Johannes Freumbichler
Philomena Ellenhub
Johannes Freumbichler

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Der Sankt-Veits-Tag

Der Sankt-Veits-Tag, ein großer Fest- und Feiertag, spukte um diese Zeit bereits in allen Köpfen; kein Wunder, der heilige Vitus war Kirchenpatron und sein Tag der allerköstlichste im ganzen Bauernjahr.

Bei unserer Mena kam noch ein bedeutender Umstand dazu: das große Singen. Es beschäftigte sie tagsüber bei der Arbeit, abends vorm Einschlafen, ja sogar nachts im Traum. An die fünfzigmal probierte sie jedes Lied, jede Arie, jeden Jodler, und gab nicht nach, bis er zu ihrer Zufriedenheit herauskam. Das »Lied vom verliebten Tischlergesellen«, so einfach und singbar es auch war, machte trotzdem Schwierigkeiten, und der Pieringertoni, der den Singmeister spielte, konnte bei Fehlern sehr grob werden. Sie fing also immer wiederum an:

»Geh ich hiefür, geh ich aschling,
Schneid ich Birnbaum, schneid ich Schwachtling,
Schneid ich buchsbaumer Ladn,
Gibt's ein Tanzboden, ein rar'n . . .«

Sie fühlte wieder das heitere, glückselige Element, das bei diesem Gesang aus dem Alltagsdüster hervorbrach. Jenem Alltagsdüster, jener beklommenen Traurigkeit, die über allem Leben liegt, über der Kindheit, über der Jugend, trotz des rosigen Schimmers, wovon beide umgeben sind; die im Sonnenstreifen, der durchs Fenster fällt, zittert, auch im Wasserstrahl, der von der Dachrinne plätschert; jene Gewalt, die den großen Haginghofer, den mittleren Ellenhuber und den bettelarmen Maler Peregrinus in der gleichen Weise anfaßte. Sie dachte an ihren guten Freund, den Riesenhans, sah ihn, wie er, eine brennrote Nelke hinterm Ohr, durch den Weiler ging, von einem Dutzend halbwüchsiger Mädchen umschwärmt. Sie sah, wie er, der Hitze wegen, seinen schweren Rock über die Achsel gehängt, den Plüschhut weit in den Nacken geschoben hatte, und 158 von der freien Stirn ihm die Schweißtropfen perlten. Die Mädchen lachten und schrien unaufhörlich: »Hans, kaufst du mir am Sankt-Veits-Tag einen Stoß Lebzelten? – Hans, laßt du mich auf dem Ringelspiel fahren? – Hans, zahlst du mir eine Maß Met?« Und dazu hörte sie seinen Baß dröhnen: »Alles zahl ich, ihr Menscherln; eine jede kriegt, was sie sich wünscht!«

Was an diesen abendlichen Bettphantasien sie so beglückte, hätte sie selbst nicht sagen können, doch spürte sie, daß wundersam stärkende Kräfte von ihnen ausgingen. Auch folgten solchen Wachträumen nicht selten wirkliche Träume, wo sie wieder durch eine Welt voll Fröhlichkeit und Glück wandelte.

Kurz vor dem Sankt-Veits-Tag hatte sie zwei Erlebnisse. Sie trug gerade in beiden Händen eine Schüssel Milch, da umfaßte sie der Lix und gab ihr einen Schmatz. Und wieder, knapp vor dem Bettgehen, klopfte es an ihr Fenster: es war der Schindertoni. Sie sollte öffnen; er wollte ein wenig plaudern. »Geh schlafen!« sagte sie energisch. »Ich schlaf auch schon.« Diese Antwort machte ihn derart lachen, daß ihn schon dieser Lachanfall zwang, sich raschest zu entfernen.

Diese beiden Vorfälle hatten etwas Berauschendes an sich, das sie bisher noch nicht gekannt hatte; es war, als ob ihr Blut plötzlich tanzen wollte und das Leben um sie herum groß und weit würde. Sie kam nun auch auf diesem Gebiet in Betracht! Und bei wem? – Bei Lix, dem reichen Hofsohn, bei Toni, dem feschesten Mann in der Pfarr! – Sie suchte sich zu besinnen und die Ratschläge des Ähnls und des Wichtlweibls wachzurufen: Hüt dich, Dirndl! Aber sie kam zu keinem Entschluß. Sie fühlte, daß das Leben um sie herum belebter wurde, man könnte sagen heißer; ihre Wangen glühten manchmal, ohne daß sie wußte warum. Auch hegten die Dirndln und Mägde der Nachbarschaft plötzlich ein besonderes Interesse für sie; ihre Reden und ihr Lachen klangen vieldeutig.

