte. Das Schinderpelei war noch nicht hier. Sie legte sich also allein unter die Birken und sah gespannt nach der Gegend hin, wo das Schindermoor lag. Die Worte Peleis fielen ihr ein: Ich tu ihnen drei Bosheiten zurück. Sie sah die Haginghofer-Leute, den Krämer, den Pfarrer, und eine feindselige Lust bemächtigte sich ihrer. Es war nicht anders, als ob ihre fromme Grundstimmung sie verlassen hätte, so wie die Sonne von ihrer Weide oft fortging und sich über alle Dinge graue Schatten legten. – Wozu sind eigentlich diese Leute? Sie arbeiten ja nichts! – Aber mitten in ihrem Grübeln erschrak sie wieder, besser gesagt, etwas in ihr erschrak, der Wachtposten, von der Fürsorgerin Natur aufgestellt, rief ihr des Ähnls Worte ins Gedächtnis: Zuviel Denken ist ungesund! Sie hatte bereits herausgefunden, daß man sich auf seine Sprüche verlassen konnte, wie auf zweimal zwei ist vier. Sie bekam also den Anfall von Denken schnell satt, sprang auf und lief ungeduldig den Hügel hinan. Endlich sah sie etwas in der Heide flattern und hüpfen. – Das Schinderpelei stürmte heran, schlug, statt einer Begrüßung, einen Purzelbaum, eine Übung, welche sonst das Vorrecht der Buben war, fiel der Mena um den Hals und tanzte mit ihr im Kreis.

Diese kramte ihre Geschenke aus. Peleis Augen fingen an zu glühen; sie betastete und beschnupperte alles, die Seife, das Parfüm, und die meiste Freude machte ihr ein bunter Wachsstock. »Bei uns, im Moor, sind die Winter lang!« sagte sie. Auch die Jause wurde geteilt; sie aßen und schwatzten. Besonders wißbegierig schien das 102 Pelei, was die Verhältnisse auf dem Haginghof betraf, und die Mena erzählte auch einiges, aber es war ihr doch lieber, wenn sie von etwas anderem sprechen konnte.

Das Schweigen der Weide wurde durch nichts unterbrochen, als das Schnauben der Kühe, den Lustschrei der Geier, fernen Glockenklang und hie und da den Ruf einer Klapper. Die warmen Leiber schmiegten sich an die ebenso warme Erde, und eine verzauberte Stimmung bemächtigte sich beider. Menschliche Gestalten wurden ab und zu sichtbar, Mäher und Mäherinnen, mit Sensen auf den Schultern, die phantastische Figur des verrückten Malers, der seinen Korbwagen vor sich herschob und bei jedem Schritt mit dem Kopf nickte. Dann wieder rumpelte ein miserables Wägelchen vorbei; drin saß, hüpfte in einer komischen Weise hin und her, der Kalbl-Stumpf. Er fuhr von Hof zu Hof und kaufte Stechvieh für die Metzger.

Die Mena unterbrach die Stille. »Jetzt wird bald die neue Eisenbahn fertig«, sagte sie. »Hast du ein weißes Kleid?«

»Ich?« gab das Pelei zurück. »Ich ging ja doch nicht hin, und wenn ich zehn weiße Kleider hätt. Wir brauchen überhaupt keinen Kaiser und keinen Hof. Die ganzen Großköpf soll man totschlagen.«

Die Mena machte große Augen. »Wer sagt dir denn das?«

»Mein Bruder!«

Menas Verwunderung war grenzenlos. Daß es Menschen gab, die nicht, wie sie, ausgeschlossen waren, sondern sich selber ausschlossen, das war höchst merkwürdig. – »Ich hätt schon ein weißes Kleid«, sagte sie, »aber noch von der heiligen Kommunion her. Es ist mir viel zu kurz. Du warst doch auch schon bei der Beicht und der heiligen Kommunion?«

Das Pelei schüttelte seine zottige Mähne. »Pfaffenunsinn!« sagte es.

Die Mena erschrak heftig. Aber auch das Pelei erschrak. Es sah auf die Geschenke, und um die Freundin auf andere Gedanken zu bringen, begann es des langen und breiten vom Pieringermoor zu erzählen. Die Mena möchte mitkommen, in einer leichten halben Stunde wären sie auf der Höhe und man könne das Haus sehen. Sie liefen über Wiesen, durch Wald, Hügel hinan, Hügel hinab, haschten einander, flohen sich, unter stetem Gelächter, und sie wären bei 103 ihren flinken Beinen wohl schon in einer Viertelstunde angelangt, wenn es nicht hundert Dinge gegeben, die sie beschauen und untersuchen mußten; große grellfarbige Pilze, die wie zauberhafte Wunder im schwarzbraunen Tannengrund standen, Tiergerippe, von Ameisen überwimmelt oder schon ganz kahlgefressen, wie Elfenbein schimmernd, Tollkirschen, die glänzend auf grünen Blättern saßen, und braune und schwarze Eichhörnchen, die blitzschnell an den Stämmen hinaufschossen.

Das Schinderanwesen lag in einem Moor, von sanften Höhen begrenzt, von Birkeninseln durchsetzt und von Moorgräben durchzogen. Hie und da war Torf auf hölzernen Gestellen zum Trocknen aufgeschichtet. Von diesem Torf luden die Schinderischen jeweils einen Wagen voll und fuhren damit in die umliegenden Ortschaften, wo er von den ärmsten Leuten gekauft wurde. Die Bäuerinnen sprachen verächtlich von diesem Brennmaterial und wollten wegen seiner Unreinlichkeit nichts von ihm wissen. Das Pelei hätte wohl noch lange von seinem Hause, den Ziegen und dem kohlschwarzen Kater phantasiert, wenn die Mena nicht mit einem Schreckensruf aufgesprungen und, ohne ein Wort zu verlieren, den Weg gegen die Weide zurückgelaufen wär.

