Johannes Freumbichler
Philomena Ellenhub
Johannes Freumbichler

 << zurück weiter >> 

Der Bruder aus Wien

Das Laufen der Siebziger war für das Dorf eine der schönsten Erinnerungen. Man wurde nicht müde, davon zu sprechen, und jeder schmückte es nach seiner Weise aus. Unglaublich, wie dabei manche, sonst durchaus ernste Männer, zu Fabelhansen wurden, zwar den Erlebnissen getreu anhuben, dann aber Übertriebenes, ja sogar Erfundenes zum besten gaben; weil dies, ihrer Empfindung nach, dem Verlangen der Zuhörer mehr entsprach als die einfache Wahrheit.

Eine besondere Sache trug sich mit dem Alt-Haberger zu. Er erkundigte sich eifrig bei solchen, von denen man annehmen konnte, daß sie über viele Dinge in der Welt Bescheid wußten, wo und wann in der nächsten Zeit solche Läufe stattfänden, damit er hinreisen könne. Hatten sie ihn bisher aufrichtig bewundert, weil er fast erster geworden war, so spöttelten sie jetzt offen über ihn, und seine ansonst ehrwürdige Gestalt erschien plötzlich in einem zweifelhaften Licht. Sie waren bloß über das Motiv seiner Narrheit im ungewissen. Das Glimpflichste, was sie ihm nachsagten, war, daß er aus dem Wettlauf ein Geschäft machen wollte.

Was die Mena anbetraf, so schnitt sie am allerschönsten ab. Der Tag hatte ihr keinen einzigen Mißton gebracht; er strahlte mit seinem Himmelsblau und seinem Jubel in ihre weiteren Arbeitstage hinein und blieb eine Freude, geeignet fürs ganze Leben vorzuhalten. Und sie lebte auch in der denkbar fröhlichsten und zufriedensten Art; nur eine Störung gab es, und die hieß Lambert! Er stellte ihr eifriger denn je nach; und sie war ein Weib und überdies eine arme Magd; aber sie blieb trotzdem fest.

Als sie so sann, wie der Sache mit Lambert am besten beizuhelfen wäre, kam von selber eine Wendung: ein Brief vom Bruder Silvester aus Wien, worin er seinen Besuch ankündigte. Jahre hatten sie sich nicht gesehen; die Briefe waren selten geworden, denn sie lebten in zu verschiedenen Welten. Und doch hatte sie in stillen Stunden immer wieder an ihn gedacht. 312

Ein paar Tage vor Michaeli wanderte sie zur Bahnstation. Sie hatte den Rock hochgeschürzt; der grellrote, reich bestickte Unterrock leuchtete weit hin; das schwarze Kopftuch war in Flügeln hochgebunden; am linken Arm trug sie ihr Körbchen und in der rechten Hand ein Parapluie mit spanischen Rohren.

Es war für sie eine besondere Freude, an einem solchen Gottesmorgen, in reinen Kleidern, auf der staubtrockenen Straße dahinzuwandeln, und noch dazu in eine fremde Landschaft hinein, die sie nur einige Male flüchtig gesehen hatte. Die Orte, die sie auf ihrer Wanderung sah, waren ihr fremd; es war unglaublich, wie sich da alles anders ausnahm, anders stand und bewegte, als im Dorf. Was sie nur für einen wunderlichen Brunnen hatten! Und welch einen unmöglichen Kirchturm! Er erinnerte sie lebhaft an eine Rübe.

Und erst der Bruder selber! Er war es und war es nicht! Er trug einen frackartigen, blauen Rock mit silbernen Knöpfen, gelbe Hosen, einen gewundenen Spazierstock und eine Halsbekleidung, die sich in übereinandergelegten Falten bis an die Backen drängte, ja sie umschloß. Und was sie am meisten verwirrte: sein Bart! Der ganz und gar ungewohnte, rotblonde, bis in die Magengrube fallende Demokratenbart. Der Bruder hatte es für nötig gehalten, in seinem Äußeren alles Feine zu vermeiden und auffällig die Verwandtschaft mit der Kraft des Volkes zu betonen. Und hier fiel dies um so mehr auf, weil der Bart bei den Bauern nicht beliebt war. Höchstens die Jungen trugen, besonders nach den Militärjahren, so einen »Flederwisch«, wie die Alten den Schnurrbart nannten, um ihre Männlichkeit auf den ersten Blick hin zu beweisen. Aber es kam meist schnell die Zeit, wo sie darüber hinaus waren.