Abends stellte sie sich vor den Spiegel, den sie an der Innenwand des Kastens hängen hatte, und übte sich, wie sie am hübschesten das Kopftuch für den Veitstag binden sollte; denn das war eine Art Kunst und wurde selten so zustande gebracht, wie man es wünschte. Wenn dann, nach einigem Bemühen, die seidenen Zipfe wie keckgeschwungene Engelsflügel links und rechts von ihrem apfelfrischen Gesicht abstanden, genoß sie das Glück ihrer eigenen Jugend. 159

In den letzten Tagen vor dem Sankt-Veits-Tag strahlte der Himmel im reinsten Blau, die Lerchen trillerten über den Feldern, die Schwalben kreisten wie närrisch um den Kirchturm; das Aufstehen am Morgen war eine Freude, der erste Blick durchs Kammerfenster, das Waschen am Brunnen, das Auslöffeln der Milchsuppe, alles das war eine Lust, und was an Trübsal und Bedrängnis zu sonstigen Zeiten sich an den Bauernmenschen heranwagte, hatte sich verflüchtigt.

Diese Lust steigerte sich am Vorabend, als die Marktleute und Karussellwagen ins Dorf zogen, zu einer Art Taumel, der alle ergriff, sosehr sie ihn auch zu verbergen suchten. Auch auf Haging war es so. Jedes hatte für den kommenden Tag, neben dem allgemeinen, seine besonderen Ziele. Das eine machte sich in dem Vorsatz fest, sich ja kein Geld aus der Tasche locken zu lassen; das andere freute sich darauf, möglichst viel verjubeln zu können; die jungen Mägde wollten mit längst begehrten Gegenständen ihren Kasten ausfüllen; die jungen Knechte den entscheidenden Schritt am Kammerfenster tun oder auf eine seit Jahren hinausgeschobene Rache lauern.

Bei der Mena war es natürlich nicht anders. Sie spielte ja morgen zum erstenmal im Komödientheater Leben eine Rolle; mehrere würden ihr einen »Kirchtag« kaufen, ganz sicher hat es der Schiering und die Kleindirn versprochen, die sich besonders auf die Bekanntschaft mit ihren Brüdern freute, und vielleicht gesellte sich noch der eine oder der andere zu ihnen. Kein Wunder, daß sie infolge ihrer Unruhe nicht einschlafen konnte, sich ins offene Fenster lehnte und in die Nacht hinaushorchte. Der volle Mond stand am Himmel und beleuchtete taghell die Gegend. Er beschien den Brunnen, dessen Strahl eintönig sprudelte, die Obstbäume, die gespenstische Schatten warfen, erhellte die Felderstreifen, halb voll, halb abgeerntet, die reglosen Höfe, die Gruppen von Burschen, die lautlos ihrer Wege zogen. Sie hatten die Röcke über den Schultern hängen, ihre weißen Hemdärmel und weißporzellanenen Pfeifen leuchteten aus dem Dunkel. Sie traten an abseitigen Orten, hinter Kapellen, in offenen Schmiedeschuppen zusammen und redeten aufgeregt aufeinander ein. Und dann zogen sie wieder weiter und sangen leise, wie unterirdisch, in einem klagenden Ton das »Bergmannslied«: 160

Ein Ringlein am Finger,
O Braut, steht dir gut,
Ein Herz voll Rubinen,
So rot wie das Blut.

Doch wo nähmst du, o Braut,
Wohl das Ringelein her,
Wenn tief in der Erde
der Bergmann nicht wär?

