Johannes Freumbichler
Philomena Ellenhub
Johannes Freumbichler

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Das große Singen

Als die Mena mit dem Schieringhies zum Postwirt kam, war die Gaststube bereits gestoßen voll. Schon am Vortag hatte sich nämlich das Gerücht verbreitet, daß der Schindertoni mit seiner Sängergruppe hier singen und daß man diesmal etwas Besonderes zu hören bekäme. Ins Beisel hatten sie nicht gehen wollen, und ganz hinauf, zum Stumpfbräu, da war es ihnen wieder zu fein und zu herrisch. Übrigens gab es auch in der Post genug angesehene Leute; da saßen der Haginghofer, der Krämer Lambert, der Förster Purgstaller und viele Bauern und Bäuerinnen, die durchaus nicht zu verschmähen waren. Am meisten freute die Mena, daß sie ihre sämtlichen Geschwister traf, alle an einem Tisch vereinigt. Die Lena war wie eine reiche Hoftochter gekleidet; es funkelte nur so an ihr von Silber und Seide; auch der Paul hatte sich mehr ausstaffiert, als es sich für einen Mann eigentlich schickte, und als rechter Kontrast dazu, hatte die Soph ein so leichenblasses Aussehen, daß man erschrak.

Aber zum Grübeln war keine Zeit. Es gab viel zu fragen, es gab Sticheleien und Gelächter; an Hunger und Durst fehlte es bei jungen Leuten auch nicht, und der ganze geschwisterliche Tisch befand sich in einer unaufhörlichen Bewegung. Im übrigen drehte sich das Hauptgespräch im Augenblick um eine besondere Sache, nämlich um das »Buchstabie«, das die ersten Kirchengänger heute am Kirchentor gefunden, und das nun, obgleich es rasch entfernt worden war, von Tisch zu Tisch ging. Ein solches Buchstabie war eine Art öffentlicher Anschlag, der an Häuserecken, Hütten und Bäumen festgemacht wurde, und worin es der unbekannte Verfasser meist sehr gut verstand, seinen Spott auszugießen und die Lacher auf seine Seite zu bringen.

Man hatte, wie das Bosheitsventil in dieser Nacht allgemein geöffnet worden war, auch den Pfarrer Gries und seinen Gehilfen Kletzl nicht vergessen, der wegen seiner unbarmherzigen Predigten mehr gefürchtet als geliebt war. 169

»Du und der Oa,
Müßt am Sonntag schneller toa,
Sonst seid du und der Oa
Am Sonntag alloa.

Mag gar nimmer gern
Ins Achte-Amt gehn:
Die Kletzn sind z'hirt,
Und der Gries, der ist z'len . . .«

Diese Reime waren so recht Wasser auf die Mühle des Kirchtags, damit sie doppelt lustig klapperte. Man liebte nichts mehr als solche Wortspiele und Reimereien, und insbesonders, wenn dabei die Oberen einen tüchtigen Hieb abbekamen. An mehreren Tischen setzte auch ein kleines politisches Fingerhakeln ein, und man hörte allerlei erbauliche Sprüche: Wenn die Leut nicht mehr in die Kirch gingen, hätten die Geistlichen nichts zu leben. – Spotten ist leicht, aber wenn's keinen Glauben und kein Gericht gäb, tät einer den andern umbringen. – Mit den Herren ist nicht gut Kirschen essen, die Kirschen essen sie, und die Kern spucken sie einem ins Gesicht . . .

An dieser Stelle übertrumpfte eine starke Stimme alle andern: »Statt Herren muß man ›Wiener‹ setzen, dann stimmt's.« Dieser Ruf ging von einem beleibten Mann aus, der in seiner Rechten einen gewaltigen Ulmerkopf hielt und eben seinem Tischnachbar erklärte, daß in der Gemeinde, außer ihm, nur noch der Haginghofer eine solche Pfeife besäße.

»Lambert«, fragte eine Stimme, »bist du liberal oder klerikal?«

Der lachte aber nur. »Bist du mein Beichtvater?« fragte er.

