Johannes Freumbichler
Philomena Ellenhub
Johannes Freumbichler

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Der kleine David und der Riese Goliath

Es ging gegen den Lanzing; die Märzwinde fuhren kosend über die schneenassen Äcker, und überall begannen schon die Feldarbeiten. Zum Schulgehen war keine Zeit mehr. Die tägliche Sorge der Mena war, selbst zur bestimmten Zeit zu erwachen. Sie »legte sich daher auf die Sorge« und wachte auch meist pünktlich auf. Kaum schlüpfte sie in den Kittel, so polterte der Hans ein Stück die hölzerne Treppe herauf, hielt die Hände vor den Mund und trompetete: »Mena! Mena!« Bei der Suppe hänselte er sie. Dann trat sie ins Freie, hörte den Gesang der Vögel, das Wiehern der Pferde und das Jauchzen auf den Feldern. Auf dem Hausanger lagen schmale Streifen selbstgesponnener Leinwand. Die Bäuerin ging mit einem Spritzeimer die weiße Bahn entlang und sagte lachend: »Schau mich nur nicht so bös an. Besser frühzeitig die Hand verbrannt, als später den ganzen Menschen.« Der Bauer umging die Schecken und stellte fest, daß sie sich, für ihr Alter, gut hielten. Der Riesenhans sagte etwas über Menas festen Schlaf, und der Haginghofer lachte: »Sie hat sicher vom Kaiser und dem weißen Kleid geträumt.«

Der Riesenhans schien mit den beiden Schecken, mit Pflug und Scholle wie verwachsen. Seine Hände glichen Schaufeln, mit Zinken versehen, wie sie so die Pfluggabel umklammerten und das Eisen in die Erde drückten. Sein Ackern vollzog sich mit einer Selbstverständlichkeit und Sicherheit, wie das Fallen und Steigen der Lerchen, das Laufen der verborgenen Quellen, das Emporwandern der Sonne. »Hüh, meine Schecken! – Hott, du Satan!« waren die einzigen Ausrufe, wodurch die Stille von Zeit zu Zeit unterbrochen wurde, und mehr eine gewohnheitsmäßige Zutat, denn die Schecken konnten ihre Lektion auswendig. Sein schlimmstes Scheltwort war: Fix Laudon! Aber da er es nur selten gebrauchte, spitzten die Schecken sofort die Ohren; da war etwas nicht in Ordnung! Wie muß erst der große Generalissimus die Ohren gespitzt haben, als seine Kaiserin ihm zugerufen: »Fix Laudon, gib dem preußischen Malefizkönig eins aufs Dach!« 84

Menas Aufgabe war, den Mist in die Furche zu reißen; das war keine leichte, es hieß Griff und Schritt halten. Wie sie ein gutes Stück umgelegt, hakte der Hans die Stränge los, gab dem Handpferd einen Schlag und sagte: »So, jetzt freßt euch voll!« Er setzte sich ins Gras und machte das Neune-Brot. Er trank Apfelmost und schob große Stücke Kornbrot und Käse hinter seinen blonden Schnurrbart. Die Mena nahm auch etwas, aber nebenbei sah sie traumsüchtig in die Landschaft hinaus, was dem Hansen endlich auffiel. »Was sinnierst du, Mena?« fragte er.

»An daheim denk ich«, sagte sie. »Ob sie wohl auch schon anbauen?«

Hans pfiff durch die Lippen. Dann hob er zu reden an: »Ich versteh dich, Mena! Ganz genau versteh ich dich! Aber das darfst du mir glauben: jeder Mensch hat sein Kreuz und Leiden. Schau mich an: Mein Herz tut zeitweilig hämmern, daß ich vermein, jetzt und jetzt zerspringt's. Du bist eine arme Waise; aber ich hab überhaupt keinen Vater und keine Mutter gehabt!«

Der Mena tat es wohl, daß ein Mensch wie der Riesenhans, der erste Roßknecht auf Haging, so vertraulich zu ihr sprach. Doch sagte sie schnell: »Aber wie bist du dann eigentlich in die Welt gekommen?«