Die Mena hatte dabei den Drang zu weinen, und dann wiederum laut aufzujauchzen. Heiße Ströme loderten aus ihrem Herzen. Der Brunnengranter leuchtete wie rotes, warmes Feuer, Glühwürmchen schwebten durch die Luft, wohl Zaubergeister, kleine Teufelchen; sie tanzten heran und setzten sich in ihr Haar; sie spritzte schnell etwas Weihwasser hin und steckte in die Spalte des Gesimses ein Büschel Johanniskraut. Und plötzlich, sie war am Fensterstock fast eingeschlummert, erscholl die Stimme der Burschen ganz nah und mit einem Jubelausbruch ohnegleichen, als ob die nächtliche Erde selber zu einem feierlichen Te Deum laudamus den Mund öffnete:

Die Krone, o König,
Die schimmert so fein,
Sie webt um das Haupt dir
Den Glorienschein.

Doch wo nähmst du, o König,
die Krone wohl her,
Wenn tief in der Erde
Der Bergmann nicht wär?

Sie wühlte sich in ihren Polster und schluchzte. Was da, von dem sommernächtlichen Mannsgesang gerüttelt und geschüttelt, so heiße Tränen vergoß, war wohl nichts anderes als ein Fünklein vom ewigen Schöpfungsfeuer selber, auf die Erde herabgefallen und in einem Menschen verkörpert; und dieser Mensch hieß in unserem Sonderfall Mena und zitterte wohl darum so sehr, schwankte so sehr zwischen Weinen und Jauchzen auf und nieder, weil er deutlich 161 verspürte, daß sein Leben nur ein solcher kurzer Lichttraum zwischen zwei endlosen Finsternissen war und weil er sich vor heiliger Bangigkeit nicht zu fassen wußte, damit er während dieses Traums den rechten Weg nicht verfehlte.

Am Morgen des Sankt-Veits-Tages sprang die Mena zugleich mit beiden Füßen aus dem Bett. Ein großes Gelächter hatte sie geweckt: der Haginghofer stand mit gespreizten Beinen vor dem Hof und schüttelte sich vor Lachen. »Da haben die Donnerskerle wirklich einen ganzen Doppelpflug aufs Hausdach geschleppt«, rief er.

Die Mena kleidete sich heute zum erstenmal in ihrem Leben so richtig wie eine Erwachsene an, nämlich mit wählerischer Sorgfalt und Nachdenklichkeit. Sie trug ein Samtmieder, mit echten Silberknöpfen besetzt, ein Geschenk vom Ähnl, weiße Zwirnstrümpfe, aus Sparsamkeitsrücksichten fußlos, nur mit einem Querband versehen, und das seidene Kopftuch. Dazu kam das Gebetbuch, ein Andenken von ihrer Mutter, und ein Körbchen aus buntfarbigem Geflecht, das sie an zwei großen silbernen Ringen am Arm trug.

Der Vize beguckte sie angelegentlich, und seine Greisenäuglein, von Krähenfüßen umrahmt, liefen sekundenlang wie hungrige Hündlein über ihren gedrechselten Körper, um dann sofort wieder in ein spöttisches Blinzeln und ironisches Hohnlächeln überzugehen, das besagte: O Narretei! O Menschennarretei!

Die Mena schritt wohlgemut den Weg gegen das Dorf hinab. Die Luft war von aromatischem Grasgeruch erfüllt. Es war klar, daß das Leben unter diesem blauen Himmel, in dieser Morgenfrische, in dieser Stille und Klarheit Spiel und Tanz war. Die Höfe boten einen ebenso lustigen wie unerwarteten Anblick. Auf ihren Dächern sah man Dinge, die man sonst in ganz anderer Umgebung zu sehen gewohnt war: Pflüge, Hausbänke samt Oleanderbäumen, Backtröge, Spinnräder mit schmutzigen Stallgewändern und kotigen Holzschuhen. Das höchste aber war ein vollständiger Leiterwagen, wobei man sich den Kopf zerbrach, wie sie ihn wohl auf den Dachfirst gebracht haben mochten.