Jedoch die Herde war auch diesmal still und friedlich wie immer. Zwischen den Kühen lag der schwarze Teufel, der Stier, und von der Sonne durchglüht, schien er an alles andere eher als an Teufeleien zu denken. Das Pelei, vom scharfen Lauf erhitzt, schlug vor, zu baden, schlüpfte aus seinem Kittel und lief zum Egelsee hin. Dieser See bildete sich nach einer Regenzeit und lag eben jetzt wie ein himmelblauer Seidenfleck inmitten des üppigsten Grüns und der buntesten Blumen. Er hatte natürlich keine Fische; nur große Falter und seidengeflügelte Libellen segelten darüber hin. Die Mena und das Pelei glichen, wie sie so im Wasser tollten, sich haschten und bespritzten, einer anderen Art Libellen. Dann legten sie sich ins Gras und begannen Buchennüsse zu knabbern. Wenn ein schillerndes Pfauenauge über sie hingaukelte, suchte das Pelei es zu haschen, und so wie dann der Falter die Birkenstämme umtanzte, tanzte sie mit und im Übermut auch über die Mena hinweg. Ihre perlmutterfarbene Haut strahlte ein gelbes Licht aus, und umflattert von ihrer schwarzen Haarmähne, glich sie einem wilden Waldtier. Wolkenschatten legten sich über die Weide und über die nackten, jungen 104 Leiber, verschwanden wieder, ab und zu setzte sich ein Schmetterling auf ihre Füße oder auf ihr Haar, und sie rührten sich nicht. Das Pelei bemerkte das Amulett an Menas Hals. »Was ist denn das?« fragte es.

»Ein Andenken von meiner Mutter.«

»Lebt sie noch?« fragte es wieder.

»Nein, sie ist gestorben. Auf sieben Wochen zusammen sind Vater und Mutter gestorben.«

Das Pelei schien nachzudenken. »Ich hab einen Vater«, sagte es, »aber er gibt mir mehr Schläg als zu essen. Und mit meiner Mutter muß ich jeden Tag streiten.«

»Das ist traurig«, sagte die Mena mitfühlend.

Das Pelei wälzte sich auf den Rücken, verschränkte die Hände über den Augen und sagte: »Schau, wie schön die Welt ist, wenn man sie durch die Finger anschaut! Die Küh, die Gimpel dort auf dem Zweig, der blaue Himmel . . . Und alles schläft, die ganze Welt.«

»Gott schläft nicht«, versicherte die Mena altklug.

Peleis Augen blitzten böse: »Es gibt keinen Gott!«

Menas Atem stand still; ihr war, als müßte sie ersticken. Aber die Pelagia erschrak gleichfalls, und es war wieder dieselbe Angst, ihre neue Freundin durch solche Worte zu verlieren. Daher schwächte sie ihre Behauptung sogleich etwas ab. »Mein Bruder sagt's. Er hat nämlich einen großen Zorn auf den Pfarrer; darum leugnet er ihm auch Gott ab. Wenn's keinen Gott gibt, dann ist der Pfaff der größte Gaukler der Welt, meint er.«

»So etwas kann ich nicht hören«, sagte die Mena, ernstlich verstimmt. »Wenn's keinen Gott gäb, wer hätt dann die Welt erschaffen?«

Das Pelei lachte: »Wenn's einen Gott gibt, wer hat denn ihn erschaffen?«

»Gott ist ein reiner Geist«, sagte die Mena mit großer Überzeugung.

»Und was ist ein reiner Geist?« Peleis Augen blitzten voll Bosheit.

Darauf wußte die Mena natürlich keine Antwort.

Vielleicht wäre in der Folge dieser Streit um Gott und Geist von den beiden Geschöpfen trotzdem in irgendeiner Weise entschieden 105 worden, hätte man nicht am folgenden Tag die Mena zur Bäuerin befohlen. Das kam öfter vor, ein Gang oder eine besondere Arbeit, aber diesmal machte die Haginghoferin ein strenges Gesicht und musterte die Mena von oben bis unten. Als sie endlich redete, klang ihre Stimme seltsam gleichgültig, ohne Betonung, als ob jemand anderer spräche: »Du hast die Kühe alleingelassen und dich mit dem Schinderpelei im Moor herumgetrieben . . . Hast ganz nackt im Eglsee gebadet . . . Hast schamlos auf der Wiese getanzt . . . Du wirst schwerlich lang bei uns bleiben!«

Die Haginghoferin war ernstlich böse; jemand hatte an ihren Glassturz gestoßen. Nackte Menschen, Jubelgeschrei, Blumensprache und Sonnenschein zerstörten die heiligen Bilder, womit sie ihre Seele umstellt hatte.

