Johannes Freumbichler
Philomena Ellenhub
Johannes Freumbichler

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Der Sieger aus Dalmatien

So war denn der Kaisertag zu einem rechten Jubel- und Weihetag geworden, und dann sank, wie es nicht anders sein konnte, das Leben wieder in sein altes Geleise zurück, das Werktag und Sonntag, Jugend und Alter, Arbeit und Ruhe hieß; in das Element des Magdtums, wo es sich durchaus ruhig und geborgen fühlte. Und die Mena war der festen Meinung, daß sie nun so munter und froh weitersegeln würde; aber sie hatte, wie es im Leben gewöhnlich zu gehen pflegt, die Rechnung ohne den Wirt gemacht, hatte das Schicksal vergessen, das seinerseits jedoch sie nicht vergaß und sie zum eigentlichen Lebensdienst erst herbeiholte.

Es war an einem Samstag, nach Feierabend. Sie saß auf der Hausbank und strickte. Diese spielerische Arbeit dünkte ihr eine Köstlichkeit ohnegleichen, die Kühle im Hausschatten wie ein Wein. Und im zweisilbigen Wörtlein »Sonntag« lag eine Bedeutung, die gar nicht auszusprechen war. Dieser Tag, wohl symbolisch nach der Sonne benannt, kam für sie stets in einer Art getragener Feierlichkeit heran, war ganz das, was sie unter dem Worte »heilig« empfand, so ein richtiger Himmelstau, der sich labend auf die verdorrte Seele legte. Sie freute sich am Spiel der sinkenden Sonne, am Gesang der Vögel, an den Ausbrüchen der Feierabendlust, womit die Burschen auf den Wegen zogen; sie guckte neugierig zwischen den Obstbäumen hindurch, gegen die Landstraße hinab, ob nicht auch für sie etwas wie ein kleines Wunder in Anmarsch wäre.

Und es marschierte auch tatsächlich eins heran, auf der Reichsstraße, die wie ein weißes Band durch die grüne Landschaft lief. Doch davon merkte die Mena noch nichts. Sie wurde im Augenblick durch die Heimkunft der beiden Schecken abgelenkt.

Heiliger Gott, der Riesenhans und dieser Mensch, das war ein Zusammengleichen! Klein, säbelbeinig, mit einem verdrückten Gesicht, als ob er schon vor der Geburt, noch im ganz weichen Zustand, vom Schicksal eine fürchterliche Ohrfeige erhalten hätte. Sein Name paßte zu ihm, der »Weltuntergang«! Kaum war er im 152 Stall verschwunden, so kündigte sich auch schon etwas wie ein wirklicher Weltuntergang an. – Bum! Bum! dröhnte es von dort her, dazwischen ein hohes Wiehern und wiederum ein Krachen und Splittern. Und wie immer, wenn ins gutgeölte Räderwerk des Hauses etwas Ungehöriges geriet, führte der Teufel den Bauer selber daher. Er kam gerade noch zurecht, um zu sehen, wie die Doppeltür des Roßstalls aufsprang und der zum ersten Roßknecht avancierte zweite, wie aus einer Kanone geschossen, ins Freie sauste. »Die verdammten Schinderluder!« heulte er. Aber der Haginghofer schüttelte energisch den Kopf. »Sind keine Schinderluder!« sagte er. »Gib mir deine Peitsche!« Er nahm den neuen Peitschenstiel in seine breiten Hände, brach ihn in der ofengerechten Länge entzwei und legte die Stücke auf den Holzstoß. Die Geißelschnur mit dem grasgrünen Pollen reichte er dem Weltuntergang und einen Silberzwanziger. »Merk dir's, ein für allemal: Auf meinem Hof gibt's keine Peitsche! Kaum hat der Mensch die Peitsche, hat die Peitsche ihn.«