Der Schneider Veit störte sie in ihrer Beschaulichkeit. Auf Späße, die sich um Veit und Veitstag reimten, wagte die Mena nicht zu kommen, denn sein Apostelgesicht sah immer und auch jetzt so eigentümlich ernst aus. Auch er sagte, außer dem Gruß, kein Wort; aber sie fühlte, wie er sie von der Seite beaugapfelte. Die lustigen 162 Bilder, die sie auf den Haus- und Hüttendächern sahen, lösten ihnen endlich doch die Zungen. Aber beide schienen nicht sehr geeignet, gerechten Pranger und persönliche Bosheit voneinander zu unterscheiden, welche Motive sich da, artig und unartig, durcheinandergemischt. Sie lachte über alles, und er begann in einer salbungsvollen Weise folgendes zu reden: »Die Welt ist so voll Bosheit, daß sie bei allen Löchern nur so hervorspritzt, und sie möcht dran ersticken, wenn nicht diese Nacht wär, wo man sie eben etwas herauslassen kann. Wenn sie sich staute und staute und bräch dann unversehens los . . . Himmel! Die ganze Menschheit ging in Trümmer.«

Die Mena lächelte zustimmend. Das von der Bosheit hatte sie selber schon öfter so dunkel empfunden. Trotzdem war sie froh, als ihr Begleiter vorm Dorfeingang abbog. Gleich anfangs, als sie seine Stimme vernommen, war etwas in ihr geflohen, etwas Schönes, Reines, Himmelblaues. Sie ging überhaupt nicht gern an Seite dieses Mannes ins Dorf: ein Schneider! So stolz und so kleinlich und töricht war diese Bauerntochter immer noch.

Nun allein, war das Reine und Himmelblaue wiederum da. Die besonnte Straße, die Blumen und Bäume, die Häuser und Menschen strömten eine greifbare Fröhlichkeit aus. Die Welt des Alltags, durchs ganze Jahr in gleichmäßiger Abwechslung einander folgend, das gewohnte Bild, Brunnen und grüne Anger, Höfe und Häuser, die Fenster mit den Pelargonien, Levkojen und Fuchsien, war durch etwas Neues unterbrochen: durch hüttenartige Bauten, weiße Zeltdächer, bunte Farben, fremdrassige Gesichter und funkelnden Glitzer und Kram.

Beim Hochamt und bei der Predigt war ihr zumut wie in einem Traum. Die flackernden Kerzen, die Weihrauchwolken, der Sonnenstreifen, der durch die bemalten Fenster fiel, der lateinische Gesang, die Orgelklänge, dies alles erfüllte sie mir einem inneren Jubel ohnegleichen, der etwa sprach: Freue dich, Kind Gottes, freue dich, daß du lebst! – Selbst die Predigt des Kooperators Kletzl konnte sie nicht herabstimmen, obgleich sein Haarschopf hoch emporloderte und er mit gerötetem Gesicht die Bösen, die Ehebrecher, die Säufer und die reichen Prasser erbarmungslos in die Hölle stieß.

Nach dem Gottesdienst ging sie sogleich zum Elterngrab und fing an, das Unkraut auszujäten. Dabei sah sie einige Male 163 erwartungsvoll zur strömenden Menge hinüber, bis sie endlich die Schwestern erblickte. Sie grüßten sich, beteten ein paar Vaterunser und gingen dann, eifrig durcheinanderredend, mit dem Menschenstrom die sonnenbeschienene Kirchenstiege hinab. Es leuchtete von farbigen Tüchern, glitzerte von silberbeschlagenen Pfeifen, Ringen und Halsketten, von Silberknöpfen an Röcken und Westen; dazwischen hob sich das Schneeweiß des Linnens und das satte Rot der Regenschirme. Menschenwirbel bildeten sich, zumeist bekittelte, im raschen Wortschwall wie in selbstgesponnenen Schlingen verfangen, bis das Gedränge sie auf den Dorfplatz weiterschob, mitten in einen dichten Kreis von Buden hinein, mit all den nützlichen und unnützlichen Herrlichkeiten, wonach das Bauernherz Verlangen trägt.

»Alles nur zehn, zehn, zehn! Da her, Leuteln, da! Kostet alles weniger als ein Gulasch. Alles nur zehn, zehn, zehn! Da her, Leuteln, da!« Der Mann, der das Graffelwerk feilhielt, konnte das schön singen; aber der Mena lockte er keinen Groschen aus der Tasche. Das Gesetz des Sparens war bei ihr fest verankert, nämlich vererbt. Aber dessentwegen glühte sie doch innerlich vor Freude, ja, es ist nicht zuviel gesagt, sie war unter all den glühenden Herzen das allerglühendste; nur brannte ihre Flamme beständig, wie die der echten Wachskerzen, die man nur einige Male im Jahre anzündet.