Die Mena kroch ins Bett. Zuerst flog ein wilder Trotz in ihr empor; sie hatte Lust, bei der nächsten Gelegenheit der Bäuerin etwas von Scheinheiligkeit und Hartherzigkeit ins Gesicht zu sagen, ihr Bündel zu nehmen und davonzugehen. Das waren wohl Sprößlinge, die das Pelei gesetzt hatte. Aber dann gab sie sich wieder Armesündergefühlen hin, und die Worte aus ihrem Gebetbuch fielen ihr ein: »Ich bin in die Arme des Lasters gefallen!« – Sie begriff plötzlich, mit bitterem Weh, wie glücklich sie bisher, ohne es zu ahnen, bei ihrer Arbeit und ihren geheimen Phantasien gewesen war. Verzweiflung erfaßte sie: – Ich bin häßlich, eine Waise, ganz verlassen, mein Leben ist nichts wert, gar nichts wert! – Sie wühlte sich in das rotgestreifte Kissen, bis in den Polsterzipf, wohl in der Meinung, wenn sie sich ganz der Verzweiflung hingäbe, müßte irgendeine günstige Wendung für sie eintreten. Und wirklich strömte alsbald aus dem Urgrund ihrer Seele wieder jene Wärme, die den Tränen voranzugehen pflegt. Mit diesen Tränen, die Polster und Deckbett benetzten, veränderte sich auch sogleich die ganze Sachlage. Sie hörte, wie draußen die letzten Hofgeräusche verstummten, der Abendgesang der Vögel anhub, und dachte: Hören es auch meine Geschwister? Scheint auch in ihre Kammer der Mond? Oder haben sie vielleicht gar keine Kammer und schlafen in irgendeinem elenden Winkel? Denken an daheim, an mich, weinen sich in ihrer Verlassenheit die Augen rot?

Am nächsten Morgen, einem Sonntag, erkannte sie sogleich, daß bereits alle von der Sache wußten, und sie erfuhr auch, wer ihr 106 Angeber gewesen war: der Einlegerlenz! Sie konnte es fast nicht glauben: Kein Tag war vergangen, ohne daß sie ihm nicht einen guten Bissen zugesteckt hatte. In dieser Stunde schlug ein Mißtrauen in ihr Wurzeln, und sie gelobte sich, dieses Bäumchen von nun ab etwas zu pflegen, um später womöglich vor ähnlichen Enttäuschungen bewahrt zu bleiben. Seltsam war es auch, daß im Hause, ohne weiteres zu prüfen, alle der Bäuerin recht gaben. – »Mit so einer sollst du nicht einmal reden!« sagten sie. Auf dem Haginghof ging alles in einem festen Geleis, und alles fühlte sich wohl. Daß jedes seine Pflicht tat, war selbstverständlich, wie der Regen fällt und die Sonne scheint. Daher wurde auch nicht leicht jemand gelobt; kam es zu einem Tadel, wurde er so ausgesprochen, daß er als Merkfall für alle diente, und das trübte die Stimmung der Arbeitsgemeinschaft. Hier fand sie also keinen Anhalt. So flohen ihre Gedanken sehnsüchtig zu den Geschwistern: sie sehen, ihnen in die Augen schauen, mit ihnen reden können.

Nach dem Mittagessen trat sie, nicht ohne Trotz, vor die Bäuerin hin, ob sie einen ganzen Sonntag frei haben könnte, um ihre Geschwister zu besuchen. Aber wiederum täuschte sie sich. – »Einen ganzen Sonntag? – Das ist nie bei uns gebräuchlich gewesen.«

Dieser Bescheid erbitterte sie. Sie saß auf ihrem Bett wie verstockt und versteinert. Dann kramte sie in ihrem Holzkoffer, dessen Habseligkeiten ihr als eine zweite verkleinerte Heimat erschienen. Sie führten ihr, wie durch einen Zauber, Bilder aus der Kindheit vor die Augen, und alle diese Bilder, jede Szene, jedes Wort, der Sonnenstreifen, der durchs Fenster fiel, der kräuselnde Rauch, der vom mütterlichen Herdfeuer aufstieg, die grünlasierte Schüssel, mit dem Berg rissiger Kartoffel, das Scherzwort, womit der Vater den größten und ungehobeltsten davon aufspießte, atmeten ein Paradies aus.

Die Kleindirn versuchte, sie zu trösten; aber dann begann sie mit der größten Hingabe sich schön zu machen. Sie brannte sich das Haar und machte sich zum Fortgehen fertig. Irgendwo war eine Bauernhochzeit. – Alle sind glücklich, nur ich allein nicht! dachte die Mena.

Tatsächlich hatte nach einer halben Stunde alles den Hof verlassen; selbst der Haginghofer und seine Frau waren fortgegangen. Die 107 Mena saß am Fenster und horchte auf das leise Gackern der Hühner, die vor dem Hause spazierten, auf das Plätschern des Brunnens, das Zwitschern der Vögel, das aus dem Obstbaumwalde kam, und auf die Klänge der Tanzmusik. Und wiederum flossen ihre Tränen wie ein warmer Nachtbrunnen.

Plötzlich hob sie den Kopf und horchte: – Ganz fein, wie aus einem unterirdischen Keller, summte und sang etwas, wie eine begrabene Nachtigall. Der Ton kam näher, immer näher, bis er vor ihrer Tür jubelte und klagte, floh wiederum, und dann dünkte ihr, als ob verlassene Waisenkinder in einer fernen, unzugänglichen Felsenschlucht weinten. Aber plötzlich war er wieder nah, stieg mächtig an, und es schien, als ob hundert Tamboure von den Bergen niederstiegen und zur Schlacht riefen, zum Sieg. Sie öffnete die Kammertür und schlich den Gang zurück. Hier beugte sie sich zum offenen Fenster hinaus und forschte nach allen Seiten.

Unter dem Holunderbusch entdeckte sie eine seltsame Menschengruppe. Da saß der Schieringhies auf der Dengelbank und schlug die Maultrommel; er hatte seinen großen Kopf auf die erhöhte Schulter gelegt. Ihm gegenüber hockte der Vize; die Ellenbogen auf den Knien und den Kopf in beide Hände gestützt, so daß sein unnatürlich langer, weißer Schnurrbart über seine beiden Fäuste herabhing. Daneben saß der Kropfjodl; starr und unbeweglich. Abseits, auf einem Hackstock, das Wichtlweibl; in einer violettseidenen Schürze, schwarzem Samtmieder und rotgeblumtem Busentuch, welche farbige Pracht in einem unheimlichen Gegensatz zu ihrem runzeligen Greisinnenantlitz stand. Sie hatte die Hände mit den Knochenfingern auf ihrem Krückstock liegen und lauschte so dem Schlag der Maultrommel.