Aber die Stimme, die einige als die des Schindertoni erkennen wollten, rief wieder: »Ich kenn dich durch und durch. Ein Kramer ist nie anders: dein Geldsack ist dein Papst, Kaiser und Herrgott.«

Das breite, sehr markante Gesicht des Krämers schwoll an wie ein Truthahn. Eine Krämerseele schien er nicht zu haben; er machte ohne Verzug Anstalten, auf den Stänkerer loszugehen. Aber sogleich wurden Rufe laut, man sei hierhergekommen, um sich einen lustigen Kirchtag zu machen, und nicht, um zu raufen; andere verlangten nach Zitherspiel und Gesang. Der Staatsschuldenmann, der sich an solchen Festtagen gewöhnlich in der Nähe von Leuten aufhielt, 170 die beleibt waren und dicke Brieftaschen hatten, rief: »Jawohl, singen, liebe Leut, nur singen! Ich will gleich den Anfang machen:

O König von Preußen,
Bist ein gar gescheiter Mann,
Doch bist du viel zu wenig
Gegen den Napoleon.

Er sprach zu unserem Kaiser Franz:
Was sollen wir uns hassen?
Gibst du mir deine Luis zur Frau,
Will ich am Thron dich lassen.«

Dies heisere Gekrächze erregte Gelächter, und damit war auch die festfriedliche Stimmung wiederhergestellt. Und wie man nun so diskutierte, aß und trank, scherzte und lachte, ließ sich in dem Deckelgeklapper und Gläsergeklirr ein Ton vernehmen, seltsam und unwirklich, als ob in den Tabaksschwaden an der Stubendecke eine kleine Geige flöge und klänge; ein feines Tirilieren, das man für den Singsang eines Wundervogels hätte halten können. Der Kropfjodl, ein winziges grünes Hütchen auf dem Kopf, saß in der Ofenecke und tremolierte das Lied vom verliebten Tischlergesellen.

»Geh ich hiefür, geh ich aschling,
Schneid ich Birnbaum, schneid ich Schwachtling,
Schneid ich bauchsbaumer Ladn:
Gibt's ein Tanzbodn, ein rarn.
Diriehallia . . .

Geh ich schleunig, geh ich langsam,
Schneid ich Ahorn, schneid ich Eichstamm,
Schneid ich bucherne Brett:
Gibt's ein zwiespannigs Bett.

Geh ich pfeifend, geh ich singend,
Geh ich scheltend, geh ich springend,
Mag d' Säg, wie ich will, ziehn:
Gibt's eine zwielachne Wiegn. 171

Heiß ich Peter, heiß ich Paul,
Bin ich fleißig, bin ich faul,
Geh ich vor oder z'ruck:
Gibt's fürs Dirndl ein Stuck.
Diriehallia . . .«

Er variierte das Diriehallia immer von neuem, in einem immer steigenden Jubel und in solcher Reinheit und Kraft, daß alles Gespräch stockte. Aber als sie nun sahen, wie sein dicker Hals gleich einem Blasebalg arbeitete und die mächtige Kropfkugel auf und nieder hüpfte, konnte auch der prachtvolle Glockenton seines Diriehallia nichts mehr helfen: die ganze Stube brach in ein schallendes Gelächter aus.

Aber ebenso plötzlich wurde es wiederum still. In einer Art Sprechgesang trugen abwechselnd bald männliche, bald weibliche Stimmen ein Lied vor, eine Art Totenklage um einen frühverstorbenen Bauernsohn.

Andreas Ibensperger ist mein Name,
Von Seewalchen bin ich zu Haus,
Ein Bauernsohn aus altem Stamme,
Und schon ist jetzt mein Leben aus.

Ach, wie hart kommt mir das Sterben!
Ach, wie bitter ist der Tod!
Staub und Asche muß ich werden,
Muß hinein in den schwarzen Kot.

Tod, warum mit deiner Sense,
Mähtest du mein Leben ab?
Ach, du hättest denken sollen,
Daß meine Seel zu jung fürs Grab.

Wie die Ros in Frühlingstagen,
Stand ich da in vollem Glanz,
Und, ach, jetzt muß ich schon tragen
Auf mein Haupt den Totenkranz. 172

War ein junges, frisches Zweiglein,
Kaum die zwanzig Jahre alt,
Gab der Tod mir seinen Streich schon
Mit der höchsten Allgewalt.

Und wie hat es sich begeben,
Daß ich fiel in solche Not?
Wir waren zwei und liebten eine,
Drum stach mich der andre tot.