Also erschien ihr der Bruder fremd. Erst als sie auf der Straße der Heimat zuwanderten und Silvester zu reden anhob, wurde er ihr traulicher. Es gab zwischen den beiden Geschwistern viel zu erzählen, und die Neuheit machte ihnen die Stunde köstlich über alle Maßen. Menas persönliche Verhältnisse wurden von ihr dargestellt, und hierbei hörte der Bruder die so lang entbehrte Heimatsprache wieder. Er staunte über ihren belehrenden Ton und fragte: »Wie alt bist du denn eigentlich, Mena?«

»Das sag ich dir nicht!« lachte sie. »Bin schon eine alte Kuh. Man wird nachdenksam, wenn einen das Leben recht kujoniert. Dienen ist hart, und wär's zehnmal im Schmalz herausgebacken.« 313

Er fragte, ob sie sich schon etwas erspart, und sie antwortete schämig, daß sie den Lohn nie angegriffen, sondern sich so durchgezwängt hätte. Ein kleiner Handel komme ihr zugute. Ein Fäßchen selbstangelegten Branntweins, den sie bei Gelegenheit abgäbe; und dieser Gewinn machte ihr eine besondere Freude, weil er keiner Arbeit bedurfte. »Mit dem Geld«, schloß sie, »ist's so eine Sach: je leichter man's erwirbt, desto leichter fliegt's davon. Bei den meisten hat's keinen Bestand, und das Ende ist Jammer und Elend.«

Der Bruder blieb während ihrer redseligen Erklärungen schweigsam. Er horchte auf den gleichmäßigen Tonfall ihrer Rede, und es dünkte ihn, als hörte er einen Brunnen rauschen, nach dessen Wasser er seit Jahren insgeheim durstig gewesen war. Sie erzählte von den verstorbenen Eltern, von den Geschwistern, welche Plätze sie gefunden und wie sie sich führten; und besonders von dem Tage, wo der Ähnl den ersten Preis gewonnen hatte. Sie entrollte eine Fülle von Ereignissen und Menschen, plastisch und gegenwärtig, wie zum Greifen. Aus ihrem ganzen Wesen sprach etwas Reifes, Erquickendes, das einem alten Wein glich oder Äpfeln, die man im Kasten hat abliegen lassen.

»Jetzt weiß ich's«, sagte er lachend, »woher ich die dumme Leidenschaft hab, am großen Wettlaufen der Welt teilzunehmen. Des Ähnls Lebenskraft war damit noch nicht erschöpft, daß er mehr als ein halbes Jahrhundert auf dem Acker fuhr, die Gemeinde leitete, bei tausend Beschwernissen und tausend Lustbarkeiten dabei war – nein, er macht sich knapp vor dem Achtziger noch auf, läuft wie ein Junger und gewinnt den ersten Preis. Das ist die Ellenhuber Rasse!«

Ganz vertraulich wurde ihr der Bruder erst, als er anfing, von seiner herrischen Redeweise in die Bauernmundart überzugehen. Da waren sie wieder vollkommen Bruder und Schwester.

Die Mena hatte eine aufrichtige Freude. Alles an ihm war ihr neu; sie bewunderte seine Gelehrtheit, sein Wissen und am allermeisten seine Art zu sprechen. »Nein, aber nein«, sagte sie wiederholt, »die schöne Aussprach! Da könnt ich eine ganze Nacht zuhören und nicht schlaferig werden.« Dagegen bemühte sie sich nicht besonders, das, was er sagte, zu verstehen. Es ging ihr da so ähnlich, wie bei den Predigten des Pfarrers Gries.

Wenn Silvester von seiner Stadtwelt erzählte, zeigte sich ein Riß. Er war an der kaiserlichen Sternwarte angestellt; begreiflich, daß 314 der Kaiser etwas von den Sternen wissen wollte, wie sie sich drehten, ob schnell, ob langsam; daß er bestrebt war, möglichst viel vom Himmel zu erfahren, wo sein Oberherr residierte, jene Allmacht, die niemand mehr über sich hat: Aber wie reimte sich damit die Tatsache zusammen, daß der Bruder heftig gegen den Hof redete? Gegen die Beamten, Schranzen und Aristokraten? – Und wie kam's, daß seine Züge, wenn er davon sprach, sich jedesmal veränderten und aus dem lustigen Vestl ein galliger Mensch wurde, so daß die Schwester ein Gemisch von Mitleid und Schrecken empfand?

Der erste gemeinsame Ausgang der beiden war am Sonntag, und zwar in die Kirche. Anfangs wollte Silvester nicht recht; er meinte lächelnd, die Kirche wäre für Kinder und Unwissende, aber da wurde sie fast böse. »So seid ihr jetzt alle, ihr Mannsbilder!« schalt sie. »Wirst doch deinen Glauben nicht ganz verloren haben? – Geh nur mit! Überleg nicht lang! Folg! Die andern Geschwister folgen mir auch.«

Er brach über diese energische Ermahnung in ein Gelächter aus. »Die Mutter Mena!« rief er, ging aber doch. »Schließlich«, sagte er, »die Kirche und alles, was drum und dran hängt, ist ja der Rahmen meines glückseligen Kinderlandes. Aber sonst: sie hat zuviel gesündigt, am Volk, am Geist und an der Wahrheit!«

Sie stiegen die ersten Stufen hinan. Vom Pfarrhof herüber kam der Pfarrer. Seine gebeugte Gestalt hob sich vom blauen Himmel in einer scharfen Silhouette ab. Er lachte den Kirchgängern zu und drückte sein schwarzes Käppi auf seinen Weißkopf.

