Josef Wenter
Laikan
Josef Wenter

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Irrender Liebhaber

Als Laikan nach kurzer, stürmischer Flucht durchs Oberwasser beidreht, gewahrt er die Forelle nicht mehr. Sie verfolgt ihn nicht. Zwar hätte er sich gestellt und hätte keinen Flankenstoß bekommen. Das weiß er gewiß. Dazu ist er zu behend und hat im Meere sich eine zu große Kraft erworben. Halb ist er zornig, daß er überrumpelt wurde, und auch kennt er sich nicht aus. Was wollte dieser Fischgreis von ihm? Er ist viel zu groß, um am Schwanz gepackt zu werden. In der Sonne ist er auch nicht gestanden. Es gibt keine Sonne dort unten. Futterneid? Ach was! Da war erstlich nichts Eßbares in der Nähe, und dann: so viel weiß die Altforelle wahrscheinlich nach so vielen Schneeschmelzen, daß ein wandernder Ritter kaum futtert. Aber er weiß es von sich, daß man plötzlich in Zorn verfällt, ohne Grund, einfach weil man lebt und behend ist, und andere da sind, die auch leben und behend sind.

(O großer, kleiner Lachs! Wenn du grüne Algen auf der Schabracke trägst, die nicht mehr fortgehen, weil dein Leben nicht mehr bis zum äußersten Rand deines Leibes lebendig genug ist, und also die grünen Algen dort mehr Leben haben als du; und wenn dann ein vorwitziger 260 Jungkerl, wie du heut noch bist, sich vor dir aufstellt und dir seine Jugend zum besten gibt: dann wirst du ihn vielleicht auch überrennen. Warum du das tust, wirst du nicht wissen, und wahrscheinlich wirst du es gar nicht wissen wollen, weil du einen großen Zorn auf dich selber kriegtest, den du doch nicht auslassen kannst. Und wenn du den Vorwitzigen dann vertrieben hast, wirst du schwermütiger sein als eh und je.)

Lange hat Laikan den See verlassen und ist aufwärts gezogen. Aus dem Fluß wird allmählich ein Bach, und in seiner trotzigen und rücksichtslosen Art ist er jetzt dem jungen Rhein ähnlich. Nirgends aber gewahrt der Lachs Frauen. Äschen und Renken sind da, und ziehen gleich ihm bachaufwärts.

Ihre tiefen und dunkeln und lautlosen Gründe in den benachbarten und im eben durchwanderten Gebirgssee haben sie bald nach der Schneeschmelze verlassen, und jetzt zu Anfang des Herbstes sind sie an ihre Laichplätze gelangt.

Da und dort sind unter den Uferrändern Nestmulden mit dünnem Sand bedeckt. Die Hochzeiter sind ältere Leute gewesen, und Laikan begegnete ihnen, wie sie langsam seewärts glitten.

Dann, wirklich, kommen ein paar Frauen seiner Sippe hergeflossen. Sie sind klein und starren fast erschrocken auf den bergwärts fahrenden Ritter. Er schnellt auf sie zu. Sie drehen sofort bei und flitzen, den Kopf vorwärts gewendet, schattenhaft bachabwärts. Es hat keinen Sinn, Liebe zu heischen von Herzen, die müde sind der Liebe; und das hat Laikan ihren Gesichtern und ihren feinen 261 schlanken Leibern angesehen. Verlangender und ungestümer zieht der späte und irrende Hochzeiter seinen Weg aufwärts.

Öfter geht sein funkelndes Auge jetzt über die kleineren und zierlicheren Gestalten ihm begegnender Renkenfrauen. Der Zwiespalt der Gefühle macht ihn unsicher. Er verfolgt eine aufziehende graue Frau, deren schlankes Wesen ihm besonders gefällt, obwohl es anders ist als an den Frauen seiner Sippe. Daß ihm dieses Anderssein gefällt, macht Laikan unsicher, und weil er drei Renkenmänner hinter der Frau herziehen sieht und ihm sein Gesetz deutlich sagt, daß die rechte Wege gehen, er aber wahrscheinlich hier gar kein Recht hat, so verhält er wieder, schleudert sich dann vorwärts, fließt ein wenig zurück und gerät in immer größere Unrast.

Kleinere Renkenfrauen kommen abwärts, und als der Lachs jetzt aufmerksam die schmalen Gesichter mit den kleinen Sägen – oh, viel kleiner und sanfter als sie in seiner Sippe üblich sind! – anschaut, da geht es ihm plötzlich wie der Altforelle im See unten. Mit einem gewaltigen Stoß fährt er in das herfließende Trüpplein müder Hochzeiterinnen und überrennt ein paar der seltsamen, tagscheuen Frauen. Die stürmen entsetzt abwärts. Das haben sie von dem großen Verwandten nicht erwartet. Aber der Schrecken ist gleich vorbei. Sie sind kluge Frauen und wissen gut, welche Not den Lachs zu diesem verrückten Vorstoß und zwecklosen Einbruch gezwungen hat. Sie sind nicht so weise wie die greise Altforelle; aber das wissen sie gleich: daß dieser Stoß gar nicht ihnen gegolten hat, sondern einer Lachsfrau und 262 zugleich einem Lachsmann und zugleich dem Ritter selber und überhaupt dem Leben.