Und nun zu dem Wunder, das indessen unten auf der Reichsstraße heranmarschierte, und zwar in Gestalt eines Soldaten, im blauen Waffenrock, mit weißem, gekreuztem Lederzeug. Vor den Höfen standen hie und da Leute, und sobald sie seiner ansichtig wurden, grüßten sie ihn mit einer aufrichtigen Freude. Ihre Augen verfolgten ihn, bis er im Tor eines Einkehrgasthofes verschwand. Hier, im kühlen Vorhaus, bestellte er Wein, Käse und Brot. Das ungewöhnliche Geklirr seines Säbels lockte Köpfe an die Türen; der Wirt setzte sich sogar an den Tisch, um den Gast zu unterhalten, freilich auch deswegen, um ihn ein bißchen auszufragen. Vielleicht drohten Einquartierung oder Requisition; es war für alle Fälle klug, sich mit dem Herrn Soldaten auf guten Fuß zu stellen. Auf die Frage, wie der Wein schmecke, bekam er die halb verächtliche, halb belustigte Antwort: »Der Wein ist gut; aber wenn man durch neun Jahr echten Dalmatiner getrunken hat, wird man verwöhnt!«

Der Wirt pfiff durch die Lippen: Neun Jahre echten Dalmatiner? Da war der Herr Soldat wohl nicht aus dieser Pfarr? – Aber der fragte: »Wirt, kennst du mich denn wirklich nicht?«, stand auf, stellte sich, wie zu einer richtigen Musterung, ein paar Schritte zurück, und man sah es dem Wirte deutlich an, wie er sein luckriges Gedächtnis krampfhaft anstrengte, um nicht als ein Dummkopf zu gelten oder den Soldaten zu beleidigen. 153

Der lachte belustigt, zog aus seiner Brusttasche ein Schriftstück und legte es auf den Tisch.

Die Hausleute kamen näher, standen neugierig umher, und insbesonders das Weibervolk und die Kinder konnten sich an dem gebräunten Mannsgesicht, dem Blinken des Säbels, dem goldglänzenden Portepee und der ganzen Prachtgestalt nicht sattsehen. Der Wirt setzte seine Brille auf, beguckte das Dokument, den Doppeladler mit geöffnetem Schnabel, Schwert und Reichsapfel in den Krallen, fuhr mit seinem dicken Finger die erste Zeile entlang und las, zwar etwas stockend, aber doch mit ziemlicher Geläufigkeit: »Vorzeiger dieses Abschieds, der österreichisch kaiserlich-königliche Kanonier, Felix Haginghofer . . .«

»Der Felix!« Der Wirt schlug sich an die Stirn. »Der Lix, der Haginghofer-Lix!« Jetzt war alle Scheu dahin, die Frauenzimmer kamen näher, konnten sich gar nicht fassen und riefen ein übers andere Mal: »Nein, aber nein, Lix, bist du fesch! – Am Sonntag mußt du mich ins Wirtshaus führen! – Am Kirchtag mußt du mit mir tanzen!« Sie machten aus ihrer Bewunderung und Freude, daß ihnen so unverhofft ein aufreizend schöner Kerl vom Himmel gefallen war, keinen Hehl.

Der Lix schritt den Wiesenweg gegen Haging hinauf. So weit das Auge schweifte, sah es Schöberhaufen und Kleehifler, die, gleich Soldaten, in Schwarmlinie standen und wunderliche Schattengebilde auf den kahlen Boden warfen. Hie und da bewegte sich ein verspätetes Heufuder, gingen Gestalten, mit Sensen auf den Schultern, und sangen ein Lied. Langjährige Gewohnheit hatte dem Urlauber diese Landschaft zur einzig möglichen, einzig schönen und einzig bewohnbaren gemacht; und auf sie hin waren die neun Jahre unter dem südlichen Himmel gekommen, das Meer, die Schiffe, Zypressen an glutsonnigen Hängen, Ölbäume, Feigen, dann das Volk der Dalmatiner, Montenegriner, Albaner und so mancher anderer. Kein Wunder, daß die Heimat jetzt auf ihn wie eine Art köstliches Theater wirkte, daß ihm schien, als ob er in ein zauberhaft gewebtes Bild, aus Seiden und Farben, hineinschreiten würde, ein Bild, das ihm halb bewußt, halb unbewußt, an vielen widrigen Stunden und Tagen, woran die Militärzeit keinen Mangel gehabt, vorgeschwebt hatte. Da kam zuerst eine Heuhütte, wie immer unverändert, nur hie und da mit einem Tannenbrett geflickt. Wie 154 oft hatte sie ihn vor einem Gewitter geschützt, wie oft hatte er an langweiligen Tagen drin geschlafen, und wie lachte ihm das Herz bei der Erinnerung, daß es ihm einige Male gelungen war, eine hübsche Dirn hineinzulocken.