Auf dem Platz vor dem Glockenhaus stand der Haginghofer, der Koadjutor Kletzl und der Oberlehrer Zauner. Der Haginghofer fuhr mit der Pfeife in sorgfältig bedachter Stufe hoch. Wie die Mena ihn sah, gewahrte sie mit einem leichten Erschrecken, daß sein Haar angegraut war und etwas wie ein Schleier über seinem Gesicht lag. Er sagte mit einem boshaften Seitenblick auf die Geschwister: »Ja, mein lieber Herr Kooperator, das ist das Problem! Sie reiten an!«

»Wer?« fragte Kletzl und warf den roten Kopf zornig herum. Er war immer zornig, ohne zu wissen, warum.

»Die Rebellen, Umstürzler und Gottesleugner! Ja, das ist ein großes – Problem!«

Zauner tat, als ob er nichts gehört hätte. Beide, der Haginghofer, 315 der hochmütig mit der Pfeife grüßte, und der hitzige Koadjutor, gefielen ihm nicht. Er war aufgeklärt, las viele Bücher, sogar neumodische Romane.

Gries stellte seine Predigt auf das Verhältnis der Städter und Landbewohner ein und führte aus, wie es ein Unrecht sei, die Städter um ihr scheinbar bequemeres Los zu beneiden oder gar zu hassen. »Kopfarbeit«, rief er, »ist schwer. Kopfarbeit macht Kopfzerbrechen!« Er griff sich mit einer ausdrucksvollen Geste an den eigenen Kopf, und die Bauern waren besorgt, ob er nicht etwa sein altes Haupt für die Sonntagspredigt überanstrengt hätte. Denn, wenn sie ihn auch wegen seines weichen Gemüts verspotteten, waren sie ihm trotzdem herzlich zugetan. Es strahlte etwas aus seiner Greisengestalt, aus seinem Antlitz, daß der freisinnige Bauerngelehrte, der im Stuhl der Ellenhuber saß und stets einen Spottpfeil gegen die Pfaffen bereit hatte, ganz ernst wurde. »Die Menschen«, rief der Pfarrer, »sind gut, wenn sie auch zu dem Besseren leider noch immer gezwungen werden müssen. Es gibt eine Rettung aus der Qual der eigenen Seele, aus der Qual der Gemeinde, aus der Qual der Welt. Und diese Rettung ist beschlossen, einfach, heilig und groß, in dem Wort: Liebet euch untereinander! Jawohl! Seht, wie der Himmel so rein und blau herablacht: liebet euch untereinander! Horcht, wie die Quellen sprudeln: lieber euch untereinander! Hört, wie die Lerchen tirilieren: liebet euch untereinander! – Ruft in euch die Liebe der ersten Christen wieder wach, die Liebe jener kleinen Gruppe von verachteten Menschen, die mit ihrem Herrn und Meister auf den Höhen von Nazareth wandelten. Ihr müßt mit dieser Liebe den Anfang bei euch selber machen; ihr müßt über die Sünden und Fehler eurer Mitmenschen beständig hinwegsehen und, glaubt es mir: euer Herz wird ein Jauchzen erfüllen, so stark, daß es alle Erden und alle Himmel durchtönt!«

Nach dem Gottesdienst gingen die Geschwister zwischen den Gräberreihen hin, mit den mächtigen Grabmälern und Kruzifixen, untermischt mit den rostigen Eisen- und Holzkreuzen der Dorfarmen. Prunkhafte Steine waren hier, aus Marmor, Granit und Sandstein, die mehr gekostet hatten als eine Keusche samt ein paar lebendigen Kühen. Es war offenbar, daß die Menschen um jeden Preis, mit einer Beharrlichkeit ohnegleichen, den Unterschied von Mensch und Mensch möglichst weit über das Grab hinaus festhalten 316 wollten. Nicht wenige Steine und Kreuze trugen den Namen Ellenhub, und wie die Jahreszahlen zeigten, waren sie vielfach sehr alt geworden; obschon im Dorf seit Menschengedenken kein Arzt ansässig war oder, wie die Kröllin behauptete, eben deswegen. Da lagen sie alle, die Großbauern, die Häusler, die Taglöhner und die Kinder in jedem Alter.

Die Geschwister hielten vor einem großen Grab: »Hier liegen die ehrengeachteten Bauersleut, Josef und Maria Ellenhub . . .« Im Steinbecken davor waren ein Wasserrest und dürre Blätter. 317

 


 << zurück weiter >>