Plötzlich unterbrach Schiering das Spiel, und alle vier blickten herauf: »Komm!« sagte das Wichtlweibl. »Hilf uns das Haus hüten!«

Die Mena ließ sich das nicht zweimal sagen. Froh, dem Alleinsein zu entkommen, lief sie mit ihrem Strickzeug die Stiege hinab und nahm zwischen dem Vize und dem Jodl Platz. Das Wichtlweibl schnalzte in einer besonderen saugenden Art mit den Lippen und sagte: »Jetzt haben sie einmal dich in der Reuse, was? – Diese scheinheiligen Gesichter!«

Die Mena tat harmlos; diese vier Menschen erschienen ihr 108 plötzlich als eine Art Wunder, und sie konnte ihre Blicke nur schwer von dem einzelnen Bilde lösen. Ein größerer Gegensatz war nicht zu denken: der Vize, ein ausgeglühter Mannskerl, von Arbeit und Alter krummgebogen wie ein Faßreifen, ein Lächeln um seinen faltigen Mund und ein ironisches Blitzen in seinen graublauen Augen. Der Kropfjodl, man konnte ihn nicht anschauen, ohne sich zu fragen: wie kann ein Mensch so sein? – Ein rotes Säuglingsgesicht, Augen, die wie von außen angesetzt erschienen, und einen Mund, so klein wie ein Mausloch. Endlich das Wichtlweibl und Schiering, ebenfalls weit von jeder Schönheit entfernt.

Was die Mena anbelangte, so war sie auch nicht schön, aber voll robuster Gesundheit, und sie konnte unter den vieren als ein guter Kontrast gelten. Um ihr volles Gesicht, das ernster aussah, als es ihren Jahren entsprach, waren die braunen Zöpfe gewunden; ihr perkalener, blaugemusterter Waschkittel, unten zu kurz, ließ einen Fuß sehen, der es verdiente, näher beschrieben zu werden. Das war ein wirklicher Fuß, aus der Naturwerkstatt, die alles gut macht, hervorgegangen, voll Sinn und Kraft, vorn breit, Zehe an Zehe in einer Linie, wie mit einem Beil abgehackt, und man konnte sich vorstellen, wie dieser Fuß sicher und verläßlich über Kuppen und Gebirge schritt, eine schwere Last auf den Schultern und eine vielleicht hundertmal schwerere im Herzen.

Der Schieringhies fing wiederum an, seine Maultrommel zu schlagen; alle saßen mäuschenstill, und allmählich verklärten sich die Mienen des Zauberers und der Verzauberten. Sie hatten wahrscheinlich, durch die Musik beeinflußt, Tagträume. Dem Schieringhies kam der verrückte Gedanke, die Mena hätte sich mit ihm näher eingelassen und wäre, auf irgendeine Weise, sein Bettgemahl geworden. Er sah sie als Mutter in wehendem roten Unterrock durch eine taghelle Mondlandschaft schreiten, auf den ausgestreckten Händen eine winzig verkleinerte Welt mit Bäumen, Höfen, Brunnen und weidenden Kuhherden, und an den Kittelfalten eine Schar hüpfender Kinder. Es war wohl nichts anderes als das Weltweib, das er in seiner Sehnsucht erblickte, Gottes Ehefrau, die in ihren starken Armen die Welt samt ihren Bergen und Tälern, Fruchtparadiesen und Eisgipfeln, Ländern und Städten trägt. Der Jodl dachte auch an den Körper des jungen Weibes neben ihm; er blickte mit seinen Stielaugen auf die anspringende Fußlinie über der 109 Fessel; sie hakte sich gleichsam in seinem Innern fest und schien ihm die Seele aus dem Leibe zu winden. Einige Male schnaubte er tief, als wäre ihm zum Ertrinken oder zum Ersticken, und hieb dabei nach den Stechfliegen, die ihn umsummten. Der Vize ließ ebenfalls seine Augen über Menas Körper spazieren, während den Mund noch stärker das ironische Lächeln umspielte. Dies Lächeln war bei ihm in einem gewissen Alter entstanden, wo er angefangen, ein nutzloser Schragen zu werden und weder bei den Weibern noch bei der Arbeit, noch sonstwo etwas zu gelten. Es besagte, und war auch sein Leibwort: Ich kenn das ganze Narrenspiel, dieselbig Weiberei! – Und trotzdem nahm er sich an dem weiblichen Gast so viel, als seine Augen fassen konnten, und sie faßten alles und das Kleinste.

Die Mena wäre kein Weib gewesen, wenn sie nicht gemerkt, was da, wenn auch unterirdisch, vorging. Wie sich die Mienen der Zuhörer immer mehr beseligten und mit einem schmachtenden Ausdruck zum rötlichen Abendhimmel starrten, kam der Kitzel des Lachens und des Übermuts über sie. Der Vize schien nichts als eine große Nase und ein großer Schnurrbart, der arme Jodl ein atmender Riesenkropf, der Schieringhies ein Hampelmännchen aus Holz, wie man sie am Kirchtag kauft, und das Wichtlweibl eine Hexe, die zu ihrem Sonntagsvergnügen ausgeritten und sich unter dem Hollerbusch niedergelassen hat. Um den Lachteufel, der in ihr aufsteigen wollte, zu unterdrücken, fragte sie: »Hies, wo hast du nur so schön die Maultrommel schlagen gelernt?«

Der Vize antwortete: »Der Hies ist ein Unikum! Der kann jeden Vogelpfiff nachmachen; so, daß man meint, der Vogel wäre es selber.«

Der Hies protestierte: »Alle nicht! Aber was so um die Höf herumsingt und pfeift, Grasmück, Stieglitz, Spottvogel, Wachtel, Drossel, Bachstelz, das schon. Das hab ich von klein auf jeden Tag und jede Stund an meiner Wiegen gehört.«

»Weil nämlich«, erklärte der Vize, »sein Vater ein Vogelhändler gewesen ist.«

»Und warum bist du nicht auch ein Vogelhändler geworden?« fragte die Mena.