Und endlich Haging. Er bemerkte am Brunnen eine Frauensperson, die wusch: es war seine Mutter. Sie war fast noch genauso, wie er ihr Bild Jahre bei sich getragen hatte, nur die Formen und auch das Gesicht war lockerer und schwammiger geworden. Ihre Arme waren vom Wasser krebsrot. Lix grüßte militärisch. Die Haginghoferin hielt inne und sagte: »Der Bauer ist nicht daheim.« – »Kennst du mich nicht?« fragte der Lix lächelnd. Jetzt ließ sie das Wäschestück fallen. »Der Lix!« stotterte sie und wischte sich eilig die nassen Hände an der Schürze. »Nein, aber nein, mein heiliger Gott, bin ich dumm!« Sogar ein paar wirkliche Tränen traten ihr in die Augen. Sie verlor in dieser Minute dasjenige, was immer und unter allen Umständen zu bewahren, eine feste Tradition ihrer Familie gewesen war, ihre Fassung. Endlich sagte sie: »Wie groß du geworden bist!« und ging voran ins Haus.

Lixens Heimkehr machte Aufsehen. Wenn er ins Wirtshaus ging, schossen jung und alt wie Hummeln an die Türen und Fenster: das Ungewöhnliche entzückte sie, das Neue, die bunte Uniform, von der er sich nicht trennte. Überall wurde er umlagert, daheim, auf der Straße, am Biertisch. Es schien ihm plötzlich eine prächtige Sache, all dieses mitgemacht, all diese Länder, Städte und Meere gesehen, alle diese hundert Dinge erfahren zu haben, die man hier kaum vom Hörensagen kannte. Abends kamen die Nachtreiser; Lix öffnete einen Sack und kramte Muscheln in allen Größen und Formen aus, so winzig wie eine Erbse und so groß wie ein Kindskopf. Da kam es dann vor, daß der Haginghofer eine prächtige, perlmutterschimmernde, mit zolldicken Wänden, in die Hand nahm, aufmerksam beäugte und sagte: »Du heiliges Wunder: wozu schafft das Tierzeug sich so einen Panzer an?« – und die Frage sich mit lautem Lachen auch selber beantwortete: »Ei wohl, daß es nicht gefressen wird!«

»Karlstadt, Ragusa, Risano, Perzano!« Der Lix erzählte. »Im Anfang hab ich gemeint, ich lauf davon. In Welschtirol und in der Lombardei haben wir Quartiere gehabt, daß es bei uns schönere Schweine- und Roßställe gibt. In Vinzenza hätten wir in einem 155 Transporthaus übernachten sollen; da hat das Stroh nur so gewimmelt von Läusen. Wir, nicht faul, schließen Türen und Fenster, zünden an und in einer halben Stund ist alles rein.« Dann beschrieb er das Meer, Besuche bei den Perlstickerinnen und auf dem Markte in Cattaro, endlich in montenegrinischen Bauernhütten, und schloß mit dem Übergenuß von Feigen und deren Wirkung, was bei den Männern jedesmal Gelächter erregte.

Das ging so einige Wochen. Mittels seiner Soldatenerlebnisse und seines immervollen Geldbeutels zog er heran, was zu den Lustigen gehörte, und nur das, was damit zusammenhing, kam in sein Blickfeld; gewiß auch noch hundert andere Dinge, aber sie blieben eindruckslos, wie Schatten, um die man sich weiter nicht zu kümmern brauchte.