Der Hans fing zu lachen an, ein unaufhaltsames Gelächter, das über die Acker und Wiesen scholl und an den Gehölzrainen ein vielfaches Echo erweckte. Dies Lachen war den Leuten wohlbekannt, als eine der Besonderlichkeiten Hansens. Es charakterisierte sich dadurch, daß es, Punkt eins: bei der geringsten Veranlassung losbrach, oft ganz unverständlich für den Hörer, Punkt zwei: daß es, einmal losgebrochen, nimmer zur Ruhe kommen konnte, und Punkt drei: daß es fast immer an einem Samstag auf irgendeinem der Haginger Gründe losbrach. Es schien da, und bei seiner riesenmäßigen Bauart war dies möglich, irgendwo in der Magengegend ein Sack voll Lachen zu liegen, der gespannt darauf wartete, bis man ihm die Bundschnur löste. Der Mena war die Frage auch nur so herausgeschlüpft; sie wußte ganz gut, wo Mensch und Tier herkamen. Bei seinem Lachen schien ihr, als ob eine schwarze Wolke sich von ihrer Brust höbe und in der blauen Morgenluft zerflatterte. Und so war's wohl auch: Wie die Wolken am Himmel die Sonne verdecken, so verdecken Sehnsüchtelei und Kümmernis die kleine Sonne, 85 die im Herzen eines jeden Menschen genauso ihren Auf- und Untergang, ihr Leuchten und ihre Verdüsterung hat wie die große am Firmament.

Auf dem taunassen Gras kam ein Molch gekrochen, wunderbar schwarzgelb gefleckt. Er sah den Ackerer und das Mädchen eine Weile mit großen Augen an, und sie ihn, bis der Hans bemerkte: »Man sieht gleich, daß der Kerl gut kaiserlich ist.«

In der Mena zuckte etwas: »Ist der Kaiser auch so schwarzgelb?« fragte sie.

»Durch und durch und um und um«, lachte der Hans.

»Hast du den Kaiser schon einmal gesehen?«

Hansens Miene wurde ernst, fast feierlich. Dann sagte er: »Gesehen? – So nah bin ich bei ihm gestanden, wie die zwei Schecken vor uns stehen. Das war nämlich damals, wie ich bei den Hartschieren, in der kaiserlichen Hofburg in Wien, gewesen bin. Da ist der Kaiser oft an mir vorübergegangen, und ich bin gestanden, habt acht! Keinen Zucker! Keinen Rührer! Und der Kaiser hat mich angeschaut . . .« Der Hans fuhr im Flüsterton fort: »Wie er geboren worden ist, war er ein ungemein schwaches Kindl, dessentwegen haben sie ihn Tag für Tag, ein Vierteljahr lang! in eine lebendige Muttersau eingenäht, weil eben die Lebenswärme alles ist. Das Fleisch davon haben sie später an die armen Leut verkauft; daher der Name ›Kaiserfleisch‹. Zu meiner Zeit haben sie für den Kaiser täglich fünf Pfund feinstes Ochsenfleisch gekocht, und solang, bis zuletzt nur mehr ein Tröpferl Suppe übriggeblieben ist. Ja, Mena, da hab ich was erlebt: Jeden Tag, wie ihn Gott vom Himmel gegeben, Wein, Braten und Zigarren! Das war eine Herrlichkeit! Da hab ich die schönsten Aussichten gehabt, meiner Lebtag keinen Handgriff mehr arbeiten zu müssen.«

Die Mena machte große Augen. Ihre Blicke glitten über Hansens Gestalt und seine abgeschabte Hirschlederhose. »Wie hast du denn damals ausgesehen?« fragte sie.

Der Hans tat einen Blick zum Himmel. »Einen schwarzsamtnen Flügelrock hab ich angehabt, und darunter ein lederfarbenes Kamisol – hui, da hab ich mich öfter vor den Spiegel gestellt und mich gefragt: Hans, bist du's oder bist du's nicht?«

Die Mena getraute sich nicht mehr zu atmen. »Aber warum bist du denn nicht beim Kaiser geblieben?« fragte sie. 86

Der Hans seufzte. »Schau, Mena, das Heimweh hat mich nimmer losgelassen.«

»Und möchtest du nimmer zum Kaiser nach Wien?«

Der Hans schüttelte den Kopf. »Und wenn eines Tages eine goldene Kalesche angefahren käm, wenn der Kaiser selbst aussteigen tät und zu mir sagen: Hans, ich brauch so große Leut wie du, möchtest du nicht wieder mein Schloß bewachen? – Majestät, tät ich sagen, ich kann nicht.«

Die Mena staunte; was es nur für Wunder in der Welt gab! Und was für ein Mensch dieser Hans war! Endlich fragte sie: »Aber wenn der Kaiser jetzt kommt, gehst du schon hin?«

»Da muß jeder dabei sein«, bejahte er.

