Josef Wenter
Laikan
Josef Wenter

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Kleinodien

Lange kennt Laikan die durchsichtigen und bunten Leute, die einzeln oder in Trüpplein oder auch in großen Scharen durch die oberen Regionen des Meeres ziehen.

Als er vor vielen Jahren zum erstenmal ins Meer kam, hielt er die weichen, hingaukelnden Leiber für fette Schnecken, wie sie im süßen Wasser gerne am Spiegel 298 hinturnen. Und er biß zu. Da kam er schlecht weg. Diese schönen Seelen lieben ihr Leben so leidenschaftlich wie alle Seelen des Stroms und des Meeres. Und sie verteidigen es leidenschaftlich. Die feinen Wimpel der hinrudernden, meergrünen Qualle schlug sie dem kleinen Räuber so um sein Nestgesicht, daß der junge Lachs, der ja keine Augenlider hat und sein graues Funkelauge vor nichts bewahren kann, geblendet und in großem Schmerz vor der sengenden und brennenden Umschlingung rückwärts und abwärts strebte. Aber so schnell ließ die Zornige und auch Verwundete nicht los, und Laikan fuhr im Zickzack rasend herum, schleuderte mit allen Rudern, beutelte endlich die Qualle von seinem Gesicht und hatte Glück gehabt, daß er das Herschießen einer großen Makrele noch rechtzeitig gewahrte. Die hätte ihn samt der Qualle verschluckt.

Seither ließ Laikan dieses schöne und tückische, sanftmütig hinwallende und in allen Farben der Welt und des Himmels schimmernde Geschlecht in Ruhe und wich ihnen aus.

»Die schöne Qualle«

Sie leben ein schwereloses Dasein, diese zarten, morgenrötlichen und abendvioletten, diese gelb und grün schimmernden und wie die sommerliche See erblauenden schönschönen Gedanken Gottes. Ja, wie leichthin über eine liebreiche Seele schattende Wünsche und sanft sich verdichtende – oh, dichtende! – Gedanken ziehen sie hin durch die sonnenbeglänzte Weite des Meeres und sinken hinab, wenn es unfreundlich wird und kalt.

Leichter als ihre Welt, sind sie wie köstliche, farbige Kleinodien, herrlich verstreut über deren ungeheure 299 Wölbung, und steigen, wenn sie nicht atmen, Träumen gleich auf. Schwerer einige, sinken sie mühelos, falls es ihnen gefällt, die schönen Atemzüge, die sie mit dem ganzen, sehnsüchtig hingebogenen Leib tun, zu unterlassen. Sanfte und laue Winde schrecken sie nicht, und 300 mit der dünnen Dünung wallen sie leichthin ins Ungewisse. Der Flut sich vertrauend, geraten sie dann oft auf flachen Sand. Und wenn ihr Element sie verläßt, sterben sie im Augenblick. In wenigen Minuten haben Sonne und Mond die Gestrandeten aufgesogen, und kein Schein ist mehr von ihnen da. So leicht leben und sterben diese Schönen, Ruhigen, deren sanftes Hinwallen wie stummer Lobgesang ist:

Wir wallen, wir wallen
Leichthin im Licht.
Wir steigen und fallen
Als ohne Gewicht.

Wir atmen und dehnen
Die Leiber, und schön
Ziehn wir wie Sehnen,
Und ziehn wie Vergehn.

Wir wölben wie Bogen
Siebenfarbenen Lichts
Durch Stillen und Wogen,
Und sind wie aus nichts.

Wir wallen mit Wellen,
Wir sterben im Wallen,
Wir tauchen und quellen:
Wir schaukelnden, gaukelnden,
Flüchtigen, nichtigen,
Schimmernden, schönschönen Quallen. 301

 


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