Unwirsch fährt Laikan seine Straße aufwärts. Hinter einer kleinen Schnelle, die er schimmernd und in viel höherem Bogen, als es notwendig gewesen wäre, überspringt, landet er in einem ruhiger ziehenden Schwall, an dessen Rändern weißsandige Seichten liegen. Und da gewahrt der Lachs die Renkenfrau von vorhin und sieht sie beschäftigt, ihre Nestmulde auszuhöhlen. Er kennt diese schöne Frauenarbeit nun seit vielen Laichzeiten her, und immer wieder raubt sie ihm den gleichmäßigen Atem.

Es ist eine mütterliche Anmut, mit der diese silbergraue zierliche Frau sorglich und sehr geschickt ihre Kinderstube herrichtet. Eine Weile ist sie die lange Seichte hin und her, quer und lang gefahren, als ob sie sie ausmessen wollte. Dann hat sie die Schwimmblase ein wenig ausgepumpt und ist auf Grund gegangen und hat sich auf den weißen Kies gelegt, so, als versuchte sie die Härte des Bodens. Er scheint ihr gefallen zu haben, denn sie hebt sich gleich wieder auf und rudert jetzt mit den feinen Brustflossen langsam gegen die Strömung. Ihr schönes graues Ruder strudelt kräftig im lockeren Sand, und da gibt es eine kleine Furche. Jetzt dreht sie bei und wiederholt das Geschäft, und es sieht aus, als liebkose sie ihre Kinderstube. Das freundliche Wasser trägt aufwölkenden Schlamm und alles Leichte hinweg, und im klaren Spiegel steht nun eine deutliche, längliche Grube. Aber das genügt der Hochzeiterin nicht. Wieder geht sie auf Grund und legt sich fast in die Mulde. Oh, viel zu seicht noch! 263 Da glitten die Kinder samt den Dottersäcken über den Rand! Heftiger gebraucht sie das Ruder, dichter wölkt es um sie her, und wenn es klar wird, steht sie am oberen Ende der Mulde und mißt scharfäugig ihre Zurichtung.

Der älteste der Renkenmänner steht um seine Leibeslänge vor den zwei jüngeren, und alle drei sind gezückte Schwerter, starr und funkelnd. Mit jeder Kehre der zierlichen Frau vorne werden sie sprungbereiter, und das graue Ruder zuckt nervös; es muß schleudern können und muß zugleich zurückhalten. Groß ist die Spannung.

Laikan verhält weiter zurück. Die drei gewahren ihn nicht. Nichts würden sie gewahren. Auch den Tod nicht. Der Lachs weiß, daß er mit einem Sprung, mit einer einzigen Flucht, durch die drei preschen und gischtend und aufschimmernd bei der hochzeitlichen Frau anlangen wird. Oh, daran zweifelt Laikan keinen Augenblick. Fremdheit aber hält ihn gefangen. Sie ist seiner Art. Sie ist keine Karpfenfrau, keine Hechtfrau, keine von den behäbigen Meerfrauen, wie sie die Makrelen und Barben, die Lippfische und Schellfische, die Brassen oder gar die Schollen sind. Nie hätte ihn angesichts so fremdfremder Geschlechter Hochzeitslust übermannt. Nein, sie ist mit ihm nah verwandt, diese zierliche und doch seltsame, fremde Frau.

Jetzt ist sie mit der Zurichtung fertig. Reinlich und geräumig mit sanft geböschten Rändern liegt die Nestmulde in der weißen Seichte. Die Hochzeiterin kauert über ihr und ruht aus. Ihre hellen Augen funkeln durchs Wasser und gewahren die Männer. Bisher hat sie sich keinen Deut gekümmert um die Trabanten. Auf Reise 264 rasten hat sie gesehen, daß einige ihr folgen. Mögen sie! Sie hat Zeit! Jetzt, da sie Ausschau hält, freut sie sich, daß sie da sind. Auch den Lachs gewahrt sie und ist über seine verhaltene Nähe furchtsam erstaunt. Der große und fremde Mann ängstigt sie. Sie hat stets nur zu den Männern der eigensten Sippe gehalten, mit denen sie in der dunklen Tiefe des Sees zusammenlebt. Vielleicht wird er nichts von ihr wollen? Vielleicht wartet er auf eine eigene Frau? O vielleicht!

Sie hebt sich auf, und in großer Anmut wird sie von ihrer Leidenschaft geschaukelt, und wiederholt in ihrem Liebestaumel die ewige Anmut der wellenden und quellenden Welle. O Gleichnis! –

Da prescht der Renken vorwärts und landet schlank und lanzenschnell neben der schaukelnden Frau. Aber dann ist plötzlich ein wilder Strudel und weißer Gischt über der Mulde. Sand und Schlamm wölken dicht, und die sorglichen Ränder sind fast zerstört.

So heftig ist der Lachs unter die Hochzeiter gefahren, daß der Renken in hohem Bogen sich emporschleuderte und aufs Ufer geriet. Jetzt schnellt er sich ins Wasser zurück und stürmt aufwärts. Die jüngeren Nebenbuhler sind schattengleich verschwunden. Laikan umkreist die zierliche Frau, die sich den fremden und schönen und gewalttätigen Liebhaber staunend und doch wohl gefallen läßt.

 


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