»Jeder?« fragte sie kleinlaut. »Aber ich nicht! Ich hab kein weißes Kleid!«

»Wenn du auch kein weißes Kleid hast«, tröstete er sie gleichmütig, »dessentwegen kannst du ja doch zuschauen, von hinten, und wirst auch den Kaiser sehen.«

Aber die Mena fiel ihm heftig ins Wort: »Wenn ich nicht vorn stehen kann, und im weißen Kleid, will ich überhaupt nicht dabei sein.«

»Mena«, sagte der Hans, »so mußt du nicht denken! Geduldig muß der Mensch sein! Und dann im Vertrauen, ganz unter uns, zu keinem Menschen tät ich das sonst sagen: mit der neumodischen Eisenbahn wird's nichts, und nichts mit dem Kaiserbesuch! Es sollen Eisenfurchen von Wien bis zu uns ins Gebirg gelegt werden, aber die Geschicht hat einen Haken, zwei, sogar drei: – Wo wollen sie das viele Eisen auftreiben? Woher das Holz zu den Tausenden von Schwellen nehmen? Und endlich, wird mit der neuen Eisenbahn überhaupt ein Mensch fahren können? – Ich sag dir: die Leut werden bei dem schnellen Fahren speiben wie die Gerberhund!«

Diese Erklärungen nahmen der Mena eine große Last von der Seele; wenn die Sache sich so verhielt, und sie setzte in die Worte ihres Freundes keinen Zweifel, hatte sie sich umsonst gegrämt. Sie empfand auf einmal eine singende und klingende Freude. Auch Hansens Fröhlichkeit stieg mit jeder Furche. Wenn er feststellte, daß eine Scholle nicht richtig lag, stapfte er pfeifend zurück und drückte sie fürsorglich mit seinen breiten Tatzen zurecht. Selbst die Pferde schienen die Arbeitsfreudigkeit zu empfinden; sie taten 87 keinen unsicheren Schritt. Und der Mena, wie sie so hinter dem Pflug die Mistkreile schwang, ganz eingehüllt in Sonne und Erdgeruch, lachte das Herz unterm blauen Miederleibchen: Ich lebe! Bin glücklich!

Zum Mittagessen ging man nicht heim; keine Minute sollte versäumt werden. Der Hans legte sich ins Gras, und wie die Mena eben dachte, ob er ihr nicht wieder von der Hofburg und vom Kaiser erzählen würde, gewahrte sie, daß er eingeduselt war. Einige Minuten war nichts zu hören als das Schnauben der Pferde, die Maul für Maul vom Raingras abrissen, und das Schnarchen des Hansen. Sein Hemd stand vorn offen und ließ einen schwarzzottigen Pelz sehen. Plötzlich gab es ihm einen Ruck, und seine Stimme hatte einen bettelnden Ton: »Mena, horch auf: mich schlafert groß. Jetzt ein Nickerl tun, das wär die reinste Seligkeit! Alle halbe Stund schaut der Bauer, ob die Schecken über den Acker gehen: sieht aber von dort nur die Köpf von den Rössern. Mena, kehr die Pflugschar um und fahr auf und ab. Die Schecken gehen von selber, brauchst keine Angst zu haben!« Während dieser Rede hatte der Hans wieder die Macht über sich verloren; er schnarchte.

Schlaf nur, Hans! dachte die Mena, froh, ihm einen Dienst leisten zu können, und doppelt vergnügt, etwas probieren zu dürfen, wonach sie schon immer sich gesehnt: eine echte, rechte Männerarbeit. Übrigens hatte sie dem Hansen die letzte Zeit über jeden Zug und jeden Druck abgeguckt, ja sogar den Tonfall seiner Hüh und Hott. Die Schecken gingen denn auch wie an einer Schnur, und nach einer Weile konnte sie der Versuchung nicht mehr widerstehen: sie setzte die Pflugschar in die Erde und fuhr los. Nachher dünkte es ihr selber wie ein Wunder, daß ihre Furchen fast ebenso sauber lagen wie die anderen.

Der Hans erwachte von den Koseworten, womit sie den Schecken Brotstücke zwischen die Lefzen schob. »Also hat sie's doch probiert!« rief er. »Das ist eine Leistung! Wenn du alle Tag nur ein paar Furchen ziehst, kann dir in einem Jahr kein Knecht mehr an. Ja, ich hab's schon alleweil gesagt: in dir ist ein Mannsbild verlorengegangen.«

Sie strahlte, genau wie damals in der Schule.