Freilich war sie wohl ein Mädchen,
So wunderschön und lieblichfein;
Wenn sie kam durchs Gras gegangen,
Kam's wie Glück und Sonnenschein.

Ach, ihr Liebsten mein, Geschwister!
Grabt es tief in euer Herz:
Liebet fein die liebsten Eltern
Und verschont sie mit dem Schmerz.

Ach, ihr liebsten Kameraden!
Oh, wie lustig warn wir oft . . .
Seid euch gute Freund und Brüder,
Denn der Tod kommt unverhofft.

Ach, du meine schön Geliebte!
Oh, wie ist mir um dich leid!
An der Seite meines Mörders
Währet kurz nur deine Freud.

Und nun geht den Weg betreten,
Gebt Geleit mir, Greis und Kind,
Tut bei meinem Grabe beten,
Wo wir alle Brüder sind.

Das Lied war lang und wurde auch in einer sehr langsamen Weise vorgetragen, und das mußte so sein; sonst hätte es ihnen nicht gefallen. Es kostete ja immerhin einige Zeit, bis man sich in den 173 unglücklichen Andreas Ibensperger, in sein Glück und sein trauriges Ende hineingelebt; und dann wiederum war es kein Wunder, daß man in dem gruseligen Land dieser armen Seele eine geraume Zeit verweilen wollte. Nur überall bis auf den Grund! Nicht nur bei ihren Maßkrügen, wo sie auch gern tiefe Züge taten, sondern vorzüglich in Arbeit und Ruhe, Liebe und Haß, Vertrauen und Mißtrauen, Werktag und Festtag; das war ihr ureigener Sinn und ein guter Sinn, wie man wohl sagen kann, zweifelsohne der Sinn des Lebens überhaupt: immer bis auf den Grund.

Und wie die Sänger gesungen, das war ganz unbeschreibbar, und ebenso die Wirkung. Die alten Bauern saßen wortlos. Eine Erwartung lag über ihnen. Das Silber der doppeltgereihten Knöpfe und das helle Grün der Samtwesten bildeten einen Gegensatz zu dem tiefen Sonnenbraun ihrer Gesichter. Graue Maßkrüge standen vor ihnen; hie und da war der Zinndeckel offen. Der Trinker hatte ihn, um jeden Lärm zu vermeiden, nicht mehr geschlossen. Und plötzlich hörte man ein Knirschen und Klirren: die »Kraft« war in einen der bärenhaften Menschen gefahren; er hob den vollen Maßkrug mit den Zähnen, trank ihn leer und zerbiß ihn zu Scherben.

Aber nicht nur das Lied hatte eine starke Wirkung hervorgebracht, noch ein anderer Umstand war hinzugekommen. Bei dem Verse:

Wie die Ros in Frühlingstagen,
Stand ich da in vollem Glanz . . .

war kein Geringerer als der Stumpfbräu eingetreten mit seiner Suite, welche die Aufgabe hatte, aus geschäftlichen Gründen, in kurzer Zeit eine möglichst hohe Rechnung zu machen. Und Leute, die es als ein besonderes Glück betrachteten, unter diese Clique zu kommen, gab es genug. Man hatte gegrüßt, Sessel gerückt, aber das Lied war weitergegangen, bald verebbend, bald ansteigend, genau wie es sich der tote Andreas Ibensperger in seinem Grabe vorgesungen hatte. Der Stumpfbräu tat, als ob ihm der Wein besonders schmeckte, bot seine dicke, braunlederne Zigarrentasche herum, beugte sich bald zu diesem, bald zu jenem seiner Tischgenossen und brach wiederholt in ein lautes Gelächter aus. In Wirklichkeit aber war ihm nicht so zumut. Ein Mirakel hatte ihn bei seinem Eintritt unangenehm berührt: es gab hier eine Nummer, eine höhere, als er 174 selber war: eine Nummer, die durch sein höchsteigenes Erscheinen nicht im geringsten unterbrochen worden war. Aber gleich war in ihm wieder der Mensch und der Mann oben. Er horchte ergriffen und dachte: Wie kommt's nur, daß diese Leute nicht bei mir singen? – Und wie er zufällig am Sängertisch vorbeiging, blieb er stehen: »Ah, was seh ich? – Das ist ja der Haginghofer-Lix! Grüß Gott! Schon daheim vom Militär? – Und das ist die Ellenhuber-Mena! – Und singen, daß es eine Art hat! – Tut mir die Freud und laßt euch auch bei mir hören.«