Schiering steckte seine Maultrommel ein. »Ja, mein Gott«, sagte er, »wie sie den Vater in die Grube gelegt haben, bin ich eine Weil 110 ganz trübsinnig geworden. Es war so eine vertrackte Stimmung in mir: Ich hab die armen Vögel in ihrer Gefangenschaft nicht anschauen können und sie in Freiheit gesetzt. Ja, und dann bin ich tüchtig herumgestoßen worden in der Welt. Sie haben mich gefoppt, hinten und vorn. Sie haben sich wohl gedacht: wozu ist denn so ein armseliger Jammerkerl sonst da? – War auch wirklich nie ganz gesund; die Bauernarbeit war mir zu schwer. Im Brustkasten drin hat es alleweil gekriselt, und mehr als einmal, hundertmal, hab ich mir selber das Leben nehmen wollen. Hab mir gesagt: Hies, wenn du schon einmal nicht das Zeug zum Leben in dir hast, wirst du doch das Zeug in dir haben zum Sterben. Aber da hat vor mir die Sonn auf die Straßen gescheint, da war der Bach, die Brücke, die Wiesen, die Kornfelder – Herrgott im Himmel, hab ich mir gesagt, wie schön ist doch deine Welt und wie schwer ist doch der Abschied von ihr! – Und wie ich so sinnier, stapft unten der Bettelgruber vorbei – den habt ihr ja alle gekannt, er ist vor Jahren gestorben; der hat die gereimten Sagmahrl und Moritaten auf den Höfen erzählt – der stapft also vorbei, laßt den Kopf tief hängen und sagt: ›Hies, es ist ein großes Malheur, es gibt keine richtigen Reimer mehr auf der Welt! Wie soll ich aber mein Brot finden, wenn ich keine neuen Lieder aufs Tapet bring? – Da hat jetzt der Jäger Ehrenschenk den Bauernsohn von Olbring erschossen, was tät das für ein schönes Liedl geben!‹ – Denk ich mir, das wird doch keine Zauberei sein! – Und richtig, am dritten Tag ist's fertig, ich hab einen frischgeschlagenen Gulden im Hosensack und tu einen Luftsprung. Darum steht auch das ›Lied vom Jäger Ehrenschenk‹ als erstes in meinem Buch.« Er fingerte zärtlich über den rothölzernen Deckel des dicken Bandes, den er neben sich liegen hatte.

Die Mena schüttelte verwundert den Kopf; sie spürte, daß es ein seltsamer Genuß war, halbmüßig in der Abendkühle zu sitzen und das Schicksal eines besonderen Menschen, wie es der Hies ohne Frage war, kennenzulernen. – »Kannst du uns nicht das ›Lied vom Jäger Ehrenschenk‹ vorsingen?« fragte sie.

Er sagte: »Hab in meinem Leben keinen einzigen richtigen Ton gesungen! – Vorsagen, das schon!«

Die Mena bat so sehr, bis er in einer Art Sprechgesang das Lied endlich aufsagte. 111

»Im Jahre Anno siebenundvierzig,
Da hat sich was Neues zugetragen,
Da waren drei Schützen im Walde,
Das Reh und das Hirschlein zu jagen.

Zwei Jäger, die kamen auch des Weges,
Und trafen einen Schützen allein,
Das wurde ihm schnell zum Verhängnisse,
Er wußte nicht, wo aus, wo ein.

Ein Jager, und der war kalt und lau,
Und voller Ambition;
Dacht nicht an Menschen- und Christenpflicht,
Nur an die Beförderung.

Der schoß ihm drum entgegen sogleich
Und traf ihn in den Schoß,
Und auch der zweite blieb nicht faul,
So daß er fallen muß.

Nicht fünf Minuten dauert es an,
Da kommen die Schützen voll Zorn:
Sie finden den Kameraden
in den letzten Zügen schon.

Sie knien bei ihm nieder
Und beten und denken voll Pein:
Mag das ein großer Kummer
Für die alte Mutter sein.

Josef Koller, das war sein Name,
Kaum zweiundzwanzig Jahr:
Ein Bürschl wie ein Tannenbaum,
Mit blauem Aug und blondem Haar. 112

Und der, der ihn erschossen hat,
Der war kein Stund verhaft,
Das war der Jäger Ehrenschenk,
Den hat kein Richter gstraft.

Ei, du eiskalter Jägersmann,
Kommst einst vors Jüngst Gericht,
Dann wirst auch du erschrecken,
Wenn Gott dein Urteil spricht.

Ei, du eiskalter Jägersmann,
Was hast für einen Lohn?
Hast ihn geschickt in d' Ewigkeit,
Was hast du nun davon?

Und was mein Liedlein lehren tut?
Glaubt mir, ihr lieben Leut:
Es ist die ganze schöne Welt
Voll Ungerechtigkeit.

