Josef Wenter
Laikan
Josef Wenter

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Das große Erlebnis

Jetzt, nach diesem unerhörten Erlebnis, das Laikan das kühnste seines Lebens dünkt, weil es vollkommen unausweichlich und etwas ganz anderes war als die Abenteuer, die ihm vom Menschen, von räuberischen Fischleuten, von Vogelleuten oder Haarkerlen quer durch das Leben gelegt wurden; weil es ohne Unterschied alle Verwandten seiner Sippe angeht und also mit dem Leben und seinem Gesetz gesetzt ist; und weil er trotzig und unentwegt gehorcht hat: jetzt kommt er sich viel näher zu Mutter Lachs gehörig vor, und er ist ganz sicher, daß auch er alt und weise werden wird.

Eins aber kommt ihm deutlich vor die Seele: sein Strom ist hier nicht. O keineswegs! Im Donner dieser 226 hinstürmenden, hinabstürzenden Welt erinnert er sich plötzlich genau an den großen Sturz, den er im heimatlichen Strom getan hat. Und er weiß gut, daß, bevor die Strömung mächtig zu ziehen begann, die Ufer viel, viel weiter auseinanderlagen als hier, wo man mit einem sehr kräftigen Stoß bis in die Mitte kam und mit einem zweiten schon am jenseitigen Rand landete. Oh, er weiß, wie er damals mit den Verwandten tagelang vor dem Rheinfall im Fluß querte, und wie vieler Stöße es bedurfte, um das andere Ufer zu erreichen. Und gut weiß er, wie er nach einem sanfteren Ausweg suchte, um dem Unausweichlichen vielleicht doch auszuweichen.

In diesen hohen Regionen des Flusses werden die Nestmulden größerer Lachse häufig, und die Uferseichten und tieferen Kiesbänke herbergen noch Hochzeiter. Weil aber Laikan sich in der Fremde fühlt und das große Lebensfest nach uraltem Gesetz und Herkommen nur im Geburtsstrom gefeiert werden soll; und weil schon tiefe, nasse Wolken hertreiben, die den Herbstregen vorangehen: so ist der Nachzügler nicht mehr zu Leidenschaft und Hochzeit gestimmt. Vielleicht hat er sich überhaupt über sein Herz getäuscht und war alles nur Stolz und Lebensfreude, was er, angeweht von den Liebesfeiern der Sippe, für Liebesleidenschaft in seiner Seele genommen hat. Vielleicht! Man weiß nie, was mit einem gewollt wird, was einem das Herz plötzlich vor die Sinne bringt, daß es dann eine ganz andere Ansicht bekommt. Aber er stemmt sich bergwärts. Er wird nicht umkehren, bis er die höchste Region erreicht hat, wo er in seiner Erinnerung einmal in der Nestmulde gedöst hat, wenn auch 227 im anderen Strom, der, oh, wie weit ist! Bis ihn die Landschaft oder der Ruf des Meeres umkehren heißen, wird er zu Berge fahren.

Seine schönen Flossen sind zerfranst, und die Strahlen sind stumpf geworden. Das graue Ruder ist nicht mehr so fein geformt. Viel hat er sich stemmen müssen gegen Fels und harten Kies. Davon ist es flacher geworden, aber es hat an Kraft und Zähigkeit zugenommen, und seine grauen Augen haben festeren und blitzenderen Blick. Lange ist der grüne Schimmer des Meertangs aus seiner silbernen Rüstung gewichen, und er trägt wieder das heimatliche Wams. Aber eine besondere Hochzeitsschabracke hat er sich nicht angetan. Warum, weiß er nicht und bestaunt die älteren Verwandten, die ihm im Feststaat begegnen. Von den Alten, die einherkommen, hochgeschmückt wie einmal Mutter Lachs, nimmt er es nicht ab für sich. Bei ihnen gehört es sich so.