Wie der Stumpfbräu fort war, wurde man dahin lautmäulig, was für einen Wein er getrunken, was für Zigarren er geraucht, und was er, Wort für Wort, zu den Sängern gesagt hatte. »Ja du, das ist ein Herr!« Die Bauern pfiffen durch die Lippen. Über dem Klappern der Zinndeckel, dem Klirren der Eßbestecke und dem Rufen der Kellnerinnen lagen ihre starken Stimmen. Sie führten eine bedächtige Sprache; wogen nach altem Maß, von Urvätern überkommen, mit wenigen Worten und sparsamen Gesten, Menschen, Dinge und Ereignisse. Die Stimmen der Frauen schwankten fortwährend vom hellsten Gelächter bis zum heimlichsten Geflüster. Das Jungvolk, ihr schnelles Fragen, ihr blitzartiges Antworten, ihr übertriebenes Gelächter, prahlte fühlbar mit seiner Jugend und wollte den Älteren und Ganzalten um jeden Preis zeigen, wie ausnahmslos glücklich es war, ja, daß es ein anderes Glück als das ihre überhaupt auf Erden nicht geben konnte.

Beim Stumpfbräu war der Mena und den Sängern anfangs etwas beklommen zumut. Alles war so fein, die Wände mit braunem Holz getäfelt, der Tisch mit geblumten Tüchern gedeckt, auf Gesimsen und in Glaskasten sah man Gefäße aus Zinn und Silber; und sogar fremde Gäste waren hier, im Extrazimmer, Herren und Damen, was sie schon gar nicht erwartet. Aber die Ellenhuber-Geschwister insonderheit hatten eine große Freude: Der Ähnl saß da! Und zwar an einem Tisch mit Bauern ganz altertümlicher Art. Sie trugen noch jene hohen und spitzen Hüte von Anno dazumal, die man Zuckerhüte oder Nebelstecher nannte. Die Geschwister umlärmten ihn, etwas zu laut, so daß er sie abmahnte. »Nur nicht gar so unkultiviert! Und alleweil schön geführig! Abraham hatt' sieben Söhn, sieben Söhn hatt' Abraham.« Sie lachten, und der Zwischenfall gab der Mena und den Sängern ihre Sicherheit wieder. 175

Der Mena fiel auf, daß er seit der Zeit, wo sie ihn nicht gesehen, frischer geworden war. »Du wirst alleweil jünger«, sagte sie und blickte wundersam ergriffen in den Kreis der alten Gesichter. Ein Zauber ging von ihnen aus, von ihren altmodischen Gewändern und ihrer altmodischen Sprache. »Jetzt wird zurückhin gezählt«, sagte der Ähnl lachend, »bis knapp zum Markstein der Geburt.«

Es tat der Mena fast leid, daß man sie an ihren Tisch rief. Es waren inzwischen viele Leute gekommen und das Verlangen nach einem Lied allgemein. Sie wählten: »Was gibt es in der Welt«, ein Gesang, gedichtet auf die Schlacht von Aspern und niedergeschrieben in dem Buche des Schieringhies mit den rothölzernen Deckeln. Sowie sie anhuben, war es augenblicklich in der Gaststube still wie in der Kirche.

»Was gibt es in der Welt,
Ja, bei der jazing Zeit,
Es lebt kein Mensch in Fried,
Lebt alls in Zank und Streit.
Ja, nichts als Unruh, Krieg und Revolution,
Ja, nichts als Neid und Zwietracht trifft man an.
Oh, meine liebn Leut,
Gedenkt derselbign Zeit,
Wo man so viel getan,
Für unser Vaterland,
Für unser liebes, teueres
Heimatland.

Hört an das schöne Lied,
Pfingstsonntag, Anno neun,
Beim Dorfe Aspern wohl
Napoleons Krieger dräun.
Vor seinem Schwerte fällt die ganze Welt in Staub,
Der große Korse will Europas feigen Raub.
Oh, meine liebn Leut . . .