Zu diesen Schatten gehörte auch die Kleindirn Mena. Wenn er sie von ungefähr sah, zwirbelte er lächelnd sein schwarzes Schnurrbärtchen, ganz erfüllt von dem Bewußtsein, daß er ein Kerl war, bei dessen Anblick jedes Weiberherz hüpfen mußte, doch schwankend, ob er sie anreden sollte oder nicht. Aber der Glanz der Montur und der militärischen Bravaden verblaßte rasch. Lix schaute nach anderen Sensationen aus.

Nun hatte der Pieringertoni, der in solchen Sachen der Hauptmacher war, eine Singprobe für den Sankt-Veits-Tag angesetzt, und in der ersten Feierstunde saßen alle Teilnehmer unterm Hollerbusch. Der Schieringhies hatte sein Buch mit dem hölzernen Deckel aufgeschlagen, und es handelte sich darum, die Lieder festzustellen, die geübt und am Kirchtag gesungen werden sollten.

Lix konnte gar nicht begreifen, was da, ohne seine Mitwisserschaft, unter dem großen Hollerbusch eigentlich vorging. Er hörte, wie sie sangen, eine Strophe zwei- und dreimal wiederholten und immer wieder von neuem ansetzten, und ein weiblicher Jodler, der das ganze schloß, war von solcher Pracht und von solchem Übermut, daß ihn dünkte, als hätte er dergleichen nie in seinem Leben vernommen. Er ging näher und sagte: »Wer kann denn da so jodeln von unsern Leuten?«

»Die Mena!«

Lix stellte sich vor sie hin. »Schau, schau, unsere Mena!« Er betrachtete sie, etwas brutal, so daß eine kleine Verlegenheit entstand. Dies Anschaun war eine gewisse, etwas unangenehme 156 Gewohnheit von ihm, so fest und stichgerade, wie eben die Augen eines Hofsohns, mit vierzig Joch Grund, auf alle andern armen Teufel blicken mußten. Der Schieringhies schämte sich für den Lix und suchte seine Ungezogenheit gleichsam zu verdecken. »Es ist ja bekannt«, sagte er, »daß alle Ellenhuber eine singende Ader haben. Bei jeder Gelegenheit, bei jeder Arbeit singen sie, wohl aus demselbigen Grund, weswegen der Zeisig im Apfelbaum singt: Das Leben tut sie soviel freuen!« Er besprach sich leise mit den Sängern, und sie hoben an:

»Und kehren die Sieger aus Dalmatien zurück,
Da suchen die Mütter mit weinendem Blick:
Der Sohn in der Ferne, nach dem sie begehrt,
Er liegt in Dalmatien tief unter der Erd . . .

Lixens Gesicht leuchtete; er ließ unverzüglich einen großen Krug Apfelmost bringen, war für das Singen am Kirchtag begeistert und übernahm die Sorge für die Liederabschriften, indem er dafür einen Gulden spendierte.

Der große Lix hatte die kleine Mena bisher kaum beachtet; die beiden waren durch eine ganze Welt voneinander geschieden; auch war ein so großes Reißen bisher um ihn gewesen, daß er gar nicht zu Atem gekommen. Aber am nächsten Tag, als sie ein abgetrenntes Wiesenstück mähte, war er plötzlich bei ihr. »Du mußt beim Mähen breitspuriger stehn, sonst hat die Sens keinen Schwung«, sagte er. »Ist's übrigens wahr, daß du den Riesenhans geschmissen hast? – Ja, wie kann denn das sein? – So ein kleines Leut!«

Sie wußte sofort, was diese Sprache bedeutete: damit war sie in die Welt der Erwachsenen aufgenommen, mit ihren eigenen Sitten und Gebräuchen. Aber wie er sie abtätscheln wollte, fuhr sie herum: »Hüt dich! Ich bin nicht so eine!« Er war auch gleich wieder ernst und sprach von anderen Dingen. Für den Anfang genügte es, sonst wurde sie kopfscheu. 157

 


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