Nach Feierabend saß sie mit den Mägden auf der linksseitigen Hausbank und strickte; die rechtsseitige hatte der Haginghofer und 88 seine Frau eingenommen, und unter den Obstbäumen, auf dem graswolligen Anger, lagen die Knechte, rauchten ihre Pfeifen und hänselten die Weiberleute. Diese wehrten sich zwar, aber nur schwach; denn bei vollem Ernst wurde es noch schlimmer, auch dämpfte sie die Anwesenheit des Bauern und der Bäuerin. Am meisten wunderte sich die Mena, daß ihr Freund und Gönner, der Hans, gerade sie tratzte. Freilich, man mußte jemand haben, der sich gewissermaßen freiwillig als Zielscheibe für die Späße hergab, und sie war eben die Jüngste und diejenige, die sich am wenigsten wehren konnte. Eine Weile nahm sie es hin. Hans stellte zwar einige Vorzüge fest, meinte aber dann, sie wäre zu kleber, eine mittlere Dirn könnte einmal aus ihr werden, zu einer Großdirn würde ihr das nötige Ansehen fehlen. Diese Bemerkung traf sie am empfindlichsten Punkt. Das Blut schoß ihr in die Wangen. Und gerade darauf hatten die andern gewartet: ob wahr oder nicht wahr, jeder wußte jetzt mit einer boshaften Selbstverständlichkeit etwas an ihr auszusetzen. Sie hatte noch wenig Weltkenntnis und konnte daher nicht begreifen, wie denn das möglich war. Ihr Blut fing an zu kochen und etwas Wildkatzenartiges fuhr in sie: »Hans«, sagte sie, »Hans, tu dir nicht so viel Kraut heraus, am End kannst du es nicht aufessen! Laßt uns überhaupt in Ruh, ihr Dummköpf!«

Die Mägde riefen: »Bravo!«

Der Hans sagte: »Mena, wenn du mit den Dummköpfen auch mich gemeint hast, muß ich dir den Hintern ausklopfen.«

Der Umstand, daß er sie wie ein Kind behandelte, ließ ihren Ärger noch mehr anschwellen. »Stark bist du ja«, schrie sie. »Aber ich fürcht dich nicht. Was gilt die Wett? Ich wirf dich!«

Der Riesenhans erhob sich; zuerst auf alle viere, dann auf zwei Beine, lehnte seine Pfeife an einen Zwetschgenbaum und spuckte in die Hände. Er hatte in solchen Fällen eine besondere Methode, nahm so ein kleines Zeugs, wozu er die Mena noch rechnete, beim Wickel, klemmte ihm den Kopf zwischen die Beine und klatschte mit seiner Bärentatze los. »Zehn«, sagte er sanft, »kriegst du! Nur zehn, weil du ja sonst meine beste Freundin bist.«

Diese Worte erregten ein großes Gelächter; am stärksten lachte der Hans selbst, im Vorgenuß der sich entwickelnden Exekution, und immerfort lachend, krempelte er seine Hemdärmel auf. »Komm her, du kleiner Mausdreck.« Einen Augenblick stand er 89 und überlegte, ob ihm der Mausdreck nicht vielleicht nach links oder rechts entwischen könnte. Aber die Mena dachte nicht im entferntesten an Flucht. Sie stand, ein listiges Funkeln in den Augen, flog plötzlich über den Anger und mit dem Kopf zwischen Hansens Beine, so daß er hilflos nach vorn fiel. Blitzschnell sprang sie auf seinen Rücken und hüpfte ein paarmal wie ein Laubfrosch auf und nieder.

Die Mägde lachten, daß die Miederleibchen flogen, und in ihr Gelächter mischte sich das helle Lachen der Haginghoferin und das dröhnende ihres Mannes. Er hielt sich vor Lachen die Seiten, und es schien, als wollte es den Lederranzen sprengen. Aber auch die Mannsbilder lachten aus vollem Halse; sie stellten sich ohne weiteres auf die Seite des Siegers, wie es in der Welt zu gehen pflegt, deren Kardinalfrage lautet: Sieg oder Niederlage? – Die Mena hörte bei diesem Anlaß den Haginghofer zum erstenmal lachen, und es war ihr, als ob dieses Lachen etwas Warmes und Rosenrotes ausströmte.

Inzwischen taumelte der Hans hin und her wie ein Ochs, der eins mit dem Hammer abgekriegt, und fauchte: »Das gilt nicht! Das gilt ein für allemal nicht!«

Aber nun legte sich der Haginghofer ins Mittel. »Hans«, sagte et, »übersehn ist auch verspielt! Der Spruch hat seine Richtigkeit.«

Der Hans brummte zwar noch eine Weile etwas von einem falschen Spiel, ließ sich aber endlich resigniert ins Gras fallen, wo sie untereinander über Kampf und List debattierten. Der Haginghofer sagte zu seiner Ehefrau: »Weil die Mena den Riesen Goliath so schön geworfen hat, bekommt sie ein Paar saulederne Schuhe. Geh morgen mit ihr zum Schuster Kröll!« 90

 


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