Doch einer stehet fest,
Wenn alles wankt im Feld,
Wenn alles niedersinkt: 176
Erzherzog Karl, der Held.
Der führet mutigkühn allhier den stolzen Plan,
Und Hiller, an der Tete, packt die Franzosen an.
Oh, meine liebn Leut . . .

Da brauset wild heran,
Ja, mit Trompetenschall,
Napoleons Reiterei,
Zehntausend auf einmal.
Marschall d'Espagne voran und rufet allsogleich:
Streck deine Waffen rasch, perfides Österreich!
Oh, meine liebn Leut . . .

Pflanzt auf das Bajonett!
Jetzt gehts mit Stürmen dran.
Vorwärts, ihr Grenadier!
Jetzt geht es Mann an Mann.
Gibt es denn gar kein Hilf? Ach Gott, wir gehn zugrund!
Gibt es denn gar kein Hilf? Ist's unsere letzte Stund?
Oh, meine liebn Leut . . .

Verstümmelt und ganz tot,
Ach, der Mütter Herz! –
Das Blut in Strömen fließt,
Ach, den bangen Schmerz!
Doch, Viktoria! Karl schlug ihn aufs Haupt,
Den Bonaparte, der sich gern die Welt geraubt.
Oh, meine liebn Leut,
Gedenkt derselbign Zeit,
Wo man so viel getan
Für unser Vaterland,
Für unser liebes, teueres
Heimatland.«

Wie dieses Lied, bald verebbend bis zur völligen Lautlosigkeit, und wieder anschwellend, so stark, daß die Decke der Wirtsstube erzitterte, geendet, gab es keinen Beifall. Alle fühlten, daß sie mit ihrem Geklatsche die heilige Stille unterbrochen hätten, die 177 während und auch noch nach dem Verstummen des Gesangs den Raum beherrschte. Heilige Stille! wie man eine Stille wohl nennen kann, wo die Menschenseele, bis ins Innerste erschüttert, dem Geheimnis der Ewigkeit ins Auge zu schauen vermeint. In jedem dieser Reime lag soviel Angst und Qual und Triumph, daß bei jeder Strophe ein fühlbarer Schauer durch die Stube ging. Wenn die Mannsstimmen sangen: »Ist denn gar kein Hilf?« und die Mena, wie ein weinendes Echo, übersang: »Ist denn gar kein Hilf?« – und wiederum die tiefen Baßstimmen dröhnten: »Ach, wir gehn zu Grund!« und die weiblichen Stimmen, wie Engelschluchzen, nachsangen: »Ist's unsre letzte Stund?« war es, als ob über Länder und Berge der stimmlose Schrei der hunderttausend Krieger käme, die bei Aspern in den Schlachtentod gegangen waren.

In dieser Stille geschah etwas Seltsames: einer der turmartigen Nebelstecher senkte sich nieder, als wollte sein Träger ein Schläfchen tun, man hörte ein Brummen und Stöhnen, und endlich war kein Zweifel mehr: ein Gast weinte . . .

Die »schöne Bräuin« schritt zwischen den Tischen hin, um die Ursache der peinlichen Störung zu entdecken. Sie sah einen Greisenkopf auf dem Tisch liegen; die langen, weißen Haarsträhnen netzten sich in den Bierlachen, und hörte, wie es dumpf darunter schluchzte. Sie legte dem alten Manne die beringte Hand auf die Schulter und sagte: »Wo fehlt's denn, Ellenhuber?«

Der Alt-Ellenhuber hob den Kopf, und wie er die Frau Bräuin sah, wurde er plötzlich vor Scham rot wie ein Schulbub. »Frau Bräuin«, stotterte er, »nichts fehlt mir, gar nichts! Das Lied! – Wir waren nämlich unser drei Brüder, Anno achtzehnhundertneun, bei Aspern . . .« Er hob die Hand mit der Pfeife aus gelbem Nußholz und sang mit seiner brüchigen Greisenstimme: »Ach, wir gehn zugrund . . .« hoch hinauf und dann, mit einem Unterton von Schluchzen, noch einmal: »Ach, wir gehn zugrund . . .«, und jäh, ohne allen Übergang, in einem ruhigen erklärenden Ton, fügte er hinzu: »Ja, wir gehn freilich zugrund, aber es geht ums Ganze! Es geht ums ganze Volk! Es geht ums – Vaterland! – Nichts fehlt mir, Frau Bräuin, gar nichts. Nur so tu ich röhren: so viel schön ist das Leben! So viel schön!«

Die Bräuin lachte glockenhell wie ein junges Mädchen und wiederholte die Worte laut, zwei, dreimal; sie gingen von Tisch zu 178 Tisch, pflanzten sich durchs Extrazimmer bis in den Garten fort, mit stets neuem Gelächter. Aber es war kein Spottlachen; alle hatten sogleich den inneren Zusammenhang begriffen.