Doch wer sich drob beklagen wollt,
Das wär ein rechter Narr:
Ist doch die Ungerechtigkeit
Die größte Macht fürwahr.«

Die Zuhörer rührten sich auch dann nicht, als der Aufsager geendet hatte. Sie blickten schweigend in den sinkenden Abend hinaus, als sähen sie dort den wilden Jäger Ehrenschenk über die Hügel schreiten und den armen Josef Koller im Walde verbluten. Die Mena sagte endlich: »Nein, aber so traurig! Jetzt mußt du uns aber auch ein Lustiges zum besten geben.«

Der Schieringhies blätterte und brummte dann eine kleine Reimerei vor sich hin . . .

»Zwischen zwei Tannenbäum
Sitzt ein Gugu,
Wann i zu mein Dirndl geh,
Sing ich juhu. 113

Sicher der Gugu
Auch deswegn so schreit,
Weil sein kleins Weiberl
Ihn sakerisch gfreut.

Wie er schreit, wie nit gscheit:
Gugu, gugu!
Ich versteh alleweil:
Du nur, du, du!

Los, mei Bub, juhu schallt's
Her übers Feld;
Das ist mei Frau Gugu,
Mei Alls auf der Welt.«

Wieder saßen sie still; die Gesichter des Vize und des Wichtlweibls schienen von einem inneren Glanz erleuchtet. Eine längst hinabgesunkene Vergangenheit war auf ein paar Minuten wieder in ihnen lebendig geworden. Die Mena war entzückt: Diese und ähnliche Lieder, recht traurige und recht lustige, wollte sie ein Dutzend haben, und ein Silberzehner für eins wär ihr durchaus nicht zu viel. »Lieder, nur Lieder, und immer singen, so ist's immer auf Ellenhub gehalten worden. Was mir auf Haging so fehlt: niemand singt da!«

Jetzt hatten auf einmal die Mena und der Schieringhies ein gemeinsames Interesse. Aber wie sie, um ihrem Wunsch Nachdruck zu verleihen, die Silberzehner nochmals erwähnte, sagte er: »Für dich kosten sie nichts.«

Das Wichtlweibl forschte nun die Mena eifrig aus und betonte, daß sie selber, in ihren jungen Jahren, eine tüchtige Sängerin gewesen wäre. Sie wollte eine Probe hören, und die Mena versuchte, nach einer improvisierten Melodie, das Gugu-Gsangl . . .

»Zwischen zwei Tannenbäum
sitzt ein Gugu . . .«

»Jesus, hast du eine Stimm!« rief das Wichtlweibl begeistert. »Wie ein Silberglöckerl! – Hies, schreib ihr gleich die Lieder ab, damit sie am Sankt-Veits-Tag mitsingen kann.« 114

Die Mena hatte schon früher wahrgenommen, wie das Wichtlweibl im Gespräch mit dem älteren Gesinde ganz unglaubliche Dinge wußte, von Höfen und Menschen, von Lebendigen und Toten, und hätte gern allerlei von ihr erfahren; aber sie hatte stets vor der alten Einlegerin Angst empfunden. Es kam ihr daher gelegen, daß die Wichtlin selber sie einer Frage würdigte: »Na, wie geht es dir? Hast du dich schon hineingefunden?«

»Gut«, sagte die Mena. »Es ist ja recht schön da heroben und die Arbeit kurzweilig! Ich studier mir dabei alleweil die Leut. Zum Beispiel: der Schindertoni, der kommt mir vor wie ein Jäger; dann der Riesenhans, die Kleindirn . . .«

Das Wichtlweibl unterbrach sie: »Freilich, freilich ist er ein Jäger! Ein Wildbretjäger und ein Weiberjäger, wie keiner in neun Pfarreien zu finden ist.« Sie sog ihre dünnen Lippen ein, als koste sie etwas besonders Gutes, und ließ ein saugendes Schnalzen hören. »Merk es dir, der geht auf die jungen Dirndln, wie der Metzgerhund auf die Kälber. Hüt dich! Der Schindertoni ist wohl der schönste Mann im Ort; aber mit allen Salben geschmiert! Der läßt sich von den Weibsbildern Geld geben! Und arbeiten tut er nur alle heiligen Zeiten. Dafür hat ihn auch der Teufel schon halb in seinen Krallen. Auf solche geht er nämlich! – Dirndl, schau auf deinen Weg! Hundertmal besser ist's, Selbstzwang zu leiden, als fremden. Und frisch gepackt, ist halb getan; das hab ich bei der zuwidrigsten Arbeit bestätigt gefunden. Und was den Lohn anbelangt; ein Dienstbot muß damit umgehn wie mit Safran. Die Dirn muß zur Bäuerin halten, dann fahrt sie gut. Und wenn was fehlgeht, kein Lamento schlagen. Eine gescheite Henn verlegt auch hie und da ein Ei. Und der Mensch ist noch nicht geboren worden, dem alles im Leben glückt. Sich über das wenigste kränken, sich über das meiste freuen, und über das Allerernsteste – lachen. Ja, und daß ich zum Riesenhans komm: er hat ein gutes Herz; versauft aber sein ganzes Gerstl und ißt jeden Sonntag Bratwürst beim Bräu. Die Kleindirn hat den großen Geiz; die klaubt jeden Zwirnsfaden auf, der vom Kittel der Bäuerin fällt.«

Die Mena war stolz, durch das Wichtlweibl einer solchen vertraulichen Belehrung gewürdigt zu werden, und fast ungehalten, daß die Heimkunft des Riesenhans die Stimmung bei den Haushütern zerstörte. 115