Oh, viele Mütter begegnen ihm. Sie sind müde und schauen ihn nicht an, wenn sie, die weisen Gesichter gegen die Strömung gerichtet und mit den gewaltigen Rudern die Schwimmfurche ziehend, sicher und ruhig jedem Stein ausweichend, talwärts fließen. Scheu weicht ihnen der junge Lachs aus, und als geharnischte Männer einhertreiben, verbirgt er sich in tiefen Tümpeln. Er weiß gut, daß die nicht jagen. Aber die gewaltig einherziehenden Geschlechter, die Reihe so vieler Ahnen beklemmen seinen Lebensmut, wie sie ihn mit Stolz erfüllen.

Unterhalb der Seichte verhält Laikan und erlebt hier den schrecklichen Kampf zweier Lachsmänner um eine Lachsfrau. Einen Sprung höher im Bach verhält die 228 majestätische Frau und höhlt, unberührt von Blut und Tod hinter sich, mit dem großen Ruder die Nestmulde aus. Der junge Lachs hat in Meer und Strom den Kampf um Leben und Geschlecht, um Pirschrecht und Fraß oftmals gesehen und weiß, daß das so sein muß; denn er macht es nicht anders. Aber als er jetzt die Männer der eigenen Sippe im Kampf sieht und oh, in welch gischtenderem und lärmenderem als je im Meere, wo es dann nur lautlose Strudel und träg bewegtes Wasser gab; als er die blitzenden Harnische bluten sieht und die wunde Witterung zu ihm kommt, da zittern ihm Seele und Leib anders als bei Schrecknissen, die im Meere und auch im Strom sonst sich begaben. Ihm ist, als müsse er jetzt mit einem riesigen Sprung den Unterliegenden zu Tode beißen. Dann ist Zorn über den Obsiegenden in ihm, und er glaubt, daß er ihm die Fettflosse ausreißen wird. Blutige Strudel blenden ihm das Gesicht. Witterung vom Blut seines Geschlechts stürzt ihn in große Verwirrung. Vielleicht wird er gleich gefressen! Vielleicht packt er selber zu, um zu fressen! Dann gewahrt er die Lachsin, und sein Herz springt plötzlich um.

Schneller als ein Pfeil schießt Laikan durch die blutigen Wirbel und landet neben der hochzeitlichen Frau, die ihn lange gesehen hat. Weil kein Größerer und schöner Gewandeter da ist, läßt sie sich die herrischen und wieder schüchternen, die atemlosen und zutäppischen Liebkosungen des jungen Ritters und seiner ersten Liebe gefallen.

»Fort jetzt! Sonst wirst du sterben müssen! Es wäre vielleicht schade um dich!«

Fort? Jetzt? O keineswegs! Laikan stemmt Flossen 229 und Ruder und starrt die große Frau an und ist überwältigt von sich und von allem Erlebten. An Mutter Lachs muß er sich erinnern und weiß nicht genau, ob sie es ist oder ob es eine andere ist. Er gewahrt die große Säge. Vielleicht wird er hineinstürzen! Seine Kiemen stehen gefächert, und der Herzschlag tobt rot in ihnen. In sausendem Bogen umfährt er die Hochatmende und gleitet, dicht an ihre Seite sich schmiegend, aufwärts.

»Hochauf schnellt er . . .«

Da rauscht es hinter ihm, und eine gewaltige Furche 230 zischt. Einen schrecklichen Stoß bekommt der junge Nebenbuhler in die Flanke, daß er meint, sein Leib zerbricht. Hochauf schnellt er von der Gewalt des Stoßes und von der eigenen Kraft, und tut in der Luft einen mächtigen Ruderschlag. Der fördert ihn so weit zur Seite, daß er außer dem Bereich des riesigen Kämpen ins Wasser klatscht. Das ist sein Glück. Sonst triebe er ebenso zerfetzt und blutend bachabwärts wie der Abgeschlagene, der jetzt den großen Sturz hinabprescht und in den Strudeln am Grund der Stromschnelle wartenden Räubern vor die Sägen kommt.

 


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