Die Mena versuchte die ganze Zeit über zu sehen, was eigentlich los war; aber sie konnte über die Köpfe hinweg nichts wahrnehmen, bis in ihrer Nähe jemand sagte: »Der Alt-Ellenhuber!« Ein Schreck fuhr ihr in die Glieder. – Vielleicht war er betrunken? Hatte einen Skandal gemacht? – Sie drängte sich zwischen den Gästen durch; man sagte ihr, der Ähnl sei bei der Bräuin; aber sie wagte es nicht, anzuklopfen. Plötzlich öffnete sich die Tür und was bot sich ihr für ein Anblick? – Die schöne Bräuin und der Ähnl saßen an einem Tischchen, hoben beide eben ein Glas mit Wein und stießen lachend an. Dann brach die Bräuin eine vollerblühte Nelke, steckte sie dem Ähnl ins Knopfloch, und er sagte: »Frau Bräuin, das werd ich mein Lebtag nicht vergessen.«

Nach diesem Zwischenfall drehte sich die Rede allgemein um die Sänger. Der Bräu setzte sich sogar für eine Minute an ihren Tisch. »Von Ellenhub? Brav, brav! Vater und Mutter tüchtige Leut! Um solche ist schade. Und der Hies ist auch da? – Tust fleißig reimen?« Zuletzt, schon im Abgehen, noch eine kurze Frage an den Schindertoni: »Gehst noch immer fleißig Wild stehlen in mein Revier?« Was an den Tischen ein Gelächter auslöste. Auch die Frau Bräuin kam. Sie trug auf einer silbernen Platte einen Zinnkrug mit einem Kranz Gläser und schenkte den Sängern eigenhändig ein. Die Mena wurde besonders gelobt und so überschwenglich, daß sie sich fast schämte. Alle wollten sie an ihrem Tisch haben. Um diese Zeit war es auch, daß ein weißbärtiger, bebrillter Herr, den die städtischen Gäste »Herr Archivar« riefen, an den Tisch der Singer trat und sich die Erlaubnis ausbat, etwas Platz nehmen zu dürfen. »Wo habt ihr«, fragte er, »diese Lieder her?«

Alle deuteten auf Schiering.

Der Archivar ersuchte um das Buch mit den hölzernen Deckeln und blätterte darin.

Inzwischen war es den Gästen wiederum zum Bewußtsein gekommen, daß man hier war, um fröhlich zu sein. Man fing also an, zuerst schüchtern, dann kecker, Vierzeiler zu singen. Dabei wurde alles willig anerkannt, ausgenommen solche mit persönlichen Verunglimpfungen, dann kotzengrobe, da war ja kein Reim nötig, 179 da schlug man lieber gleich dem Gegner eins ins Gesicht; endlich das Sauglockengeläute, welches den meisten mißfiel. Im übrigen wurden alle in der Gemeinde durch die Hechel gezogen, auch der Pfarrer, der Vorstand und der Bräu. Auch bei diesem Teil stellte die Mena ihren Mann. Neben denen, die sie von Haus aus kannte, und das waren nicht wenige, hatte sie sich noch einige Dutzend zurechtbiegen lassen. Sie waren bunt und lustig, spitzig und witzig, fein und grob, gesalzen und gepfeffert, was an dem jedesmaligen Gelächter deutlich zu ersehen war. Sie wurde so für eine halbe Stunde jemand, wenigstens für die Bräustube; und dieser Triumph machte sie viel schöner, als sie wirklich war.

Der Staatsschuldenmann mochte vielleicht recht haben, als er sich vor sie hinpflanzte und ausrief: »Wer je auf der Welt eine hübschere Kleindirn gesehen hat als die Mena von Ellenhub, der soll herkommen und es sagen!« 180

 


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