Der Hans war etwas benebelt. Er hatte ein Trüpplein halbwüchsiger Mädchen bei sich. »Schaut mich gut an!« rief er. »Wär ich nicht ein richtiger Mann für euch?« Die Mädchen lachten ganz unsinnig. Das Bild, der Riesenhans, umgeben von einer Schar kleiner Menscherln, wiederholte sich jeden Sonn- und Feiertag. Dieser Tag war für die Kinder nicht gerade der glücklichste; das selige Leben der Woche, der Arbeit, des Dabeiseins bei den hunderterlei ländlichen Hantierungen und doch wieder völligen Freiseins war dahin; die Großen gingen ihre eigenen Wege, die für die Kleinen ohne Reiz und voller Unverständlichkeit waren. Und da sie im allgemeinen streng, ja anscheinend lieblos behandelt wurden, als etwas Nebensächliches, wenn nicht gar Unerwünschtes, jedenfalls als etwas, das sich nicht einbilden sollte, irgendeine Wichtigkeit zu haben, war es kein Wunder, daß sie sich aus dieser Welt der ernsten Gesichter, Schelte und Püffe flüchteten und mit Lust um den Riesenhans scharten, der sie immer hätschelte, immer ein paar Kreuzer für Gerstenzucker übrig hatte und genug Zeit, sich für sie an die Schnitzbank zu setzen. Er musterte jetzt die sonderbare Gesellschaft und lachte. »Wichtlin«, sagte er, »was strickst du denn so fleißig? Für wen gehören denn die Schafwollstrümpf? Etwa für deinen Bräutigam?«

Die Wichtlin ließ das Gelächter, das insbesondere der Vize unnatürlich lang fortsetzte, verhallen. Sie nahm es als eine heilkräftige, wenn auch bittere Medizin; sie wußte bereits, der Kelch des Lebens, bei den ersten Zügen von solcher Süße und Köstlichkeit, mußte bis zur Neige geleert werden. Wußte, daß nichts über den Spaß ging, einen kleinen Hund, ein Bettelmännlein oder sonst wen, der weder nützen noch schaden konnte, so recht vom Grund aus zu ärgern. Sie saß vornübergebeugt, die Hakennase berührte fast das Kinn, und blinzelte der Mena zu, als wollte sie sagen: Die Hauptsach weißt du! Aber der Hans ließ nicht ab, in seiner schwerfälligen Weise das alte Strickweiblein zu tratzen. »Ich mein immer, in dich könnt sich noch einer verlieben.«

Das gab ein Gelächter.

Das Wichtlweibl blieb ruhig und heiter. »Glaubst du denn«, fragte sie, »daß es zu meiner Zeit keine lustigen Menschen gegeben hat? Keine feschen Mannsbilder, Tänzer und Gasselbuben? – Meinst du denn, ich hab mir da nicht auch so viel von diesen 116 Sachen geholt, als ich gewollt und gekonnt? – Was die Strümpf anbelangt, so gehören sie dem Helfunsgott-Florl, der hat sich im vorigen Winter die Füß erfroren. Und weil kein einziger Mensch in der Pfarr sich erbarmt, hab ich mich seiner erbarmen müssen.«

Jetzt schwiegen alle. Der Schiering nickte vielsagend. Der Lanzenreiter drehte seinen vizeköniglichen Schnurrbart, und der Jodl schlug nach den Stechfliegen. »Wichtlin«, sagte der Hans endlich, sichtlich bestrebt, sie zu versöhnen, »ist's wahr, daß du einmal eine große Sängerin gewesen bist? Daß du die allerschönsten Lieder gekannt hast?«

»Schönere schon wie die heutigen«, kam es spitz zurück.

»Sing uns so ein altes Lied«, bat der Hans hartnäckig.

»Damit ihr was zum Lachen hättet, ihr Höllteufel!« meinte sie.

Der Hans erschöpfte sich in Beteuerungen und die andern stimmten laut bei. Aber zugleich erfaßte alle eine Angst, wie komisch das ausfallen mochte, und ob sie dabei nicht wieder alle laut lachen müßten und sie so doppelt beleidigen. Jedoch es geschah etwas ganz anderes. In der großen Stille hob eine dünne, gleichsam zerbrechliche Stimme zu singen an . . .

»Meine Leut, seid still,
Was ich euch singen will,
Das ist ein neues Lied,
Ich hab mir's selbst studiert . . .«

Keins rührte sich. Es war unbegreiflich, was da sang; diese Stimme war keine irdische Stimme, sie kam wohl aus einem versunkenen Lande, das einmal voll Schönheit und Glück gewesen, aus einem unterirdischen Kerker, aus dem es keine Rückkehr mehr gab. Sie griff mit einer Geisterhand allen ans Herz: Jugend und Alter, Kraft und Schwäche, geschwellte Muskeln und zitternde Hände waren verschwunden: Es lebte nur mehr das Leben der Ewigkeit.

Die Heimkehr der Haginghofer Eheleute unterbrach diese Stimmung. Im Schein der sinkenden Sonne kamen sie den Feldweg herüber. Am Haginghofer glänzten die vier Reihen von gekrausten Silberknöpfen auf Rock und Weste, die massive Uhrkette mit den vielen Anhängseln, der über und über mit Silber beschlagene Ulmerkopf, eine Tabakspfeife, die er wie ein Szepter lässig in der Rechten 117 trug; und es glänzte auch sein Gesicht, ganz durchsättigt von Völle und Zufriedenheit. Und nicht viel weniger glänzte es an der Bäuerin; die Goldhaube, die Halskette und die Ringe; kein Wunder, daß es den Armseligen unterm Hollerbusch dünkte, als ob das Paar direkt aus dem Hintergrund des rötlichen Abendhimmels zur Erde herabgestiegen käme. Auch war der Haginghofer in der besten Laune, das stand sogleich für alle fest; nicht ganz so sicher war die Ursache dieser guten Laune, und warum er sie seinen Leuten gegenüber zeigte. Vielleicht war es die Musik, das Treiben im Tanzsaal, das Essen, der Wein, die allgemeine Hochachtung, die man ihm entgegengebracht, vielleicht die Schönheit des Sommerabends, das urkräftige Leben ringsum oder der Anblick seines Hofes, der als eine Art Bauernkönigssitz vor ihm lag, kurz, mochte es was immer sein: er blieb stehen und sagte: »Ah, da schau her: das sind einmal vier wunderliche Haushüter!« Und die vier Menschen unterm Hollerbusch erglühten in einer starken Verlegenheit; sie fühlten sich klein und hätten sich am liebsten ganz verkrochen.

