Josef Wenter
Laikan
Josef Wenter

 << zurück weiter >> 

Föhn

Dann ist auf einmal das Eis nicht mehr da. Es hat unruhige Tage und Nächte gegeben, die dem kleinen Geschlecht in der Nestmulde viele Schrecken bereiteten.

Es fing damit an, daß das Wasser unsichtig wurde. Bisweilen hatten sie jeden Kiesel in der blitzenden Sonne, die durch das Eis noch strahlender schien, gesehen. Sie wußten recht gut, unter welchem Steinchen ein kleiner Wurm zum Vorschein gekommen war, und behielten es stets im Auge.

Sie hatten sich die sandigen Stellen gemerkt, über welche die Wasserflöhe und Bachasseln krochen. Der Fichtenzweig, der eingefroren, ein Büschel schwarzer Nadeln ins Wasser reckte, war ihnen besonders merkwürdig, denn auf ihm krabbelten zuzeiten winzige Geschöpfe, und es war vergnüglich, diese abzulesen.

Mit dem allem hat es jetzt eine eigne Bewandtnis. Ein paar Tage ist es düster gewesen in der Nestmulde. Die Sonne ist nicht gekommen. Aber auf dem Eisdach hat es einen eigentümlichen Lärm gegeben, der nicht aufhören wollte. Das war der erste Regen, den die kleinen Lachse erlebten. Sie kauerten und horchten, und als es nicht aufhörte, gewöhnten sie sich daran.

Dann wird es mit dem Kauern auf einmal schwierig. Das Wasser ist unfreundlich. Störrisch kommt es daher und macht sich ungestüm Platz. Das ist neu. Man atmet schwerer; die Luft im Wasser ist wahrscheinlich dicker geworden. Aber man bekommt alles mögliche Eßbare ins offene Maul geschwemmt, und das ist gut. Man braucht 17 mehr Kraft, man strengt sich an, zu wachsen, denn die Welt wird rücksichtsloser.

Die schwächlicheren Lachskinder schlüpfen unter den Uferrand und schauen aus großen, erschreckten Augen ins trübe Gewelle. Alle haben Mühe, sich in der Nestmulde zu halten. Sie arbeiten mit allen Flossen und hüten sich vor der Strömung. Sie kennen ihre Welt nicht mehr.

Aber der trotzige Bursch, der schon tagelang Schwimmübungen gemacht hat, nimmt den Kampf auf. Vorsichtig läßt er sich an den Rand der Nestgrube treiben; dort angelangt, dreht er bei; denn das hat er gleich gefühlt: Kopf voraus, sonst ist man Treibgut! Pfeilschnell schießt er in die Mitte der Mulde vor, wo die Strömung am stärksten ist. Dort hält er an, kämpft verbissen und trotzig, atmet schwer und gibt nicht nach, bläht die Kiemen und schluckt fette Bissen, hat die Schwimmblase prallvoll, daß er zu schweben meint, und bohrt die grauen, funkelnden Augen ins gelbe Wasser, ist geschwellt von Stolz und voll triumphierenden Lebens. Im Rauschen der Wellen, im Trommeln des Föhnregens jauchzt sein Herz: Ich bin da! Ich bin da!

Dann geschieht Gewaltiges. Eine lehmige Welle überrennt die Nestmulde. Sie hat spitze und schwere Eisbrocken angeschwemmt und einen überqueren Ast. Eine zweite rollt heran; alles staut sich einen Augenblick am Eisdach über der Mulde. Aber in diesen Tagen hat das Wasser keine Geduld.

Föhnzeit ist! Brausezeit! Rauschezeit!

Noch eine Welle und noch eine. Die greifen unter das Dach, brechen es aus; der quere Ast stemmt sich in 18 den Uferrand, es kracht und birst; hochauf schnellt der Ast und stürzt den Wellen nach, reißt die Scholle mit sich; Föhnsturm schlägt in gelben Gischt, sprüht ihn umher; schwerer Regen klatscht auf den befreiten Bach, den der Aufenthalt rasend gemacht hat.

Die Nestgrube ist nicht mehr da. Versprengt, zerstoben ist das kleine Geschlecht. Den verwegenen Burschen hat es fortgewirbelt. Der aufbäumende Ast hat ihm einen Schlag auf den Rücken versetzt, daß er auf Grund ging. Dort stieß ihn eine herstürzende Eisscholle über den Muldenrand, und dann war kein Halten mehr. Kopfunter treibt er hin und weiß von nichts. Über Felsplatten stürzt er in Tümpel, wird in tollem Strudel gedreht, prescht an Gestein, wird mit Lehm und Gischt ans Ufer geschleudert, vom prasselnden Regen hinabgeschwemmt über harten Firn, gerät unter einen überhängenden Stein in eine Untiefe, wo das Wasser hohl gurgelt, und ist mehr tot als lebendig. Hier sinkt er, sinkt, bis er auf moosigem Fels ruht. Über ihn her toben die Wildwasser gelb und grimmig.

Der Hunger bringt ihn wieder zu sich. Er braucht nur das kleine Maul offen zu halten, dann wird er satt. Sehen kann er ohnehin nicht, denn es ist tiefe Nacht. Wahrscheinlich hat er auch die Augen voll Sand. Er atmet und schluckt, und die Schwimmblase preßt er aus, um nur ja nicht Grund zu verlieren. Dann döst er und hört in der gurgelnden Tiefe nichts von dem Toben des gelben Wassers, nicht das Heulen des Sturmes über ächzendem Wald und aufsprühendem Gischt. Brechendes Eis stürzt her, große Steine donnern vorbei. Nebel, 19 zerfetzt und schmutzig, sind im rauschenden Regen flüchtig. Der kleine Lachs döst.

Dann ist das Wasser eines Tages sichtig geworden; er ist aufgewacht und hat sich umgeschaut. Oh, das Geschick ist ihm gnädig gewesen, er ist unter freundlichem Gestirn geboren! Diesen Tümpel kann man sich gefallen lassen! Er ist grün und tief, und jetzt ist auch seine Oberfläche sanft. Die Wände sind mit weichem Moos behangen, das in der Strömung freundlich fächelt und es einem leicht macht, die darauf krabbelnden Larven abzufischen. Das Wasser macht behaglich eine Runde und fließt durch einen breiten Spalt davon, ohne viel Wesens zu machen. Durch diesen Spalt könnte das Bürschchen in die Welt rudern. Das tut er aber beileibe nicht.

Wann durch den Spalt die goldenen und farbigen Blitze, die er aus der Nestmulde kennt, in seine grüne und stille Welt schießen, dann pumpt er die Schwimmblase ein wenig auf und steigt in den Glanz der schiefen Sonne empor, die feine Haut silbern und schön macht.

 


 << zurück weiter >>