Eine bekannte Stimme riß sie aus ihrer Beschaulichkeit. Es war der Jörgei; er hatte bereits einen neuen Plüschhut auf dem Kopf. »Und der Adlerflaum?« fragte sie, als sie sich die Hand reichten. – »Den kaufst du mir heut!« gab er lachend zurück. Er seinerseits hatte ihr schon Parfüm und Seife gekauft. Das Brigei hielt ihr eine bunte Schachtel mit Taschentüchern hin. Und plötzlich, während sie sich herzlich über diese Anhänglichkeit freute, waren alle Geschwister um sie versammelt, sogar Paul, der Neu-Ellenhuber. Gang und Naz waren so gewachsen, daß sie ihren Augen nicht trauen wollte. Sie trugen ganz gleiche Plüschhüte mit je drei Reiherfedern, von einem dichten Büschel Perlhuhn zusammengehalten, und unter den kurzen, schwarzen Jacken sah man breite, holzgeschnitzte Messergriffe. »Warum seid ihr denn nicht zum Grab gekommen?« fragte sie und suchte ein strenges Gesicht aufzusetzen.

Sie lächelten, wiegten ihre jungen Mannskörper in den Hüften und sagten: »Waren ja dort! Vor dem Amt schon!« 164

Die Mena gab sich damit zufrieden und segelte stolz der geschwisterlichen Schar voran, erfüllt von einem geheimen Jubel: Ellenhub lebt, trotz alledem! – Sie kaufte den Adlerflaum. Es ist eine wohltätige Erleichterung, wenn man eine Schuld losgebracht oder ein Versprechen erfüllt hat. Dann jedem der Geschwister einen kleinen »Kirchtag«, und umgekehrt. Die Schwestern banden die Lebzelten sorgfältig in ihre Taschentücher; die Brüder rollten die braunen Platten unter Gelächter zu Röhren und schoben sie so zwischen die blendenden Reihen ihrer schneeweißen Zähne. Das Lachen war überhaupt Trumpf heute, und wenn das alte Sprichwort: Wer weint, ist unglücklich, wer lacht, glücklich, richtig aussagt, waren nicht nur die Ellenhuber glücklich, sondern es gab hier lauter glückliche Menschen. Einzelne Paare, Gruppen, ja ganze Haufen, wie sie sich um die Buden drängten, schüttelten sich vor Lachen. Kein Wunder: nach so vielen Arbeitswochen im Schweiße des Angesichts schwammen sie lustig im Wirbel der Sorglosigkeit und des Genusses.

Und unter Lachen und Kaufen kamen auch die Geschwister wieder auseinander, sie wußten nicht wie.

Mena beobachtete, wie Liebesleute sich zueinander hielten und flüsterten, Kinder ihre Väter, Mütter und Basen bestürmten, halbwüchsige Burschen und Mädchen freudestrahlend ihren Kirchtag in große rote und blaue Taschentücher banden; wie die Bauern Gabeln, Rechen und Seilerwaren erstanden, sie wie ein Wehrgehäng um die Schultern legten, so daß sie noch immer bequem einen Händedruck austauschen konnten. Sie sah, wie die ersten Männer der Gemeinde, der Haginghofer, der Krämer Lambert, der Bräu, sich durch die Menge bewegten, und bewunderte sie fast so sehr, wie vorhin die prächtig gemalten Heiligen in der Kirche. Diese Größen traten gewichtig auf, wie wandelnde Türme; Ringe, Uhrketten, Knöpfe und der Silberbeschlag an den Pfeifen glänzten, und ebenso glänzten ihre roten, etwas gedunsenen Gesichter von Gesundheit und Zufriedenheit. Diese Gruppe war von einem Schwarm Schmarotzer umgeben, der sich in einer saftigwohligen Stimmung befand, alles kritisierte, meist in einer spaßhaften Weise, und mit dem Ziel, den Bräu zum Lachen zu bringen.

Der Mena war zumut, als ob sie heut zum erstenmal das wirkliche Leben sähe, samt seinen großen Freuden, aber auch schon eine 165 Ahnung bekäme von seinen tausend Leiden, die man freilich nicht so leicht sehen und hören ließ.