Aber es kam noch besser. Während die Haginghoferin sich von der Mena die Handarbeit zeigen ließ, stopfte ihr Mann die Pfeife und reichte dann seinen ledernen Tabaksbeutel dem Schieringhies. Zugleich erklärte er, wie man eine Pfeife stopfen müßte, damit sie richtig zöge. Nachdem Schiering der Einladung respektvoll nachgekommen, wandte sich der Vorstand herum. »Und ihr zwei, wollt ihr nicht auch einmal meine Mischung probieren?« Das war das höchste. Der arme Vize und der noch viel ärmere Kropfjodl gerieten in einen höflichen Wettstreit; jeder wollte bei dieser Ehre dem anderen den Vortritt lassen. Ihre Gesichter tauten auf wie gefrorener Honig in der Ofenwärme; eine selige Rührung strahlte aus den Falten und Krähenfüßen ihrer Mundwinkel und Augen. Und der Haginghofer sah ihnen schmunzelnd zu; dann ging sein Blick zum Wichtlweibl, von ihr zum Vize, er lächelte, und es war dies jenes boshafte Lächeln, das stets einem Spaß von seiner Seite vorauszugehen pflegte. Wenn er angeheitert war, kannte er dann kein größeres Vergnügen, als zwischen zweien, von denen er wußte, daß sie insgeheim in der Hadergasse lebten, den alten Groll aufzuschüren. Er wußte auch genau, daß die Wichtlin ausgiebig hassen konnte, und besonders darin zäh war, sich ihre Rache für einen günstigen Zeitpunkt zu sparen. Man konnte ihr das nicht verübeln. Sie hatte 118 zeitlebens viel Bosheit erfahren müssen und sich daher, zur Abwehr, ein hartes Außenleder und einen Sack voll giftiger Worte zurechtgelegt, die tief ins Fleisch dringen konnten. Diese Bosheit war nicht ganz so schlecht wie ihr Ruf, und gewiß auch eine jener durchaus notwendigen Einrichtungen, womit die Natur ihre Maschinerie im Gang hält.

»Wichtlin«, sagte er, »ich weiß wohl, die Leut tun heutigentags viel lügen; aber sag, ist's wahr, daß du, als ein junges Mensch, drei und vier Liebhaber auf einmal gehabt hast?«

Die Wichtlin blickte grün. »Wer sagt das?« zischelte sie.

Der Haginghofer sah auf den Vize: »Da hast du's!«

Das Wichtlweibl schoß in die Höhe. Ihre Krücke fiel zu Boden. Ihre dürren Hände zitterten, als wollten sie einen unsichtbaren Feind fassen und würgen.

»Du Lügenmaul, du gottvermaledeites!« zeterte sie. »Das ist wahr, daß es in neun Pfarreien keinen größeren Bock gegeben hat als dich! Dreizehn Bankerten hast du in die Welt gesetzt.«

Der Haginghofer brach in ein großes Gelächter aus. »Vize, laßt du dir das gefallen?« rief er.

Der Vize stotterte etwas. Sein Schnurrbart wippte auf und nieder. Er streckte den Kopf weit vor, und die beiden alten Menschen glichen jetzt zwei zerzausten Geiern, die sich einander die Augen aushacken wollten. »Soviel ist wahr«, sagte er, »du bist so männernärrisch gewesen, wie nicht leicht eine! Nun ja: du warst fesch. Bei dir hat sich das Sprichwort bewahrheitet: junge Engel, alte Teufel.«

Der Bauer schüttelte sich vor Lachen, daß die doppelgliedrige Uhrkette über seiner grünsamtenen Weste auf und nieder sprang. Er fing zu husten an, erholte sich aber wieder und lachte von neuem los. »Wichtlin«, rief er, »hau zurück!«

Das Wichtlweibl ließ ihr saugendes Schnalzen hören; Speichel floß aus ihrem Mundwinkel. Sie schrie: »Du zaundürrer, du ausgekochter Geier, du! Wann ich so ein Mannsgesicht anschau wie deins, wird mir ganz übel.«

Der Haginghofer lachte unaufhörlich und sagte endlich lachend zum Schieringhies: »So! – Der Mensch muß auch seinen Spaß haben. Jetzt komm und lies mir die Kaiserred vor!«

Bei dem Worte »Kaiserred« erschrak die Mena. – Also doch! dachte sie, und sogleich meldete sich der alte Kummer wegen des 119 weißen Kleides. Ab und zu drangen Bruchstücke der Rede herüber: – »seinem angestammten Kaiserhause . . . Seiner Majestät untertänigst ans Herz . . . zu schirmen und zu schützen . . .« Sie hätte am liebsten geweint.

Das Wichtlweibl schlang einen Rosenkranz um die Hände und schien zu beten. Der Kropfjodl schlug nach den Gelsen. Der Vize schnappte an seiner Pfeife, so als ob er unbedingt verpflichtet wäre, eine bestimmte Zahl solcher Schnapper vor dem Bettgehen hinter sich zu bringen. 120

 


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