»Mein Gott, die Mena! Und so schön, so schön!« Der Staatsschuldenmann war an ihrer Seite. »Mein Gott, wie du noch ein kleines Wuzerl warst«, – er zeigte mit der Hand die ungefähre Größe über dem Boden, »da hab ich dich oft auf meinem Arm herumgetragen. Ja, und die vielen schönen Sachen, die es hier gibt! Ich kann mir, leider Gottes, nichts kaufen, gar nichts. Brauch auch nichts. Nur ein Stamperl Schnaps hätt ich gern gehabt, ist mir immer nicht gut im Magen.«

Über diese weh- und demütige Bettelei mußte sie hellauf lachen und sagte: »Du armer Passagier! Ich will dir einen Kirchtag und einen Schnaps kaufen, komm!« Aber mehr Interesse konnte sie an ihm nicht haben, und sie war froh, als sie ihn wiederum loshatte.

Plötzlich erschrak sie: der Lix ging an ihrer Seite. Er musterte sie mit einem sonderbaren Lächeln, kaufte ihr ein Dutzend Lebzelten, und sie mußte nun auch ein Taschentuch zum Einbinden nehmen. Wie der Lix ihr dabei half, drückte und quetschte er ihren kleinen Finger, nicht anders, als ob er einen Floh wuzelte, und sie lachte unaufhörlich dazu. Und immer lachend gingen sie nebeneinander. Bauerntöchter, prächtig gewandet, mit hochmütigen Gesichtern, tauchten auf; sie zischelten, und eine von ihnen, die etwas eckig und plump war, hatte offenen Hohn auf den Lippen: es war die Nachbartochter von Haging. Und so wie ihr heißer, spottsüchtiger Blick prüfend über die Mena fuhr, so fuhr Menas Blick über jene, und beide kannten sich von jetzt an, trotz der Rüschen und Falten, bis auf die letzte und geheimste Stelle. Und daher kam's wohl, daß der Mena Herz in der nächsten Minute hellauf jauchzte: Ich bin reicher als du!

Der Lix zwirbelte sein schwarzes Schnurrbärtchen und fragte, was sie sich wünsche. Sie lachte: »Ja, wünschen! Wünschen tät der Mensch sich viel.« Dabei flogen ihre Augen sehnsüchtig über eine Reihe prächtiger Ölstöcke aus Silber, aus Messing und aus Holz, die soldatisch ausgerichtet auf einem weißen Linnentuch standen. »Eigentlich brauch ich nichts«, sagte sie. »Einen Ölstock hätt ich alleweil gern gehabt, aber heuer geht's noch nicht, vielleicht das nächste Jahr.«

Der Lix trat zum Verkaufsstand. Seine gewichsten Zugstiefel 166 knarrten und die Anhängsel an seiner Uhrkette klimperten. Er feilschte lange und kaufte endlich einen hölzernen, rotgestrichenen Ölstock, die billigste Sorte, die zu haben war. Trotzdem war sie voll Freude. – Ein eigener Ölstock, das hatte sie sich schon immer gewünscht, das war etwas Unabhängiges, Stolzes! – Eine Lampe, auch solche waren schon hier, das war etwas für die Reichen und Hofbesitzer, für den Bruder Paul; für eine arme Bauerndirn wie sie war so ein Ölstock das allerhöchste.

Der Lix hörte ihr Geplauder an und ging lachend fort. Auch sie selber ließ sich wieder glückselig vom Menschenstrom führen, dahin und dorthin. Es gab so viel zu schauen, daß man nicht fertig wurde; so viel Neuigkeiten und Überraschungen, daß man nicht wußte, wo man seine paar Groschen anbauen sollte. Sie sah wohl das Farbige, Glitzernde und Leuchtende in den Krambuden, aber ihre Silbergulden und Silberzwanziger ließ sie doch in ihrer Geldbörse.

Auf einmal, wie sie sich so treiben ließ, hielt ihr jemand die Augen zu und rief: »Rate!« Sie erriet die Stimme sogleich: der Schindertoni! Er war in einer übermütigen und selbstherrlichen Laune, wozu ihn sein Äußeres ein wenig zu berechtigen schien. Der ganze Mensch hatte etwas an sich, als ob er aus der Erde selber herausgewachsen wäre, von den Nagelschuhen bis zum moosgrünen Hütchen mit der Schildhahnfeder, das ihm auf dem Krauskopf saß, als ob der Wind es hingeweht hätte. Sie wußte selber nicht recht, was es war, aber etwas zwang sie, ihn immer wieder anzuschauen. Wie mußte dieser Mensch tanzen und trinken können! – Sie bemerkte auch, daß manche ihm sichtlich auswichen und einen Bogen um ihn schlugen, und andere, wieder eine bestimmte Sorte Menschen, ihm Respekt bezeigten; ihre Grüßgott flogen ihm mit sichtbarer Beflissenheit zu, was ihr ungemein gefiel. Er hatte unleugbar ein »Ansehen«, wie die Sprache sich ausdrückt; die Leute schauten auf, wenn sie an seiner Seite vorüberging. Er drängte sich überall rücksichtslos vor und sagte: »Du feines Menscherl, du, mach einmal dein Körberl auf!« und warf ihr Fingerhüte, Seifen, Fläschchen mit Kölnischem Wasser und flache, bunt bebilderte Pappbehälter hinein. So viel, daß ihr vor Freude schwindelte. Im Handumdrehen bekam sie den reichsten Kirchtag, den je eine Kleindirn heimgetragen hatte. 167

Es war herrlich. Der Mann am Zwanzigerstand sang: »Da her, Leuteln, da! Kostet alles nur zwanzig, zwanzig, zwanzig! Da her, zu mir her, du schönes, feines Paar! Eins ist eins, zwei ist zwei . . .« Die Stimme war schon heiser, obschon es erst gegen elf Uhr ging. »Da her, Leuteln, da! Kostet alles weniger als ein Gulasch.« Der Toni fing einen glänzenden Messingölstock aus der Reihe, warf ihn wie einen Ball in die Luft, fing ihn wieder auf und steckte ihn, ohne auch nur um den Preis zu fragen, in Menas Bündel. Sie kam aus der Fassung. Ihre kühnsten Träume gingen in Erfüllung: sie hatte zwei Olstöcke in ihrem Pack, eine Zwickmühle, woraus sie sich im Augenblick beim besten Willen keinen Ausweg wußte.

Sie war daher aufrichtig froh, als gerade in diesem Zeitpunkt die Kleindirn, jene, die ihr auf Haging so behilflich gewesen und mittlerweile Hausdirn auf einem anderen Hof geworden war, wie ein junges Roß zwischen beide fuhr und sie in Beschlag nahm. »Ja, Mena«, schrie sie in ihrer überlauten Redeweise, »wo hast du denn deine Brüder? – Nein, aber nein, mußt mich schon mit ihnen bekannt machen, gelt? Daß sie mir einen tüchtigen Kirchtag kaufen und mich ins Wirtshaus führen.« Und die Mena versprach es auch, war aber wiederum froh, als sie nach kurzem Suchen auf die Brüder stießen.

Eine wirkliche Freude, ohne Einschränkung, hatte sie, als sie des Schieringhies ansichtig wurde. Einer plötzlichen Laune folgend, schob sie ihren Arm unter den seinen, und so, eingehängt wie herrische Leute, marschierten sie los. Dem Reimer war zumut wie damals, als der Haginghofer ihm seinen Tabaksbeutel gereicht hatte. Er kaufte ihr ein übergroßes Herz aus Marzipan. »Wenn du meine Lieder singst«, sagte er, »mußt du auch dies Herz von mir annehmen. Es ist das größte, das ich hab finden können.«

Die Burschen riefen: »Hoh, hoh! Die Haginghofer Mena hat sich einen feschen Liebhaber aufgezwickt.«

Sie wurde rot vor Zorn. »Laßt mir den Schiering in Ruh, ihr Perchten! Der ist mehr wert als ihr alle zusammen.« Sie ging mit ihrem Begleiter zum Kasperltheater, wovon sie schon die ganze Zeit über geträumt hatte. Man spielte ein überaus spaßhaftes Stück, »Die ungetreue Geliebte« geheißen. Und die Mena kam nicht mehr aus dem Lachen. 168

 


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